Bücher mit dem Tag "belgien"
102 Bücher
- Robert Menasse
Die Hauptstadt
(169)Aktuelle Rezension von: Eva_ReichmannVorweg: ich lese gern Menasse. Aber dieses Buch ist angenehm anders als die Menasse-Romane davor.
Eine Kommission der EU benötigt ein besseres Image - und natürlich geht es um die EU. Aber es geht noch um so Vieles mehr (Geschichte aus Europa - um es abzukürzen). Das wirklich großartige an dem Buch aber ist, dass es weder um politische Thesen noch Geschichtsbelehrung geht - sondern um die Geschichten der beteiligten Personen (die halt wegen Beruf oder persönlicher Beziehungen mit der EU-Kommission zu tun haben).
Gut gefallen hat mir die Idee, eine europäische Hauptstadt in Auschwitz einzurichten.
Als Menasse das Buch 2017 veröffentlichte, war es noch möglich von der "Langeweile des Friedens" als Glück und Segen zu sprechen - hätten mehr Politiker das Buch gelesen und ernst genommen, hätten wir diesen zustand heute noch.
- Lize Spit
Und es schmilzt
(266)Aktuelle Rezension von: fitreadDa ich keine Triggerwarnungen im Buch finden konnte, nennen wir die schlimmsten Themen, die Kernthemen des Romans, doch mal beim Namen: Es geht um (sexuellen) Missbrauch bzw. Übergriffe und um Suizid. Wer damit keine Probleme hat, findet eine sehr ausgeklügelt konstruierte Handlung mit unterschiedlichen Strängen vor, die schlussendlich ineinander fußen. In seiner Düsternis ist dieser Roman ein Meisterwerk. Ich glaube, man kann die Details des Dorflebens, der Umgebung, der Verhaltensweisen der Menschen nur so genau beschreiben, wenn man selbst Teil davon gewesen ist. Und das beängstigt mich, so sehr geht mir das Buch unter die Haut. Zugleich bin ich angeekelt, fasziniert, erschüttert. Es wird mich noch ein paar Tage lang nachdenklich zurücklassen.
- Josie Silver
Ein Tag im Dezember
(266)Aktuelle Rezension von: franzi__Franzi_Ach, wie traurig bin ich, dass dieses wunderbare Buch zu Ende ist. Nach dem intensiven Psychothriller, den ich zuvor gelesen habe, brauchte ich dringend eine gemütliche Wintergeschichte – und genau das habe ich in diesem Buch gefunden.
Jack und Laurie begegnen sich an einem eisigen Dezembertag, und in diesem Moment scheint es, als wäre es die Liebe auf den ersten Blick. Doch das Schicksal spielt nicht mit, und sie verpassen den richtigen Augenblick um Haaresbreite. Erst ein Jahr später sehen sie sich wieder, doch inzwischen ist Jack in einer Beziehung mit Sarah, Lauries bester Freundin. Ihre Liebe scheint unerreichbar, und was bleibt, ist eine Freundschaft, die sich über Jahre entwickelt. Diese Verbindung wird zu einem Anker, der ihnen durch die Turbulenzen ihres Lebens hilft, während sie einander Geheimnisse und Träume anvertrauen. Doch trotz dieser engen Freundschaft bleiben die tiefen Gefühle füreinander stets im Hintergrund präsent, nie ganz vergessen.
Die Erzählung dreht sich um zwei Menschen, die Schwierigkeiten haben, einander wirklich zu finden und sich aufeinander einzulassen. Jack und Laurie sind zwei Charaktere, die mir ans Herz gewachsen sind und die ich nicht so schnell loslassen werde. Zu keiner Zeit im Buch fühlte ich mich von ihnen entfernt oder verloren in der Handlung. Im Gegenteil: Jede Sekunde fieberte ich mit ihnen mit, erlebte Höhenflüge und tiefe Täler an ihrer Seite.
Der Schreibstil von Josie Silver hat mich durchweg begeistert. Besonders angenehm empfand ich die überschaubare Anzahl von Charakteren, die alle klar definiert und leicht nachvollziehbar waren. Diese Geschichte war für mich abwechslungsreich und bestach durch einen besonderen Charme, der mich bis zur letzten Seite gefesselt hat.
Ihr merkt, es war die perfekte Ergänzung zu meinem vorherigen Buch.
Eure franzelpanda
- Martin Sonneborn
Herr Sonneborn geht nach Brüssel
(43)Aktuelle Rezension von: BuecherbaerchenIn Vorbereitung an die anstehenden EU-Wahlen habe ich mir vorgenommen dieses und das nachfolgende Buch von Sonneborn zu lesen. Während man am Anfang oft kichern und schmunzeln muss, so schockiert ist man doch am Ende, wie der politische Alltag in Brüssel abläuft. Klüngelei, undemokratische Verhaltensweisen und Verachtung des Wählers werden hier humoristisch dargestellt, was auch bitter notwendig ist, um nicht vor Wut umzukippen.
- Kai Meyer
Die Bücher, der Junge und die Nacht
(242)Aktuelle Rezension von: rumble-beeDieses Buch hat mir nicht ganz so gut gefallen wie die "Bibliothek im Nebel" (damals ein Jahres-Highlight!). Aber es war immer noch ausgeprochen lesbar. Der Ton war ganz Kai Meyer, keine Frage. Irgendwie erschien mir die Auswahl der Themen ein wenig verquer: Nazi-Zeit, Okkultismus, nicht anerkannte oder unentdeckte Vaterschaften, unglückliche Liebe... allerdings war mir gar nicht bekannt, dass sich die Nazis tatsächlich mit Okkultismus befasst haben.
Gut recherchiert war das Buch sicherlich! Die Zeitgeschichte wurde sehr lebendig. Andererseits ähnelte es manchmal einer deutschen Version von "Die Neun Pforten".
Die guten Seiten: Die Freundschaft Jakob / Gregori hat mich köstlich amüsiert, die Dialoge waren teils herrlich komisch! Toll geschildert auch die Atmosphäre rund um Bücher, das Buchbinden, Leipzig, Antiquariate. Die Erzählstränge aus Vergangenheit und Gegenwart sind kunstvoll verflochten.
Bis zum Schluss blieb eine gewisse Spannung bezüglich einzelner Fragen übrig, zum Beispiel Julis Grab. Es wird auch nicht wirklich geklärt, ob Jakob Flügelschlag wirklich ein mystisches Wesen war.
