Bücher mit dem Tag "flüchtlinge"
321 Bücher
- Susanne Abel
Stay away from Gretchen
(632)Aktuelle Rezension von: 4nniDieses Buch ist eine wundervolle Geschichte mit vielen wichtigen und vor allem realen Details, die wahrscheinlich nicht jedem bekannt sind.
Die ersten 100 Seiten waren für mich allerdings wirklich schwer zu lesen. Jeden Abend habe ich mich gefragt, ob ich weiterlesen möchte, weil die Realität damals einfach so brutal war. Krieg, Flucht, Gewaltverbrechen. Nach dem ersten Drittel wurde die Geschichte etwas sanfter.Nicht weniger traurig und herzzerreißend, aber es gab auch schöne Momente. Und Gretas rotzige Art hat die Handlung das ein oder andere Mal angenehm aufgelockert.
Besonders gelungen fand ich die Zeitsprünge zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Gegenwart, den leider immer noch aktuellen Bezug zur Flüchtlingspolitik sowie die Perspektive des Sohnes Tom. Sein geerbtes Trauma und die Verantwortung für seine demenzkranke Mutter haben mich beeindruckt und gleichzeit auch sehr mitgenommen.
Auch wenn es sich um ein Roman handelt, steckt in diesem Buch unglaublich viel Geschichte, Recherche und vor allem Wahrheit.
Leider gibt es immer weniger Zeitzeugen, die ihre Erlebnisse mit uns teilen können. Auch meine Großeltern sind inzwischen verstorben, und meine Eltern sind mehr oder weniger meine einzigen verbliebenen Quellen, wenn es darum geht, diese Geschichten weiterzutragen.
Allein aus diesem Grund wird „Stay Away from Gretchen" für immer einen festen Platz in meinem Bücherregal haben. Und irgendwann, wenn sie alt genug sind, werde ich es auch meinen Kindern ans Herz legen.
Ein Meisterwerk eines Geschichtsromans. - Dörte Hansen
Altes Land
(766)Aktuelle Rezension von: rkuehneAltes Land war für mich eine der schönsten Leseüberraschungen der letzten Jahre. Ehrlich gesagt hatte ich den Roman lange links liegen lassen. Ich war überzeugt, das sei eher ein Buch für eine andere Zielgruppe. Auf Empfehlung meiner Mutter habe ich schließlich doch dazu gegriffen – und bin begeistert.
Die eigentliche Geschichte ist gar nicht spektakulär. Es geht um mehrere Frauen, deren Leben sich im Alten Land, vor den Toren Hamburgs, kreuzt. Das allein hätte wahrscheinlich noch keinen Lieblingsroman für mich ergeben. Was dieses Buch aber außergewöhnlich macht, ist Dörte Hansens Sprache. Sie schreibt poetisch, ohne je kitschig zu werden, klar, präzise und mit einer Leichtigkeit, die mich von der ersten Seite an gefesselt hat.
Es gibt Romane, bei denen man vor allem wissen möchte, wie die Handlung ausgeht. Altes Land gehört für mich zu den Büchern, bei denen man vor allem weiterlesen möchte, weil jeder Absatz so gut geschrieben ist. Dazu kommt ein wunderbar trockener, leiser Humor und ein großes Herz für die Figuren, ohne sie zu verklären.
Ich weiß, dass manche dem Roman vorwerfen, er bediene Klischees über das Landleben. Mich hat das überhaupt nicht gestört. Für mich standen die Menschen und die Sprache im Mittelpunkt – und beides ist Dörte Hansen beeindruckend gelungen.
Für mich ist Altes Land bislang das beste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Und eines, das große Lust darauf macht, auch ihre anderen Romane zu entdecken.
- Saša Stanišić
HERKUNFT
(294)Aktuelle Rezension von: ManonaBei Herkunft von Saša Stanišić, dem Autor mit Schmuck im Namen, hatte ich zunächst etwas anderes erwartet. Enttäuscht wurde ich aber nicht.
Das Buch besteht aus mal kürzeren, mal längeren Kapiteln, in denen der Autor Geschichten aus seiner Familie in Jugoslawien erzählt. Gleichzeitig geht es auch um seine Jugend in Heidelberg, wo er nach seinen Flut vor dem Krieg lebt, und seinen weiteren Weg bis hin zum Studium. Dadurch entsteht kein ganz klassischer, geradliniger Roman, sondern eher ein vielschichtiges Erzählen über Familie, Herkunft, Erinnerung und Zugehörigkeit.
Für mich ist die eigentliche Hauptperson des Buches seine Oma. Sie bleibt trotz des Krieges in Jugoslawien dort und bildet für mich eine Art Mittelpunkt der Erzählung. Ihre Geschichte und ihre Präsenz haben mich besonders berührt.
Zur Mitte hin wurde mir das Buch stellenweise ein bisschen zu langatmig. Trotzdem vergebe ich fünf Sterne, weil die Geschichten insgesamt sehr eindrücklich sind, teilweise wirklich lustig erzählt werden und viele sympathische Menschen beschrieben werden. Gerade diese Mischung aus Humor, Erinnerung und Familiengeschichte hat mir sehr gut gefallen.
- Kim Winter
Sternenschimmer
(418)Aktuelle Rezension von: MandthebooksRezension: (kann Spoiler enthalten)
Die ganze Buchreihe hatte ich als Mängelexemplare noch recht günstig bekommen, da sie jetzt nur noch schwer zu kriegen ist. Und ich war echt gespannt, denn ich habe mich doch gefragt, wie gut das Thema mit Außerirdischen, die auf die Erde kommen, umgesetzt werden kann.Und eins muss ich sagen: Die Umsetzung gefiel mir doch sehr gut.Für mich war die Protagonistin aufgrund ihres Alters einfach in ihrem Verhalten etwas unreif, was ich persönlich zwar als anstrengend empfand, mir ist aber bewusst, dass ich nicht mehr unbedingt der Zielgruppe entspreche, daher ist das für mich jetzt auch kein sonderlicher Kritikpunkt, auch wenn ich mir manchmal gewünscht hätte, dass sie erwachsener reagiert, weil manches selbst für ihr Alter etwas deplatziert war.Ich fand die Außerirdischen aber alle nicht nur in ihrem Charakter, sondern auch in ihrer Kultur durchaus interessant konzipiert. Jeder hatte so seine Aufgabe/sein Ziel und mittendrin Mia, die irgendwie versucht, sich da mit um die Kinder zu kümmern.Es war da durchaus ganz spannend, neben der vielleicht etwas dramatischen Lovestory, die Geschichte auch rund um das Dilemma mit der Pflicht gegenüber der eigenen Heimat zu verfolgen.Auf Band 2 freue ich mich definitiv.
4 Sterne - Susan Abulhawa
Während die Welt schlief
(263)Aktuelle Rezension von: melunchainedSusan Abulhawa leistet mit diesem Roman einen bedeutsamen Beitrag zur Aufklärung über die Realität in Palästina. Das Buch sticht vor allem deshalb heraus, weil Abulhawa durch ihren ungefilterten und zugleich poetisch- empathischen Schreibstil tiefe Einblicke in das menschliche Leid der Protagonisten gewährt, während westliche Werke in der Regel von einer sprachlichen Dehumanisiering der palästinensischen Opfer des Krieges geprägt sind.
Ein emotional aufrüttelnder und spannungsgeladener Roman in einem politisch und historisch realen Setting im Kontext des Nahostkonflikts und aufgrund der aktuellen Ereignisse definitiv eine Pflichtlektüre für jeden.
