Bücher mit dem Tag "bürgertum"

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29 Bücher

  1. Cover des Buches Buddenbrooks (ISBN: 9783596712731)
    Thomas Mann

    Buddenbrooks

    (2.426)
    Aktuelle Rezension von: HarryPlotter

    Die Buddenbrooks ist kein optimistischer Roman. Im Mittelpunkt stehen Johann Buddenbrook und später seine Kinder Thomas und Tony; am Ende bleibt nur noch Hanno. Man erlebt, wie die Familie nicht nur an gesellschaftlichem Ansehen verliert, sondern allmählich zerfällt.

    Schon zu Beginn wird deutlich, dass alles auf einen Niedergang hinausläuft. Während sich gesellschaftliche Verhältnisse und Machtstrukturen verändern, versuchen Thomas und Tony, den Namen und die Würde der Familie zu bewahren – doch die neuen Zeiten sind unerbittlich. Viele Nebenfiguren verstärken dieses Bild einer Welt, die zunehmend überholt wirkt.

    Mir hat das Buch sehr gut gefallen, auch wenn einige Passagen – besonders um Hanno – etwas schwerfällig waren. 

  2. Cover des Buches Kabale und Liebe (ISBN: 9783872910608)
    Friedrich Schiller

    Kabale und Liebe

    (1.218)
    Aktuelle Rezension von: birarnol

    Ich kann mir vorstellen, dass das Stück auf der Bühne gut funktioniert. Stark überzeichnete Gefühle, viel Epos.

    Insgesamt gefällt mir die Geschichte nicht wirklich gut. Reicher Jüngling liebt armes Mädchen, Probleme sind vorprogrammiert, Intrigen, um die beiden auseinanderzubringen, werden dicht gesponnen. Aber gut - so lautet ja auch der Titel.

    Was mir gut gefallen hat, sind die Ansätze, die Klassenunterschiede überwinden zu wollen. Doch letztendlich waren es nicht die äußeren Widrigkeiten, welche die Liebe verhinderten, sondern die Denkweisen und Schwächen der einzelnen Personen.


  3. Cover des Buches Emilia Galotti (ISBN: 9783872911483)
    Gotthold Ephraim Lessing

    Emilia Galotti

    (902)
    Aktuelle Rezension von: Anna_Lea_Thiel

    Emilia Galotti von Gotthold Ephraim Lessing ist ein klassisches Trauerspiel, das mich trotz einiger schnulziger Momente sehr angesprochen hat. Die Geschichte handelt von Emilia, die zwischen Pflicht, Ehre und Liebe hin- und hergerissen ist, während Macht, Intrigen und persönliche Interessen der Adligen ihr Leben bedrohen. 


    Mir hat gefallen, dass das Stück nicht nur eine emotionale Handlung bietet, sondern auch gesellschaftliche Themen anspricht – wie Machtmissbrauch, Eifersucht und Manipulation. Orsina ist eine Figur, die besonders heraussticht: Sie zeigt deutlich, wie verletzlich, aber auch stark Menschen in solchen gesellschaftlichen Strukturen sein können. Manche Passagen waren mir zwar etwas zu emotional aufgeladen oder schnulzig, aber an und für sich ein interessantes Buch.


    Aus Emilia Galotti habe ich mitgenommen, wie wichtig moralische Entscheidungen und persönliche Integrität sind und dass Macht und gesellschaftlicher Druck große Konsequenzen haben können. Ich würde das Stück allen empfehlen, die klassische Literatur, tiefgründige Charaktere und gesellschaftskritische Themen mögen.

  4. Cover des Buches Tonio Kröger (ISBN: 9783596523856)
    Thomas Mann

    Tonio Kröger

    (178)
    Aktuelle Rezension von: Trishen77

    "Siehe sie an, die guten Schüler und die von solider Mittelmäßigkeit. Sie finden die Lehrer nicht komisch, sie machen keine Verse und denken nur Dinge, die man eben denkt und die man laut aussprechen kann. Wie ordentlich und einverstanden mit allem und jedermann sie sich fühlen müssen! Das muss gut sein... Was aber ist mit mir, und wie wird dies alles ablaufen?"

    Tonio Kröger spürt schon in frühster Jugend, dass er anders ist. Während andere Reiten, liest er den Don Carlos; während das Mädchen, dass er bewundert und liebt, ihn nicht einmal bemerkt, beachtet ihn nur ein scheues Mauerblümchen. Er will seine Berufung und spürt seinen Willen zur Kunst, doch sehnt er sich mehr und immer danach, dass all das von ihm abfallen möge. Die Sehnsucht, dass er nicht erkalte mit seinem Blick an der Betrachtung, sondern sich wärmen könne mit seinem Körper am Leben.

    "Wie würdevoll und unberührbar Herrn Knaaks Augen blickten! Sie sahen nicht in die Dinge hinein, bis dorthin, wo sie kompliziert und traurig werden; sie wussten nichts, als das sie braun und schön seien."

    Es gibt eine Anekdote, nach der einst ein junger Mann nach der Lesung zu Thomas Mann kam und sagte: "Das Wesentliche, was sie geschrieben haben, ist der Tonio Kröger - wissen sie das?!" Und Thomas Mann soll nur genickt haben.

    Der Tonio Kröger gehört für mich zu den wunderbarsten Erzählungen, die je geschrieben wurden. So einfach, erzählend schön und stimmig wurde selten über das Wesen des Künstlers und über das seelische Verlangen des Menschen geschrieben. Es finden sich so viele wahre Sätze in diesem kleinen Buch ("Die Kunst ist kein Beruf, sondern ein Fluch"), so viele schöne Stellen, so viele einfache, plastische Atmosphären. Das kleine Stück, das ich Tonio Kröger schon einige Male begleitet hab, ist mir immer wieder neu und doch stets unvergessen.
    Denn spätestens wenn Tonio bemerkt, "dass die Kenntnis der Seele allein unfehlbar trübsinnig machen würde, wenn nicht die Vergnügungen des Ausdrucks uns wach und munter hielten", muss jeder wahre Künstler doch eigentlich anfangen, mit Tränen in den Augen oder lächelnden Lippen zu nicken.
    Und wenn er wunderbar offen preisgiebt: "Ich liebe das Leben [...] das Leben, wie es als ewiger Gegensatz dem Geiste und der Kunst gegenübersteht", kann man lange darüber nachsinnen.

