Bücher mit dem Tag "existenzialismus"
19 Bücher
- Franz Kafka
Der Prozess
(1.111)Aktuelle Rezension von: KarandiIch habe zwar gehört, es soll Kafkas Jahrhundert Werk sein. Ich für meine Geschmack muss allerdings sagen, dass ich es etwas zäh fand. Die Idee an sich finde ich zwar sehr gut, dass ein Mensch ohne Grund angeklagt wird und am Ende sogar sein Leben lassen muss und er eigentlich nie erfährt, was er denn verbrochen haben soll. Wir sehen hier eine Trieb gesteuerte Gesellschaft, wie wir sie auch in der heutigen Zeit noch erleben. Den meisten Menschen ist es schon völlig egal, wer gut und böse ist. Hauptsache Ihnen wird ein Opfer gegeben, auf dass sie sich stürzen können, sowie im alten Rom. Auch wenn der Protagonist hier vermeintlich erst mal sein Leben weiter leben kann, bevor er nun vor den Stadtgrenzen zur Schlachtmauer geführt wird. Es ist doch ein Martyrium sich für etwas rechtfertigen zu müssen, für was man nichts kann. Dieses Buch darf man gerne gelesen haben meiner Meinung nach, wenn dem aber nicht so ist, kann man das auch verkraften.
- Franz Kafka
Die Verwandlung
(1.853)Aktuelle Rezension von: DoerthePuh, ich habe es geschafft, die Verwandlung zu beenden.
Ziemlich unbedarft habe ich mir das Buch "für Zwischendurch " ausgesucht. Ich muss zugeben, ich dachte zunächst: 'Was für ein Blödsinn!'😅.
Erzählt wird die Geschichte von Georg Samsa und seiner Familie. Georg wacht eines Morgens als Käfer auf und Lesende erfahren, wie er und die Familie mit diesem Umstand umgehen.
Dass dieses Buch in Schulen als Schullektüre dient, kann ich verstehen. Genauso gut verstehen kann ich allerdings Schüler:Innen, die dieses Buch furchtbar finden.
Letztendlich macht es Sinn, sich vor oder nach dem Lesen des Buches mit der Zeit, in der die Geschichte spielt, auseinander zu setzen. Hierdurch versteht man den Hintergrund und die Ideen, die Kafka mit dem Buch ausdrücken wollte.
Nach Lesen der Hintergrundinformationen kann ich für mich sagen, dass ich immer noch froh bin, das Buch beendet zu haben. Es wird nicht zu einem Lieblingsbuch werden, aber es hat seine Bedeutung in der Literatur.
Und ich bereue nicht, es gelesen zu haben
Es kann gern Schullektüre bleiben, allerdings dann erst für spätere Schuljahre, wie einem Deutsch-LK oder gern auch im entsprechenden Studienlehrgang.
Für jüngere Schüler:Innen gibt es mit Sicherheit zeitgemäßere Literatur.
- Franz Kafka
Das Schloss
(321)Aktuelle Rezension von: HenriLMatosK. kämpft nicht gegen ein böses System, sondern gegen eines, das schlicht keine Eingangstür für ihn vorgesehen hat. Kafka radikalisiert hier seinen eigenen Ansatz aus dem Prozess: Der Antagonist hat kein Gesicht, keinen Namen, keine Absicht. Er ist einfach da, unzugänglich, vollständig und uninteressiert. Das Schloss ist Kafkas reifste Untersuchung der Frage, was Identität bedeutet, wenn das System sie nicht anerkennt.
- Sarah Bakewell
Das Café der Existenzialisten
(41)Aktuelle Rezension von: bookswithjackiTolles Cover, toller Titel, toller Inhalt - Eine Entdeckungsreise zu den Existenzialisten des 20. Jahrhunderts. Camus, Sartre, Beauvoir und viele mehr. Hat mich gepackt, es ist sehr interessant trotz sachlichem und vermeintlich "trockenem" Thema.
