Bücher mit dem Tag "existenzialismus"

Hier findest du alle Bücher, die LovelyBooks-Leser*innen mit dem Tag "existenzialismus" gekennzeichnet haben.

65 Bücher

  1. Cover des Buches Nichts (ISBN: 9783423625173)
    Janne Teller

    Nichts

     (1.033)
    Aktuelle Rezension von: Ann-Kathrin1604

    Nichts, was im Leben wichtig ist - Janne Teller 

    Rezension ohne Spoiler 

    ***
    Der Junge Pierre Anthon ist der Meinung, nichts hätte eine Bedeutung, weshalb es keinen Sinn macht, überhaupt etwas zu tun.
    Daraufhin beschließen seine Mitschüler ihm zu zeigen, dass es durchaus Dinge gibt, die Bedeutung haben. Jeder dieser Schüler entscheidet, was jemand anderem von ihnen besonders viel bedeutet, und genau diese Dinge werden gesammelt.
    Leider nimmt diese Tat grausame Ausmaße an, denn das, was die jungen Schüler/innen „opfern“ müssen ist alles andere als harmlos! 

    ***
    Meine Meinung:
    Ich bin im Nachhinein so schockiert von diesem Buch, dass ich das Ganze erstmal verdauen muss. Für diese kurze Seitenzahl passiert so viel, was nicht in Worte gefasst werden kann.
    Die Geschichte beginnt so harmlos und wird im Laufe immer schrecklicher, damit hätte ich nicht gerechnet!
    Die Nachricht, die sich hinter dem Buch verbirgt, ist wirklich wichtig und hat sich deutlich bei mir eingeprägt. Mir kam beim Lesen immer wieder die Frage in den Sinn: „Was hat eigentlich für mich eine Bedeutung?“ und ich denke, genau das möchte die Autorin auch erreichen.
    Doch viel prägnanter, als diese Nachricht, finde ich wirklich die Tatsache, was die Charaktere in diesem Buch tun und besonders, was sie von ihren Mitschülern verlangen zu tun. Es geht um körperliche Gewalt, Gewalt an Tieren und um eine Menge anderer Dinge, auf die ich niemals gekommen wäre. Diese Boshaftigkeit, die sich im Laufe des Buches bei den Charakteren entwickelt, ist so deutlich zu spüren, dass ich teilweise Gänsehaut hatte. Besonders bleibt mir diesbezüglich eine Person im Sinn.
    Die Geschichte mag dabei aber, so grausam und schockierend sie ist, genauso realitätsfern sein.
    Einige Taten dieser Kinder sind so heftig, dass ich die „Konsequenzen“ daraufhin nicht verstehe. Irgendwie wurde mir vermittelt, dass solche Dinge ruhig passieren können, dann bekommt man halt mal Hausarrest und andere Strafen und die Sache ist gegessen. Da hat mir etwas der Bezug zur Realität gefehlt bei einem sonst so wichtigen und aktuellen Thema. 

    Sonst bin ich einfach nur begeistert und schockiert zugleich und kann wirklich sagen, dass dieses Buch eindeutig zu meinen derzeitigen Highlights in diesem Jahr gehört!

  2. Cover des Buches Im Café der verlorenen Jugend (ISBN: 9783423142748)
    Patrick Modiano

    Im Café der verlorenen Jugend

     (135)
    Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer

    Speziell, auf so mancher Ebene. Schöne Atmosphäre. Dennoch wären mir weniger Straßennamen und mehr Beschreibungen hilfreich gewesen, dann und wann. Recht frei und unvollendet fühlte es sich immer wieder an, als ob ich was verpasst oder überlesen hätte - was die Thematik der Geschichte wohl ganz gut ergänzt/spiegelt. Definitiv interessant zu lesen, für ein weiteres Buch des Autors (sppntan unterstellend, daß sein Schreibstil immer so ist) reicht es bei mir nicht. Es braucht, denke ich, auf jeden Fall eine gewisse Offenheit und Bereitschaft.

  3. Cover des Buches Der Ekel (ISBN: 9783499105814)
    Jean-Paul Sartre

    Der Ekel

     (272)
    Aktuelle Rezension von: The iron butterfly
    Die Lektüre E. M. Ciorans "Vom Nachteil, geboren zu sein" hat mich auf die grandiose Idee gebracht wieder einmal Jean-Paul Sartres "Der Ekel" aus dem Regal zu nehmen. Fasziniert habe ich nach wenigen Sätzen festgestellt, dass dieser philosophische Roman über den Historiker Antoine Roquentin für mich nichts an Intensität verloren hat. Antoines Tagebucheinträge sind auch nach zwanzig Jahren, so lange ist es her, seit ich "Der Ekel" zuletzt gelesen habe, fesselnd und erstaunlich frisch. Sartre hat seine Philosophie des Existenzialismus in eine unkomplizierte Sprache verpackt..."es war einmal ein armer Kerl, der hatte sich in der Welt geirrt. Er existierte, wie die anderen Leute, in der Welt der Parks, der Kneipen, der Handelsstädte, und er wollte sich einreden, er lebe woanders, hinter der Leinwand der Gemälde, mit den Dogen Tintorettos, mit den ernsten Florentinern Gozzolis, hinter den Seiten der Bücher, mit Fabrice del Dongo und Julien Sorel, hinter den Grammophonplatten, mit den langen, spröden, klagenden Jazzmelodien. Und dann, nachdem er lange genug den Idioten gemacht hat, hat er verstanden, hat er die Augen geöffnet, hat er gemerkt, daß es da ein Versehen gab: er saß in einer Kneipe, ausgerechnet, vor einem Glas lauwarmem Bier..." für mich immer noch eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe. Absolut empfehlenswert.
  4. Cover des Buches Der Fremde (ISBN: 9783499253089)
    Albert Camus

    Der Fremde

     (562)
    Aktuelle Rezension von: beccaris

    "Der Fremde" des französischen Nobelpreisträgers Albert Camus erschien 1942 und wurde als Meisterwerk berühmt. Die Erzählung entstand parallel zu einer philosophischen Abhandlung des Schriftstellers über das Absurde.

    Die Geschichte handelt von einem jungen Franzosen, Meursault, dessen Antriebslosigkeit keine Grenzen kennt. In seinem Persönlichkeitsprofil könnten fast autistische Züge vermutet werden. Sein Verhalten führt zu einem Mord, den er aus Notwehr begeht. Das richterliche Urteil führt aufgrund mehrerer sinnloser Schüsse, die er zusätzlich abgibt, seiner fehlenden Reue und der kompletten Gefühl- und Gottlosigkeit zur Todesstrafe. Selbst der Geistliche, der ihn am Abend vor seiner Hinrichtung aufsucht, wird Zeuge einer schockierenden Gleichgültigkeit gegenüber der Welt.