Ich hatte insgesamt das Gefühl, hier lässt der Autor seine "literarischen Muskeln" spielen, um zu sehen, ob ihm die Themen rund um Leipzig überhaupt liegen. Die späteren Bände der Reihe finde ich besser.
- Anna Ruhe
Die Duftapotheke - Das Rätsel der schwarzen Blume
(123)Aktuelle Rezension von: NichmeinschuldDer zweite Band ist ebenso schön geschrieben wie der erste ❤️
Nach und nach entdeckt der Leser, gemeinsam mit Luzie, die Welt der Düfte und den dafür benötigten Zutaten. Luzie beweist sehr viel Talent.
Einige Rätsel auf band eins können nach und nach gelüftet werden.
Ich freue mich schon auf einen dufte Band drei🤓 - Christine Schmitt
The Long Way Home - Gefangene Herzen: Liebesroman
(16)Aktuelle Rezension von: Down-1994Zoe wird auf dem Nachhauseweg von einer Party entführt. Ihr Leben ändert sich ab diesem Zeitpunkt schlagartig. Die Entführer sind alle nicht viel älter als sie selbst. Zwischen Zoe und dem Anführer knistert es gewaltig, auch wenn Zoe seine herrschsüchtige Art nicht ausstehen kann.
Das Cover zieht einen sofort in seinen Bann. Ich muss allerdings gestehen, dass das Cover für die aufregende Liebesgeschichte ein bisschen langweilig gehalten wurde. Ich hätte nicht gedacht, dass die Liebesgeschichte mit den Thriller-Elementen mich so fesseln würde.
Ich konnte mich sofort in den Anführer Len und in Zoe hineinversetzen. Ich finde es schön, dass man auch viel von dem früheren Leben von Len erfahren hat, so wurde er einem total sympathisch und man konnte ihn nur bemitleiden für die Umstände in denen er aufgewachsen war.
Der Cliffhanger am Ende vom Buch hat mir jedoch gar nicht gefallen.
Vielen Dank das ich bei der Leserunde mitmachen und dieses tolle Buch lesen durfte.
Ich werde das Buch definitiv weiterempfehlen.
- Ken Follett
Sturz der Titanen
(116)Aktuelle Rezension von: Bianca_CimiottiEuropa spaltet sich. In den 12 Audio-CD geht es hauptsächlich um die Zeit des 1. Weltkrieges. Die Zeit davor und danach. Anfangs hatte ich meine Probleme alle auseinander zu halten. Es passiert aber auch so viel gefühlt gleichzeitig. In Russland, Deutschland, Frankreich und Amerika. Doch mit der Entwicklung der Geschichte fügt sich alles nach und nach. Manchmal habe ich den Kopf geschüttelt, manchmal gelacht.
Meist höre ich aber einfach nur faszinierend zu. Geschichte im Roman.
Sehr schön gelesen von Johannes Steck.
Bin gespannt wie es weiter geht.
Frauenrecht und Wahlrecht stehen an. Und leider auch die Zeit mit Hitler rückt in der Geschichte näher.
- Siddharth Kara
Blutrotes Kobalt. Der Kongo und die brutale Realität hinter unserem Konsum
(6)Aktuelle Rezension von: sbalunziaWas hat der Kongo mit Klaviertasten, Handys, Nagasaki, Ionen-Lithium-Batterien und der Industrialisierung zu tun? Was war dein erster Gedanke? Ich verrate es dir: die vielen Mineralien und Stoffe in den Böden des Kongo.
"Bitte sagen Sie den Menschen in ihrem Land, dass im Kongo jeden Tag ein Kind stirbt, damit sie mit ihren Smartphones ins Netz gehen können."
Als ich das Buch begonnen habe, war ich mir noch nicht so sicher, wie wohl die ganze Gliederung gestaltet worden ist. Ich stellte mir das ganze Thema als sehr komplex vor (was es auf jeden Fall auch ist). Der Autor schaffte es aber gut, mich als völlig Unwissende abzuholen und durch das ganze Thema zu begleiten. Die Kapitel reichten von der Entdeckung und Kolonialisierung von Kenia bis hin zu den verschiedenen Staatswechseln, weiter bis zum hier und jetzt. Es sind ausgewogene Berichte zwischen Recherchen, Augenzeugenberichten und Interviews mit verschiedenen Parteien des Bergbaus und Weiterverkaufs. Sehr spannend fand ich unter anderem das Interview mit einem Forscher der Universität Lubumbashi.
Firmen, welche Kobalt in ihren Geräten verarbeiten, äussern sich, nur Kobalt aus "sauberen" Quellen zu beziehen. Kara zeigt auf, dass dies genauso realistisch ist wie im See das Erkennen von Wasser aus verschiedenen Flüssen.
Eine Aussage ist mir besonders im Kopf geblieben und jagt mir immer wieder einen Schauer über den Rücken:
"Vielleicht können ein Mal Batterien ohne Kobalt auskommen und die gleiche Leistungsfähigkeit und Sicherheit halten. Dies wird das Elend der kongolesischen Bevölkerung nicht beenden. Der neue Rohstoff wird sehr wahrscheinlich auch in diesen Böden schlummern. Sein unbeschreiblicher Reichtum hat dem kongolesischen Volk nichts als unsägliches Leid gebracht."
Das einzige, was mir fehlte, war die Veranschaulichung. Z.B. eine Karte, damit man besser versteht, von welcher Miene gesprochen wird.
Es war kein einfaches Buch. Auch zu sagen: "Es hat Spass gemacht, es zu lesen" wäre falsch. Es war aber unglaublich bereichernd und meiner Meinung nach ein Muss für jeden, der ein Handy, eine Powerbank, ein E-Bike besitzt oder Batterien benutzt.
Für mehr Rezensionen: Instagram -> book_recommender_sbalunzia
- William Makepeace Thackeray
Jahrmarkt der Eitelkeit
(54)Aktuelle Rezension von: BuchgespenstRebekka und Amelia verlassen beide gleichzeitig das Pensionat, doch unterschiedlicher könnte ein Start ins Leben nicht sein: Amelia ist die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns und hat einen gutaussehenden, wohlhabenden Verlobten, den sie abgöttisch liebt. Ihr Weg scheint vorgezeichnet zu sein. Rebekka ist ein Waisenkind mit obskuren Eltern und besessen davon, sich in der Gesellschaft einen Platz zu erobern. Die Gesellschaft – ein Jahrmarkt der Eitelkeit – hat für beide Lebensträume nicht viel übrig. Wetterwendisch, unvorhersehbar und alles aber nicht fair ist er ein Tummelplatz für allerlei Abenteuer und Skurrilität. Amelia und Rebekka sind Teil von ihm und seinem Treiben, erleben Höhen und Tiefen und Taumeln.
