Bücher mit dem Tag "deutschsprachige literatur"
11 Bücher
- Walter Moers
Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr
(331)Aktuelle Rezension von: shrimpdumplingIch glaube, ich habe mit Walter Moers einen neuen Lieblingsautor gefunden. Ich wollte endlich mal etwas von ihm lesen und habe mir Prinzessin Insomnia trotz eher gemischter Bewertungen gekauft; Vor allem wegen der wunderschönen Illustrationen, die mich sofort angesprochen haben.
Während des Lesens habe ich mich oft gefragt, wie man so kreativ sein kann und auf solche Ideen kommt. Die Welt und die Darstellung wirken unglaublich fantasievoll und einzigartig.
Besonders schön fand ich auch die Hintergrundgeschichte, wie dieses Werk entstanden ist. Das hat dem Buch noch einmal eine ganz andere Tiefe gegeben.
Insgesamt bin ich wirklich froh, dem Buch eine Chance gegeben zu haben. Für mich ist es ein wunderschönes und besonderes Werk, das vor allem durch seine Atmosphäre und die Illustrationen überzeugt.
- Stefan Zweig
Sternstunden der Menschheit
(213)Aktuelle Rezension von: Timo_JancaManch ausgewähltes Ereignis mag bekannt sein, jedoch versteht es Stefan Zweig die Geschichten emotional und mit tiefer Anteilnahme zu begleiten. Ihn interessieren die persönlichen Beweggründe und was die Betroffenen in der Stunde des Schicksals empfunden haben. Detailverliebte Beschreibungen und dramatische Sprache lassen u.a. die Entdeckung zweier Ozeane oder eine Episode aus Goethes Leben vor dem geistigen Auge lebendig entstehen.
- Benedict Wells
Becks letzter Sommer
(461)Aktuelle Rezension von: Hubertus_FeldmannEs ist eine Binse und dennoch bestimmt diese unser Leben: Letztlich sind es die Zufälle und die daraus entstehenden Möglichkeiten, die unser weiteres Leben bestimmen. Man kann noch so ein begnadeter Künstler sein, wenn dieses Talent nicht entdeckt und gefördert wird, versandet es im Ungefähren. Diese Zusammenhänge werden in diesem Roman auf eine interessante und gleichwohl in Teilen traurig stimmende Weise dargestellt. Wie sich schlussendlich doch alles fügt, da Erfahrenes, Erlebtes eben nicht spurlos an einem vorüberzieht und immer wieder neue Chancen entstehen sind die tröstenden Gewissheiten, die durch dieses Buch gespeist werden – auch wenn es gilt Träume mit der Realität zu konfrontieren und Abschiede in ihrer Konsequenz oft brutal und schmerzhaft sind. Schlussendlich sind es die Erinnerungen, die darüber entscheiden, ob man sein Leben nicht verschwendet hat: „‘[…] Wenn ich alt bin, werde ich mir davon [Erinnerungen] leider nichts kaufen können. Jedenfalls nichts, was mich noch glücklich machen könnte, wenn ich – mal pathetisch gesagt – im Rollstuhl sitze oder im Bett liege. Das Einzige, was ich dann noch habe, sind meine Erinnerungen. Und, tut mir leid, aber wenn ich tatsächlich irgendwann mal meinen Enkeln von meinem Leben erzählen sollte, dann will ich nicht die Geschichte eines Mannes erzählen, der nur deshalb Lehrer gewesen ist, weil es halt so bequem und sicher für ihn war.‘“
Keine Bange, so getragen geht es in diesem Roman nicht nur zu. Es sind auch zahlreiche spaßige Elemente darunter, die in Verbindung mit den Fragen an das Leben dieses Buch zu einem besonderen Buch machen: es unterhält, ohne banal zu sein. Dafür sind die zentralen Punkte zu sehr am Leben orientiert: Es geht ums Altern, um den Sinn des Lebens, um Ziele und Träume, um Chancen und Entscheidungen – und darum, an diesen Fragen nicht zu scheitern. Dies alles wird in eine Geschichte gebettet, die zwei große Themen miteinander verbinden: Musik und Liebe. Und was in diesem Zusammenhang passieren kann, wird hier an menschlichen Beziehungen dargestellt, die es in sich haben: ein Lehrer, der lieber Musiker geworden wäre, ein Farbiger, der an seinen Gefühlen (ver)zweifelt, ein Heranwachsender, der die Musik im Blut hat, aber der Liebe hinterherläuft – und eine Fahrt durch den halben Kontinent, in der diese verschiedenen Charaktere mit ihren unterschiedlichen Befindlichkeiten enger zueinanderfinden und doch auch immer wieder auseinandergerissen werden.