- Albert Camus
Der Fremde
(654)Aktuelle Rezension von: frischelandluftEin Hauptwerk des Existentialismus, der meistpublizierte Roman Frankreichs, auf verschiedenen Listen der 100 wichtigsten Bücher der Welt (z.B der Zeit). Der Ich-Erzähler, ein junger Mann, der dem Leben in den meisten Aspekten gleichgültig gegenübersteht, begeht einen Mord an einem anderen jungen Mann, für den er schließlich vor Gericht geführt wird. Gerichtet wird nicht der Mord, sondern seine Gefühllosigkeit, mit der er sich von dem, was die Gesellschaft erwartet, distanziert. Seine Unbeteiligtheit am Geschehen, gegenüber anderen Menschen, jeder Situation verstört noch immer, verstärkt durch die Ich-Erzählperspektive. Mir gehen drei Aspekte besonders nahe – Zum einen, weil das Leben an sich (sein eigenes genauso wie das des Toten oder jedes anderen Menschen) für ihn keinen Sinn hat, weil es unwiederbringlich enden wird und für ihn mit dem Tod alles vorbei ist. Die ultimative Sinnfrage – wo findet man den Sinn, wenn das Religiöse / Spirituelle für einen keine Lösung bietet? Zum anderen, weil das einzige Gefühl, das er empfindet, ein Trieb ist, die Lust. Dieser Aspekt verstört mich heute – nach MeToo und Epstein mehr, als es wahrscheinlich damals verstört hat. Der Erzähler mauert, wenn ihm Fragen gestellt werden, man kommt nicht an ihn heran. Da es aus seiner Innenperspektive geschildert wird, scheint er auch in sich gefangen zu sein. Die Mauer steht zwischen ihm und der Gesellschaft. Dafür wird er hingerichtet, er passt nicht dazu. Der dritte Aspekt, der mich beschäftigt – ist der psychologische Hintergrund - hat er Asperger / Autismus – kann er überhaupt dafür gerichtet werden? (Abgesehen davon, dass die Todesstrafe generell keine Lösung ist, natürlich.) Der Roman wurde 1942 geschrieben, liest sich aber auch heute noch intensiv, die Fragen bleiben universell.
- Jean-Paul Sartre
Der Existentialismus ist ein Humanismus
(12)Aktuelle Rezension von: LadyLouSartre lehrt einen Verantwortung für sein Handeln, seine Entscheidungen, generell für sein Leben zu übernehmen. Es gibt weder Gott, Pech, noch andere externe Faktoren die unser Handeln bzw. unsere Entscheidungen rechtfertigen oder relativieren können. Durch das Buch lernt man sich selbst mehr kennen. Außerdem hört man auf Floskeln wie "Ich hatte leider Pech..." oder "Ich konnte nicht, weil..." zu benutzen und steht zu seinen guten und schlechten Entscheidungen. - Paul Auster
Das Buch der Illusionen
(148)Aktuelle Rezension von: ArgentumverdeProfessor David Zimmer verlor seine Familie bei einem Flugzeugabsturz. Als er zufällig im Fernsehen einen Bericht über den verschollenen Stummfilmkomiker Hector Mann sieht, kann er das erste Mal seit dem tragischen Unglück wieder lachen, woraufhin er beschließt alle Filme des Komikers zu sehen. Keine einfache Aufgabe, denn diese liegen quer über die USA und Europa verstreut in Archiven. Letztlich schreibt er sogar ein Buch über das gesamte Werk Manns. Als sich Jahre später eine Frieda Spelling bei ihm meldet, dass Mann noch lebe und ihn gerne kennenlernen würde, zweifelt er. Erst ein Besuch der attraktiven Alma überzeugt ihn, umgehend nach New Mexico zu fliegen.
Schreiben kann der Autor. Egal was er erzählt, der Leser kann es sich vorstellen, bildlich vor sein Auge holen, miterleben. Nur leider weiß dies der Autor auch und verliert sich in seinen Beschreibungen. Das Leben des Professors, die Inhalte der einzelnen Stummfilme, das Leben Hector Manns, etc. Auster versucht so viel zu vermitteln, philosophische Ansätze mit amerikanischer Schreibkunst zu verknüpfen, dass es schlicht zu viel ist und sich in Ausschweifungen verliert. Und mit diesen Ausschweifungen geht ihm auch die Konzentration des Lesers verloren.
Mein Fazit: Leider nicht das beste Werk des Autors. Gefühlt will er hier einfach zu viel von seiner Schreibkunst zeigen und verliert dabei den roten Faden für den Leser zu sehr aus den Augen. Für mich eher eine Enttäuschung, aber nicht das letzte Buch des Autors.