Ein Klassiker, der sich lohnt! Der distanzierte Erzähler, der zwischen Humor, Understatement und bitterem Realismus schwankt vermittelt brillant ein Gesellschaftsbild des 19. Jahrhunderts. Was die gute Gesellschaft ausmacht, wie dünn der Grat zwischen Zugehörigkeit und Außenseiter ist und wie lächerlich doch viele Dinge sind, die wir im Leben erstreben – das und noch viel mehr erzählt die Geschichte.
Eine sehr unterhaltsame und vergnügliche Lektüre, die erst auf den letzten 100 Seiten etwas langatmig wird. Auch Szenen, die einen normalerweise zur Weißglut treiben würden sind durch die distanzierte Erzählweise sehr gut zu lesen.
Die dtv-Ausgabe beinhaltet zudem die Illustrationen des Autors. Sie verdeutlichen noch mal den Sarkasmus und Botschaft des Autors. Er lässt nicht ein böses Wort zu den Charakteren fallen, doch der boshafte, manchmal geradezu gehässige Zug, den die Bilder tragen, führen sehr plastisch vor Augen, was der Autor wirklich sagen will. Die Distanziertheit ist wie ein leichter Vorhang oder Schleier, den der Autor vor das bitterböse Spiel der Gesellschaft gezogen hat, um die schlimmsten Auswüchse dezent zu verhüllen. Er lässt aber immer wieder aufblitzen, wovon er wirklich spricht.
Fazit: eine brillante Gesellschaftskritik, ein Panorama des 19. Jahrhunderts! Kleine Anekdoten zur britischen Gesellschaft, historische Szenen wie die letzte Schlacht Napoleons, unterhalten den Leser und vermitteln gleichzeitig einen wunderbaren Eindruck von England im 19. Jahrhundert. Ein Klassiker, den ich jedem nur wärmstens empfehlen kann!
- Johanna Sebauer
Nincshof
(147)Aktuelle Rezension von: MarigoldIch wollte das Buch schon länger lesen und habe am Anfang ehrlich gesagt ein bisschen gebraucht, um reinzukommen. Der Schreibstil ist schon besonders und nicht ganz das, was man gewohnt ist. Aber irgendwann war ich drin und dann hat es mich doch mehr gepackt, als ich gedacht hätte. Die Geschichte ist eher ruhig erzählt, aber genau das macht sie irgendwie besonders. Und dieser trockene Humor, der immer mal wieder auftaucht, hat mir richtig gut gefallen.
Am Ende war ich wirklich überrascht, wie sehr mich das Buch abgeholt hat. Es ist nichts Lautes oder Spannendes im klassischen Sinn, sondern eher etwas, das sich langsam entwickelt und im Kopf bleibt. Für mich eine richtig schöne Lektüre, die ich gern gelesen habe.
- Helga Thoma
Ungeliebte Königin
(24)Aktuelle Rezension von: Susi180Land verschachert; nach persönlichem Glück wurde selten gefragt. Packend und historisch fundiert erzählt Helga Thoma von tragischen Schicksalen, aber auch von starken Frauen, die sich vom Leid nicht brechen ließen.
Die Autorin:
Helga Thoma, geboren 1958 in Klosterneuburg, studierte Romanistik und Germanistik in Wien. Nach mehrjähriger Tätigkeit in der Privatwirtschaft lebt sie seit 1994 als freie Autorin in Klosterneuburg. Von ihr erschienen »Madame, meine teure Geliebte. Die Mätressen der französischen Könige«, »Vom Thron zum Schafott. Das blutige Ende gekrönter Häupter«, »Liebe, Macht, Intrige. Königinnen und ihre Liebhaber«, »Ungeliebte Königin. Ehetragödien an Europas Fürstenhöfen« sowie »Verbrechen aus Staatsräson. Familientragödien an Europas Fürstenhöfen«.
Meine Meinung:
Ich habe mir das Buch vor 2 Jahren gekauft und weiß gar nicht, warum es so lange ungelesen war. Irgendwie hatte ich jetzt aber mehr Lust auf Fakten als auf Fiktion. Und da ich sowieso in der Stimmung war, habe ich es mir gleich geschnappt.
Der Schreibstil der Autorin ist wirklich angenehm. Jedoch sollte man wissen, das hier eine ganze Menge Namen von geschichtsträchtigen Persönlichkeiten auftreten. Auch „Sissi“ ihr Sohn bekommt sein eigenes Kapitel, da selbst er eine tragische Ehe hatte. Man lernt in diesem Buch so viel über die Vergangenheit, ihre Zusammenhänge, politische Auswirkungen und wie Mann und Frau damals zueinander standen. Am Ende des Buches haben wir ausführliche Stammbäume, und die braucht man auch um nicht durcheinander zu kommen. Zudem gibt es hier viele Geschichtszahlen und diese haben mich immer wieder dazu verleitet zu googeln.
Dieses Buch ist ein wahrer Schatz für historisch Interessierte, aber auch für Leser der historischen Romane. Man lernt hier eine Menge auch wenn es kein Buch war, das ich so am Stück lesen konnte. Dafür steckt hier einfach zu viel Information drin. Ich habe mir einige Markierungen gemacht, da es doch vieles gab was mich sehr beeindruckt oder fassungslos gemacht hat. Ich kann das Buch absolut empfehlen, aber man muss beim Lesen schon großes Interesse haben sonst könnte es zu trocken sein.
- Jolien Janzing
Die geheime Liebe der Charlotte Brontë
(33)Aktuelle Rezension von: Buecherwurm1973Das Leben als Pfarrerstochter ist Charlotte Brontë zu wenig. Sie möchte ihr Französisch in Brüssel verbessern. Im Pensionat von Claire Heger hofft sie alles zu erlernen, um eine Schule gründen zu können. Zusammen mit ihrer Schwester Emily wird sie 6 Monat auf dem Festland verbringen. Während Charlotte die Stadt erkundet, schottet sich Emily ab. Charlotte begleitet Constantin Heger auf seinen Touren in die Armutsviertel. Ihre Bewunderung weicht bald Liebe. Obwohl Constantin auch Gefühle für sie hegt, bleiben nichts als ihre Liebesbriefe. Charlotte reist schweren Herzens mit ihrer Schwester nach Hause.