Aus diesem Wechselspiel der Gefühle ergibt sich ein stimmiges Bild aus Lebensentwürfen, die an ihren jeweiligen Realitäten gemessen werden. Dies geschieht in stimmungsvollen Episoden und zahlreichen Repliken auf die Musikszene. Und wie hier Musik beschrieben und hörbar gemacht wird, ohne sie hören zu können, gehört mit zum Besten, was ich je gelesen habe. Und wie hier der Autor quasi eine Statistenrolle übernimmt und zum Gesprächspartner (in zeitlicher Distanz) wird, ist sowohl in ihrer Anlage als auch Ausführung brillant.
(21.3.2025)
- Joseph Roth
Radetzkymarsch
(133)Aktuelle Rezension von: claudiaZDie Gesellschaft befindet sich im Umbruch. Dies wird anhand des Aufstieges und des Niedergangs der Familie von Trotta über mehrere Generationen dargestellt. Die Geschicke der Familie sind durch einen Zufall im Leben des Großvaters auf alle Zeiten mit dem Kaiser Österreich-Ungarns verbunden. Der Fokus liegt dabei ganz und gar auf dem männlichen Teil der Familie, was den tatsächlichen damaligen Verhältnissen entsprechen dürfte. Denn es geht um Themen wie Ehre, Pflichterfüllung, Standeskodex, die schon im Kindes- und Jugendalter maßgebend sind. Im familiären Bereich trägt dies dazu bei, dass das Verhältnis zwischen den Generationen formell und unpersönlich ist und die Schranken oftmals nicht überwunden werden können.
Sowohl für das Kaiserreich als auch für die Familie von Trotte nimmt die Handlung einen schicksalhaften Verlauf. Dabei empfand ich das Buch allerdings nicht niederschmetternd, was ich dem Schreibstil Joseph Roths zurechne. Aus diesem Grund wird dies nicht das letzte Buch gewesen sein, welches ich von dem Autor gelesen habe.
- Wolfgang Herrndorf
Bilder deiner großen Liebe
(153)Aktuelle Rezension von: bookswithjackiEs ist sehr schwer, dieses Werk zu bewerten, da es entgegen Herrndorfs Wunsch nie beendet wurde. Es ist z.T. unzusammenhängend, die klare Handlung fehlt ein Stück weit, ebenso wie das Ende. Die Hintergrundgeschichte zu dem Buch ist sehr interessant, das Nachwort war auf jeden Fall notwendig für das Verständnis. Wer Tschick mochte, trifft hier erneut auf Isa und ihre Geschichte. Unabhängig von Tschick würde ich das Buch nicht empfehlen zu lesen. Es ist eine Lektüre für diejenigen, die sich mit Herrndorf näher befassen und mehr von ihm lesen wollen, aber im Allgemeinen würde ich seine "großen" und vollendeten Romane empfehlen. Mir konnte das Buch nicht ganz so viel geben, aber ich mochte die Idee dahinter (und das Cover) und es ist objektiv betrachtet keinesfalls ein schlechtes Buch.
- Matthias Brandt
Blackbird
(135)Aktuelle Rezension von: JorokaMorten strengt sich altersentsprechend für die Schule nicht besonders an, erlebt die Trennung seiner Eltern und geht die erste „Beziehung“ ein – allerdings nicht mit seiner ersten großen Liebe, die ihn bei einem gemeinsamen Kinobesuch beschämt und ist er dabei, seinen besten Freund an den Krebs zu verlieren.
Ich habe das Buch von Freunden empfohlen bekommen, die auf einer Lesung des Autors gewesen sind. So weiß ich auch, dass es sich um den Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers handelt.