- Gaito Gasdanow
Das Phantom des Alexander Wolf
(68)Aktuelle Rezension von: FederfeeDanke, Herr Filipenko! Wenn Sie in Ihrem neuesten Buch der Hauptperson Nesterenko nicht die unsäglichen Worte über Gaito Gasdanow in den Mund gelegt hätten, dass er keine Wörter zu Sätzen fügen könne, hätte ich ihn so bald nicht gelesen, obwohl er schon länger auf meiner Liste steht. Also mal schnell ausgeliehen, damit ich mir selber ein Bild machen kann. Und das Buch 'Das Phantom des Alexander Wolf' hat mir gefallen, wobei mir allerdings klar ist: ich muss es irgendwann noch einmal lesen. Es ist so tiefgründig und vielschichtig, aber beim ersten Mal will man wissen, wie es weiter und zu Ende geht. Bei einem zweiten Lesen könnte ich dann den Gedanken über Liebe und Tod und über den Krieg und seine seelischen Folgen mehr Aufmerksamkeit schenken.
Beim Lesen ist mir allerdings etwas Merkwürdiges passiert. Interessiert mich Boxen? Nicht im Geringsten; ich würde nie etwas darüber lesen wollen. Und doch habe ich in diesem Buch mit wachsender Faszination gestaunt, wie Gasdanow mich eingefangen hat: Der Ich-Erzähler muss für einen Kollegen einspringen und für seine Zeitung einen Bericht über einen Boxkampf schreiben. Er bereitet sich akribisch vor und beschreibt auch den eigentlichen Kampf packend und spannend.
Worum geht es überhaupt in diesem 1947/1948 in New York erschienenen Roman, der 1936 in Paris spielt, wo es von Exilrussen nur so wimmelt? Ein blutjunger Mann erschießt irgendwo in Südrussland während des Krieges in Notwehr einen Mann, blickt ihm noch einmal in die Augen und kann dieses Ereignis nie mehr vergessen. Es verfolgt ihn sein Leben lang und wird hier zu einer Geschichte gesponnen, in der man das Konstruierte, die Zufälle kritisieren könnte. Aber dazu ist es einfach zu gut geschrieben. Denn als der junge Mann in Paris ein Buch liest, findet er darin seine Geschichte von damals mit Einzelheiten, die nur der vermeintlich Erschossene wissen kann. Er versucht, ihn zu finden... Ob es ihm gelingt, sei nicht verraten, denn trotz aller Tiefsinnigkeit ist das Buch auch spannend. Was der Ich-Erzähler auf jeden Fall findet, ist die Liebe.
Der Schriftsteller
Falls es jemanden interessiert: Wer ist Gaito Gasdanow, eigentlich Georgi Iwanowitsch Gasdanow? Er wurde 1903 als Sohn ossetischer Eltern (Kaukasus) in St. Petersburg geboren, wuchs teilweise in Sibirien und Charkow (Charkiw) auf und ging als Sechzehnjähriger zum Militär. Er erlebte die Schrecken des Bürgerkriegs und das Chaos der damaligen Zeit: mal Rote, mal Weiße, mal Deutsche, mit Wrangels Armee von der Krim evakuiert, in Gallipoli interniert, nach Konstantinopel geflohen, Bulgarien und endlich in Paris angekommen, einem Zentrum der russischen Emigranten in den späten Dreißigern.
Was für ein Leben dort! Gelegenheitsarbeiten, obdachlos, bitterarm, später nachts Taxichauffeur, tagsüber Vorlesungen an der Sorbonne, Schreiben, Teilnahme an literarischen Kreisen, den Russki Montparnasse. Dort fand sein 1929 erschienener erster Roman 'Abend bei Claire' viel Anklang. - Später lebte er in München als Redakteur bei Radio Liberty. Er starb dort 1971 an Lungenkrebs, wurde aber in Paris begraben.
Wie schade, dass er so lange Zeit relativ unbeachtet blieb! Dabei wurde ihm nachgesagt, er schreibe besser als Nabokow, er sei der russische Camus. Neun Romane hat er geschrieben und viele Erzählungen.
Er schreibt handlungsarm, spürt der menschlichen Psyche nach, macht sich Gedanken über den Sinn des Lebens, vermischt das aber mit der Schilderung von Situationen und Ereignissen, so dass es nicht langweilig wird. Mir hat das oben erwähnte Buch so gut gefallen, dass ich bald mehr von ihm lesen möchte.
- Jean-Michel Guenassia
Der Club der unverbesserlichen Optimisten
(40)Aktuelle Rezension von: Ksenia_GeorgievaDas Buch ist extrem atmosphärisch und authentisch.
Dem Autor ist gelungen alles in so einem Detail zu übertragen, dass ich sehr oft das Gefühl hatte wie eine Freiwillige Besucherin dazusitzen, die sehr müde durch Paris Spazieren würde und hat sich im "Balto" gesetzt um eine Tasse Kaffee zu trinken. Ich belausche die Gespräche, innerlich nehme in den Debatten teil und beobachte sehr nachdenklich die Schachspiele, trotz der Tatsache, dass ich selbst nicht spielen kann.