    Der ewige Zwist zwischen Künstlertum, und der Liebe zum Leben und dem, was man nicht erklären kann, weil es einfach da ist, ein Teil vom Leben an sich - nie ist dies so schön und fein dargestellt worden, wie in dieser Novelle, die mit einem der wunderbarsten Schlusstakte der deutschen Literatur endet.
    Dies Buch ist wundervoll. "Sehnsucht ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganz keusche Seligkeit."

  5. Cover des Buches Zwischen den Palästen (ISBN: 9783293208469)
    Nagib Machfus

    Zwischen den Palästen

    (25)
    Aktuelle Rezension von: Maseli

    Der Nobelpreis 1988 für Nagib Machufs galt vor allem seiner Kairoer Trilogie, dessen ersten Band „Zwischen den Palästen“ ich hier vorstelle. Die Trilogie ist das Hauptwerk des Autors und ein Meilenstein der modernen arabischen Literatur. Sie entstand in den Jahren 1946–1952, erschien aber erst 1956–1957. Mahfus behandelt darin das Leben einer Kairoer Familie über mehrere Generationen (1917–1944). 

    Buchbeschreibung kurz & knapp zusammengefasst

    Abd al-Gawwad, der übermächtige Herrscher der Familie, ist gefürchtet und geliebt zugleich. Strotzend vor Vitalität und Lebenslust ist er ein liebenswürdiger Freund und geistreicher Unterhalter, ein Kenner von Kunst und Gesang, und nicht zuletzt ein feinfühliger Liebhaber schöner Frauen. Doch wenn er die Treppe zu seinem Palast hochsteigt, verwandelt er sich zum gnadenlosen Patriarchen, der Ehefrau, Töchter und Söhne an seinen Fäden führt. 

    In der Tat, außerhalb der Familie flößte Herr Abd al-Gawwad niemanden Angst und Schrecken ein, denn im Umgang mit allen anderen Menschen – Freunden, Bekannten, Kunden – war er offensichtlich ein völlig anderer Mann.

    Als die Wünsche und Hoffnungen jedes einzelnen an die Oberfläche kommen, verstricken sich die Familienmitglieder immer tiefer im Geflecht ihrer verunsicherten Beziehungen. Seine Ehefrau Amina ist eine Gestalt von mystischer Tiefe, in der Welt der Geister heimischer als in der Welt der Menschen, deren Leben sich ganz auf die Bedürfnisse ihres Mannes konzentrieren. 

    „Ich höre und gehorche, stehe zu Diensten.“

    Während das Familienleben in den Palastmauern seinen gewohnten Gang geht, beginnt draußen auf der Straße der blutige Kampf um nationale Unabhängigkeit. Abd al-Gawwad’s Familie bleibt von der Tragik der Ereignisse nicht verschont.

    Meine persönlichen Leseeindrücke

    Was für ein Roman! Grandios, außergewöhnlich, brillant, herausragend, ich könnte hier mit Superlativen nur so um mich werfen. Meine Reise in die Welt der Nobelpreisträger führt mich in ungeahnte literarische Höhen, so unterschiedlich und gleichzeitig so einzigartig und exzellent die einzelnen Meister sind. Sie bringen Erzählungen und Geschichten von hoher Qualität zu Papier, die ich in meiner kleinen Bibliothek der Weltklassiker sammle.

    Der 1. Band der Kairoer Trilogie „Zwischen den Palästen“ bietet einen Blick durchs Schlüsselloch in das Leben einer wohlsituierten, geachteten Kairoer Kaufmannsfamilie während des 1. Weltkrieges. An ihr stilisiert Machfus die ägyptische Gesellschaft der religiös geprägten Lebensvorgaben und -zwängen und dem verborgenen liederlichen Leben, dessen sich die Herren außerhalb der gesellschaftlichen Familienpflichten mit Freude und ohne Scham oder Gottesfurcht widmen. 

    Abd al-Gawaad ist ein Mann mit zwei Gesichtern. Im eignen Haus ist er seiner Familie gegenüber ein Tyrann, der Religion aber ein ergebener Gläubiger. Respektlos und harsch gebietet er sich gegen seine Frau, die ihm zu Diensten stehen muss und zu seinen Kindern, von denen er bedingungslosen Gehorsam verlangt.

    Das einzige, was du zu tun hast, ist zu gehorchen. Also hüte dich davor, mich so weit zu bringen, dich erziehen zu müssen.

    Diese offen dargebotete Misogynie ist durch und durch abstoßend und eine offene Kritik an Lebensumständen, die von der religiös fundamentalistischen Herrschaft durchaus geduldet schienen. Doch nicht nur seine Ehefrau lebt in Angst vor ihm. Auch seine 5 Kinder fürchten den Tyrannen. 

    Jedes Kind hatte Vorzüge, doch sobald sie vor dem Vater standen, waren diese im Handumdrehen verschwunden.

    Jedes Mitglied durchleidet unendliche psychische Pein in seinem Beisein. Abd al-Gawwad regiert mit eiserner Hand und lässt alle Menschen in den häuslichen Mauern zu kläglichen Marionetten verkommen. Für die Familie gilt, sich nicht seiner Zucht und seinem Gehorsam zu entziehen. Erstaunlich nur, dass außerhalb der Palastmauern der Patriarch mit einem gänzlich anderen Erscheinen auftritt. Jovial, charmant, mit perfekten Manieren tritt er Kunden und Freunden entgegen. Er ist geschätzt und wird umworben, denn seine Anwesenheit ist stets Garantie für fröhliche Stunden. Auch dem weiblichen Geschlecht begegnet er mit Wohlwollen und beim Werben um die weiblichen Gunst zieht er alle Register.

    ….noch nie, und das war wahrscheinlich das unglaublichste, hatte er dieses lachende, strahlende Gesicht gesehen, trunken von Zuneigung und Heiterkeit.

    Wenngleich das Hauptaugenmerk auf Abd al-Gawwad liegt, beschränkt sich der Roman bei weitem nicht nur auf ihn. Auf fast 700 Seiten finden alle Familienmitglieder Platz und Machfus widmet sich ihnen mit großer Empathie und Zuneigung. Für jede einzelne Romanfigur nimmt er sich Zeit und flechtet geschickt die einzelnen Schicksale in die große Familiengeschichte ein. Umrandet von den politischen Veränderungen und den äußeren Einflüssen, die hinter die Palastmauern drängen, eröffnet mir der Roman „Zwischen den Palästen“ einen einzigartigen Einblick in die fremde Kultur des einstigen Weltreiches der Pharaonen.

    Fazit

    „Zwischen den Palästen“ von Nagib Machfus ist ein Meisterstück an Erzählkunst der modernen arabischen Literatur. 