Ihm ist eine berührende Geschichte aus der Jugendzeit gelungen, die zwar den drohenden Tod im Fokus hat, aber trotzdem nicht eine gewisse Leichtigkeit und ihren Humor verliert. Natürlich zeichnet sich Morten nicht unbedingt dafür aus, über seine Gefühle zu reden, doch er beschreibt sie (soweit der Roman autobiografische Züge aufweist), wovon ich eigentlich ausgehe. Ich bin in einer ähnlichen Zeit jugendlich gewesen und vieles, was vom zeitlichen Rahmen her beschrieben wurde, kam mir sehr vertraut vor.
Hatte gewisse Einstiegsschwierigkeiten, doch der Handlungsbogen steigert sich aus meiner Sicht bis zum Schluss hin nochmals so, dass ich nun doch gerne den 5. Stern vergebe.
Die besondere Buchgröße empfand ich als drollig.
Fazit: Leichtigkeit trotz schwerer Themen – Ein bewegendes Jugendporträt
- Joachim Lottmann
Endlich Kokain
(12)Aktuelle Rezension von: ErinaSchnabuEin provokanter Titel, oder? Auf das Buch bin ich gestoßen, als ich mir bei Amazon verschiedenste deutschsprachige Werk der popliterarischen Gattung anschaute. Manchmal stöbere ich mich einfach gerne durch die Vorschläge und setze Bücher auf die Wunschliste. Popliteratur lese ich echt gerne. Oftmals analysieren die Schriftsteller der Popliteratur gekonnt kulturelle und gesellschaftliche Phänomene, machen sich über sie lustig oder zelebrieren sie sogar. Zumindest werden typische Aspekte der zeitgenössischen Kultur und Gesellschaft benannt und in irgendeiner Weise reflektiert, ohne einen großen zeitlichen Abstand dazu zu haben. Das gefällt mir sehr gut und ich fühle mich dabei meist auch sehr gut unterhalten. So auch bei Lottmanns "Endlich Kokain"...
Inhalt
Ein rührend normaler, leider zu dicker Gutmensch, der nie wild, aufregend und hemmungslos gelebt hat, erhält die furchtbare Diagnose: noch maximal drei Jahre Lebenserwartung bei weiter zunehmendem Bluthochdruck und Bewegungslosigkeit. Der frühpensionierte TV-Redakteur fasst einen verzweifelten Entschluss, als er erfährt, dass nur harte Drogen gegen seine monströse Fettsucht helfen: Er beginnt eine »Kokain-Diät«. Der geborene Spießer protokolliert penibel Dosis und Wirkung, doch bald schon wird er immer rauschhafter, wilder, offener – und dünner! Sein Charakter löst sich auf. Er lügt, fälscht, betrügt, hat plötzlich Sex im Übermaß und steigt mit jedem verlorenen Pfund auf zur schrulligen Kultfigur der Wiener und schließlich auch der Berliner Kunstboheme. Nur ein Zufall kann ihn vor seinem naiven Optimismus und dem sicheren Drogenende retten.
Joachim Lottmanns Roman ist die eindrückliche Seelenstudie eines Mannes, der in einen Strudel dekadenter Abenteuer gerät. Ein furioser Anti-Entwicklungsroman, der zugleich das Porträt einer lebensgierigen Szene abseits der »normalen« krisenbesessenen Jammergesellschaft zeichnet. (KiWi-Verlag)
Meine Meinung
Auch, wenn ich etwas länger gebraucht habe, so hat mir das Lesen von Endlich Kokain wirklich Spaß gemacht. Lottmann hat eine Welt portraitiert, mit der ich nichts zu tun habe - die Welt der Künstler, der Medien und der Prominenten - und trotzdem hatte ich beim Lesen stets das Gefühl, diese Welt zu kennen. Ich konnte mir alles und jeden sehr gut vorstellen und habe seine Beschreibungen nicht bloß als Satire empfunden, sie wirkten wie aus dem Leben gegriffen.
