Bücher mit dem Tag "deutsche autorin"

Hier findest du alle Bücher, die LovelyBooks-Leser*innen mit dem Tag "deutsche autorin" gekennzeichnet haben.

252 Bücher

  1. Cover des Buches Save Me: Special Edition (ISBN: 9783736323001)
    Mona Kasten

    Save Me: Special Edition

    (3.583)
    Aktuelle Rezension von: Lissianna

    Nachdem mich die neue Serienadaption zu Maxton Hall komplett angesteckt hatte, musste ich unbedingt wieder zum Buch greifen – und dieser Re-Read hat sich von der ersten Seite an gelohnt. Die Geschichte rund um Ruby Bell, die an der Elite-Schule um ihren Traum von Oxford kämpft und dabei am liebsten unsichtbar bleiben möchte, entfaltet sofort wieder ihren ganz eigenen Sog.

    Als sie unfreiwillig auf James Beaufort trifft – reich, privilegiert und der unangefochtene Star des Colleges –, prallen zwei vollkommen gegensätzliche Welten aufeinander. Trotz vertrauter Tropes lebt die Handlung von den dynamischen Schlagabtauschen. Ruby überzeugt als ehrgeizige, schlagfertige Protagonistin mit tiefem Loyalitätssinn für ihr Umfeld. James wiederum offenbart erst nach und nach seine verletzliche Fassade, hinter der deutlich mehr steckt als nur sorgenfreier Luxus.

    Ein großer Pluspunkt ist das Feingefühl der Autorin für das Beziehungstempo: Die Entwicklung zwischen den beiden wirkt erstaunlich glaubwürdig, organisch und nie überstürzt. Zudem bekommt auch das gesamte Ensemble an Nebenfiguren genug Raum zur Entfaltung.

    Wer fesselnde School-Tropes mit starker Dynamik sucht, kommt hier voll auf seine Kosten. Durch den Serienhype hat das erneute Eintauchen sogar noch mehr Spaß gemacht!

  2. Cover des Buches Save You: Special Edition (ISBN: 9783736324008)
    Mona Kasten

    Save You: Special Edition

    (2.514)
    Aktuelle Rezension von: TheReSa

    Nach dem Ende von Save Me war ich gespannt, wie es mit Ruby und James weitergeht. Der zweite Band setzt genau dort an und legt den Fokus deutlich stärker auf die Folgen der Ereignisse aus Band 1. Dabei stehen vor allem Vertrauen, Verletzungen und die Frage im Mittelpunkt, ob sich zerbrochene Beziehungen wieder reparieren lassen.

    Besonders gefallen hat mir, dass man diesmal mehr Einblicke in andere Figuren bekommt. Die zusätzlichen Perspektiven von Lydia und Ember haben die Geschichte erweitert und dafür gesorgt, dass die Nebencharaktere mehr Tiefe erhalten. Gerade Lydia fand ich in diesem Band sehr interessant.

    Wie schon im ersten Teil liest sich der Schreibstil angenehm und flüssig. Die Emotionen der Figuren kommen gut rüber und viele Szenen haben dafür gesorgt, dass ich mit ihnen mitgefühlt habe. Vor allem James' persönliche Entwicklung und sein Umgang mit den Ereignissen aus dem ersten Band standen für mich diesmal stärker im Vordergrund.

    Für die volle Punktzahl hat es bei mir allerdings nicht gereicht. Über weite Strecken dreht sich die Handlung sehr stark um das Hin und Her zwischen Ruby und James. Manche Konflikte wurden für meinen Geschmack etwas zu lange ausgedehnt, wodurch sich die Geschichte stellenweise gezogen hat. Erst im späteren Verlauf nimmt die Handlung wieder deutlich an Fahrt auf.

    Trotzdem ist Save You eine gelungene Fortsetzung, die den Figuren mehr Raum gibt und emotional einige starke Momente bietet. Und dann kommt dieses Ende, das natürlich dafür sorgt, dass man direkt wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht.

  3. Cover des Buches Unterleuten (ISBN: 9783442719761)
    Juli Zeh

    Unterleuten

    (690)
    Aktuelle Rezension von: Buecherwurm76

    Mit „Unterleuten” ist Juli Zeh ein beeindruckend vielschichtiger Roman gelungen, der ein ganzes Dorf zum Brennpunkt gesellschaftlicher, politischer und moralischer Spannungen macht. Das Buch spielt im fiktiven brandenburgischen Dorf Unterleuten, die Handlung ist im Jahr 2010 angesiedelt. Was auf den ersten Blick wie eine idyllische Ortsbeschreibung wirkt, entpuppt sich als Darstellung eines Ortes, der durch alte Feindschaften, neue Interessen und äußere Einflüsse rapide aus dem Gleichgewicht gerät.


    Auslöser ist der geplante Bau eines Windparks, der das soziale Gefüge des Dorfes komplett sprengt. Einheimische und Zugezogene, Idealisten und Opportunisten, Naturschützer und Investoren verfolgen ihre jeweiligen Ziele und wechseln je nach persönlichem Vorteil ihre Allianzen. Der Roman zeigt eindringlich, wie schnell ein Dorf mit nur rund 200 Einwohnern in einen Strudel aus Misstrauen, Manipulation und Machtkämpfen geraten kann. Die eigentliche Tragik liegt darin, dass fast alle Beteiligten von ihrer eigenen Rechtmäßigkeit überzeugt sind.


    Multiperspektivisches Erzählen – Wahrheit ist subjektiv:

    Die narrative Kraft des Romans basiert darauf, dass Zeh bewusst auf simplen Gut-Böse-Schemata verzichtet. Stattdessen arbeitet sie mit häufigem Kapitelwechsel aus unterschiedlichen Figurenperspektiven. Jede Figur handelt aus ihrer eigenen, subjektiven Logik heraus. Diese Konstruktion verdeutlicht pointiert: Es gibt nicht DIE objektive Wahrheit in diesem Streit. Die verschiedenen Standpunkte führen zwangsläufig zu tragischen Missverständnissen und eskalierenden Situationen. Dieser Ansatz fordert den Leser aktiv zur Reflexion über Mehrdeutigkeit und Partialwahrheiten heraus.


    Stil und Wirkung

    Zeh schreibt präzise, analytisch und zugleich unterhaltsam. Ihr Stil lässt sich als scharf beobachtend, politisch, psychologisch feinfühlig und oft ironisch beschreiben. Bemerkenswert ist, dass sich die über 600 Seiten trotz der inhaltlichen Komplexität erstaunlich flüssig lesen, da jeder Perspektivenwechsel neue narrative Dynamik ins Spiel bringt. Der Leser wird vom Sog des Ganzen erfasst, obwohl es keine klassische Krimi-Struktur gibt.


    Fazit

    „Unterleuten” ist ein herausragender Gesellschaftsroman, der eindrücklich demonstriert, wie fragil Gemeinschaften tatsächlich sind – und wie schnell Menschen zu Gegnern werden, sobald Interessenskonflikte auftreten. Juli Zeh entwirft ein präzises, spannungsgeladenes und oft erschreckend realistisches Bild ländlicher Machtstrukturen sowie menschlicher Abgründe.

    Dies ist kein gemütliches Dorfgeschichtenbuch. Es handelt sich vielmehr um eine schonungslose Gesellschaftsanalyse, die lange nachhallt und zum Nachdenken zwingt. Besondere Stärken liegen in der brillanten Figurenzeichnung – jede Figur ist glaubwürdig, widersprüchlich und authentisch menschlich –, der thematischen Relevanz (Energiewende, Demokratie, soziale Spaltung) sowie der unerwarteten Spannungsentwicklung trotz fehlender genre-typischer Strukturen.

    Eine uneingeschränkte Leseempfehlung für alle, die anspruchsvolle zeitgenössische Literatur schätzen und verstehen möchten, wie das moderne Deutschland an den Schnittstellen von Ökologie, Politik und Menschlichkeit zerrieben wird.