So viele Ereignisse sind in nur 5 Jahren passiert: romantische, schöne, lustige, aber auch schlechte, traurige und sogar tragische. Man geht alles mit den Protagonisten durch und am Ende ist es extrem schwierig sich zu verabschieden. Fabelhaftes und wunderschönes Buch, das ich nie vergessen werde. - Rüdiger Safranski
Ein Meister aus Deutschland
(17)Aktuelle Rezension von: dpzDiese Biographie hat mich zu Heidegger gebracht! Packend geschrieben wird man "en passant" in das Denken des großen Philosophen eingeführt. Aus der Sicht des Spezialisten nur als Quelle historischer Forschung sinnvoll, hat Safranski als Historiker der Philosophen m.E. seine Berechtigung. - Agnès Poirier
An den Ufern der Seine
(76)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerAgnès Poirier entführt die Leser*innen an die Ufer der Seine, in die magischen Jahre von Paris 1940 bis 1950. Dies ist kein trockenes Sachbuch, das Fakten trostlos aneinanderreiht. Hier wird eine Epoche lebendig, hier wird Geschichte erlebbar. Während des Lesens singen Juliette Gréco und Édith Piaf ihre klassischen Chansons leise im Hintergrund. Ich versinke im Ohrensessel, ein heißer Tee steht auf dem Bistrotisch und weht mir seinen Vanilleduft unter die Nase. Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre sitzen mir gegenüber im Café de Flore. Fast scheint es mir als würde der Pfeifenrauch durch mein Lesezimmer ziehen.
Die 1940er Jahre, eines der schlimmsten Jahrzehnte der Menschheitsgeschichte, totaler Krieg, totale Vernichtung und totale Kontrolle stehen dem Willen zur totalen Freiheit gegenüber. Und in einem kleinen, alten, verwinkelten Stadtteil von Paris, gegenüber von Notre Dame, einen Steinwurf von der Seine entfernt, begegnen sich einige der wichtigsten Intellektuellen und Ikonen jener Zeit. Philosophen, Schriftsteller, Musiker, Künstler aber auch Lebemänner und Dandys. Existenzialismus und Kommunismus, neue Werte in einer alten Welt, prägen die Diskussionen. Nelson Algren, Simone de Beauvoir, Samuel Beckett, Saul Bellow, Albert Camus, Jean Cocteau, Miles Davis, Janet Flanner, Alberto Giacometti, Juliette Gréco, Arthur Koestler, Jean Paulhan, Pablo Picasso, Jean-Paul Sartre Boris Vian und Richard Wright, um nur einige zu nennen, leben in den 40er Jahren auf wenige hundert Quadratmeter verteilt, am linken Seineufer, dem Rive Gauche. Wie kann es sein, dass so viele bedeutende Persönlichkeiten in Paris zusammenkommen, um die Weltgeschichte zu verändern?
Leben am Rive Gauche
Leider geht die Kontinuität des Rive Gauche in Poiriers Erzählung etwas unter. Bei ihr erscheint es so, als würden die 40er Jahre des letzten Jahrhunderts den Mythos des linken Seineufers, des intellektuellen Stadtteils begründen. Dabei haben in den 20er Jahren bereits eine ganze Reihe Künstler dort gelebt und gewirkt, z.B. Ernest Hemingway, Henry Miller, Anaïs Nin, Gertrude Stein, und Sylvia Beach. Und auch davor, war das Quartier geprägt durch die Sorbonne und den zahlreichen Studenten, die hier wohnten. Das traditionelle Universitätsviertel war seit jeher das intellektuelle Zentrum. Auch weil man hier, im Vergleich zum bürgerlichen rechten Seineufer, weitaus günstiger leben konnte.
In diesem Quartier Latin konzentriert sich in den 40er Jahren ein bedeutender Teil der westlichen Intelligentzija. Die meist 20 bis 30jährigen sind gezeichnet vom Weltkrieg, von den Erfahrungen der deutschen Besatzung, der Kollaboration oder der Résistance. Drehte sich jahrelang alles ausschließlich ums Überleben und den Widerstand gegen die Faschisten, veränderte sich mit der Niederlage Nazideutschlands die ganze Welt. Die jungen Erwachsenen fanden sich zurückgeworfen auf existenzielle Fragen: wie konnte es zum Krieg kommen, was fängt man mit seinem Leben nach dem Krieg an? Was ist der Sinn des Lebens? Und wie kann man ihn verwirklichen? Geprägt durch eine grundlegende Skepsis am Kapitalismus, der sich allzu schnell mit dem Faschismus verbrüderte, kokettieren viele Intellektuelle jener Zeit mit dem Kommunismus, dem der Nimbus des Antifaschismus anhaftet.