Lottmanns bissig-satirischer Unterton ist sehr unterhaltend, wenn auch wahrscheinlich Geschmackssache. Meinen Geschmack hat er jedenfalls getroffen.
So beschreibt er viele junge Frauen heutzutage als Klon aus der fabelhaften Welt der Amelie, die immer Kind bleiben wollen, sich durchgehend selbst analysieren und den kleinen Prinzen zitieren. Bei solchen Stellen musste ich wirklich lachen. Durch seinen Protagonisten spottet Lottmann über die politische Korrektheit der Medienwelt oder über die Grünen.
So viel Spott und Witz ich herauslesen konnte, so wenig treibende Handlung besaß der Roman. Es lässt sich keine Pointe erkennen, kein Höhepunkt in der Geschichte, was es mir ein bisschen schwer machte, den Roman in einem Stück zu lesen. Spannung wurde so gut wie gar nicht aufgebaut, weshalb ich ab und zu auch gelangweilt war.
Trotzdem würde ich ohne weiteres wieder zu einem "Lottmann" greifen, in der Hoffnung, einen Roman in der Hand zu halten, der die Menschen und das Leben bissig persifliert. - Maari Skog
Tiloumio - Ein dunkles Geheimnis: Roman
(3)Aktuelle Rezension von: Emmas_BookhouseTiloumio – Maari Skog
Das dunkle Refugium
Verlag: KOVD
gebundene Ausgabe: 17,99 €
eBook: 4,99 €
ISBN:
Erscheinungsdatum: 20. Juli 2020
Genre: Thriller
Seiten: 516
Inhalt:
Um den Erinnerungen an seiner von Gewalt geprägten Kindheit zu entkommen, flüchtet Aaron in die lappländische Wildnis Schwedens.
Dort wird er unerwartet von einem Unbekannten gejagt, der auf irgendeiner Weise mit seiner Vergangenheit in Verbindung steht und beabsichtigt, ihn zu töten.
Aaron gelingt es, seinem Widersacher zuvorzukommen. Aber das ist erst der Anfang von grausamen Machenschaften, in denen er auf der Suche nach Gerechtigkeit und Sicherheit unfreiwillig verstrickt wird.Mein Fazit:
Zum Cover:
Als ich das Cover sah, wusste ich, dieses Buch willst du lesen. Die meisten von euch wissen ja, dass ich ein absolutes Coveropfer bin. Es passt auch gut zur Geschichte.
Zum Buch:
Aaron flüchtet aus seiner Heimatstadt um all den schlechten Erinnerungen zu entkommen, doch selbst in die Einsamkeit, verfolgt diese ihn. Er wird verfolgt von jemanden, zumindest hat er lange zeit das Gefühl, bis plötzlich ein Fremder vor ihm steht. Es kommt zu einer Auseinandersetzung und als der Fremde den Namen seiner Schwester erwähnt, sieht Aaron Rot.
Ich fand den Schreibstil hier richtig gut, es ist ein ruhiges Buch und manchmal denkt man sich, passt das jetzt überhaupt, doch am Ende ergibt alles Sinn. Solche Geschichten mag ich sehr gern. Maari Skog hat hier eine Geschichte geschrieben, wie die tatsächlich jederzeit auf dieser Welt passieren kann, das macht das Buch so realistisch.
Die Charaktere sind sehr gut dargestellt, Aaron war mir anfangs ein klein wenig suspekt, aber nach und nach fand ich ihn richtig gut. Alles was er macht, macht er in erster Linie für seine Schwester Turia. Sie ist der einzige Mensch, den er liebt und für den er sterben würde.
Turia ist ein junges Mädchen, was leider schon viel zu viel erlebt hat und mit dem Verlust ihres Bruders nicht klar kommt, warum ist er weggegangen und hat sie allein gelassen, wo er doch der einzige wahre Mensch in ihrem Leben ist. Dank Turia kommt nach und nach Licht ins Dunkle.
Pascal ist ein herzensguter Mensch und er baut zu Aaron eine tiefe Bindung auf. Er findet vielleicht nicht alles in Ordnung, aber steht immer hinter ihm.
Die Szenen sind hier sehr gut beschrieben, das Setting ist auch toll, grade die Szenen in den Wäldern haben mir sehr gut gefallen.