    Die schlichte Sachlichkeit und Intelligenz, seine ruhige und pflichtbewusste Art machen aus dem Protagonisten trotz allem einen Menschen, den man eigentlich ganz gern hat. Darin liegt das Absurde der Geschichte.

    Der lakonische Schreibstil hat mich angesprochen und macht den kurzen Essay zu einer leicht zu lesenden Lektüre.

  5. Cover des Buches Der Prozeß (ISBN: 9783899195880)
    Franz Kafka

    Der Prozeß

     (996)
    Aktuelle Rezension von: lilr

    Ich habe selten ein Buch gelesen, was mich derart in den Bann gerissen hat, wie dieser Klassiker von Franz Kafka! Ab dem ersten Kapitel wird man in die Gefühlswelt des Protagonisten Josef K. gerissen und fühlt am eigenen Leib die Verzweiflung, die Angst und das Elend die von dem Prozess ausgehen. Zeitweise musste ich das Buch beiseitelegen weil mich das Schicksal und die Wirrungen derart mitgenommen haben. Aber genau das ist die Meisterleistung Kafkas! Jeder neue Handlungsstrang überrascht mit neuen grotesken Elementen, die das Buch absolut "kafkaesk" machen. Ich empfehle einen Lektüreschlüssel für alle diejenigen, die das Buch ganz erschließen möchten, denn sowohl philosophisch, politisch, religionskritisch als auch autobiografisch überließ Kafka nichts dem Zufall. Ein Muss für alle Literaturfans! 

  6. Cover des Buches Das Phantom des Alexander Wolf (ISBN: 9783423143356)
    Gaito Gasdanow

    Das Phantom des Alexander Wolf

     (59)
    Aktuelle Rezension von: Kapitel7

    Info vorab: Eine ausführlichere Version meiner Rezension ist auf meinem Blog erschienen: https://kapitel7.de/gaito-gasdanow-das-phantom-des-alexander-wolf/


    Das Phantom des Alexander Wolf zählt für mich zu den Büchern, bei denen man am Ende Schwierigkeiten hat, den einen Handlungsfaden nacherzählen zu können. Der Roman ist eine Momentaufnahme aus dem Leben der Protagonisten. Er baut keine Geschichte, er baut eine Atmosphäre.

    Diese Atmosphäre wirkt wie ein Sog. Ich bin beim Lesen geradezu durch die Seiten geflogen. Es gibt kaum welche von jenen Stellen, die sich dazu anbieten, das Buch zuzuklappen und am nächsten Tag weiterzulesen. Gasdanows Stil hat eine Melodie, die bis zum Ende trägt. Dadurch ist der Roman ein kurzweiliger Zeitvertreib, aber dennoch ist es schade, dass die Erinnerung daran am Ende so schnell verfliegt.

  7. Cover des Buches Widerrechtliche Inbesitznahme (ISBN: 9783442714551)
    Lena Andersson

    Widerrechtliche Inbesitznahme

     (34)
    Aktuelle Rezension von: Obst4

    Schlussendlich geht es in dem Buch durchweg das Ester  in Hugo verliebt ist, der aber die Liebe nicht so erwidert wie Ester es sich wünscht.
    Dennoch ist der Schreibstil so seltsam fesselnd das man das Buch nicht beiseite legen kann obwohl die Geschichte völlig banal ist. Ich glaube man kann es immer wieder lesen

  8. Cover des Buches Der Fall (ISBN: 9783499253102)
    Albert Camus

    Der Fall

     (135)
    Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer
    Dieser im Jahr 1957 veröffentlichte schmale Band enthält die Lebensgeschichte des Pariser Anwalts Johannes Clamans. Im Stil eines Gesprächs gibt er sich in einem Zeitraum von fünf Tagen einem fiktiven Dialogpartner im Amsterdamer Hafenviertel zu erkennen. Geschildert werden der kometenhafte Aufstieg des jungen Mannes in der Pariser Gesellschaft, begünstigt durch ein Wesen, dass durch Eigenliebe, Opportunismus und einen Mangel von Empathie gekennzeichnet ist. Durch seine Zeugenschaft bei einem Suizid einer jungen Frau gerät sein Welt- und Selbstbild ins Schwanken. Er verlässt den eingeschlagenen Weg und hält nun mit Hilfe seiner Selbstanklage den Menschen den moralischen Spiegel vor. Doch ist diese Veränderung nicht durch Läuterung gekennzeichnet, sondern von dem Versuch, sich selbst zu ent- und den Gesprächspartner zu belasten, sodass dieser gezwungen wird, seine eigene Lebensbeichte abzulegen. Camus schafft es, auf knapp 120 Seiten eine große Menge von Themen anzusprechen. Liebe, Glaube und Gemeinschaft bilden hier die Pfeiler der Argumentation, welche den Leser nachdenklich und betroffen zurücklässt. Dass der Autor hierfür den Nobelpreis erhielt, ist mehr als nachvollziehbar. Ein Muss für jeden, der sich für die Triebfedern menschlichen Handelns und des "Pudels Kern" der Gesellschaft interessiert.
  9. Cover des Buches American Psycho (ISBN: 9783942656412)
    Bret Easton Ellis

    American Psycho

     (402)
    Aktuelle Rezension von: Buecherbaronin

    Es ist Jahre her, dass ich „American Psycho“ gelesen habe. Trotzdem ist mir der Roman noch ziemlich gut in Erinnerung geblieben – vielleicht mehr, als mir lieb ist. Normalerweise breche ich Bücher nicht ab, aber hier war ich mehrmals kurz davor gewesen.

    Und nach dem Lesen habe ich zumindest verstanden, warum das Buch auf dem Index landete. Normalerweise finde ich diese Form der Bevormundung blöd. Aber wenn’s denn sein muss – packt eine FSK-Zahl drauf und fertig. Warum das in Sonderfällen nicht auch bei Büchern machen? Aber ich schweife ab.

    Während des Lesens hatte ich extrem widersprüchliche Gefühle. Es gibt ellenlange Beschreibungen völlig nichtiger Dinge, zum Beispiel das Aussehen von Visitenkarten – ob deren Farbe Elfenbein oder Eierschale ist, welche Schriftart verwendet wurde und so weiter. Es wird debattiert, in welches angesagte Restaurant man essen gehen soll, Bateman spricht viel über seine Lieblingsmusik und bestimmte LPs. Man verfolgt seitenweise seine Körperpflege und die Wahl seiner Kleidung. Kapitalismus ist ein durchgängig wichtiges Thema des Romans.

    Die scheinbar beliebigen Belanglosigkeiten plätschern so vor sich hin – und wechseln sich dann mit Batemans sadistischen Neigungen, seinen Sexorgien und seinen immer brutaler ausfallenden bestialischen Morden ab. Ich glaube, als das Buch damals erschien, war es ziemlich schockierend zu lesen, aber ebenso glaube ich, dass es auch heute noch schockiert. Denn in jeder Zeile schwingt eine grauenhafte Gleichgültigkeit mit, die Bateman als Erzähler suggeriert.