Erst langsam nehmen einige Wenige auch die Grausamkeiten des Stalinismus wahr und versuchen einen „dritten Weg“ in der Politik zu gehen. Ausgehend von der Philosophie des Existenzialismus, müsse es doch einen Weg jenseits von Kapitalismus und Kommunismus geben. Doch so politisch auch der Alltag war und so produktiv die Künstler und Schriftsteller waren, so wollten alle ihr junges Leben nach den Entbehrungen des Krieges, im Rahmen ihrer Möglichkeiten und manchmal auch darüber hinaus, genießen. Eine neue Freizügigkeit nicht nur im Denken brach sich Bahnen. Neue Lebensentwürfe wurde erprobt, bürgerliche Traditionen abgelehnt. Simone de Beauvoir erkämpfte sich einen Lebensstil der bis dahin nur Männern vorbehalten war. Ungebunden, frei und mit vielen wechselnden Sexualpartnern, sogar beiderlei Geschlechts. Was für viele junge Frauen Vorbild werden sollte, war für das Bürgertum vor allem eines: ein Skandal.
Exzessiver Exitenzialismus
Und an Skandalen war das arme Paris der 40er Jahre reich. Poirier fängt das Sittengemälde und die Rebellion gegen verkrustete Strukturen grandios ein. Die Leser*innen folgen Sartre und Beauvoir die Treppenstufen hinab in dunkle Kellergewölbe in denen bei Jazzmusik gefeiert und vor allem viel getrunken wird. Die Partner vieler Intellektuellen scheinen im munterem Reigen wechselnde Tête-à-Tête einzugehen. Exzessives Leben in allen Bereichen. Wer will es jungen Menschen verübeln im Angesicht der Grausamkeiten, die nach und nach über den Holocaust bekannt werden oder angesichts einer zunehmenden Weltuntergangsstimmung der sich konfrontierenden Atommächte USA und Russland.
Die Produktivität gepaart mit der verzehrenden Lebensweise hat seinen Preis und Poirier schildert auch die Schattenseiten der so leuchtenden Biographien. So war die Einnahme von Amphetaminen vollkommen gewöhnlich, Drogen und Aufputschmittel verschiedenster Art, anschließend Schlaftabletten um wieder Ruhe zu finden, gehörten zum Alltag. Ebenso wie Alkohol geschwängerte Streitigkeiten, die teils jahrelange Freundschaften zu ruinieren vermochten. So explosiv wie sich die Weltgeschichte darstellte, so heftig, hitzig und obsessiv lebten die jungen Intellektuellen jener Zeit. Und Poirier schafft es mit ihrer Sprache eine geradezu hypnotische Wirkung zu entfachen, ein Mahlstrom, der hinab in die Begierden und Leidenschaften einer unterdrückten Jugend führt. Wer die Menschheit liebt, muss an ihr verzweifeln.
Moderne Zeiten
Dabei darf man allerdings nicht übersehen, dass mitunter Genauigkeit und Differenzierung dem lockeren Schreibstil geopfert werden. Es ist ein erzählendes Sachbuch, eher eine Reise an die vergangenen Ufer der Seine, denn eine historisch korrekte Betrachtungsweise. Wenn man sich damit anfreunden kann und über die ein oder andere spekulative Szene, die als solche allerdings leider nicht deutlich gekennzeichnet ist, die ein oder andere Stereotypisierung und die ein oder andere verklärte Perspektive hinwegsehen kann, bekommt man eine wunderbare und informative Zeitreise in eines der intellektuellsten Jahrzehnte.
Poirier reicht mit „An den Ufern der Seine“ einem jungen und neuem Publikum die Hand, um den intellektuellen und moralischen Aufbruch einer ganzen Generation zu verstehen. Geschichte wird gemacht und wirkt in die Gegenwart. Es wurden nicht nur literarische Grundfeste erschaffen, sondern zugleich weltanschauliche Wertemaßstäbe entworfen. Der Widerstand gegen Unterdrückung und Ausbeutung, gegen Faschismus und Autoritarismus, die Intoleranz gegenüber den Intoleranten und Antidemokraten sind zeitlose Imperative. Die Erinnerung daran erscheint nötiger denn je.
