Bücher mit dem Tag "franco"
17 Bücher
- Carlos Ruiz Zafón
Das Labyrinth der Lichter
(264)Aktuelle Rezension von: Boris_GoroffDer Autor vermag wie kein zweiter eine spannende Geschichte zu erzählen. Diese Barcelona Tetralogie kann in der Reihenfolge beliebig gelesen werden. Es entsteht ein Gesamtkunstwerk, das je nach Lesereihenfolge und aktuellem Roman einen neuen Blickwinkel auf die Geschichte und seine Protagonisten wirft.
Steht in den Top 5 meiner Lieblingsbücher!
- Jaume Cabré
Die Stimmen des Flusses
(193)Aktuelle Rezension von: wandablueZwei Protagonisten, ein weiblicher und ein männlicher, teilen sich die Hauptrollen in diesem Roman. Senyora Elisenda Vilabrú und José Oriol Fontelles Grau (1915-1944). Er starb den Heldentod für Gott und Vaterland. Zeitebene und Setting führen die Leserschaft nach Spanien. Senyora Elisenda wurde alt und ermöglicht es so dem Autor Cabré, der sich für einen spanischen Schriftsteller wirklich gut lesen lässt, über den Zweiten Weltkrieg hinaus bis in die Gegenwart vorzustoßen. In der Gegenwart betreibt eine ehemüde Journalistin für einen Fotoband über "Schulen im Widerstand" in einem spanischen Bergdorf Recherche. Wieder einmal wird ein Buch im Buch geschrieben und ein Tagebuch gefunden! Zwei äußerst beliebte Motive, die Schriftsteller benutzen, um in der Vergangenheit zu graben und einige Leichen aus dem Keller zu holen. Dass es einige Leichen auszugraben gibt, ist ausgemacht. Nicht alles ist, wie es auf den esten Blick scheint.
So ist der Schulmeister Fontelles, den Senyora Vilabrú mit aller Gewalt heilig sprechen lassen möchte, vielleicht gar nicht so heilig gewesen. Und die superreiche Senyora Villabrú ist es schon gar nicht. Und auch ihr Sohn Marcel ist nicht der, für den man ihn hält.Der Kommentar:
Es macht Spaß, in die Art von Cabrés Federführung einzutauchen. Die Protagonisten sagen das eine, denken aber das andere, und beides lässt Jaume Cabré im Fließtext ineinandergleiten. So erhellen sich auf einen Schlag die diversen Seiten und Schichten der Menschen; man sieht, wer sie in der Öffentlichkeit sind und was sie dort darstellen, zum Beispiel, wenn sie ein Amt begleiten wie der Bürgermeister. Unter der Haut und im Kopf sind sie jedoch andere.
Jaume Cabré lässt eine ganze Heerschaar von Protagonisten antreten, man verliert aber nie den Überblick. Ganz besonderen Spaß macht es dem Autor selbst, die Versnobtheit der Honoratioren darzustellen, in dem er in der Anrede immer ! ihren ganzen Stammbaum aufrollt, das kann schon mal ein paar Zeilen in Anspruch nehmen. Aber man ehelicht in diesen Kreisen natürlich nur jemanden, der einen Stammbaum aufzuweisen hat. Und Geld. Oder Ländereien. Oder beides. Oder wenigstens einen Namen, der Klang hat.
Senyora Villabrú ist eine Geschäftsfrau. Sie hat die Nase für gute Geschäfte. So hat sie auch früher als andere die Möglichkeiten eruiert, die Wintertourismus bietet und ist dadurch unermesslich reich geworden. Ihren Sohn Marcel hält sie so klein wie möglich; man wird den Verdacht nicht los, dass sie seinem Charakter misstaut.Was war in Spanien los, bevor Franco an die Macht kam? Und was danach? Wer gehörte früher zum Maquis, wer hatte das Sagen, wessen Blut floss, wer saß unschuldig im Gefängnis, wer wurde zu Recht zur Rechenschaft gezogen und wer kam, wie immer, davon? Auch davon handelt dieser epische Roman. Von Verdächtigungen, von Verrat, Intrige, Willkür, Feigheit, Gefahr und Idealismus. Und von Gewalt und Folter.
Es ist schon erstaunlich, dass Cabré erst 2004 mit der Thematik des spanischen Bürgerkriegs publik ging.
Fazit: Flott geschrieben mit einer Unmenge an Personal, aber alles ist stets übersichtlich und an seinem Platz. Ein wenig mehr Historie hätte ich schon noch gebraucht, etwas weniger Faustrecht und eine Spur weniger Xanthippe, denn die Xanthippe hat sich im Verlauf des Romans dann doch etwas abgenützt
Kategorie: historischer Roman
Unter dem Titel „Les veus de Panamo“ 2004,erschienen.
Verlag, Suhrkamp, 2008. - Paula McLain
Hemingway und ich
(70)Aktuelle Rezension von: MarinaHMartha Gellhorn war mir als Persönlichkeit bekannt, mich hatte ihr Leben schon immer sehr interessiert. Dieses Buch schien also wie der passende Roman dafür. Er behandelt nicht wirklich einen langen Abschnitt ihres Lebens, meiner Meinung nach, lernt man Marty dadurch trotzdem kennen und lieben.
Der Schreibstil war sehr erfrischend, mir haben die vielen Metaphern Gefallen. Dass der Roman in „Ich“-Form geschrieben ist, hat ihn noch angenehmer für mich gemacht, vor allem weil man dadurch Marthas Gedanken und Gefühlswelt nur noch mehr kennenlernt.
Auch die verschiedenen Abschnitte, in denen das Buch eingeteilt war, waren schlüssig und haben einen guten Überblick über die ganze Geschichte gegeben.
Es gibt viele Kriegsbeschreibungen, die den Roman sehr spannend machen. Auch war es sehr interessant zu sehen, wie Martha als Schriftstellerin gearbeitet und gelebt hat. Natürlich nimmt Hemingway einen großen Teil der Geschichte ein, ich möchte nicht allzu viel vorwegnehmen, aber meine Gefühle waren sehr gemischt zu ihm.
