Bücher mit dem Tag "dbp 2015"

Hier findest du alle Bücher, die LovelyBooks-Leser*innen mit dem Tag "dbp 2015" gekennzeichnet haben.

18 Bücher

  1. Cover des Buches Aberland (ISBN: 9783854209638)
    Gertraud Klemm

    Aberland

     (21)
    Aktuelle Rezension von: Sikal

    Das Buch hat zwei Protagonistinnen, die uns an ihren Gedanken, Wertvorstellungen, Problemen und Seitensprüngen teilhaben lassen. Einerseits Elisabeth, 58, seit Beginn ihrer Ehe Hausfrau und Mutter, deren Mann ihr wenig Respekt entgegenbringt, dafür keinerlei finanzielle Sorgen aufkommen. Andererseits ihre Tochter Franziska, 35, die sich mit gerade dieser von ihr so verhassten Rolle nicht zufriedengeben will und doch genau dort landet: Hausfrau und Mutter. So nebenbei versucht sie noch ihre Dissertation zu schreiben, kommt mehr schlecht als recht voran und gibt allem voran ihrem erfolgreichen Mann daran die Schuld, der auch noch ein zweites Kind mit ihr will …

    So der Grundinhalt des Romans von Gertraud Klemm, die hier mit bissigen, jedoch unterhaltsamen Sequenzen über die Geschlechterrollen herzieht. Sie will hier bestimmt keine Wertung über Hausfrauendasein und Kindererziehung abgeben – im Gegenteil, sie weist auf diese noch immer nicht gebührend gewürdigten Arbeiten in unserer Gesellschaft hin. Hausfrau? Und was machst du sonst noch? Der gesellschaftliche Wert dieser überaus wichtigen Tätigkeiten befindet sich gleich bei null oder noch darunter. Sehr schön erkennt man die (überspitzte?) Darstellung in Aberland bei Elisabeths Ehemann, der von SEINEM Haus, SEINEM Auto, SEiNEM was auch immer spricht und dabei nicht wahrnimmt, dass auch Elisabeth ihren Beitrag geleistet hat, damit SEIN vorhanden ist – leider wurde es nie zu UNS.

    „Edith hat dem Schweigen ein Geräusch gegeben, ein leises Singen, das mich durch die dunklen Tage getröstet hat, mit gutem Wein und bitterem Lachen, auf Friedhöfen und bei Hochzeiten und wenn die Kinder gekommen sind, das Zusammensein mit Edith blieb eine Art Wäschespinne, auf der man alle Probleme ausbreiten konnte und alles wurde trocken und gut oder flog weg.“

    Während Elisabeth sich - vielleicht aufgrund ihres Alters - mit ihrer Rolle arrangiert hat, viel in der Vergangenheit gedanklich festhängt und auch versucht dem Alter ein Schnippchen zu schlagen, gelingt es Franziska nicht, sich in ihr Hamsterrad drängen zu lassen. Sie verspürt Wut und oftmals Resignation, will die ihr zugedachte Rolle nicht hinnehmen. Leider erkennt sie aber auch keine Alternativen, außer hin und wieder aus ihrem Leben auszubrechen, sei es für eine Nacht oder auch nur für ein paar Stunden.

    Solange es in unserer Gesellschaft keinen höheren Stellenwert für Hausarbeit und Kindererziehung gibt, werden sich weiterhin die Geburten reduzieren, werden weiterhin Frauen sich nicht darauf einlassen wollen Beruf und Karriere an den Nagel zu hängen, um sich „nur“ der Familie zu widmen.

    Mir hat das Buch gut gefallen, der Schreibstil von Gertraud Klemm tut sein Übriges und lässt den Leser schon öfters schmunzeln, obwohl das Thema es eigentlich nicht zulässt. Doch bis zum Schluss gingen mir die oftmals zynischen Gedanken der beiden Frauen ziemlich auf die Nerven und somit gibt es für einen Punkt Abzug.

  2. Cover des Buches Bodentiefe Fenster (ISBN: 9783548288512)
    Anke Stelling

    Bodentiefe Fenster

     (34)
    Aktuelle Rezension von: Buchstabenliebhaberin
    Gegenwartsliteratur. Modernes Mutterdasein, beste Freundin, Geliebte, Mitbewohnerin. Freischaffende. Tochter, kooperierend und kämpfend. Und dann auch noch hochsensibel und mit höchsten Ansprüchen an sich selbst. Das ist Sandra, die Protagonistin des Buches "Bodentiefe Fenster".
    Anke Stelling beschreibt hier unglaublich treffend die Sorgen und Nöte der Generation X, die alle irgendwie so harmlos als Luxusprobleme daherkommen - und dennoch viele Menschen in Burn-Outs und Zusammenbrüche getrieben haben. Was passiert mit diesen Menschen, die hohe Ansprüche an sich selbst und andere haben, und die daran (unweigerlich) scheitern?

    Menschen wie Sandra versuchen den Spagat zwischen klassischem Familienleben und Moderne. Sandra lebt in einem Wohnprojekt mit bodentiefen Fenstern, ökologisch durchdacht, mit Bioessen und Gemeinschaftsräumen und -garten und regelmäßigem Plenum. Als Freiberufler hangeln sie und ihr Mann sich von Auftrag zu Auftrag, eine prekäre Situation, die an sich schon belastend genug ist. On top kommt der Auftrag, es auf jeden Fall besser zu machen als ihre eigene Mutter. Feministischer, ehrlicher, kämpferischer, solidarischer. Eine fast unlösbare Aufgabe. Das wird Sandra auch recht bald bewusst.

    Sandra beobachtet, analysiert und reflektiert. Unerbittlich mit sich selbst und anderen. Die Mutter, die die beste Freundin im Stich gelassen hat und dieser beim Untergehen zugeschaut hat, dass will sie besser machen. Die eigene Schwester, die nicht kapiert, dass ihre Ehe am Ende und der Umgang mit ihren Kinder nicht akzeptabel ist. Sandra ist nett, unkompliziert, überall dabei, sie will niemand auf die Füße treten, auch wenn die anderen sie ohne Ende nerven und sie deren Einstellungen nicht teilt. Sie lässt sich auch vom pragmatisch denkenden Ehemann nicht davon abbringen, sich nicht mehr als nötig in das Leben anderer einzumischen und sich mehr abzugrenzen.

    Eine unspektakuläre Lebensgeschichte, mit viel Tiefgang. Allerdings konnte i ch mich total mit Sandra identifizieren! Dieses Bessermachenwollen als die eigenen Eltern, das Leben und Scheitern im Wohnprojekt (hohe Identifikation!), berufliche Karriereansprüche und Realität, das Zerbrechen von Freundschaften. Als hochsensibler Mensch wiegt alles Zwischenmenschliche deutlich schwerer, sind die eigenen Ansprüche höher, wird die Eigenverantwortung oft überstrapaziert. 

    Das gibt dem Buch eine gewisse Schwere, die bestimmt nicht jedermanns Sache ist. Ich fand sie großartig und unglaublich treffend.


  3. Cover des Buches Der Fuchs und Dr. Shimamura (ISBN: 9783937834764)
    Christine Wunnicke

    Der Fuchs und Dr. Shimamura

     (11)
    Aktuelle Rezension von: Xirxe
    Ich muss zugeben, dass mir der Einstieg in dieses Buch nicht gerade leicht fiel. Der junge Neurologe Dr. Shimamura reist 1891 in die japanische Provinz um Frauen zu untersuchen, die vom Fuchsgeist besessen sein sollen. Fuchsgeist? Besessene Frauen? Soll damit die Tollwut gemeint sein? Bevor ich weitergrübelte, recherchierte ich ein bisschen und stieß auf eine Seite der OAG, der Ostasiatischen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, die mir die besondere Beziehung der japanischen Gesellschaft zum Fuchs deutlich machte (siehe oag.jp/images/publications/oag_notizen/Notizen_Feature_Fuchs_und_Fuchsglaube_in_Japan.pdf). Danach fiel mir das Lesen deutlich leichter ;-)
    Doch ich blieb beim Recherchieren. Denn nicht nur Dr. Shimamura (wie auf der Umschlagseite vermerkt) war eine reale Person, auch alle anderen auftauchenden Figuren, denen er während seines Stipendiums in Europa begegnete, waren existent, sodass ich mir nach und nach einen umfangreichen Überblick über die Anfänge der Neurologie verschaffen konnte. Alle äußeren Merkmale wie auch öffentliche Beziehungen scheinen wahrheitsgetreu wiedergegeben worden zu sein - das Ganze dann angereichert durch die vermutlich fiktiven persönlichen Merkmale der Einzelnen und deren Verhältnis zu Dr. Shimamura.
    Diese Verflechtung von Realität und Fiktion wirkt mustergültig - als ob die Autorin als Zeitgenossin an den Geschehnissen beteiligt gewesen wäre. Wer über das reine Lesen des Buches hinaus sich ein wenig mit den darin vorkommenden Personen beschäftigt, wird vielleicht bald von der Geschichte der Neurologie und Psychoanalyse gefesselt sein (siehe beispielsweise spiegel.de/einestages/jean-marie-charcot-und-die-hysterieforschung-in-der-pariser-salpetriere-a-951005.html). Mir ist es zumindest so ergangen und so hat das Lesen dieses dünnen Büchleins wesentlich länger gedauert als gedacht ;-) Und mich nicht nur sehr gut unterhalten, sondern auch mein Wissen erweitert.
    PS: Das Buch war auf der Longlist 2015 für den Deutschen Buchpreis.
  4. Cover des Buches Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 (ISBN: 9783442714230)
    Frank Witzel

    Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

     (25)
    Aktuelle Rezension von: fynna
    Seit Weihnachten lag dieses Buch bei mir herum, ich hatte es mir gewünscht, nachdem es durch den Buchpreise 2015 so viel Aufmerksamkeit bekam und fand, dass es irgendwie interessant klang. Jetzt, im Sommer, habe ich entschieden, es auch mal zu lesen, und zwar im Urlaub (kann ich jedem empfehlen, man braucht echt Zeit), also den ganzen Tag nur am See rumliegen und sich auf dieses wirklich ... umfangreiche Werk, so kann man es wohl nennen, konzentrieren.

    Um ehrlich zu sein, mit dem, was dann kam hab ich nicht gerechnet. So richtig viel hab ich mir nicht gedacht, als ich angefangen habe zu lesen, war nur nach ein paar Seiten schon sehr verwirrt. Denn eine Geschichte wird nicht erzählt, nicht stringent zumindest, schon gar nicht im herkömmlichen Sinne. Vielmehr aus gefühlt hundert Perspektiven und Formen des Schreibens.
    Der Titel ist eigentlich ein großes Geschenk des Autors, denn er hilft anfangs ungemein, er fasst das ganze Buch gut zusammen und bietet zumindest einen Anhaltspunkt: Es geht um einen Jungen, zur Zeit der RAF, der sich allerlei zusammenfantasiert um sich selbst, seine Zeit zu verstehen. Denn da, wo die Logik und das Wissen aufhören, setzt eben die Imagination ein. Und was damals in der BRD so vor sich ging, die Stimmung im besagten Sommer 1969, Vergangenheit oder Zukunft, Katholizismus und RAF, die Beatles oder die Rolling Stones ... die lässt sich nur so beschreiben. In einem Interview sagte der Autor, er versuche sich einem Gefühl zu nähern, von allen Seiten, und das trifft es ziemlich gut.

    Passagen, in denen der Protagonist sich selbst als Mitglied der RAF erlebt, Halluzinationen und verquere Abhandlungen über den Nationalsozialismus, monströse Fußnoten, Fantasien über seinen Vater als herzlose Machtgestalt "der Fabrikant", wahrscheinlich fiktive Dialoge eines Verhörs, inzwischen erwachsen, Philosophie, scheinbar Zusammenhangloses, das sich erst später erklärt oder auch nicht, Abhandlungen, Biografien ... Dieses Buch hat so unglaublich viel zu bieten. Es ist stellenweise tief, philosophisch, dann wieder komplett skurril, scheinbar Nonsense, manchmal eine ganz normale Erzählung.
    Und ich habe bei weitem nicht alles verstanden, schon gar nicht alle Anspielungen und Witze, weil ich diese Zeit nicht miterlebt habe. Aber ein paar. Und die fand ich super. Ich denke, das ist etwas, was man als potentieller Leser vorher wissen sollte: Man wird sich bestimmt langweilen, quälen, für dämlich und ungebildet halten und aufgeben wollen, doch man wird auch belohnt. Mit wunderschönen Sätzen und Poesie. Mit neuen Gedanken und bekannten, eigenen Gedanken, die man niedergeschrieben noch nie gelesen hat. Das ist das Schöne, es ist für jeden was da bei, dieses Buch ist eine Schatzkiste und es überrascht immer aufs neue. Es erreicht viel tiefere Ebenen als eine normal erzählte Geschichte, es dringt in die menschliche Psyche und beleuchtet jeden Gedanken, jede Assoziation und das ist etwas Besonderes.

    Ich möchte dieses Buch jedem empfehlen, der sich für Literatur interessiert und Überraschungen mag. Am besten auch Zeit mitbringen und sich nicht abschrecken lassen. Denn als ich wieder im Alltag angekommen war und mir noch 200 Seiten fehlten haben die sich auf einmal unendlich gezogen. Ich denke auch nicht, dass ich wirklich in der Lage bin, dieses Buch zu bewerten, weil ich des öfteren nicht folgen konnte. Aber ich fand es trotz allem genial!
    Der Deutsche Buchpreis war mit Sicherheit verdient und ich bin froh, durchgehalten zu haben. So etwas habe ich vorher nämlich noch nie gelesen. Also lasst euch drauf ein, lasst euch verwirren, amüsieren, bilden, sprachlos machen ...



  5. Cover des Buches Baba Dunjas letzte Liebe (ISBN: 9783462054729)
    Alina Bronsky

    Baba Dunjas letzte Liebe

     (278)
    Aktuelle Rezension von: Elenchen_h

    Baba Dunja wohnte in Tschernowo - bis das Reaktorunglück ihren Wohnort in eine Todeszone verwandelte. Es folgten Jahre in der Stadt, doch Baba Dunja ist kein Stadtmensch. Sie beschloss, zurückzukehren. Heute lebt sie wieder in ihrem kleinen Dorf, mit einigen anderen älteren Menschen - Rückkehrern und Krebskranken, Vor-Sich-Hin-Welkende und In-Sich-Zurückgezogene. Sie bauen in ihren Gärten an, was sie brauchen und holen den Rest aus der letzten Stadt vor der Todeszone. Doch dann ziehen zwei Menschen in das verstrahlte Dorf, die dort nicht hingehören - und das Unglück nimmt seinen Lauf.


    "Baba Dunjas letzte Liebe" von Alina Bronsky hat mich direkt angesprochen, als ich den Klappentext gelesen habe. Ich bin auf das Buch beim Stöbern nach Romanen, die auf dem Land spielen, gestoßen - und dieser hier passt perfekt in das Land-Thema, wenn auch auf sehr unkonventionelle Weise.


    Erzählt wird die Geschichte die ganze Zeit aus Baba Dunjas Ich-Perspektive. Als Lesende schlüpfen wir in ihre Figur und nehmen Tschernowo sowie das Leben in diesem kleinen, verlassenen Dorf aus ihrem Blickwinkel wahr. Die Erzählung wird dabei häufig sehr humorvoll und skurril, beispielsweise wenn Baba Dunja von den vielen Spinnen erzählt, die sich aufgrund der durch das Reaktorunglück fehlenden Vögel in Tschernowo ausgebreitet haben. Oder bei Schilderungen über Biolog*innen, die in voller Strahlenschutz-Montur Proben der in Tschernowo angebauten Früchte und Obstsorten nehmen. Oft arbeitet die Autorin aber auch ernste Themen mit ein, allen voran das Älterwerden und die Distanz zu der eigenen Familie.


    Trotz der Kürze des Buches fand ich die Geschichte sehr eindringlich und gut erzählt. Sie wird wenig ausgeschmückt und es passiert gar nicht so viel, fesseln konnte mich die Autorin damit dennoch. Vielleicht hätten ich zu einem Aufbau von Bindungen zu den Figuren und zur Handlung an sich aber doch einige Worte mehr gebraucht. So habe ich mich zwar gut unterhalten gefühlt und hatte durchaus etwas zum Nachdenken, richtig fallen lassen konnte ich mich in den Roman aber nicht.


    Empfehlen möchte ich "Baba Dunjas letzte Liebe" gerne allen, die - wie ich - auf der Suche nach einem ungewöhnlichen Landroman sind. Außerdem denjenigen, die sich für Bücher über das Älterwerden interessieren. Und einfach allen, die ein Buch für Zwischendurch suchen, das unterhält, aber nicht allzusehr mitnimmt. Ich möchte nun jedenfalls einen näheren Blick auf die weiteren Bücher von Alina Bronsky werfen 📚

  6. Cover des Buches 89/90 (ISBN: 9783442714650)
    Peter Richter

    89/90

     (32)
    Aktuelle Rezension von: Wonni1986
    Titel: "89/90"
    Autor: Peter Richter
    Verlag: btb
    Seitenzahl: 411

    Cover:
    Unscheinbar in sommerlichen Farben gehalten und es ist ein Softcover. 

