Bücher mit dem Tag "frühe neuzeit"
80 Bücher
- Daniel Kehlmann
Tyll
(319)Aktuelle Rezension von: Hubertus_FeldmannWer bei dem furiosen Auftakt noch gedacht hatte, dass ein solches Niveau wohl nicht durchzuhalten sei, reibt sich am Ende der Lektüre verwundert die Augen: Ist das möglich? Welches vertiefende Lesen, welches Nachdenken über eine längst vergangene Zeit (30-jähriger Krieg) ist erforderlich, um so stilsicher, auf schwierigem Parkett, eine solche Geschichte zu erzählen, die so abstrus wie unterhaltsam, so voller Klamauk, bei immer auch vorhandenem Ernst (wenn auch meist mit einem Augenzwinkern), daherkommt? Wo Tod und Leben so nahe beieinander wohnen, dass sie nur durch eine solche Erzählweise einigermaßen zu ertragen sind. Es wird viel gelitten und viel gestorben in diesem aktuellen Roman von Daniel Kehlmann. Die Liebe wird in dieser Zeit noch etwas anders definiert, sie ist allerdings spürbar – trotz aller Wirrnisse.
Es ist dieser Schreibstiel voller Brillanz, makellos und hinterhältig zugleich, der diesen Roman auszeichnet. Mit dem allerdings Inhalte transportiert werden, die alles andere als elegant zu bezeichnen sind, eher abscheulich bis grotesk, teilweise oberhalb der Schmerzgrenze. Auch wenn damit zum Teil Nachdenkliches mitgeliefert wird und sogar neuere Erkenntnisse der Hirnforschung auftauchen: „Stattdessen [um vor lauter Hunger nicht immer nur an essbare Dinge zu denken] kann man ans Jonglieren denken, das sich nämlich auch in Gedanken üben lässt – man wird dadurch besser.“
Man könnte den Inhalt dieses Buches allerdings auch anders sehen, beispielsweise so. Was passiert mit den historischen Ereignissen, wenn man die Handelnden zu tumben Hampelmännern degradiert, wenn die historischen Ereignisse verballhornt werden, nur um auf Seiten des Lesers Lacher (und damit Anhänger) zu generieren? Der größte Erfolg für denjenigen, der den Zeitgeist unterhaltsam trifft, wenn auch mit tiefsinnigem Nonsens? Zum Glück steht auf dem Buchdeckel „Roman“ und nicht Geschichtsbuch.
(3.4.2018)
- Petra Schier
Der Hexenschöffe
(92)Aktuelle Rezension von: LesebesessenGanz Deutschland wird von Hexenjägern heimgesucht. Auch Rheinbach ist betroffen, denn auch dort ist eine Hexe „besagt“ worden. Herman Löher ist direkt betroffen, weil er als wohlhabender Kaufmann im Ort die Rolle eines Schöffen einnimmt.
Meinung:
Ein historischer Roman.
Schon nach den ersten Seiten ist die Gesamtstimmung sehr dunkel, denn was diese Hexenprozesse und die anschließenden Verbrennungen auslösen ist offensichtlich. Die Hexenprozesse wurden ja damals mit scheinbaren Nadelproben eingeleitet, bei denen die Opfer nicht bluten, oder wenn dann nur, weil der Teufel verhindern will, dass man die Hexe als solche erkennt.
Genau von dieser Widersprüchlichkeit ist der ganze Prozess geprägt. Außerdem führt die Folter schlussendlich immer zum gleichen Ergebnis, nur dass die Betroffenen anschließend noch mehr oder weniger wahllos Namen von Mithexen verraten. Als die Prozesse dann beendet sind, sind die Opfer so gebrochen, dass ihnen alles egal ist.
Doch die „Besagung“ anderer Mithexen führt dann mehr oder weniger wahllos dazu, dass halbe Ortschaften zum Schluss betroffen sind. Herman jedenfalls kennt das Prozedere von früher und kann es auch diesmal nicht gutheißen. Doch als einzelner Schöffe kann er gegen die Ja-Sager der anderen Schöffen nichts ausrichten und zu heftig darf er auch nicht für die Hexen eintreten, da er sich damit als Hexenbeschützer outet.
Die Nebenhandlung der Familie von Herman wird schnell von der Hexenjagd beschattet, sodass ich als Leser auch die Auswirkungen auf die Entwicklung und die emotionale Verfassung der restlichen Familienmitglieder mit durchleide.
Genauso schlimm ist, dass viele diese Gelegenheit aus persönlichen Gründen nutzen, um ihre scheinbaren Gegner oder Widersacher aus dem Weg zu räumen und so nimmt diese Hexenjagd im fortgeschrittenen Stadium ungeahnte Ausmaße an.