- Jussi Adler-Olsen
Opfer 2117
(235)Aktuelle Rezension von: Daniela_BeilnerEiner der Fälle um die es in diesem Buch geht betrifft Assad persönlich und seine Vergangenheit holt ihn mit einem Schlag in die Magengrube ein …
In Rückblicken erfahren wir endlich mehr über seine Vergangenheit und die ist wie erwartet erschreckend und erschütternd
Das Buch ist 2019 erschienen und hat ein zu diesem Zeitpunkt sehr aktuelles Thema aufgegriffen - die große Flüchtlingswelle und die schlimmen Schicksale der Bootsflüchtlinge von denen viele auf ihrer Flucht ertrunken sind. Aber auch das Thema Terror und Anschläge das auch Europa erreicht und erschüttert (hat)
zwischen dem vorherigen Teil und diesem Buch gibt es wie gewohnt einen Zeitsprung in welchem Rose zumindest körperlich halbwegs heilen konnte 💔 wie erhofft gibt es auch hier neue Infos
ein wirklich spannendes Buch das länger nachhallt aber trotzdem gibt es auch ein paar Kleinigkeiten die ich nicht „verstehe“ und zwar eine für mich völlig unpassende und nicht nachvollziehbare Sexszene und auch den Umgang von Ghaalib mit Afif 🤔
- Sabin Tambrea
Vaterländer
(70)Aktuelle Rezension von: SeitenfresserinEs gibt immer mal wieder Bücher, welche man nicht wieder aus den Händen legen möchte.
"Vaterländer" ist ein solches.
Autor Sabin Tambrea (bekannt aus Kino, TV und Theater), beschreibt in Romanform, den mutigen Auf- und Ausbruch seiner Eltern aus Rumänien, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Vorallem ein Leben in Freiheit, ohne ständige Angst vor der Willkür eines diktatorischen Regimes.
Viel riskiert der Vater, als er es Mitte der 1980er Jahre wagt nach Deutschland zu fliehen, nicht wissend, wann und ob er seine Familie wieder sieht. Zum Glück gelingt es, dass er Frau und Kinder nach Jahren in die Arme schließen darf. Der Anfang, in dem ihnen fremden Land, war nicht einfach. Doch mit viel starkem Willen, gelingt es der Familie, fest zusammenhaltend, ihre Plätze im neuen Leben zu finden. Wenn auch jede*r von ihnen seelisch "ein Päckchen zu tragen hatte". Denn, die Heimat, verlässt Niemand mal eben so.
Die politische Geschichte Rumäniens war keine glückliche. Bald nach dem großen Sieg über den Faschismus wurde eine kommunistische Diktatur mit größter Grausamkeit und Härte im Land fest installiert. Sie stand bei der Durchsetzung den Methoden der besiegten Faschisten in nichts nach. Ausführende: die Geheimpolizei Securitate. Bespitzelung, willkürliche Verhaftungen und Verurteilungen von Vergehen, welche es nie gab. Daraus resulierend lange Haftstrafen, größtenteils unter unmenschlichen Bedingungen, mit schwerster Arbeit, um die Verhafteten psychisch als auch physisch zu brechen. Und es konnte Jede*n, wie aus dem Nichts, treffen.
Nachdem der Kommunismus mit Gewalt Regierungsform geworden war, gab es im Land einige Jahre der politischen Entspannung. Doch der nächste Tiefschlag lauerte schon und trug einen Namen: Ceauşescu. Dieser, sah den Sinn als Staatsoberhaupt darin, sich und seine Gattin, bedingungslos vom Volk huldigen zu lassen. Dazu wurde die Securitate wieder verstärkt aktiviert. Strengste Diktatur und Abschottung waren erneut an der Tagesordnung. Das Land wurde so, von einem egomanischen Herrscher-Ehepaar ins Elend gestürzt.
Kaum auszuhalten für Menschen, welche ohne staatlich verordnete, brutale Knechtschaft leben wollten.
Nach dem Ende der Ceauşescu-Diktatur, gab (und gibt) es noch weiterhin viele politische Probleme.
Es war nun aber den Tambreas möglich, wieder in die Heimat zu reisen, um die Familie zu sehen.
Denn die Familie, ist das stärkste Seil, welches es für sie gibt. Alle sind mit unerschütterlicher Liebe aneinander "geknotet". Im engsten Familienkreis sind die Knoten natürlich am stärksten. Sie halten jedem Sturm stand, egal wie stark er ist, über Generationen hinweg.
Sehr gut gefällt mir der Schreibstil des Buches. Wobei es ja eigentlich unterschiedliche sind.
Teils gar mit hemmingwayschen Charakter, bei den Beschreibungen winzigster Details, welche der kleine Sabin als Kind bemerkte. Dabei stets präsent, als liebevolle und unerschütterliche Verbündete: die große Schwester.
Anders die Erzählweise des Vaters/der Eltern, da diese oft mit schweren Sorgen beladen waren, vor dem Verlassen der Heimat als auch danach.
Das Berichten des Großvaters über seine Haftzeit, hat fast etwas Pragmatisches. Gerade deshalb fühlt sehr man mit.
Allen drei Generationen, wird durch diese leicht veränderten Erzählweisen, Raum gegeben. Dabei ist es jedoch stets stimmig.
Das lässt einen auf's Neue dankbar sein, in einer Demokratie zu leben.
Fazit: das Buch ist herzerwärmend, bewegend und darum unbedingt lesenswert. Ja, man möchte am Ende gar "Zugabe!" rufen. - Nicky Singer
Davor und Danach
(180)Aktuelle Rezension von: LadyMuffinchenMhairi ist auf dem Weg zu ihrer Großmutter in den Norden. Einer der wenigen Orte, wo es noch Wasser und Nahrung gibt, denn die Welt steht vor dem Abgrund. Die Ressourcen werden rationiert und Menschen ab 67 müssen die Erde durch die Spritze verlassen. Auf ihren Weg begegnet sie einem kleinen Jungen. Eigentlich will Mhairi ihn nicht mitnehmen, aber ihre Menschlichkeit lässt es nicht zu ihn zurückzulassen. Also nimmt sie den stummen Jungen mit und durchläuft dabei viele Stationen, um sich in den Norden zu retten...
Man steigt direkt in die bereits laufende Geschichte ein. Mhairi ist auf der Flucht, scheinbar vor der Vergangenheit und der Zukunft und sich selbst. Wieso lernt man erst später, doch eines wird bereits auf den ersten Seiten klar: Sie ist für ihr Alter bereits sehr weit. Sehr selbstbewusst und reif, sie durch- und überdenkt alles, studiert ihre Umgebung und die Menschen und legt sich Alternativpläne in Sekunden zurecht. Sie war eine angenehme Protagonistin, die auch immer öfter an der Gesellschaft zweifelt, die sich eigene Regeln in der 'neuen' Welt geschaffen hat.
Dann ist da der Junge, der stille und doch so liebe Junge. Mhairi tut alles für ihn, ohne genau zu wissen wieso. Mag es Verantwortungsbewusstsein oder ein Gefühl der Wiedergutmachung sein, keine Ahnung, aber es funktioniert einfach zwischen den beiden. Durch die Reise wachsen sie auch ohne Worte zusammen und diese sich entwickelnde Beziehung wird gut und verständlich dargestellt. Denn wenn man nichts mehr hat, klammert man sich an das, was einen noch aufrecht stehen lässt. Ich glaube, dass Mhairi durch diesen Jungen den Sinn im Leben wiedergefunden hat, nachdem sie so viel durchmachen musste.
Doch die anderen Charaktere finde ich schwierig. Generell die ausgesäten Gedanken, um das Überleben eines kleinen Kreises zu sichern. Ich verstehe den Grundgedanken, aber es ist ein Kampf zwischen Moral und Gesetz, welches nicht bis zum Ende stringend durchgesetzt wird. Die Ideen der Gesellschaft sind nicht partout schlecht, aber es ist hart und irgendwie machte mich vieles dann einfach sprachlos.
Das Ende ist einfach chaotisch und es scheint mir, als hätte es nicht für mehr gereicht. Manche Ideen sollen scheinbar nicht ausreifen und so empfinde ich das Buch insgesamt als Auf und Ab. In manchen Situationen stark und dann zäh.
Der Schreibstil ist gut, man kann durch die recht kurzen Kapitel pflügen.