Insgesamt ist es ein sehr gutes und lesenswerter Roman, über eine starke und bewundernswerte Frau. - Inger-Maria Mahlke
Archipel
(68)Aktuelle Rezension von: Vera-SeidlDen mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman "Archipel" hatte ich auf eine Empfehlung einer, nach Teneriffa eingeheirateten Deutschen auf dem Land knapp zwanzig Kilometer westlich von Puerto de la Cruz angefangen zu lesen, fand mich aber schnell im grünen Guagua sitzend auf dem Weg nach La Laguna wieder, mehr auf der Suche nach meinem Teegeschäft, von denen es nur zwei auf der Insel gibt, als nach dem Altenheim, wo, der jetzt hunderteinjährige, Julio Baute, el Portereo, in seiner Pförtnerloge sitzt, sich die Vuelta im Fernsehen ansieht und darauf achtet, dass sich die dementen Alten nicht durch die Tür schmuggeln.
Von den vielen Eindrücken der Insel benebelt gelang es mir zuerst nicht, die zahlreichen, von Inga-Maria Mahlke entworfenen Puzzleteilchen zusammenzufügen, auch weil das Puzzle fragmentarisch ist und die Autorin zudem mit ihrer Geschichte am 9. Juli 2015 um 14.02 Uhr beginnt und in den ersten Minuten des Jahres 1920 endet.
Deshalb habe ich die Lektüre erst in Deutschland fortgesetzt und sie am Silvesterabend 2020 beendet.
"Archipel" erzählt die Geschichte von drei Familien; den aristokratischen Bernadottes, Nachkömmlinge von Kolonialherren, die die Falange gründeten; die Bautes, die für die Mittelschicht und für die Sozialisten stehen sowie die Frauen der Morales aus der Unterschicht, die sich eine Moral nicht leisten können.
Ich kenne den Norden Teneriffas gut. Wenn Mahlke den kanarischen "Gofio" erwähnt, hatte ich sofort seinen Geruch in der Nase, höre auch das Quietschen der "Tranvía" in La Laguna.
Trotzdem lieferte mir die Schriftstellerin so viele neue Informationen über den "Archipel", dass ich sie einerseits kaum fassen kann und andererseits schockiert bin.
Zu Letzterem gehören die Salones de Faifes, faschistische Konzentrationslager in Santa Cruz. Oder, dass das Barranco Santos in den Cañadas ein Massengrab ist.
Vor dem Lesen des Buches hatte ich nicht gewusst, dass die Briten größeres Interesse an den Kanaren hatten als die Spanier, denen Sahara Occidental wichtiger war. Natürlich hatte ich von Francisco Franco y Bahamonde gehört, wusste, dass er von 1939 bis 1975 Diktator Spaniens war. Aber, dass er Teneriffa unter anderem auch deshalb mied, weil das einzige Jagdgut dort Kaninchen sind, war mir unbekannt. Den Namen "Jose Antonio Primo de Rivera" hatte ich noch nie vernommen und deshalb nicht um seine Bedeutung für die Falange gewusst.
Wie Inga-Maria Mahlke in einem Interview sagte, spiegelt Teneriffa als Insel das Weltgeschehen "en miniature" ab.
Das leuchtet ein! Trotzdem finde ich es merkwürdig, dass sie, die auf der Insel aufgewachsen ist und so mit ihr und ihrer Sprache verwachsen ist, ihren Roman nur in deutscher Sprache geschrieben hat.
Warum gibt es keine spanische Übersetzung von einem Buch mit dem Titel "Archipel"?
Meine Erklärung ist, dass die Autorin den deutschen Lesern einen Spiegel vorhalten möchte; ihnen ihre Gegenwart mit Hilfe ihrer faschistischen Vergangenheit erklären möchte.
Nicht nur dafür möchte ich ihr herzlich danken, sondern auch dafür, dass das erste Kapitel des Buches die Überschrift "San Borodón" trägt. Jedoch musste ich feststellen, dass damit nicht jene magische Insel im Westen gemeint ist, sondern eine neue, künstliche Insel.
"Neu, durch und durch neu, ... Nicht von der Zeit deformiert, zurechtgerückt, geschliffen. Nicht mit Geschichte behangen, ... Keine Verwerfungen, aufgestautes Geröll, verkrustete Strukturen unter einer nur mit Mühe glattgezogenen Oberfläche."
Ein Personenregister befindet sich am Anfang des Romans, im Glossar erklärt die Autorin die spanischen und kanarischen Begriffe, auch die ursprüngliche Bedeutung von San Borodón.
Folgendes Gedicht schrieb ich hundert Jahre nach der Geburt von Julio Baute:
San Borondón
San Borondón
Es el corazón
Del islas ochos
Trasnochos
Tenerife la cabeza
Alegría y tristeza
El Hierro
Los pies atierro
Quatro cinco seis y siete
Un grande zaguanete
Dentro del nieblas
Despueblas
La isla magica
Lo significa
La veràs
Quizàs
Al solsticio
El mìstico patricio
Navidad
Una visionad
Vera Seidl - Carmen Laforet
Nada
(39)Aktuelle Rezension von: Trishen77"Die ersten Straßenbahnen nahmen ihre Fahrt durch die Stadt auf, ihr Gebimmel drang gedämpft durch die geschlossenen Fenster zu mir, wie damals im Sommer, als ich sieben war und zum letzten Mal zu Besuch bei den Großeltern. Eindrücke stellten sich ein, zwar schemenhaft, doch so lebendig, als brächte sie der Duft von einer frisch gepflückten Frucht. Eindrücke aus dem Barcelona meiner Erinnerung."
Carmen Laforet gehört zu den weniger spektakulären Autoren des 20. Jahrhunderts, in Spanien ist sie aber bis heute eine der wichtigsten Erzählerinnen in und nach der Franco-Diktatur. Nada, geschrieben im Alter von 19 Jahren, ist ihr Debütroman und erschien 1944, am Ende des zweite Weltkriegs. In ihm hat sie, sagen manche, die drückende Atmosphäre des spanischen Lebens unter Franco beschrieben, andere widerum schreiben dem Roman eindeutige und alleinige autobiographische Intentionen zu.