Fazit:
Hochemotionale Auseinandersetzung mit einem der schlimmsten Irrwegen der deutschen Geschichte: fünf Sterne.
- Astrid Fritz
Die Hexe von Freiburg
(221)Aktuelle Rezension von: MelLilaDieses Buch las sich durchaus erwartungsgemäß. Es ist aber immer wieder erschreckend zu sehen, oder in diesem Fall halt zu lesen, wie die Hexenprozesse abgelaufen sind. Ansonsten kann ich mich dem Klappentext nur anschließen, eine für ihre Zeit unfassbar starke Frau mit einem schlimmen Schicksal.
- Iny Lorentz
Die Perlenprinzessin. Rivalen
(61)Aktuelle Rezension von: KathrinZEigentlich ist es ein recht gutes Buch – zumindest, wenn man noch nicht viele Werke von Iny Lorentz gelesen hat. Da die Handlung drei Generationen umfasst, gibt es große Zeitsprünge, die mich etwas irritiert haben. Manches wirkte etwas überhastet. Die Charaktere hätten für mich noch etwas mehr Tiefe vertragen können, um emotional ganz bei ihnen zu sein.
Ungewohnt für das Autoren-Duo war für mich auch der Cliffhanger am Ende; dass die Geschichte so offen bleibt, ist neu in ihrem Stil. Positiv hervorzuheben ist das historische Setting in Hamburg zur Zeit Napoleons, auch wenn es für meinen Geschmack tiefer hätte gehen können – gerade die Schifffahrt hätte Potenzial für mehr Abenteuer geboten.
Fazit: Für Lorentz-Neulinge ein schöner Zeitvertreib mit Romantik und Drama. Für treue Fans eher gewöhnungsbedürftig. Deshalb bekommt der Roman von mir 3 Sterne.
- Iny Lorentz
Flammen des Himmels
(71)Aktuelle Rezension von: BluejayPrimeKlar, hohe Literatur sucht man bei diesen Schreibern eh vergebens, doch die meisten ihrer Bücher sind immerhin unterhaltsam und kurzweilig. Das hier zieht sich über Stunden als Wechsel zwischen völlig an den Haaren herbeigezogener, exzessiver Gewalt und langweiligen, "wir diskutieren mal die historische Lage"-Szenen zwischen den männlichen Charakteren hin. Die Protagonistin ist wie immer die einzige mit Durchblick, unfehlbar, wunderschön und schlau, aber das an sich kennt man ja ebenfalls schon und wäre kein Störfaktor, wären nicht diesmal auch wirklich alle anderen Charaktere absolute Parodien im Stil von Cartoon-Bösewichten, die nur mit ihrer Libido denken und ansonsten nichts zu tun haben. Persönliches Highlight sind Dinge wie "ach, der hat mich zwar mit seinem Kumpel zusammen abgefüllt und missbraucht, aber anfreunden können wir uns ja trotzdem, immerhin hatte der voll die schlimme Kindheit" und "wenn ich der Trulla nur lange genug nachlaufe, wird sie sich schon irgendwann in mich verknallen, richtig?", zusätzlich zu der Szene, wo die Protagonistin den nackten Körper ihres missbrauchten jüngeren Bruders (im Teenageralter) bespannert und Vermutungen über seinen Penis anstellt. Was zum Teufel bin ich lesend?
Das Thema "Inquisition" ist in seiner Aufarbeitung hier eine böswillige Karikatur, die mit historischer Realität kaum etwas zu tun hat. "Sauber recherchiert" sind hier nur die ganz, ganz groben Fakten, die man in ihrer Form so auch auf Wikipedia nachlesen kann. Man kann es lesen, um sich drüber lustig zu machen, aber dafür würde ich eher empfehlen, das Buch aus der Bücherei oder einem Bücherschrank zu angeln, anstatt Geld dafür auszugeben. - Albrecht Sommerfeldt
Von Huren, Bettlern und Glunterschratzen: Historischer Kriminalroman
(50)Aktuelle Rezension von: MarthaAGNachdem ich 2022 den historischen Kriminalroman „Der Pesthof“ (Hamburg, 1619) und den Band „Gassengeflüster“ mit vier schwarzen, historischen Geschichten gelesen habe, musste ;-) ich auch „Von Huren, Bettlern und Glunterschratzen“ lesen, denn Albrecht Sommerfeldts Zeitreisen in die Anfänge des 17. Jahrhunderts und u.a. ins Hamburg der damaligen Zeit sind wahrlich faszinierend.