    Machfus‘ große Kunst liegt für mich in seiner Fähigkeit, gesellschaftliche Prozesse scharfsinnig zu beobachten und sie hervorragend, spannend und farbig zu erzählen. Seine genaue Beobachtung, seine scheinbar grenzenlose Fantasie und sein Mut, die Wahrheit zu schreiben, ermöglichte mir einen tiefen Einblick in das Leben in Ägypten vor 100 Jahren. Es mag aber auch ganz einfach sein, dass ich von Anfang an dem schönen Klang der Erzählstimme verfallen war!

  6. Cover des Buches Frau Jenny Treibel oder Wo sich Herz zum Herzen findt (ISBN: 9783746636443)
    Theodor Fontane

    Frau Jenny Treibel oder Wo sich Herz zum Herzen findt

    (186)
    Aktuelle Rezension von: Monika_Brigitte

    „Es ist ja nicht nötig, dass sich Schwiegermutter und Schwiegertochter furchtbar lieben, sie heiraten sich ja nicht.“ (Kapitel 12; S. 155) Was wie ein Zitat aus >Das Schwiegermonster< klingt, entstammt dem 1892 erschienenen Roman FRAU JENNY TREIBEL von Theodor Fontane. Ähnlich humorvoll wie in der Fernsehkomödie geht es auch im Romanklassiker zu – zumindest im zeitgenössischen Vergleich.

    Inhalt (Spoilerfreier Teil)

    Berlin, 1880er: Die titelgebende Hauptperson Kommerzienrätin Jenny Treibel möchte ihren zweiten Sohn (Leopold) endlich unter die gut betuchte Haube bringen. Sie wünscht sich eine noch bessere Partie als bei ihrem ersten Sohn (Otto), der sich mit einer Hamburger Fabrikantentochter (Helene Munk) verheiratet hat. Zum großen Unwillen von Frau Jenny verguckt sich Leopold bei einem Abendessen, das für Ottos englischen Geschäftspartner (Mr. Nelson) veranstaltet wird, in die extra zu diesem Anlass (aufgrund ihrer sehr guten Englischkenntnisse) eingeladene Professorentochter Corinna Schmidt. Diese wittert in einer Verbindung mit Leopold Treibel den sozialen Aufstieg. Wird es ihr gelingen, sich den begehrten Junggesellen zu angeln oder schafft es die ebenfalls durch eine Heirat sozial aufgestiegene Jenny (geb. Bürstenbinder; eine Krämerstochter) die Leine zu kappen, um eine Blamage zu verhindern?

    Unerfüllte Erwartungen (ab hier: Spoiler)

    Ich habe diesen Roman nach meiner Lektüre von Effi Briest gelesen. Wäre es andersherum, würde mein Urteil wahrscheinlich milder ausfallen. So allerdings muss ich kritisieren, dass mir die Gesellschaftskritik am Ende nicht weit genug geht. Es hat mich emotional weniger berührt, ich habe ein fulminantes Finish erwartet, auf den Skandal gehofft. Es geht doch hier im Grunde um die klassische Shakespeare-Story: Die Bourgeoisie-Familie (Treibel/Munk) gegen das gebildete Bürgertum (Schmidt). Romeo und Julia im Berlin der 1880er Jahre quasi - nur, dass bei Fontane keiner stirbt und sich alle mit ihrem Los arrangieren. Kein Knall am Ende, keine Durchmischung der Verhältnisse. Es kann nicht einmal davon gesprochen werden, dass mit dem erwartbaren Ausgang jemand tief unglücklich wäre. So zeigt uns Fontane zwar Kritikpunkte an den sozialen Verhältnissen, aber keine Lösungsvorschläge.

    Fontane formuliert es am Ende folgendermaßen: „In eine Herzogsfamilie kann man allenfalls hineinkommen, in eine Bourgeoisfamilie nicht. Und wenn er, der Bourgeois, es auch wirklich übers Herz brächte – seine Bourgeoise gewiss nicht, am wenigsten wenn sie Jenny Treibel, née Bürstenbinder heißt.“

    Das Ende kann nicht überzeugen, es bleibt alles, wie es war. Stopp, Stagnation, Stillstand. Ganz klar: Der Weg muss hier das Ziel sein. Und so ist es auch. Fontane schafft einen wirklich unterhaltsamen Weg mit vielen humorvollen, gescheiten Momenten.

    Fontane arbeitet in >Frau Jenny Treibel< viel mit Dialogen. Auf kreative, witzige und intelligente Weise persifliert er „das Hohle, Phrasenhafte, Lügnerische des Bourgeoisstandpunktes […], der von Schiller spricht und Gerson meint“ (Fontane in einem Brief an seinen Sohn Theo über seine Intention zu >Frau Jenny Treibel<). Zur Erklärung: Mit  >Gerson< meint er wahrscheinlich einen gewissen Berliner Unternehmer (Herrmann Gerson 1813-1861), ein Aushängeschild des Besitzbürgertums.

    Fontane bringt seine Anti-Bourgeois-Haltung einerseits durch den gelehrten Professor Willibald Schmidt zum Ausdruck, andererseits durch die Charakterzeichnung der Roman-„Anti“-Heldin Jenny. Diese beteuert vehement ihren großen Idealismus („Aber mir gilt die poetische Welt, und vor allem gelten mir auch die Formen, in denen das Poetische herkömmlich seinen Ausdruck findet. Ihm allein verlohnt es sich zu leben. Alles ist nichtig; am nichtigsten aber ist das, wonach alle Welt begehrlich drängt: äußerlicher Besitz, Vermögen, Gold. […] Ich für meine Person verbleibe dem Ideal und werde nie darauf verzichten.“ [3. Kapitel; S. 30f.]), sie singt mit Herzenslust das alte romantische Lied (Wo sich Herz zu Herzen find‘t) ihres einstigen Verehrers Professor Schmidt bei jedem sich bietenden Anlass. Und während sie Wasser predigt, trinkt sie ihren Wein in großen Schlucken.  Jenny bedrängt ihren Sohn, die mit Prestigeverlusten einhergehende Verlobung zu canceln, organisiert eine aussichtsreichere Partie mit der Schwester ihrer Schwiegertochter, die sie bereits vor der Verlobung aus dem Anwärterinnen-Pool aussortiert hatte. "Eigentlich liegt es doch so: Alles möchte reich sein, und ich verdenke es keinem.“ (1. Kapitel; S. 13) Alles, bloß keinen Skandal! "Die Dinge bleiben doch schließlich, was und wie sie sind." (5. Kapitel; S. 52)

    Fischer Klassik Ausgabe

    Das Cover finde ich ästhetisch wunderschön. Auch inhaltlich glänzt die Ausgabe mit einer Kurzbiografie Fontanes und dem (dieses Mal recht dürftig ausfallenden) Kindler-Beitrag.