  4. Cover des Buches Izara - Das ewige Feuer (ISBN: 9783522506366)
    Julia Dippel

    Izara - Das ewige Feuer

    (1.232)
    Aktuelle Rezension von: Samira_2006

    Ari hat es im Leben nicht leicht – genau das macht sie zu einer so authentischen und sympathischen Protagonistin. Sie versucht, Schule und Arbeit unter einen Hut zu bringen und kümmert sich gleichzeitig um ihre psychisch instabile Mutter. Zum Glück steht ihr ihre beste Freundin immer zur Seite. Als Ari schließlich den geheimnisvollen Lucian kennenlernt, nimmt ihr Leben eine unerwartete Wendung.

    Die Geschichte gewinnt schnell an Spannung und bietet neben actionreichen Kampfszenen auch viele humorvolle Momente. Besonders gut gefallen hat mir, dass man die verschiedenen Gruppierungen und das Magiesystem nach und nach kennenlernt. Man wird nicht mit Informationen überhäuft, sondern entdeckt die Welt gemeinsam mit Ari.

    Zu Beginn spielt die Handlung noch in der gewöhnlichen Menschenwelt. Nach und nach taucht Ari jedoch in die verborgene Welt der Primus ein – übernatürliche Wesen, die unerkannt unter den Menschen leben. Das Magiesystem folgt klaren Regeln und entwickelt sich im Laufe der Reihe stetig weiter. Neue Fähigkeiten und Geheimnisse werden nach und nach enthüllt, wodurch die Welt immer tiefgründiger und faszinierender wird. Julia Dippel verbindet bekannte Elemente aus Engel- und Dämonenmythen mit einer eigenen, originellen Fantasywelt, die mich von Anfang an begeistert hat.

    Die Izara-Reihe besteht aus vier Bänden sowie einem Spin-off.

    Ari ist mutig, schlagfertig, humorvoll und unglaublich einfühlsam. Mit jeder Seite ist sie mir mehr ans Herz gewachsen. Sie lässt sich nicht unterkriegen und beweist immer wieder, dass sie auch in schwierigen Situationen Stärke zeigen kann.

    Lucian bleibt anfangs ein großes Rätsel, was meine Neugier nur noch mehr geweckt hat. Mit der Zeit lernt man seine einfühlsame Seite kennen, auch wenn er diese nicht sofort zeigt. Sein trockener Humor sorgt immer wieder für unterhaltsame Momente und hat mich oft zum Lachen gebracht.

    Auch die übrigen Charaktere sind liebevoll ausgearbeitet. Jeder von ihnen besitzt eine eigene Persönlichkeit und trägt dazu bei, dass man sich mitten in der Geschichte fühlt. Sie wachsen einem schnell ans Herz und machen die Reihe zu etwas ganz Besonderem.

    Fazit:

    Izara ist eine fesselnde Fantasyreihe mit einer gelungenen Mischung aus Magie, Romantik, Humor und spannender Action. Die abwechslungsreiche Handlung, das durchdachte Worldbuilding und die großartigen Charaktere haben mich von Anfang bis Ende begeistert. Wer Fantasy mit einer mitreißenden Liebesgeschichte und viel Spannung liebt, dem kann ich diese Reihe von Herzen empfehlen.

  5. Cover des Buches Das Lächeln der Fortuna (ISBN: 9783404189120)
    Rebecca Gablé

    Das Lächeln der Fortuna

    (1.432)
    Aktuelle Rezension von: Reisefreundin

    "Das Lächeln der Fortuna" ist Gablés erster Roman um die Familie Waringham, wenn auch zeitlich die Bücher "Teufelskrone" und "Drachenbanner" früher angesiedelt sind und m. E. daher zuerst gelesen werden sollten.

    Gablé nimmt sich viel Zeit für die einzelnen Charaktere. Die Hauptfigur - Robin of Waringham - ist uneingeschränkt  positiv dargestellt und wird über das ganze Buch hinweg eng durch Höhen und Tiefen begleitet. Ich war mit dem guten Ende für den Pferdenarren Robin mehr als zufrieden. 

  6. Cover des Buches Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit (ISBN: 9783426302507)
    Mai Thi Nguyen-Kim

    Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit

    (226)
    Aktuelle Rezension von: Liden

    BUCH

    review

    Autor

    Mai Thi Nguyen - Kim

    Genre des Buches:

    Fachbuch Naturwissenschaft

    Was ist das Hauptthema oder die Message des Buches ?

    Aufklärung von Themen gesellschaftlicher Debatten

    Würde ich es weiterempfehlen?

    Bedingt

    Datum

    25.02.2026 (14)

    Bewertung

    Titel

    Kleinste gemeinsame

    Wirklichkeit

    Zusammenfassung des Buches in meinen eigenen Worten:

    Mai - Thi Nguyen Kim, Chemikerin mit Doktortitel, nimmt uns mit und wirtt einen Blick auf die Streitfragen des öffentlichen & gesellschaftlichen Diskurses (Zocken, Corona, Gender Pay

    Gap usw.)

    Mein Fazit zu diesem Buch:

    Ich kenne nicht ihre Videos, finde sie aber als Person echt sympathisch und war umso enttäuschter über das Buch.

    Ich lese einige Fach- und Sachbücher und viele davon sind zugänglicher geschrieben als dieses. Es wurde probiert, Humor reinzubringen und doch war die Lektüre zu langatmig und die Erläuterungen zu verschachtelt.

    Schade !

  7. Cover des Buches Mängelexemplar (ISBN: 9783596511891)
    Sarah Kuttner

    Mängelexemplar

    (1.230)
    Aktuelle Rezension von: Seitensnack

    Nachdem mich Mama & Sam bereits absolut begeistert hat, war für mich klar, dass ich mehr von Sarah Kuttner lesen muss.
    Ihren Schreibstil und ihren Humor mag ich einfach unglaublich gerne.
    Dementsprechend hoch waren meine Erwartungen an Mängelexemplar.. und ich wurde nicht enttäuscht.

    Im Zentrum steht Karo, die nach dem Verlust ihres Jobs und einer gescheiterten Beziehung plötzlich von Panikattacken und einer tiefen Depression überrascht wird.
    Das Buch begleitet sie auf ihrem holprigen Weg durch Therapie, Medikamente und die Aufarbeitung ihres bisherigen Lebens, um wieder zu sich selbst zu finden.

    Sarah Kuttner schafft es auf beeindruckende Weise, schwierige Themen mit einer wunderbaren Leichtigkeit und genau der Dosis Humor zu beschreiben.
    Genau das macht das Buch so besonders. Es wird trotz der Thematik nie zu düster, sondern macht schlichtweg Spaß zu lesen.

    Besonders stark fand ich, wie greifbar das Krankheitsbild dargestellt wird.
    Für Nicht Betroffene ist das Thema Depression oft schwer nachvollziehbar. Dieses Buch veranschaulicht es so nahbar, dass man sich extrem gut hineindenken kann.
    Die Character sind mir dabei sehr ans Herz gewachsen und wirken mega sympathisch.

    Eine absolute Leseempfehlung für alle, die eine ehrliche, sympathische und trotz der Tiefe leicht geschriebene Geschichte suchen.
    Auch mein zweites Buch der Autorin war ein absoluter Volltreffer.

  8. Cover des Buches Altes Land (ISBN: 9783328602101)
    Dörte Hansen

    Altes Land

    (770)
    Aktuelle Rezension von: a_dreamer

    Dieser Roman stand schon lange ungelesen in meinem Bücherregal. Als ich die Buchauswahl für unseren Buchclub in Bergen auf Rügen getroffen habe, kam es spontan mit auf die Leseliste. Bereits 2015 erschienen wurde es endlich Zeit dafür. Fazit: "Altes Land" las sich so gut und war perfekt geeignet für unsere April-Runde. Die 1,5 Stunden Austausch vergingen wie im Flug.

