Bücher mit dem Tag "dbp 2014"

Hier findest du alle Bücher, die LovelyBooks-Leser*innen mit dem Tag "dbp 2014" gekennzeichnet haben.

20 Bücher

  1. Cover des Buches Vor dem Fest (ISBN: 9783442749898)
    Saša Stanišić

    Vor dem Fest

     (175)
    Aktuelle Rezension von: rica

    Fürstenfelde, ein kleiner Ort in der Uckermark, bereitet sich auf das jährliche Annenfest vor, dabei erleben verschiedene Personen und eine Füchsin die Nacht vor dem Fest sehr unterschiedlich. 

    Ich war mit dem Buch sehr schnell durch, da es sehr packend und flüssig geschrieben ist. 

    Die Kapitel wechseln zwischen den verschiedenen Protagonist*innen uns Schauplätzen, mit einer Ausnahme sind sie durch ein auktorial erzählendes lyrisches Wir formuliert. Zwar spielt der ganze Roman in einer Nacht (und teilweise dem Abend davor und dem Morgen danach) - mit Ausflügen in andere Zeiten durch Gedanken und Erinnerungen der Figuren.

    Diese sehr ungewöhnliche Art zu schreiben fand ich faszinierend!  

    Die Kritik Einiger, es gäbe keine Geschichte, teile ich nicht, kann sie aber verstehen. Die Figuren kreuzen teilweise ihre Wege oder kommen in Gedankengängen anderer vor, aber es gibt nicht den einen zentralen Spannungsbogen. Ich fand die Entwicklungen in den einzelnen Erzählungen schlüssig und mag Geschichten, die einfach das Leben unterhaltsam beschreiben - und nicht jede einzelne Handlung wird spätere als relevant für das Geschehen erkennbar. Aber das ist einfach Geschmackssache.


  2. Cover des Buches Kruso (ISBN: 9783518466308)
    Lutz Seiler

    Kruso

     (119)
    Aktuelle Rezension von: sKnaerzle

    Was man weiß: Edgar merkt, dass er nach dem Unfalltod seiner Freundin kurz davor ist, sein Leben zu beenden Um neu anzufangen, reist er nach Hiddensee und erhält dort halb illegal einen Job als Abwäscher.
    Edgar schließt sich besonders an Kurso an. Was auch noch wichtig ist, Edgar ist Germanistik-Student mit dem Schwerpunkt "Deutsche Romantik" 
    Und es ist auch eine Tatsache, dass DDR-Flüchtlinge von Hiddensee aus versuchten, die Ostsee schwimmend zu überqueren und Schweden zu erreichen. Die meisten sind dabei umgekommen.

    Was man vermutet: Kruso hat (wahrscheinlich) einen Hirntumor, der dazu führt, dass er Fantasie und Wirklichkeit nicht mehr recht unterscheiden kann. Am Ende wird er immer misstrauischer, bis er sogar seinen engsten Freund Edgar überfällt, weil er ihn für einen Verräter hält. Am Ende stirbt er - wahrscheinlich.

    Was stimmt oder auch nicht: Kruso glaubt, ein Aufenthalt auf Hiddensee heile von seelischen Leiden. Also hat er ein riesiges Netzwerk organisiert, an dem alle Saisonkräfte der Insel beteiligt sind. mit dessen Hilfe Besucher ohne Übernachtungsmöglichkeit illegal und heimlich untergebracht werden. Dabei gibt es seltsame Rituale. Edgar lässt sich von Kruse gerne für seine Zwecke einspannen - ein solche scheinbare oder echte Riesenverschwörung passt genau zu seiner Stimmung: hier hat jemand das Zauberwort getroffen, das für ihn die Welt zum singen bringt.

    Erst viele Jahre später erfährt Edgar von den Toten in der Ostsee. Er sucht ihr Grab, denn den Toten wahrt er die Treue.

    Mir hat der Roman nicht so gefallen. Normalerweise mag ich Geschichten, wo man einem Erzähler nicht trauen kann und man durch genaues Lesen rauskriegen muss, was wirklich ist und was nicht. Hier hatte ich eher das Gefühl, der erzählerische Aufwand ist mir zu groß und weder Kruso noch Edgar haben mich wirklich interessiert.

  3. Cover des Buches Pfaueninsel (ISBN: 9783442749836)
    Thomas Hettche

    Pfaueninsel

     (127)
    Aktuelle Rezension von: gst

    Was für ein Buch! Schon die Aufmachung des Hardcovers hat mich begeistert: Gebunden in seidenglänzendes, blaugraues Leinen und weiß bedruckt, ist das in-der-Hand-halten ein haptisches Erlebnis! Fragt nicht, wie oft ich das Buch von außen bewundert und liebevoll gestreichelt habe! Die äußere Aufmachung, die so sehr vom heute gewöhnlichen Aussehen mit Schutzumschlag abweicht, passt wundervoll zum Inhalt. Denn der erzählt eine historische Geschichte von der Pfaueninsel, deren Lage in der Havel bei Berlin auf der Innenseite des Umschlags zu finden ist.

    Als Leitfigur für seinen Roman hat der Autor das Schloßfräulein Marie gewählt. Die Kleinwüchsige war sechs Jahre alt, als sie zusammen mit ihrem Bruder Christian (ebenfalls ein Zwerg) auf die Insel kam. Sie erlebte in ihrer Lebenszeit, wie das künstlich geschaffene Paradies sich im 19.Jahrhundert innerhalb von zirka 75 Jahren immer wieder veränderte: von einer landwirtschaftlich genutzten Fläche in einen Paradiesgarten mit Menagerie bis zum teilweisen Verfall.