Dieses Buch nun (ent)führt mich ins Hamburg der Jahre 1617 und 1618, spielt also zeitlich vor dem „Pesthof“, was absolut unproblematisch ist, da alle Geschichten in sich abgeschlossen sind.
Zum Inhalt selbst werde ich nicht viel verraten, denn schließlich kann und sollte jede(r) diese fesselnde Geschichte selbst erlesen und erleben.
Schon vertraut mit dem flüssigen und zur damaligen Zeit wunderbar passenden Schreibstil des Autors, bin ich gleich mittendrin im Geschehen, in den Straßen und schmutzigen Twieten Hamburgs, sehe dank der wunderbaren und historisch genauen Schilderungen des Autors die Behausungen der Bewohner des Armenviertels St. Jakobi vor mir und gehe mit Johann Gabelschlag, seines Zeichens Veteran und Tagelöhner, durch die Stadtviertel Hamburgs, in düstere Kneipen, zum Bader und zu manch anderer Gestalt, deren Beschreibungen so bildhaft sind, dass man meint, sich mitten unter ihnen und sich, genau wie Johann, wiederholt in Gefahr zu befinden.
Es entspinnt sich eine spannende Geschichte, die mich von Anfang an packt. Ich ermittle gemeinsam mit Johann, denn, ja, es gilt, rätselhafte und teils mysteriöse Vermisstenfälle aufzuklären. Ich leide mit Johann, bange um ihn und kämpfe ;-) an seiner Seite. Figuren, die ich schon im „Pesthof“ kennengelernt habe, begegnen mir hier wieder, so dass ich etwas von ihrer Vorgeschichte erfahre; andere hingegen lerne ich hier kennen, unter ihnen ärmliche Handwerker und windige Händler, am Hungertuch nagende Bettler und bemitleidenswerte Habenichtse, gefährdete Huren und gefährliche Gauner.
Auch sprachlich ist diese Geschichte (be)merkenswert, denn so manche Gestalt spricht Rotwelsch, eine Art Geheimsprache, durch deren Gebrauch Gesprochenes für Fremde und Angehörige der höheren Schichten möglichst unverständlich sein soll. Keine Sorge, ein Glossar erläutert viele Begriffe, obwohl einige sich schon aus dem Zusammenhang heraus selbst erklären.
Was ich hier lese, fesselt mich, auch wenn die Ereignisse und deren Darstellung immer wieder erschütternd sind, zuweilen sogar erschreckend, aber so war sie wohl, die damalige Zeit, die Gesellschaft und das Leben überhaupt (nicht nur) in Hamburg vor mehr als 400 Jahren.
„Von Huren, Bettlern und Glunterschratzen“ (die Letztgenannten sind die im Rotwelsch so genannten Kinder von Huren) möchte ich ausdrücklich all denen empfehlen, die – ob nun als Kenner oder Genre-Neulinge - eine historische, hervorragend recherchierte, bildhaft geschriebene, fesselnde und spannende Kriminalgeschichte lesen und mit dieser eine auch sprachlich interessante Zeitreise in eine ganz andere Zeit, ich würde fast sagen, in eine noch so ganz andere Welt machen möchten.
Von mir gibt es – genau wie schon für die anderen, oben genannten Bücher von Albrecht Sommerfeldt - 5 große ;-) histo-kriminalistische Sterne!
- Uwe Schultz
Richelieu
(6)Aktuelle Rezension von: Andreas_OberenderWer sich als Deutscher für Kardinal Richelieu interessiert, der hat große Mühe, Bücher in deutscher Sprache zu finden, die sich auf der Höhe des heutigen Forschungsstandes bewegen. Die dreibändige Biographie von Carl J. Burckhardt, erschienen zwischen 1935 und 1967, ist für historisch interessierte Laien viel zu umfangreich und überdies inhaltlich veraltet. Veraltet sind inzwischen auch die ins Deutsche übersetzten Biographien von Philippe Erlanger (deutsche Ausgabe 1975) und Daniel Patrick O'Connell (deutsche Ausgabe 1978). Die derzeit in Frankreich maßgeblichen Biographien von Roland Mousnier (1992) und Françoise Hildesheimer (2004) wurden nicht ins Deutsche übersetzt und haben allenfalls in Fachkreisen Beachtung gefunden. Der deutsche Buchmarkt hat derzeit nur die Richelieu-Biographie von Uwe Schultz zu bieten. Schultz ist ein ehemaliger Rundfunkredakteur, der seit seiner Pensionierung auf dem Gebiet der französischen Geschichte herumdilettiert. Für jeden anspruchsvollen Leser sind Schultz' Bücher ein Ärgernis. Die Richelieu-Biographie ist keine Ausnahme. Sie taugt genauso wenig wie Schultz' Biographien über Heinrich IV., Ludwig XIV. und Madame de Pompadour.