    Dörte Hansen erzählt im Großen und Ganzen die Geschichte der Frauen Vera Eckhoff und ihrer Nichte Anne. Beide verlieren ihren Halt, ihr Zuhause - aus ganz unterschiedlichen Gründen und zu unterschiedlichen Lebzeiten. Beide finden nach großen Startschwierigkeiten ihre neue Heimat in einem Bauernhaus im Alten Land. Vera kommt zu Kriegszeiten als Flüchtling mit ihrer Mutter aus Ostpreußen und erbt später als adoptiertes Kind das Bauernhaus. Richtiger Teil der Dorfgemeinschaft wird sie nie. Jahrzehnte später flieht Anne aus Hamburg, genau dorthin - vor dem Betrug ihres Partners und Vater ihrer Kinder, vor der Großstadt, vor ihrem eingestürzten Leben. Beide sind grundverschieden und doch entsteht Stück für Stück ein zartes Band. Eine Familie. Ein Neuanfang.

    Ich mochte vieles an diesem Buch. Die Beschreibungen des Alten Landes, die sehr authentisch erscheinen - Dörte Hansen lebt dort seit vielen Jahren und das habe ich in jeder Zeile gespürt. Ich fand Themen wie Flucht, Heimatlosigkeit oder das Leben in einer Dorfgemeinschaft in all ihren Facetten ganz wunderbar erzählt. Feinfühlig und gleichzeitig trocken, aber dennoch mit einer großen Prise Humor. Die Hauptcharaktere sind ehrlich, glaubwürdig. Die Nebenfiguren, aus deren Sicht ebenfalls berichtet wird, machen die Geschichte rund. Anschaulich. Mehrdimensional. Und am Ende hat mich sehr berührt, wie sich Vera und Anne annähern. Wie sich Stück für Stück ihr Leben wandelt. Wie sagt man so schön? Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl.

  9. Cover des Buches Untenrum frei (ISBN: 9783499014635)
    Margarete Stokowski

    Untenrum frei

    (281)
    Aktuelle Rezension von: Trishen77

    „Haben wir die Fesseln der Unterdrückung längst gesprengt, oder haben wir nur gelernt, in ihnen shoppen zu gehen?“

    Man könnte das ganze Buch von Margarete Stokowski – das in 7 Kapitel unterteilt ist, von denen jedes in sich abgeschlossen ist und als Einzeltext gelesen werden kann – als eine lange, ausführliche, von verschiedenen Seiten beleuchtete Antwort auf eine einzige Frage lesen: Warum Feminismus?

    Das wäre selbstverständlich eine stark verknappte Zusammenfassung. Natürlich schleift diese Frage einen Rattenschwanz von weiteren Fragen hinter sich her: Was ist Feminismus? Wie wirken sich feministische Positionen auf das eigene Leben aus, wie stellt sich eine unter feministischen Gesichtspunkten betrachtete Wirklichkeit dar? Inwiefern hängen Feminismus und Gendertheorie zusammen? Ist Feminismus grundsätzlich solidarisch mit allen anderen Anti-Diskriminierungsbewegungen? Was will der Feminismus erreichen?

    All diese Fragen bindet Stokowski ein und es wird schnell ersichtlich, dass es ihr nicht um einen Feminismus spezieller Prägung, sondern um Feminismus als Ausdruck und Sammelbegriff einer generellen Unzufriedenheit mit den hierarchischen, determinierten, unverhältnismäßigen & ungerechten Gesellschaftsverhältnissen, Normen und Vorstellungen geht, dessen Hauptanliegen und Ziel die Freiheit beim Ausleben der eigenen Persönlichkeit und der Ausformung der eigenen Identität ist (solange dies nicht die Freiheit eines anderen Individuums oder einer Gruppe einschränkt).

    „Es geht um die kleinen, schmutzigen Dinge, über die man lieber nicht redet, weil sie peinlich werden könnten, und um die großen Machtfragen, über die man lieber auch nicht redet, weil vieles so unveränderlich scheint. Es geht darum, wie die Freiheit im Kleinen mit der Freiheit im Großen zusammenhängt, und am Ende wird sich zeigen: Es ist dieselbe.“

    Ich werde nicht müde, Camus zu zitieren, der einmal in seinen Cahiers angemerkt hat, dass alle größeren Konflikte der Menschheit letztlich Kämpfe um Privilegien waren und sind. Noch immer sind die Privilegien auf dem Planeten ungleich verteilt, in jeglicher Hinsicht. Hauptsächlich, weil die Menschen die mehr Privilegien haben nicht bereit sind, einen Teil davon abzugeben, damit irgendwann alle dieselben Privilegien genießen können.

    Rebecca Solnit hat in ihrem Buch „Wenn Männer mir die Welt erklären“ eindrucksvoll geschildert, dass ein großer Teil der Weltbevölkerung immer noch vom anderen Teil unterdrückt wird. Frauen (und als Frauen definierte oder so wahrgenommene Personen jedweden/r Geschlechts/Genderbezeichnung) üben lediglich 10% der Gewalttaten aus, sind aber selbst häufig Opfer von Gewalt, speziell von sexueller Gewalt. Auch in Deutschland hat mindestens jede vierte Frau einmal sexuelle Gewalt erfahren.

    Es gibt in Deutschland und generell in Westeuropa vielleicht keine Zwangsheiraten mehr und keine gesetzlich verankerte sexuelle Repression. Aber immer noch sind unsere Systeme und Vorstellungen von repressiven und problematischen Geschlechterbildern durchdrungen. Das beginnt schon in den banalsten alltäglichen Wortverwendungen, wird deutlich in der pornogeprägten Sexualsprache (z.B.: wenn man in vielen Kontexten bei Frauen von schmutzigen, statt schlicht von sexuellen Phantasien spricht), aber letztlich springt uns diese Problematik überall entgegen. Stokowski spricht in einem Kapitel von einer Studie, bei der den Testpersonen Aussagen vorgelegt wurden, die entweder aus Männermagazinen entnommen waren oder von verurteilten Vergewaltigern stammten.

    „Die Testpersonen waren nicht fähig zu unterscheiden, welche Sätze aus Männermagazinen stammen und welche von Vergewaltigern. Ja, sie fanden sogar die Aussagen aus den Magazinen tendenziell herabwürdigender.“

    Stokowskis Buch ist aber nicht bloß eine gute Darstellung solcher systemimmanenter Diskriminierungen und Idiotien, sondern auch das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit der eigenen Entwicklungsgeschichte, von der Bravolektüre bis zum Beziehungsalltag als Erwachsene. Die Kapitel beginnen fast immer mit einem Erlebnis aus ihrer eigenen Biographie und sind von solchen Selbstausleuchtungen mal mehr, mal weniger durchzogen. Klug und überzeugend knüpft sie mit Biographischem an größere Zusammenhängen an. Ihre Prosa hat eine coole Dynamik, ist eine bestechende Mischung aus fachlich Gediegenem und genauestens Durchdachtem, tiefergehenden Selbstzeugnissen und hingerotzten und herbeizitierten Klarstellungen. Sie nimmt letztlich keine hohe Warte ein, doziert nicht, sondern begegnet ihren Leser*innen auf Gesprächsniveau, verständnisvoll und unversöhnlich zugleich.

    Stokowski spricht davon, wie sie selbst lange nicht glaubte, dass Feminismus wichtig ist oder sich zumindest nicht genauer mit ihm auseinandersetzte. Bis sie begriff, was das mit uns macht, wenn wir die gesellschaftlichen Rollen, in die wir gesteckt werden (auch wenn wir nicht glauben, dass wir uns in ihnen durch die Welt bewegen), nicht hinterfragen. Wenn wir uns nicht mit ihnen auseinandersetzen. Dann gibt es sie trotzdem, dann machen sie trotzdem etwas mit uns.

    „Wir stecken viel Energie in die Rollen, die wir spielen, weil wir glauben, dass alles eine Ordnung haben muss und so viel anders auch gar nicht geht. Wir geben uns Mühe, die wir oft kaum bemerken, weil sie so alltäglich geworden ist. Und auch, weil es leichter ist, sich an vorhandene Muster zu halten.“

    Sie spricht über ihre eigenen Erfahrungen mit Sex, Bildung, Sozialgefügen, etc. und schafft es, dabei sowohl die menschliche als auch theoretische Ebene konkret herauszuarbeiten, hervorstechen zu lassen – ein bemerkenswerter Balanceakt, den man ihr als Unentschlossenheit, als Makel ankreiden könnte. Doch dann würde man ignorieren, wie nachdrücklich dieses Buch Dinge auf den Punkt bringt, wie versiert und uneitel es sich innerhalb dieser komplexen Themen bewegt und wie weit es sich an manchen Stellen den Leser*innen öffnet.