    Soweit die historischen Tatsachen. Das Märchen, das der Autor daraus gemacht hat, erzählt uns eine Geschichte, die teilweise zu Tränen rührt, ohne kitschig zu sein. Wir Leser werden nicht nur mit dem Leben der Adligen und seinen Auswüchsen bekannt gemacht und bekommen einen Eindruck von der damaligen Art zu reisen, sondern erfahren auch von der wichtigen Stellung des Hofgärtners Ferdinand Fintelmann.

    Fazit: Das Buch hat sich in mein Herz geschlichen.

  4. Cover des Buches Der Allesforscher (ISBN: 9783492306324)
    Heinrich Steinfest

    Der Allesforscher

     (72)
    Aktuelle Rezension von: Insider2199

    Ein Genre-Mix, der halb enttäuscht, wenn man das eine Genre nicht mag

    Der 1961 in Australien geborene, aber in Wien aufgewachsene österreichische Autor veröffentlichte 1995 seine ersten Romane – meist Krimis, Sci-Fi-Erzählungen oder Surreales. Bis Ende der 90er Jahre lebte er in Wien als freischaffender Autor, heute in Stuttgart als Maler und Schriftsteller. Für seine Romane erhielt er mehrmals den dt. Krimipreis (2./3. Platz) und landete 2014 mit „Der Allesforscher“ auf der Longlist des Dt. Buchpreises.

    Inhalt (Klappentext): Bademeister ist Sixten Braun erst auf dem zweiten Bildungsweg geworden. Dazu brauchte es zwei beinahe tödliche Unfälle, eine große Liebe und eine lieblose Ehe. Aber all das musste wohl sein, damit er werden konnte, was er werden sollte – nämlich der Vater eines ganz und gar fremden Kindes ...

    Meine Meinung: Nach all den anderen Steinfest-Büchern, die ich dieses Jahr lesen durfte, bleiben nun (neben „Das grüne Rollo“) 2 magische Leckerbissen übrig, auf die ich mich ganz besonders gefreut habe, v.a. weil dieser Roman ja auch 2014 auf der Longlist des dt. Buchpreises landete, was nicht immer ein Garant für Qualität darstellt, aber bei Steinfest-Büchern schon :)

    Ich habe im Vorfeld auch einige Rezis durchgelesen und der Grundtenor bei den Kritikern geht dahin, dass der Anfang ganz unterhaltsam und flott zu lesen sei, aber das Ende würde dann in Esoterik und Skurrilem verpuffen und ergebe keinen richtigen Sinn, fühle sich konstruiert an usw. Nun Eines kann ich dazu schon sagen: das sind vornehmlich die Leser, die leider mit dem Genre „magischer Realismus“ oder Surrealem in der Literatur nicht viel anfangen können. Im Nachwort erklärt Steinfest, dass er den Roman nicht an einem Stück geschrieben hat, und wenn man alle Steinfest-Bücher kennt, weiß man, dass sich Steinfest im Laufe seines Autorenlebens von realistischen Krimis zu eben magischem Realismus a la Murakami hinbewegt hat (siehe seine letzten Bücher, „Die Büglerin“ davon ausgenommen) und DAS ist eben einer der Gründe, wofür ich ihn liebe. Er hat also den Anfang zu einem früheren (Krimi-Zeitpunkt) geschrieben und das Ende später ergänzt.

    Daher war es bei mir genau umgekehrt: ich fand den Anfang eher etwas langweilig und mit dem zweiten Teil konnte der Autor bei mir wieder kräftig Punkte holen, denn hier wird es eben sehr surreal. Die große Spannung resultiert daher, dass man die ganze Zeit auf ein Zusammentreffen zweier Figuren wartet, hier wird man auch nicht enttäuscht, aber meine Erwartungen als Leser wurden dennoch nicht ganz erfüllt, weil eine bestimmte, sehr wichtige Sache nicht aufgelöst wird. Diese Sache ist zwar dem Leser bekannt, aber nicht den Figuren, und man möchte natürlich die Reaktion der Figuren miterleben.

    Fazit: Ein Roman, der sehr realistisch beginnt, dann aber in magischen Realismus übergeht; wer also seine Probleme mit dem Surrealen hat, sollte die Finger von diesem Roman lassen. Alle anderen werden nicht enttäuscht. Allerdings muss ich leider dennoch einen Stern abziehen, weil der erste Teil nicht zum Rest passen will, es ist, wenn man so will, ein Genre-Mix und man merkt es dem Roman an, dass seine beiden Teile zu unterschiedlichen Zeiten verfasst wurden. Dennoch sehr lesenswert!
  5. Cover des Buches Koala (ISBN: 9783442749089)
    Lukas Bärfuss

    Koala

     (52)
    Aktuelle Rezension von: KINSKINSKI

    Ein Roman über Suizid und darüber, wie Intoleranz zu Verständnis wird. Indirekt lehrt Bärfuss das heikle Thema Suizid und führt den Leser dabei dennoch nicht belehrend an die Impulse und versteckten Anzeichen heran. Hier muss man allerdings vorsichtig sein, denn Anzeichen gibt es im geplanten Fall selten. Bei all dem spart Bärfuss die Arroganz einer (Auf)Lösung aus.

    Historische Berichterstattung über Australien wechselt im Roman mit Gegenwartsszenarien, was für mich gut funktioniert hat. Einzig ein zu langer Mittelteil, der die Hauptfigur neben sich herschiebt, hat mir nicht so ganz gefallen.

