Bücher mit dem Tag "entwurzelung"
23 Bücher
- Khaled Hosseini
Traumsammler
(527)Aktuelle Rezension von: WafaoooTraumsammler war mein erstes Buch von Khaled Hosseini - und hat mich direkt begeistert.
Die berührende Geschichte von der kleinen Pari und ihrem Bruder Abdullah, die früh getrennt und in völlig verschiedenen Welten aufwachsen, ist fesselnd und emotional.
Hosseini überrascht immer wieder mit unerwarteten Wendungen und zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie grausam das Leben sein kann.
Ein tiergehender, bewegender Roman.
- Mhairi McFarlane
Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt
(193)Aktuelle Rezension von: kisacaeinsteinDa im Jahr 2024 die Fortsetzung des Buches erscheint, habe ich dieses Buch erneut gelesen.
Generell mag ich Mhairi McFarlane Bücher sehr. Auch dieses hat mir gut gefallen. Es hätte jedoch 100 Seiten weniger gut vertragen.
Nach dem Ende bin ich total froh, dass es weitergeht. Edie und Elliot mag ich sehr. - Shelley Read
So weit der Fluss uns trägt
(193)Aktuelle Rezension von: ManfredLiest„So weit der Fluss trägt“ erzählt die eindringliche Lebensgeschichte der 17‑jährigen Torrie, die sich in einer Welt voller Rassismus, familiärer Gewalt und schmerzlicher Verluste behaupten muss. Shelley Read zeichnet eine junge Frau, die trotz aller Härten ihren inneren Kompass nicht verliert und inmitten der Dunkelheit Wärme, Menschlichkeit und Zusammenhalt findet. Die Figuren wirken authentisch, die Atmosphäre ist dicht, und Torries/Victoria Entwicklung berührt tief. Ein Roman, der zeigt, wie viel Kraft in einem einzigen Leben stecken kann – und wie weit uns Hoffnung tragen kann.
- Ada Dorian
Betrunkene Bäume
(107)Aktuelle Rezension von: FortiDas Buch startet in Sibirien, schätzungsweise irgendwann in den 1960'er Jahren. Weiter geht es dann in Berlin im 21. Jahrhundert. Dort spielt sich die Handlung dann größtenteils ab – irgendwie hatte ich mehr Wechsel zwischen den Zeitebenen erwartet, vielleicht mein Fehler. Die beiden Zeitstränge sind durch Erich verbunden – einem Baumliebhaber und -forscher. Das Thema Bäume fand ich interessant behandelt. Das hätte gerne noch vertieft werden können, denn die Geschichte in der Gegenwart mit Katharina fand ich nicht so überzeugend. Auch die angekündigte Freundschaftsgeschichte zwischen Katharina und Erich wurde etwas kurz abgehandelt. Was das Buch aber schafft (soweit ich das beurteilen kann): das Altern ehrlich zu beschreiben.
Erzählt ist das Buch in einer sehr klaren, schnörkellosen Sprache. Vielleicht auch dadurch erinnerten mich die Passagen über Katharina manchmal an ein Jugendbuch (was nicht schlimm ist).
Auf garkeinen Fall ein schlechtes Buch, aber auch nicht herausragend. Vielleicht wurde hier einfach zu viel zusammen gemischt. - Robert Scheer
Pici: Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück
(42)Aktuelle Rezension von: pardenEIN PERSÖNLICHES MAHNMAL...
Robert Scheer liebte seine Großmutter. Dies ist an und für sich nichts Besonderes, doch eigentlich ist es ein Wunder, dass es den Autor überhaupt gibt. Denn eigentlich hätte seine Großmutter Pici nicht überleben, nicht heiraten und keine Familie gründen dürfen. Denn dies war der Plan von Hitler und seinen Schergen. Doch als einzige ihrer weitverzweigten jüdischen Familie überlebte Pici ("die Kleine") seinerzeit die Gräuel des Holocaust.
"Die Weisen sagen, das Ziel des Lebens sei das Leben selbst. Dem folgend habe ich das Ziel erreicht. Denn ich lebe noch." (S. 56)
Zum 90. Geburtstag seiner Großmutter beschloss Robert Scheer, diese nach ihren Erlebnissen zu befragen, damit ihr Zeugnis bewahrt bleibt. Und wo Pici jahrzehntelang geschwiegen hat, öffnete sie sich ihrem Enkel gegenüber und gab Auskunft über helle und dunkle Jahre ihrer Vergangenheit.
Die ersten zwei Drittel des Buches erzählen von Picis Familie und ihrer Kindheit in Rumänien. Dort wohnte die Familie ungarischer Juden und lebte vom Holzhandel des Vaters. Arm, kinderreich, aber zufrieden, so wie viele andere Menschen der kleinen rumänischen Stadt auch. Als etwas langatmig habe ich diese Schilderungen zeitweise empfunden, aber andererseits als durchaus legitim - holte sich Pici auf diese Art noch einmal alle Mitglieder iher großen Familie in ihre Erinnerung zurück, alle in den Jahren des Holocaust ums Leben gekommen.
Die schlimmen Erlebnisse Picis nach dem Verlust ihrer Heimat in den 40er Jahren nach der Machtergreifung Hitlers nehmen entsprechend etwa ein Drittel des Buches ein. Die Vertreibung ihrer Familie aus der kleinen rumänischen Stadt, die Erfahrungen im Ghetto, die Deportationen in verschiedene Konzentrationslager, die Kälte, die Hitze, der Hunger, die Unmenschlichkeit, die Angst, die Krankheiten, das Trauma, der Tod - Dinge, über die es sicher auch nach 70 Jahren noch schwerfallen dürfte zu sprechen.
Was mich bei der Lektüre verblüffte, waren die großen Erinnerungslücken Picis, die viele schreckliche Erlebnisse und Details ausgeblendet zu haben scheint.
"Und auch für die folgenden Zeiten gibt es solche kleinen Momente, die völlig in meinem Gedächtnis fehlen, aber nicht so, dass ich sie nach Jahren vergessen hatte, sondern so, als hätten sie nichts mit mir zu tun gehabt. Vielleicht, weil mein Verstand dies alles nicht nachvollziehen konnte und von sich wegschob..." (S. 90)
Entsprechend rudimentär erscheinen denn auch teilweise die Erinnerungen, Spotlights der Schrecken, wobei die Schilderungen selbst nahezu nüchtern erscheinen. Dennoch kommt das Grauen beim Leser an, die Bilder lassen sich ncht verdrängen, die Unfassbarkeit der Erinnerungen bricht sich Bahn. Zahlreiche in den Text integrierte Fotos (viele aus dem Privatbesitz des Autors) unterstreichen das Geschriebene, geben dem Erzählten ein Gesicht und verankern das Grauen in der Realität.