    „Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern aufzuzeigen wirkt manchmal so, als wolle man die Gräben zwischen ihnen vertiefen, obwohl man sie auf Dauer abschaffen will: Ein nerviges Dilemma, aus dem man nicht rauskommt, solange man Probleme beheben will.
    Wir müssen zeigen, nach welchen Kriterien sich Reichtum und Erfolg, Gesundheit und Lebensdauer, Gewalt und Leid verteilen, wenn wir wollen, dass alle dieselben Chancen auf ein glückliches Leben haben – auch wenn oder gerade weil diese Kriterien das sind, was wir auf Dauer abzuschaffen versuchen.“

    Ja, wir müssen, im Interesse aller, daran arbeiten, dass eine Gesellschaft, in der Gleichberechtigung nicht nur ein Vorsatz, sondern eine verwirklichte, gelebte Realität ist, entstehen kann und das heißt, dass einiges planiert, einiges platt gemacht werden muss. Dass einige Privilegien verschwinden und letztlich alle.

    „Denn es gibt keine neutrale Sicht auf das Leben, und wir brauchen sie nicht. Wir brauchen Vielfalt – Vielfalt lehrt uns Freiheit.“

    Margarete Stokowskis Buch hat mir seit langem mal wieder Mut gemacht; etwas in mir angefacht, dass an dieser Welt arbeiten, sie auf positive Weise mitgestalten will. Es ist ein Buch mit vielen Facetten und ich hoffe, ich habe keine von ihnen allzu sehr in der Mittelpunkt gerückt oder unter den Tisch fallenlassen.

    Manches hat mich tief berührt, manches schockiert, manches hat meinen Horizont erweitert, manches meine eigenen Gedanken bestärkt. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: am meisten hat mich beeindruckt, wie dieses Buch aufklärerlisch argumentiert, auf theoretischen Ebenen arbeitet und doch durch seine Direktheit, seine Sprache, eben nicht belehrt, sondern kommuniziert, ein Aufruf zum Dialog ist. Aufmerksamkeit erzeugt und nicht nur Wissen.

    Solche Bücher braucht es. Bücher, in denen das Abstrakte und das Lebendige zusammenfallen. Die uns Zusammenhänge aufzeigen, Tatsachen vermitteln, die uns aber auch auffordern, in denen wir nicht einfach nur sichere und schweigsame Teilnehmer sein können, sondern die uns mit uns selbst, mit dem Schönen und Schlimmen in uns und um uns, konfrontieren. Bücher, die uns inspirieren.

    „Sie sagen, dass wir von Hass getrieben sind, weil sie sich wundern, dass da Frauen mal keine Harmonie und Liebe versprühen, sondern Forderungen haben. Aber Wut ist nicht dasselbe wie Hass. Hass will Zerstörung. Wut will Veränderung. Hass ist destruktiv, Wut ist produktiv.“

    Stokowski zitiert Susan Sontag mit den Worten: „Wir müssen lernen, mehr zu sehen, mehr zu hören und mehr zu fühlen.“ Ich glaube, dass Literatur eine Schule des Sehens, des Zuhörens, des Hinhörens und Fühlens sein kann – „Untenrum frei“ hat es mir mal wieder gezeigt, mich darin bestärkt. Genauso wie Stokowski glaube ich daran, dass es wichtig ist

    „hinter Sätze, die in Stein gemeißelt sind, ein Fragezeichen [zu] setzen.“

    Dieses Buch setzt ein paar fette Fragezeichen und fügt meist noch ein fettes Ausrufezeichen hinzu.

  10. Cover des Buches Spieltrieb (ISBN: 9783641242749)
    Juli Zeh

    Spieltrieb

    (429)
    Aktuelle Rezension von: Hubertus_Feldmann

    Die 28. Auflage dieses erstmals 2004 erschienen Roman von Juli Zeh sprechen eine eindeutige Sprache: Das Buch ist ein literarischer Leckerbissen – immer noch. Und wird es in seinen grundsätzlichen Aussagen über das Menschsein und sein Ringen um den Sinn des Lebens auch bleiben.

    Das Leben als Spielball der Evolution zu betrachten ist landläufige Praxis. Zumal dieser epochale Begriff inzwischen seinen Zusatz „-Theorie“ verloren hat und daher als gesichertes Wissen gilt. Allerdings gelten diese Mechanismen nicht für das Zusammenleben der Menschen, die nach wie vor um Wahrheit, Wirklichkeit und Gerechtigkeit ringen, um nur drei der wichtigsten Sehnsuchtsziele zu nennen. Wie schwankend dieses Fundament ist, wird in diesem phänomenalen Buch bis „aufs Blut“ seziert und den Leser:innen in oft schwer verdaulichen Brocken präsentiert. Welche Rolle dabei Herkunft und Umfeld spielen, werden hier eindrücklich geschildert, ebenso die Möglichkeiten, durch Entscheidungen, das Leben (bewusst) in unvorhergesehene Bahnen zu lenken. Und wenn das Ringen um Wirklichkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit zu einem Spiel mutiert, um tiefere Einblicke oder andere Erkenntnisse zu ermöglichen, dann nimmt diese Auseinandersetzung eine qualitative Hürde, in der so manches Oberseminar Honig saugen kann – und zwar aus ganz unterschiedlichen Fachbereichen, beginnend mit Philosophie, Politik (Historie) und Rechtkunde und lange noch nicht endend bei den psycho-sozialen Fächern. Was hier die drei Protagonisten „spielerisch“ bewältigen, ist die hohe Kunst eines fächerübergreifenden Diskurses, auf der Grundlage eines „Spiels“, das unter die Haut geht.

    Dieses Buch quillt über vor lauter kluger Sätze, nachdenkenswerte, inspierierende, ja, auch tieftraurige Sätze, die nicht nur schillern, sondern auch Gefühle mobilisieren und den Intellekt herausfordern: „Zeit ist das Einzige, was dem Menschen fehlt […] Darüber hinaus gibt es nur Simulationen von Besitz, sei es an Gefühlen, Schönheit oder Geld.“ Zeit braucht man für dieses Buch, immerhin ist es knapp 570 Seiten stark. Die Zeit dafür ist nicht verschwendet – versprochen …

    (28.6.2026)

  11. Cover des Buches Die Passantin (ISBN: 9783036962146)
    Nina George

    Die Passantin

    (618)
    Aktuelle Rezension von: Landleben

    In dem Buch beschreibt Nina George einen Buchhändler, der ein Buchhandlung auf einem schwimmenden Schiff betreibt und diese die
    "literarische Apotheke" nennt. Er ist der Meinung, nicht jeder kann jedes Buch lesen und berät sie dementsprechen.
    Ich habe mich am Anfang etwas schwer getan, bis ich den Sinn verstanden habe. icht jeder kann jedes Buch esen. Es kommt auf den Charakter der einzelnen Personen an, die in diesem Buch liebenswert beschrieben wird.

  12. Cover des Buches Eine unbeliebte Frau (Ein Bodenstein-Kirchhoff-Krimi 1) (ISBN: 9783548291772)
    Nele Neuhaus

    Eine unbeliebte Frau (Ein Bodenstein-Kirchhoff-Krimi 1)

    (1.083)
    Aktuelle Rezension von: Zwischenzeilen

    Nele Neuhaus habe ich als Krimi-Fan spät entdeckt, wohl auch, weil ich zum Taunus als Ort der Geschehnisse keine Verbindung habe. Angefangen habe ich mit ihrem letzten Buch, dann habe ich mich chronologisch zurückgelesen - ihr erstes Buch ist mein letztes Buch. 