Für Bibliophile sei allerdings die Warnung ausgesprochen, dass sehr viele literarische Werke angesprochen werden, die die Liste der zu lesenden Bücher mal wieder zu verlängern vermag.
- James Sallis
Willnot
(8)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerDa lese ich den ersten Staz und bin begeistert, den zweiten und schon sind dreißig Seiten um. Ich fühle mich den Figuren nah, kenne sie schon nach wenigen Momenten und fühl mich rundum wohl und am Ende denke ich: was war denn das für eine Story- und was wurde da denn verhandelt? James sallis satnd mit diese Roman einige Zeit auf der Krimibestenliste und als noch Hardboiled und Noir das Buch charakterisierten, war ich gespannt. Vielleicht habe ich auch in der Leichengrube etwas nicht mitbekommen. Das kleine Buch ist schnell verschlungen und ich habe für mich keine Lösung erfahren oder gefunden. Um was ging es ? Nur, um den Arzt Lamda? Ich werde mich nun mal auf anderen Rezensionen zu deise Buch tummeln, vielleicht erlebe ich ein Erkennen...
Sprachlich sitzt jedes Wort, die Gedanken sind tief und ich empfand Glück beim Lesen. Trotzdem gebe ich einen Stern Abzug für das große Fragezeichen, als ich es weggelegt habe.
- Frank Witzel
Die fernen Orte des Versagens
(2)Aktuelle Rezension von: MaldororFür Frank Witzel muss man irgendwie eine Lanze brechen. Alle Geschichten trotzen vor ungeheurer Phantasie und Komplexität. Oft war ich überfordert, sogar ein- zweimal verzweifelt genervt - aber dennoch angeregt von derartiger Genialität.
Im Kleinen wie im Großen durchdrungen von einer manigfaltigen Komplexität und Genauigkeit.
Empfehlung: in kleineren Häppchen konsumieren - oder mehrfach lesen. Wer sich getrost zum Zweifeln und mutigen Versuch des (kontinuierlichen) Versagens animieren möchte, ist hier gut aufgehoben.
Als Eindruck noch ein paar Ziate aus der letzten größeren Ezählung "Traurige Rekorde".
"Der Mensch ist besonders leicht zu erschrecken, weil er die Sprache hat. Manchmal nämlich existiert ein Gespenst nur durch eine Namensverwechslung. Aus diesem Grund entstand überhaupt erst das System der Vornamen, um den Menschen genauer von den Geistern unterscheiden zu können."
....
"Ich dachte anfänglich, und ließ mich dadurch abschrecken und verlor viele wertvolle Jahre, dass ich das, was ich lese, verstehen müsste, weshalb ich mich lange bei Sätzen aufhielt und sie immer wieder stumm wiederholte, um sie zu durchdringen. Dann aber änderte ich meine Taktik und las ein kompliziertes Buch in zwei Stunden.
Ohne darauf zu achten, ob ich es verstand oder nicht. Schließlich muss durch das Lesen irgendwann irgendetwas in mir geschehen, dachte ich."
....
Als Letzters dann noch ein paar Worte über das Überholte. Ist es nicht falsch, das Überholte einfach als überholt abzutun, wenn wir es doch zur Orientierung benötigen, denn wie sollen wir zu dem gelangen können, was wir als Fortschritt preisen, wenn wir es nicht als Vorbild gehabt hätten, das wir überholen wollten? - Bergsveinn Birgisson
Die Insel Kolbeinsey
(3)Aktuelle Rezension von: rockchickdeluxe
Der Erzähler befreit seinen depressiven Freund aus der psychiatrischen Anstalt und beschließt, ihn nach Kolbeinsey zu bringen, die nördlichste Insel Islands. Die Einsamkeit der Insel soll ihn heilen.
Die Flucht führt sie aus der zivilisierten Welt mitten hinein in die Gletschergebiete und zerklüfteten atemberaubenden Weiten Islands.
Mit einer erbosten Krankenschwester auf den Fersen beginnt eine wilde Verfolgungsjagd durch die magische Landschaft des Landes und der Psyche, schrill, anders, frei.
Dieses Buch sprengt alle Grenzen. Es ist so anders und dabei unfassbar faszinierend, literarisch, platzt vor visionärer Imagination. Die Krankenschwester wird immer wieder beseitigt, um dann plötzlich wieder aufzutauchen.