Der Schreibstil ist einfach, erinnert zeitweise an einen ungeübten Schulaufsatz. Doch vieles ist in wörtlicher Rede wiedergegeben und dokumentiert so eher das Gespräch zwischen dem Enkel und seiner Großmutter Pici als dass es literarisch aufgearbeitet ist. Dieses Stilmittel der wörtlichen Rede unterstreicht in meinen Augen die Authentizität der Erzählung.
Neben den bereits erwähnten Fotos gibt es - vor allem in dem vielseitigen Anhang - auch zahlreiche Kopien von alten Briefen, Dokumenten und Listen, die die Erinnerungen Picis in Raum und Zeit des Holocaust verankern. Hier hätte ich mir eine bessere Qualität der Darstellung gewünscht, denn viele der genannten Quellen waren durch eine blasse und verschwommene Kopie für mich tatsächlich kaum leserlich, was ich wirklich bedauerlich fand.
Robert Scheer hat mit diesem Buch nicht nur seiner geliebten Großmutter ein Denkmal gesetzt, sondern mit Picis Erinnerungen auch ein persönliches Mahnmal geschaffen. Ein Buch 'Gegen das Vergessen', das sehr persönliche Einblicke gewährt.
© Parden - Elena Ferrante
Tage des Verlassenwerdens
(28)Aktuelle Rezension von: MarcelloLisciaDas war anders, gewöhnungsbedürftig. Ich weiß nicht, ob ich zu weiteren Büchern von ihr gegriffen hätte, wenn es mein erster Roman von ihr gewesen wäre. Die Handlung finde ich sehr eindrücklich. Die Sprache ist mir erheblich zu vulgär. Das kann sie besser. Vielleicht war es ein von ihr gewolltes Experiment? Vielleicht.
- Katerina Poladjan
Hier sind Löwen
(62)Aktuelle Rezension von: Julietta89Katerina Poladjans Roman Hier sind Löwen begleitet eine Restauratorin, die in einer alten Bibliothek in Armenien arbeitet und dort auf ein beschädigtes Evangelienbuch stößt. Während sie Seite für Seite rekonstruiert, entfaltet sich nicht nur die Geschichte dieses Buches, sondern auch eine tiefere Verbindung zur Vergangenheit und zur Region. Der Roman erzählt dabei zwei Geschichten: eine in der Gegenwart und eine, die in die Vergangenheit führt – in die Zeit des Genozids an den Armeniern.
Meine Leseeindrücke
Der Roman war angenehm zu lesen, mit einem klaren, oft poetischen Schreibstil, der nie aufdringlich wird. Besonders gelungen fand ich die Verflechtung der beiden Zeitebenen – Gegenwart und Vergangenheit greifen subtil ineinander und ergänzen sich atmosphärisch wie inhaltlich.
Die Protagonistin wirkte auf mich oft suchend, fast verloren – was dem Buch etwas Meditatives verlieh, zugleich aber auch Fragen aufwarf. Ihre Reise fühlte sich wie eine stille Selbstfindung an, deren Ziel mir manchmal unklar blieb. Das mag durchaus gewollt sein, ließ mich aber streckenweise orientierungslos zurück.
Ich hatte mir erhofft, mehr über die armenische Geschichte zu erfahren – zumindest in historisch-konkreterer Form. Zwar ist die Vergangenheit durch das alte Buch und durch einzelne Rückblenden präsent, doch blieb vieles eher angedeutet als ausgeführt. Das Ende empfand ich als offen – eigentlich etwas, das ich schätze – doch in diesem Fall wirkte es auf mich eher unentschlossen als bewusst offen.
Was das Buch für mich dennoch lesenswert machte, waren die Charaktere: fein gezeichnet, still, aber mit Tiefe. Es sind oft die kleinen Begegnungen und Gesten, die haften bleiben. Auch die Atmosphäre – das leise Stauben der Bibliothek, das Licht über den Hügeln Armeniens – bleibt im Gedächtnis.
Fazit
Hier sind Löwen ist ein leiser, nachdenklicher Roman über Identität, Erinnerung und die Kraft der Bücher. Wer eine dichte Handlung oder ein historisches Panorama erwartet, wird hier vielleicht weniger fündig. Wer sich aber auf ein ruhiges, literarisches Nachspüren einlassen kann, findet in diesem Buch eine feinsinnige Erzählung über das, was bleibt – zwischen den Zeilen, zwischen den Zeiten.
- Nilufar Karkhiran Khozani
Terafik
(57)Aktuelle Rezension von: Pau_reiDer Roman erzählt eindringlich die Geschichte von Nilufar, deren Vater aus dem Iran stammt und deren Mutter aus Deutschland. Die Autorin wählt eine Ich-Erzählung im Präsens, wodurch die emotionale Distanz zum Vater spürbar wird, der sich hinter seiner Zeitung versteckt und den schwierigen Fragen von Nilufar ausweicht.
Durch den gesamten Roman zieht sich eine melancholische Stimmung und vermittelt die Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen. Besonders beeindruckend ist, wie die Autorin die Schwierigkeiten einer entwurzelten Identität einfängt. Der Roman fordert Konzentration und lässt einen nachdenklich zurück. Ein fesselndes, aber anspruchsvolles Werk, das ich trotz kleinerer Längen sehr genossen habe. Ich würde das Buch immer weiter empfehlen, da es in jedem Fall Perspektiven schildert, die sonst auf dem Buchmarkt unzureichend vertreten sind. Und genau deswegen halte ich as Buch auch für eine Bereicherung. 4 von 5 Sternen. - Jehona Kicaj
ë
(53)Aktuelle Rezension von: pardenSPRACHLOSIGKEIT ANGESICHTS DES UNSAGBAREN...