    Handlung unterm Summenstrich: Ein Oberstaatsanwalt mit Ambitionen erschießt sich, eine hübsche Frau mit zweifelhaftem Ruf stürzt von einem Aussichtsturm. Oder? Selbstmord - oder Mord? Die hübsche Isabel hinterlässt etliche Liebhaber, eine kleine Tochter und einen netten Mann. Gearbeitet hat sie für ein Gestüt, das quasi das Sylt unter den hessischen Gestüten ist. Hier geht es nicht um Pferdeliebe, sondern ums Sehen und Gesehen werden, und schon schnell wird das Gestüt der Dreh- und Angelpunkt des Romans.

    Wer Spaß an den "Desperate Housewifes" hatte, wird sich auch im Sumpf des Gestüts behaglich suhlen. Das klingt böse, aber es werfe diejenige den ersten Stein, die im Wartezimmer nicht nach der GALA greift, um sich mit Klatsch & Tratsch vorzüglich unterhalten zu lassen. 

    Und genau das gelingt dem Roman: eine sehr gute Unterhaltung. Selbst ich, die weder mit dem Taunus noch mit Gestüten viel am Hut hat, habe das Buch locker weggelesen. Dabei war es mir weniger wichtig, wer Isabel und den Staatsanwalt auf dem Gewissen hat, und mehr, was mit der kleinen Tochter passiert, ist sie doch die so ziemlich einzig Unschuldige im Labyrinth der Eitelkeiten, Eifersüchteleien und Machtspielchen. 

    Trotzdem gefallen mir die späteren Bücher besser. "Muttertag" ist ein Highlight, ebenso "Böser Wolf" und "Monster". 


  13. Cover des Buches Mittagsstunde (ISBN: 9783328106340)
    Dörte Hansen

    Mittagsstunde

    (292)
    Aktuelle Rezension von: mrs_overcity

    Das perfekte Buch für die norddeutsche Provinz.aber auch überall sonst absolut lesenswert! Warmherzig und mit viel Humor erzählt die Autorin die kleinen und großen Dramen eines Dorfes im Wandel.

    Es wird viel getanzt: Vom Line-Dance der 'Brinkbüll Buffalos' in Kunstleder-Cowboystiefeln bis zum letzten Schneewalzer ist alles dabei,.

  14. Cover des Buches Pretty Scandalous - Heißer als Rache (ISBN: 9783734112638)
    Tami Fischer

    Pretty Scandalous - Heißer als Rache

    (393)
    Aktuelle Rezension von: Alina1011

    "Pretty Scandalous- Heißer als Rache" ist ein Suspense- Triologie von Tami Fischer. 

    Inhalt:

    Sarahs Zwillingsschwester Payton studiert an der Columbia und meldet sich schon Monate lang nicht mehr zu Hause in San Francisco. Doch eines Tages taucht sie völlig unter Drogen gesetzt und übersät mit blauen Flecken bei Sarah auf. Sie bekommt nicht viel aus ihrer Schwester heraus, möchte aber Rache nehmen, bei den Leuten die Payton in den Abgrund gerissen haben. Kurzerhand schlüpft sie in die Rolle der Schwester und steckt mitten im Geschehen der Reichen und Schönen.


    Cover:

    Das Cover zeigt eine Frau, welches scheinbar ein Geheimnis hüten will. Und dies passt auch sehr gut zum ersten Teil. Denn dort gibt es viele Geheimnisse, die aufgeklärt werden müssen. Erst durch das Cover bin ich auch auf dieses Werk aufmerksam geworden. 


    Meinung:

    Zunächst einmal hat das Buch etwa 600 Seiten. Und wird aus der Sicht von Sarah geschrieben. Die Kapitel haben eine angemessene Länge, sodass man das Buch jeder Zeit weg legen kann. 

    Der Schreibstil ist sehr angenehm, flüssig und bildlich. Es gibt immer mal Eischübe vom SMS Nachrichten, die das ganze Buch nochmal auflockern.

    Der Inhalt selbst war sehr interessant. Am Anfang dauert es allerdings etwas , bevor das Buch fahrt  auf nimmt, aber dann kann man es kaum mehr aus den Händen legen. Zum Inhalt möchte ich nicht viel sagen, sonst würde man zu viel vorweg nehmen. Aber die Hauptthemen sind Drogenmissbrauch, Zweifel an der eigenen Schwester, Misshandlungen (Körperlich/ sexuell). Am Ende bleiben wirklich viele Fragen offen und es kommt eins zum anderen, sodass man schnell den 2. Band weiter lesen möchte.


    Fazit: Ein gelungener Auftakt, den man schnell weiter lesen möchte. Daher vergebe ich 4,5 von 5 Sternen


  15. Cover des Buches Runas Schweigen (ISBN: 9783734106132)
    Vera Buck

    Runas Schweigen

    (234)
    Aktuelle Rezension von: katiandbooks

    Paris, 1884. Der Schweizer Medizinstudent Jori hat es an die Salpêtrière geschafft, die bekannteste psychiatrische Anstalt Europas. Um seiner großen Liebe zu helfen, will er unter dem angesehenen Neurologen Charcot endlich seinen Doktortitel machen. Als das Findelkind Runa in die Klinik eingeliefert wird, sieht er seine Chance, mit einer völlig neuartigen Operation zu promovieren: er will die Hysterie, eine vor allem unter Frauen grassierende psychiatrische Krankheit, aus dem Hirn des Mädchens herausschneiden. Doch dieser Plan birgt enorme Risiken für alle Beteiligten, und Jori ahnt nicht, dass Runa bereits Botschaften in ganz Paris hinterlassen hat, die einen Skandal zur Folge haben könnten.

     

    „Runa“ – mittlerweile „Runas Schweigen“ – wurde vor 10 Jahren veröffentlicht und lief zu der Zeit auf Booktube einmal hoch und runter, und wahrscheinlich liegt es auch ungefähr seitdem ungelesen bei mir herum, weil es über 600 Seiten hat, die ordentlich vollgeschrieben sind und wir in Zeiten von Hypes, Tropes und Spicelevels doch alle keine Zeit mehr haben.

     

    Ihr solltet euch aber bitte die Zeit dafür nehmen, wenn ihr es noch nicht kennt.

     

    Vera Buck setzt ihren Protagonisten Jori unter historische Persönlichkeiten wie den Neurologen Charcot, den Psychiater Paul Eugen Bleuler und dessen Schwester Pauline in die real existierende Klinik Salpêtrière, wo sie die Leser*innen direkt zu Beginn ins kalte Wasser wirft: eine Vorlesung von Charcot, die mehr ein Vorführen von unter „Hysterie“ leidenden Frauen ist, die, wenn sie nicht für’s Publikum agieren, wie er möchte, so lange mit Stöcken körperlich misshandelt werden, bis sie zu genau der Zirkusnummer werden, die er vorgesehen hat.

     

    Mit der Einweisung des etwa 10jährigen Mädchens, das Runa genannt wird, beginnt eine Art Kriminalhandlung, die hin und wieder sogar leichte Mysteryelemente beinhaltet und unaufhaltsam in eine Katastrophe führt – wenn man in dieser Klinik nicht schon längst mittendrin ist.

     

    Dabei erzählt Buck – bis auf kurze Passagen eines Ich-Erzählers – die ganze Zeit über aus der Sicht eines auktorialen Erzählers, der aber immer wertend ist, was die Be- bzw. Misshandlung der Patientinnen aber auch von Tieren, die zu dieser Zeit für Versuche oder die aufkommende Moderne (z.B. als Arbeitseinsatz in einer Großbäckerei) benutzt werden, angeht, während vor allem die Hauptfigur Jori über lange Zeit hinweg sehr naiv bleibt, sehr fasziniert von den Methoden seiner Mentoren und diese auf dem neuesten Stand der Wissenschaft wähnt – natürlich, denn das war sie damals schließlich. Aus heutiger Sicht ist das jedoch teilweise unerträglich zu lesen, nicht nur wie die Frauen und Tiere behandelt werden, sondern auch über dieses Wolkenkuckucksland, in dem der Protagonist schwebt.