  6. Cover des Buches Zwei Herren am Strand (ISBN: 9783423144681)
    Michael Köhlmeier

    Zwei Herren am Strand

     (69)
    Aktuelle Rezension von: Bibliomania
    Zwei große Persönlichkeiten, wie sie verschiedener wohl nicht sein könnten, treffen in diesem Roman von Michael Köhlmeier aufeinander: Ein weltberühmter, vielleicht DER bekannteste Schauspieler der Welt Charlie Chaplin und eine Ikone der Politik, die sich höchst persönlich in den Krieg mit Hitler stürzte: Winston Churchill.
    Beide litten zeit ihres Lebens unter Depressionen der schweren Art. Sie lernen sich durch einen ungewöhnlichen Zufall kennen. Keiner zeigt dem anderen, dass er weiß, wer sein Gegenüber ist und doch gehen sie gemeinsam spazieren und finden das erste Mal wirkliche Hilfe in ihren dunkelsten Stunden. Sie versprechen sich gegenseitig immer für den anderen da zu sein, obwohl der eine in Großbritannien, der andere in den Staaten lebt. Beide sind außergewöhnliche Männer und vor allem lernt man sie in diesem Buch kennen, auch unabhängig voneinander.
    Das war dann leider auch der Punkt, der mich ein wenig enttäuscht hat. Ich hätte mir mehr zu der Freundschaft und den Gesprächen gewünscht, mehr miteinander. Stattdessen geht es seitenweise über die anderen im Umfeld von Churchill und Chaplin. Deren Freundschaft selbst kam mir leider ein bisschen kurz. Die Passagen ihrer Gespräche waren toll, aber zu selten.
    Dennoch erfährt man einiges über den Staatsmann Churchill, seine Familie, vor allem seine innig geliebte Tochter.
    Chaplins größte Stütze in den Staaten ist einer seiner Hausangestellten. Interessant bei Churchill sind die Informationen über seine Filme. Was er sich dabei denkt bzw. gedacht hat, was er innovativ erreichen wollte.
    Alles interessant, aber doch etwas anders als erwartet.
    Dennoch eine interessante, vielleicht etwas düstere Freundschaft, wie sie in dieser Form sicherlich besonders und sehr selten ist.
  7. Cover des Buches Das Sandkorn (ISBN: 9783257243253)
    Christoph Poschenrieder

    Das Sandkorn

     (32)
    Aktuelle Rezension von: parden
    DAS DRITTE GESCHLECHT...

    Jacob Tolmeyn begegnet dem Leser das erste Mal am 06. Juni 1915, als er, immer wieder innehaltend, durch die Straßen Berlins streift und dabei eine ganze Anzahl kleiner Säckchen Sand ausleert, Worte dazu murmelnd. Ein Verhalten, das nicht lange unbeachtet bleibt; bald schon folgt ihm ein ganzer Trupp Neugieriger, die sein Treiben gespannt beobachten. Grund genug, um einen Polizisten in den unruhigen Zeiten des Ersten Weltkriegs misstrauisch werden zu lassen. Und so wird der junge Mann verhaftet und aufs Polizeirevier gebracht. Kommissar Treptow übernimmt das Verhör Tolmeyns, das fortan als Rahmenhandlung zu einer ganz anderen Geschichte dient, die im Verlaufe der Befragung zutage tritt: der Rückblende in das Jahr 1914, kurz vor und nach Ausbruch des Krieges.

    Der Leser begleitet den Kunsthistoriker Jacob Tolmeyn nach Rom, genauer ins dortige Königlich Preußische Historische Institut, wo er alte Dokumente sichten und auswerten muss. Es überrascht ihn, als er plötzlich den Auftrag erhält, nach Südiatlien zu reisen, um der anstehenden Räumung der Krypta des Doms zu Andria beizuwohnen, wo die Gräber der Gemahlinnen von Friedrich II. vermutet werden, von Federico secondo, dem Stauferkaiser. Im Autrag von Wilhelm II., des letzten Deutschen Kaisers und Königs von Preußen, ergeben sich im Anschluss noch weitere Forschungsreisen nach Südiatalien, die Jacob Tolmeyn in Begleitung seines Schweizer Kollgen Beat Imboden absolviert.


    " °Matera (...) it eine alte malrische Bergstadt von 17081 Einwohnern.° - 'Herrgott noch mal', sagt er, 'wenn es der verdammte Baedeker doch wengistens einmal richtig hinbekäme. M a l e r i s c h? Nur wenn einer wie Hieronymus Bosch malt." (S. 307)


    Unter der apulischen Sonne, bei der Vermessung der staufischen Kastelle, stoßen sie auf Legenden und Vermutungen, viel Sand und Staub, eine große Hitze, primitive Unterkünfte, Landadel, Armut und eine Vielzahl steinerner Zeichen einstiger Macht, angenagt vom Zahn der Zeit, überlagert von Bautätigkeiten späterer Erpochen. Bei der letzten Forschungsreise wird den beiden Kunsthistorikern zudem eine Begeleitung aus dem italienischen Kriegspresseamt mitgeschickt, eine junge Frau zu ihrer Überraschung, Letizia. Jeder der drei hat jedoch seine ganz eigenen Themen, die im Verlaufe der Erzählung immer deutlicher zutage treten - alle sind auf ihre Art auf der Suche nach einem Leben, das nicht von Vorurteilen bestimmt ist..