Der ungewöhnliche Titel »ë« steht für einen Buchstaben, der in der albanischen Sprache eine wichtige Funktion hat, obwohl er meist gar nicht ausgesprochen wird. Als Kind von Geflüchteten aus dem Kosovo ist die Erzählerin auf der Suche nach Sprache und Stimme. Sie wächst in Deutschland auf, geht in den Kindergarten, zur Schule und auf die Universität, sucht nach Verständnis, aber stößt immer wieder auf Zuschreibungen, Ahnungslosigkeit und Ignoranz. Als der Kosovokrieg Ende der 90er-Jahre wütet, erlebt sie ihn aus sicherer Entfernung. Doch auch in der Diaspora sind Krieg und Tod präsent – sie werden nur anders erlebt als vor Ort. Der Roman »ë« erzählt von dem in Deutschland kaum bekannten Kosovokrieg und erinnert an das Leid von Familien, die ihre Heimat verloren haben, deren ermordete Angehörige anonym verscharrt wurden und bis heute verschollen oder nicht identifiziert sind. Eine Vergangenheit, die nicht vergehen kann, weil sie buchstäblich in jeder Faser des Körpers steckt, wird von Jehona Kicaj im wahrsten Wortsinn zur Sprache gebracht. (Verlagsbeschreibung)
"Wenn man mich fragt, woher ich ursprünglich komme, möchte ich antworten: Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, dass niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit."
Erzählt wird der Roman aus der Perspektive einer jungen Frau, die den Kosovo-Krieg nicht persönlich erlebt hat, sondern aus der Diaspora in Deutschland heraus, wohin ihre Eltern mit ihr als Kleinkind geflohen sind. Doch die Kriegserfahrungen, erlebt durch Erinnerungen und Erzählungen ihrer Familie, aber auch durch Dinge, die zu schrecklich sind um ausgesprochen zu werden, schreiben sich in ihren Körper ein. So gilt ihr Großvater seit den Kriegstagen als verschollen, und auch die DNA-Abgleiche von Leichen aus Massengräbern haben der Familie keine Antwort geben können.
Der Roman beginnt mit einer Diagnose. Die Ich-Erzählerin zermahlt sich Nacht für Nacht ihre Zähne, und auch tagsüber presst sie ihre Kiefer so arg aufeinander, dass es geschehen kann, dass sie in einigen Jahren kaum noch kauen oder sprechen können wird. Eine Aufbissschiene soll Abhilfe schaffen, doch das Unsagbare, der Druck des generationsübergreifenden Kriegs-Traumas sind letztlich stärker.
Ausgehend von dem Zahnarztbesuch reihen sich sprunghaft Episoden der Erinnerung aneinander - Kindheit, Jugend und Erwachsenzeit der Ich-Erzählerin sind dabei ebenso Gegenstand wie Erzählungen einzelner Verwandter über zurückliegende Geschehnisse im Kosovo. Deutlich wird die Einsamkeit und Sprachlosigkeit, die die Ich-Erzählerin schon als Kind begleiten. Wenn sie gefragt wird, verstummt sie, nie fühlt sie sich wirklich zugehörig oder gesehen. Ihre Kindheit ist anders als die deutscher Kinder - und auch anders als die derjenigen, die im Kosovo verblieben sind. Wo ist Heimat, wo die Zugehörigkeit? Selbst die deutsche Sprache, die die Ich-Erzählerin von klein auf zu perfektionieren sucht, fühlt sich bis heute fremd an - und das Albanische kann sie nur mit ihren Eltern sprechen oder bei den seltenen Besuchen bei den Verwandten, aber es ist ein Albanisch der Großeltern, eine konservierte Sprache, weil sie in Deutschland die Veränderungen der Sprache im Laufe der Zeit nicht mitbekommen hat.
"Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, an einen früheren Ort zurückzukehren und alles so vorzufinden, wie es war. Für mich gab es immer nur Zerstörung."
Ein beeindruckendes Debüt hat Jehona Kicaj da verfasst, geprägt von intensiven Recherchen, was den zahllosen Details anzumerken ist. Es ist trotz des geringen Seitenumfangs ein sehr dichter Roman, der sich nicht einfach so weglesen lässt, der aber einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Kicaj schreibt eher leise und zurückhaltend, die schrecklichsten Gräueltaten oft nahezu sachlich schildernd, und bildet dabei ein perfekt zusammengesetztes Mosaik einer verlorenen Kindheit, eines kollektiven Kriegs-Traumas, einer Entwurzelung, einer Sprachlosigkeit angesichts von Verwüstung, Unterdrückung, Vernichtung ab. Der Roman, der 2025 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, beleuchtet die unsagbaren Dinge und gibt den Sprachlosen eine Stimme.
Leseempfehlung!
© Parden
- Rolf Lappert
Leben ist ein unregelmäßiges Verb
(28)Aktuelle Rezension von: gst„Nicht das Leben in der Kommune war für uns Kinder schrecklich, sondern das, was folgte, das Ausschlachten der Tragödien, die es nicht gab, bevor ihr sie erfunden habt.“ (Seite 775)
Rolf Lappert (ein Schweizer Schriftsteller des Jahrgangs 1958) erzählt, wie schwer sich vier auseinander gerissene Kinder, die bis in ihr zwölftes Lebensjahr wie Geschwister in einer norddeutschen Kommune aufwuchsen, in ihrem weiteren Dasein tun. Sie alle haben, nachdem sie auseinandergerissen wurden, ihren Halt verloren und kämpfen sich durch ihre Jugend. Teilweise mit Hilfe ihrer Pflegefamilien, die es gut mit ihnen meinen, aber sie nicht wirklich auffangen können. Wir können sie abwechselnd bis ins Erwachsensein auf ihren (Ab-)Wegen begleiten und über die unterschiedliche Entwicklung staunen.
Der Autor hat die einzelnen Episoden sehr detailreich ausgearbeitet. Man merkt, welche Freude er am Fabulieren hat. Indem er immer wieder ein anderes Leben in den Mittelpunkt rückt, und dadurch vorübergehend offen lässt, wie es der vorher beschriebenen Person weiter ergangen ist, hält er die Spannung aufrecht. Die Sprache erinnert an moderne Klassiker und lässt sich sehr gut lesen.