Aber, wie der Titel schon sagt, das ist Nada, "Nichts", das sind Schemata, wie sie jeder Roman alleine schon für einen Klappentext oder einen kritischen Ansatz, über sich ergehen lassen muss. Romanleser wissen dagegen, dass man keinen (guten) Roman - gerade wenn es um das persönliche Leseerlebnis geht - wirklich festlegen kann, auf keine vorspringende Thematik und kein Resümee. Ein guter Roman ist ein wahrer Roman und entzieht sich damit den Definitionen (s)eines Rahmens.
Und gerade wenn wir etwas nicht definieren können, bemerkte Borges klug, wissen wir sehr viel darüber, weil wir dann die Facetten bemerken und mit der Zeit bei der Lektüre etwas entstehen kann, ein Gefühl zu dem Buch, das größer ist als alle seine möglichen Definition. Und um dieser Momente, um der kleinen sprachlichen Verblüffungen und Einzigartigkeiten, um der einzelnen Szenen und eben dem Gemälde, dass sich geradezu unnachgiebig und ungreifbar in seiner Stimmung daraus ergibt, sollte man (zumindest ich tue es deswegen) Romane lesen.
Nada ein wunderbarer Roman. Es passiert nicht viel darin, eigentlich passiert sogar fast schon extrem wenig darin, oder doch zumindest wenig, was den Handlungsrahmen sprengt, der nach 40 Seiten bereits entstanden und festgelegt ist.
Das Zentrum des Buches bildet das Mädchen Andrea und eine Wohnung in der Calle de Aribau, die Andreas Großmutter einst kaufte, als diese noch mitsamt der Straße in den Randbezirken von Barcelona lag und die jetzt, 50 Jahre danach, schon mittendrin in der Stadt liegt. Andrea, 18 Jahre alt, kommt aus den ländlichen Gegenden Nordspaniens in die Stadt, um in Barcelona Literatur zu studieren.
Als sie 7 war ist sie zuletzt hier gewesen und alles hat sich sehr verändert. Die Großmutter ist senil geworden, die Wohnung quillt über von alten Möbeln im muffigem Stadium des Verschleißes und die beiden schwierigen Onkel von Andrea, Román und Juan, leben wieder bei ihrer Mutter; Juan mit seiner scheinbar lasterhaften Frau und Román in einer Mansarde über der Wohnung.
Die beiden sind sich spinnefeind, warum, ist ein ewiges, offenbares Geheimnis. Einer der Kernsätze des Buches ("Zum ersten Mal überkam mich das dunkle Gefühl, das Interesse und Wertschätzung für jemanden nicht immer zusammengehören") gibt ganz gut vor in welchen Welten die Konflikte der Familie und auch der anderen Figuren angesiedelt ist: In der Welt zwischen versuchter Zuneigung und der Faszination, der menschlichen Schwäche für das Andere, das Dunkle.
Andrea, die mit Hoffnungen auf Freiheit, Liebe, Selbstbestimmung und Glück nach Barcelona aufgebrochen war, bemerkt schnell, dass es in einem solchen Umfeld in ihrer Zeit in der Calle de Aribau nicht darum gehen wird endlich über das Leben zu triumphieren - nein, sie muss für diese Zeit, die für sie auch wegen ihres Alters und ihren ersten Gefühlen eine eh schon schwierige und ambivalente ist, die Zeilen verinnerlichen, die eines der bekanntesten Rilke-Gedichte beenden: "Wer spricht von Siegen/ Übersteh'n ist alles."
"Oft muss ich an die Nächte in der Calle de Aribau denken zurückdenken. Diese Nächte, die wie ein schwarzer Fluss unter den Brücken der Tage vorüber zogen und faulen, gespenstischen Dunst verströmten.
Ich erinnere mich an die ersten Herbstnächte, die ersten Vorboten der Unrast, die sie entfachten. An die Winternächte mit ihrer klammen Schwermut: das Ächzen eines Stuhls, das mich aus dem Schlaf aufschreckte, und der Schauer, wenn sich zwei leuchtende Augen - die der Katze - in meine bohrten. In diesen eisigen Stunden gab es Augenblicke, in denen das Leben seine Scham abgelegte und ganz nackt vor mir stand, um sich eine Herzensqual von der Seele zu schreien, die für mich nur entsetzlich war. Eine Qual, die der Morgen schnell wegwischte, als hätte sie nie existiert. Dann kamen die Sommernächte. Laue, behäbige Mittelmeernächte über Barcelona, schwer vom goldenen Saft des Mondes und dem feuchten Duft der Meerjungfrauen, die sich ihre Wasserhaare über den weißen Rücken und dem goldenen Schuppenschwanz kämmten. In manchen warmen Nächten steigerte der Hunger, die Traurigkeit und die Energie der Jugend die Ohnmacht meiner Gefühle bis hin zu einem körperlichen Bedürfnis nach Zärtlichkeit, wie es gierig und staubig die ausgedörrte Erde fühlt, die ein Gewitter nahen spürt."
Auf dem Rücken steht, dass das Buch existenzialistisch sei und in gewissem Sinne stimmt das auch. Es ist ein Roman, der mehr durch die Existenz- und Augenblicksängste und durch die vielen Stimmungen von Andrea lebt, als durch die Handlung. Die Handlung ist die Welt und die ist so wie sie ist, voller Vergeblichkeit, Alltag und Überraschungen, in scheinbar immer gleichen Kreisen. Aber das wirkliche Chaos, der wirkliche Kampf des Lebens findet in Andrea und findet in der Sprache des Buches statt, in den kleinen Ausbrüchen von inneren Gefühlen und darin getränkten Beschreibungen.
"Ich sah zu, wie der böige Wind dicht über die Erde fegte und den Staub und das Laub in einer Art Totentanz der Dinge aufwirbeln ließ."