Rabiate Gesellschaftskritik wechselt mit Ausflügen in existentialistische Philosophie. Illustrationen, die zum Beispiel Munch und Boticelli nachempfunden sind, bringen eine weitere Bedeutungsebene. Spielerisch und mühelos verwebt der Autor als Experte der Skaldendichtung Anspielungen auf mythologische Figuren und Sagenheld*innen. Was für ein Einblick in die Kultur!
Das Gefühl ist das zentrale Motiv, auf das der Erzähler immer wieder zurückkommt, denn wie sonst wird der Mensch die Verbindung zu sich selbst herstellen können? Sind nicht die Wunden des Geistes und der Seele der Stoff der Dichtung? Ist nicht das Gefühl das, was Menschen einzigartig macht?
Was für ein Ritt! Durch die Seele und den Geist auf der Suche nach Heilung. Es wird viel geschrien in dem Buch, absurde Szenen wechseln mit kleinen Elegien, doch was Die Insel Kolbeinsey wirklich ausmacht ist die Sprache. Aus Selbstreflexionen entsteht fundierte Gesellschaftskritik, analytische Dekonstruktionen der digitalen Welt wechseln mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen in virtuosen Worten und Wendungen. Das ist ganz einfach grandios.
Ganz langsam dämmert die Erkenntnis, wie die Reise ausgeht, und so geht es immer weiter, angetrieben von der allumfassenden Liebe zum Leben und irgendwie auch zur Literatur.
Dieser Roman macht wirklich Spaß, das Grinsen verschwindet einfach nicht aus meinem Gesicht.
Ein Riesendanke an den Residenz Verlag für dieses wunderbare Island-Buch. Danke fürs Verlegen. Etwas ganz Besonderes.
- Christoph Aschenbrenner
Urbanicity
(1)Aktuelle Rezension von: Thomas_Lawall"In freiem Flug den Himmel berühren". Jetzt ist es passiert. Der Aschenbrenner hebt ab. Könnte man meinen. So wie das immer ist, wenn man liest und denkt, etwas verstanden zu haben. Meistens freut man sich deshalb ebenso früh wie vergeblich, denn der Autor wollte doch mit seinen wohldurchdachten Zeilen etwas ganz anderes ausdrücken. Da die Gedanken aber, wie Gerüchte immer wieder behaupten, angeblich frei sind, kann und darf der Rezensent wohl gerne und wie so oft danebenhauen.
Aschenbrenners Stadtnotizen konkretisieren sich. Immerhin ist "Urbanicity" nach "Live! Poet auf der Bühne", "Nur einen Atemzug, einen Kuss entfernt" und "Ultraviolett" seine vierte Veröffentlichung. Aus einzelnen und locker arrangierten Episoden ergibt sich in konkreten Andeutungen diesmal ein nicht zu übersehender Gesamtzusammenhang. Dumm nur, dass man diesen an dieser Stelle natürlich nicht verraten darf. Es hat auf jeden Fall etwas mit einer Kugel (und nicht mit einem Schneeball, wie irrtümlich berichtet wurde) zu tun.
Was wir glücklichen Landeier schon lange wissen, bestätigt uns der Autor: Das Leben eines Städters ist stinklangweilig. So wie die Stadt überhaupt und generell. Es passiert täglich das Übliche. Man fährt nach Hause und am nächsten Tag wieder hin, dort, wo man am Computer herumspielt. Der Großteil des Lebens findet in einem Büro statt. Den Rest verschläft man. Marginale Zeitfragmente bleiben übrig. Zum Beispiel für Gedanken an "Isabelle".
Nachbarn ziehen ein und aus. Und dann die ewigen Geburtstage. Irgendwie muss man die Zeit halt rumkriegen. Ein Jahr ist schnell vergangen. Und wer mitzählt ist selbst schuld. Da. Hilft. Nur. Ein. Zünftiges. Kaltgetränk. Aus dem gemütlich-drögen Trott der Stadt entkommt man lediglich, wenn Onkel Doktor ein paar ernste Worte spricht. Plötzlich ist man wach. Mein Rat: Keine Panik. Das Ende naht so oder so. Kein Wunder, dass sich gewisse Jahrmarktsattraktionen dann plötzlich schneller drehen.
Schon klar. Was bleibt einem anderes übrig, als ständig zwischen Enttäuschungen und Glück hin und her zu pendeln. In jener "Zwischenwelt" kann man recht gut leben. Wenn man Glück hat, findet man sogar etwas, was man schon vor längerer Zeit in einem Akt der Verzweiflung weit von sich warf ...