Nach dem Schließen dieses Wälzers stehe ich vor dem Dilemma, wie ich das Buch beurteilen soll: Nach dem Aufwand des Autors (er hat immerhin vier Jahre an den knapp 1000 Seiten geschrieben), an der Vielfalt der kennengelernten Leben oder daran, wie sehr ich mich in dieses Buch hineinziehen ließ? Denn letzteres war sehr unterschiedlich. An manchen Stellen war ich regelrecht versunken im Schicksal der „befreiten“ Kinder. An anderen Stellen wiederum waren mir die Beschreibungen zu ausführlich. Eigentlich könnte der Umfang dieses Romans mehrere Bücher füllen, doch die gemeinsam verbrachte Kindheit stellt immer wieder die Verbindung her. Die Idee, den Werdegang dieser Kinder aufzuzeigen, gefällt mir sehr. Denn es zeigt, dass trotz der gleichen Ursprungsbedingungen völlig unterschiedliche Erwachsene herauskommen.
Fazit: das Lesen hat viel Zeit in Anspruch genommen, sich aber definitiv gelohnt!
- Marco Balzano
Wenn ich wiederkomme
(206)Aktuelle Rezension von: EllekensMarco Balzano hatte mich vor 2 bis 3 Jahren bereits mit seinem Roman „Ich bleibe hier“ total überzeugt und ist seither zu einem meiner Lieblingsautoren geworden.
Sein Roman „Wenn ich wiederkomme“ handelt von einer Familie aus Rumänien. Daniela lebt dort mit Ihrem Mann und den Kindern Manuel und Angelica mehr schlecht wie recht. Ihr Mann hat seit Monaten keine Arbeit (bemüht sich auch nicht wirklich drum), trägt nichts zum Familienleben bei und schaut gerne tief ins Glas.
Daniela möchte ihren Kindern einen guten Start in ein sicheres Leben bieten. Dazu gehört ein heimeliges Nest und vor allem eine gute Schulausbildung, die in Rumänien Geld kostet. Ohne eine Ankündigung, noch einer Erklärung oder gar einer Verabschiedung verlässt Daniela eines Nachts das Haus und reist nach Mailand, um dort – wie viele andere Frauen aus Osteuropa – als Altenpflegerin zu arbeiten.
Der erste Teil des Buches schildert das Weggehen der Mutter aus Sicht des 12-jährigen Sohnes. Der Junge ist völlig erschüttert, kann es nicht begreifen, vermisst seine Mutter so sehr und gewöhnt sich nur langsam an die neuen Umstände. Da der Vater wieder versagt und eine Arbeit als Fernfahrer annimmt, übernimmt zunächst die 20-jährige Schwester Angelica die Führungsrolle. Als diese zum Studieren in die Stadt zieht, verliert Manuel völlig den Halt. Der erste Teil endet mit einem unglücklichen Ereignis, dass Daniela wieder nach Hause kommen lässt.
Der zweite Teil beschreibt das Leben aus Sicht von Daniela. Wie sie ihre Heimat verlässt, wie sie in Mailand ankommt und wie es ihr dort ergeht. Die Arbeit ist hart, der Lohn gering und die zu Pflegenden und ihr Angehörigen nicht einfach. Und das alles in einem fremden Land mit einer fremden Sprache. Und entgegen anfänglicher Hoffnung, schnell wieder daheim zu sein, verlängert sich ihr Zeit in Italien Jahr um Jahr.Den dritten Teil des Romans lesen wir aus Sicht der Tochter Angelica. Der Weggang der Mutter, die Veränderung des Bruders und vor allem die Rückkehr von Daniela. Es zeigt die Wiederannährung sowohl der Kinder an die Mutter als auch andersrum. Und das Vergeben.
Marco Balsano hat sich in diesem Buch das hochaktuelle Thema des Pflegenotstands angenommen. Frauen, vor allem in Osteuropa, ermöglichen älteren, wohlhabenden Menschen ein Leben in ihren vier Wänden und in ihrem sozialen Umfeld. Ihre eigenen müssen sie dafür aufgeben. Für welchen Preis? Wie verändert sich die Familie? Wie findet man wieder zusammen?
Balzano schildert das Leben einer Familie aus Osteuropa – einer von vielen! Die drei Teile des Romans sind sehr authentisch geschrieben und die Personen sehr glaubwürdig. Nach der Lektüre bleibt man nachdenklich zurück.
Balzano hat mich wiederum überzeugt und ich freue mich auf mehr! - Radek Knapp
Der Mann, der Luft zum Frühstück aß
(64)Aktuelle Rezension von: haberleiManchmal entdeckt man zufällig ein Buch, einen Schriftsteller – und findet ein Kleinod. So ging es mir mit dem Buch „Der Mann, der Luft zum Frühstück aß“ von Radek Knapp.
Klappentext:
In seinem einzigartigen Stil erzählt Radek Knapp von der unfreiwilligen Emigration des zwölfjährigen Walerian von Polen nach Wien. Seine Schulkarriere ist kurz und endet mit seinem Hinauswurf. Als ihn seine Mutter ebenfalls auf die Straße setzt, kostet er in seiner neuen Bleibe das Gefühl der Freiheit aus – und die Bekanntschaft mit Schimmelpilz. Er schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und dringt in immer tiefere Schichten des Wiener Lebens vor. Dort stößt er auf wenig Sympathie für Menschen von jenseits der Grenze und lernt einiges über die Grenzen des guten Geschmacks und der Legalität. Irgendwann versteht er, dass „zuhause“ überall sein kann – wenn es ihm gelingt, seinen eigenen Weg zu finden.Mich hat der Titel neugierig gemacht, auch stach mir die auffällige rote Schrift am Cover ins Auge. Das Buch erschien 2017 als Hardcover-Ausgabe, ist in kurze Kapitel ohne Datumsangaben unterteilt. Die Geschichte umfasst gefühlsmäßig einen Zeitraum von ca. 15 - 20 Jahren ab Mitte der 70er Jahre. Dadurch, dass Zeitangaben fehlen, war mir vielfach nicht klar, wie alt der Protagonist während der einzelnen Lebensphasen bzw. am Ende des Romans tatsächlich ist.
Das Büchlein liest sich flüssig und leicht, nicht nur weil es lediglich rd. 120 Seiten umfasst, sondern weil Radek Knapps Schreibstil so wunderbar ist: humorvoll bis ironisch, gespickt mit kreativen bildhaften Wortschöpfungen – ein Schreibstil, wie ich ihn ganz besonders mag. Ich war begeistert und habe das Buch fast in einem Zug verschlungen. Es war mein erstes Buch dieses Autors, wird sicher nicht das letzte sein. Als Wienerin kenne ich natürlich die meisten der beschriebenen Plätze und Gebäude, da fühlt man sich im Ambiente besonders wohl, noch dazu wo ich noch etwas gemeinsam habe mit dem Autor: ich besuchte, ungefähr 10 Jahre vor ihm, dieselbe Handelsakademie!