Insgesamt finde ich das Buch mittelmäßig gut, es regt zum Nachdenken an, hat mich dann aber doch nicht im Großen zufriedengestellt. Eine Dystopie bei der es für mich noch an etwas gefehlt hat 🌐
- Petra Hülsmann
Wenn's einfach wär, würd's jeder machen
(428)Aktuelle Rezension von: jeanne1302Musiklehrerin Annika wird zwangsversetzt von einer High Society Schule zu einer Brennpunktschule. Dort muss sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben konfrontiert sehen mit: Mobbing unter Schülern, häuslicher Gewalt an ihren Schülern, den unterschiedlichsten Nationalitäten und einer allgemein an Schule desinteressierten und für ihre persönliche Zukunft desillusionierten Klasse.
"Mit uns Honks will eh keiner was zu tun haben" "Wir kommen hier eh nicht raus" "Wir sind vom Gettho/Gosse - da kann man nix machen"
Privat lebt sie in einer 2er/4er - WG mit ihrer Freundin Nele und den zwei Nachbars"jungs" Kai und Sebastian. Letzterer bringt Annikas Herz durcheinander, aber da ist auch noch Tristan - der Ex-Klassenkamerad von Annika, in den sie schon ewig verknallt ist und jetzt ihr helfen soll bei einem Schulprojekt "Musical AG", um für die Schüler einen Preis zu gewinnen.
Was eigentlich als Idee startete, damit Annika schnell wieder zurückkehren kann an ihre alte Schule, entpuppt sich als DAS Projekt, das ihr hilft zu erkennen, dass sie ihren Job als Lehrerin wirklich sehr liebt, auch wenn er täglich Herausforderungen bereit hält. Und sie erkennt, dass sie privates Glück benötigt, um diesen Schulalltag zu überstehen.
Das Buch liest sich flüssig und ich habe es genossen, manchmal fand ich allerdings den "Konsum" von Essen und Tätigkeiten doch sehr überzogen und auch tatsächlich passend für die "high society", die sich halt keine Gedanken über Geld machen muss (Der Erdbeerkuchen! Der Dom) - aber vielleicht diente das auch wirklich um diesen krassen Unterschied zwischen dem reichen Lehrerkind und den armen Schülern zu zeigen.
Botschaft:
Manchmal schickt uns das Leben Herausforderungen, damit wir wachsen und erkennen, wo unsere wirkliche Aufgabe und unsere Talente liegen und was uns wirklich stolz macht. Wir erkennen, dass wir etwas in der Welt bewegen können, statt es uns mit einem guten Gehalt bequem zu machen.
Es ist wichtig, den privaten Ausgleich zu haben - gerade WEIL man einen verantwortungsvollen und schwierigen Job hat.
***Denk niemals, dass deine Herkunft bestimmt, was du aus deinem Leben machen kannst. Niemals. Vielleicht schaffst du es nicht in die high society, aber du musst auch nicht im Sumpf bleiben.***
Und manchmal braucht man für diese Erkenntnis einfach Menschen, die einem zutrauen, das Leben in die eigene Hand zu nehmen, statt Opfer der eigenen Familienherkunft zu sein.
- Margaret Atwood
Die Zeuginnen
(236)Aktuelle Rezension von: einbisschenbuechereiDie Fortsetzung von „Der Report der Magd“ bietet eine fesselnde Erzählung aus drei Perspektiven: Tante Lydia, Agnes und Daisy. Obwohl sich das Buch vom ersten Band unterscheidet, ist es dennoch außergewöhnlich gut geschrieben.
Es liefert reichlich Hintergrundinformationen zu Gilead, seinen Machtstrukturen und den dortigen Gräueltaten. Einige offene Fragen aus dem ersten Band werden beantwortet.
Die Geschichte wird durch die Akten der Zeuginnen und vorhandene Zeugenberichte erzählt. Der Schreibstil ist klar und verständlich und zieht den Leser in die Geschichte hinein.
Margaret Atwood hat mit ihrer Reihe eine erschreckende und widerwärtige Welt geschaffen, die nichts für schwache Nerven ist. Auch der zweite Teil ist ein unglaublich spannendes Buch, das den Leser glauben lässt, dass es nicht noch schlimmer werden kann.
Wer den ersten Teil mochte, sollte unbedingt auch Teil Zwei lesen.
- Daniel Glattauer
Die spürst du nicht
(335)Aktuelle Rezension von: AleksandraDas Buch erzählt die Geschichte zweier wohlhabender und angesehener Familien. Eine der ist die bekannte Politikerin. Damit sich ihre Tochter nicht langweilt nimmt sie deren Mitschülerin mit, ein Flüchtlingskind. Gemeinsam verbringen sie alle ihren Urlaub in Toskana, Italien. Als Aayana, das Flüchtlingskind, im Schwimmingpool ums Leben kommt, nimmt die Geschichten ihren tragischen Lauf.
Das Cover zeigt genau diese Thematik, ein Schwimmbecken mit Wasser und die Beine einer Person, die gerade ins Wasser steigen will. Es ist ein sehr einfaches Bild, deutet aber unmittelbar auf das tragische Ereignis und schafft eine sehr bedrückende Atmosphäre.
Der Aufbau des Buches hat mir sehr gut gefallen. Zu Beginn erinnerte mich die Gestaltung fast an ein Theaterstück, da die Handlung in einzelnen Szenen erzählt wird. Besonderen Reiz gaben die jeweiligen Zeitungsausschnitte und die fiktiven Leserkommentare. Genau solche Kommentare kennt man heute aus den sozialen Medien oder Online-Zeitungen. Während man sie im Alltag nur oberflächlich liest, erlebt man sie in dieser Geschichte aus der Sicht der Betroffenen. Dadurch wirken sie viel verletztender und regen den Leser zum Nachdenken an.
Das Besondere an diesem Roman ist, dass nicht die Frage, warum kam es zu dieser Katastrohe, behandelt wird, sondern wie die Beteiligten mit der Schuld, Gewissensbissen, Trauer und Scham umgehen. Der Roman zeigt die Auswirkungen, wie ein solches Ereignis auf alle Betroffen hat.
Für mich ist dieses Buch mehr als ein Roman - es ist ein Weckruf. Es richtet sich an Menschen, die das Schicksal anderer nicht wahrnehmen und ihnen dadurch die Themen wie Flucht und Flüchtlingspolitik gleichgültig geworden sind. Die Geschichte fordert auf mehr Empathie zu entwickeln und hinter die Schlagzeilen die Menschen zu sehen.
Der einzige Kritikpunkt, meinerseits, ist der Schreibstil. Es ist bereits das zweite Buch, da ich von Daniel Glattauer gelesen habe und ich komme immer noch nicht mit der nüchternen, kühlen und trockenen Art klar. Zwar passt dieser Schreibstil sehr gut zu dieser Geschichte, dennoch konnte ich nicht nicht ganz damit anfreunden. Dieses ist aber Geschmacksache und hat keinen Einfluss auf die Bedeutung des Romans.
Ob der Roman ein Happy End hat, möchte ich nicht verraten. Fakt ist, dass die Katastrophe das Leben aller Beiteiligten nachhaltig verändert. Genau deshalb hinterlässt das Buch einen sehr bleibenden Eindruck.
Insgesamt ist die spürst du nicht ein sehr bewegendes und wichtiges Buch, dass nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern auch dazu, mehr Mitgefühl für andere Menschen zu entwickeln. Deshalb kann ich den Roman, trotz meiner Kritik an dem Schreibstil, nur weiter empfehlen.
- Lutz Seiler
Stern 111
(54)Aktuelle Rezension von: rkuehneAn Stern 111 habe ich ungewöhnlich lange gelesen – deutlich über ein Jahr. Das lag weniger am Buch selbst als daran, dass ich parallel viele andere Bücher gelesen habe und dieser Roman oft wochenlang auf dem Nachttisch liegen blieb. Trotzdem ist das vielleicht auch ein kleiner Hinweis darauf, wie ich das Buch erlebt habe: Ich habe es immer gern wieder zur Hand genommen, aber selten das Bedürfnis verspürt, unbedingt weiterzulesen.