    Fazit

    Knapp heruntergebrochen ist FRAU JENNY TREIBEL von Theodor Fontane ein Roman, wo sich Herz zu Herzen findet (mehrfach); welches voller Sozialkritik der Wilhelminischen Ära trieft, für die es allerdings keine Lösungsansätze gibt und sich daher am Ende alles in Wohlgefallen (jeder bleibt für sich) auflöst. Realismus pur – keine Frage! Aber die Moral? Hast du eine Schwiegermutter, die dich nicht leiden kann und einen Verlobten, der für seine Liebe zu dir nicht einstehen kann, tust du gut daran in der Hinterhand noch einen verliebten Narren zu haben, der dir verzeiht, dass du ihn nicht liebst.

     

    FRAU JENNY TREIBEL | Theodor Fontane | Fischer Taschenbuch Verlag| Fischer Klassik| 2008 | 208 Seiten | 5,00€

  7. Cover des Buches In neuem Licht (ISBN: 9783446271135)
    Tanja Schwarz

    In neuem Licht

    (12)
    Aktuelle Rezension von: teilzeitbaeuerin

    Tanja Schwarz vereint in diesem Buchband mehrere Kurzgeschichten über Frauen, die einen Rucksack mit sich tragen und dennoch weiter nach vorne blicken. Der Schreibstil ist in einem gehobenen Stil. Die Figuren sind authentisch und gut ausgearbeitet. Die Geschichten abwechslungsreich und gut durchdacht. Dennoch konnte mich der Band leider nicht überzeugen - keine der Geschichten hat bei mir einen wirklichen Eindruck hinterlassen, oder ich habe das Buch zu einem falschen Zeitpunkt gelesen ...

  8. Cover des Buches Dunkel der Himmel, goldhell die Melodie (ISBN: 9783499010880)
    Anne Stern

    Dunkel der Himmel, goldhell die Melodie

    (120)
    Aktuelle Rezension von: AMCLiest

    Vor meinem Dresdenurlaub wollte ich mich mit der Geschichte der Stadt etwas beschäftigen, und da fiel mir der wundervolle Roman von Anne Stern in die Hände.

    Im Jahr 1840 wird die Semperoper neu eröffnet und bietet nicht nur den Bürgern Dresdens ein neues Musikerlebnis, sondern ist auch Arbeitsstätte der Künstler:innen, der Musiker, der Garderobiere, den Schneidern, den Bühnenmalern und einfach allen, die dafür sorgen, dass eine Aufführung  gut gelingt. 

    Die gutbürgerliche Familie Spielmann verbindet eine tiefe Liebe zur Musik, der Vater möchte eine bessere Stelle im Orchester der Semperoper, seine älteste Tochter Elise träumt vom Geigenspiel auf der Bühne,  die Zwillingsmädchen musizieren und  auch der Bruder spielt ein Instrument. Elise soll bald Adam Jacobi, einen Freund ihres Vater heiraten, obwohl dieser und ihr Vater Geheimnisse verbergen, die sich auch auf die Zukunft des Mädchens auswirken. Als die Familie eines Abends in die Oper geht, ist Elise so beeindruckt, dass sie kurz die Vorstellung verlassen muss, um frische Luft zu schnappen. Da lernt sie den Bühnenmalergesellen Christian kennen und beide verbindet sofort eine tiefe Zuneigung. Leider hat ihre Liebe keine Chance verwirklicht zu werden, denn zu groß sind Elise Ehr- und Pflichtgefühl ihren Eltern und der Familie gegenüber. Dennoch findet sie die Kraft, sich ihrem zukünftigen Mann gegenüber durchzusetzen, um ihren Traum zu verwirklichen.

    Nicht nur das Leben in der Semperoper, sondern auch die Kluft zwischen Arbeitern und dem Bürgertum prägen diesen spannenden Roman, der das alte Dresden lebendig macht.  Auch die Rolle der Frau und die damaligen Moralvorstellungen finden genauso Platz in dieser wundervollen Geschichte wie die Schicksale  einer Primadonna, einer Wahrsagerin und Freundinnen Elises.  Dadurch ergibt sich mit der schönen Sprache ein ein harmonisches Ganzes, das einfach bezaubert. Anne Stern versetzt sich mit Feingefühl in die Seelenwelt von zwei Menschen, die nicht zueinander finden können und beschreibt dazu detailgenau die alten Straßen und Bauwerke Dresdens, sodass eine kleines feines Meisterwerk entsteht, das sich zu lesen lohnt!

  9. Cover des Buches Das lässt sich ändern (ISBN: 9783492274760)
    Birgit Vanderbeke

    Das lässt sich ändern

    (45)
    Aktuelle Rezension von: schokoloko29

    Adam Czupek ist ein draußen Kind. Während die Protagonistin ein drinnen Kind ist. Adams Mutter war durchgeknallt und wurde mit Psychopharmaka ruhig gestellt. Seine Kindheit war geprägt von Verwahrlosung, Isolation in der Familie, wenig Platz für Privatsphäre, Kreativität und sich alleine durchschlagen. Dagegen war die Protagonistin eine Tochter aus gutem Haus. Ein Schneider kam ins Haus und nähte ihrer Schwester und ihr selbst maßgeschneiderte Kleider, sie hat einen gute Bildungshintergrund und hat Logopädie studiert. Adam glaubt nicht ans Reden, sondern ans machen und zupacken. Diese beiden Menschen verlieben sich in einander und gründen eine Familie. Zum Verdruss ihrer beiden Familien und Freunden. Dann wird noch ihre gemeinsamt Wohnung gekündigt und sie stehen so gut wie auf der Straße. Doch da trifft die Protagonistin ihre alte Freundin Fritzi aus der Studienzeit wieder und sie beschließen zusammen eine WG zu machen. Fritzi hat nämlich ein altes verwahrlostes Haus in Jott- weh-de geerbt. Adam hilft beim renovieren. Und sie beiden Freundinnen und die Familie leben zusammen unter einem Dach.

    Für mich war das Buch einfach ein sehr schönes Leseerlebnis. Es erinnerte mich auch etwas an "Das alte Land" von Hansen. Es steht im Vordergrund die Improvisation von Lebensumständen und Resourcen und das Beste daraus machen. Und auch das Thema zurück zu der Handarbeit und zur Selbstversorgung.