Dennoch: so lustig manche Szenen auch anmuten und zum Schmunzeln anregen, so ist stets der ernste Kern spürbar, der auch nachdenklich stimmt. Die geschilderten Erlebnisse liegen zwar Jahrzehnte zurück, entbehren jedoch nicht der Aktualität. Im Gegenteil, ich denke, für Emigranten oder Flüchtlinge ist es heutzutage noch schwieriger, akzeptiert zu werden, sich integrieren zu können. Zwischen den lockeren, humorigen Zeilen steckt mehr Tiefgang als man auf den ersten Eindruck erkennt.
Die Erzählung ist in Ich-Form verfasst. Man verfolgt nicht nur Walerians Werdegang, seine Schwierigkeiten, sondern auch seine Gedanken, seine grundsätzlich positive und optimistische Lebenseinstellung, seine innere Kraft und den Mut, eigene Wege zu gehen, seine Offenheit Neuem gegenüber. Dabei ist er, der als Kind so abrupt entwurzelt wurde, stets auf der Suche nach seinem eigenen Ich, seiner Heimat. Gewissermaßen sucht er auch den Sinn des Lebens, denn er erkennt bald, dass Geld und Macht nicht das ist, was er anstrebt. Walerian ist ein sympathischer, weltoffener, fleißiger und hilfsbereiter Mensch. Was mir etwas fehlte, waren tiefe Gefühle seinerseits zu Mitmenschen. Ich fand die Beziehung zu seiner Freundin eher kühl und oberflächlich.
In „Der Mann der Luft zum Frühstück aß“ steckt viel Biografisches. Walerian ist Radek Knapps Alter Ego. Mir hat das Buch nicht nur gefallen, mich unterhalten, sondern es hat mich auch berührt. Ich fand es bereichernd und habe es mit Bedauern geschlossen. Nun möchte ich unbedingt noch weitere seiner Romane lesen! Und vorerst empfehle ich dieses Buch einmal wärmstens.
- Donatella Di Pietrantonio
Arminuta
(51)Aktuelle Rezension von: LeserstimmeDie Ich-Erzählerin wird bis etwa 13 bei ihrer Tante erzogen. Doch plötzlich soll sie zurück zu ihrer leiblichen Familie aufs Dorf ziehen. Dort erfährt sie, was es bedeutet, arm zu sein, nichts zu verschwenden und im Haushalt helfen zu müssen. Ihre Schwester Adriana schließt sie sofort ins Herz. Zusammen mit den anderen Geschwistern Sergio und Vincenzo schlafen sie in einem Zimmer. Privatsphäre gibt es nicht.
Doch warum musste sie überhaupt zu ihrer leiblichen Familie zurück? Der Grund, dass ihre Mutter oder sollte man sagen Tante, krank wurde, reicht der Zurückgekehrten " Arminuta" nicht aus. Wie ein Mehlsack lastet die ersichtliche Unwahrheit auf ihren Schultern.
Wie die Ich- Erzählerin wirklich heißt und wo es genau in Italien spielt erfahren wir nicht, jedoch glaube ich, dass es in Süditalien, möglicherweise Sizilien oder Kalabrien sein könnte.
Als ein schweres Unglück geschieht, wird die Familie auf eine harte Probe gestellt...
Die Geschichte von Arminuta ist sehr emotional geschrieben und in kleinen eindringlichen Kapiteln. Die Sprache ist wunderschön, nicht zu blumig aber auffallend. Auch wenn die Sätze teils kurz sind, versteht die Autorin es wunderbar ihre Leserschaft zu fesseln. Ein Satz hat mich besonders gefangen genommen und sagt viel aus: Kapitel 28 zweiter Satz:
Ich war zu jung und zu sehr von der Strömung erfasst, um den Fluss zu sehen, in den man mich geworfen hatte.
Die Autorin wurde zu Recht mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Nun freue ich mich auf Ihr neues Buch: "Die zerbrechliche Zeit".
Eine knappe Rezension, aber eine große Leseempfehlung.
- Jamil Jan Kochai
Die Heimsuchung des Hadschi Hotak
(1)Aktuelle Rezension von: Thomas_LawallNatürlich weiß man vorab in etwa, bevor man sich für ein bestimmtes Buch entschieden hat, um was es sich inhaltlich handelt. Auch dass es sich um Erzählungen handelt, ist klar, und doch gibt es etwas, womit man, zumindest in der ersten, auf gar keinen Fall gerechnet hat.
Den Rahmen der Erzählung bildet "Metal Gear Solid V: The Phantom Pain", ein Computerspiel aus der Metal-Gear-Solid-Reihe. Das 2015 erschienene (und 1984 spielende) Spiel ist das erste dieser Reihe im Open-World-Design, was Jamil Jan Kochai nicht unerwähnt lässt.
Schauplätze der Handlung sind Afrika und Afghanistan, wobei sich hier der Kreis zu einem Zusammenhang schließt. Realität und Spiel gehen eine gewisse Verbindung ein. Schließlich gilt es, zwei Familienmitglieder aus Feindeshand zu befreien, um sie vor Folter und Tod zu bewahren.
In der zweiten Erzählung lernen wir Dr. Yusuf Ibrahimi kennen, welcher seit dem Tod seines Vaters kein "Salat" mehr gesprochen hat. Nicht nur an dieser Stelle erweist sich das Glossar am Ende des Buches als sehr hilfreich. Mit seiner Frau Amina arbeitet er in einem Kabuler Krankenhaus, stets in wechselnden Schichten.
"Ihre Leben schienen wie zwei alternierende Monde um das Krankenhaus zu kreisen."
Schlimmste Kriegsverletzungen und das damit unvorstellbare Leid sind kaum zu ertragen. Sie leben gezwungenermaßen nebeneinander her und der grauenhafte Alltag im Krankenhaus fordert seinen Tribut.
"Sie glichen müden Pilgern, die auf der Suche nach Land auf die See hinausgeschickt worden waren."