    "Die beiden anderen können gut miteinander. Das sieht sogar Tolmeyn (...) Die Drei ist doch eine vermaledeite Zahl, denkt er, vor allem die Zwei in der Drei, die die einsame Eins macht." (S. 319)


    Die 'einsame Eins' in dieser Rechnung ist er selbst, Tolmeyn, der eifersüchtig reagiert darauf, dass sich sein Kollege Beat so gut mit Letizia versteht. Doch versucht er unbedingt, diese Eifersucht zu verbergen, denn nicht Letizia ist es, an der er heimlich selbst Interesse hat, sondern Beat, sein männlicher Kollege. Homosexualität - in Deutschland zu dieser Zeit streng verboten und per Paragraph 175 auch gesetzlich unter Strafe gestellt. Der Hauptgrund, weshalb Tolmeyn eine gutdotierte Stellung in Berlin aufgab und nach Rom ging, aus Furcht, erpressbar zu sein, als 'Freundling' oder Anhänger des 'Dritten Geschlechts' geoutet zu werden. Ein Leben und Lieben in Verborgenen, immer in der Furcht vor der Entdeckung. Und nun sitzt er in einem Berliner Verhörraum und läuft Gefahr, dass sein gut gehütetes Geheimnis gelüftet wird.

    Kaleidoskopartig erzählt der Autor scheinbar von leichter Hand geschrieben - und doch ist jedes einzelne Wort wohlgesetzt - von Geschehnissen kurz vor Beginn sowie kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Eine Vielfalt von Themen steht hier gleichberechtigt nebeneinander, man bekommt ein eindringliches Bild vermittelt von den Zuständen zu dieser Zeit. Poschenrieder gelingt es, einen historischen Roman, einen Kriminalroman, einen Roman über gesellschaftliche (In-)Toleranz, aber auch über die Liebe zu schreiben und bei all dem auch eine (Anti-)Kriegsgeschichte zu erzählen. Selbst nahezu beiläufig Erzähltes entwickelt sich hier zu einem interessanten Thema, wie z.B. der kleine Einblick in die Geschichte der Fotografie. Dabei wirkt das Buch keineswegs überfrachtet, die Elemente und Zeitebenen greifen gekonnt und passend ineinander wie das feingewirkte Innenleben einer komplexen Uhr - und der Schreibstil ist so leicht wie passend, authentisch zum gewählten Zeitalter, und dabei kein bisschen übertrieben.

    Ein vielschichtiger, spannender, anspruchsvoller Roman mit einem erzählerischen Sog von der ersten Seite an bis zum überraschenden Ende, ein fein geknüpfter Webteppich aus Geschichte und Geschichten voller schöner Bilder, dabei auch ein unaufdringlicher Appell zu mehr Menschlichkeit und Toleranz. Mit diesem Roman hat mich Christoph Poschenrieder sehr beeindruckt, und sicher wird es noch weitere Bücher von ihm geben, die den Weg zu mir finden.

    Von mir eine ganz eindeutige Leseempfehlung!


    © Parden
  8. Cover des Buches April (ISBN: 9783596033164)
    Angelika Klüssendorf

    April

     (45)
    Aktuelle Rezension von: beccaris

    Sofort ist man als Leser wieder in der Geschichte des „Mädchens“ gefangen. Sie nennt sich nun April, nach einem Song von Deep Purple. Ihr Start ins Leben könnte härter nicht gewesen sein und es scheint sich wie ein roter Faden durch die Biografie der Protagonistin zu ziehen, dass ihre eigene Existenz immer wieder aufs Neue ins Wanken gerät. Es sind nun einige Jahre seit ihrer traurigen Kindheit vergangen und die junge Frau findet mehr schlecht als recht ihr Auskommen in einer Gesellschaft, die trostloser nicht sein könnte. Inneren Halt erhält sie selbst durch ihren Sohn sowie dessen Vater nicht. Sie kämpft mit ihrer inneren Zerrissenheit und den Ängsten, die sie aus frühen Tagen kennt.

    Im Gegensatz zum ersten Roman konnte ich die ehemalige DDR in dieser Erzählung sehr gut erkennen. Was es heisst, keinerlei Freiheiten zu haben und eine grosse Sehnsucht nach einer offeneren Welt zu verspüren, kommt sehr stark zum Ausdruck. Viele abgelehnte Ausreiseanträge für April selbst wie auch für ihre Bekannten machen die junge Frau umso mutloser. Endlich gelingt jedoch die Übersiedlung in den Westen. Ob sie ihr Glück findet ? Ich bin gespannt, ob die Geschichte eines Tages weitergeht.

    Es ist wieder ein sehr eindringlicher Roman, den ich nicht unbedingt als Lese-Vergnügen bezeichnen kann. Es ist eine Geschichte von grosser Ausstrahlungskraft, deren Ausgang man gebannt und mit Hoffnung entgegen sieht. Für mich einmal mehr ein sehr lesenswertes, klares Buch einer klugen, sachlichen Autorin, das mich begeistert hat.

  9. Cover des Buches Kleine Kassa (ISBN: 9783701716227)
    Martin Lechner

    Kleine Kassa

     (7)
    Aktuelle Rezension von: Marjuvin
    Klappentext:
    Georg rennt - um sein Glück, seinen Verstand und sein Leben. Der Schlaueste ist Lehrling Georg Röhrs nicht. Doch er hat einen Traum: Liftboy in einem Hotel am Meer will er werden, mit seiner verschwundenen Jugendliebe Marlies den Nachtzug nehmen und aus der heimatlichen Enge fliehen. Als Georg über eine Leiche stolpert und unbeabsichtigt den Schwarzgeldkoffer seines Meisters entwendet, überstürzen sich die Ereignisse: An einem einzigen Wochenende verliert er Wohnung, Arbeit, Eltern, Freunde, Geld, Liebe und vielleicht ein Stückchen seines Verstandes – und doch steht am Ende dieser halsbrecherischen Jagd eine neue, ungeahnte Freiheit…