    Schreibstil:
    Es liest sich sehr flüssig und alles was unverständlich geschrieben wurde, wurde mit Fußnoten erklärt. Man merkt richtig, dass es dem Auto wichtig ist, dass zu erzählen was ihm wichtig ist. Es ist ihm gelungen. Handlungen, Personen und Gegenständen wurden so beschrieben und erzählt das man es sich sehr gut vorstellen kann. Er schreit aus der ich und allgemeinen Perspektive.

    Inhalt:
    Das Lebensgefühl einer rebellischen Generation am Ende der DDR Sie sind der letzte Jahrgang, der noch alles mitmachen darf – damals in Dresden vom Sommer vor der Wende bis zur Wiedervereinigung: die lauen Freibadnächte und die Ausweiskontrollen durch die »Flics« auf der »Rue«, die Konzerte im FDJ-Jugendklub »X. Weltfestspiele« oder in der Kirche vom Plattenbaugebiet, wo ein Hippie, den sie »Kiste« nennen, weil er so dick ist, mit wachsamem Blick Suppe kocht für die Punks und ihre Pfarrerstöchter. Sie sind die Letzten, die noch »vormilitärischen Unterricht« haben. Und sie sind die Ersten, die das dort Erlernte dann im Herbst 89 erst gegen die Staatsmacht anwenden. Und schließlich gegeneinander. Denn was bleibt dir denn, wenn du zum Fall der Mauer beiträgst, aber am nächsten Tag trotzdem eine Mathe-Arbeit schreiben musst, wenn deine Freundin eine gläubige Kommunistin ist und die Kumpels aus dem Freibad zu Neonazis werden? Von der Unschuld des letzten Sommers im »Tal der Ahnungslosen« bis zu den Straßenschlachten rund um die deutsche Einheit: Peter Richter beschreibt in seinem autobiografischen Roman das chaotische Ende der DDR aus der Sicht eines damals Sechzehnjährigen – pointiert, authentisch und sprachlich brillant. Coming of Age im Schatten von Weltgeschichte.

    Meinung
    Ich bin ein kleiner DDR Fan, ja richtig gelesen. Ich mag diese Zeitepoche, warum? Alles hatte seinen Platz, es gab alles was man benötigte und keine wirklich keiner wurde zurückgelassen. Sicherlich musste man Abstriche machen, aber das müssen wir heute auch, oder? Ich mag dieses wir Gefühl. Und dieses Buch beschreibt es einfach auf den Punkt! Wenn man es liest, und diese Zeit auch noch erlebt hatte, wird man sich definitiv wieder finden…und auch AHA-Momente haben…oder auch die Flashbacks. Ich hatte es so schnell durchgelesen, dass ich total überrascht war. Ich könnte jetzt stundenlang weiterschwärmen und euch erzählen, dass zu dieser Lektüre Hallorenkugeln oder Knusperflocken hervorragend passen und auch noch viele andere (auch inhaltliche Dinge), aber lest es selber und ihr landest mit 100% Wahrscheinlichkeit zurück im Sommer 89/90….
    Nur möchte ich gerne wissen wer dieser S. ist…hm…
  7. Cover des Buches Über den Winter (ISBN: 9783423145480)
    Rolf Lappert

    Über den Winter

     (29)
    Aktuelle Rezension von: Lilli33

    Gebundene Ausgabe: 384 Seiten

    Verlag: Carl Hanser (24. August 2015)

    ISBN-13: 978-3446249059

    Preis: 22,90 €

    auch als Taschenbuch, als E-Book und als Hörbuch erhältlich


    Sehr melancholisch


    Inhalt:

    Lennard Salm, Ende 40, Künstler in der Midlife-Crisis, sortiert sich nach dem Tod seiner Schwester neu. Erst jetzt merkt er, wie wichtig ihm seine Familie ist.


    Meine Meinung:

    Die Handlung ist nun nicht gerade spektakulär, aber der Zeitgeist ist perfekt getroffen. Lappert schreibt u.a. über Bootsflüchtlinge, Vereinsamung in den Städten, über Familie und Freundschaft. Vieles wird nicht wirklich thematisiert und ist doch spürbar da, so dicht ist die Atmosphäre. Rolf Lapperts Beschreibungen sind auf den Punkt genau und durch den leicht poetischen Hauch sehr schön zu lesen. 


    Lennard macht eine gute Entwicklung durch, nicht nur gut, sondern auch glaubwürdig, denn seine Kehrtwende geht ganz allmählich vonstatten. Einen Winter lang begleiten wir ihn, während er in Hamburg neuen Zugang zu seiner Familie findet und erkennt, was im Leben wirklich wichtig ist.


    ★★★★☆


  8. Cover des Buches Winters Garten (ISBN: 9783518466650)
    Valerie Fritsch

    Winters Garten

     (31)
    Aktuelle Rezension von: LenaSilbernagl
    Darum geht's: 
    Winters Garten, so heißt die idyllische Kolonie jenseits der Stadt, in der alles üppig wächst und gedeiht, in der die Alten abends geigend auf der Veranda sitzen, die Eltern ihre Säuglinge wiegen und die Hofhunde den Kindern das Blut von den aufgeschlagenen Knien lecken.
    Winters Garten, das ist der Sehnsuchtsort, an den der Vogelzüchter Anton mit seiner Frau Frederike nach Jahren in der Stadt zurückkehrt, als alles in Bewegung gerät und sich wandelt: die Häuser und Straßenzüge verfallen, die wilden Tiere in die Vorgärten und Hinterhöfe eindringen und der Schlaf der Menschen schwer ist von Träumen, in denen das Leben, wie sie es bisher kannten, aufhört zu existieren. 

    Das Buch:
    Das Buch ist aus der personalen Er-Perspektive geschrieben und erzählt die Geschichte von Anton Winter. 
    Zunächst wird der Leser in die Idylle von Winters Garten eingeführt. Hier scheint zunächst alles perfekt zu sein, obwohl einige Missstände herrschen. 
    Sofort wird der Leser in eine Welt eingeführt, die nicht mit unserer derzeitigen identisch ist. Das merkt man auch sofort, auch wenn dies nicht direkt angesprochen wird. 
    Zunächst erfährt man viel über die Kolonie selbst, aber auch über das Leben dort. Auch über Anton und seine Familie erfährt man einiges. 
    Alles in allem erfährt man ziemlich viel über die Protagonisten und die Welt, obwohl es nur wenig Seiten sind. In diesen wenigen Seiten werden sehr viel Information verpackt. 
    Sprachgewaltig und sehr detailreich erzählt Fritsch vom Leben in der Gartenidylle. Die später von der Stadt verdrängt wird und sehr viel später wieder zurückkehrt. 
    Denn Anton geht später in die Stadt. Diese wird nicht näher genannt, jedoch gut beschrieben. Sie ist heruntergekommen und nicht mehr als eine Ruine. 
    Fritsch versteht es, die Garten-Idylle und die Stadt-Ruine gegeneinander zu stellen. Dabei bleibt im Hintergrund die dystopische Welt nicht im Rückstand. 
    Obwohl das Buch sich sehr schnell lesen lässt und man nicht sagen kann, dass es langweilig wäre. So ist es dennoch etwas enttäuschend, denn der tatsächlich Untergang der Welt lässt etwas auf sich warten. Trotzdem kann Fritsch mit ihrer Sprache und ihrem Ton überzeugen. Auch wenn es vielleicht nicht dieses Buch ist.  
       


  9. Cover des Buches Die Stunde zwischen Frau und Gitarre (ISBN: 9783518467534)
    Clemens J. Setz

    Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

     (40)
    Aktuelle Rezension von: Eliza08

    Ich war erstaunt, begeistert aber auch gleichzeitig ziemlich verstört und angewidert. Ich habe bisher noch nie ein solches Buch gelesen und bin innerlich zerrissen über mein Gesamturteil. Das Cover ist in schwarz gehalten. Der Name des Buches ist in Druckbuchstaben auf dem Cover abgebildet. Der Klappentext gibt den groben Inhalt prägnant wieder und lässt noch Spielraum für die Gedanken des Lesers übrig. In dem wesentlichen Inhalt der Geschichte geht es um die jungen Natalie Reinegger, welche in einem Wohnheim für behinderte Menschen arbeitet. Sie wird die neue Bezugsperson von dem Heimbewohner Alexander Dorm und wird gleich mit seinem schwierigen Charakter konfrontiert. Die Hauptdarstellerin ist eine gespaltene noch sehr junge Persönlichkeit. Sie leidet unter Epilepsie und lebt in ihrer eigenen Welt. Charakterlich besticht sie durch ihre hohe Sensibilität. Verschiedene scheinbar banale Dinge sind für sie sehr kennzeichnend und prägend. So lebt eine „imaginäre“ Maus auf ihrer Schulter mit der sie manchmal kommuniziert. Diese Feinfühligkeit verleiht der Hauptdarstellerin auf der anderen Seite etwas Heldenhaftes, welche sie im Laufe der Erzählung noch unter Beweis stellen muss.