    „American Psycho“ kennt kaum Tabus, um seinen Protagonisten in all seinen Facetten darzustellen. Seine Sexualität, seine egomanischen Züge, seine Langeweile vom Leben, seine Gewaltbereitschaft, sein Drang zu töten – schonungslos stürzt Ellis seine Leser von seitenlanger Monotonie in Gewaltexplosionen und umgekehrt.

    Dabei ist der Roman nicht im klassischen Sinne spannend. Hier und da musste ich mich regelrecht durchquälen, weil einfach nichts passiert ist – nur um einige Seiten später eine neue brutale Aktion zu lesen. Insofern hat „American Psycho“ viele unterschiedliche Empfindungen in mir ausgelöst, von gelangweilt über schockiert und angeekelt bis hin zu beeindruckt.

  10. Cover des Buches Fabian (ISBN: 9783038820086)
    Erich Kästner

    Fabian

     (314)
    Aktuelle Rezension von: Stephanus

    Der junge Fabian, arbeitsloser Student im Berlin Mitte der 1920er Jahre streift ziellos durch die Metropole. Dabei kommt er nicht nur durch das Nachtleben, den Luxus, die Bordelle und die Sonnenseite, sowie auch die Schattenseiten und das Elend. Dabei lernt er die Liebe kennen, die Menschen und deren falsches Gesicht, aber auch das persönliche Scheitern.

     

    Der Autor erzählt die bewegenden Zeiten in Berlin in den 1920er Jahren mit allen Schattenseiten und Glanzpunkten. Die Großstadt und das moderne Leben werden großartig erzählt und ironisiert. Dadurch gelingt ein, aus heutiger Sicht historischer Blick, auf die Zwischenkriegszeit und das Leben vor dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft, der immer noch aktuell und lesenswert ist.

  11. Cover des Buches Ende gut (ISBN: 9783499238581)
    Sibylle Berg

    Ende gut

     (81)
    Aktuelle Rezension von: BrittaRoeder

    Ende gut, verspricht uns Sibylle Berg mit ihrer Dystopie. Aber man mag ihr eigentlich nicht glauben. Denn nichts, aber auch rein gar nichts, ist gut in dieser Welt, die sie ihrer Leserschaft mit jeder einzelnen Zeile entgegen schleudert.
     Man muss schon Masochist sein, um dieses Buch bis zum Ende durchzuhalten. Nicht etwa, weil dieser Roman schlecht wäre. Im Gegenteil. Er ist verdammt gut. Er ist so verdammt gut, weil er so verdammt gnadenlos ehrlich ist. Jeder von Bergs Sätzen gleicht einem Messerstich, der tief unter die Haut geht. Alles geht den Bach runter. Niemand kommt gut weg. Das ist eines von den Büchern, von denen man sich nach der Lektüre erst einmal erholen muss. Und nach Finnland will man reisen, um nachzuschauen, ob dort wirklich das Paradies liegt. Ob die Finnen wirklich so weise sind, weil sie sich einfach selbst nicht so ernst nehmen. Vielleicht sollten wir das alle mal tun, uns einfach nicht so ernst nehmen. Die Welt könnte ein besserer Ort sein. Dann wäre vielleicht wirklich das Ende gut. Danke, Frau Berg.


  12. Cover des Buches Die Pest (ISBN: 9783499006166)
    Albert Camus

    Die Pest

     (481)
    Aktuelle Rezension von: HubertM

    Zur Zeit wieder Aktuell!

  13. Cover des Buches Das Café der Existenzialisten (ISBN: 9783406724794)
    Sarah Bakewell

    Das Café der Existenzialisten

     (29)
    Aktuelle Rezension von: YukBook
    Wenn ich Existentialismus höre, denke ich an Sartre, Camus und vor allem an meinen früheren Französischlehrer, der ihre Werke mit Inbrunst mit uns durchexerzierte. Für ihre Ideen war ich aber auch sehr zu begeistern: Authentisch leben und Verantwortung für die eigene Existenz übernehmen – das hörte sich toll an, damit konnte ich mich identifizieren. Der britischen Schriftstellerin Sarah Bakewell ging es wohl ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass sie sich entschied, Philosophie zu studieren. In ihrem aktuellen Buch erweckt sie die bedeutsame philosophische Strömung des 20. Jahrhunderts zum Leben und lotet ihr Potenzial für die heutige Zeit aus.

    Das Buch beginnt mit einer Szene im Café Bec de Gaz in der Pariser Rue Montparnasse, wo der 27-jährige Sartre einen Aprikosencocktail trinkt, erstmals von der Phänomenologie hört und 1933 nach Berlin reist, um sich mit Heideggers Leben und Werk zu beschäftigen. Bakewell holt weit aus, um die Ursprünge, Entwicklung und Nachwirkungen der existenzialistischen Bewegung begreiflich zu machen. Maßgebliche Denker wie Edmund Husserl, Karl Jaspers, Albert Camus oder Maurice Merleau-Ponty sind nach der Lektüre keine abstrakten Figuren mehr, sondern greifbare Menschen, die sich anfreundeten, gemeinsame Skiausflüge unternahmen, sich prügelten und zerstritten. Die Autorin hat viele Anekdoten auf Lager und erzählt so authentisch und leidenschaftlich, dass man sich lebhaft vorstellen kann, wie sich Philosophen, Dichter, Journalisten und Maler in Pariser Cafés trafen, Pfeife rauchten und ihre Debatten führten. Die Hauptfiguren in dem Ensemble sind Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir.

    Es ist faszinierend, wie Bücher das Leben radikal verändern konnten. Es gab Frauen, die ihre Ehemänner oder ihre langweiligen Jobs verließen, nachdem sie Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ gelesen hatten. Der Existenzialismus stellte nicht nur die Weichen für den Feminismus, sondern auch für die Rechte der Homosexuellen, das Niederreißen von Klassenbarrieren und den Anti-Rassismus.

    Sartre und Beauvoir verpackten ihre Überzeugungen in Romane und Theaterstücke, lösten die Grenzen zwischen Philosophie, Literatur und Leben auf und machten sie so den Menschen zugänglich. Ähnliches gelingt auch Bakewell mit ihrem kenntnisreichen Gedankenpanorama, das zeigt, wie unterhaltend und lebensnah Philosophieunterricht sein kann.
  14. Cover des Buches Simone de Beauvoir (ISBN: 9783492070331)
    Kate Kirkpatrick

    Simone de Beauvoir

     (12)
    Aktuelle Rezension von: sleepwalker1303

    Ich gebe zu, Simone de Beauvoir kannte ich vor der Lektüre des Buchs nur deshalb, weil sie eine Beziehung zu Jean-Paul Sartre hatte, dessen Buch „Geschlossene Gesellschaft“ ich wiederum in der Oberstufe gelesen habe. Aber natürlich war Simone de Beauvoir viel mehr als „Freundin von“. Sie war selbst eine äußerst bemerkenswerte und interessante, eigenständige Persönlichkeit. 