Nada ist ein außergewöhnlicher Roman, ein Meisterwerk der karg bis überwältigenden Sprache und ein wunderbares Leseerlebnis. Gerade weil man immer direkt beim Geschehen ist, möchte man das Buch am liebsten in einem Ruck durchlesen; es entsteht ein ungeheuer, lebensechter Sog. Viele Romane sind gewiss umfangreicher, detaillierter, versierter als dieser, aber diesen Sog, diesen ständigen Puls von echtem Leben - ihn findet man selten. - Alli Sinclair
Die Tänzerin
(23)Aktuelle Rezension von: EisAmazoneWir werden von Charlotte mitgenommen auf eine Reise nach Spanien mitgenommen, doch nicht nur das, nicht nur jetzt und hier. Wir begleiten sie auf einer Reise, die sie für Ihre Großmutter Katarina antritt um deren Vergangenhiet einen Teil mit auf zu arbeiten. Wir reisen also auch und vor Allem in das Spanien um 1950, in die Ziet des Francoregiemes. Zu Anfang wissen wir eigentlich genauso wenig über diese Vergangenheit, über die Charlottes Großmutter stets schweigsam war, wie sie selbst, doch nach und nach lichtet es sich durch Sequenzen, in denen wir in die Zeit des Francoregimes reisen und können uns mitreißen lassen vom Flamenco, vom spanischen Lebensgefühl, aber auch von der Angst, die zu dieser Zeit herrschte.
Indess begleiten wir aber eben auch immer Charlotte, wie sie diese Vergangenheit zu ergründen, zu verstehen versucht und nach und nach selbst vom Flamenco eingenommen wird und von diesem, ihm innewohnenden Lebensgefühl.Alli Sinclair hat einen unglaublich berührenden Roman geschrieben, in den man sich unglaublich gut einfinden kann. Sie schriebt so wundervoll bildlich, detailliert und einnehmend, aber gerade eben doch nicht überladen, dass man sich fühlt, als wäre man selbst in Granada, als würde man in einer kleinen Bar sitzen, den elektrisierenden Gitarrenklängen lauschen und den Tänzerinnen zusehen, wie sie sich völlig im Tanz verlieren, mit ihrem Herzen, ihrer Seele, allem was sie haben, denn Flamenco ist kein Tanz, er ist ein Lebensgefühl und das wird einem bei dieser Lektüre auch ganz ohne die Musik zu hören, ganz ohne die Tänzerin zu sehen oder dem Sänger an den Lippen zu hängen nur allzu bewusst.Hut ab, ein absolut gelungener, stimmiger und runder Roman.
- Almudena Grandes
Der Feind meines Vaters
(5)Aktuelle Rezension von: JorokaNino, der Sohn eines einfachen Beamten bei der Guardia Civil, bleibt wohl absehbar zu klein, um später in die Fußstapfen seines Vaters treten zu können. So muss er das Schreibmaschine-Schreiben erlernen, um in einer anderen Berufssparte eine Zukunft zu haben. Doch Nino möchte gar nicht zur Guardia Civil, denn was er von deren Vorgehen in jungen Jahren schon mitbekommt, lässt ihn mehr und mehr heimlich mit den Widerstandskämpfern sympathisieren, die sich in den Bergen versteckt halten. Sein engster Freund wird der schon erwachsene Pepe, der Portugiese, der sich in einer Mühle nach enttäuschter Liebe häuslich eingerichtet hat. Doch auch er kann ihn nur bedingt bewahren in Jahren des Mordens, der Vergewaltigung und des Verrats.....
Spanien nach dem 2. Weltkrieg, in einem kleinen Dorf in Andalusien. Auch hier hat die Diktatur die Menschen fest unter ihrer Knute. Ein Graben zieht sich durch die Bevölkerung. Auf der einen Seite die Anhänger von Franco, auf der anderen Seite die Sympathisanten mit den Roten. Weniger als man denkt sind tatsächlich neutral. Dies nun betrachtet durch die Augen eines kleinen Jungen, der in dieser unmenschlichen Zeit heranwachsen muss. Ein wenig Fluchtmöglichkeit findet er durch das Lesen spannender Abenteuerlektüre, mit welcher ihn seine Schreibmaschinen-Lehrerin versorgt. Doch insgeheim versorgt sie ihn noch mit viel mehr, der Chance, frei denken zu lernen.
Es liest Walter Kreye ohne große Schnörkel, ohne Stimmenverstellung, mit angenehmen Tonfall. Die vielen unterschiedlichen Personen die auftauchen, waren gut auseinander zu halten.
Trotz der 9 CDs mit über 10 Stunden Lauflänge handelt es sich um eine gekürzte Lesung (der Roman hat ca. 400 Seiten), was mir aber nicht negativ aufgefallen ist.
Mein erstes Werk von Almudena Grandes, das Interesse an weiteren weckt.
Fazit: Mit einem kleinen Jungen eintauchen in eine schreckliche Zeit von Freundschaft und Verrat, politischen Morden und Willkür.
- Wilfried Steiner
Der Trost der Rache
(12)Aktuelle Rezension von: romi89"Der Trost der Rache" ist eines jener Bücher, von denen ich im Vorhinein des Lesens ganz andere inhaltliche Vorstellungen hatte.
Das war allerdings nicht enttäuschend für mich, im Gegenteil - das hat die Lektüre sehr spannend und aufregend gestaltet.
Vordergründig geht es um einen Astronomen, der sich seinen großen Traum endlich erfüllen und das Gran Telescopio Canarias in La Palma einmal live sehen will.
Man lernt als Laie ganz nebenbei viele interessante Dinge über das Weltall und die wahnsinnigen Entdeckungen. Alles wir dgut und verständlich erklärt. Das war toll!
Doch im Kern der Geschichte geht es um Zwischenmenschliches, Menschenwürde, Vergangenheit, Schicksale, Zusammenhalt und viele andere ethische Werte.
Ich möchte nicht zu viel verraten, aber man erkennt auch so, denke ich, es geht um VIEL, Tiefgründiges.
Die Geschichte spielt sich auf mehreren Ebenen ab, ist durchsetzt von faszinierend treffenden Metaphern und so poetisch und sprachlich eindrucksvoll verfasst, dass einem oft nur ein anerkennendes Nicken bleibt.
Der Autor versteht sein Handwerk ausgezeichnet! Es reißt einen mit und lässt einen nicht mehr los!
Die Spannung wird immer wieder neu aufgebaut und erhält sich bis zur letzten Seite.
Es ist ein wirklich ungewöhnliches Buch, dass sich eigentlich nicht mit anderen vergleichen lässt.