Am Anfang der Geschichte gibt es eine Erzählerin, die den Leser quasi in die Geschichte einführt. Anfangs ist sie ziemlich präsent und kommt ab Mitte des Buches schliesslich nicht mehr Wort. Mich hat sie ziemlich genervt. Sie hat so einen naiven und überschäumenden Unterton eines kleinen Mädchens.
Eines vorweg, wer eine Biografie von Charlotte Brontë erwartet, wird enttäuscht sein. Denn das Buch handelt nur von diesem Aufenthalt in Brüssel. Nicht einmal dies hat sie meiner Meinung nach befriedigend hinbekommen. Zweifelsfrei hat Jolien Janzing die damalige Zeit und dessen Geschehnisse treffend beschrieben. So gibt es zum Beispiel einen unnötigen Handelsstrang eines jungen Mädchens, das die Mutter zur Mätresse des Königs machen will. Klar, es begegnet Charlotte immer wieder. Ich vermute, dass die Autorin damit das damalige Weltbild skizzieren wollte. Doch dieser Handelsstrang nimmt viel zu viel Platz ein.
Die Beschreibung der Gefühle der Liebenden Charlotte Brontë und Constantin Heger waren für mich der Lichtblick. Aber leider sind sie nur wenig vorhanden. Denn die Autorin will so vieles erzählen. Somit kommt der eigentliche Kernpunkt des Buches zu kurz.
Wer aber wissen will, auf wessen Tatsachen das Buch „Jane Eyre“ beruht, ist mit diesem Buch sicher gut bedient.
- Amélie Nothomb
Töte mich
(107)Aktuelle Rezension von: herr_hyggeEin verarmter Graf, der ein Gentleman der alten Schule ist, die Weissagung einer Wahrsagerin über einen bevorstehenden Mord, der von unserem verehrten Grafen höchstpersönlich begangen werden soll und dessen siebzehnjährige, emotionslose Tochter, die sich nach dem Tod sehnt und sich die Weissagung zu Nutze macht und versucht ihren Vater zu etwas unvorstellbarem zu überreden: Das ist der Stoff aus dem Amélie Nothomb ihren Roman TÖTE MICH hervorgebracht hat.
Mit scharfsinnigen Dialogen, die viel Geist und Witz versprühen, lässt die Autorin ihre Figuren sich mit einem schwierigen Thema auseinandersetzen, was ihr mit einer unvergleichlichen Leichtigkeit gelingt. Um es kurz und knapp zu sagen, ein kurzweiliges, aber großartiges Lesevergnügen. ☺️ - Wolfram Fleischhauer
Das Meer
(49)Aktuelle Rezension von: TintenpfadDieses Buch nutzt das Krimi-Genre, um die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen durch Profitinteressen offenzulegen.
Es ist erschreckend zu sehen, wie tief Korruption in politische Entscheidungsprozesse reicht.
Die Geschichte macht die abstrakte Umweltzerstörung greifbar und regt zum Diskutieren über notwendige Systemveränderungen an. Für Menschen mit einem Sinn für Gerechtigkeit ist die Handlung eine wichtige Mahnung. - Robert Harris
Vergeltung
(28)Aktuelle Rezension von: RandberlinerNach seinem Roman „Der zweite Schlaf“ (2019), einem gelungenen Ausflug des britischen Erfolgsautors in eine dystopische Zukunft, in die die Menschheit angesichts der zunehmenden Fragilität unserer Gesellschaft schlittern könnte, kehrt Robert Harris zurück zu seinem Erfolgsrezept, wahre Geschichte durch fiktive Geschichten zu erzählen. Ging es in „München“ (2017) um eine Abrechnung mit der britischen Appeasement-Politik am Vorabend des zweiten Weltkrieges, thematisiert „Vergeltung“ (im englischen Originaltitel „V2“) in der Schlussphase des zweiten Weltkriegs den Kampf gegen die deutsche „Wunderwaffe“, die zwar militärisch völlig wertlos war, aber dennoch die britische Hauptstadt empfindlich terrorisierte.
In üblicher Erzählmanier erfolgreicher britischer Historienromane handeln die Protagonisten stellvertretend und im Schatten der großen Akteure der Weltpolitik und leisten ihren bescheidenen, aber zuweilen entscheidenden, jedoch immer fiktiven Beitrag zur Weltgeschichte. Natürlich sind die historischen Ereignisse und Personen wieder exzellent recherchiert. Und so wird der Leser von der britischen Offizierin Kay Caton-Walsh und dem deutschen Raketenspezialisten Rudi Graf auf eine, wenngleich an erzählerischen Höhepunkten armen, aber dennoch fesselnde und informative Reise durch eines der interessantesten Kapitel des zweiten Weltkrieges mitgenommen. Nur rund 150 Kilometer voneinander entfernt brennt die junge Britin im belgischen Mecheln darauf, die Startplätze der Raketen in den Wäldern von Scheveningen ausfindig zu machen, von denen unter Aufsicht von Rudi Graf die todbringenden Raketen auf London abgefeuert werden.
Damit wären wir auch beim eigentliche Hauptthema des Romans und der Figur, die im Roman die heimliche Hauptrolle spielt: Wernher von Braun. Der deutsche Raketenpionier, dessen Person und Lebensweg vor allem durch die Erinnerungen seines Freundes und Weggefährten Graf reflektiert werden, steht wie kaum ein zweiter für den Typ des Wissenschaftlers, der von einer visionären Idee beseelt ist und bei der Verwirklichung dieses Traums vor keiner technischen, finanziellen und moralischen Hürde zurückschreckt. Eigentlich will er mit seiner Rakete zum Mond fliegen, aber von Braun ist nicht nur charismatischer Visionär, sondern auch ein zuweilen eiskalter Realist, der weiß, dass ohne das Geld der Militärs und der Vision von einer unschlagbaren Waffe er sein Projekt nie verwirklichen kann. Wie Jahrzehnte später die weltweite Vernetzung von Milliarden Menschen durch das Internet in den geheimen Labors der Militärs ihren Anfang nahm, sah von Braun mit skrupellosem Weitblick, dass der Weg zum Mond über die Heeresversuchsanstalten in Kummersdorf bei Berlin und Peenemünde auf der Insel Usedom führt.