    Mir hat es wirklich sehr gut gefallen. Ich mag aber auch die Autorin sehr!

  10. Cover des Buches Verwirrung der Gefühle (ISBN: 9783745022117)
    Stefan Zweig

    Verwirrung der Gefühle

    (60)
    Aktuelle Rezension von: SotsiaalneKeskkond

    Auf seinen alten Tagen blickt der nicht exakt namentlich genannte Professor, der uns als Ich-Erzähler vorsitzt, auf seine frühen Studienjahre zurück. Vor allem auf die Zeit, in der sein damaliger Professor mit seiner Energie und seinem Elan beim Vortragen die Gefühle des jungen Mannes zum Entgleisen bringt. 

    Verwirrung der Gefühle ist bei weitem wirklich nicht meine erste Novelle von Stefan Zweig. Schreibstil und gesellschaftskritisches Denken waren mir also bereits bekannt. Sprachlich war auch dieses Werk wieder flott und gut lesbar, allerdings konnte mich die Geschichte nicht ganz abholen. Fast schon erschien es mir, dass im Gegensatz zu anderen Werken Zweigs, wie beispielsweise Angst oder Briefe einer Unbekannten, der Plot hier recht schwach konstruiert ist. Ich konnte einfach nicht genug Interesse mit dem Schicksal der Protagonisten aufbringen, als dass ich von diesem fasziniert sein würde. Das tut mir zwar wirklich leid, vor allem, weil unser Student ein Schicksal erleidet, dass vom Klappentext an mein höchstes Interesse geweckt hatte. Dieses konnte dann leider einfach nicht gehalten werden. 

    dennoch bin ich nicht enttäuscht von diesem Werk und sehe das Potential darin, Menschen beim Lesen für sich zu gewinnen, auch wenn es bei mir leider nicht funktioniert hat. 

  11. Cover des Buches Der Sommer meiner Mutter (ISBN: 9783406734496)
    Ulrich Woelk

    Der Sommer meiner Mutter

    (66)
    Aktuelle Rezension von: Hubertus_Feldmann

    Gäbe es diesen ersten Satz nicht, das Buch bliebe bis zum Schluss: hoffnungsvoll. So aber schwebt dieser erste Satz unheilvoll über der sich entwickelnden Geschichte: „Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.“ 

    Eine Geschichte von erkaltender Liebe, von erwachender Liebe und einer Liebe, die „anders“ ist. Und man tut „es“ (bzw. wünscht „es“ zu tun oder nicht zu tun), was man sowohl im Freud‘schen Sinne (Lustprinzip) verstehen kann als auch in der hier gemeinten Form, als gehemmte Umschreibungsform der körperliche Liebe (!) auf der einen, auf der erwachsenen Seite und als geheimnisvoller Vorgang, den man zunächst noch nicht zur Gänze versteht auf der anderen Seite. Denn immerhin ist der Erzähler dieser Seite gerade erst elf Jahre alt geworden („Alle sollten sich gegenseitig mögen – so stellte ich mir das vor.“). Ihm zur Seite steht die neue Nachbarin, ein knapp zwei Jahre älteres Mädchen. Aber diese zwei Jahre haben es in sich.

    Wer in jener Zeit groß geworden ist, wird dort große Teile seiner Entwicklung widergespiegelt finden. Für die jüngeren unter uns ist es eine faszinierende Möglichkeit, sich zumindest gedanklich mit der Welt (und den Kämpfen) ihrer Eltern auseinanderzusetzen (es gab ja nicht nur die Mondlandung, sondern auch den Vietnam-Krieg – und die ersten Wellen weiblicher Emanzipation, eingebettet in die 68er-Bewegung), in der es galt „Richtig und Falsch“ (so etwas tut man nicht …) sowie „Gut und Böse“ (hier der freie Westen, dort der undurchsichtige kommunistische Machtblock) nach Kriterien zu unterscheiden, die aus heutigem Blickwinkel etwas antiquiert erscheinen.

    Aber dies sind nur die Rahmenbedingungen, in denen sich die Geschichte entfaltet. Auch wenn die Protagonisten noch sehr jung sind und sich manche Dialoge diesem Alter entziehen („Ich begriff, dass es einen Unterschied zwischen der Wirklichkeit und Fernsehbildern gab, und ich war mir nicht sicher, ob mir das gefiel.“), so ist doch die von einer gewissen Grundmelancholie getragenen Geschichte äußerst schlüssig erzählt. Und den durch sie vermittelten Emotionen kann man sich kaum entziehen.

    Gäbe es diesen ersten Satz nicht, würde man diesen Roman vielleicht in einem Rutsch lesen. Denn es gibt zunächst keine spektakulären Katastrophen und die Auseinandersetzung verlaufen eher freundlich gestimmt – auch wenn schon bald Ahnungen Entwicklungen denkbar machen, die ungut enden könnten: „Nach einer kurzen Pause sagte meine Mutter [zum Vater]: ‚Denkst du, mit der neuen Nachbarin wäre es einfacher?‘“ Es sind diese ahnungsvollen Sätze sowie kleine Gesten die zerrüttend wirken, kleine Brüche verursachend, die möglicherweise nicht mehr zu kitten sind. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite findet man erste tastende von Unsicherheit unterlegte Gefühle von Zuneigung und Begehren, die letztlich in der Lage sind, alle Ketten zu sprengen.  

    Kurz: Dieses Buch ist eine herausragende Möglichkeit, sich sowohl dem Zauber der Liebe als auch dem der menschlichen Fehlbarkeiten hinzugeben.

    (1.4.2019)

  12. Cover des Buches Bürgertum im 19. Jahrhundert, 3 Bde. (ISBN: 9783423044820)
  13. Cover des Buches Die Erfindung der Leistung (ISBN: 9783446256873)
    Nina Verheyen

    Die Erfindung der Leistung

    (2)
    Aktuelle Rezension von: M.Lehmann-Pape
    Hochinteressant

    Die Stichworte „Burn Out“ und „Arbeitszeitverdichtung“, in Verbindung mit „ständig zunehmender Geschwindigkeit der Prozesse der Arbeit“ (und des Lebens), sind keine „Modeworte“ von vor einigen Jahren, sondern zunehmend, noch stärker, noch deutlicher und ohne, dass ein Ende der Steigerung abzusehen wäre, Teil des täglichen Lebens.