Das Leben saust vorbei. Christoph Aschenbrenner isoliert Momente. Konserviert sie, bevor sie verschwunden sind. "Urbanicity" ist eine existenzialistische Miniatur. Das Ende bleibt offen. Muss es auch. So war es immer schon. Vielleicht ist ja der letzte Flug der schönste. - Kate Kirkpatrick
Simone de Beauvoir
(17)Aktuelle Rezension von: Kathrin_SchroederEin detailliert recherchiertes Buch, auf der Grundlage allen aktuell verfügbaren Materials (Briefe, Tagebücher, Veröffentlichungen aller Art) erzählt das komplette Leben von Simone de Beauvoir.
Es beginnt bei der Kinderzeit, erzählt ihre Lektüren, ihre Veröffentlichungen, ihre Beziehungen - nicht nur zu Sartre und nicht einmal immer vorwiegend zu Sartre, ihr politisches Engagement uvm. bis zu ihrem Tod.
Manches zugrundeliegende Material konnte erst veröffentlicht und gesichtet werden, nachdem die Betroffenen verstorben waren, weshalb vielen vorherigen Biographien manche Teile ihres Lebens fehlten.
Das Buch schafft es sie gleichermaßen kritisch und liebevoll zu betrachten, keine Sichtweise der Konkurrenz zu Sartre aufzubringen ebenso wenig wie sie als einfaches Abbild seines Denkens abzuwerten. Faszinierend fand ich persönlich, dass ihre enge Beziehung zu Sartre nahezu immer, egal wie es um das Liebesleben der Beiden stand, ein enger fast täglicher Austausch über ihre Gedanken, ihre Lektüren und alle von ihnen geschaffenen Werke war, in denen sich beide in absolut ehrlicher und tiefgehender Kritik gleichwertig gegenüber standen.
Mich hat dieses Buch sehr beeindruckt, auch wenn es mit nur geringer Vorkenntnis zu ihrem Leben durchaus anstrengend zu lesen war.
#SimonedeBeauvoir #KateKirkpatrick #Netgalleyde #KathrinliebtLesen #Rezension #Bookstagram
- Simone de Beauvoir
Eine transatlantische Liebe
(5)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerBis jetzt bin ich wirklich begeistert von Beauvoirs Briefen, ihrer Sprache, ihren Gedanken, Ängsten, Freuden. Man fühlt sich beim Lesen ihr sehr nahe ... und vermisst die Anworten Algrens, die leider bis heute nicht veröffentlicht werden dürfen. Sie schreibt in Zeiten der Freude, des Leidens - über fast alles, was sie bewegt und ihr Leben tangiert ... und das fast jeden 3. Tag über ca. 20 Jahre - ein fantastisches Zeit- und Beauvoir-Zeugnis - Marco Michalzik
Hörbuch: Heute ist morgen schon gestern
(5)Aktuelle Rezension von: Traeumerin109Marco Michalzik ist ein Name, den ich vorher noch nie gehört oder gelesen hatte. Aber seine Poetry-Slam-Texte haben mich voll erwischt. Es ist eine warme, angenehme Stimme, der wir lauschen. Und schon bei der ersten von dreizehn Nummern ist klar: Dies sind keine 08/15-Texte, die man sich mal schnell zwischendurch anhören kann. Sie haben Tiefgang und bieten ein Feuerwerk an Sprachkunst, bei dem es sich wirklich lohnt, genau hinzuhören. Und mit Sicherheit habe ich mir die CD nicht zum letzten Mal angehört. Denn so sollte Poetry Slam sein: Poetisch, intelligent und humorvoll mit Sätzen, die den Zuhörer überraschen. Gleichzeitig nicht banal oder klischeebeladen, sondern kreativ, mit neuen Gedanken und Ideen. Nicht immer wieder dasselbe. Vielleicht auch aktuelle Themen aufgreifend, dabei aber nicht verletzend werden. Nicht nur kritisch, sondern auch selbstkritisch. Und all das habe ich tatsächlich bei Marco Michalzik wiedergefunden. Er beschäftigt sich mit Themen, die uns allen bekannt sind, weil sie immer wieder durchgekaut werden, tut dies aber auf eine Weise, die uns dennoch aufhorchen lässt. Ein ganz großes Kunststück. Zusätzlich werden die Texte untermalt mit wunderbarer, atmosphärischer Musik, die das Ganze abrundet.
Fazit: Ein Hörerlebnis, das ich euch nur sehr ans Herz legen kann!
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