Ich habe bei dieser Geschichte schon ein wenig gelitten, habe mitgefiebert, wurde wütend und wollte weinen, doch genauso muss eine Geschichte für mich sein. Sie muss mit einfach mitnehmen. Dies war hier gegeben, auch auf emotionaler Ebene.
Für mich wieder ein Highlight dieses Jahr!
Eine Geschichte, die ruhig, emotional und sehr realistisch dargestellt wurde.
Ich gebe 5 von 5 Sternen und hoffe noch mehr von Maari Skog lesen zu können!
- Max Scharnigg
Der restliche Sommer
(9)Aktuelle Rezension von: Jens_RohrerVier Personen, Vier Geschichten die sich immer wieder treffen. Benimm-Pabst Paul lebt mit Sara in Portugal, Pauls Ex wird durch ein Interview zur Ikone der Feministischen Bewegung, Tin wird durch einen Terroranschlag das Leben gerettet, als er unterwegs ist, um Sara zurückzugewinnen. Und alle zusammen wissen nicht, was sie mit ihrem Leben am Ende dieses Sommers anfangen sollen. Ein wunderbarer Roman. - Peter Handke
Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere
(6)Aktuelle Rezension von: jamal_tuschickNichts stimmt und doch ist alles wahr. An einer Stelle, wo sich Handke darüber ärgert, dass seine Mutter auf ein Lied der Beatles mit einem Anflug von Ausgelassenheit reagiert, scheint die Zeit still zu stehen.
In seinem Universum zeigt sich Handke erst als Sohn und dann als Vater. Als junger Mann weigert er sich, der Erschöpfung nachzugeben und holt abends ab acht, wenn andere vor dem Fernseher liegen oder in einer Kneipe abschalten, noch etwas aus sich heraus. Die Überdehnungen des Alltags und späten Anstrengungen, nachdem das Kind zu Bett gebracht und seine Tasse (mit Wasser gefüllt) in die Spüle gestellt wurde, liefern ebenso Sinnbilder von Handkes allmächtigem (allumfassenden) Walten wie seine Wut auf die Mutter, da sie es wagt, ihr Vergnügen an einer musikalischen Vorliebe des Sohns zu zeigen.
Nun also „Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere”. Die Obstdiebin heißt Alexia oder Aleksija. Sie könnte auch anders heißen. Sie ist sprunghaft dem Sesshaften abhold und ganz das Kind des Vaters. Der Vater pendelt zwischen Spielarten des Abgerissenen mit Einstecktuch. Er lehrt ein nomadisches Geheimwissen. Alexia begreift ihn als Experten für die Gefahren des Gegenlichts. Er vermacht der Tochter den Satz ihres Lebens – eine Bemerkung, die mit einem Fragezeichen Isaak Babel zugeschustert wird: „Sie war nicht mutig, doch immer stärker als ihre Angst.”
Der Erzähler, ein Handke wie er im Buch steht, erdichtet Alexia nach einem Standardverfahren der Originalität als Unzeitige, der es gefallen könnte, von Ludwig dem Heiligen (1214 – 1270) abzustammen. In tausend Verbeugungen zeigt er seine Faszination für die Obstdiebin.
Handke ist nun in dem Alter, in dem selbst Goethe nicht mehr zum Zug kam. Die Minne verfängt nicht mehr, das greise Genie wird zur Gefangenen seltsamer Vorstellungen. Der Eros wandert auf Umwegen und kommt nicht mehr an. Ein Tag im August 2016 schildert sich als erster Tag des Geschehens im „Letzten Epos” aus.
Ein Aufbruch begehrt vollzogen zu werden. Handke strapaziert Schauplätze seiner Existenz. Ausgangspunkt der Reise ist die Paris zuvorkommende „Niemandsbucht”, das Ziel die Picardie, wo der Schriftsteller seine Datsche hat. Von Paris fährt man eine Stunde mit dem Auto, dann ist man in Amiens. Die Somme, der Atlantik, Belgien und Erinnerungen an die Materialschlachten des I. Weltkriegs sind da nah.