    Rezension:
    Ich hatte das Buch schon relativ lange auf meinem SuB und die geringe Anzahl von Sternen, die bislang von den LB-Lesern vergeben wurden haben mich lang davon abgehalten, das Buch zur Hand zu nehmen. Oft las ich etwas wie "zu viel Kafka" in den Rezensionen. Zwar erinnert mich die Geschichte nicht an Kafka, wohl aber der Stil. Schachtelsätze, die sich über eine halbe Seite erstrecken sind keine Seltenheit. Ich habe das Buch nun selbst nach ca. der Hälfte abgebrochen, da ich selbst nach über 100 Seiten noch nicht richtig hineinfinden konnte in die Geschichte. Insgesamt konnte es mich nicht packen, da man durch die Gedankengänge, die immer wieder weit abschweifen, aus dem Lesefluss gerät. Jedem Buch seine Leserschaft, für mich war es eher nichts - schade!
  10. Cover des Buches Isabel (ISBN: 9783596032006)
    Feridun Zaimoglu

    Isabel

     (18)
    Aktuelle Rezension von: HEIDIZ

    Ich habe den Autor auf der Buchmesse in Leipzig getroffen. Es war ein unvergessliches Erlebnis. "Isabel" hatte ich vorher schon gelesen und möchte nun meine Gedanken zum Buch zusammenfassen.

     

    ·  Taschenbuch: 240 Seiten

    ·  Verlag: FISCHER Taschenbuch; Auflage: 1 (22. Oktober 2015)

    ·  Sprache: Deutsch

    ·  ISBN-10: 3596032008

    ·  ISBN-13: 978-3596032006

    ·  Größe und/oder Gewicht: 12,5 x 1,4 x 19 cm

     

    PREIS: 9,99 Euro

     

    Die Geschichte ist eine Geschichte einer geendeten Liebe, der von Isabel, die ihren Freund verlässt, um ihr Leben neu zu gestalten. Dann ist da noch Marcus, der aus dem Krieg zurück kehrt. Die beiden lernen sich kennen. Es sind die menschlichen Beweggründe, die der Autor thematisiert.

     

    Das Buch umfasst "nur" 236 Seiten, dennoch hat es soooo viel Inhalt, der auf den Punkt - und an Stellen, wo man es sich als Leser wünscht, detailliert - dargestellt ist. Durchweg ist Spannung gegeben und man kann sich sehr gut in die Gefühlswelt der Charaktere hinein versetzen. Zaimoglu schreibt literarisch interessant und lebendig fesselnd. Er greift seine fiktiven Charaktere so auf, dass man sie dem Autor abnimmt, meint, genauso müsse es passiert sein. Er geht in die Tief ohne langatmig zu werden und hat mich mit diesem Buch - mit dieser Geschichte - zu 100 Prozent überzeugt.

     

    Randfiguren einer Gesellschaft nach dem Krieg - offen und auch mal ungemütlich dargestellt. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, sowohl vom literarischen Stil als auch vom Inhaltlichen.

  11. Cover des Buches 3000 Euro (ISBN: 9783499268427)
    Thomas Melle

    3000 Euro

     (43)
    Aktuelle Rezension von: Babscha

    Das Portrait zweier Menschen in einer deutschen Großstadt. Anton, Jurastudent, komplett abgestürzt, hoch verschuldet, Alkoholiker, auf der Straße bzw. im Obdachlosenheim lebend, angstvoll auf seinen in einigen Tagen anstehenden Gerichtstermin wartend, in dem ihm ein Gutachter zwecks Schuldenbefreiung die erhoffte Geschäftsunfähigkeit testieren soll. Braucht bis dahin die titelgebenden 3000 Euro, um als Zeichen seines guten Willens zumindest seine Schulden bei der Deutschen Bank zu begleichen. Denise, allein erziehende Kassiererin bei Lidl, hat eine Tochter mit leichter geistiger Behinderung. Immer klamm, macht zur Aufbesserung der Haushaltskasse nebenbei Pornodrehs für zwielichtige Gestalten. Schlägt sich gerade so durch.Da Anton sein Flaschenpfand immer in Denises Laden einlöst, werden beide irgendwann aufeinander aufmerksam. 

     Melle zeichnet ein hartes, kompromissloses Bild des Lebens  am unteren sozialen Rand unserer Gesellschaft, in dem irgendwelche Restperspektiven für die dort Angekommenen kaum noch existieren, was seine beiden Protagonisten dann auch sehr anschaulich verdeutlichen. Während Anton allerdings seine Situation durch exzessives Leben und Geldverschleudern selbst verschuldet und den Bezug zur Realität weitgehend verloren hat, ist Denise einfach nur der Prototyp einer leicht beschränkten Frau mit lockerem Lebensstil, während ihrer Schwangerschaft verlassen, die letztlich aber nicht verzweifelt, sondern Verantwortung zeigt und sich irgendwie durchbeißen will. 

    Der wenige Tage umfassende Handlungsrahmen treibt die beiden Hauptakteure stetig voran, die explizite, düstere Sprache des Buches trägt das ihre dazu bei. Ein Schlaglicht  mitten hinein in zwei Leben mit ähnlichen Problemen, aber unterschiedlichen Lösungen.  Kein großer Wurf, aber durchaus lesenswert. 


  12. Cover des Buches Unternehmer (ISBN: 9783498046125)
    Matthias Nawrat

    Unternehmer

     (14)
    Aktuelle Rezension von: Perle
    Klappentext:
    Zwischen Utzenfeld und Schönau, der Ravenna-Schlucht und der Ruinenstadt Staufen sind sie unterwegs - der Vater, die 13-jährige Lipa und der einarmige Berti, ihr kleiner Bruder -, unterwegs zu den verlassenen Fabriken der ehemals boomenden Region. Sie suchen nach Magnetspulenherzen, rattrigen, summenden, um sie bei dem Mann mit den Öllappenhänden in Klimpergold zu verwandeln. Doch die Nachfrage sinkt, und so wagen die drei Unternehmer einen besonders gefährlichen Beutezug mit ungewissem Ausgang.