    Die beiden wesentlichen Nebendarsteller Alexander Dorm, sowie Christopher Hollberg, der mysteriöse Besucher von Alexander sind die tragenden Säulen der Geschichte. Dorm welcher im Rollstuhl sitzt und seine homosexuellen Neigungen offen auslebt ist durch eine starke gestörte Persönlichkeit gezeichnet. Scheinbar harmlose Dinge können ihn aus der Ruhe bringen. Frauen sind seine Antiwesen. Er bezeichnet diese sehr oft als Gitarre aufgrund ihrer körperlichen Form. Christopher Hollberg hat durch ein Schicksal mit dem Alexander Dorm in Verbindung steht seine Frau verloren. Trotzdem besucht er diesen jede Woche regelmäßig und zeigt ihm seine vermeintliche Sympathie. Hollberg ist ein Psychopath wie er im Buche steht und gibt der Geschichte den entscheidenden Spannungsbogen.

    Der Aufbau der Geschichte ist stringent und es sind nur vereinzelte Zeitsprünge erkennbar. Die Erzählung ist in viele verschiedene Kapitel unterteil an derer am Ende noch ein Epilog angefügt ist. Die Geschichte spielt im Anfang der 2000 er Jahre und somit für die Leser sehr gut einordbar. Der Schreibstil des Autors ist sehr differenziert. Oft sehr verschnörkelt und verspielt baut er öfters auch „ordinäre Ausdrucksweisen“ in den Kontext mit ein. Manchmal wirkt der Schriftzug wie eine Symphonie der Sprache, um ein paar Seiten weiter in einer Ordinären Alltagserzählung zu landen. Die Logik der Erzählung ist manchmal subtil und dann wieder schwer verständlich. Trotzdem ist insgesamt der Kanon der Geschichte insgesamt noch gut nachvollziehbar.  

    Als Zielgruppe des Romans kommen Freunde besonderer Literatur in Frage. Es handelt sich nicht um einen Alltagsroman und ist an eine spezielle Zielgruppe gerichtet.

    Im Fazit bin ich sehr gespalten. Die perfide Art von Hollberg und sein Spiel mit Gefühlen und Ängsten ist sehr gut umgesetzt. Ich war begeistert von dieser Form von psychologischem Spiel mit den Ängsten aber auch Hoffnungen von Menschen. Verstört auf der anderen Seite war ich von den teilweise sehr perversen Handlungen und Gedankengängen der Protagonisten. Als wesentlich negativer Kritikpunkt bleibt bei mir auch die ausgedehnte Erzählweise über den Alltag von Nathalie in Erinnerung. Diesen hätte man meiner Meinung nach auch kürzer fassen können. Dieses Buch ist eine Wundertüte, und ich überlasse es jedem einzelnen gerne sich auf diese einzulassen oder es nicht zu tun.

  10. Cover des Buches Eins im Andern (ISBN: 9783596037094)
    Monique Schwitter

    Eins im Andern

     (19)
    Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer
    Die Protagonistin schreibt in der Ich-Form über die verschiedenen Lieben ihres Lebens. Da fehlt die Grossmutter ebensowenig wie der viel ältere Tadeusz und der Teenager Matthieu.
    Entstanden ist ein Buch, das mir vorgekommen ist wie ein Kaleidoskop. Während des Hineinschauens, dreht man ganz langsam daran, so dass Steinchen um Steinchen sich verschiebt und dadurch ein ganz neues Bild entsteht. Genau so schafft es die Autorin, ihre Geschichte auf verschiedenen Zeitebenen gleichzeitig weiterzuerzählen und die Teile so zu einem sich stetig verändernden Ganzen zusammenzufügen.
  11. Cover des Buches Das bessere Leben (ISBN: 9783596187423)
    Ulrich Peltzer

    Das bessere Leben

     (11)
    Aktuelle Rezension von: walli007

    In einer kapitalistischen Welt laufen die Geschäfte auch nicht immer rund. In einer solchen Welt können die wirtschaftlichen Grundlagen von Einzelpersonen mal ins Wanken geraten. Möglicherweise gibt es dann Hilfsangebote von anderen, doch ist es ratsam diese anzunehmen? Vielleicht geht es genau um diese Frage bei der Begegnung von Jochen Brockmann mit Sylvester Lee Fleming. Lee steht für den amerikanischen General - nicht dass es zu Verwechslungen kommt. 


    Was macht ein gutes Buch aus? Mit Freude und Erwartung begibt man sich an die Lektüre dieses hochdekorierten und hochgelobten Autors. Schließlich hat man gerade unter den Preisverdächtigen schon häufiger besonders herausragende Werke gefunden, die interessante Themen in fesselnden Worten bearbeitet haben. Die vielleicht einen anderen Blickwinkel dargestellt haben oder ein Thema besser erklärten als es ein trockenes Sachbuch vermöchte. Dann meint man, seinen Horizont erweitert zu haben und dabei noch etwas gelernt zu haben. Wenn dann das Ganze noch in eine packende Story gekleidet ist, was will man mehr. Manchmal ist es jedoch leider so, dass gerade wenn die Kritik mit Lob überschüttet, der einfache Leser etwas ratlos wird. Was ist denn dann das Thema eines Buches? Wo ist denn die berauschende Sprache? Wieso hat man über Seiten die Absätze vergessen? Wo ist die Geschichte, die interessieren könnte? Bestimmt hat sich der Autor viele Gedanken gemacht, lange an seinen Sätzen gefeilt und mit besten Gewissen die Ansicht vertreten, dass dieses das Beste ist, mit genau den Worten ausgedrückt, die er gewählt hat und auch wählen wollte. Doch leider hilft auch die herausragendste Besprechung der Feuilletons nicht, wenn eine Geschichte am Leser vorbeigeht. Die besten Bücher sollten doch die sein, die sowohl Kritiker als auch Leser begeistern. Zwar kann man vielleicht sagen, wenn das nicht klappt, ist einfach der Leser zu dumm. Was aber, wenn dieser sich durchaus durch so manche Klassiker oder Werke von Nobelpreisträgern mit Begeisterung gelesen hat und gerade hier entnervt anfängt quer zu lesen? Eine abschließende Entscheidung kann von einem Einzelnen sicher nicht getroffen werden. Dieser Einzelne muss hier aber sagen, für mich war es nichts.

  12. Cover des Buches Wie Ihr wollt (ISBN: 9783833310775)
    Inger-Maria Mahlke

    Wie Ihr wollt

     (38)
    Aktuelle Rezension von: Xirxe
    Mary Grey, englische Adlige und mit dem Makel der Kleinwüchsigkeit gezeichnet, hat sich das Missfallen der Königin Elisabeth I. zugezogen und lebt seit Jahren in Haft. Während ihr zu Beginn die Familien, bei denen sie unter Hausarrest gestellt wurde, wohlgesinnt waren, sind die Greshams (ihre aktuellen 'Aufpasser') alles andere als glücklich über ihre Anwesenheit und lassen sie es deutlich spüren, königliche Abstammung hin oder her.
    Inmitten dieser unschönen Verhältnisse beginnt das Buch und während sich die Tage der Gefangenschaft nahezu ereignislos aneinanderreihen, berichtet Mary Grey, wie sie sie erlebt. Langeweile umgibt sie und als sie erfährt, dass ihr Ehemann gestorben ist und damit nahezu der Letzte ihrer Familie, beschließt sie, ihr Leben selbst in Worte zu fassen, damit etwas von ihr bleibt. Denn sonst ist da niemand mehr, der es tun könnte.
    So wechseln sich ihre bisherige Lebensgeschichte, besser: die ihrer Familie, in der sie aufgrund ihrer Behinderung nur so am Rande 'mitlief' mit der Beschreibung ihrer Tage in Gefangenschaft ab. Es ist ein sehr eigentümlicher Ton, in dem erzählt wird. Oft werden Sätze nur angerissen und nicht beendet; es gibt Momentaufnahmen, bei denen (mir) unklar ist, wo und/oder mit wem sie sich ereignen. Und obwohl Marys Gegenwart in der Ich-Perspektive erzählt wird, blieb sie mir merkwürdig fremd. Zu unverständlich ist mir ihr Verhalten, das durch nichts erklärt wird. Einerseits eine verheiratete, nunmehr verwitwete Frau, andererseits ein Verhalten wie eine Fünfjährige: wirft ihrer Dienerin Sachen an den Kopf, bockt und will ihre Schuhe nicht anziehen (Schuhkrieg!). Dass sie aufgrund ihrer Vergangenheit (keine Liebe, Aufmerksamkeit, Anerkennung...) mit Sicherheit jede Menge psychische Schäden davon getragen hat, mag manches erklären, und dennoch bin ich ihr kaum nahe gekommen. Vielleicht ist es der Mangel an Emotionen in dem Erzählten, weder mit Anderen noch mit sich selbst.
    Ebenfalls schwer tat ich mich mit dem weiteren 'Personal' der Geschichte. Die Verwandschaftsverhältnisse empfand ich recht verwirrend und da viel nur in kurzen Ausschnitten erzählt wurde, war ich immer wieder am Rumrätseln, wer nun gemeint sei. Der Stammbaum auf den inneren Umschlagseiten war teilweise hilfreich ebenso wie der Anhang, aber es blieben immer noch eine ganze Menge Fragen übrig. Und wie aus Katholiken und Protestanten Anglikaner geworden sind, ist mir jetzt vollständig unklar. Aber das wäre dann ein Thema für das nächste Buch, das ich lesen sollte ;-)
    Alles in allem eine ungewohnte Lektüre, die nicht schlecht war, mich aber aufgrund der verwirrenden Politik-, Religions-, Verwandtschafts- und sonstigen Verhältnisse sowie der unzugänglichen Protagonistin nicht völlig begeistern konnte.
  13. Cover des Buches Siebentürmeviertel (ISBN: 9783596036264)
    Feridun Zaimoglu