Im Mittelpunkt steht Carl, dessen Eltern kurz nach dem Mauerfall aus der DDR in den Westen aufbrechen und ihn in Gera zurücklassen. Während sie versuchen, sich ein neues Leben aufzubauen, zieht es ihn nach Berlin. Dort gerät er in die Hausbesetzer-, Künstler- und Kneipenszene der frühen 1990er-Jahre. Er möchte Dichter werden, verliebt sich, scheitert, sucht seinen Platz und treibt durch eine Welt voller Aufbruch, Freiheit und Improvisation.
Gerade die Schilderungen dieser Nachwendejahre haben mir gefallen. Lutz Seiler zeichnet ein lebendiges Bild einer Zeit, in der vieles möglich schien und gleichzeitig vieles in der Schwebe war. Dennoch blieb ich den Figuren gegenüber merkwürdig distanziert. Das Interesse war immer da, die Begeisterung nie ganz.
So ähnlich ging es mir schon mit Seilers Kruso. Ich verstehe gut, warum viele Leserinnen und Leser seine Bücher schätzen, und ich habe auch Stern 111 durchaus gerne gelesen. Aber die große Leidenschaft, die manche in seinen Romanen finden, hat sich bei mir nicht eingestellt.
- Bodo Kirchhoff
Widerfahrnis
(96)Aktuelle Rezension von: gstReither hat sich auf seinen Altersruhesitz im Weißbachtal zurückgezogen. Seinen Verlag hat er verkauft, weil er feststellte, „dass es allmählich mehr Schreibende als Lesende gab“ (Seite 10). Noch hat er sich alte Gewohnheiten erhalten: er liebt nach wie vor Bücher, überlegt bei jedem Satz, ob er druckreif ist und spricht dem Rotwein zu. Als er ein Büchlein aus der hauseigenen Bibliothek mitnimmt, wird er von Leonie Palm, der Leiterin des Lesekreises, beobachtet. Da sie es geschrieben hat, wüsste sie gerne sein Urteil. Deshalb besucht sie ihn abends, um für den nächsten Tag einen Termin zu vereinbaren. Doch es kommt anders als gedacht. Zwischen den beiden entwickelt sich ein Gespräch, das sie noch in der Nacht zu einem Ausflug an den Achensee aufbrechen lässt. Der erhoffte Sonnenaufgang ist noch weit und zum Warten darauf ist es zu kalt, also geht die Fahrt weiter. Die beiden kommen sich zögernd näher und das späte Glück scheint zum Greifen nah zu sein.
Ich habe die beiden gerne auf ihrer Reise über den Brenner und durch Italien begleitet. Ich spürte richtig, wie es nach und nach wärmer wurde und die kalten Tage im Gebirge in den Hintergrund rückten. Die im Alter der Protagonisten ungewohnte Spontanität lud mich zum Träumen ein. Vor allem in der zweiten Hälfte des Buches häuften sich die Überraschungen und ich wollte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen.
Fazit: Kirchhoff ist ein begnadeter Erzähler.
- Christian Rau
Wanyama - Die Wächter der Meere
(13)Aktuelle Rezension von: Pia_MeyerIn der Fortsetzung von „Die Wächter Afrikas“ lernen wir die Geisterschiffe kennen. Auf denen leben Wächter, die aufgrund ihres Wanyamas nicht an Leben leben können. Sie beschützen als Geisterflotte die Grenzen Afrikas. Die Geschichte dreht sich um das Geisterschiff Carina Borea unter dem Kommando von Kapitän Farol, genauer gesagt um die junge Offizierin Hanna. Bei ihrer Mission, das Mittelmeer zu beschützen, stößt die Crew der Borea zunehmend auf Flüchtlingsboote, die absichtlich zum Kentern gebracht und deren Passagiere ermordet wurden.
Um das Mysterium der Toten aufzuklären, bittet Farol den Wildhüter und Ausbilder Ajabu um Hilfe, da die Spur tief ins Landesinnere Nordafrikas führt, wo Wasser-Tume nicht hinkönnen. Ajabu stellt Farol seine Schüler Raja und Kio zur Seite, die wir schon aus „Wächter Afrikas“ kennen. Schnell wird klar, dass es den Wächter des „Landes“ und den Wächtern der „Meere“ an gegenseitigem Respekt mangelt, und sich niemand für das Schicksal der ermordeten Flüchtlinge verantwortlich zeigen möchte.
Das machen sich die wahren Täter, angeführt von der geheimnisvollen 'Heimatlosen' natürlich zunutze: Sie schleusen ihre Agenten in die Crew der Borea, bringen sogar das Geisterschiff zum Absturz (ja, Geisterschiffe können schwimmen, tauchen und sogar fliegen!) und ebnen den Pfad für ein furchtbares Ritual, das eine Art Sintflut herbeiführen soll. Nebenbei müssen sowohl Hanna als auch Raja mit alten Bekannten und der eigenen Vergangenheit fertig werden – und Kio kämpft auf seine Art mit seinem Selbstbewusstsein.
Wie der erste Band ist „Wächter der Meere“ wieder in drei Teile gegliedert. Anders als zuvor sind diese aber linear und teilen die Story in spannende Abschnitte. Als neue Hauptfigur wird Hanna eingeführt, die es trotz ihrer Jugend zur Offizierin der Carina Borea geschafft hat und immer noch um den Respekt der älteren und konservativen Crewmitglieder kämpft. Neben ihrer Perspektive werden die Perspektiven von Raja und Kio behandelt. Trivi und Ivoire treten in diesem Buch leider nur kurz auf, da sie kurz nach dem actionreichen Start der Geschichte zu „einer anderen Mission“ aufbrechen, die wahrscheinlich in Band 3 behandelt wird.
Dem Autor gelingt es, die Geschichte um das Wanyama-Universum auf erstaunliche Art zu erweitern. Basierend auf den Legenden um Geisterschiffe wie den Fliegenden Holländer erschafft er eine weitere Gruppe Wächter, deren Vehikel tauchen, schwimmen und fliegen können und die tatsächlich 'sterbliche' Lebewesen sind – und die unterschiedliche Formen wie Viermaster, Trimarane oder einfach nur Flöße annehmen können. Dadurch wird das phantastische-Abenteuer-Genre um einige Solarpunk-Elemente bereichert.
Wie erhofft macht der recht unreif aufgelegte Kio eine Entwicklung durch, die man so nicht erwartet – er selbst wohl an wenigsten. Raja muss sich noch einmal mit ihrer Familie auseinandersetzen und bekommt ihrer Macht Grenzen aufgezeigt, die ihr zu Anfang des Buchs noch gehörig zu Kopf steigt. Die neue Figur Hanna ist ebenfalls gut gezeichnet und ist ein Paradebeispiel dafür, dass der Kampf für das Gute steinhart, aber nicht unmöglich ist. Ihr Gegenüber, der miese Offizier Kerang, spiegelt Hannas Kampf wunderbar und stellt einer hervorragende Allegorie für die Ignoranz der Menschen fernab der Krisengebiete dar. Gegen Ende tauchen etwas zu viele Charaktere auf einmal auf, aber das ist der heiklen Situation geschuldet und tut der Story keinen Abbruch.
Die Geschichte ist im Vergleich zum Vorgänger wesentlich handlungslastiger, da weniger Fokus auf die Einführung der Charaktere gelegt wird (da viele Figuren ja auch schon eingeführt sind). Dadurch wird man sofort in die spannende Geschichte geworfen, die einen bis zum Ende nicht mehr loslässt. Zwar ist sie, auch anders als der Vorgänger, sehr rund abgeschlossen, aber auch ihr bleibt das ein oder andere lose Ende bzw. übergreifende Elemente, das nur noch mehr Lust auf Band 3 macht.