    Dem zu Grunde liegt (und dass nicht nur, aber auch klar absehbar in abfälligen Bemerkungen sozial Schwächeren gegenüber diese als „faul“ titulierend), dass das „Prinzip Leistung“ herrscht. Seit ehedem, könnte man sagen. Wobei die intrensischen Motive vielleicht einem Wandel sich in Teilen unterziehen (nicht immer gilt für die Gegenwart noch „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“). Aber das Streben nach Reichtum, Macht, Einfluss, die Idee, dass aus „Leistung“ etwas an vorzeigbarem Erfolg wird (der um jeden Preis, anscheinend selbst von denen, die gar nicht mehr wohin wüssten mit ihren Ressourcen, verteidigt, am Besten noch gesteigert werden muss).

    Wie auch am Gegenteil zu sehen. Wenn Einfluss schwindet, man „abgesägt“ wird oder es einfach nicht mehr reicht, „mitzuhalten“. Nicht selten als persönliche Demütigung steht dies dann im Raum.

    Und auch wenn eine neue Generation von Teilnehmern am Arbeitsleben Worte wir „Work-Life-Balance“ nach vorne schieben, dass „Private“ höheren Stellenwert vor „Karriere“ hier und da erhält, auch das „muss man sich leisten können“, scheint es.

    Eine an Effizienz und Leistung orientierte Weltordnung, die in diametralem Gegensatz zu den Erkenntnissen und Haltungen jener Philosophen steht, auf denen aus der Antike heraus sich diese „moderne Welt“ durchaus mitbegründet hat.

    Müßiggang, auf keinen Fall körperlich arbeiten. Zeit, die Gedanken fließen zu lassen, dass waren damals die Werte, die bis heute in der Philosophie nachzulesen und nachzudenken sind. Was aber, eine nicht unerhebliche Einschränkung, nur dadurch möglich war, dass andere „Leistung“ erbrachten. Sklaven eben.

    Nina Verheyen nimmt in ihrem neuen Werk, bestens zu lesen, sich dieser Frage an. Wo kommt eigentlich unser „Leistungsdenken“ und diese fundamentale Bedeutung der „Leistung“ genau her. Warum ist es so, dass all, die nicht mithalten können, mehr und mehr als „faul“, als „Sozialschmarotzer“ angesehen werden, statt dass Mitleid und Solidarität in den Vordergrund treten?

    Und wie ist dieser schroffe Gegensatz im Literaturbetrieb zu erklären, wo auf der einen Seite tausende Ratgeber zur Gelassenheit, Selbstsorge, Achtsamkeit und „Kraft zur Muße“ sich die Regale redlich teilen mit ebenso vielen Ratgebern zur Selbstoptimierung, zur geplanten Karriere, zu allen möglichen Tipps und Tricks, die eigene „Leistung“ zu steigern?

    Und wie kann das sein, dass dieser Gedanke, durch Leistung wirklich ganz nach oben kommen zu können, so tief verankert ist? Wenn doch, statistisch gesehen, das System eben gar nicht „aus eigenen Kräften“ durchlässig ist und Ausnahmen diese Regel eher bestätigen, denn diese zu widerlegen?

    Herkunft, Ort, Familie, Hautfarbe, Bildungsmöglichkeiten, Erbschaften, Glück und Zufall, dass sind doch die eigentlichen Variablen für ein (zumindest materiell) „erfolgreiches Leben“. Wobei es daher ebenso eher eine Einbildung derer ist, „die es geschafft haben“, dies allein „eigener Leistung“ zurechnen zu wollen.

    Es lohnt sich daher, die Perspektive mit der Autorin zu wechseln.
    Nicht vordergründig auf „objektive“ Leistungen zu schauen, sondern auf „individuelles“ Leistungsvermögen und genau für dieses individuelle Vermögen Wertschätzung und gesellschaftliche Akzeptanz als gemeinsamen, gesellschaftlichen Weg in die Zukunft zu kreieren.
    Denn alle Prognosen der mittleren Zukunft, in denen nicht mehr genug an „leistungsorientierter“ Arbeit „für alle“ vorhanden sein wird, macht ein solches Umdenken der Werte in subjektive Relationen statt objektiv materiell vermeintlich messbaren Wert einer Leistung nötig.
    Was sich im Übrigen bereits aus der sehr fundierten, historischen Erläuterung der Entwicklung der „Leistung“ im Buch entfaltet.

    Der Mensch ist und bleibt eben „keine Maschine“ und besitzt vielfach mehr Nuancen, als sie „objektiv messbar“ vorliegen könnten. Womit einem Leistungsgedanken keine Absage erteilt wird, sich aber je persönlich die Frage stellt, wohin denn eine „Selbstoptimierung“ wirklich gehen sollte und könnte.
  14. Cover des Buches Die ganze Geschichte meines gleichgültigen Lebens (ISBN: 9783981707960)
    Franz Simon Meyer

    Die ganze Geschichte meines gleichgültigen Lebens

    (3)
    Aktuelle Rezension von: Aischa

    Das Buch ist ein herausragendes Werk, es wurde von Herausgeber und Verlag mit außerordentlich viel Liebe und Leidenschaft zum Detail gestaltet.
    Dies ist bereits am hochwertigen, edlen Einband erkennbar, die wunderschönen Illustrationen von René Hübner zeigen viel Einfühlungsvermögen, und das farblich abgestimmte Lesebändchen rundet den optischen Genuss ab.
    Zum Inhalt: Der gutbürgerliche Bankier Franz Simon Meyer schildert in seinen vorliegenden persönlichen Aufzeichnungen die Zeit von 1829 bis 1849. Jedem Kalenderjahr ist ein Kapitel gewidmet. Meyer schildert penibelst genau Wetteraufzeichnungen, den Ertrag von Obst- und Getreideernten sowie besondere Vorkommnisse seines Alltags in Rastatt und Baden-Baden. Er führt Geburten, Hochzeiten und Todesfällen in Familie und Freundeskreis auf, stellt aber auch umfangreich  seine Sicht auf die politische Lage in Baden, Deutschland, Europa, ja bisweilen auch Amerika und Asien dar. Besonders viel Platz räumt Meyer der badischen Revolution in den Jahren 1848/49 ein. Mit Schaudern kann man etwa lesen, wie er - aus Rastatt geflüchtet - mit dem Fernrohr die Kampfhandlungen auf dem Schlachtfeld beobachtet; die Sorge um seine Frau, die (samt Baby) zurückgeblieben war, um Haus und Vermögen zu verteidigen, ist greifbar.
    Der Schreibstil ist zunächst durchaus gewöhnungsbedürftig, hat Sebastian Diziol doch die Aufzeichnungen Meyers akribisch nahezu unverändert transkribiert. Aber gerade dadurch ist ein einzigartiges und anschauliches Zeitzeugnis deutscher Geschichte entstanden, die Authentizität des Geschriebenen ist auf jeder Seite spürbar. 
    Sehr hilfreich für Verständnis und Lesefluss sind Randnotizen des Herausgebers, die sowohl nicht mehr gebräuchliche Ausdrücke erläutern als auch die kompletten Namen (samt Geburts- und Sterbejahr) der von Meyer erwähnten Personen aufführen. 