     

    Lange Zeit laufen verschiedene Handlungsstränge parallel, die, sobald die Autorin beginnt, sie miteinander zu verweben, immer wieder für Überraschungen sorgen, die man eigentlich hätte kommen sehen müssen. Auch der Ich-Erzähler, der hier und da auftaucht, erstmal seine ganz eigene, zu absolut nichts passende Geschichte hat und von dem man sich fragt, was der da eigentlich überhaupt zu suchen hat, fügt sich wunderbar passend in das Puzzle, das sich nach und nach zusammensetzt.

     

    Fazit: Keine Kapitel, vollgeschriebene 600 Seiten, dann auch noch historisch: ein No Go auf Book Social Media? Sollte es jedenfalls nicht sein. Und es wird auch nicht mein letztes Buch von Vera Buck bleiben. Von mir bekommt „Runa“/“Runas Schweigen“ 4,5****.
    (übrigens … wer kommt denn bitte auf die Idee, ein Buch umzubenennen? Das nervt doch wie Hulle)

  16. Cover des Buches Der Pfau (ISBN: 9783462010589)
    Isabel Bogdan

    Der Pfau

    (631)
    Aktuelle Rezension von: Daniel_Roger

    Der Pfau von Isabel Bogdan ist wieder eines dieser Bücher, die einfach Spaß machen. Die Geschichte ist absurd, schräg und voller unerwarteter Momente. Genau das hat mich von Anfang an abgeholt. Die Figuren stolpern von einer peinlichen Situation in die nächste und man kann oft nicht anders, als zu lachen. Trotz all des Humors steckt auch viel Menschlichkeit in der Erzählung. Für mich ist es ein Buch, das man nicht nur liest, sondern genießt. Ich habe es über alles geliebt.

  17. Cover des Buches Frida Kahlo und die Farben des Lebens (ISBN: 9783746635910)
    Caroline Bernard

    Frida Kahlo und die Farben des Lebens

    (195)
    Aktuelle Rezension von: käutzchen

    Dies ist mein zweiter Roman über die Künstlerin Frida Kahlo.. hauptsächlich fing ich mit den ersten Roman weil die Frau meines Vaters sie verehrt , jetzt nach den Buch muss ich sagen das ich sie verstehe , jetzt bin ich auch von Frida Kahlo fasziniert und werde zukünftig noch einiges über die Künstlerin lesen wollen , was der Frau meines Vaters sehr freuen wird weil sie danach die Bücher von mir bekommen wird . 

    Bei diesen Buch kam mir Frida sehr nah vor , ich habe vor allem ihre leiden , sei es von ihren dramatischen Unfall , das auf und ab ihrer grossen Liebe Diego miterlebt ..was sie doch für eine starke Frau sie wahr und vieles mit ihren Bildern ausgedrückt hatte ..

    Ich kann aber nicht nur Frida Kahlo Fans das Buch ans Herz legen , es ist interessant geschrieben und zieht einen im Sog , vorallen da die Autorin des Buches versucht hat den Roman so authentisch wie möglich zu machen von Frida 's leben .. 

  18. Cover des Buches Mordsfreunde (Ein Bodenstein-Kirchhoff-Krimi 2) (ISBN: 9783548291789)
    Nele Neuhaus

    Mordsfreunde (Ein Bodenstein-Kirchhoff-Krimi 2)

    (803)
    Aktuelle Rezension von: mxchellex678

    Das Buch war für mich ganz solide – nichts, was mich komplett umgehauen hat, aber definitiv gut zu lesen. Es war so ein typischer Krimi für zwischendurch, den man gut weglesen kann, ohne dass er allzu lange im Kopf bleibt.


    Der Fall war spannend aufgebaut, mit einigen Wendungen und Verstrickungen, die ich so nicht gleich durchschaut habe. Trotzdem hat es mich nicht so stark gepackt, dass ich noch Tage später darüber nachdenken musste. Eher so ein Krimi, den man liest, miträtselt, zur Seite legt – und sich nach ein paar Wochen schon nicht mehr genau erinnert, wie alles ausgegangen ist.


    Positiv war aber, dass sich die Charaktere Bodenstein und Kirchhoff weiterentwickeln und man mehr von ihrer Dynamik mitbekommt. Das macht für mich den Reiz der Reihe aus und motiviert auch, weiterzulesen.


    Alles in allem: Kein Highlight, aber nett für zwischendurch und ein ordentlicher zweiter Band der Reihe.


  19. Cover des Buches Das große Los (ISBN: 9783328110859)
    Meike Winnemuth

    Das große Los

    (259)
    Aktuelle Rezension von: Schlumpfine-02

    Das große Los“ von Meike Winnemuth ist ein humorvoller, inspirierender Reisebericht über ein Jahr in 12 Städten weltweit, finanziert durch einen Gewinn bei „Wer wird Millionär?“ In Briefen teilt sie Aha-Erlebnisse, Kulturschocks und innere Veränderungen – ein Plädoyer für Mut und Möglichkeiten, das nie langweilig wird.

  20. Cover des Buches 180 Grad Meer (ISBN: 9783596035762)
    Sarah Kuttner

    180 Grad Meer

    (157)
    Aktuelle Rezension von: subbi

    Inhaltangabe des S. Fischer Verlags:

    "Nachdem ihr Vater die Familie verlassen hat, ist Jule mit ihrem Bruder und ihrer selbstmordgefährdeten Mutter aufgewachsen. Als Erwachsene hat sie sich einen Alltag geschaffen, in dem sie alles nur noch irgendwie erträgt: ihren Job als Sängerin, die unzähligen Anrufe ihrer Mutter, den ganzen Hass in ihr, der sie fast verschwinden lässt. Als auch ihre Beziehung zu bröckeln beginnt, flieht sie zu ihrem Bruder nach England, auf der Suche nach Ruhe und Anonymität.
    Doch dort trifft sie auf ihren Vater, der im Sterben liegt. Zaghaft beginnt Jule einen letzten Versuch, sich dem Mann anzunähern, von dem sie sich ihr Leben lang im Stich gelassen gefühlt hat."

    Sarah Kuttner schafft es (wieder), wie nur wenige Autor*innen, das Gefühlsleben ihrer Protagonistin Jule ehrlich und schonunglos darzustellen. Ich konnte mich dadurch super in Jule hineinversetzen. Gleichzeitig hat das Buch viele humorvolle oder eher tragikomische Momente, sodass sich beim Lesen keine "Schwere" entwickelt. Diese Balance fand ich sehr gut.



  21. Cover des Buches GRM (ISBN: 9783462000207)
    Sibylle Berg

    GRM

    (120)
    Aktuelle Rezension von: ksynwoldt

    Don ist wütend und weiß nicht warum. Beziehungsweise weiß sie es schon, kann es mit sieben Jahren aber noch nicht in Worte fassen. Karen fürchtet, in einer von Männern dominierten Welt unsichtbar zu werden. Hannah verliert mit dem Tod ihrer Eltern ihren Halt und Peter erst seine Heimat, dann seine Unschuld und schließlich seine Mutter.

    Währenddessen gerät Großbritannien durch Brexit, Klimawandel, fehlgeleiteten Nationalstolz und Hetze gegen alles, was sich gerade anbietet, immer weiter an den Abgrund und reißt alle mit sich. Am Ende spielt es keine Rolle mehr, welchen Beruf man ausübt oder welchen Familienstand man hat. Jeder ist ersetzbar, niemand individuell genug, jeder kämpft nur noch für sich – ohne Sinn und Verstand.

     

    Ich hatte auf Instagram eine Empfehlung zu diesem Roman gelesen. Der Beitrag enthielt allerdings den Hinweis, zunächst die Leseprobe auszuprobieren. Das habe ich natürlich nicht gemacht – und muss rückblickend sagen, dass diese Form der Gesellschaftskritik sicher nicht jedermanns Sache ist.