    "Der herrliche Erzähler Matthias Nawrat hat uns eingewickelt, im besten dichterischen Sinn." (Feridun Zaimoglu)

    Eigene Meinung:
    Dieses Buch habe ich seit Mitte September dieses Jahres, ich entdeckte es in Aachen in einem Öffentlichen Bücherschrank und nahm es kurzentschlossen mit, da mir das Cover so gut gefiel.

    Doch ich las nur ein paar Seiten und merkte sofort, dass es mir nicht gefiel. Die Erzählform sprach mich irgendwie nicht an. Ich wurde nicht warm mit den Protagonisten geschweige denn mit dem ganzen Roman. Trotzdem las ich es weiter, am ersten Tag schon bis Seite 63 von 137, hätte es fast ganz an einem Tag ausgelesen, aber ich dachte, heb es Dir für den nächsten Tag auf, da icxh andere wichtige schönere Sachen zu erledigen hatte.

    Die restlichen 74 Seiten las ich dann am nächsten Abend in zwei Stunden aus. Brauchte also nur ca. 3 Stunden dafür, man konnte es schnell und flüssig lesen. Das war fast das Einzige Gute an dem Buch, da in normaler Schriftgröße gedruckt wurde. Die letzten 40-50 Seiten waren etwas besser, wäre es von Anfang an so gewesen, hätte es mindestens einen Stern mehr bekommen.

    Es hat mich leider nicht ganz überzeugt! Schade! Hatte mich so darauf gefreut! Mal schauen, wem ich es weitergebe, vielleicht im Januar beim nächsten bookcrossing-Treffen. Vielleicht interessiert sich ja dort jemand dafür.

    Der Autor sagt mir auch nichts.
    Ziemlich unbekannt anscheinend oder auch noch ziemlich Neu. Er ist 1979 im polnischen Opole geboren, siedelte als 10-jähriger mit seiner Familie nach Bamburg um. Er studierte in Freiburg und Heidelberg Biologie, danach am Schweizer Literaturinstitut in Biel.

    Für seinen Debütroman "Wir zwei allein (2012) erhielt er u.a. den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis. Sein Roman "Unternehmer" (2014), euphorisch besprochen und für den Deutschen Buchpreis nominiert, wurde u.a. mit dem Kelag-Preis und dem Bayern-2-Wortspiele-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien "Die vielen Tode unseres Opas Jurek". Matthias Nwrat lebt in Berlin.

    Vergebe hierfür leider nur 2 Sterne mit einem + dazu.



  13. Cover des Buches Am Fluß (ISBN: 9783957570567)
    Esther Kinsky

    Am Fluß

     (2)
    Aktuelle Rezension von: Milagro
    Ich möchte mich so erinnern, an London, Indien, Ungarn, Israel. Jede Zeile zeugt von Liebe, von Wehmut und dem Rückblick auf Vergangenes. Ich konnte das Buch nicht hintereinander weglesen, jeder einzelne Abschnitt brauchte Zeit. Manchmal las ich nur Kapitel für Kapitel. Ich war immer fasziniert von den Beschreibungen, der klaren Spache. Ein echter Glücksgriff für mich.
  14. Cover des Buches Kastelau (ISBN: 9783423144650)
    Charles Lewinsky

    Kastelau

     (22)
    Aktuelle Rezension von: AnjaLG87

    Zum Inhalt und Aufbau des Buches wurde hier schon einiges gesagt, weshalb ich darauf gar nicht weiter eingehen möchte, sondern nur betone, dass ich diese Art, die Geschichte zu erzählen, ebenfalls sehr ungewöhnlich und lesenswert fand. Solche Bücher wie "Kastelau" liest man nicht alle Tage. Ich war ganz fasziniert, dass der Autor auf die Idee gekommen ist, das Buch so zu schreiben bzw. zu gestalten und dass es meinem Empfinden nach auch erstaunlich schlüssig und flüssig lesbar ist. Die verschiedenen Erzählperspektiven bzw. Erzählarten, vom transkribierten Interview bis hin zum Lexikon-Eintrag, bringen Abwechslung ins Lesen und beleuchten das Geschehen von allen möglichen Seiten. Das mochte ich sehr, gerade bei diesem historischen Thema. Teilweise hatte das Buch einige Längen bzw. war mir nicht immer ganz klar, was der Autor mit bestimmten Beschreibungen oder Erzählweisen nun genau verdeutlichen wollte, deshalb gebe ich 4/5 Sternen.

  15. Cover des Buches Nachkommen. (ISBN: 9783100744456)
    Marlene Streeruwitz

    Nachkommen.

     (16)
    Aktuelle Rezension von: AgnesM

    Ich muss gleich vorab schreiben, dass ich dieses Buch nicht ganz zu Ende gelesen habe und auch sehr froh war, als ich es zur Seite legen konnte. Das Buch habe ich im Zuge einer privaten Leserunde gelesen und die Bekannte, die das Buch vorgeschlagen hatte, war ziemlich begeistert von dem Werk. Ich nicht!

    Zum Inhalt kann ich gar nicht viel sagen, denn aufgrund des anstrengenden Schreibstils konnte ich mich kaum auf diesen konzentrieren. Diese kleingehackten Sätze, dieses ständige Punkt und Komma setzen haben mich fast wahnsinnig gemacht.