    Siebentürmeviertel

     (11)
    Aktuelle Rezension von: wandablue
    Orientalisch ausufernd. Genial und verrückt.
    Man schreibt das Jahr 1939. Der Sozialdemokrat Franz, der Vater des sechsjährigen Jungen Wolf, macht eine kritische Bemerkung über Hitler und ist auf der Flucht. In Istanbul wird er vom Familienoberhaupt Abdullah Bey und seiner Familie gastfreundlich aufgenommen. Weil sich die erwachsene Tochter des Hauses in Franz verguckt, verlässt Franz die Gastfamilie, um sie nicht in Verruf zu bringen, da er sie nicht heiraten will und geht nach Ankara. Der Sohn bleibt bei Abdullah Bey, den er bald Vater nennt.

    Der Zeitrahmen, immer gemessen an der deutschen, nicht der türkischen Politik, spannt sich bis zum Ende der Hitlerdiktatur bis hin zum Nachkriegsdeutschland. Während sich Franz in all den Jahren immer noch schwer tut mit der türkischen Mentalität, sie innerlich ablehnt und sich über sie erhebt (Türken sind Barbaren, sagt er), assimiliert sich der Junge schnell. Innerlich ist er längst ein echter Türke, doch seine Umgebung lässt ihn seine Herkunft nicht vergessen, Arier nennen sie ihn, den Jungen, der drei Väter hat, Hitler, Franz und Abdullah Bey. Trotzdem, er berappelt sich, besteht alle Mutproben, gehört dazu.

    Feridun Zaimoglu, geboren 1964 im türkischen Bolu, der mit sechs Jahren nach Deutschland kam, dreht die Einwanderunggeschichte einfach um. Dabei lässt er Wolf eintauchen in ein vorkemalistisches Sozialgefüge von seltsamen Ehrenkodexen und Gebräuchen. Man redet in Geschichten. Niemals direkt. Wenn man jemanden rügen möchte, erzählt man dem Jungen Wolf eine Geschichte, will aber die anwesende Cousine oder Nachbarin mit der Erzählung treffen.

    Es ist eine streng regulierte Männerwelt, die Bildung verachtet, auf Körperkräfte setzt und auf Selbstjustiz und Gewalt. Frauen existieren quasi nur als Körperöffnungen. Die Interaktion der Geschlechter wird daher mehr als argwöhnisch beobachtet. Mut und Ehre. Aberglauben und seltsame Rituale. Heimlichkeiten und Anisschnaps. Abschottung. Wer das komplizierte Beziehungsgeflecht unter den Menschen nicht durchschaut, macht leicht einen Fehler und muss mit Blut bezahlen.

    Dabei muss man nur über die Galatabrücke gehen und fände sich in einem relativ modernen Istanbul wieder!

    Zaimoglus Sprache ist aus Hauptsätzen geflochten, aus ausufernden Aufzählungen, einzelne Sätze erstrecken sich über eine ganze Seite oder mehr. Sie ist lyrisch, schön, ein seltsamer, harter melodischer Rhythmus, gerne würde man sich das Buch vorlesen lassen, es hat unbestritten Orient im Blut. Doch mit der Zeit wird man müde ob einer gewissen Monotonie.

    Man muss sich einlesen in eine fremde Kultur, man braucht Geduld. Und bekommt eine Geschichte von Blut und Tränen, Ausgeliefertsein und Demütigungen, Angst und Hass, eine Gesellschaft mit strenger Hierarchie. Und Abdullah Bey ist nicht nur ein liebevolles und strenges Familienoberhaupt, er hat eine gewichtige und gefürchtete Position im Viertel inne. Und Wolf gilt als sein Sohn. Gefahren überall. Selbst unter einstigen Freunden.

    Als Franz nach vielen Jahren nach Deutschland zurückkehrt, muss Wolf eine letzte Entscheidung treffen: Welche Kultur ist die seine? Welchem Vater und welchem Land fühlt er sich mehr verbunden. Wo möchte er leben? Glücklich der, der eine Wahl hat. Viele haben keine!

    Der Orient mit seinen Geschichten ist ausschweifend seiner Natur nach, das ist dieser Roman auch, 200 Seiten weniger und die meisten Leser würden ihn mehr mögen. Doch die gewählte Kunstform, die das islamische Umfeld spiegelt, 99 Kapitel, die mit den 99 Namen Allahs überschrieben sind, zwingt die Länge auf.

    Fazit: Orient pur. Rückständigkeit. Köchelnde Lust, Mord und Totschlag, Aberglaube und Sälbchen aus seltsamen Ingredenzien, Moralkodex, Ehre und Mut.

    Vorschlag: Esst Nüsse und Rosinen beim Lesen und trinkt ungesüssten Tee!

    Kategorie: Longlist Deutscher Buchpreis, 2015
    Verlag: KiWi, 2015

  14. Cover des Buches Gehen, ging, gegangen (ISBN: 9783328602491)
    Jenny Erpenbeck

    Gehen, ging, gegangen

     (118)
    Aktuelle Rezension von: Knigaljub

    Da macht sich eine knapp 50jährige weiße Schriftstellerin auf, Geflüchtete zu interviewen. Sie lernt, was es heißt, der deutschen Bürokratie auf Gedeih und Verderb ausgesetzt zu sein: Keine Arbeitserlaubnis bekommt man (oder wenn dann nur sehr schwer) beispielsweise und bei Fingerabdrücken in Italien oder anderswo aufgrund des Schengen-Abkommens nicht einmal einen fairen Asylprozess. Ach Mensch, ich bin doch Schriftstellerin, und diese Ungeheuerlichkeiten gehören niedergeschrieben, denkt sie sich. Aber einfach so die Geschichten von Geflüchteten erzählen? Nein, da muss noch literarischer Gehalt hinter: Ich mache einen alten weißen Mann, einen frisch emeritierten Professor der Altphilologie, zum Protagonisten, dann habe ich einen guten Grund für möglichst viele intertextuelle Anspielungen und eine Chance, Abi-Lektüre zu werden…

    Zugegeben: Ich weiß natürlich nicht, was die Beweggründe dafür waren, Gehen, ging, gegangen so zu schreiben, wie es geschrieben wurde, aber was ich weiß, ist, dass ich anfangs noch neugierig war, wohin die Reise mit solch einem Protagonisten wohl geht, und dass ich es ganz gut gemacht fand, Richard, den hochgebildeten, angesehenen, wohlverdienenden Egozentriker entlarvt zu sehen. Richard kennt gefühlt die gesamte europäische Literatur in sämtlichen Epochen, zitiert aus Faust und denkt in Brechtschen Versen, aber welche Länder mit welchen Hauptstädten zu Afrika gehören – das weiß er nicht. Und dieser Richard geht nun, verwitwet und seit Kurzem emeritiert, aus einer Art Forschungsinteresse heraus zu einer Flüchtlingsunterkunft und befragt die dort wohnenden Menschen. 

    Woher kommst du? Warum bist du hier? Warum hast du ein Handy?