Da ich tatsächlich nichts "Negatives" finde, bekommt es von mir auf 5 Punkte!
Es ist spannend, mitreißend und definitiv nicht nur empfehlenswert für Astronomen! - Rosa Ribas
Das Flüstern der Stadt
(52)Aktuelle Rezension von: walli007Die seit zwei Jahren verwitwete Mariona wird in ihrer Wohnung ermordet. Im Barcelona der 1950er Jahre kann es geschehen, dass eine polizeiliche Ermittlung von oben gelenkt wird. Der Staatsanwalt bestimmt den Ermittler Castro als leitenden Beamten. Dieser wiederum möchte, dass die Zeitung in seinem Sinne über den Fall berichtet. Allerdings ist sein üblicher Kontakt erkrankt und so bekommt die junge Journalistin Ana Martí den Auftrag, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Zunächst darf Ana einem Verhör beiwohnen, bei dem ihr gleich klar wird, wie Untersuchungen unter der Franco-Diktatur laufen. Es fehlt nicht viel und Castro hätte ihr den anschließenden Bericht in die Feder diktiert.
Hierbei handelt es sich um den ersten Band einer bisher dreiteiligen Reihe um die Journalistin Ana Martí und ihre Cousine Beatriz, eine Literaturwissenschaftlerin. Beide Frauen sind nicht frei in ihrer Berufsausübung. Dennoch fühlen sich sowohl Ana als auch Beatriz der Wahrheit verpflichtet. Und so erfüllt sich der Wunsch der Polizei, die Berichterstattung zu steuern zwar, aber nicht der Wunsch, dass es Ana damit auch bewenden lässt. Und die journalistische Art, Sachverhalte zu hinterfragen, ist der polizeilichen nicht so unähnlich. Es überrascht daher nicht, dass Ana Hinweise finden, die der Polizei nicht bedeutend genug erschienen.
Eine spannende Stadt in einer spannenden Zeit. Besonders am Anfang macht das Autorinnenduo Rosa Ribas und Sabine Hofmann klar, wie schwierig und eingeschränkt das freiheitliche Leben in der Diktatur war. Im weiteren Verlauf konzentriert sich die Handlung mehr auf die Nachforschungen der gewitzten Reporterin und ihrer vielleicht etwas phlegmatischen, aber keineswegs dummen Cousine. Mit einfachen Mitteln und ihrer Hartnäckigkeit lassen sie sich einfach nicht einbremsen. Da fallen die obrigkeitshörigen Polizisten doch ab. Dieser Kriminalroman gibt einen packenden Eindruck vom Spanien unter Franco, fokussiert sich aber letztlich auf den verzwickten Fall mit einer überraschenden Auflösung.
- Care Santos
Als das Leben vor uns lag
(36)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerCover: Das Cover ist sehr hübsch und wirkt nostalgisch weshalb es sehr gut zum Buch passt. Leider fehlt mir der inhaltliche Bezug ein wenig. Vielleicht wäre ein anderes nostalgisches Bild besser gewesen.Charaktere: Die vier Mädels sind alle sehr gut ausgearbeitet. Man erkennt ihr Komplexität, die im Laufe des Buches immer mehr Form annimmt. Die Verschiedenheit ihrer Charaktere und Leben zeichnet ein ziemliches gutes Bild der Gesellschaft.Inhalt: Vier Mädchen die sich aus dem Internat kennen und nach der letzten Nacht nie wieder etwas voneinander hören. Unausgesprochen liegen die Geschehnisse der letzten Nacht zwischen ihnen. Nach all den Jahren beschließt eine von ihnen ein Treffen zu arrangieren und jede von Ihnen bringt ihre eigenen Probleme mit. Das Thema hat von Anfang an Spannung versprochen. Das Setting ist eher ruhig und unspektakulär, dafür sind die Gespräche umso spannender. Stück für Stück offenbaren sich die Frauen einander und finden dabei mehr über sich selbst heraus als sie dachten. - Héctor G. Oesterheld
Eternauta
(4)Aktuelle Rezension von: TheSaintDiese wunderschöne Ausgabe des "Avant-Verlages" präsentiert neben einer Fülle bedrückender Informationen über den Comic-Künstler Héctor German Oesterheld samt Familie und einer ausführlichen Betrachtung des "Zeitreisenden" durch Estela Schindel auch den schön restaurierten bedeutendsten Comic Argentiniens in schwarz/weiß.
Dieser 1957 entstandene Comic zählt auch zu den wichtigsten literarischen Werken des Landes.
Vorliegend ist die erste Version des von Oesterheld mit dem Zeichner Francisco Solano López geschaffenen Comics von Ende der 50er Jahre.
Der deutliche politische Unterton des Comics bringt die beiden Künstler bald in Konflikt mit der argentinischen Regierung, die sie einzuschüchtern versucht. López emigriert daraufhin 1959, Oesterheld verbleibt und veröffentlicht 1969 eine neue - mit weitaus mehr politischen Referenzen versehene - Version unter Mitwirkung des Zeichners Brecchia.
Die Geschichte beginnt in einer Winternacht 1963, in einem Vorort von Buenos Aires, wo ein seltsamer todbringender Schneefall niedergeht (Anmerkung: es gab im 20. Jahrhundert in Argentinien weniger Schneefälle als Staatsstreiche in dem Land!), der beim geringsten Kontakt alles Lebende vernichtet. Eine Gruppe von Nachbarn überlebt diese Katastrophe. Mit Hilfe von selbst genähten Schutzanzügen und Tauchermasken sind sie in der Lage, in der sie umgebenden Apokalypse zu überleben.
Der todbringende Schnee ist die erste Stufe einer Invasion von Außerirdischen...
Nach und nach sammeln Juan Salvo und seine kleine Gruppe immer mehr Informationen über ihre Umgebung und die Aliens und können diese einer kleinen Restarmee der argentinischen Streitkräfte mitteilen. Gemeinsam treten die von Tod und Verderben umringten Menschen den Kampf gegen die übermächtigen Invasoren an...
Wie bei vielen Comics jener Zeit verarbeitet diese Geschichte allegorisch die atomare Bedrohung im Kalten Krieg und ist eine Reflexion über die virulente kubanische Revolution und des US-Imperialismus jener Tage.