Er steht dabei stellvertretend für eine Vielzahl von begnadeten Wissenschaftlern, die sich an die jeweils Herrschenden verdingt haben, um ihre wissenschaftlichen Träume zu verwirklichen. Mit moralischen Kategorien ist das kaum zu bewerten und so kümmert es von Braun nicht, wenn er die schwarze SS-Uniform anzieht, 20.000 Zwangsarbeiter bei der Produktion der Raketen umkommen oder seine Raketen Tod über London und Amsterdam bringen. Und als es mit Hitlerdeutschland zu Ende geht und die Geldquellen für seine Forschungen zu versiegen drohen, zögert er keine Sekunde, neue, diesmal amerikanische Geldquellen zu erschließen. Wenn von Braun zu seinem inzwischen desillusionierten Mitstreiter Rudi Graf sagt: „Wenn ich Adolf Hitler überzeugen konnte, fünf Milliarden Reichsmark für Entwicklung und Bau der Rakete springen zu lassen, glaubst du nicht, dass ich auch einen amerikanischen Präsidenten davon überzeugen könnte, zum Mond zu fliegen?“, mag das zynisch und moralisch verkommen klingen, aber jeder weiß aus dem Geschichtsunterricht, dass von Braun letztendlich diesen seinen Traum verwirklicht hat. Gibt die Geschichte Wernher von Braun also Recht oder wiegt der Blutzoll auf den Weg dorthin nicht vielleicht schwerer?
Damit weist Robert Harris auch auf den janusköpfigen Charakter von Wissenschaft und Technik hin. Die gleiche Rakete, die mit ihrem tödlichen Sprengkopf Leid und Zerstörung bringt, kann auch Satelliten in den Weltraum schießen, die der Menschheit von großem Nutzen sind. Es sind letztendlich die Menschen und die Gesellschaft, die bestimmen, ob eine neue Technik zum Guten oder zum Bösen eingesetzt wird. Von Braun ist mit sich und seiner Vision im Reinen. Sein Mitarbeiter Graf droht an der moralischen Dimension seiner Forschungsergebnisse zu zerbrechen. Big Data, Gentechnik und künstliche Intelligenz lassen grüßen
Warum gebe ich dem neuen Werk von Robert Harris nur vier von fünf Punkten? Am Thema liegt es nicht, wenngleich mich das Thema des zivilisatorischen Untergangs im Roman „Der zweite Schlaf“ mehr berührt hat. Jedoch hat „Vergeltung“ die gleichen erzählerischen Schwächen wie andere Bücher von Robert Harris. Vielleicht liegt es auch an der Übersetzung, aber der Erzählstil ist zum Teil farblos und arm an Spannung. Gern würde man der Handlung an der einen oder anderen Stelle mehr Spannung und Dramatik wünschen. Einen gelungenen erzählerischen Schluss findet man bei Harris selten und so vermag die Zusammenführung der beiden Erzählstränge am Ende des Buches nicht wirklich zu überzeugen.
Aber ungeachtet der Schwächen ist Robert Harris wieder ein lesenswerter, hervorragend recherchierter und zumindest in Teilen spannender Roman gelungen. - Carlo Masala
Wenn Russland gewinnt
(19)Aktuelle Rezension von: CCCCarlo Masala entwirft in Wenn Russland gewinnt ein zugespitztes, bewusst verdichtetes Szenario, das sich überraschend flüssig und fast spannungsromanartig liest. Gerade diese klare, gut strukturierte Darstellung macht das Buch sehr zugänglich – auch für Leserinnen und Leser, die sich sonst nicht regelmäßig mit sicherheitspolitischen Analysen beschäftigen.
Das dargestellte Szenario wirkt beunruhigend realistisch. Masala versteht es, bekannte politische, militärische und gesellschaftliche Dynamiken so zusammenzuführen, dass man sich beim Lesen mehrfach dabei ertappt, zu denken: So oder so ähnlich könnte es tatsächlich kommen. Die Stärke des Buches liegt eindeutig in dieser Plausibilität und in der Zuspitzung komplexer Zusammenhänge auf ein nachvollziehbares Gedankenspiel.
Gleichzeitig bleibt für mich ein kleiner Erwartungsbruch: Der Titel suggeriert einen weitergehenden Blick auf die konkreten langfristigen Folgen eines solchen Ausgangs – politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich, insbesondere für Europa und Deutschland. Hier hätte ich mir etwas mehr Tiefe und Ausblick gewünscht, etwa über das unmittelbare Szenario hinaus: Wie verändert sich dauerhaft die internationale Ordnung? Welche Konsequenzen hätte das für Bündnisse, Demokratieverständnis oder unseren Alltag?
Unterm Strich ist Wenn Russland gewinnt ein kluges, gut lesbares und bewusst provokantes Buch, das zum Nachdenken zwingt und Diskussionen anstößt. Wer eine realistische Warnskizze sucht, wird bestens bedient. Wer jedoch eine umfassende Analyse der langfristigen Folgen erwartet, bleibt mit einigen offenen Fragen zurück.
- Julian Fellowes
Belgravia. Zeit des Schicksals
(103)Aktuelle Rezension von: Leser44„Belgravia-Zeit des Schicksals“ geschrieben von Julian Fellows ist ein gelungener Roman voller Geheimnisse, Intrigen, Verrat und Rivalität. Im Mittelpunkt steht das große Geheimnis um Charles Pope. Während der Leser sofort erfährt, wer Charles Pope ist, bleibt es für die Figuren im Buch ein großes rätselhaftes Geheimnis. Als Fan von Downton Abbey hatte ich natürlich hohe Erwartungen, die, trotz kleiner Kritikpunkte, nicht enttäuscht wurden.
Während das Cover meiner Ausgabe das London des 19. Jahrhunderts schön widerspiegelt, ist der Klappentext etwas unpassend gewählt. Meiner Meinung nach macht der Klappentext den Eindruck, dass Charles Pope die Hauptfigur ist. Ich persönlich hatte allerdings nicht den Eindruck, dass es so war. Im Gegenteil, ich hätte mir gewünscht, die Geschichte mehr aus seiner Sicht zu durchleben.
Thematisch war das London des 19.Jahrhunderts sehr interessant. Man konnte gut in diese Welt eintauchen und hat einiges über die Gesellschaft und vor allem den Adligen und Reichen Londons gelernt.