    Und die Geflüchteten erzählen, denn Erpenbeck lässt nicht nur den alten weißen Egozentriker, nennen wir ihn Akono (dazu später mehr), einen ganz selbstverständlichen Anspruch auf die Geschichten der Geflüchteten erheben, sondern lässt den einen Interviewten mehrfach äußern, dass er den Menschen hier seine Geschichte schulde. Und damit sind wir auch schon bei einem wesentlichen Kritikpunkt an dem Buch: Es reproduziert White Supremacy in einem derart hohen Maß und auf teilweise so subtile Weise, dass ich es irgendwann immer unerträglicher fand, es zu lesen. (Hier: der Schwarze schuldet dem Weißen seine Geschichte). Warum ¾ dieses Buches dem Wurstbrot-und-Tagesschau-Alltag Richards gewidmet sind, mag ja gute Gründe haben, genervt hat es irgendwann dennoch ganz schön. Aber schlimmer ist, wie die Teile, die den Geschichten der Geflüchteten gewidmet sind, erzählt werden. Drei Beispiele:

    1. Raschid erzählt:

    Wir versuchten wegzukommen. Meine Brüder, meine Neffen, meine Onkel, die Nachbarn. Alle rannten und schrien. Überall lagen Leute herum, alles war voller Blut. Einer meiner jüngeren Brüder hatte sich zuerst in einem Mangobaum am Rand des Platzes versteckt. (S. 112)

    --> Raschid erinnert sich also daran, dass es nicht irgendein Baum, sondern ein MANGObaum war, unter dem sich sein Bruder versteckt, nennt aber diesen Bruder nicht beim Namen. Ist das eine realistische Figurenrede oder doch eher eine implizite Exotisierung?

    2. Richard erhält ein „Geschenk“ (S. 257) von Raschid, nämlich einen weiteren Teil von dessen Geschichte:

    Ich wusste nicht, dass sie das Viertel, in dem meine Firma war, auch schon blockweise abgesperrt hatten. Wir kamen nicht mehr durch. Die Soldaten brachten mich, meine Kinder und auch drei schwarze Angestellte von mir in ihr Lager. (S. 237f.)

    --> Raschid charakterisiert seine drei Angestellten also einzig dadurch, dass sie (wie er) „schwarz“ sind. Warum erwähnt er das? Ist das eine realistische Figurenrede oder doch eher eine ziemlich weiße Perspektive, die da durchschimmert? 

    3. Ein Fest bei Richard.

    Als es zu dämmern beginnt, und Richard die Spirituslaternen anzündet, ruft Raschid: Wie in Afrika! Er nimmt eine Laterne und schwenkt sie begeistert. (S. 342)

    --> Ja, Raschid sagt „wie in Afrika“. Ist es realistisch, dass er – wie Richard – den ganzen Kontinent über einen Kamm schert? 

    An dieser Textstelle wird auch deutlich, wie die Geflüchteten, wenn nicht gerade das Opfernarrativ gefüttert wird, gewissen Stereotypen entsprechen (hier: kindlich-fröhlicher Afrikaner). Es scheint, hier wurde versucht, einen gewissen komödiantischen Aspekt einfließen zu lassen. Den Höhepunkt dessen bildet eine Szene im Auto:

    Während die drei Nigerianer sich lachend und schubsend hinten hineinzwängen, sitzt Rufu, der Mond von Wismar, schon ernst und still vorn auf seinem Platz neben Richard. […]. Abdusalam beginnt zu singen, und Richard erzählt, dass es über solche Fuhren, wie es diese gerade ist, auch ein deutsches Lied gibt, und beginnt seinerseits: Hab mein Wagen vollgeladen, voll mit Afrikanern! Er weiß natürlich, dass in der Urfassung nicht von Afrikanern die Rede ist, sondern von alten, beziehungsweise jungen Weibern – aber was die Silbenzahl angeht, sind die Afrikaner perfekt. An einer roten Ampel blickt Richard, der noch aus voller Kehle singt, während die Männer hinten klatschen und johlen, und sogar Rufu im Rhythmus mit dem Kopf nickt, zufällig in ein Nachbarauto hinein, darin sitzt eine junge Familie: Vater, Mutter, zwei Kinder – alle die Köpfe zu Richards Auto gedreht, stumm und fassungslos angesichts so vieler ausgelassener Mohren und eines offensichtlich verrücktgewordenen Weißen. Als er mit einem Hüh, Schimmel! Bei Grün wieder anfährt, hört Richard noch, wie hinter der in ihrem Staunen festgefrorenen Familie ein Hupkonzert einsetzt. (S. 198)

    --> Stereotyp singende, fröhliche Afrikaner, hier von der Erzählinstanz als M*** bezeichnet, rufen eine dermaßen große „Fassungslosigkeit“ bei einer jungen Familie (vermutlich weiß, denn Hautfarben werden im Buch nur in den unterschiedlichsten Nuancen bei den Schwarzen Geflüchteten beschrieben) hervor, dass sie stehenbleiben und ein Hupkonzert verursachen (übrigens in Berlin, als ob man da nie Schwarze sähe) – spätestens hier hatte Erpenbeck mich verloren. Schön ein bisschen rassistischen Slapstick-Humor einbauen, damit dem weißen Leser die Beschäftigung mit diesem Buch nicht allzu sehr auf den Magen schlägt, oder was war die Intention hinter dieser Szene?

    Aber nicht nur fremde Menschen lässt Erpenbeck staunen, auch Richard selbst ist ganz verwundert, dass ein Weihnachtsbild mit einem Schwarzen Geflüchteten „genauso friedlich wie all die Fotos reinrassig deutscher Weihnachtsfeste“ (S. 242) aussehe. Ja, „reinrassig deutsch“ steht da – was auch immer das sein soll, die „reine deutsche Rasse“. Klar, Richard als Protagonist denkt so, aber so unsympathisch und ignorant er auch gezeichnet sein mag, dass er wirklich eine Nationalität (deutsch) als „Rasse“ definiert, finde ich unglaubwürdig. (Übrigens ebenso wie die Tatsache, dass er für einen Arzt dolmetscht (vgl. S. 288) – auf Englisch, denn das ist offensichtlich die Sprache, in der er sich mit den Geflüchteten verständigt. Kann der Arzt wirklich kein Englisch?)

    Bleiben wir bei Akono aka Richard: Dieser kann sich nämlich nicht nur die Hauptstädte der afrikanischen Länder nicht merken, sondern kommt auch mit diesen ganzen afrikanischen Eigennamen durcheinander. Also benennt er kurzerhand manche der Geflüchteten um. Immerhin benennt er sie nicht nach sich selbst, sondern nach griechischen Göttern, dennoch benennt hier ein Weißer Schwarze um, was unangenehm an den Umgang mit Sklaven erinnert. Gerade, weil Richard am Ende doch zum White Savior in diesem Buch mutiert, stößt es besonders bitter auf, dass er die Verwendung dieser "Spitznamen" bis zum Schluss durchzieht.

    Apropos Schluss: Konsequenterweise ist der natürlich nochmal ganz Richard gewidmet. Konsequenterweise kommt heraus, dass er schon immer ein ignorantes, egozentrisches Arschloch war, auch in Bezug auf seine Frau. Bereits im gesamten Roman hatte sich gezeigt, dass Richard Frauen objektiviert – die Deutschlehrerin der Geflüchteten beispielsweise ist ihm nicht mal einen Namen wert. Stattdessen überlegt er (alter Sack) sich, wie es wäre, etwas mit ihr (junge Frau) zu haben.

    Zu dem unsympathischen Protagonisten gesellen sich andere Figuren, die ebenfalls reichlich überzeichnet wirken: der Hölderlinleser Andreas zum Beispiel oder Monika und Jörg, die „ein Restaurant mit vierzig verschiedenen Sorten Büffelmozzarella“ (S. 242) in Italien besuchten, sich aber an dem Anblick von „Afrikanerinnen […] am Straßenrand“ (S. 243) in der Toskana störten und Richard warnen: „Da musst du aufpassen, die schleppen oft Krankheiten ein, Hepatitis, Typhus und Aids. Hab ich zumindest gehört.“ (ebd.) 

    Auch mitten aus dem Leben gegriffen ist der Tacitus rezitierende Anwalt:

    Sie kennen doch sicher den schönen Abschnitt in Tacitus‘ „Germania“ über die Gastfreundschaft unserer Vorfahren? Ja, sagt Richard und nickt. Wenn ich Ihnen die Passage kurz noch einmal in Erinnerung rufen darf? Sie dürfen. Der Anwalt steht auf, geht zu seinem Bücherregal, die Rockschöße wehen im unerklärlichen Bürowind, zieht den Tacitus aus dem Regal und schlägt das kleine Buch an einer Stelle, an der ein Zettel eingelegt ist, auf. […] Und nun beginnt der Anwalt zu rezitieren: Es gilt bei den Germanen als Sünde, einem Menschen sein Haus zu verschließen, wer es auch sei; … (S. 309)

    Mit besonders viel Weisheit kann auch Anne, die Fotografin, um sich werfen. Bei Richard ist eingebrochen und Schmuck gestohlen worden, „der Klavierspieler“, dem Richard seit einiger Zeit das Klavierspielen beigebracht hat, steht direkt im Verdacht, denn er habe ja gewusst, dass Richard nicht Zuhause sei. Anne weiß Rat:

    Du musst einfach herauszufinden versuchen, ob es dein Klavierspieler war. […] Du denkst also, dass er es war. Du verurteilst ihn, ohne dass er eine Chance hatte, sich zu äußern. Das ist nicht schön. […] Frag ihn, ob er es war. […] Wenn er es wirklich gewesen sein sollte, der dir den Ring geklaut hat, dann schrei ihn an! Sag ihm, dass du, verdammt nochmal, den Ring zurückhaben willst! Mach ihm eine Szene! […] Weil du ihn ernst nehmen musst. Wenn du seinen Verrat entschuldigst, bist und bleibst du der großkotzige Europäer. (S. 316f.)