Erwähnenswert ist hier auch die sozialkritische Note des Buchs. Besonders die Aussagen der Figur Kerang erinnern mich erschreckend an menschenverachtende Aussagen in Politik und Social Media über die Mittelmeerroute Ende der 2010er.
Einziges ernsthaftes Manko: Zu kurz! Ich will mehr...
Ich vergebe 5 Sterne für dieses hervorragende Buch aus dem Selfpublisher-Bereich – meine Empfehlung hat es.
- Chris Cleave
Little Bee
(252)Aktuelle Rezension von: SchimmerBruchstückhaft erfährt der Leser über die Geschichte eines nigerianischen Mädchens, das in ihrer Heimat Grausames erleben musste, es aber aus eigener Kraft schafft, nach Großbritannien zu flüchten , sich in dort im Lager an die britisch Mentalität anzupassen versteht, frei kommt und ihren Weg sucht.
Die Schilderungen sind aufwühlend, keine leichte Kost.
Das Schicksal des Mädchens ist verwoben mit der Ehegeschichte eines britischen Journalisten Paars.
Die erste Begegnung mit dem Ehepaar noch in Nigeria endet brutal und schockiert. Beim Wiedersehen in London wird es dann leider etwas unglaubwürdig, trotz ziemlicher Spannung bis zuletzt.
Die Erzählweise des Mädchens ist sehr blumig, ausschweifend und nicht immer verständlich, was ihrer afrikanischen Mentalität zuzuschreiben ist.
Die Journalistin berichtet dagegen präziser, nach unserem europäischen Verständnis.
Beide Frauen geraten nach meinem Geschmack zu heldenhaft.
- Ayelet Gundar-Goshen
Löwen wecken
(173)Aktuelle Rezension von: Ines_BalkowDas Buch war für mich ein Experiment, weil ich normalerweise andere Genres lese. Ich finde, dass die Geschichte viel Potenzial hat, ich hätte allerdings einen ganz anderen Handlungsverlauf und somit mehr Spannung erwartet.
Die beiden Protagonisten Etan und Sirkit waren mir leider von Anfang an unsympathisch. Bei ihr wurde es zum Ende hin noch deutlicher, dass ich sie und ihren Charakter nicht mag. Die "Zweckbeziehung", die die beiden eingehen und die seinerseits damit verbundenen Hassgefühle waren für mich gut nachvollziehbar. Allerdings schwingt sehr schnell von beiden Seiten eine Erotik/Leidenschaft mit, die ich gar nicht verstanden habe. Das hat für mich auch ein wenig die Geschichte und die Dynamik zwischen Etan und Sirkit zerstört. Respekt und Ehrfurcht hätte ich gut nachvollziehen können, aber die erotisch-körperliche Anziehung hat für mich nicht gepasst.
Das Buch regt auf jeden Fall zum Nachdenken an, was an sich gut ist. Und einige Gedanken der Figuren sind sehr tiefsinnig und philosophisch - darauf muss man sich einlassen können und wollen. Zweitweise habe ich mich aber ein wenig durchgekämpft, dann wurde es auch zum Ende wieder spannender. Insgesamt bin ich aber froh, dass ich mit der Lektüre durch bin. Vom Klappentext her hatte ich mir etwas anderes erhofft.
Ich denke, dass es für viele eine gute und interessante Geschichte ist. Meinen Geschmack hat es leider nicht getroffen.
- Carolin Emcke
Gegen den Hass
(53)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerWer sich auch nur ein wenig im Internet bewegt, weiß es schon lange: die Menschenfeinde versuchen lautstark, organisiert und hemmungslos ihren Hass als die wahre Meinung des Volkes, die aufrichtige Mehrheitsmeinung zu verkaufen. Dass es diesen rechten bis rechtsextremen Rand in jeder Gesellschaft gibt, ist nichts Neues. Dass diese fanatische Minderheit bis zu 20 Prozent der deutschen Gesellschaft ausmacht, könnte man auch seit Jahren wissen, wenn man die entsprechenden Studien verfolgt hätte. Hier haben die bürgerliche Mitte und die Verteidiger der offenen Gesellschaft schlichtweg zu lange weggeguckt. Die autoritären Charaktere mit ihrer Radfahrermentalität (Erich Fromm), nach oben buckeln und nach unten treten, die preußischen Untertanen, versuchen den Diskurs zu okkupieren und ihre Meinung als mehrheitsfähig in die Mitte der Gesellschaft zu transportieren.
„Die Sorge erlebt zur Zeit eine erstaunliche Aufwertung. In der Sorge, so die rhetorische Suggestion, artikuliere sich ein berechtigtes Unbehagen, ein Affekt, der politisch ernst genommen und keinesfalls kritisiert werden sollte. Als seien ungefilterte Gefühle per se berechtigt. Als käme unreflektierten Gefühlen eine ganz eigene Legitimität zu.“
Obsessiver Hass
Erst mit dem Erstarken von Pegida und AfD wacht die im Konsum erstarrte offene Gesellschaft langsam auf. Erst mit dem Rückfall zahlreicher Deutscher in den völkischen Hass-Habitus schrecken Intellektuelle wie Carolin Emcke oder Harald Welzer auf. Es ist dringend an der Zeit die offene Gesellschaft zu verteidigen und sich klar und deutlich als Mehrheitsgesellschaft gegen den Hass zu positionieren. Emckes Plädoyer trifft den Kern der Debatte, was die Reaktionen der besorgten Bürger (u.a. in Amazon Rezensionen und Kommentaren) eindringlich bestätigen. Der Hass ist obsessiv geworden. Und seit geraumer Zeit werden aus den Worten auch Taten. Was Sarrazin, Pirinçci, Don Alphonso (Rainer Meyer), Höcke und sonstige Protagonisten der Neurechten sprachlich und gedanklich vorbereiten, führen die Hohlköpfe der neuen SA, die Hooligans, Kameradschaften, Freundeskreise und wie sich die rechtsextremen Gewaltaffinen auch nennen mögen, auf den Straßen aus.
„Den Hass und die Angst schüren nicht zuletzt die, die sich von ihm Gewinn versprechen. Ob die Profiteure der Angst in der Währung der Einschaltquoten denken oder in Wählerstimmen, ob sie mit einschlägigen Titeln Bestseller produzieren oder sich mit griffigen Schlagzeilen Aufmerksamkeit verschaffen – sie alle mögen sich distanzieren von dem sogenannten »Mob« auf der Straße, aber sie wissen ihn ökonomisch für sich zu nutzen.“
Mehr noch, muss man hinzufügen, sie sind sich in der Sache einig, lediglich die Methoden halten sie für falsch. Es ist diese Allianz der Hetzer mit dem Mob, die das gesellschaftliche Gefüge gefährden und der Menschenfeindlichkeit den Nährboden bieten. Carolin Emcke beginnt „Gegen den Hass“ mit genau solch einer Melange aus Worten und Taten. Clausnitz, wiedermal ein deutscher Ort, nach den überwunden geglaubten 90er Jahren, der zu einem Symbol des Hasses geworden ist.
„Clausnitz ist nur ein Beispiel für den Hass und die Raster der Wahrnehmung, die ihn vorbereiten und formen, die Menschen unsichtbar und monströs zugleich machen. In Clausnitz traf es einen Bus mit Geflüchteten. In anderen Städten, in anderen Regionen trifft es Menschen mit einer anderen Hautfarbe, einer anderen Sexualität, einem anderen Glauben, einem uneindeutigen Körper, es trifft junge oder alte Frauen, Menschen mit einer Kippa oder einem Kopftuch, Menschen ohne Obdach oder ohne Pass, was immer gerade als Objekt des Hasses zugerichtet wird. Sie werden eingeschüchtert, wie in diesem Fall, oder kriminalisiert, sie werden pathologisiert oder ausgewiesen, angegriffen oder verletzt.“
Als zweites Beispiel für „Hass und Missachtung“ führt Emcke den institutionellen Rassismus in den USA an. Es ist ein Beispiel, exemplarisch und nicht der Fingerzeig auf andere. Der institutionelle Rassismus ist kein Problem der USA, dort hat er lediglich eine spezifische Geschichte mit einer spezifischen und nicht einfach übertragbaren Ausprägung. Aber die Strukturen des Rassismus, die Missachtung des Lebens, die Menschenfeindlichkeit sind sehr wohl auch bei uns auszumachen.