    Kate Kirkpatrick hat in ihrer Biografie Simons de Beauvoirs Leben und Werk in einer ansprechenden Art beschrieben. Lesbar, verständlich und tatsächlich auch durchaus unterhaltsam, gespickt mit Fußnoten und unzähligen Querverweisen – eine gelungene Mischung aus Sachbuch und Roman.

    „Beauvoirs Memoiren zufolge sagte Sartre Beauvoir im Herbst 1929, sie sei ein Doppelwesen.“ – das  Gefühl hatte ich beim Lesen der Biografie immer wieder. Schon in ihrer Kindheit war Beauvoir hin- und hergerissen zwischen ihrem Wissensdurst und ihrer Rolle als katholische Tochter, „Bildung und Erfolg hätten ihr nicht nur Achtung eingebracht: Sie waren auch mit Gefühlen tiefer Einsamkeit und Orientierungslosigkeit verbunden.“ Das setzte sich später fort, als sie nach abgeschlossenen Studien versuchte, sich in der Welt und vor allem auch in der Welt der Philosophie einen Namen zu machen und sich zu emanzipieren. Ihr Bestreben war es, einen eigenen Weg zu finden und zu gehen, sich von keinem sagen zu lassen, was und wer sie sein sollte. „So sah sich Simone mit widersprechenden Erwartungen konfrontiert: Um als Frau erfolgreich zu sein, musste sie kultiviert und gebildet sein; aber nicht zu kultiviert, nicht zu gebildet“, sie wollte raus aus der Frauenrolle und sich ihrem Vater beweisen, der Schopenhauers Einstellung teilte, der Frauen als „das zweite Geschlecht“ bezeichnete und vermutete, dass „Frauen Talent haben könnten, aber niemals Genie“. Und auch in ihrer Beziehung zu Sartre war sie immer zwiegespalten.

    Kate Kirkpatrick hat mit ihrem Buch ein ganz herausragendes Werk über eine herausragende Persönlichkeit geschaffen, eine Persönlichkeit, die (viel zu) lange nur als „Freundin von“ bekannt war. Manchmal ist das Buch etwas trocken und zu sachlich, die wahre Persönlichkeit Beauvoirs kann man dann eher erahnen als herauslesen. Aber alles in allem fand ich das Buch gut zu lesen, unterhaltsam und vor allem aufschlussreich. Ich habe definitiv viel daraus mitnehmen können. Über die Philosophie im Allgemeinen, Sartre und Beauvoir im Besonderen und fast noch mehr über Zeitgeist und Emanzipation. Simone de Beauvoir war so viel mehr als „Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht“, denn man wird auch nicht als feministische Ikone geboren, sondern erarbeitet sich diese Bezeichnung hart und ausdauernd. Nicht nur einmal habe ich beim Lesen darüber nachgedacht, was sie wohl zur momentanen Genderdebatte wohl zu sagen gehabt hätte und zu der Aussage, dass Geschlechter nur ein gesellschaftliches Konstrukt sind. In der Diskussion hätten wir einen Geist wie ihren gut gebrauchen können. 

    Abgesehen von ihrer philosophischen Leistung geht die Autorin (selbstverständlich) auch auf die Beziehung Beauvoirs zu Jean-Paul Sartre ein. Sie erklärte wohl einmal einer ihrer Schülerinnen ihr Verhältnis folgendermaßen: „dass sie sich liebten, sich aber ihre Freiheit bewahren wollten, weshalb sie nicht heirateten und andere Geliebte hatten.“ Bis zuletzt lehnte sie das Konstrukt der Ehe ab, neben der Beziehung zu Sartre unterhielt sie weitere Beziehungen, darunter auch welche zu Frauen. Allerdings befürwortete sie (für mich unverständlich) die Entkriminalisierung der Pädophilie. Trotzdem schafft es die Autorin mit nüchterner und sachlicher Sprache (übrigens dankenswerterweise gendergerecht), mir Beauvoir sehr nahe zu bringen. Als Intellektuelle, als (zeit)kritische Philosophin, aber auch als Ikone des Feminismus ihrer Zeit. Eine absolute Lese-Empfehlung und von mir 5 Sterne. 

     

     

  15. Cover des Buches Geschlossene Gesellschaft (ISBN: 9783499157691)
    Jean-Paul Sartre

    Geschlossene Gesellschaft

     (289)
    Aktuelle Rezension von: nana_what_else



    … die Hölle, das sind die anderen.

    Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seite 59


    Das sagt der Verlag: Geschlossene Gesellschaft: Drei Personen, die im Leben einander nie begegnet sind, werden nach ihrem Tod für alle Ewigkeit in einem Hotelzimmer zusammen sein. Das ist die Hölle.


    Aufmachen! Aufmachen! Ich nehme alles hin: Beinschrauben, Zangen, flüssiges Blei, Halseisen, alles, was brennt, alles, was quält, ich will richtig leiden. Lieber hundert Stiche, lieber Peitsche, Vitriol als dieses abstrakte Leiden, dieses Schattenleiden, das einen streift, das einen streichelt und das niemals richtig weh tut.

    Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seiten 54-55


    Persönlicher Leseeindruck: L’enfer, c’est les autres. Die Hölle, das sind die anderen. Auch, wenn ich mir als Agnostikerin mit Tendenz zu Wurschtigkeit/Frust gegenüber religiösen Themen nicht viele Gedanken darüber mache, was auf uns zukommt, wenn wir erstmal über die Regenbogenbrücke gegangen sind, den Löffel abgegeben, das Zeitliche gesegnet, ins Gras gebissen und schlussendlich die Radieschen von unten betrachtet haben, hat den nie-müden Ungustl in mir dieses Zitat immer auf verdrehte Weise angesprochen. Als Österreicher/in bekommt man das misanthrope Grantler-Gen ja praktisch frei Haus mitgeliefert und deshalb schien’s – nachdem mir diese eine Zeile immer wieder in der Zeitung, in Podcasts, Träumen und dem Kaffeesatz unterkam und ich mich irgendwann beim Sehen der Nachrichten dabei erwischt habe, wie ich sie passiv-aggressiv wie ein Mantra vor mich hinmurmelte – quasi meine heilige Pflicht zu sein, den Text, aus dem diese weisen Worte stammen, mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

    Scherz beiseite. Ich wollte mich schon seit Ewigkeiten etwas genauer mit Sartre befassen und wann ließe sich ein Text mit dem Titel „Geschlossene Gesellschaft“ wohl besser lesen als während einer globalen Quarantäne?