    Weißte Bescheid? Schrei die Leute an, nur dadurch zeigst du ihnen, dass du dich nicht über sie stellst. Was sind das für Figuren in dem Roman? Wo leben die alle? Warum sind die so dermaßen überzeichnet, dass man keinerlei Identifikationspotential geboten, aber permanent Kotzreiz bekommt?

    Insgesamt habe ich das Gefühl, dass Erpenbeck irgendwie schon gute Absichten hatte, aber gut gemeint ist eben nicht automatisch gut gemacht. Neben der oben ausführlich skizzierten (für mich sehr fragwürdigen) Figurenzeichnung war es insbesondere der insgesamt belehrende Ton, der mir missfiel: Nicht nur wurde dem Leser beispielsweise mindestens drei Mal erklärt, was es mit dem Schengen-Abkommen auf sich hat, nicht nur wurde permanent wiederholt, dass die Geflüchteten doch nur arbeiten wollen und nicht können, sondern auch die Einschübe von Elementen klassischer Schullektüre und die rechtlichen Grundlagen von Asylprozessen kamen mir des Öfteren künstlich eingebaut vor. 

    Mag ja sein, dass Erpenbeck mit der Wahl ihres Protagonisten und dem Raum, den er im Roman im Vergleich zu den Geflüchteten einnimmt, gerade darüber zum Nachdenken anregen wollte, wer eigentlich Geschichte(n) schreibt, wer stets im Fokus steht und wer nicht – für mich ging das vollkommen nach hinten los. Weder schafft sie es, dass man sich mit dem Protagonisten (oder irgendeiner anderen Figur) identifiziert (und dadurch zum Nachdenken angeregt wird), noch erhalten die Schicksale der Geflüchteten genügend Raum, im Gegenteil bleiben die Geflüchteten gesichts- und teilweise namenlose exotisierte „Randphänomene“ in dieser gefühlt schnell niedergeschriebenen und mit möglichst viel Wissen zusammengeworfenen, aber fragwürdige Narrative bedienenden Geschichte. Dass nicht auf Selbstreflexion, sondern Systemkritik, auf der man sich dann ausruhen kann, abgezielt wurde, zeigt auch die provokante Anspielung, die einen fragwürdigen Vergleich zu Judendeportationen zieht:

    Jetzt entsteigen den vorderen Mannschaftswagen Polizisten in voller Montur: Kampfanzüge, Helme mit heruntergeklapptem Visier, Knüppel, Pistole. [...] Richard fragt sich, ob tatsächlich 40 schwerbewaffnete Männer notwendig sind, um 12 afrikanische Flüchtlinge aus so einem Heim zu tragen, ganz zu schweigen von den übrigen rund 150 Polizisten, die in den anderen Wagen auf ihr Startsignal warten. Morgen, das weiß er jetzt schon, wird in der Zeitung stehen, wieviel der Einsatz gekostet hat, und die Kosten werden vom Volk der Buchhalter den Objekten des Abtransports als Schuld zugeschrieben werden, wie das auch in anderen Zeiten, wenn Deutschland irgendwen hat abtransportieren lassen, üblich gewesen ist. (S. 258f.)

    Was mir am Ende der Lektüre nur bleibt, ist folgende Frage: Warum genau wird/wurde dieses Buch so gefeiert?

  15. Cover des Buches Eigentlich müssten wir tanzen (ISBN: 9783518467862)
    Heinz Helle

    Eigentlich müssten wir tanzen

     (58)
    Aktuelle Rezension von: GAIA

    Beim Grundszenario von Heinz Helles Roman muss man natürlich als erstes an "Die Wand" von Marlen Haushofer denken, wobei sich einzelne Variablen unterscheiden. So reisen bei Helle fünf Männer um die 30 für ein verlängertes Wochenende auf eine einsame Berghütte in die Alpen, um wie in alten Zeiten zu feiern/zu saufen. Am Morgen der Abreise liegt die Welt in Schutt und Asche und so machen sich die fünf scheinbar letzten Menschen zu Fuß auf den Weg nach Norden Richtung Heimat. 

    Helle erzählt den Roman aus Sicht eines Ich-Erzählers, der zur Truppe gehört, in wechselnden Episoden, welche zu Beginn des Buches direkt auf dem postapokalyptischen Fußmarsch einsetzt und später durch Rückblicke sowohl die Anreise zur Hütte, das Entdecken der ersten Anzeichen der Apokalypse sowie Szenen aus den Leben der fünf Protagonisten aufschachtelt. 

    Die Leserin wird direkt auf der zweiten Seite durch eine Gruppen-Vergewaltigungsszene geschockt und der Autor stellt damit eindeutig klar: Der Mensch wird zum Monster, wenn die Zivilisation zusammenbricht, denn schnell sind auch die zivilisatorischen Werte über Bord geworfen. Er macht deutlich, dass Männer, die "im früheren Leben" mitunter verheiratet und von Beruf Pilot, Mikrobiologe oder Anlagenberater sind, trotzdem schnell die Menschlichkeit beiseite schieben können. Da wird es gleich sehr schwer, Sympathien für die Protagonisten zu entwickeln. Trotz brutaler Handlungen der Figuren schafft es der Autor im weiteren Verlauf, dass diesen immer eine Rationalität zugrunde liegt und somit auch ein gewisses Verständnis entstehen kann. Ich kreide es jedoch dem Autor an, dass er unreflektiert bis zum Schluss die Vergewaltigungsszene vom Beginn stehen lässt. So könnte ein abgestumpfter Leser geneigt sein, dies hinzunehmen als "notwendiges Übel zur Erleichterung in harten Zeiten". Sprachlich arbeitet der Autor sehr gut und fädelt geschickt philosophische Betrachtungen in die Erzählung ein.

    Insgesamt konnte der Roman mich nicht vollkommen überzeugen. Eine durchaus interessante Abwandlung des "Die Wand"-Themas, jedoch mit - wenn auch nur an einem Punkt - zu viel unreflektierter Brutalität. Hier hätte aus meiner Sicht eine psychologische Einordnung passieren müssen, die mir definitiv fehlt.


  16. Cover des Buches Die Liebenden von Mantua (ISBN: 9783835316836)
    Ralph Dutli

    Die Liebenden von Mantua

     (7)
    Aktuelle Rezension von: Saralonde

    Im Jahr 2007 wurden in der Nähe der italienischen Stadt Mantua zwei Skelette aus der Jungsteinzeit gefunden, die sich wie ein Paar zu umarmen schienen. Bekannt wurde dieser Fund als “Die Liebenden von Valdaro”. Der Schriftsteller Manu findet sich im erst 2012 von einem Erdbeben erschütterten Mantua ein, um Recherchen über die Liebenden anzustellen. Dort trifft er, welch Zufall, seinen alten Freund Raffa, der wiederum die Erdbeben und die Krisensituation in der Region erforscht. Die beiden verabreden ein weiteres Treffen, doch Manu erscheint nicht. Denn ein in der Nähe ansässiger Conte hat ihn entführen lassen, damit er ein Buch über die Liebenden schreibt, das als Grundlage für eine neue, auf Liebe basierende Religion, eine Liebesutopie dienen soll…

    Wenn ich das Wort “Jungsteinzeit” im Zusammenhang mit Büchern höre, setzt es bei mir aus und ich will das betreffende Buch haben. So auch bei diesem Roman, den ich auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis entdeckt hatte.