    Der vorliegende Band ist der zweite einer Trilogie und auch eigenständig ohne Vorkenntnis des ersten Bandes gut verständlich. Ich werde mir die Ausgabe über Franz Simon Meyers Jugendjahre aber auf jeden Fall noch kaufen und bin schon sehr auf den dritten und letzten Band gespannt.

    Ich lese gerne und viel, und die meisten meiner Bücher machen nur kurz bei mir Zwischenhalt, da ich sie weiter verkaufe oder verschenke. "Die ganze Geschichte meines gleichgültigen Lebens" ist jedoch ein Schatz, der dauerhaft einen Platz in meinem Regal wie auch in meinem Herzen gefunden hat. 
    Dieses Werk ist ein wahres Kleinod für jeden Buchliebhaber, der gute Gestaltung zu schätzen weiß, aber ich empfehle es nicht nur Bibliophilen, sondern jedem, der sich für die deutsche Geschichte interessiert.
  15. Cover des Buches Das lange 19. Jahrhundert (ISBN: 9783801204686)
    Matthias von Hellfeld

    Das lange 19. Jahrhundert

    (2)
    Aktuelle Rezension von: Viv29

    Auf etwa 250 Seiten gibt Matthias von Hellfeld einen ganz ausgezeichneten Überblick über die Jahre zwischen 1776 und 1914, die vorwiegend mit Blick auf das heutige Deutschland, aber auch mit Informationen über andere europäische Länder. Das Buch ist schon haptisch ein Vergnügen, hier wurde angenehmes hochwertiges Papier gewählt. Auch die Gestaltung ist übersicht und ansprechend: es finden sich qualitativ ausgezeichnete Abbildungen, farbig unterlegte Zitatfelder, sowie Karten, Tabellen und Übersichten. Auch der Text kann mit der Gestaltung mithalten. Hellfeld schreibt angenehm, gut verständlich, konzentriert sich meistens auf das Wesentliche. Er verweist auf umfangreiche Geschichtswerke namhafter Autoren wie Nipperdey oder Münkler, und gerade wer Nipperdey kennt, weiß, wie ausgezeichnet, aber auch detailliert seine dreibändige "Deutsche Geschichte" ist. Hellfeld zieht aus diesen Bücheren die wichtigen Themen komprimiert heraus und das gelingt gut.

    So sind auf diesen 250 Seiten erstaunlich viele Informationen vorhanden. Wer einen gelungenen Überblick über jenes "lange Jahrhundert" bekommen und Zusammenhänge verstehen möchte, ohne sich durch umfangreiche Geschichtswerke zu wühlen, für den ist dieses Buch genau das Richtige. Gerade die Zusammenhänge werden ganz ausgezeichnet erklärt, dies auch wesentlich klarer als in vielen anderen Bücheren. Hier sieht man, wie die Geschehnisse ineinandergreifen, welche zu jener Zeit kaum absehbare Konsequenzen manche Handlugnen und Entscheidungen Jahrzehnte später haben können. Gut erklärt wird auch, wie übertriebener Nationalismus entstehen konnte, was die Bismarck'sche Politik eigentlich bedeutete und wie schnell sie sich unter Wilhelm II umkehrte und in die Katastrophe führte. Selten habe ich geschichtliche Zusammenhänge so gut erklärt gefunden. Hier und da kommt es zu einigen kleineren Wiederholungen, ein wenig irritiert war ich, auf Seite 245 einen Satz zu lesen, der fast wortgleich schon auf Seite 226 steht. Das sind aber nur Kleinigkeiten.

    Während die Politik im Vordergrund steht, findet auch die Entwicklung von Kunst, Familienleben, Arbeitsbedingungen und anderen Alltagsthemen Platz, wenn auch vorwiegend zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

    Insgesamt bin ich beeindruckt, wie viel hier in einem recht dünnen Buch Platz gefunden hat, wie mit wenigen Worten so gründlich Zusammenhänge, Hintergründe und Entwicklungen dargelegt wurden. Absolut empfehlenswert.

  16. Cover des Buches Die Tochter des Zementbarons (ISBN: 9783765536656)
    Sylvia B. Barron

    Die Tochter des Zementbarons

    (28)
    Aktuelle Rezension von: Mazeixx

    Das Buch spielt im schwäbischen Blaubeuren und erzählt die Geschichte von Anna, die in einer Zeit des gesellschaftlichen Wandels und zur Zeit des Ersten Weltkriegs ihren eigenen Weg finden muss. Nach und nach ein vielschichtiges Bild ihrer Lebenswelt, geprägt von Familie, Erwartungen und persönlichen Entscheidungen. Man erfährt viel vom Leid welches durch das Kriegsgeschehen ausgelöst wurde.

    Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Besonders das schwäbische Setting rund um Blaubeuren hat mich sofort abgeholt – gerade weil ich selbst aus Württemberg komme und ein großes Interesse an den historischen Hintergründen dieser Zeit habe. Die Stimmung im Buch  wirkt authentisch und lebendig, sodass man sich gut in die Geschichte hineinversetzen kann.

    Sehr spannend fand ich die unterschiedlichen Sichtweisen, durch die sich die Handlung Stück für Stück zusammensetzt. Die gewählte Briefform hat mir dabei besonders gut gefallen, weil sie den Figuren eine eigene Stimme gibt und die Geschichte auf eine sehr persönliche Weise erzählt wird.

    Die Protagonistin Anna empfand ich als sehr authentisch und sympathisch. Ihre Gedanken und Gefühle waren für mich gut nachvollziehbar, und ich hätte tatsächlich gern noch länger von ihr gelesen. Auch die in die Handlung eingewobene Liebesgeschichte hat mir sehr gut gefallen! Diese fügt sich stimmig ein, ohne zu dominant zu sein. Einfach schön 🤩 

    Insgesamt ist „Die Tochter des Zementbarons“ für mich ein gelungener Debütroman, den ich sehr gern gelesen habe. Ich spreche eine klare Leseempfehlung aus und freue mich schon darauf, weitere Bücher von Sylvia B. Barron zu entdecken. 