Dieser hier sehr genau und äußerst spannend geschilderte Untergrundkampf Salvo's und der Seinen nimmt Oesterheld seiner eigenen Geschichte 20 Jahre später vorweg... Seine Töchter und er gehen selbst während der Militärdiktatur in den Untergrund... und verschwinden. Der Verbleib von Oesterheld's Überresten ist bis heute unbekannt...
Wenn man um diese tragische Geschichte weiß, besticht und fesselt dieser Comic mit seiner detailgetreuen und langsamen Darstellung und Erzählung noch mehr. Man fiebert mit Juan Salvo und seinen Mitkämpfern - freut sich über jede Information, die sie gewinnen und jeden kleinen Erfolg, den sie gegenüber den mächtigen Invasoren erringen... und ist betroffen, wenn es einen herben und verlustreichen Rückschlag gibt.
Juan Salvo ist kein Superheld, sondern ein Mann, der nur gemeinsam mit seinen Freunden stark ist - ein kleiner Held in der Gruppe.
Der Comic wird zu einem starken Plädoyer für Solidarität und Humanismus.
Er ist aber auch eine Parabel auf die politische Lage: Juan Péron wurde 1955 durch einen Militärputsch abgesetzt und eine jahrzehntelang andauernde Instabilität im Lande folgte.
Ein außerordentliches Werk - eine uneingeschränkte Empfehlung! - Jordi Sierra i Fabra
Das zweite Leben des Señor Castro
(6)Aktuelle Rezension von: Lia48INHALT:
Spanien, 1977: Franco ist nun seit mehr als 1 1/2 Jahren tot und die Diktatur zu Ende. Überall wird Wahlkampf betrieben. Es ist die Zeit des Umbruchs - die Demokratie zieht in das Land.
Mittlerweile wurde die Kommunistische Partei legalisiert, weshalb viele Menschen nach Spanien zurückkehren.
So auch der 61-jährige Rogelio Castro, der von allen für tot gehalten wird. Schließlich wurde er vor 40 Jahren im Krieg erschossen!
Die Augen werden deshalb groß, als der mittlerweile stattlich gewordene Mann, gemeinsam mit seiner Familie in sein kleines Dorf zurückkehrt.
Doch was ist damals tatsächlich geschehen?
Und wer hat ihn verraten?
Die Dorfbewohner stehen Kopf...
MEINUNG:
In diesem Buch stehen die Geschichte Spaniens vom Bürgerkrieg bis zum Beginn der Demokratie sowie die Beziehungen zwischen den Dorfbewohnern im Fokus.
Deshalb ist es ein eher ruhiges Buch mit wenig Handlung.
Die geschichtlichen Aspekte werden auch für den Laien sehr verständlich erklärt, was mich persönlich begeistert hat! Zudem wurde die spanische Geschichte wunderbar mit der Handlung des Buches verknüpft, so dass es auf mich alles andere als trocken wirkte. Ich mag es, wenn man ganz nebenbei beim Lesen ein Stück Geschichte für sich mitnehmen kann!
Auch das spanische Flair kam bei mir an, das Cover passt wunderbar und die Namen empfand ich als passend gewählt.
Das Buch wird aus recht vielen Perspektiven erzählt und es tauchen auch so einige Personen auf. Mir persönlich hat es aber geholfen, dass ich mir ein Namensregister angelegt habe.
Durch die vielen verschiedenen Blickwinkel erfährt man viel über die Menschen im Dorf und mit der Zeit wirkt die Geschichte dadurch auch rund und durchdacht.
Durch die vielen Wechsel in der Perspektive bin ich allerdings mit den Figuren kaum warm geworden, sie wirkten auf mich zu distanziert und bei mir kamen nur wenige Emotionen an. Erst gegen Ende konnte ich mich zumindest mit Rogelio anfreunden.
Dadurch, dass recht wenig passierte, fehlte mir hier und da die Spannung und es kamen immer wieder Längen auf.
Leider wirkte der Inhalt recht vorhersehbar auf mich. Trotzdem empfand ich den Schlussteil als gelungen.
Des Weiteren ist der Schreibstil recht einfach gehalten, lässt sich aber flüssig lesen. Meinetwegen hätte er gerne noch etwas mehr Charakter haben dürfen.
FAZIT: Ein eher ruhiges Buch mit der gut verständlich dargestellten Geschichte Spaniens. Jedoch blieben mir die zahlreichen Figuren durch die häufigen Wechsel in der Perspektive zu distanziert. 3-3,5/5 Sterne!
- Arturo Pérez-Reverte
Der Preis, den man zahlt
(104)Aktuelle Rezension von: Bellis-PerennisDer spanische Autor Arturo Pérez-Reverte, selbst einige Jahre Kriegsberichterstatter, entführt uns mit diesem ersten Teil einer Trilogie rund um den charismatischen Geheimdienstmitarbeiter Lorenzo Falcó in das Spanien von 1936 wo nach dem Sturz der Republik der Bürgerkrieg tobt. Zahlreiche größere oder kleiner Gruppierungen wollen mit Waffengewalt entweder ihre neu gewonnene Macht verteidigen oder einen weiteren Umsturz herbeiführen oder die alte Macht, sei es Monarchie oder Republik wieder herstellen.
„Falangisten, Sozialisten, Kommunisten oder Anarchisten - sie bekämpfen sich, obwohl man vor wenigen Monaten noch vieles miteinander geteilt hat“, in blutigen Straßenkämpfen. Noch ist höchst unklar, wer als Gewinner aus diesem Bürgerkrieg hervorgehen wird. Zumal ausländische Mächte versuchen, diesen instabilen Zustand für eigene Zwecke zu missbrauchen.
So bestehen zwischen den Putschisten des General Francos und Nazi-Deutschland enge Beziehungen. Die deutsche Rüstungsindustrie sieht den spanischen Bürgerkrieg als „Blaupause“ für kommende Ereignisse. Dass das Deutsche Reich in wenigen Tagen Francos Regierung anerkennen wird, ahnt man vielleicht mehr als man weiß. Ein heißer, chaotischer Herbst steht den verschiedenen Gruppierungen, die ihren eigenen Geheimdienst und eigene Miliz hat, bevor.