Nicht weniger intensiv als die erste Erzählung, steigert sich die zweite dennoch in eine furchtbare Eskalation, die sich schließlich als Stand der Dinge und dessen Folgen relativiert.
Obwohl es eigentlich längst genug ist, begegnen wir in "Genug" Rangeena, die es gerade mit einer Strafpredigt ihres Sohnes, einem "Unmenschen", zu tun hat. Jener Rangeena, die einst mit 15 Jahren die Ehe mit einem sechzigjährigen Nomaden eingehen musste.
Oder Miriam, die sich nach einem entstellenden Säureangriff ihres Mannes eine ganz besondere Art der Kommunikation ausdachte.
"Die Heimsuchung des Hadschi Hotak" in einfachen Worten zu beschreiben ist kaum möglich, schließlich schafft es der Autor nicht mal selbst, indem er seiner innigen Liebe zum Schachtelsatz freies Geleit gewährt, aber dennoch einen Versuch wert.
Migration, neue Heimat, Krieg, zerbrochenes Seelenleben, panische Flucht und Verfolgung in der Heimat sowie in der neuen, die unvermeidlichen Wechselwirkungen der Traditionen und der Gegenwart, aber auch so etwas wie Hoffnung, sind die Themen des Buches, sowie die unvermeidlichen Auswirkungen, die sich in diesem Fall und aus gutem Grund gelegentlich ins Phantastische dehnen.
Schließlich folgen einem die erlebten Traumata wohl bis ans Ende der Welt, was Jamil Jan Kochai mit einer Feder aus Intensität und Tempo, auch vor dem Hintergrund der Kriegserfahrungen in der eigenen Familie, immer wieder unterstreicht, sowie nicht davor zurückschreckt, das eine oder andere Rätsel aufzugeben.Die unglaubliche Vielfalt an Metaphern, landestypischen Verweisen, zwischenmenschlichen Untiefen, sowie das vielleicht nur vordergründig überzogen wirkende phantastische Element entschlüsselt zu haben, würde der Rezensent niemals behaupten.
Das macht aber nichts, denn der Zweck des Buches ist ein anderer. - Guadalupe Nettel
Nach dem Winter
(29)Aktuelle Rezension von: HopeandliveIn diesem fast humorvoll beginnenden Buch reisen wir mit den beiden Protagonisten Claudio und Cecilia nicht nur auf verschiedene Kontinente, sondern erleben alles durchdringende Melancholie und tiefen Schmerz.
Guadalupe Nettel schreibt in einer wunderschönen Sprache und nimmt den Leser mit auf die Reise in die Seele der Menschen sowie mit in die Städte wo sie leben.
Claudio arbeitet als Lektor in einem Verlag und lebt seit vielen Jahren in New York, nachdem seine erste große Liebe in Havanna starb und ihn dort nichts mehr hielt.
Cecilia studiert in Paris uns stammt ursprünglich aus Mexiko. Sie hat seit ihrer Kindheit ein besonderes Faible für Friedhöfe und liebt es, zwischen den Gräberndes Pere - Lachaise spazieren zu gehen.
Als Claudio und Cecilia sich über gemeinsame Freunde kennenlernen, verlieben sie sich ineinander obwohl sie noch in jeweils anderen Beziehungen verwickelt sind.
Die Beiden tauschen über die Distanz E-Mails und erzählen sich ihre tiefsten Gedanken, schicken sich Gedichte, tauschen selbst zusammengestellte CDs aus und alles wirkt sehr romantisch und wirkt echt.Doch dann besucht Cecilia ganz überraschend Claudio in New York und alles entwickelt sich ganz anders.....
Ein sehr gewöhnungsbedürftiger Roman mit sehr eigenwilligen Protagonisten , die es einem nicht immer leicht machen , sie zu mögen. Sie mögen sich selbst auch nicht immer , sie mögen auch nicht alle Menschen und sehnen sich doch nach dem einen der oder die sie versteht und so nimmt wie sie sind und stehen sich letztendlich selbst im Weg, das gemeinsame Glück zu finden.Auch wenn es sehr melancholisch und sehr traurig war , dieses Buch zu lesen , hat es mich doch gefesselt nicht zuletzt der schönen Sprache von Guadalupe Nettel und ihren wunderbaren Beschreibungen von Paris.Auch wenn es nicht das klassische Happy End gibt, erscheint zumindest für eine Person wieder ein Hoffnungsstreifen am Horizont und ich habe mich auf eine stille und melancholische Weise in Paris verliebt.
Es lohnt sich auf jeden Fall dieses Buch zu lesen!
- Olivia Sudjic
Sympathie
(6)Aktuelle Rezension von: ThaliomeeEs fällt mir schwer, dieses Buch einzuordnen, ich kann es nicht einmal beschreiben.
Sicher soll die Geschichte an eine Serie von Bildern und Sätzen erinnern, wie ich sie auf instragram, twitter oder facebook finde. Dies hat bei mir nicht funktioniert, ich würde sogar behaupten, das Buch beschreibt genau das Gegenteil von dem, was ich in den sozialen Medien vorfinde. Denn der Inhalt ist dort meist banal, manchmal interessant, auf jeden Fall aber einfach. In diesem Buch ist alles verschachtelt, kommt nach und nach ans Licht und wirkt doch bis zum Ende verworren.
Vielleicht will die Autorin aber auch auf etwas anderes hinaus, das Fehlen einer stringenten Handlung, das Surfen auf verschiedenen Seiten ohne nennenswerte Erkenntnisse, bei dem man gar nicht merkt wie schnell die Zeit vergeht. Und wie einsam man eigentlich ist.
Alice, allein der Name weckt Assoziationen die keineswegs zufällig sind, ist in einer Phase ihres Lebens angekommen, die sie selbst füllen muss. Mit 23 Jahren ist sie kein Kind mehr und möchte nicht mehr bei ihrer Mutter wohnen. Ihre Ausbildung ist abgeschlossen, aber einen Job hat sie noch nicht. Sie fliegt nach New York, wo ihre Großmutter wohnt. Dass Verhältnis der beiden ist kühl und durch Briefe geprägt, die beide sich geschrieben haben. Darin erzählt die Oma von Alice Vergangenheit, von ihrer Adoption und der Zeit davor.