    Wir nämlich machen die Augenlider auf und zu. Zwinkern nannte man das. Ein kleiner schwarzer Blitz, Vorhang zu, Vorhang auf: Das war die Unterbrechung. Das Auge wird feucht, die Welt verschwindet. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie erholsam das war. Viertausend Pausen in einer Stunde. Viertausend kleine Fluchten.

    Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seiten 13-14




    Das Stück kommt erwartungsgemäß mit sehr überschaubarem Personal aus: Inés, Estelle und Garcin sind die verblichenen ProtagonistInnen, die nach und nach von einem höflich-distanzierten Kellner in das Hotelzimmer geführt werden, welches die wiederum recht kleine, aber außergewöhnliche Bühne für die gesamte Handlung darstellt.


    Kurz, es fehlt hier jemand: der Folterknecht.

    Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seite 28


    Ein fensterloser Raum, drei verschiedenfarbige Sofas – hellblau, spinatgrün und bordeauxrot, eine Büste, keine Spiegel, eine verschlossene Tür samt Klingel, die nicht funktioniert. Das Zimmer enthält praktisch nichts, was Zerstreuung bieten könnte. Wie trostlos und qualvoll eine Ewigkeit in solch kargem Umfeld ist, geht den drei Verdammten jedoch nicht gleich auf: Denn zunächst warten sie noch getrieben und verzweifelt auf das Erscheinen eines Folterknechts. Den jedoch scheint es nicht zu geben; Inès, Estelle und Garcin sind einander fortan die einzige Gesellschaft und langsam kommt die höllische Ménage-à-trois zu der Erkenntnis:

    Die Hölle, das sind die anderen. Nicht, wegen der Gräueltaten, die sie begehen oder weil das ewige Aufeinanderhocken, von dem es kein Entrinnen gibt, irgendwann unerträglich wird. Sondern deshalb, weil wir uns nur erkennen, wenn andere Augen uns sehen. Das Bild, das andere von uns haben, ist der Rahmen, in dem wir unser Leben leben und erleiden, ein Gefängnis zu Lebzeiten und danach.


    Man stirbt immer zu früh – oder zu spät. Und nun liegt das Leben da, abgeschlossen; der Strich ist gezogen, fehlt nur noch die Summe. Du bist nichts andres als dein Leben.

    Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seite 57



    Ist man, wenn man von anderen nicht wahrgenommen wird? Kann man etwas anderes sein, als das, was die anderen in einem sehen?

    Besonders schön finde ich, dass in der Rowohlt Ausgabe das gesprochene Vorwort zur Schallplattenaufnahme abgedruckt ist, in der Sartre mit Missinterpretationen aufräumt: „Man glaubte, ich wolle damit sagen, dass unsere Beziehungen zu andren immer vergiftet sind, dass es immer teuflische Beziehungen sind. Es ist aber etwas ganz anderes, was ich sagen will. Ich will sagen, wenn die Beziehungen zu andern verquer, vertrackt sind, dann kann der andre nur die Hölle sein. Warum? Weil die andren im Grunde das Wichtigste in uns selbst sind für unsere eigene Kenntnis von uns selbst. Wenn wir über uns nachdenken, wenn wir versuchen, uns zu erkennen, benutzen wir im Grunde Kenntnisse, die die andern über uns schon haben. Wir beurteilen uns mit den Mitteln, die die andern haben, uns zu unserer Beurteilung gegeben haben. Was ich auch über mich sage, immer spielt das Urteil anderer hinein. Was ich auch in mir fühle, das Urteil andrer spielt hinein, Das bedeutet, wenn meine Beziehungen schlecht sind, begebe ich mich in die totale Abhängigkeit von andren. Und dann bin ich tatsächlich in der Hölle.“ (Seite 61)


    Wir sind in der Hölle, meine Kleine, es kommt nie ein Versehen vor,

    und die Leute werden niemals für nichts verdammt.

    Aus: Geschlossene Gesellschaft von Jean-Paul Sartre, Seite 27


    Fazit: Wir sehen in uns, was andere uns sehen lassen. Jean-Paul Sartres Stück ist ein kurzweiliges und intensives Lesevergnügen mit viel Tiefgang und einer Botschaft, die nie aktueller war als heute.


    Geschlossene Gesellschaft von Jean Paul Sartre. Stück in einem Akt.

    Originaltitel: Huis clos | Übersetzung: Traugott König | Taschenbuch, 75 Seiten

    Rowohlt Taschenbuch | ISBN: 978-3-499-15769-1

  16. Cover des Buches Das Sein und das Nichts (ISBN: 9783499133169)
    Jean-Paul Sartre

    Das Sein und das Nichts

     (35)
    Aktuelle Rezension von: nickido
    Man muss es einfach verschlungen haben!!! Mehr kann man dazu nicht sagen! Wer Existenzphilosophie mag der wird vor Sartre niederknien.
  17. Cover des Buches Die Arbeit der Nacht (ISBN: 9783423136945)
    Thomas Glavinic

    Die Arbeit der Nacht

     (182)
    Aktuelle Rezension von: Novella_Romana

    Nihilistischer geht es wohl kaum. Also genau mein Ding ;) Einsam, drückend, düster, existenzialistisch, gruselig und tiefschürfend ohne langatmig zu werden. No more words to say.

  18. Cover des Buches Das Buch der Illusionen (ISBN: 9783499257896)
    Paul Auster

    Das Buch der Illusionen

     (138)
    Aktuelle Rezension von: Joachim_Tiele
    Austers Geschichte eines Schauspielers aus der Stummfilmzeit hat alle Ingredienzien einer Great American Novel, die Quest (als Reise zwischen geographischen Orten ebenso wie ins Innere der Protagonisten), die Hingabe an die Arbeit und das darin Aufgehen, mit etwas Erster sein als der amerikanische Archetypus, die Geschichte vom Mann, der plötzlich verschwindet und nie (oder nur unter ganz ungewöhnlichen oder unwahrscheinlichen Umständen) wieder auftaucht, der Pakt mit dem Teufel (im durchaus faustischen Sinne), der zum Topos der modernen amerikanischen Mythen geworden ist. Hinzu kommen einige der ewigen Menschheitsfragen wie Einsamkeit, Trauer, Verlust, Liebe, Identität, moralische Skrupel zu haben oder Außenseiter zu sein. Nicht zu vergessen, wie in vielen von Austers Romanen fast üblich, eine Kriminalgeschichte, die ausführliche Beschreibung einer sexuellen Aberration, unterschiedliche, beinahe episodische Erzählformen und die Ausdeutung des Beschriebenen durch einen professoralen (nur scheinbar) allwissenden Erzähler mit erheblichen Selbstzweifeln an der eigenen Wahrnehmung und Urteilsfähigkeit. Und am Ende hat man das Gefühl, einen Roman gelesen zu haben, der doppelt so viele Seiten zu haben scheint, als er tatsächlich aufweist. Das als Warnung vorweg, denn all dieses kommt in dem Roman vor oder kann in und an ihm entdeckt werden, teilweise offen und ins Auge springend, aber ebenso häufig versteckt zwischen den Zeilen oder quasi als Palimpsest, wie Farbschichten in den wie in einem Gemälde aufeinandergeschichteten Erzählebenen.