„Es war wie ein Scheiterhaufen, auf dem die besten ihrer Generation verbrannten oder noch verbrennen würden. Auf der einen Seite wie auf der anderen.“ (S.105)
In diesem gefährlichen Chaos hat Lorenzo Falcó klar umrissene Aufträge, die abgearbeitet werden müssen. Nach dem er zuerst eine Frau im Zug identifiziert hat, lautet die nächste Aufgabe, den prominenten Falangisten-Führers José Antonio aus dem Gefängnis von Alicante zu befreien. Dazu muss er mit einer lokalen Rebellengruppe zusammenarbeiten, die lediglich aus einem Mann und zwei Frauen besteht, darunter die zwielichtige Eva. Recht bald kommt es zu Meinungsverschiedenheiten, da die Rebellen weitere Gesinnungsgenossen befreien wollen, was aber Falcós Auftrag widerspricht. Zudem kommen sich Eva und Falcó näher als für ihn persönlich gut ist ...
Meine Meinung:
Autor Arturo Pérez-Reverte beleuchtet mit diesem ersten Band seiner Trilogie eine Facette des Spanischen Bürgerkriegs, der nicht allgemein so bekannt ist. Ja, man kennt die Legion Condor, die Internationalen Brigaden und das Massaker von Guernica. Aber die vielschichtigen Details, die Grabenkämpfe, Doppel-Strategien und private Racheakte, bleiben oft verborgen. Hier werden Falschspieler und Verräter enttarnt.
Sein Geheimdienstagent Lorenzo Falcó hat ein bisschen etwas von James Bond, ist er doch gut trainiert, charismatisch, liebt Maßanzüge, gutes Essen und schöne Frauen. Dabei kann er sich nicht sicher sein, ob sich nicht hinter einen hübschen Fassade eine Verräterin verbirgt. Zudem schafft er es immer wieder, dem Tod so gerade noch von der Schaufel zu springen. Doch ganz ohne Blessuren geht es nicht ab.
Ich habe vor kurzem „Der Italiener“ von Arturo Pérez-Reverte gelesen, das von den gefährlichen Einsätzen der italienischen Kampftaucher, die in der Straße von Gibraltar auf ihren „Maiale“ (=Schwein) genannten bemannten Torpedos zahlreiche Sabotageakte verübt haben, handelt.
Pérez Revertes penible Recherchen zu den Ereignissen in Spanien während der Jahre des Bürgerkriegs von 1936 bis 1939 und sein Talent, komplexe politische Zusammenhänge geschickt in die Handlung seiner historischen Romane einzubetten, kommen auch hier zum Einsatz.
Die Charaktere sind sehr gut gezeichnet. Lorenzo Falcó wird von seinem Auftraggeber, einem Marineoffizier, in dem er eine Art Vaterfigur sieht, als Befehlsempfänger und Söldner gesehen, dem es nicht zusteht, eine eigene (eventuell) abweichende Meinung zu haben bzw. sich Gedanken über seine Mission zu machen. Ich denke, das wird auf längere Sicht noch für Probleme sorgen. Seiner Arbeit als Spion geht er strategisch und minimalistisch nach. Mit den Idealen jenes Grüppchens, das ihm bei der Befreiungsaktion von José Antonio zur Hand gehen soll, kann er wenig anfangen.
Die Brutalität an manchen Stellen mag manchen Leser verstören, entspricht aber Realität.
Ich bin vom sachlich-spannenden Schreibstils des Autor begeistert. Auch der Übersetzung von Petra Zickmann muss Hochachtung gezollt werden. Band 2 („Der Tod, den man stirbt“) und 3 („Das Los. Das man zieht“) stehen schon bereit.
Fazit:
Dieser Auftakt zur Trilogie rund um den Spanischen Bürgerkrieg, die auf wahren Ereignissen beruht, hat mit sehr gut gefallen. Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, gebe 5 Sterne und eine Leseempfehlung.
- Moritz Rinke
Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García
(71)Aktuelle Rezension von: blauer_RegenDer vorliegende Roman stammt aus der Feder von Moritz Rinke, umfasst 362 Seiten und erscheint im Sommer 2021 bei Kiepenheuer & Witsch.
Als Hauptfigur wählt der Autor einen kleinen Postboten, den er völlig desillusioniert über die schöne Insel Lanzarote fahren lässt. Nicht, dass Pedro seinen Job nicht gerne macht, aber der Digitalisierung sei Dank gibt es für ihn nicht mehr wirklich viel zu tun. Da sein Alltag aber weiter wie gewohnt dahinplätschert, stört ihn das scheinbar nicht. Als ihn dann aber seine Frau verlässt und den gemeinsamen Sohn Miguel mitnimmt, gerät sein Leben doch aus der Bahn. Eine Entdeckung am Schreibtisch in seinem Büro, einem Erbstück seines Vaters, das Aufeinandertreffen mit einem Geflüchteten und der Kampf um den geliebten Sohn lassen den Roman dann doch gehörig Fahrt aufnehmen.
Für mich war der Plot schlüssig und gut nachvollziehbar, neben den liebevollen Details aus Pedros Alltag gespickt mit historischen Informationen, die mir bislang nur unzureichend bekannt waren (Stichwort "Feuerzauber"). Und so kombiniert Rinke auf geschickte Art und Weise Familiendrama in malerischer Kulisse mit geschichtsrelevanten Fakten zu einem tollen Buch.
Seine Sprache ist klar, unverstellt und durch viele Dialoge geprägt, was mir beim Lesen sehr entgegen kam. Das Cover ist ansprechend gestaltet und führt direkt zum Inhalt des Buches.