Der Mord an Eric Garner und sein Ausruf „This stops today“ ist Warnung, Mahnung und Aufforderung an alle Demokraten sich den Hass entgegenzustellen. Wie Harald Welzer es in „Wir sind die Mehrheit“ schrieb: Die Weimarer Republik scheiterte nicht, weil sie zu viele Feinde hatte, sie scheiterte, weil sie zu wenig Freunde hatte. Ebenso wie Welzer ruft Emcke dem Leser zu: Werdet Freunde der offenen Gesellschaft! Stellt euch gegen den Hass! Wir sind die Mehrheit!
Der zweite Teil des Buches ist der Versuch den Kern der völkischen Ideologie, wie sie im Rassismus, bei Pegida, AfD und Neurechten gepflegt wird, aufzudecken: Homogen, Natürlich, Rein. Die Dreifaltigkeit der Einfältigkeit. Die Nähe von Neurechten, besorgten Bürgern und Islamisten wird hier besonders deutlich. Die Fundamentalisten sind immer gegen das vermeintlich Unnatürliche, das Unreine, die Biologisierung der eigenen Ideologie, der eigenen Ressentiments. Menschenfeinde sind Menschenfeinde – auch wenn sie es, geblendet von ihrem Hass, nicht erkennen werden.
Emcke schließt das Buch mit dem dritten Teil, einem Plädoyer für den Pluralismus, die offene Gesellschaft. Hinter allem steht die Mahnung Eric Garners: Es muss heute aufhören! Der Hass muss aufhören.
Während der erste Teil des Buches im journalistischen Stil geschrieben ist, dominiert im zweiten und dritten Teil ein philosophisch-akademischer Ton. Hierdurch wird meines Erachtens Potenzial verschenkt. Solche Bücher bedürfen einer großen Reichweite. Dass die besorgten Bürger das Buch nicht lesen werden, versteht sich von selbst. Aber die Mehrheitsgesellschaft besteht nicht nur aus Akademikern und Intellektuellen. Das ändert aber natürlich nichts an der Wichtigkeit des Buches und der trefflichen Analyse und Argumentation.
- Heba Al-Wasity
Weavingshaw
(139)Aktuelle Rezension von: PatroklosCorvus... wird dann aber gut.
"Weavingshaw" hat meine Geduld etwas auf die Probe gestellt. Ich wollte es gerne mögen, hatte aber das Gefühl, dass der Beginn sehr zäh war. Es ist irgendwie erstmal nichts (naja, nicht nichts, aber eben nicht viel) passiert. Erst im letzten Drittel (ca.) wurde es endlich so richtig spannend - und dann war das Buch plötzlich vorbei und ich sehr enttäuscht. Denn im Gegensatz zu meiner Erwartung ist es kein Einzelband, sondern es sollen insgesamt drei Bücher werden. Leider stand das nur auf der inneren Umschlagklappe und war vom Klappentext auf der Rückseite des Buches nicht ersichtlich.
Bei einer Trilogie ist es aber natürlich logisch, dass es keinen spektakulären Start gibt, sondern der ganze Weltenaufbau und die Einführung der Personen sich mehr Zeit lassen.
Wenn man das von vornherein weiß und damit kein Problem hat, wird man mit dem Buch sicherlich von Beginn an mehr Spaß haben als ich. Ich würde es vorerst bei 3,5 Sternen sehen und abwarten, wie sich die Geschichte in Band 2 noch entwickelt, bevor ich es uneingeschränkt weiterempfehle. - Eva Menasse
Dunkelblum
(98)Aktuelle Rezension von: Hubertus_FeldmannBereits häufiger wurde der Frage nachgegangen, ob Literatur (oder Kunst allgemein) in der Lage sei, positiv auf Menschen, und damit auf die Gesellschaft insgesamt, einwirken, die Welt zumindest ein kleines Bisschen besser machen könne. Mit Büchern wie dieses von Eva Menasse stünden die Chancen jedenfalls nicht schlecht.
„Dunkelblum“ ist ein fiktiver Ort, eine Kleinstadt in Österreich unmittelbar an der Grenze zu Ungarn. Die Geschichte spielt kurz vor dem „Fall der Mauer“ 1989, erschöpft sich allerdings nicht in dieser Zeit, sondern greift zurück in die dunkle Geschichte der Nazi-Vergangenheit des Ortes und seiner Bewohner. Markiert dabei die Gegensätze zwischen denjenigen die „Mitmachen“ (oder nur „Zuschauen“) und denen die „aussortiert“ werden. Und danach unterscheidet der „Eiserne Vorhang“ in „Hüben“ und „Drüben“ – auch in den Köpfen der „Hiesigen“, wahlweise der „Unsrigen“. Konsequenterweise steht man auf der „richtigen Seite“ und qualifiziert die „von Drüben“, die „Drüberen“, die „Drüberisch“ sprechen, bereits wortwählerisch ab. Insofern wird die geographische Lage zu einem Brennglas menschlicher „Möglichkeitsräume“.
Dabei hätte man genug zu tun mit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, bräuchte kein solches Ventil, wenn es denn nicht so schmerzhaft wäre, und im Umkehrschluss so einfach, sich eines Sündenbocks zu bedienen, der einem diese Last abnimmt. Oder ganz einfach sich seine Wahrheit zurechtbastelt, so wie hier beschrieben: „Dem Gedächtnis Einzelner ist nur in begrenztem Ausmaß zu trauen, die meisten erinnern sich lediglich an das, was ihnen selbst in den Kram passt, ihre eigene Rolle in ein besseres Licht rückt oder ihre Gefühle schont.“ Es funktioniert, solange es eben geht. Und in diesem Fall sind es gleich mehrere Ereignisse, die dafür sorgen, dass die Ereignisse aus der Vergangenheit (zum Beispiel die Hinrichtungen in den letzten Tagen des Nazi-Regimes) ans Licht drängen.
In diesem vielstimmigen Konzert der Stimmen, im Wechselspiel von Beharren und Aufklären, passieren außergewöhnliche Dinge, die diesem Roman zusätzlich eine gewisse Spannung verleihen. Es braucht allerdings einige Zeit, bis man diese Stimmen im Kopf sortiert bekommt. Zum Glück gibt es im Anhang ein „Figurenverzeichnis“ (mit Kurzbeschreibungen). Und für die Nicht-Österreicher ein „Glossar der Austriazismen“. So geholfen kann man sich ganz auf das Geschehen einlassen, Dinge hinterfragen und letztlich seine eigene Haltung überprüfen.
(15.8.2023)
- Armando Lucas Correa
Das Erbe der Rosenthals
(100)Aktuelle Rezension von: BuchspinatZum Inhalt:
New York 2014: Annas Vater ist 2001 beim Anschlag auf das World Trade Center ums Leben gekommen. Anna hat ihn nie kennengelernt. Als unverhofft ein Brief ihrer Großtante Hannah aus Kuba eintrifft, beschließt sie, ihre Großtante in Kuba zu besuchen, um endlich etwas über ihren Vater herauszufinden.
Berlin 1939: Hannah ist elf Jahre alt, als sie mit ihrer Familie auf der St. Louis Richtung Kuba aufbricht, um die Gefahren des Nationalsozialismus hinter sich zu lassen. Denn sie sind jüdischen Glaubens. Doch während der Reise ändert Kuba die Einreisebedingungen und nur wenige Menschen dürfen das Schiff in Kuba verlassen. Hannahs Familie wird auseinandergerissen und ihr Vater zurück nach Deutschland geschickt…
Meine Meinung:
Die Geschichte spielt in zwei Handlungssträngen. Da ist einmal die elfjährige Hannah, die gemeinsam mit ihrem besten Freund nicht wirklich versteht, in welcher Gefahr sie beide und ihre Familien schweben. Wie sollten sie auch?