Wer wie Schultz alle zwei Jahre ein neues Buch auf den Markt wirft, der hat keine Zeit für eine intensive Beschäftigung mit Quellen und Sekundärliteratur. Um sich die Arbeit zu erleichtern, beschränkt sich Schultz stets darauf, eine begrenzte Zahl von älteren Biographien auszuschlachten. Für seine Richelieu-Biographie hat er vor allem das Werk von Michel Carmona (1983) herangezogen, das nicht einmal zu den besten Richelieu-Biographien zählt. Fast ein Drittel der 381 Endnoten verweist auf Carmonas Buch. Die viel bedeutenderen Biographien von Mousnier und Hildesheimer tauchen zwar in der (sehr knappen) Bibliographie auf, haben jedoch in Schultz' Darstellung keine erkennbaren Spuren hinterlassen. Das Gleiche gilt für einige wichtige Arbeiten angelsächsischer Historiker. So verwundert es nicht, dass Schultz einen Kardinal Richelieu präsentiert, der in einem längst vergangenen historiographischen Zeitalter steckengeblieben ist. Der Kardinal wird als ein von Ehrgeiz zerfressener "Machtmensch" vorgestellt, als Staatsmann, der Frankreich "zur Einheit gezwungen" und dem "politischen Monozentrismus unterworfen" habe. Kein seriöser Historiker würde heute noch mit solch simplen und plakativen Gemeinplätzen arbeiten. Auch die Behauptung, Richelieu sei auf territoriale Expansion erpicht gewesen und habe für Frankreich die "Dominanz in Europa" angestrebt, erinnert an die verstaubten Klischees der älteren Geschichtsschreibung. Schultz findet keinen eigenständigen Zugang zu Richelieu; er plappert alte Lehrmeinungen nach, die die Geschichtswissenschaft längst hinter sich gelassen hat. Zu dieser Ahnungslosigkeit in Bezug auf den Forschungsstand passt auch der unkritische und unreflektierte Umgang mit den wenigen Quellen, die Schultz benutzt. Richelieus Memoiren und "Politisches Testament" sind problematische Quellen, die mit Umsicht und Skepsis zu benutzen sind. Schultz zieht diese Selbstzeugnisse nur heran, um seinen Text mit ein paar griffigen Zitaten aufzuhübschen. Auf eine eingehende Analyse wartet der Leser vergebens.
Die Biographie verharrt auf einer rein anekdotischen Ebene. Schultz schildert Richelieus Aufstieg zur Macht und seine langjährige Tätigkeit als Erster Minister Ludwigs XIII. im Stile eines Mantel-und-Degen-Romans, als endlose Abfolge von Intrigen, Kabalen und Verschwörungen. Mit sichtlichem Genuss ergeht sich Schultz in der Kolportage höfischer Klatsch- und Skandalgeschichten (Königin Anna und der Herzog von Buckingham!). Es fehlt eine strukturgeschichtliche Analyse der Bedingungen, unter denen Richelieu tätig war. Wie sah das politische System aus, und mit welchen Institutionen hatte Richelieu im politischen Alltagsgeschäft zu rechnen? Es wird nicht herausgearbeitet, wie groß - oder eher wie begrenzt - die Handlungs- und Gestaltungsspielräume des Kardinals waren. Da Schultz ein tiefgehendes Verständnis für die politischen Strukturen Frankreichs im 17. Jahrhundert fehlt, überschätzt er durchweg die Leistungen des Kardinals. Einmal mehr erscheint Richelieu als kühl kalkulierender Techniker der Macht, als skrupelloser Manipulator und dämonisch-genialer Strippenzieher, als "weitblickender Staatsmann, der die europäischen Mächte unter wachsamer Kontrolle hielt" (S. 309). Erwartungsgemäß wird der Kardinal zum Schöpfer des Absolutismus erklärt. Glaubt man Schultz, so hat Richelieu "die Macht des alten Feudaladels endgültig gebrochen und Frankreich auf dem Weg zum modernen Zentralstaat einen großen Schritt vorangebracht" (S. 232). Dieser Befund könnte auch aus einem französischen Lehrbuch aus der Zeit der Dritten Republik stammen. Wie die heutige Forschung Richelieus historische Rolle bewertet, das wird der Leser von Uwe Schultz nicht erfahren.