Ein rundum gelungener Roman, der sich - nicht nur - prima für einen Strandurlaub eignet. Daher bekommt er von mir eine klare Leseempfehlung. - Lluís Llach
Die Frauen von La Principal
(91)Aktuelle Rezension von: nati51Das Buch beginnt im Jahr 1940, kurz nach dem der Bürgerkrieg überstanden ist und Franco in Spanien die Macht übernommen hat. Vor vier Jahren wurde vor der Tür von La Principal in einem Sack der ermordete Vorarbeiter des Weingutes gefunden. Durch die Kriegswirren wurde dieser Fall nicht weiter untersucht, doch nun hat sich Inspektor Lluis Recader, ein Liebhaber der Bücher von Agatha Christie, dieses Falles angenommen. Er stattet dem Weingut La Principal einen Besuch ab und drängt die alte Hausbedienstete Ursula ihm Informationen zur Familie zu geben. Nach dem die Reblaus die Weinstöcke im Jahr 1893 befallen hat, zieht Vater Roderich mit seinen vier Söhnen nach Barcelona und lässt seine Tochter Maria auf dem Weingut zurück. Sie hadert mit ihrem Schicksal. Doch als der Vater stirbt und sie La Principal erhält, findet sie einen Weg mit viel Mut das Weingut wieder aufzubauen. Maria steigt zu einer mächtigen Frau auf und wird von allen nur die Alte genannt. Ihre Nachfolge tritt ihre Tochter Maria an, die Senyora, die auch eine schwere Bürde zu tragen hat.
Mir hat das Buch gut gefallen. Es ist ein vielschichtiger Roman, der eine historische Handlung mit dem damaligen Zeitgeschehen verknüpft, eine Mordtat aufklärt und eine Familiensaga, die bis in die heutige Zeit reicht, in der Maria Costa die Leitung des Weingutes hat. Zu Beginn habe ich mich etwas schwer getan, da die Hauptprotagonisten alle Maria heißen und bei Rückblenden war nicht immer gleich erkennbar, um welche Maria es sich handelt, obwohl in den Kapitelüberschriften immer Jahreszahlen angegeben waren.
Der katalanische Schriftsteller Lluis Llach hat einen klaren Erzählstil, den ich als sehr anspruchsvoll empfinde, der aber auch an einigen Stellen mit feinem Humor durchsetzt ist. Erstaunlich finde ich, dass ein männlicher Schriftsteller ein Gefühl für starke Frauen empfinden kann, die ihrer Zeit weit voraus waren. Es dürfte nicht leicht gewesen sein, sich als Frau in einem männlichen Umfeld zu behaupten, um das Weingut La Principal zu retten. Am Ende bleibt für mich aber noch eine Frage offen, die ich nicht nachvollziehen konnte. Weshalb wurden im Jahr 1940 alle Weinstöcke herausgerissen?
- Jaume Cabré
Eine bessere Zeit
(34)Aktuelle Rezension von: leseleaIch kann nicht aufhören zu reden. Ein ganzes Leben lang habe ich nicht geredet. (S. 227) – Und so redet Miquel II Gensana. Beziehungsweise er erzählt – und zwar nicht weniger als seine ganze Lebensgeschichte. In einem Restaurant, das früher einmal sein Elternhaus war, breitet er vor seiner Kollegin Julia nach dem Tod seines besten Freundes Boló sein Leben aus: Er erzählt von seiner Familie, deren Stammbaum sich bis ins 18. Jahrhundert nachvollziehen lässt und die in dieser Zeit mehr als ein Geheimnis gehütet hat; von seinem Ausbruch aus dem traditionellen Elternhaus und seinen Weg in den Untergrund während der Franco-Zeit; von seinen suchenden Jahren, die nie wirklich vorübergegangen sind; und von seiner großen Liebe zur Kunst – und einer Frau namens Teresa.
Ein üppiges, beinah überquellendes Epos stellt der neue 550 Seiten starke Roman Eine bessere Zeit von Jaume Cabré dar, der – so die erste Überraschung – im Original schon 1996 erschienen ist und somit deutlich vor den beiden Werken erschienen ist, die mich und viele andere Leser so begeistert haben, nämlich Die Stimmen des Flusses und Das Schweigen des Sammlers. Das erklärt vermutlich auch die zweite Überraschung, auf die ich während der Lektüre stoßen musste: Das mich dieses Buch deutlich weniger überzeugen und begeistern konnte als die oben genannten. Zwar beeindruckt Cabré auch schon hier mit einer Verflechtung verschiedenerer Zeitebenen sowie dem Dirigieren unzähliger Figuren und weiß vor allem durch ein kontinuierliches Spiel mit der Erzählperspektive sein literarisches Können zu zeigen. Allein: Er tut dies nicht so meisterhaft wie in seinen späteren Werken. Wo diese sich nämlich durch eine vollendete und wohldurchdachte Komposition auszeichnen, bleiben in Eine bessere Zeit zu viele Erzählfäden lose, zu viele Charaktere in ihrer Funktion undeutlich.
Auch die thematische Fülle handhabt Cabré nicht so wie ich es von ihm gewohnt bin, sondern scheint bisweilen eher überfordert zu sein. Eine bessere Zeit soll oder will Familienroman, politischer Roman und Bildungsroman in einem sein, doch werden diese verschiedenen Ansätze, vom Leben von Miquel zu erzählen, nicht optimal miteinander verwebt. Dies führt gleichzeitig zu Längen und zu Brüchen, vor allem der zweite Teil, der dann auch noch Liebesroman sein will, fügt sich meiner Meinung nach nicht reibungslos in das vorab Erzählte ein und setzt auf zu viel Tragik und Gefühl.
Dennoch bleibt alle Kritik letztlich ein Meckern auf hohem Niveau. Cabré setzt in Eine bessere Zeit ein starkes Zeichen, welche Art des Erzählens er verfolgt. Ein nicht-lineares, ein assoziatives und vor allem ein den Leser forderndes Erzählen, das durchaus – oder gerade deswegen – etwas ungemein Einnehmendes hat. Seine Romane, so auch dieser neue alte, erzeugen einen ganz eigenen Sog, sind durchaus spannungsgeladen und bestechen eher durch die Art, wie erzählt wird und nicht unbedingt, was erzählt wird. Insgesamt bleibt Eine bessere Zeit zwar hinter meinen Erwartungen zurück, dennoch bleibt es ein typischer Cabré, der mich mit seiner Erzählkunst fesseln konnte. Sicherlich ein Buch für Leser, die bereits Fan des Autors sind und nicht unbedingt für Neu-Entdecker. 3,5 Sterne!
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