     

    Es ist nicht nur der sehr individuelle Schreibstil, sondern auch die Vielzahl an Figuren und die fehlende Kapitelaufteilung, die manchen Leser abschrecken dürfte. Wobei es durchaus eine Art Gliederung gibt: Sibylle Berg springt in Satzfragmenten von einem Protagonisten zum nächsten – wortweise, nicht satzweise. Mit ihrer Art des Schreibens zwingt sie den Leser, permanent am Ball zu bleiben. Es ist nichts, was man abends nebenher konsumieren kann.

     

    Auch die offene, unverblümte Sprache, die kein Blatt vor den Mund nimmt, dürfte nicht jedem gefallen. Wer sich jedoch darauf einlässt, den erwartet eine Dystopie in ihren schlimmsten (un)menschlichen Facetten und die Erkenntnis, dass wir Menschen uns oft selbst der größte Feind sind.

     

    Mich hat der Roman verstört zurückgelassen. 4 von 5 Sternen.

     

    Schreibstil 3 (5), Charaktere 3 (5), Dialoge 4 (5), Plot 3 (5), Struktur 2 (5), 

    Atmosphäre 4 (5), Technische Qualität 5 (5), Originalität 4 (5), Emotionale Wirkung 3 (5)

    Gesamtwertung: 31 (45)

     

    Der Roman „GRM“ erschien am 11.04.2019 beim KiWi-Verlag. 

  22. Cover des Buches Miroloi (ISBN: 9783446261716)
    Karen Köhler

    Miroloi

    (195)
    Aktuelle Rezension von: bibliophilara

    Das zweite Buch, das ich für mein Literaturseminar in diesem Semester gelesen habe, ist „Miroloi“ von Karen Köhler. Der 2019 veröffentlichte feministische Roman sagte mir bisher gar nichts, obwohl er definitiv nicht erfolglos war. Schaut man sich die Rezensionen aus gängigen Feuilletons von Köhlers Debütroman genauer an, fällt auf: „Miroloi“ ist teilweise heftigst zerrissen worden, insbesondere von Männern. Egal ob Deutschlandfunk, Die Zeit oder die Welt; in vielen Kritiken wird kaum ein gutes Haar an dem Werk gelassen. Weibliche Rezensentinnen lobten den Roman hingegen meist für seine kraftvolle Sprache und sein Female Empowerment. Bei solch ambivalenten Kritiken war ich natürlich gespannt, wie gut oder schlecht „Miroloi“ in Wahrheit ist. 

    Die namenlose weibliche Hauptfigur ist 16 Jahre alt und lebt auf einer kleinen Insel in Griechenland, die alle nur die schöne Insel nennen. Obwohl die junge Frau mindestens in den 1980ern auf der Insel lebt, ist diese doch massiv archaisch. Es gibt keinen Strom, keine Autos und kein fließend Wasser. Die Gesetze, die vom Ältestenrat gemacht werden, sind stark religiös geprägt. Die junge Frau ist auf der Insel eine Außenseiterin, denn sie war ein Findelkind, das ursprünglich nicht von der Insel kommt. Weil ihre Eltern unbekannt sind, bekommt sie nach den Inselgesetzen keinen Namen. Sie wird von den meisten im Dorf wie eine Aussätzige behandelt. Als ihr Fluchtversuch vor einigen Jahren scheiterte, band man sie zur Strafe an einen Pfahl auf dem Dorfplatz und brach ihr anschließend das Bein. Da es keinen Arzt auf der Insel gibt, ist das Bein nicht sauber zusammengewachsen, weshalb sie seitdem das Bein leicht nachzieht. Ihren Alltag verbringt sie damit, die Haushälterin des Bethaus-Vaters zu sein und den Glockenturm zu läuten. Doch dann begegnet sie Yael, einem Betschüler aus der Siedelei auf der anderen Seite der Insel. Sie verliebt sich auf den ersten Blick, doch sie gilt als Missgeburt und wird niemals einen Mann heiraten dürfen. Schon gar nicht einen, den sie selbst gewählt hat. 

    „Eselshure. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle.“, sind die ersten drei Sätze des ersten Kapitels. Hier gewinnt man schon den ersten Eindruck von den stakkatohaften Sätzen und der Tatsache, dass vor Vulgärsprache nicht zurückgeschreckt wird. Diese Schimpfworte hört die namenlose Protagonistin fast täglich. Es wird ihr von Kindern und anderen Dorfbewohnern hinterher gerufen. Denn sie wurde nicht auf der schönen Insel geboren. Sie kommt aus einer unbekannten Welt, die man auf der Insel nur als „Drüben“ bezeichnet. Weil man ihre Eltern nicht kennt, trägt sie als einzige im Dorf keinen Namen. Auf über 450 Seiten und 128 Kapiteln, die hier als Strophen bezeichnet werden, verfolgt man ihren Kampf um Selbstermächtigung und Auflehnung gegen patriarchale Systeme. Dass die Kapitel hier Strophen sind, ist kein Wunder. Denn der nichtssagende Titel „Miroloi“ ist ein Klage- oder Totenlied aus dem griechisch-orthodoxen Glauben. Da die Namenlose nicht zur Gemeinschaft gehört, keinen Besitz haben darf und sie als Unglücksbringerin gilt, wird sie nach ihrem Tod jedoch niemand besingen: „Mein Miroloi muss ich mir selber singen, damit kann ich nicht warten, bis ich gestorben bin, sonst wird es mich nie gegeben haben“ (S. 10).

    Die namenlose Ich-Erzählerin arbeitet als Haushälterin für den Bethaus-Vater, der sie gefunden und aufgezogen hat. Er ist die höchste religiöse Figur des Dorfes und damit eine Respektsperson. Er hält seine schützende Hand über sie. In seiner Nähe traut sich niemand, sie zu beleidigen oder anzuspucken. Insgesamt ist er für sie wie ein Vater. Und auch, wenn es kleinere Konflikte zwischen ihnen gibt, ist das Verhältnis dennoch gut. Außerdem ist sie die Glöcknerin des Dorfes, was ironisch ist, weil sie ein Bein nachzieht. Anfangs ist die Protagonistin naiv, dümmlich und ungebildet, denn Frauen in ihrem Dorf ist es nicht gestattet, lesen und schreiben zu lernen. Jedoch bringt der Bethaus-Vater es ihr heimlich bei. Es ist etwas, das sie teilen und miteinander verbindet. Damit offenbaren sich ihr Geheimnisse, die ihr sonst verborgen geblieben wären. Und schrittweise beginnt sie zu begreifen, in was für einem unterdrückerischen und ungerechtem System sie lebt. Ich fand sie nicht immer sympathisch und auch nicht immer nachvollziehbar, z.B. als sie aus reiner Wut heraus ihre Katze treten wollte. Aber ich bewundere doch ihren Mut, sich gegen die zahllosen Ungerechtigkeiten zur Wehr zu setzen.

    Köhlers Schreibstil ist stark an die Ich-Perspektive angepasst und anfangs schlicht und wiederholend. Die Namenlose hat zu Beginn eine sehr kindliche Perspektive auf die Welt und mit ihrem limitierten Vokabular sowie den schrägen Neologismen wird ihre eingeschränkte Wahrnehmung gut unterstrichen. Später lernt sie aber bspw. den Konjunktiv zu nutzen und sich sprachlich zu entfalten. Hinzu kommen viele Begriffe, die von der fiktiven Religion der Insel geprägt sind, wie Pujachatt (Gottesdienst), Kanah oder Satvastan. Auch die Atmosphäre der kleinen griechischen Insel mit ihrer Natur, Architektur und Esskultur wird wunderbar eingefangen. Wenn von Schafskäse mit Oliven und summenden Bienen im sonnigen Gemüsegarten geschrieben wird, entsteht das Bild eines trügerischen Paradieses, das für Frauen aber zur Hölle auf Erden wird. Das Tempo ist überwiegend langsam, denn die alltäglichen Rituale werden ausführlich geschildert. Trotzdem ist es nicht langweilig und ab der zweiten Hälfte spitzen sich die Konflikte deutlich zu. Köhlers experimenteller Stil funktioniert aber leider nicht immer gut. Als die zwölfte Strophe bspw. aus einer Auflistung aus Substantiven besteht, die die Namenlose kennt, und sie sich stellenweise wiederholt, habe ich mich unironisch gefragt: Was ist das für ein Scheiß? Ein anderes Kapitel besteht nur aus der Wiederholung des Namens ihres Angebeteten mit alternierenden Satzzeichen. Kostprobe gefällig? „Yael Yael Yael Yael Yael Yael. Yael Yael Yael Yael, Yael Yael Yael Yael Yael Yael Yael Yael.“ (S. 213) Und das Veröffentlichen leerer Seiten als Kapitel, um die innere Leere der Protagonistin wiederzugeben, das gab’s schon bei Stephenie Meyers „Bis(s) zur Mittagsstunde“. Und das ist gewiss auch kein literarischer Geniestreich. Nicht zu vergessen: Die Dialoge sind wie Stichpunkte aufgelistet, sodass stellenweise nicht klar ist, wer gerade redet. Anführungszeichen gibt es im gesamten Buch nicht. Stilistisch finde ich den Roman also gleichermaßen außergewöhnlich wie abgedreht.