    Aber Auster wäre nicht Auster, wenn man das Buch nicht auch straight (man könnte es auch oberflächlich nennen) lesen könnte. Ein Collegeprofessor für Literatur hat einen schweren Verlust erlitten (seine Ehefrau und zwei Söhne sind bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen), er verfällt zusehends, dem Alkohol, aber auch einer allgemeinen Apathie und Vereinsamung, da die Lebensversicherungen seiner Angehörigen und die Entschädigungszahlung der Fluggesellschaft ihn zu einem reichen Mann gemacht haben, der seine Berufstätigkeit unbegrenzt lange aussetzen kann. Eines Abends sieht er durch Zufall im Fernsehen eine Dokumentation über Stummfilme und bei einem der Akteure kann er das erste Mal seit Monaten wieder lachen. Er beginnt zu diesem Schauspieler und seinen Filmen zu recherchieren, macht eine Reise quer durch Amerika und Europa, um in Archiven erhalten gebliebene Kopien der Filme anzusehen, und beschreibt diese in einem Buch, das unter Filmwissenschaftlern und –enthusiasten ein bescheidener aber doch wahrgenommener Erfolg wird. Biographische Recherchen zu diesem Schauspieler mit dem Namen Hector Mann macht er zunächst nicht, aber er weiß, dass er im Jahr 1929, kurz nach dem Erscheinen seines letzten Films, verschwunden ist. Seitdem fehlt von ihm jede Spur. Eines Tages, die Arbeit an dem Buch über Hector Mann ist längst abgeschlossen und als biographische Episode seiner selbst abgehakt, erhält der Professor, übrigens derselbe David Zimmer, den manche aus Mond über Manhattan erinnern könnten, einen Brief von einer ihm unbekannten Absenderin, durch den er eingeladen wird, Hector Mann auf seinem Anwesen in New Mexico zu besuchen und kennenzulernen. Dies erweist sich, wie bei Auster kaum anders zu erwarten, als verwickelt. Ein Unfall kommt dazwischen, ein Überfall, eine Liebe, jede Menge Zweifel an der Authentizität des Briefes, nahezu kriminalistische Recherchen, die Zimmer in die Irre und zurück führen. Aber schließlich erreicht er, begleitet von Manns Ziehtocher Alma, das Areal in New Mexico, lernt Frieda Spelling kennen, die sich im ursprünglichen Einladungsschreiben als Mrs. Hector Mann bezeichnet hatte, und Hector selbst, der todkrank bettlägerig ist, mit dem er aber noch am Abend der Ankunft einige Minuten lang sprechen kann. Die beiden scheinen sofort Zutrauen zueinander zu fassen und freuen sich auf weitere Gespräche in den nächsten Tagen. Doch Mann stirbt in dieser Nacht. In der Folge überstürzen sich die Ereignisse und trotz großen Handlungsreichtums wird der restliche Roman zu einer Elegie über die Vergeblichkeit allen menschlichen Tuns und Strebens, traurig, ausweglos, endgültig.

    Wie geht Auster seinen Roman an? Er fällt tatsächlich mit der Tür ins Haus: Jahre nach dem Erscheinen seines Buches über die Filme Hector Manns erhält Zimmer, der sich inzwischen gefangen hat und an einem ganz anderen Projekt arbeitet, Friedas besagten Brief mit der Aussage, dass Hector lebt, und der Einladung, ihn zu besuchen. Zweifel sind Zimmers erste Empfindungen dazu, aber allein die Tatsache, dass er an sein innerlich fast vergessenes Buch wieder erinnert wird, bringt ihm auch die Erinnerung an die Zeit zurück, in der er es geschrieben hat. Die Zeit kurz vor und die nach dem Tod seiner Familie, wie er auf Hector Mann ursprünglich aufmerksam geworden ist, die Idee, dessen Filme aufzuspüren, die Notwendigkeit, wegen seiner eigenen Flugangst ein Beruhigungsmittel zu brauchen und dafür einen Psychiater aufsuchen zu müssen. Es folgt eine Beschreibung der fiktiven Filme des fiktiven Hector Mann, aller zwölf, die er gedreht hatte, ihr Inhalt, ihre kinematographische Komposition, Details der Szenen und der Bewegungen wie des Gesichtsausdrucks des Hauptdarstellers. Auster wird knapp dreißig Seiten lang zum Filmerzähler, eine längst ausgestorbene Gattung von Künstlern, die ursprünglich tatsächlich live in Filmtheatern Dialoge und Handlungszusammenhänge der gezeigten Stummfilme vorgetragen haben. (Später gab es Filmerzähler auch in Gegenden, in denen sich nicht viele Menschen die Preise für Kinotickets leisten konnten, und vereinzelt gab es die eigenständige Varieteeform, dass Filme nicht gezeigt, sondern nur erzählt und gelegentlich auch interpretiert wurden.) Diese Filmerzählung ist die erste einer Reihe von Episoden, in die der Roman aufgeteilt ist, teils von Zimmer erzählt, teils von Alma berichtet (während eines Fluges, bei dem Zimmer die Beruhigungstabletten doch nicht braucht und einer längeren Autofahrt), teils als nüchterne Rechercheergebnisse präsentiert. Einige dieser Episoden scheinen vom Eigentlichen abzulenken, aber am Ende passen alle Erzählstränge zusammen, der Roman steuert auf einen Höhepunkt zu, der ihn – wie ein Kinofilm – mit einem tragischen Showdown enden lässt.