Doch dann gelingt ihren Familien die Ausreise nach Kuba mit dem Schiff. Auf der St. Louis ist die Welt in Ordnung. Der Kapitän jemand, der das Leid der Menschen nicht ausnutzt und das Herz am rechten Fleck besitzt. Und der – als klar wird, dass Kuba nicht – wie ursprünglich zugesagt – alle Menschen an Bord der St. Louis aufnehmen wird, alles Menschenmögliche tut, um die Menschen nicht zurück nach Deutschland bringen zu müssen.Hannah und ihr bester Freund Leo erleben auf der St. Louis ein paar unbeschwerte Wochen. Ihre kindliche Freude beim Lesen zu spüren nach all der schweren Zeit der Entbehrungen und Drangsalierung hat mein Herz berührt. Als klar wird, dass nur Hannah und ihre Mutter Kuba betreten dürfen, verändert das alles. Für immer.
Der zweite Handlungsstrang handelt 2014 von Anna, die unbedingt mehr über ihren Vater und sein Leben herausfinden möchte. Ihre Mutter kämpft seit dessen Tod mit Depressionen und ihr Kummer war deutlich spürbar beim Lesen. Anna umsorgt ihre Mutter und versucht, ihr da rauszuhelfen, doch das ist für ein Kind eine zu schwere Bürde.
Als der Brief der Großtante Hannah aus Kuba eintrifft und Annas Mutter beschließt, mit Anna nach Kuba zu reisen, verbinden sich die beiden Handlungsstränge zu einer gemeinsamen Geschichte.
Der Leser erfährt, wie es Hannah und ihrer Mutter auf Kuba ergangen ist, ob sie ihren Vater und Leo jemals wiedergesehen hat. So viele tragische Schicksale. So viel Abschied. So viel Tod.
Die Geschichte wird bildhaft ergänzt durch Fotos der originalen Passagierliste und der Passagiere der St. Louis. Dadurch bekommt dieser Roman nochmal eine andere, sehr dunkle Schwere.
Zu wissen, dass diese Geschichte nicht fiktiv ist und die Männer, Frauen und Kinder auf den Fotos nur zu einem kleinen Teil den Holocaust überlebt haben, das tut schon beim Anschauen im Herzen weh.
Zu wissen, dass es Länder gab, wie die USA und Kanada und einige andere, die es abgelehnt haben, die Passagiere der St. Louis aufzunehmen und viele von ihnen somit in den sicheren Tod geschickt haben, macht beim Lesen fassungslos.
Die Geschichte lässt beim Lesen den Schrecken des Nationalsozialismus dem Leser wieder deutlich werden und man zieht beim Lesen erschreckende Parallelen zur heutigen Zeit.
Hass, Ausgrenzung, Faschismus erfahren in diesen Tagen immer mehr Zuspruch. Sei es aus der Bevölkerung oder aus der Politik. Faschismus wird wieder salonfähig. Das darf nicht geschehen. Nicht heute und auch nicht in der Zukunft. Und es liegt in unserer Hand, dass wir in Zukunft nicht in einem faschistischen Regime leben.
Wir sind alle Menschen. Wir tragen alle das gleiche Blut in uns. Das dürfen wir niemals vergessen. Egal aus welchem Land. Egal welcher Religion. Wir sind Menschen.
#niewiederistjetzt
- Alina Bronsky
Der Zopf meiner Großmutter
(190)Aktuelle Rezension von: frischelandluftIch finde es immer wieder toll, wie Alina Bronsky es schafft, dass man im Laufe einer Geschichte Sympathie für unsympathische und kauzige Menschen empfindet. Ihre Romane sind für mich Plädoyers gegen Vorurteile und Verurteilung, sie lehrt genauer hinzusehen und die Geschichte hinter den Menschen wahrzunehmen. Ich mag ihre Romane sehr, die Plots sind eher ruhig und voller Alltag, aber fulminant ausgefüllt mit ungewöhnlichen Charakteren, die einem im Laufe der Geschichte ans Herz wachsen. Hier sind es ein 10jähriger Junge, der völlig unterschätzt wird, seine Großmutter, deren übermäßige Fürsorge teilweise in Kindesmisshandlung übergeht, ein loyaler Großvater, der seinen eigenen Weg geht und eine weitere Frau, die an der Menage-a-Trois fast zerbricht. Mit viel Komik, Feingefühl und Respekt wird die in Teilen traurige und tragische Geschichte aus der Perspektive des Enkels erzählt. Unbedingt lesenswert.
- Hans Pleschinski
Wiesenstein
(54)Aktuelle Rezension von: HansDurrerHans Pleschinski, geboren 1956, als freier Autor in München lebend, nimmt sich in diesem Roman Gerhart Hauptmanns an, der zusammen mit Thomas Mann (über den Pleschinski den ganz wunderbaren Roman „Königsalleee“ geschrieben hat) zu den grossen Figuren der deutschen Literatur (beide sind Nobelpreisträger) zählt. „Wiesenstein“ beginnt im März 1945 mit dem Aufbruch des greisen und pflegebedürftigen Hauptmann und seiner Entourage (inklusive Masseur) vom Sanatorium Dr. Weidner im eben zerstörten Dresden nach Schlesien, in seine Villa „Wiesenstein“, einem prächtigen Anwesen im Riesengebirge.
Ich staune, welche Ehrerbietung die Leute dem Dichter Hauptmann, der offenbar lange schwankte „zwischen der Poesie und dem Wunsch, ja, ein neuer Michelangelo zu werden“ entgegenbringen. Ja, ich staune überhaupt, dass einem Dichter einmal Ehrerbietung entgegengebracht worden ist – solche Zeiten sind lange her. Allenthalben wird er „Herr Dr. Hauptmann“ genannt, der vielfach Geehrte, der nun mit einem Pfleger auf dem eisigen Bahnhof steht. Es ist höchst beeindruckend wie es Hans Pleschinski gelingt, die damalige Simmung zu vermitteln.
Von Propagandaminister Dr. Goebbels (wieder ein Doktor) war Hauptmann zwar wenig geschätzt, von dessen Widersachern auf der Kulturbühne dafür (und auch deswegen) um so mehr. Und wie fürstlich der Mann gelebt hat! „Ein Lebenshöhepunkt – von Galadiners gerahmt – waren natürlich die Gerhart-Hauptmann-Festspiele in Breslau gwesen: vierzehn Stücke en suite füllten damals, in den Zwanzigerjahren, die Theater.“
Dem Dichter war offenbar eine heftige Radikalität eigen. So lässt Hans Pleschinski die Sekretärin Annie Pollak sagen: „Vor dieser Lebensberuhigung hatte Hauptmann, pardon, wenn ich’s so ausdrücke, gesoffen, randaliert. Jetzt wurde er – man kennt solche Umschwünge – zum strikten Abstinenzler.“ Worauf der Masseur Paul Metzkow meint: „Ich glaube, der Wunsch meldet sich beim Menschen und in der Geschichte regelmässig. Heute hui, morgen pfui. Erst Schwung durch Schnaps, dann Prohibition. Und dann wieder andersrum.“
Dass Hauptmann, im Gegensatz zu seinem Nobelpreiskollegen Mann („Der eine, Mann, war eher zerebral, der andere, Hauptmann, oft vulkanisch. – Gut, dass wir beide haben! Das ist ein geistiger Reichtum“, so Hans Pleschinski in einem Gespräch mit seinem Lektor Martin Hielscher), nicht ins Exil ging, bedeutet nicht, dass er ein Nazi war, schon von seinem ganzen Wesen her, konnte er gar keiner sein. „Hauptmann sagt: Selbst wenn ich Antisemit wäre, so müsste es mich doch stutzig machen, dass Gott soviele Juden mit so zauberhaften Gaben beschenkt hat.“ Doch die Privilegien, die Hauptmann geniesst, sind nicht gratis. Natürlich benutzen ihn die Nazis für ihre Zwecke und scheuen auch nicht davor zurück, sinnentstellend in seinen Dresden-Appell, der das Kultur-Verbindende hervorhob, einzugreifen und in eine parteiische Beschuldigung der Alliierten umzuwandeln.