Aber auch als beide sich eine Wohnung teilen, entsteht kein liebevolles Verhältnis, es bleibt eher kühl und jeder lebt sein Leben. Alice läuft durch New York. Jeden Tag, sie versucht die Stadt in sich aufzunehmen. Aber es geht nicht um die Stadt, es geht um die Suche. Alice postet Fotos, was ihr wichtig ist, in der Geschichte aber doch eher nebensächlich wirkt. Sie lernt einen jungen Mann kennen, mit dem sie zusammen ist ohne ihn zu lieben. Sie lernt eine Frau kennen, die sie liebt ohne mit ihr zusammen zu sein.
Am Ende ist sie allein und der Kontakt beschränkt sich darauf, die Profile der anderen im Internet zu durchsuchen und ihren Online-Status zu beobachten.
- Hala Alyan
Häuser aus Sand
(73)Aktuelle Rezension von: leseleaEs ist die Geschichte der Familie Yacoub, die Hala Alyan in ihrem Roman Häuser aus Sand über vier Generationen erzählt. Sie beginnt mit Salma, dem Familienoberhaupt, der die Flucht aus Jaffa während des ersten arabisch-israelischen Krieges noch immer in den Knochen sitzt und die hofft, dass ihre Kinder in Sicherheit und Stabilität aufwachsen können. Sie fährt fort mit ihrem Sohn Mustafa, der im Sechstagekrieg stirbt, und ihrer Tochter Alia, die Mustafas besten Freund Atef heiratet und mit ihm nach Kuwait flieht, wo sie nie heimisch wird. Sie berichtet von Alias Kindern Riham, Karam und Souad, die im Zuge des ersten Golfkriegs in Amman, Boston und Paris landen und dort mehr oder weniger ihr Glück finden. Sie endet mit Abduallah, Linah, Manar und Zain, Alias Enkelkindern, die zwischen der westlichen und der östlichen Welt stehen und versuchen, in diesem Dazwischen ein Zuhause zu finden.
Häuser aus Sand ist einerseits ein klassischer Familienroman, der die einzelnen Mitglieder über mehrere Jahre begleitet und ihre Beziehungen untereinander verhandelt. Wie in so vielen anderen Büchern der Art wird hier geliebt und gestritten, es werden Geheimnisse verschwiegen und Anschuldigungen herausgebrüllt. Es geht um Eltern-Kind-Beziehungen und das Verhältnis des einzelnen zu sich selber: Welche Rolle spiele ich in dieser Familie? Was fühle ich in dieser Konstruktion aus nahen und fernen Verwandten? Wer bin ich jenseits der Zuschreibungen durch andere Familienmitglieder?
Und doch ist an Häuser aus Sand etwas anders. Die Familiengeschichte wird konsequent vor dem Hintergrund der Konflikte im Nahen Osten erzählt – und zwar nicht, weil sich das literarisch gut macht, sondern (und das ist die zentrale Botschaft während der Lektüre von Häuser aus Sand) weil jede Familie, jedes Leben in dieser Region aufs engste mit der dortigen Politik verbunden ist – ob es der einzelne will oder nicht. Denn der Großteil der Familie Yacoub ist dezidiert nicht-politisch, ja will sich eigentlich aus den Irrungen und Wirrungen heraushalten. Krieg, Flucht, Verfolgung, Ausgrenzung sind keine Themen, die von den Mitglieder auf intellektuelle Weise am Küchentisch, in Ausschüssen oder sonstigen politische Zusammenkünften diskutiert werden, sondern etwas, was sie im Laufe der Jahrzehnte immer wieder erleben müssen – obwohl ein jeder und eine jede von ihnen hofft, nach der letzten Flucht, nach dem erneuten Schaffen eines Zuhauses nun endlich eine Heimat für die Familie gefunden zu haben. Doch ob Nabulus, Kuwait, Amman oder Beirut: Jede Stadt scheint rückblickend immer nur für einen bestimmten Lebensabschnitt eine Bleibe sein zu dürfen.
Hala Alyan erzählt diese lebendige, aber auch schmerzhafte Geschichte auf atmosphärische Art und Weise. Immer wieder werden arabische Begriffe eingestreut, die in einem Glossar auf den letzten Seiten erklärt werden, das ebenso hilfreich ist, wie der Stammbaum zu Beginn, da man bei der Fülle der Figuren schon einmal den Überblick verlieren kann. Diese kommen abwechselnd zu Wort, wobei zwischen den einzelnen Kapiteln mehrere Jahre liegen, sodass die Entwicklungen aller Familienmitglieder verfolgt werden kann, diese dabei jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und bewertet werden. Obwohl die Figurenperspektiv ständig wechselt, führt diese Multiperspektivität dazu, dass man den einzelnen Familienmitgliedern trotzdem nahekommt und ihre Einstellungen sowie Handlungsmotivationen gut versteht.
Häuser aus Sand ist ein Roman über Heimat- und Wurzellosigkeit und stellt den Nahostkonflikt dezidiert in das Zentrum seiner Handlung. Gleichzeitig ist es kein Buch, das speziell für westliche Leser:innen geschrieben wurde, denen es kleinteilig die Konfliktherde der Region erläutert, sondern richtet sich mehr an Mitglieder der Community, die den Schmerz der Protagonist:innen nachvollziehen können, weil sie ihn aus ihren eigenen Familien kennen. Für mich daher ein authentisches, wenn auch immer wieder fremdes Leseerlebnis, das noch lange nachhallt. 5 Sterne und eine absolut Leseempfehlung.
- Olga Grjasnowa
Der verlorene Sohn
(25)Aktuelle Rezension von: book_sorceryEin wunderbares Buch mit interessanter historischen Kulisse, das mich an vielen Stellen immersiv mitgenommen hat. Die lineare Erzählweise hat sich für diese Geschichte passend angefühlt; die Themen um Erinnerung und das Verlieren/Vergessen (und das Thema Russifizierung und Kolonialismus) wurden dadurch gut hervorgehoben. Um für mich noch eine längere Nachwirkung und Tiefe zu haben, hätte ich mir eine stärkere emotionale Bindung zum Protagonisten gewünscht.
- Fikri Anıl Altıntaş
Im Morgen wächst ein Birnbaum
(9)Aktuelle Rezension von: AnnenasIn seinem Debüt „Im Morgen wächst ein Birnbaum“ reflektiert Fikri Anıl Altıntaş seine Familiengeschichte, das Heranwachsen als türkisch-muslimischer Mann in einem von Rassismus durchzogenen Deutschland und die elterlichen Erwartungen. Im Zentrum steht dabei die feinfühlige und einfühlsame Auseinandersetzung mit der Männlichkeit.