    Wer das Buch nur als Spannungsroman liest (beim ersten Lesen lässt sich das vielleicht gar nicht vermeiden, denn polizeiliche Ermittlungen nehmen einen nicht kleinen Teil ein und auch ein Privatdetektiv kommt vor), wird nach der Lektüre vielleicht Längen erinnern, sich fragen, ob die beiden Lebensgeschichten, die Zimmers und die Manns, so ausführlich und so detailliert hätten dargestellt werden müssen. Tatsächlich würde niemand Das Buch der Illusionen für einen Krimi halten, auch andere von Austers Romanen nicht, in denen Morde, kriminalistische Ermittlungen und gelegentlich auch Geheimdienstintrigen vorkommen. Hier liefert der wörtlich aus dem Englischen übersetzte Titel einen ersten Hinweis auf die Tiefenstruktur des Romans. Es geht in dem Buch tatsächlich um Illusionen, aber nicht um die redensartlichen, die man sich nicht machen soll. Es geht um die Vorstellungen, die man sich von seinem Leben macht, um konkrete Lebenspläne und das, woran sie scheitern können, die sozialen und persönlichen Lebensverhältnisse, aus denen heraus sie gemacht werden, um Zufälle, schlichte unausweichliche Tragik und falsche Vorstellungen, auch von Dingen, zu denen man sich gar keine richtigen hätte machen können. Damit wird Das Buch der Illusionen zu einem existenziellen Roman, und als solcher geht er in die Tiefe, dies teilweise getarnt durch seine scheinbaren Abschweifungen. Bei genauer Betrachtung gehen die Bezüge der einzelnen Handlungs- und Inhaltsebenen bis ins Unendliche – dies sowohl in ihrem sprichwörtlich nicht endenden Reichtum, aber auch im Sinne eines infiniten Regresses. Dies ist der Punkt, an dem der Versuch des logischen Durchdringens eines komplexen Sachverhalts zum Wahnsinn führen kann, und von den befreienden Energien zeitweiligen Wahnsinns ist an einer Stelle des Buches auch die Rede (S. 143). Das Existenzielle ist hier grausam tödlich gemeint – Wir alle sterben in Pisse und Blut ist ein weiteres Zitat (S. 284). Aber es geht auch subtiler, um die eher weichen Faktoren der menschlichen Existenz, deren Nichtbeachtung dennoch existenzielle Konsequenzen haben kann, etwa das Identitätsstiftende der Liebe und die Fatalität des Misslingens einer Liebesbeziehung, die darauf aufgebaut ist. Der einzige Selbstschutz vor falschen oder in die Irre führenden Illusionen, zu dem menschliche Individuen in der Lage sind, scheint die die Fähigkeit zu sein, zu verstehen, sich von einer Sache abzuwenden (S. 272).

    In manchen Romanen ist es die Ironie, die eine Distanz des Autors zu seinem Gegenstand schafft. Hier ist es das Künstlerische, in einigen Aspekten fast Künstliche der Darstellung, die auch vor Zufällen nicht zurückschreckt, von denen man – würden sie einem im eigenen Alltag begegnen – sagen würde, wenn ein Autor die sich ausgedacht hätte, würde man sie ihm nicht glauben. Auster scheint seinen Lesern zuzumuten, ihm diese unglaubwürdigen Zufälle doch zu glauben, ihm sozusagen auf den Leim zu gehen. Aber tut er das wirklich? In diesem Buch mischt sich an europäischer Literatur geschulte literarische Raffinesse mit dem nüchternen, reportageartigen Stil der amerikanischen Literatur. Dabei geht es nicht um den oberflächlichen Reiz des Kontrastes, sondern eher um das Anreichern der amerikanischen Literatur mit Elementen der europäischen. Die Themen des Romans sind universell – hinter den bereits genannten lauert noch als Oberthema die beschädigte Existenz des modernen Menschen, an der Identitätsfindung ebenso festgemacht wie an moralischen Orientierungsproblemen oder der Selbstsabotage. Diese Themen mittels Kunst zu bearbeiten, nicht mittels Psychologie, theologischer Seelsorge oder der Juristerei, ist das erklärte Ziel dieses Romans. Und somit werden künstlerische Techniken angewandt, um dieses Ziel zu erreichen. Dies sollte man wissen, und die Kunst, die in der Anwendung künstlerischer Mittel in der Kunst liegt, nicht verachten (der Roman enthält dazu eine Passage, in der es um die Kunst des Kulissenbaus und der Beleuchtung im Film geht, die gute Arbeit, die zu einem guten Film gehört). Und, was auf den ersten Blick verwirren mag, aber man kann sich schnell daran gewöhnen – der Roman ist selbstreferenziell, macht sich sozusagen zu seinem eigenen Gegenstand. Dies ist die höchste Schwierigkeitsstufe der zeitgenössischen Literatur, und Auster will sie erreichen. Dies tut er aber weder um ihrer noch um seiner selbst willen. Er macht dies, um seinen Lesern nicht Orientierung zu geben, sondern die Mittel in die Hand, diese selbst zu finden. So entsteht die paradox anmutende Situation, gleichzeitig ein road movie für sein Kopfkino angeboten zu bekommen und ein geistiges Klettergerüst mit den höchsten intellektuellen Schwierigkeitsgraden. Es ist der Leser, der entscheidet, wie er den Roman liest und was er aus ihm zieht.

    Joachim Tiele – 28.12.2016
  19. Cover des Buches Warten auf Godot (ISBN: 9783518365014)
    Samuel Beckett

    Warten auf Godot

     (104)
    Aktuelle Rezension von: Elbenwind

    Es geht um zwei Landstreicher, die auf Godot warten, aber gar nicht wissen, warum sie überhaupt mit ihm verabredet waren.

    ESTRAGON: Ich bin müde. (Pause.) Komm, wir gehen.
    WLADIMIR: Wir können nicht.
    ESTRAGON: Warum nicht?
    WLADIMIR: Wir warten auf Godot.
    ESTRAGON: Ach ja. (Pause.)
    (S.169)

    KOMMENTAR

    „Warten auf  Godot“ ist das Paradebeispiel für das absurde Theater.  Man darf sich also kein traditionell aufgebautes Drama mit einem Höhepunkt und logischem Schluss erwarten. Die Figuren handeln teilweise irrational, reden aneinander vorbei und es kommt immer wieder zu grotesken Situationen.  Trotzdem wirkt das Drama nicht unstrukturiert oder gar „sinnlos“. Es gibt ein Ziel („zu warten bis Godot auftaucht“), interessante Unterhaltungen und amüsante Momente! Das Ende ist streng genommen gar kein Ende und trotzdem hat sich der Kreis in der Geschichte geschlossen. Es gibt unzählige Deutungsmöglichkeiten, Beckett selbst hat sich folgend dazu geäußert: „Wenn ich es wüßte, würde ich es sagen“ (Siehe Vorwort, S.12).
    Ich empfehle das Vorwort von Joachim Kaiser (Redakteur, Süddeutsche Zeitung) erst nach dem Drama zu lesen, da es sich um eine kurze Analyse des Stücks und nicht um eine Einleitung handelt.  Er thematisiert darin die Entstehung des Stücks und seine Bedeutung, er zeigt kurz Interpretationsversuche auf und vergleicht  mit ein paar Beispielen die Übersetzungen. 
    Die mehrsprachige Ausgabe habe ich mir nicht absichtlich gekauft, sondern es war die einzige Ausgabe, die die Bücherei lagernd hatte. Im Nachhinein bin ich sehr froh darüber! Auf der linken Seite steht in einer Spalte der Originaltext auf Französisch und gleich daneben die englische Fassung und auf der rechten Seite befindet sich die deutsche Übersetzung. Dadurch kann man mit einem Blick die Übersetzungen vergleichen und analysieren.