Zahlreiche Figuren tauchen im Roman auf und es war manchmal schwierig die einzelnen Namen auseinanderzuhalten. Gleichzeitig war es aber auch interessant in die Köpfe der unterschiedlichen Figuren zu gucken und ihr Innenleben kennenzulernen. Dadurch konnte man schnell sowohl Empathie als auch Antipathie für die jeweiligen Figuren entwickeln.
Julian Fellows schreibt detailreich und bildhaft und schafft es einen angenehmen Lesefluss zu erzeugen. Allerdings ist der ständige Perspektivenwechsel etwas gewöhnungsbedürftig. Hat man sich erst reingelesen, ist es aber auch sehr spannend die Gedanken der einzelnen Figuren zu erfahren.
Obwohl man als Leser von Anfang an das Geheimnis des Charles Pope kennt, wodurch etwas Spannung verloren geht, ist das Ende sehr überzeugend. Dramatisch, bewegend und ganz nach meinem Geschmack!
Fazit: Zwar habe ich kleine Kritikpunkte, dennoch war dieser Roman ein Lesegenuss. Trotz hoher Erwartungen hat es überzeugt!
- Bart Van Loo
Burgund
(8)Aktuelle Rezension von: _Dark_Rose_Das Reich Burgund – oder wie man Geschichte spannend, locker und unterhaltsam erklärt
Habt ihr schon einmal von „Burgund“ gehört? Wer jetzt sagt: das ist doch eine Region in Frankreich – ja, ist es, heute. Aber einst war es ein eigenständiges Reich. Ein Reich, das 1111 Jahre bestand. Durch seine Lage zwischen Frankreich und den Niederlanden spielte es oft eine Rolle auch bei zentralen Konflikten – es hatte sogar mal einen „eigenen“ Erbfolgekrieg.
Ich mochte euch nicht mit Fakten bombardieren, aber erklären, warum ich dieses Buch liebe und richtig verschlungen habe. Nicht nur, weil ich schon immer Geschichte geliebt habe und Burgund mir mehr als einmal begegnet ist, sondern vor allem wegen Bart Van Loo. Ich gestehe, dies ist mein erstes Buch von ihm, aber ich bin wirklich total begeistert. Allein schon der Aufbau – wie in meiner Überschrift formuliert er zu jeder „seriösen“ Überschrift auch gleich noch eine „oder“-Erklärung und die sind so treffend formuliert, dass man sogar lachen muss, auch wenn es ernste Themen sind. Ich denke nur jemand, der sich wirklich so richtig, richtig mit einem Thema auskennt, schafft es, es so gut zu erklären. Nehmen wir mal uns selbst, man verfällt bei Themen, in denen man sich sicher fühlt auch in locker flockige Erklärungen, aber für Sachbücher gerade im Bereich Geschichte ist das äußerst selten.
Ich persönlich liebe die Art, wie hier Geschichte verpackt wird. Das Buch ist unheimlich informativ, mit Liebe gestaltet und absolut nicht trocken. Ich fand es total interessant und spannend und regelmäßig musste ich auch grinsen.
Viele halten Geschichte noch immer für langweilig, trocken, verstaubt und uninteressant, aber Bart Van Loo zeigt es all diesen „Zweiflern“, denn selten fühlt sich Geschichte so lebendig an.
Die Geschichte Burgunds wird nicht nur dargelegt, sondern zieht sich bis in die heutige Zeit. Wäre Burgund nicht gewesen, wäre unsere heutige Welt eine andere – da ist sich Van Loo sicher.
Fazit: Ich persönlich fand das Buch wirklich richtig gut, total unterhaltsam, interessant und mal was ganz anderes. Dem einen oder anderen ist die Sprache wahrscheinlich zu plakativ, aber ich fand das ehrlich gesagt erfrischend. Ich konnte es kaum aus der Hand legen. Wenn man mal eine ganz andere Art „Geschichtsbuch“ lesen möchte, ist man hier definitiv richtig!
Von mir bekommt das Buch volle 5 Sterne.
- Nadine Monfils
Magritte und Georgette
(10)Aktuelle Rezension von: Stephanie_RuhEin Krimi mit René Magritte, dem bekanntesten belgischen Surrealisten und seiner Frau Georgette in der Hauptrolle, das klingt unterhaltsam. Das Buch begleitet einen durch Brüssel und führt Magritte und seinen Freund, den Polizisten Jefke, zu Frauen-Morden.
Auf dem Cover von Magritte und Georgette: Ein Brüssel-Krimi sieht man links Georgette in grünem Kleid und Hut, die den weißen Spitz Jackie auf dem Arm hält, am Arm von Magritte im schwarzen Anzug und mit seinem typischen Bowler, in der rechten Hand die berühmte Pfeife, aus seiner Anzugtasche ragt eine Lupe. Im Hintergrund der blau-weiße Himmel, in einer weißen Wolke liest man in grün "Ein Brüssel-Krimi" mit dem Bild einer Pfeife und den Namen der Autorin, Nadine Monfils. Den Buchtitel findet man in schwarz mittig in der Wolke. Ein passendes Cover, wenn auch ein wenig zu langweilig für einen Surrealisten.
Nadine Monfils konnte sich anscheinend nicht entscheiden, ob es sich bei diesem Roman um einen Krimi oder eine Art fiktiver Romanbiografie handeln soll. Am Anfang hatte ich große Mühe, in die Geschichte zu finden, erst ab dem Zeitpunkt des ersten Mordes wird es interessanter. Wenn man sich mit Magritte beschäftigt hat und wie ich beim Lesen in Brüssel ist, findet man schöne Passagen und auch Unterhaltung. Ansonsten dümpelt die Geschichte er vor sich her und schreibt den beiden Protagonistin sehr viele zusätzlich Fähigkeiten zu, um die Geschichte am Laufen zu halten. Eigentlich schade, denn die Idee zum Buch hatte Potential, das jedoch leider nicht ausreichend genutzt werden konnte. - Adeline Dieudonné
Das wirkliche Leben
(298)Aktuelle Rezension von: Lesehonig„Das wirkliche Leben“ von Adeline Dieudonné
In einer kleinen Reihenhaussiedlung in Frankreich wachsen die beiden Geschwister auf. Alles wirkt nach außen idyllisch, doch im Innern spielt sich der alltägliche Horror ab. Das Mädchen, als Ich-Erzählerin, versucht ihren kleinen Bruder vor den Grausamkeiten, die sich in ihrer Familie abspielen zu bewahren. So spielt sie mit ihm auf dem Schrottplatz oder in den Maisfeldern in der Nähe ihrer Siedlung. Und wenn der Eiswagen kommt, strömen alle Kinder der Umgebung der süßen Verlockung entgegen. Bis dahin läuft die Geschichte auf sanfte Art vor sich hin. Als Leser ist man auf der Hut vor dem sadistischen Vater. Die eigentliche Tragödie kommt deshalb unerwartet und explosionsartig. Ich weiß noch, wie mir beim Lesen die Kinnlade heruntersank. Unglaublich aus dem Hinterhalt hatte mich die Geschichte gepackt und ich war unfähig das Buch aus der Hand zu legen. Die kindlichen Versuche der Protagonistin der Situation zu entkommen sind rührend, aber auch bewundernswert. Die Autorin schreibt so intensiv, überraschend und präzise, dass dieses Buch schon jetzt eines meiner Jahreshighlights darstellt.