  17. Cover des Buches Die Formierung der bürgerlichen Gesellschaft 1550-1850 (ISBN: 9783596601332)
  18. Cover des Buches Die Pastakönigin (ISBN: 9783822505366)
    Maria Orsini Natale

    Die Pastakönigin

    (3)
    Aktuelle Rezension von: Bellis-Perennis

    Von diesem historischen Roman habe ich ursprünglich ein bisschen etwas anderes erwartet, habe aber dann in diese Familiensaga, die auch die politischen Ereignisse in Italien von Garibaldi bis Mussolini einflicht, als ziemlich interessant empfunden.  

    Das Buch schildert die Entstehung der italienischen Pasta-Industrie von einem kleinen neapolitanischen Familienbetrieb von reiner Handarbeit über die frühe Mechanisierung unter Zuhilfenahme von Knetstangen, Matrizen und Bronzeformen bis hin zur Nudelindustrie, wie wir sie von aus den Supermärkten kennen.  

    Es wird weder die harte Arbeit, das karge Einkommen noch die Anfänge der Mafia ausgespart. Anhand der Familienmitglieder zieht die regionale oder auch dei Weltgeschichte an uns Lesern vorüber. Das eine oder andere Ereignis wird nur kurz gestreift oder eben ausführlicher behandelt. 

    Fazit: 

    Wer etwas über die Entstehung der vielfältigen italienischen Pasta lesen will und über den Ideenreichtum der echten italienischen Pasta (abseits von Spaghetti oder Penne) staunt, ist hier richtig. Gerne gebe ich dieser Familiensaga mit Mehrwert 4 Sterne.

     

     

  19. Cover des Buches Wandlungen einer Ehe (ISBN: 9783492960090)
    Sándor Márai

    Wandlungen einer Ehe

    (36)
    Aktuelle Rezension von: beccaris

    Drei Erzählperspektiven führen durch dieses meisterhaft geschriebenen Roman. Im Grunde genommen geht es um die Liebe. Zuerst erzählt die geschiedene Frau, dann der ehebrüchige Ehemann und im letzten Kapitel das Dienstmädchen und spätere Ehefrau. Man denkt sich, was für ein abgenutzter Plot, der da erzählt wird. Jedoch muss ich zugeben, dass je weiter die Erzählung führt, umso tiefgründiger und auch philosophischer wird sie. Mir hat ausserordentlich gut gefallen, wie der Autor sich in alle drei Personen sehr authentisch hinein versetzen konnte. Sowohl die Rollen der beiden Frauen wie auch die Sicht des Mannes werden klar und mit tiefem Gespür für die jeweilige Bedeutung nachgezeichnet.

    Die Konventionen einer grossbürgerlichen Familie und die Wahrnehmungen eines aus sehr armem Milieu stammenden Dienstmädchens lassen tief in die Seele der einzelnen Protagonisten blicken. Es sind Welten kultureller Herkunft, die da aufeinanderprallen und die in Nichtverständnis, Hass und Betrug münden.

    Die ersten beiden Teile sind bereits 1941 in Ungarn erschienen, der dritte Teil wurde erst 1948 in italienischem Exil des Autors fertiggestellt.

  20. Cover des Buches Henny Walden (ISBN: 9783956742132)
  21. Cover des Buches Dresden 1919 (ISBN: 9783451359996)
    Freya Klier

    Dresden 1919

    (2)
    Aktuelle Rezension von: Ritja
     Ein spannendes und sehr interessantes Buch über Dresden in der Zeit von 1918-1920. 

    Die Autorin hat viele kleinere Kapitel geschrieben, so dass man sich die geballte Geschichte auch in Etappen vornehmen kann. Das Buch ist sehr gut recherchiert und mit vielen Zitaten und Ausschnitten aus Zeitungen (Artikel) und Büchern bestückt. Es lässt sich gut lesen, ist aber kein Roman, den man schnell mal durchgelesen hat. Es braucht seine Zeit sich durch die vielen geschichtlichen Fakten durchzuarbeiten, aber es ist interessant. Mich haben sehr die Künstler und Schriftsteller interessiert und davon hätte es gern etwas mehr geben können. Die Bilder unterstrichen noch das Geschriebene und gaben den Stimmen noch ein Gesicht. Vieles habe ich schon gewußt (durch die Tagebücher von Victor Klemperer und anderen Autoren), aber es gab auch einiges neues zu entdecken. 

    Für Geschichtsinteressierte und Dresdener, die ihre Heimat und deren Geschichte näher kennenlernen wollen, kann ich dieses Buch nur empfehlen. Es beleuchtet eine schwierige Zeit aus den verschiedensten Perspektiven und zeigt wie die Menschen mit dem Hunger, der Angst und den Verlusten versuchten zu (über-)leben.
  22. Cover des Buches Revolution und Konterrevolution in Deutschland (ISBN: 9783847247463)
  23. Cover des Buches Die Blüte der Novemberrosen (ISBN: 9783442492176)
    Martha Sophie Marcus

    Die Blüte der Novemberrosen

    (10)
    Aktuelle Rezension von: Chattys_Buecherblog

    In "Die Blüte der Novemberrosen" erleben wir die mitreißende Geschichte von Sophie, die wir dieses Mal von 1852 bis 1871 begleiten. Die Autorin hat es geschafft, Sophies Charakter weiterzuentwickeln und sie in ein beeindruckendes Licht zu rücken. Abwechselnd aus der Sicht von Sophie und Karl erzählt, wird der Leser immer tiefer in die Lebensumstände der Protagonisten hineingezogen. Auch Sophies Schwestern finden im zweiten Band ihren Platz.


    Besonders beeindruckend ist die Darstellung der sozialen Kluft, die zwischen den einfachen Arbeitern und dem Wohlstand aufgezeigt wird. Die Industrialisierung in Zeiten des Krieges ist ein zentrales Thema, das die Geschichte immer mehr beeinflusst. Hierzu gelingt es der Autorin hervorragen, die Sprache und bildhaften Beschreibungen der Schauplätze in das Geschehen einzubinden. 


    Die zahlreichen Wendungen haben das Lesen dieses Buches zum Erlebnis gemacht, auch wenn die Szenen nicht immer einfach zu lesen bzw. verarbeiten waren. Eine tolle Reihe, die so viel mehr, als nur pure Romane sind.

  24. Cover des Buches Die Intellektuellen und die Nation. Eine deutsche Achsenzeit. (ISBN: 9783518286708)

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