    Trotz erster, negativer Besprechungen aus der Literaturbloggerszene ging ich offen an das Buch heran, aber es dauerte nicht lange, bis ich zum ersten Mal die Augen verdrehte. Etwas, das mich durch das gesamte Buch begleiten sollte. Der Grund: Ralph Dutli versucht ganz offensichtlich, mit möglichst anspruchsvollen, poetischen Formulierungen um sich zu werfen, zudem verweist er in geradzu angeberischer, selbstverliebter Manier ständig auf künstlerische, geschichtliche und philosophische Konzepte, mit denen nur hochgebildete Leser etwas anzufangen wissen dürften. Hätte ich das Buch nicht gemeinsam mit einem Mitglied einer Lesegruppe auf Goodreads gelesen, der mehr über Philosophie weiß als ich, ich hätte wohl nicht viel davon verstanden. Das soll nun aber nicht mein Hauptkritikpunkt sein, kluge Bücher haben sicher ihre Existenzberechtigung. Doch wie bereits erwähnt verrennt Dutli sich in völlig übertriebenen, poetisch ambitionierten Formulierungen und Wortspielereien, die – meiner Meinung nach – größtenteils misslingen. Das Buch enthält durchaus auch interessante Ansätze und wirklich gelungene, kluge Sätze (“Nichts ist illusionsfroher als das Gedächtnis”), doch habe ich wirklich bei der Lektüre einen Satz nach dem anderen unterschlängelt und mich gefragt, ob der Autor das wirklich ernst meint. Beispiele: “Der wartende Mensch wird allmählich nervös, er geht rascher auf und ab, ein leichter Schweißfilm gleitet elegant auf seine Stirn… (S. 33). (O-Ton meines Vaters zu diesem Zitat auf gut Saarländisch: “Will der die Leid veraasche”, aber das nur am Rande). “Erst das Exil in Babylon hat auch sie verbannt. Baby Alone … in Babylone, denk an Gainsbourg.” (S. 157) “Leere Theater sind so unheimlich wie Fingerhüte. Sie müssen voll sein, sonst sind sie eine lauernde Bedrohung”. Vor allem das letzte Beispiel ist meiner Ansicht nach schlicht totaler Quatsch.

    Unterdessen wird die Handlung um Manu und seiner Entführung zu einer Art Dauerhalluzination, einer Art Fieberwahn, gespickt mit den erwähnten Sprachspielereien, während Raffa den Touristen gibt, statt nach seinem Freund zu suchen. Dialoge sind vor allem dadurch gekennzeichnet, dass man die Worte kaum einem jeweiligen Sprecher zuordnen kann, der Verzicht auf jegliche Anführungszeichen trägt natürlich auch dazu bei. Ich bin im Übrigen nicht der Meinung, dass das Weglassen von Anführungszeichen etwas Innovatives oder Intellektuelles ist. Es mag Werke geben, wo das seine Rechtfertigung hat, aber ich hoffe, dieser Trend in der Literatur legt sich bald wieder.

    Obwohl ich die Lektüre des Romans als regelrecht quälend empfand, habe ich bis zum Ende durchgehalten, um erneut enttäuscht zu werden: Das Ende ist leider einfach banal, eine Auflösung, die jeder Fernsehkrimi toppen kann.

    Ich habe glaube ich noch nie so einen Verriss geschrieben, ich mache das auch wirklich nicht gern, tue mich schwer mit der Rezension, aber ich habe lange kein Buch mehr so ungern gelesen.

    Ich hatte überlegt, dem Buch zwei Sterne zu geben, da es ja durchaus auch Kluges und Schönes enthält, aber dieser Antiklimax am Ende hat den zweiten Stern versaut.

    Ein kaum zugänglicher, in meinen Augen misslungener Roman, bei dem Dutli nach meinem Dafürhalten einfach zu viel wollte.

  17. Cover des Buches Applaus für Bronikowski (ISBN: 9783835316041)
    Kai Weyand

    Applaus für Bronikowski

     (30)
    Aktuelle Rezension von: miss_mesmerized
    Ein Lottogewinn wird alles ändern für Nies und seine Familie. Doch die Zukunftspläne der Eltern, das neue Leben in Kanada, sehen irgendwie nicht vor, dass die beiden Kinder sie begleiten. So bleiben Nies und sein Bruder schon als Jugendliche allein in Deutschland zurück. Aus Protest gibt er sich einen neuen Namen: NC – No Canada. Seine Beziehungen zu Menschen bleiben schwierig, meist ist er allein mit seinen Gedanken und den scharfen Beobachtungen seiner Mitmenschen. Als er zufällig in einer Bäckerei eine Empfehlung von einer Verkäuferin erhält, fragt er sich auch noch, wohin er jetzt spazieren solle. Der Tipp wird sein Leben verändern, führt sein Weg ihn zu einem Beerdigungsinstitut, wo man auch gerade einen Mitarbeiter sucht. Mit den Lebenden kommt NC nur schlecht zurecht, aber für die Toten hat er ein Händchen und er schafft es auch, aus unmöglichen Situationen mit Einfallsreichtum wieder herauszukommen.

    Kai Weyands Protagonist ist schon sehr eigen geraten, als Sympathieträger kann man ihn nicht unbedingt sehen, dafür kann er weder zu den Figuren in seiner fiktionalen Welt noch zu dem Leser eine wirkliche Bindung aufbauen. Das einzige, das ihn sympathisch erscheinen lässt, ist der Umgang mit den Toten, denen er Respekt und Fürsorge entgegenbringt und sie nicht als Körper sieht, sondern als Menschen. Auch dass er durchaus bemüht ist, dem Jungen, den er im Bus kennenlernt, beiseite zu stehen, wenn dieser wieder den Angriffen der anderen ausgesetzt ist, zeigt, dass er eigentlich kein schlechter Typ ist. Trotzdem bleibt er zurückgezogen für sich.

    Das Buch lebt weniger von seiner Hauptfigur als viel mehr von den absurden Situationen, in die sich NC manövriert, und seinen schrägen Ideen, um den Toten ihre letzten Wünsche zu erfüllen. So gelingt es dem Autor, neben dem todernsten Thema Bestattung und Umgang mit dem Tod, immer wieder auch urkomische Momente zu schaffen und zu zeigen, dass der Fokus weniger auf dem Verlust als auf den positiven Erinnerungen liegen sollte.

    Ein Beruf, der Bestatter, eher zur literarischen Randgruppe gehörend, kommt bei Kai Weyand in unerwartet komisch daher und dem Autor gelingt der Spagat zwischen unterhaltsam und ernsthaft bei diesem heiklen Thema. 
  18. Cover des Buches Lucia Binar und die russische Seele (ISBN: 9783423145817)
    Vladimir Vertlib

    Lucia Binar und die russische Seele

     (17)
    Aktuelle Rezension von: Sikal

    Lucia Binar ist 83 und hat schon einiges erlebt in ihrem bisherigen Leben. Jetzt will sie eigentlich nur noch in Ruhe ihren russischen Dichtern frönen und irgendwann mal in ihrer Wohnung einschlafen. Als es an der Tür klingelt, ahnt sie noch nicht, welche Veränderungen ihrem Leben plötzlich bevorstehen. Und damit hat nicht nur Student Moritz zu tun, der sie um eine Unterschrift für die politisch nicht mehr korrekte Mohrengasse bitten – diese soll nämlich (zumindest wenn es nach Moritz und seiner Truppe ginge) ab sofort Möhrengasse heißen. Lucia denkt erst Moritz macht Witze, doch dem ist nicht so. Dabei hat Lucia ihre eigenen Probleme – und Hunger. Denn ihr „Essen auf Rädern“ kommt nicht und als sie sich telefonisch beschwert, rät ihr die Dame vom Callcenter, sich doch übers Wochenende von Knäckebrot und Mannerschnitten zu ernähren. Als dann auch noch Hausbesitzer Willi die leerstehenden Wohnungen Obdachlosen, Asylanten und Junkies zur Verfügung stellt, diesen Mietern eine laute Musikanlage zur Verfügung stellt und die Toiletten unbenutzbar macht, sowie den Strom zeitweise abdreht, reicht es Lucia. Sie macht sich auf den Weg, um erst der Dame vom Callcenter einen Besuch abzustatten, den diese nicht so schnell vergessen wird und bei der Gelegenheit gleich mal Willi die Leviten zu lesen …

    Der Autor Vladimir Vertlib wurde in Leningrad geboren, emigrierte erst nach Israel und übersiedelte in den 80er Jahren nach Österreich. Heute lebt er in Salzburg und Wien als erfolgreicher Schriftsteller. Dieser Roman schaffte es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2015.

    Die Charaktere des Romans sind durchwegs authentisch, die rüstige alte Dame musste in ihrem Leben bereits viele Prüfungen bestehen und sich durchkämpfen. Sie hat nun keinen Nerv mehr, sich von etwaigen Wichtigtuern schikanieren zu lassen. Lucia Binar ist selbstbewusst, kritisch und lässt sich nicht einschüchtern. Viele gesellschaftskritische Themen hat der Roman zu bieten, wie z.B. die Vereinsamung älterer Menschen in der Großstadt, Rassismus, Korruption, …

    Der Schreibstil ist leicht und flüssig zu lesen (ohne den nötigen Tiefgang vermissen zu lassen), gewürzt mit einer gehörigen Portion Sarkasmus und Humor. Mystische, surreale Sequenzen ergänzen diese Geschichte und warten am Ende noch mit einer gehörigen Portion „russischer Seele“ auf, die mir letztendlich beinahe zu verworren und absurd erschien.

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