- Carla Capellmann
Tod in Zeeland
(47)Aktuelle Rezension von: AnkeabiszWas für eine herrlich schräge Mischung aus Entspannung und Spannung!
Schon die Anreise zum Retreat ist für die Hauptfigur (und ihre Freundin) eine Herausforderung – und das bleibt nicht die einzige. Zwischen Sonnengrüßen, Klangschalen und Stretching entwickelt sich ein handfester Mordfall...
Die Protagonistin durchforstet die Yoga-Community mit kriminalistischem Spürsinn – und mit einem liebevoll-ironischen Blick auf die Szene. Ob „Rotkäppchen“, „Arusha“ oder „Dourne, der den Freund stiehlt“ – die Figuren tragen skurrile, aber amüsante Namen, die mich anfangs verwirrt, später aber zum Schmunzeln gebracht haben.
Die Spannung zieht mit jeder Seite an – und endet in einem fulminanten Finale. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen! Und ganz ehrlich: Ich hätte sofort selbst Lust auf dieses Retreat… nur bitte ohne Mord.
- Lize Spit
Ich bin nicht da
(46)Aktuelle Rezension von: -Leselust-Kurzmeinung:
Mit "Ich bin nicht da" hat Lize Spit einen großartigen, emotionalen und mitreißenden Roman über Liebe, Freundschaft und psychische Krankheit geschaffen. Absolute Leseempfehlung.
Meine Meinung:
Nach dem mir "Und es schmilzt", der Debütroman der Autorin, damals so gut gefallen hat, war ich natürlich sehr gespannt auf ihren neuen Roman. Ich muss zugeben, der Umfang des Buches hat mich zunächst ein bisschen abgeschreckt (ist keine leichte Strandlektüre^^). Aber auch das Thema des Buches hat mich sehr interessiert und so hat meine Neugier überwogen und für mich war ganz schnell klar: ich muss dieses Buch lesen.
Und omg, war das eine gute Entscheidung! Dieses Buch hat es wirklich in sich. Es hat mich gepackt, geschüttelt, nicht mehr losgelassen und ich habe es quasi wie im Rausch durchgelesen.
In dem Buch geht es um Leo und Simon. Sie sind schon lange zusammen und kennen sich in und auswendig. Simon kann Leo zum Lachen bringen und Leo kennt jeden Fussel in Simons Bauchnabel. Die beiden haben eine gemeinsame Vergangenheit, gemeinsame Geschichten und Insider. Und sie teilen in gewisser Weise auch ein Schicksal, den beide haben ihre Mütter verloren und haben insgesamt nicht sehr viele Menschen in ihrem Leben, denen sie nahe stehen. Aber sie haben einander.
Die Beziehung der beiden wird sehr schön und sehr intim mit vielen Details und Anekdoten geschildert, die die beiden Figuren sehr plastisch erscheinen lassen.
Doch plötzlich wird alles anders. Eines nachts kommt Simon spät nach Hause, ohne sich abzumelden. Und er kommt tätowiert, redet wie ein Wasserfall und scheint insgesamt nicht mehr er selbst. Was zunächst nur als kleine Veränderungen erscheinen – Simon schläft immer weniger, isst weniger, hat neue Freunde und wird gereizter – spitzt sich immer weiter zu und wird zunehmend dramatisch. Bis schließlich alles droht, in einer Katastrophe zu enden.
Das Buch wird auf mehreren Zeitebenen erzählt. Einmal gibt es einen Countdown, bei dem in der jeweiligen Kapitelüberschrift die Minuten bis zur Katastrophe runtergezählt werden (zu Beginn mit "Noch elf Minuten"). Und dann gibt es verschiedene Rückblicke, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass alles auf eine Katastrophe zusteuert, wie sich Leos und Simons Leben langsam verändert.
Und das war tatsächlich auch das, was mir beim Lesen am meisten unter die Haut gegangen ist. Wenn der Mensch, mit dem du zusammenlebst plötzlich nicht mehr der ist, in den du dich verliebt hast.
Simon verändert sich. Zuerst langsam und allmählich, dann immer stärker. Und Leo bleibt passiv. Sorgt sich zwar immer stärker, aber greift nicht ein, bleibt hilflos. Das fängt gut das Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit ein, dass ich auch von vielen Angehörigen mit psychischen Erkrankungen kenne. Gleichzeitig hat es mich beim Lesen aber auch wahnsinnig gemacht. Ich hätte sie an mehreren Stellen am liebsten ordentlich durchgeschüttelt und sie zum Eingreifen animiert.
Aber die Passivität passt auch zur Figur der Leo, zu ihrer Vergangenheit und schlechten Erfahrungen. Sie ist schreckhaft und neigt zum Katastrophisieren. Das besonders sie in diese Hilflosigkeit aus Grübeln und Erstarren hineinfällt, ist für mich als Leserin gut nachvollziehbar.
Auch Simons Entwicklung zu verfolgen ist natürlich unglaublich spannend. Es hat bei mir Sorge und teilweise auch Angst, aber vor allem Mitgefühl hervorgerufen. Durch meine Arbeit als Psychologin habe ich schon einige Menschen mit Simons Störungsbild kennengelernt und finde, die Autorin hat es literarisch gut eingefangen und gibt einen interessanten Einblick in die Symptomatik der bipolaren Störung. Ich fand hier die Perspektive gut gewählt, die Entwicklungen aus Leos Sicht, also aus Sicht einer Bezugsperson, zu schildern. Das ist nah, wirkt aber trotzdem authentisch und man kann eine gewisse Distanz behalten und es wirkt auch glaubhafter.