Fledermäuse, die wie hängengebliebene Seelen in alten Häusern heimisch sind, schärfen den Orientierungssinn der halbnomadischen Obstdiebin. Ihr futuristisches Design macht sie zu idealen Bewohnern des kybernetischen Alls.
Auf Seite 220 gelangt Alexia nach Courdimanche. Ihr Schöpfer streicht ihr eine Strähne aus der Stirn. Die Züge sind angespannt. Gedankensplitter und Empfindungstropfen fliegen kreuz und quer durch die Gegend.
Courdimanche liegt an der Pariser Peripherie im Département Val-d’Oise. Handke übersetzt dem Leser ein im Gegenwartsgefängnis unvermeidliches Falschverstehen des Ortsnamens. Der Autor tritt vor die etymologisch indifferente Obstdiebin, stellt seinen Bauchladen ab und macht eine Bude des Begreifens auf. Er gelangt zu dem lateinischen Namensgebungsverfahren im westfränkischen Reich der Merowinger und Karolinger und entdeckt eine Koinzidenz zwischen der ursprünglichsten Bedeutung von Courdimanche und den Informationen der Patina. Dimanche – Sonntag ergibt sich in einer Mutation von dominus – dem Eigentümer und Herren. Aus dem Herrensitz wurde ein Sonntagshof. Die erste Bezeichnung bewahrt sich in der letzten.
Handke lässt es dabei bewenden. Er ignoriert zwei Konnotationen von cour. Etwas herrschaftlich Gravierendes könnte sich darin aussprechen so wie ein königlicher Platz. Zweifellos wird ein Gericht angesprochen und sei es nur als Erinnerung an einen Rechtsprechungsbetrieb, der schon eingestellt war, als der Hof sich etablierte. Courdimanche war den Druiden heilig. Die Römer überbauten die kolonisierte Magie mit einem Tempel. Heute leben sechstausend Leute auf einem besonderen Grund und denken sich nichts dabei.
Die Obstdiebin bleibt am Sonntag hängen. Sie interpretiert das Ortsschild als Kalender. Sie strebt dem höchsten Punkt in Courdimanche zu. Das ist die Kirchturmspitze. Der Turm ist ein Eulenquartier. In seinem Schatten erreicht die Obstdiebin ihr Tagesziel. Der Erzähler scheidet das alte Dorf Courdimanche von einer neuen Stadt. Er unterscheidet die Pittoreske von ihren Anlagerungen. Seine narrativen Moves zwischen Unkenruf, Vollmondimpressionismus, Flurnamenkunde und Stadtplanung (Zivilisationskritik) dienen zur Abkühlung der Erzähltemperatur. Die Obstdiebin lässt sich nicht hoch stimmen. Sie wünscht sich einen Fuchs im Panorama und nimmt mit einer Katze vorlieb. Plötzlich wird sie mit ihrem Aliasnamen Alexia angesprochen. Das quittiert sie mit ihrem „alten Kinderlachen”.
Ich fasse zusammen. In Handkes neuem Werk, das wir als Letztes Epos mit großgeschriebenem L zu begreifen haben, führt eine Reise vom Pariser Stadtrand in die Picardie, wo Emmanuel Macron und der ältere Alexandre Dumas geboren wurden. Handke saugt an seinen Ortskenntnissen. Seine Heldin repräsentiert den Erzähler mit Haut und Haar. Der Autor imaginiert ein junges weibliches Ich, das an der Stelle des alten Schreibsacks nicht nur Beobachtungsgewinne, sondern auch Attraktivitätserfolge erzielt. Das Agens der Handke’schen Produktivität ist die verspiegelte Neuerschaffung als eine Person, auf die sich Begehren richtet.
Wer nicht begehrt wird, stirbt. Wer nicht begehrt, ist tot.
Alexia gabelt sich einen Begleiter namens Valter auf. Mit ihm besucht sie in Chars das Café de l’Universe. Es gehört einem „Finsterling“. Eine begabte Köchin ist ihm auf den Leim gegangen. In „der gut einsehbaren winzigen Küche“ vollbringt sie Wunder mit offenem Haar. - 8
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