Ausser dem „Bahnwärter Thiel“, den wir in der Schule durchgenommen hatten (und ich nicht erinnere), habe ich von Gerhart Hauptmann nichts gelesen. Von seinem Stück „Die Weber“ habe ich gehört. Anders gesagt: „Wiesenstein“ war für mich eine Einführung in Leben und Werk dieses Mannes, der ganz offensichtlich weltweit wahrgenommen wurde (sogar James Joyce übersetzte Stücke von ihm) und zwar eine, die mich auch Einiges über das Leben lehrte. „Man möchte sagen, seine Seele öffnete sich der unberechenbaren Vielfalt der Schöpfung.“
Hans Pleschinski ist ein begnadeter Erzähler. „Dorn mochte jede Jahreszeit. Der Sommer, dieser Brüllaffe, heizte allem ein, was kreuchte und fleuchte, die Käfer schossen über den Stein, die Ameisen schleppten, was sie konnten, aber ein wohliges Ächzen erfüllte die Natur. Im Herbst durften alles und jeder ermattet sein, Gärtner Dorn rechte Laub und Nadeln, liebte die Abkühlung im Gesicht, den kräftigen Duft aus der Erde und freute sich auf den Winter, wenn das Dunkel ruhiger machte, die Schlitten vorfuhren und der Atem dampfte. Schon um fünf Uhr früh schippte er dann den Fussweg von Schneewehen frei, liess die Frostluft willig an ihm beissen, fühlte umso mehr seine Lebenswärme. Und wenn er danach die Brotkante in den Malzkaffee stippte, den ersten Schluck getrunken hatte, kam er sich wie neugeboren vor. Bohnenkaffee war den Herrschaften vorbehalten. Er träumte dann am Küchentisch, liess die Frauen schwatzen und lauschte dem Klappern der Töpfe und Pfannen.“
Solche Sätze schärfen meine Wahrnehmung – und das ist einer der Gründe, weshalb ich Bücher lese. Wie auch diese, die mich die Dinge neu (der Gedanke ist mir nicht neu, ihn so wohlwollend auszudrücken hingegen schon) sehen lassen. „Das unentschiedene Schwanken scheint eine Spezialität von ihm zu sein. Nun gut, wer wankt, gewahrt vielleicht mehr als derjenige, der stur geradeaus schreitet.“ Oder dieser: „Nichts auf Erden kann zufriedenstellen.“
Eindrücklich auch, wie Pleschinski den Einmarsch der Sowjetarmee nördlich von Görlitz schildert. Oder die Plünderungen und Enteignungen am Kriegsende. Man glaubt, sich selber mittendrin zu befinden. Überhaupt hat mich Vorstellungskraft und Einfühlungsvermögen des Autors, der den Krieg ja nicht selber erlebt hat, verblüfft, erstaunt und tief beeindruckt. Ganz wunderbar auch sein Witz und seine Formulierungsgabe. „Madame hingegen wirkte gelegentlich, einer selbst auferlegten Fasson halber, ein wenig indigniert. Da dies zumeist keine Konsequenzen zeitigte, blieb es, wenn sie ihre Lippen kurz spitzte, eher bedeutungslos. Oft sah sie auch nur schlecht.“
„Wiesenstein“ ist ein tief beeindruckendes, rundum grossartiges Werk! - Dirk Reinhardt
Über die Berge und über das Meer
(29)Aktuelle Rezension von: 99Hermione99Um was die Geschichte handelt:
Soraya lebt in einem kleinen Dorf in den Bergen. Jeder nennt sie Samir. Ja, sie wird nicht nur mit einem Jungennamen gerufen, sondern sie zieht sich auch so an und verhält sich wie ein Junge. Und das aus gutem Grund: Soraya ist die 7. Tochter ihrer Familie und somit noch immer nicht der erhoffte Sohn. Als Junge kann sie jedoch frei herumlaufen, und muss nicht wie alle Mädchen und Frauen, den ganzen Tag im Haus sitzen. Ausserdem dürfen diese das Haus nur in Begleitung von männlichen Personen verlassen. Doch nun mit 14 Jahren ist Soraya alt genug, um sich "umzuwandeln" in das Mädchen, das sie eigentlich ist. Das finden auch die Taliban, eine streng religiöse, gewalttätige Gemeinschaft. Ein ähnliches Schiksal trifft Tarek, ein Kuchi, ebenfalls aus Afghanistan, der mit seiner Familie in den Bergen herumzieht. Die Taliban wollen, dass er ihnen beitritt, da er ein sehr guter Schafhirte und Spurenleser ist. Tarek und Soraya geben sich unabhängig voneinander auf den Weg der Flucht, durch brenzlige und lebensgefährliche Situationen, oft ganz alleine, viele Kilometer von ihrer Familie, ihrem Bekanntenkreis und ihrer Kultur entfernt.
Nun aber zu meiner Meinung:
Ich finde, man kann sich unglaublich gut in die zwei Protagonisten hineinversetzen und flüchtet mit ihnen. Gerade, weil das Thema (Flüchtlinge und Taliban in Afghanistan) so aktuell ist, habe ich die Geschichte regelrecht verschlungen. Die Kapitel berrichten immer abwechslungsweise aus der Sicht von Tarek und Soraya. Manchmal bin ich durcheinandergekommen, was jetzt wem passiert ist. Aber das konnte ich dann schnell nochmal nachlesen. Ansonsten hat mir das Buch sehr gut gefallen. Es ist realistisch, soweit ich das beurteilen kann. Mit diesem Roman kann man nachvollziehen, was Flüchtlinge alles durchleben müssen. Das Buchcover finde ich persönlich wunderschön. Ausserdem befindet sich eine Karte hinten im Biuch, auf der die Fluchtwege von Soraya und Tarek eingezeichnet sind, sehr praktisch.
Ich kann es nur empfehlen. Einfach lesen!! :-)
- Kristin Hannah
Die vier Winde
(196)Aktuelle Rezension von: momomaus3Eine zu Tränen 😢♥️rührende Geschichte.
Sie macht aber auch Mut für seine Rechte einzustehen und niemals aufzugeben.
Inhaltsangabe zum Buch auf dem zweiten Bild 🥰.
Ich liebe die Bücher 📚 der Autorin, daher habe ich endlich zu diesem Buch gegriffen, das schon viel zu lange auf meinem Sub lag.
Ich wurde natürlich auch diesmal nicht enttäuscht. 😍📖😍
Kristin Hannah schreibt so tiefgründig und bildhaft und man fühlt mit den Protagonisten mit. Ich habe geweint und mitgefiebert. Es ist kaum in Worte zu fassen was die Menschen erleben mussten.
Die Naturgewalten, wie Dürre, die Sandstürme sowie die Weltwirtschaftskriese und Armut alles so beschrieben, wie es einst mal war….
Die Protagonistin Elsa ist eine Kämpferin und gibt niemals auf. Sie hat für ihre Rechte und die ihrer Kinder und Mitmenschen gekämpft, auch wenn unter schlimmsten Bedingungen. Ich habe sie für ihre Stärke und den Mut bewundert. Sie zeigt uns, dass wir nie aufgeben sollten für das zu kämpfen was uns wichtig ist und immer an uns zu glauben und auch wie wichtig es ist zusammenzuhalten. ♥️
Ich vergebe 5 ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️denn es ist für mich ein echtes Highlight !
Bitte lest alle dieses Buch !!!