Fazit:
Mit "Ich bin nicht da" hat Lize Spit einen echten Pageturner zu einem schwierigen Thema geschrieben. Es geht um psychische Krankheiten und darum, wie sie eine Beziehung und das ganze Leben aus dem Gleichgewicht bringen können.
- Georges Rodenbach
Das tote Brügge
(7)Aktuelle Rezension von: YoutopieBrügge lesen und sterben. Der Saal wird abgedunkelt und der Film beginnt. Über die Leinwand flackern Bilder von Brügge. Die friedliche Stadtsilhouette mit den drei majestätischen Türmen: die Sint-Salvador-Kathedrale, die Liebfrauenkirche und der Belfried. Im Vordergrund die Kanäle, die hier Reien heißen. Die ersten zehn Minuten passiert wenig, fast störend wirkt der Satz „Ich find’s hier schön“, den der Profikiller Ken in die neblige Stille Brügges flüstert, während er den Ausblick vom Belfried genießt. Das vorweihnachtliche Brügge ist mit seinem poetischen Flair der wohl widersprüchlichste Schauplatz für einen Actionfilm und gerade daraus zieht die Handlung von In Bruges (Brügge sehen… und sterben?) ihre Spannung. Die beiden Auftragskiller Ken und Ray tauchen in der flämischen Hansestadt unter, um dort auf die nächste Mission ihres Auftraggebers Harry zu warten. „Es ist wie im Märchen überall. Mit all den Kirchen und der Gotik. Überall Kanäle, Brücken und Kopfsteinpflaster.“ Selbst dem abgebrühten Harry verleiht der Gedanke an Brügge eine fast kindliche Sanftheit in der Stimme. „Wie traurig war die Stadt an diesen Abenden. Er liebte sie so. Gerade wegen seiner Schwermut hatte Hugo Brügge zum Wohnort gewählt.“ So beschrieb der belgische Autor Georges Rodenbach gegen Ende des 19. Jahrhunderts in seinem Roman Bruges la morte (Das tote Brügge) die schlafende Schönheit im Westen Flanderns. Und tatsächlich schien dieser Schlaf fast komatös: Nachdem die Stadt im 15. Jahrhundert von burgundischen Herzögen regiert wurde, die Brügge kulturell, architektonisch und wirtschaftliche zur reichsten Stadt Nordeuropas machten, begann zu Anfang des 16. Jahrhunderts der wirtschaftliche Abstieg der Hansestadt. Die Versandung der Zwin, ein Meeresarm der Nordsee, der bei einer Sturmflut im Jahre 1134 aufgerissen war, schnitt der Stadt den direkten Zugang zum Meer ab und kostete sie somit die führende Position als Haupthandelshafen. „Das tote Brügge war selbst bestattet im Grabe seiner steinernen Grachten, und erstarrt waren die Adern seiner Kanäle, verebbt der große Pulsschlag des Meeres.“, heißt es in dem Roman Rodenbachs. Die Stadt wird zum Symbol der Trauer Hugo Vianes um seine verstorbene Ehefrau: die neblige, graue Szenerie und die dunklen, tristen Häuserfassaden, aber auch die sittsame Frömmigkeit gleichen seinem unendlichen Trübsinn. Erst als Hugo die Tänzerin Jane kennenlernt, die seiner Toten aufs Haar gleicht, scheint auch Brügge sich von dem dunklen Schleier des Totenschlafes zu befreien. „Er ging getrost durch ihre Stille, als wäre auch sie aus ihrem Grabe auferstanden und stände da wie eine neue Stadt, der alten gleich.“ Auch in dem Film von Martin McDonagh steht die hübsche Flamin Chloë in perfekter Symbiose zu der klassischen Eleganz ihrer Heimatstadt. Brügge selbst wirkt wie eine rätselhafte flämische Schöne, wie sie der Maler Fernand Khnopff in seinen „Brügger Porträts“ in ihrer ganzen traurigen Anmut darstellt. Seine durch adelige Grautöne gekennzeichneten Ansichten sind von dem Roman Rodenbachs inspiriert. Brügge konnte sich seine Schönheit bewahren, denn die im 19. Jahrhundert aufkommende Industrialisierung ging vollständig an der einstigen Metropole vorbei. Was damals den weiteren Abstieg der Stadt andeutete, ist heutzutage das große Glück. Da wegen des jahrhundertelangen Stillstandes kein Geld vorhanden war, um Baumaßnahmen zu behalten, konnte sich Brügge den mittelalterlichen Stadtkern erhalten, der heute Teil des Unesco-Weltkulturerbes ist. Die labyrinthartigen Gassen sind heute ein Anziehungspunkt für Touristen aus ganz Europa und schon Rodenbach schrieb, Brügge sei die Stadt, „die in den tausend Bändern ihrer Kanäle wie verschnürt dalag.“ Nicht nur, dass der Roman Brügge Anfang des 20. Jahrhunderts ein Image als morbide Kulturstadt verschaffte, auch erhielt die Stadt 1907 durch den Anschluss an den Seehafen Zeebrügge neue wirtschaftliche Perspektiven. Dornröschen erwachte, hatte jedoch scheinbar noch keine Zeit für Renovierungsarbeiten: „Als wir durch die Straßen gelaufen sind, da war dieser eisige Nebel über allem. Es war wie im Märchen.“, berichtet Ken mit der gemütlichen Ruhe in der Stimme, die einen überkommt, sobald man die Stadtgrenzen überschreitet. Szenenwechsel. Ein Schwan auf dem Wasser der Grachten, pardon, Reien. Es ist früh abends, die Hintergrundszenerie ist in vorweihnachtlicher Romantik beleuchtet. Hugo schlendert in seliger Eintracht durch die Straßen, während sich die Killer in derselben Szenerie eine Verfolgungsjagd liefern. Und doch scheint alles so nebensächlich, denn im Buch wie im Film ist Brügge die heimliche Hauptdarstellerin. Die friedliche Stille macht Brügge zur Zuhörerin für traurige Stunden, durch das geschäftige Treiben auf dem vorweihnachtlichen Grote Markt wird sie zur Kupplerin großer Liebesbeziehungen, der Beginenhof und die sakralen Gebäude machen die Stadt zu einem nebligen Nirwana auf Erden. Nicht schaurig, nicht makaber, nicht grausam, sondern fast spirituell formuliert es Ken im Film: „Ich würde gern noch mal Brügge sehen, bevor ich sterbe.“