    Die unsympathische und junge Protagonistin hat ein Buch geschrieben und ist für den Deutschen Buchpreis nominiert. Weiterhin lernt sie in Frankfurt ihren verlogenen Vater kennen und muss sich mit den Menschen aus dem Verlagswesen umgeben und auseinandersetzen.

    Ich frage mich noch immer was die Autorin dem Leser sagen will und warum sie solch einen Schreibstil wählt. Natürlich hebt sie sich von anderen Autoren damit ab, aber dem ein oder anderen Leser (mich eingeschlossen) wird die Lust am Lesen einfach vergehen. 

  16. Cover des Buches Sieben Sprünge vom Rand der Welt (ISBN: 9783328109051)
  17. Cover des Buches Der aufblasbare Kaiser (ISBN: 9783871347672)
    Michael Ziegelwagner

    Der aufblasbare Kaiser

     (11)
    Aktuelle Rezension von: Gruenente

    Vera Beacher (wie beachten, nicht wie Beach) ist eine junge Frau in Wien, die sich langweilt. Langweiliges Leben, langweiliger Job. Sie lebt mit ihrer Schwester und Robert (den Liebhaber, den sie sich irgendwie teilen) in Wien und führt ein Leben ohne Höhepunkte.

    Anders als ihre beste Freundin Zecki, die einen Heiratsantrag bekam und annahm und „Beachy“ zur Trauzeugin macht. Nur wie soll die lethargische Vera einen Jungesellinnenabschied organisieren?

    Irgendwie sucht Vera nur nach Aufmerksamkeit uns Sinn im Leben. Da vertritt sie sich den Fuß und träumt schon von langen Krankenhausaufenthalten, Rollstuhl und viel Aufmerksamkeit von Familie, Freunden und Pflegepersonal. Sie lebt oft in einer Art Traumwelt.

    Auf dem Weg ins Büro steigt sie an der falschen Haltestelle aus, lernt einen Hund kennen, der „wie ein verkleideter  Mensch aussieht“ und findet zufällig an einer Haustür den Hinweis auf den „legetimistischen Club“ mit Ort und Zeit des nächsten Jour fixe.

    Aus der Laune heraus in ihrem Leben endlich mal was „Auslösendes“ zu bewirken geht sie zu dem Treffen des legetimistischen Clubs. Dort trifft sie auf eine Handvoll Männer verschiedenen Alters, die sich alle die Kaiserliche Monarchie zurückwünschen. Noch (Frühjahr 2011)ist auch der legitime Thronanwärter, ???, am Leben. Mit kruden Argumenten diskutieren sich die Männer die schöne Kaiserzeit wieder herbei. Die junge Frau verdreht dem ganzen Club den Kopf, sieht sich auch zu einem der Männer hingezogen, und wiegelt alle dazu auf, doch auch ein paar Aktionen zu starten.

    In einer zweiten Handlungsebene versucht Vera irgendwie den Polterabend ihrer Freundin zu organisieren. Zum Glück sind ein paar der anderen beteiligten Frauen da etwas tatkräftiger, so dass ein unvergessliches Erlebnis geplant wird.

    Das Buch ist witzig, ironisch, wienerisch und oft erstaunlich. Die Protagonisten sind allesamt ziemlich verschrieben und fast immer alkoholisiert.

    Der Autor Michael Ziegelwanger hat hier ein ungewöhnliches Debüt hingelegt, in dem er sich in eine interessante Frau hineindenkt. Mit Satire hat er aber schon reichlich Erfahrungen gemacht, ist er doch seit 2009 Redakteur der „Titanic“ und wurde auch schon mit Satirepreisen ausgezeichnet.

    Mein Lieblingskapitel ist die Wanderung des legitimistischen Clubs samt Vera.

    Der Schreibstil ist etwas ungewöhnlich, sicher nicht für jeden das Richtige, deshalb habe ich das Buch in Österreich gelesen. Dort konnte ich in meinem inneren Ohr den richtigen Dialekt mithören.

  18. Cover des Buches Panischer Frühling (ISBN: 9783518466414)
    Gertrud Leutenegger

    Panischer Frühling

     (13)
    Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer
    Romane, die sich mit Kindheitserinnerungen auseinandersetzen, gibt es viele. Gertrud Leutenegger setzt die Reflexion der Vergangenheit in „Panischer Frühling“ jedoch in einen originellen zeitlich-räumlichen Kontext, in dem das Vergangene sich mit traumwandlerischer Leichtigkeit mit der Gegenwart verwebt.

    London ist im April 2010 vom Rest der Welt abgeschnitten, als der Ausbruch des isländischen Vulkans den Flugverkehr behindert. Währenddessen streift die namenlose Ich-Erzählerin durch die Metropole und lässt sich von ihren Sinneseindrücken und ihren Erinnerungen treiben. Eines Tages lernt sie Jonathan kennen, einen jungen Verkäufer einer Obdachlosenzeitung mit einem entstellten Gesicht. Beide merken, dass sie etwas verbindet, und so beginnen sie, einander von ihrer Vergangenheit zu erzählen und sie dabei zu verarbeiten. Die Grenzen ihrer Erfahrungen verschwimmen langsam, sodass die Ich-Erzählerin immer mehr von Jonathan wissen möchte…

    So simpel und schnell die Handlung des Romans erzählt ist, so raffiniert ist sie sprachlich eingebettet. Kurze Passagen, gegliedert von Hoch- und Niedrigwasser der Themse, geben einen schillernden Einblick in das heutige London und verschiedene Kindheiten in unterschiedlichen Epochen. Dabei sind die Sätze mitunter so ausgefeilt, dass sie fast wie Prosalyrik wirken. In der Verwebung von Erinnerung und Erfahrung scheinen alle Passagen selbst wie Traumszenerien, die den Leser in den Bann schlagen. Besonders spannend ist das Motiv der Trennung und des Zueinanderfindens, das den Roman bis in das kleinste Detail wie Pulsschläge durchzieht. Großbritannien ist getrennt vom Rest der Welt, eine Mutter von der Tochter, die Ich-Erzählerin von Jonathan, Gegenwart von der Vergangenheit – und doch berührt sich alles schließlich immer wieder. Wo die Handlung und die Figuren nur an der Oberfläche angetastet werden, springt die Sprache stattdessen ein, um den Leser zu vereinnahmen.