    DIE REDEWENDUNG

    Die internationale Redewendung „Warten auf Godot“ / „auf Godot warten“ ist auf Becketts Drama zurückzuführen! Man bezeichnet damit das vergebliche, sinnlose und lange Warten auf etwas/ jemanden, das/der vermutlich nicht eintreffen wird.

    FAZIT

    4 von 5 Sternen

    Ich empfehle „Warten auf Godot“ allen, die etwas Ausgefalleneres lesen möchten und nicht zu viel Wert auf einen „traditionellen Plot“ legen. Für mich war es aber gerade deshalb so unterhaltsam!

    Wer sich nicht so gerne mit Klassikern der Weltliteratur und der Gattung „Dramatik“ abgibt, sollte lieber die Finger davon lassen.



  20. Cover des Buches Das Orangenmädchen (ISBN: 9783423086271)
    Jostein Gaarder

    Das Orangenmädchen

     (554)
    Aktuelle Rezension von: Petra54

    Ich kaufte das Buch, weil ich Geschichten aus Skandinavien mag und bereits „Die Frau mit dem roten Tuch“ vom gleichen Autor besitze. Außerdem gefiel mir das Titelbild (andere Ausgabe), das zum Titel passt. Allerdings passt der Titel auch zur Geschichte, die wohl für 13-jährige Mädchen besser geeignet ist als für gestandene Erwachsene.


    Klappentext-Auszug: Georgs Vater starb, als Georg vier war. Elf Jahre später ist da ein Brief, den der Vater an den „großen Sohn“ geschrieben hat.

     

    Mir war der Text mit seinen unzähligen Wiederholungen und Zweifel am Sinn des Lebens schnell langweilig. Trotzdem las ich bis zum Schluss und werde das Buch in mein Bücherregal stellen, obwohl es nur knapp drei Sterne verdient.

  21. Cover des Buches La peste (ISBN: 2070360423)
    Albert Camus

    La peste

     (29)
    Aktuelle Rezension von: chemy
    Das Zeitalter von Seuchen und Unglück.. die Aussichtlosigkeit der Menscheit im Kontrast zu Heldentum und Irrsinn
  22. Cover des Buches Huis clos (ISBN: 9783125984042)
    Jean P Sartre

    Huis clos

     (61)
    Aktuelle Rezension von: thiefladyXmysteriousKatha
    Huis Clos (Geschlossene Gesellschaft) Ein Theaterstück mit Verständnisfragen und biografischen Angaben zum Autor. "L`enfer, c'est les autres." Garcin, Estelle und Inès treffen sich im Jenseits um festzustellen, dass sie verdammt sind, sich bis in die Ewigkeit zu streiten. Inhalt In Huis clos geht es umzwei Frauen, Estelle und die Postangestellte Inès, sowie der Journalist Garcin welche nach ihrem Tod in einem geschlossenen Raum, der Hölle, verweilen müssen. Garcin hat seine Frau misshandelt, die lesbische Inès hat die junge Florence verführt und so ihrem Ehemann, Inès' Cousin, entfremdet. Dieser wird daraufhin von einer Straßenbahn überfahren.Die sinnlich verführerische Estelle hat ihr Kind ermordet und ihren Geliebten dazu getrieben, Selbstmord mithilfe einer Pistole zu begehen. Die sinnlich verführerische Estelle hat ihr Kind ermordet und ihren Geliebten dazu getrieben, Selbstmord mithilfe einer Pistole zu begehen. Alle drei werden sich bewusst, dass sie sich in der Hölle befinden, und machen sich auf das Schlimmste gefasst, aber die erwartete Folter und die körperlichen Qualen stellen sich nicht ein; nur eine leichte Hitze ist zu verspüren. Aber die Hölle, das sind die anderen... (wikipedia.de wurde miteinbezogen) Cover Furchtbar! Das hässliche Cover nimmt einem schon jegliche Lust zum lesen. Welcher Schüler soll da freiwillig lesen wollen? Ich hätte ein besseres Cover und ein passenderes gewählt. Meinung Ich muss zugeben, trotz guter Französischkenntnisse habe ich ohne die Hilfe von Internet das Buch nicht vollkommen verstanden. Satre schreibt hochphilosophisch und das auch noch auf Französisch...Unser ganzer Kurs hatte Probleme mit dem Buch und niemand fand es wirklich gut. ich leider auch nicht. Mir hat die ganze Situation nicht gefallen und die Protagonisten waren furchtbar. Ich kann leider nur 2 Sterne geben. Es ist leider auch sehr schwer solch ein Buch zu rezensieren.
  23. Cover des Buches Der Club der unverbesserlichen Optimisten (ISBN: 9783518468623)
    Jean-Michel Guenassia

    Der Club der unverbesserlichen Optimisten

     (35)
    Aktuelle Rezension von: Ksenia_Georgieva

    Das Buch ist extrem atmosphärisch und authentisch.

    Dem Autor ist gelungen alles in so einem Detail zu übertragen, dass ich sehr oft das Gefühl hatte wie eine Freiwillige Besucherin dazusitzen, die sehr müde durch Paris Spazieren würde und hat sich im "Balto" gesetzt um eine Tasse Kaffee zu trinken. Ich belausche die Gespräche, innerlich nehme in den Debatten teil und beobachte sehr nachdenklich die Schachspiele, trotz der Tatsache, dass ich selbst nicht spielen kann.

    So viele Ereignisse sind in nur 5 Jahren passiert: romantische, schöne, lustige, aber auch schlechte, traurige und sogar tragische. Man geht alles mit den Protagonisten durch und am Ende ist es extrem schwierig sich zu verabschieden. Fabelhaftes und wunderschönes Buch, das ich nie vergessen werde.

  24. Cover des Buches Willnot (ISBN: 9783954381029)
    James Sallis

    Willnot

     (7)
    Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer

    Da lese ich den ersten Staz und bin begeistert, den zweiten und schon sind dreißig Seiten um. Ich fühle mich den Figuren nah, kenne sie schon nach wenigen Momenten und fühl mich rundum wohl und am Ende denke ich: was war denn das für eine Story- und was wurde da denn verhandelt? James sallis satnd mit diese Roman einige Zeit auf der Krimibestenliste und als noch Hardboiled und Noir das Buch charakterisierten, war ich gespannt. Vielleicht habe ich auch in der Leichengrube etwas nicht mitbekommen. Das kleine Buch ist schnell verschlungen und ich habe für mich keine Lösung erfahren oder gefunden. Um was ging es ? Nur, um den Arzt Lamda? Ich werde mich nun mal auf anderen Rezensionen zu deise Buch tummeln, vielleicht erlebe ich ein Erkennen...

    Sprachlich sitzt jedes Wort, die Gedanken sind tief und ich empfand Glück beim Lesen. Trotzdem gebe ich einen Stern Abzug für das große Fragezeichen, als ich es weggelegt habe.

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