    Religiosität spielt auf der schönen Insel eine besonders große Rolle. Der Glaube ist zwar fiktiv, hat aber starke Parallelen zur griechisch-orthodoxen Kirche. Das Glaubensbuch, die Khorabel, ist ein Wortspiel mit Koran, Thora und Bibel. Allerdings ist der Glaube auf der Insel nicht monotheistisch, sondern polytheistisch. Sie glauben an drei männliche Götter: den Schöpfer, den Bewahrer und den Zerstörer. Der Ältestenrat, der aus 13 Männern besteht, bestimmt die Gesetze auf der Insel, die von der Außenwelt völlig abgeschnitten ist. Sobald Mädchen menstruieren, werden sie verheiratet, wobei der Rat jedes Jahr die Bräutigame auswählt. Die Mädchen haben kein Mitspracherecht. Fluchtversuche von der Insel stehen unter Strafe, sie ist also ein Gefängnis für die Bewohner. Mit dem Glaubensbuch wird die Unterdrückung von Frauen legitimiert. Die Religion ist hier also ein missbräuchliches Mittel zum Zweck. Grundsätzlich ist dieser Roman inhaltlich harter Tobak. Es geht um häusliche und sexuelle Gewalt inklusive Vergewaltigung, Folter, Tierquälerei, Mobbing und Hinrichtungen. Solltet ihr für einen dieser Trigger anfällig sein, seid bei der Lektüre bitte vorsichtig! „Miroloi“ ist also nicht nur feministisch, sondern auch religionskritisch.

    Der Plot ist stellenweise wirklich harter Tobak, umso weniger verwunderlich ist es, dass auch das Finale brutal und grausam ist. Das Ende bleibt leider enttäuschend offen. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, bspw. wer die Eltern der Protagonistin sind. Und auch ein weiterer Aspekt hat mich gestört: Die Namenlose verliebt sich in den Betschüler Yael. Eigentlich nur, weil er ein hübsches Gesicht und Locken hat. Dann trifft sie ihn in einem unbeobachteten Moment wieder, und sie fallen übereinander her wie Tiere. Es gibt keinen starken Dialog, keine Chemie zwischen den beiden. Beim zweiten Treffen schlafen sie sofort miteinander, dabei ist Yael rücksichtslos, tut ihr weh und scheint nur auf seine eigene Befriedigung zu achten. Und trotzdem himmelt sie ihn weiter an? Ich erwarte keine starke Romantik von diesem Roman, aber ein bisschen mehr Tiefe hätte ich von der Beziehung zwischen den beiden doch erwartet. Das ist für mich der größte Schwachpunkt an „Miroloi“.

    Es fällt mir schwer, ein faires Urteil über „Miroloi“ zu fällen, wo meine Eindrücke doch so ambivalent sind.
    Einerseits bewundere ich Karen Köhlers Mut, formal und sprachlich neue Wege zu gehen, und schätze die eindringliche Auseinandersetzung mit patriarchaler Unterdrückung, religiösem Machtmissbrauch und weiblicher Selbstermächtigung. Andererseits schießt der experimentelle Stil immer wieder übers Ziel hinaus, einige formale Spielereien wirken eher prätentiös als gewinnbringend, und vor allem die Liebesgeschichte konnte mich überhaupt nicht überzeugen. Auch das offene Ende hinterlässt mehr Frust als Nachhall. Dennoch hat Karen Köhlers Debütroman diese literaturkritische Zerfleischung absolut nicht verdient. Der Rezensent von Deutschlandfunk geht so weit zu behaupten, der Roman sei in Wahrheit ein Jugendbuch und er würde nur deshalb wohlwollend kritisiert werden, weil er Feminismus behandle. Es ist spannend, wie substanzlos die Verrisse männlicher Rezensenten sind. Vielleicht, weil die Welt eines ungebildeten, religiös indoktrinierten und hinterwäldlerisch lebenden Mädchens zu weit weg von ihrer eigenen Biografie ist. „Miroloi“ aus dem Jahr 2019 ist zweifellos ein außergewöhnlicher und diskussionswürdiger Roman, der viel wagt und ebenso viel polarisiert. Mich hat er nicht restlos überzeugt, aber ich kann ihn vor allem jenen empfehlen, die offen für experimentelle Literatur mit feministischen und religionskritischen Themen sind. Deswegen erhält diese ungewöhnliche Lektüre von mir gute drei von fünf Federn.

  23. Cover des Buches Fräulein Nettes kurzer Sommer (ISBN: 9783462054187)
    Karen Duve

    Fräulein Nettes kurzer Sommer

    (82)
    Aktuelle Rezension von: Stefanie-B

    Fräulein Nettes kurzer Sonmer erzählt als Roman von dem Leben der Annette von Droste Hülshoff und stellt die damalige 

    Zeit (Anfang des 19. Jh.) und ihren Bezug zur Dichtkunst dar. 

    Vorangestellt möchte ich sagen, dass das Buch eigentlich nicht zu der Sorte Bücher gehört, die ich normalerweise lese. Dennoch - oder vielleicht auch gerade deshalb - war ich überrascht, wie gut ich es im Endeffekt fand. Ich muss das Buch nicht unbedingt nochmal lesen, und werde es wohl nicht begeistert weiterempfehlen, aber wenn man auf der Suche nach einem solchen Roman sucht, welcher etwas ernster, etwas „abgedroschen“, etwas historisch und dabei trotzdem flüssig ist, kann man ihn hier finden. 

    Zum Teil war das Buch eher langatmig. Andererseits wurde ich aber positiv überrascht, wie gut es die Autorin geschafft hat, das Leben der Anette von Drosde Hülshoff, die Gesellschaft und Belleristik in einen Roman zu verpacken, der flüssig zu lesen ist, eine Prise Humor enthält, Beziehungen und Charaktere erschafft und eine gewisse Begeisterung für das Buch aufbaut. Für mich war es nicht schwer danach zu greifen und ein paar Kapitel zu lesen, ich hatte Freude dabei. Auch wenn das Buch einen eher ernsten Stil hat und ich es daher nicht jedem empfehlen kann, ist 

    es also für das was ich erwartet hatte, wirklich gut geschrieben ✨. 

  24. Cover des Buches Die Lebenden und die Toten (Ein Bodenstein-Kirchhoff-Krimi 7) (ISBN: 9783548287768)
    Nele Neuhaus

    Die Lebenden und die Toten (Ein Bodenstein-Kirchhoff-Krimi 7)

    (615)
    Aktuelle Rezension von: Reeda_Book

    Unsympathische Ermittlerin, viel Gezicke bis Mobbing unter den Kommissaren, unübersichtliche Personenkonstellationen (und wer war das jetzt noch mal...) und ein völlig überflüssiges Organspenden-Bashing. Muss das sein in einem Land, in dem ohnehin zu wenig Menschen bereit sind zur Organspende?

    Buch hat einige Längen. Am Ende habe ich nur noch quer gelesen,  um die Auflösung zu erfahren. 



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