    Mit „Panischer Frühling“ hat es die Schweizer Autorin geschafft, auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises aufgenommen zu werden. Alles in allem ein kurzer, melancholischer Roman, der es in seiner Rätselhaftigkeit verdient, zweimal gelesen zu werden.

    © Bücherstadt Kurier 
  19. Cover des Buches Das Polykrates-Syndrom (ISBN: 9783854209508)
    Antonio Fian

    Das Polykrates-Syndrom

     (16)
    Aktuelle Rezension von: lesefreude_book

    Antonio Fian ist vor allem den Österreichern und Österreicherinnen mit seinen Dramoletten, die regelmäßig im „Der Standard“ erscheinen bekannt. Aber Fian kann noch viel mehr als Mikrodramen zu verfassen, wie er mit „Das Polykrates-Syndrom“ eindrucksvoll beweist.

    In „Das Polykrates-Syndrom“ schildert Antonio Fian das gewöhnliche Leben des verheirateten Copyshop-Mitarbeiters Artur. Gewöhnlich nur bis dieser auf die verrückte Alice trifft und sein Leben eine blutige Wendung nimmt. Gerade wegen dem Ende wird das Buch nicht zu unrecht oft als Splatter-Roman bezeichnet. Bereits das in Rot und Schwarz gehalten Cover gibt einen ersten Hinweis auf das viel Blutvergießen.

    Ruhig und auf sehr „österreichische“ Weise schreibt Fian über das normale, bürgerliche Leben seiner ganz normalen Charaktere. Überzeugt wird der Leser mit einem genialen Schreibstil und den Überraschungsmomenten an den richtigen Stellen, während dem Leser dazwischen genug Zeit zum Atmen gelassen wird. Ich musste beim Lesen immer wieder an Daniel Glattauer und speziell an „Ewig Dein“ denken. Beide Autoren beherrschen es vorzüglich bürgerliche Charaktere zu erschaffen, die in eine groteske Welt „abrutschen“.

    Fian’s Ideenreichtum scheint keine Grenzen zu kennen. Auch wenn man als Leser geekelt die Augen abwendet, erscheint doch alles irgendwie als natürliche, realistische Wendung. Dabei scheut der Autor auch nicht dafür gerade in sexueller Hinsicht eine sehr direkte teils sogar derbe, pornografische Sprache zu verwenden.

    Eine sehr kritische Sicht auf unsere Gesellschaft oder zumindest einige Exemplare davon. „Das Polykrates-Syndrom“ strotzt vor schwarzem Humor, der sicherlich nicht jedermanns Geschmack ist. Ich konnte das Buch nicht mehr aus den Händen legen und habe es innerhalb weniger Stunden gelesen, um traurig festzustellen, dass ich auf der letzten Seite angelangt bin.

    Fazit:
    Antonio Fian zeigt, dass es in Österreich großartige Autoren gibt, die einen ganz eigenen Schreibstil haben. Ein Schreibstil, den ich persönlich absolut großartig finde und bis zum heutigen Tage nur bei Österreichern gefunden habe. Eingepackt in eine sehr blutige und teils fast pornografische Geschichte sollte sich der Leser gut überlegen ob das Buch etwas für ihn ist. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, findet mit „Das Polykrates-Syndrom“ jedoch ein absolutes Meisterwerk.

  20. Cover des Buches Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr (ISBN: 9783596031399)
    Franz Friedrich

    Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr

     (6)
    Aktuelle Rezension von: Phliege
    Die Sätze, die er vorlas, waren vor allem Rhythmus und Melodie.

    Und dann liest man von Eisbrechern im Bottnischem Meer und sieht das Eis förmlich vor seinen Augen krachend aufbrechen. Franz Friedrich steht zurecht auf der Longlist des deutschen Buchpreises. Der Schreibstil ist einzigartig und mitreißend, Rhythmus und Melodie sind so sorgfältig bedacht, dass kein Wort austauschbar ist.

    Über dem fernen Land ein Himmel, der von einem zweiten Horizont unterteilt war, ein gewittriges Violett und ein verhangenes Blau berührten sich entlang einer unendlichen Geraden.

    Friedrich erfasst mit seinen Worten Filme und Gesang, sodass sie vor dem inneren Auge und Ohr klar und deutlich ablaufen. Sein Schreibstil ist mit "Sprachgewalt" jedoch nicht zu fassen, sein literarisches Geschick liegt dabei viel feiner und subtiler vor.

    Sein Buch befasst sich mit dem plötzlichen Verstummen der Lapplandmeisen auf Uusima und dessen Auswirkungen auf unterschiedliche Akteure, die alle nur in losem Zusammenhang stehen. Die Handlung der einzelnen Erzählstränge ist dabei zwar einfach zu verfolgen, ihre Bedeutung im Kontext ist jedoch nicht gerade einfach zu erfassen. Damit wurde ein komplexes Werk geschaffen, das viel Raum für Interpretationen lässt und dem Leser vieles gibt. Außer Klarheit.
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