Als Sohn türkischer Eltern – seine Mutter ist Reinigungskraft, sein Vater Türkischlehrer – wächst Fikri Anıl Altıntaş in den 90ern im Sozialwohnblock einer hessischen Kleinstadt auf. In jungen Jahren sieht er in seinem Vater ein Vorbild für Männlichkeit, dem er bewusst oder unbewusst nacheifert. Doch mit Abstand und Reife wird ihm die Last auf seinen Schultern immer deutlicher bewusst und er erkennt, dass das väterliche Bild von Männlichkeit nicht zu ihm passt. Die Geschichte und Erwartungen seiner Eltern entsprechen nicht seinen eigenen, und daher gestaltet er schließlich ein neues Verständnis dafür, was Männlichkeit für ihn bedeutet.
Während ich Anıls Worten gelauscht habe, hat mich die einfühlsame Sprache tief berührt. Im Buch und auch auf der Lesung in Heidelberg, an der ich teilnehmen durfte, begegnete er seinen Eltern mit Liebe, Respekt und Achtung. Es war so schön zu erleben, wie viel Verständnis und Dankbarkeit Anıl seinen Eltern gegenüber zeigt und gleichzeitig weiß, Dinge jetzt und zukünftig anders handzuhaben und seine eigene Geschichte eigenständig fortzuschreiben.
- Andreas Wagner
Jahresringe
(121)Aktuelle Rezension von: LavendelgartenDies ist ein Buch der leisen Töne, die aber nachhallen. Wer eine actionreiche Erzählung sucht, ist hier definitiv falsch. Insofern führt der Klappentext auf eine falsche Fährte.
Der Autor formt die einzelnen Charaktere liebevoll und behutsam, allein schon die zarte Beobachtung der Vögel ist lesenswert. Überhaupt gibt es viel an Naturbeobachtung: Bäume, Vögel, Sträucher werden ausführlich beschrieben. (Die Mutter unterhielt sich beispielsweise mit einem Spatz.)
Man taucht in andere Welten ab, fühlt mit der Hauptperson mit, die zwischen den Stühlen sitzt (Frau weg, Tochter weg) und das Leben so dahin plätschert.
Das Geheimnis der Mutter wird schließlich gelüftet, aber es ist für die Geschichte gar nicht so wichtig, es gilt eher: der Weg ist das Ziel.
Für mich ein wunderbar altmodisches Buch, das man ans Herz legen möchte.
- Siegfried Schröpf
Breslauer Schatten
(4)Aktuelle Rezension von: Claudia_ReinländerKlappentext / Inhalt:
Ein auf Lügen aufgebautes Leben beeinflusst Jahrzehnte später das Schicksal zu vieler Unbeteiligter mehr als ihnen lieb und recht ist. Es beginnt im eiskalten Winter 1945 in Breslau, kurz bevor die Stadt zur Festung erklärt wird. Ein Hitlerjunge beobachtet einen Mord, begangen von einem hohen Parteifunktionär. 600 Kilometer weiter westlich im winterlichen Würzburg von heute gerät Anwalt Thomas Schöngeist auf der Suche nach seinem plötzlich verschwundenen Jugendfreund Peter Schneider in den Strudel dieser Vergangenheit. Mord, Identitätsraub, Flucht aus der Weltkriegsfestung Breslau und die Hintergründe im Leben seines Freundes werden zu einem spannenden Krimi mit gesellschaftskritischem Tiefgang verwoben.
Cover:
Das Cover ist interessant gestaltet. Es zeigt die Umrisse eines Kopfes in dem sich Bilder und Karten befinden und schemenhaft ersichtlich sind. Das Cover ist kreativ und fantasievoll umgesetzt und wirkt dadurch geheimnisvoll und spannend. So macht es, durch eine eigentlich recht einfache und dennoch besondere Umsetzung, auf sich aufmerksam.
Meinung:
Gegenwart und Historie in einem spannenden Krimi vereint. Man bekommt Einblicke in die Zeit um 1945 und wird dann wieder in das Hier und Jetzt gerissen. Spannender Start, jedoch wird die Verwirrung zunehmen und manchmal ist es nicht ganz klar, wo man sich gerade befindet. Die Idee dahinter finde ich gut und auch die historischen Einblicke sind gut recherchiert und umgesetzt. Das Wechseln ist jedoch manchmal etwas holprig und verwirrend, da wäre mir etwas mehr Klarheit und Struktur lieb.
Zur Geschichte und zum Inhalt selbst möchte ich hier nicht viel verraten und somit nicht weiter darauf eingehen. Bei Interesse einfach selbst hineinlesen.
Der Schreibstil ist gut und spannend angelegt. Die Kapitel sind recht kurz und bringen Tempo hinein. Die Wechsel leider nicht immer so deutlich erkennbar und so muss man hier genau lesen, um die Zusammenhänge und Verläufe zu verstehen. Die Atmosphäre und Handlungen werden gut beschreiben und sind nachvollziehbar und auch in di Charaktere kommt man nach und nach recht gut hinein. Die Story ist interessant und spannend aufgebaut und auch mit einer Tiefe behaftet, die zum Nachdenken anregt.
Eine Geschichte, nicht einfach und dennoch sehr spannend und bewegend. Manchmal etwas verwirrend, aber irgendwie auch fesselnd.
Fazit:
Gegenwart und Historie in einem spannenden Krimi vereint und in sich verwoben.
- Martin Kordić
Jahre mit Martha
(133)Aktuelle Rezension von: pw1Zuerst hatte ich Bedenken, derart: Wird das eine etwas anrüchige Geschichte, in der sich eine reiche, mittelalte Frau ein "Spielzeug" sucht?
Aber dann wurde ich positiv überrascht. Sehr einfühlsam geschrieben empfand ich diesen Roman. Der Autor schreibt in der Ich-Form aus der Sicht des Haupthelden.
Die Liebesgeschichte bildet den roten Faden für diesen Roman, aber in der Hauptsache geht es um Zjelko alias Jimmy, wie er sich weiterentwickelt, zu sich selbst findet und bis dato unbewusste Traumata überwindet.
Sehr schön geschrieben. Am Ende schließt sich der Kreis.
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