Ärgerlich ist an diesem Buch nicht nur der Inhalt. Schultz bedient sich einer gespreizten und pompösen Sprache. Er neigt zu barocker Gewundenheit und Schwülstigkeit. Stilblüten, missglückte Formulierungen, abgedroschene Phrasen und der übermäßige Gebrauch von Adjektiven wie "grandios" und "glorios" verunstalten den Text: "ein Mann mit zahlreichen Hintertüren" (S. 25); "turbulente Pikanterien" (S. 145); "ein exzessiv vitales Poem" (S. 284); "loderndes Feuer der Leidenschaft" (S. 295). Bei Ludwig XIII. diagnostiziert Schultz "eine Variante asketischer Homosexualität bis zum Extrem des Lächerlichen" (S. 87). Als Ludwigs Gemahlin Anna von Österreich wider Erwarten schwanger wird, wandelt sich der König zum "zärtlichen Beobachter ihrer körperlichen Beschwernisse" (S. 147). Bezogen auf die Königinmutter Maria de Medici heißt es: "Die Ereignisse, die sich in Paris abspielten, waren geeignet, ihren Unmut zu vergrößern" (S. 115). Über Richelieus Schwester Nicole du Plessis wird mitgeteilt, sie sei "in erhöhtem Ausmaß mit jenen bizarren Obsessionen der Familie belastet" gewesen, "die extremen Ehrgeiz bis an die Grenzen des Wahnsinns verursachen konnten" (S. 235). Über die Lebedame Madame de Chevreuse erfährt man: "Nun aber war sie, eine faszinierende Schönheit und zugleich eine raffinierte Intrigantin mit dem Hang zu romantischen Eskapaden, die ihren Gemahl mit diversen Herren des Hofes betrog und sie in ihre Abhängigkeit brachte, ihrerseits in die Falle einer Leidenschaft geraten, die sie sogar mit dem seltenen Merkmal der zeitweisen Treue zu versehen verstand" (S. 146). Wenn man solche gestelzten Schwurbeleien liest, dann fragt man sich, wer die Leute sind, die beim Verlag C.H. Beck Manuskripte lektorieren.
Auch dieses Buch von Uwe Schultz kann man getrost ignorieren. Deutschen Lesern bleibt nichts anderes übrig, als weiter auf eine seriöse Richelieu-Biographie zu warten, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt.(Hinweis: Diese Rezension habe ich zuerst im Februar 2016 auf Amazon gepostet)
- Julius Arth
Die Brücke von London
(138)Aktuelle Rezension von: Heimelina"Die Brücke von London" wird aus der Sicht von verschiedenen Personen aus unterschiedlichen Schichten erzählt:
- eine Tuchhändlerin, die nach dem Tod Ihres Mannes das Geschäft weiterlaufen lassen muss und dabei einige Steine in den Weg gelegt bekommt
- einen Straßenjungen, der durch einen glücklichen Zufall bei der Tuchhändlerin unterkommt und ihr zusammen mit weiteren Straßenkindern hilft, das Geschäft zu retten
- und einen Bauarbeiter, der frisch im Bridgehaus angestellt wird und dort dafür sorgen muss, dass sich die Brücke in einem guten Zustand befindet und alle Geschäfte ordnungsgemäß betrieben werden.
Der Autor verknüpft all diese Schicksale gekonnt miteinander, sodass ein spannender Plot entsteht. Zeitlich angesiedelt ist die Geschichte zur Zeit des Jakobiter-Aufstandes, der den Fans der Outlander-Serie bekannt sein sollte. Ich fand es nach der Serie sehr spannend eine Geschichte aus derselben Epoche zu lesen.
Zusätzlich wird parallel ein Handlungsstrang aus der Bauzeit der Brücke eingebaut, wo die Kirche viel Einfluss hat und auch Themen wie die Hexerei ein großes Thema sind.
Bis zum Schluss hat sich mir nicht erschlossen, wie dieser Handlungsstrang zu dem Haupt-Plot passen soll. Am Ende ergibt aber alles Sinn. Wobei die Auflösung meiner Meinung nach mehr Seiten in Anspruch hätte nehmen und einige Dinge mehr erklärt hätten werden können.
Insgesamt ein spannendes zeitgenössisches Werk, welches mich beim Lesen in die jeweiligen Epochen zurückversetzt hat. Die Charaktere waren toll ausgearbeitet und man hat sie gern gehabt und gerne von ihnen gelesen.
- Bart Van Loo
Burgund
(8)Aktuelle Rezension von: _Dark_Rose_Das Reich Burgund – oder wie man Geschichte spannend, locker und unterhaltsam erklärt
Habt ihr schon einmal von „Burgund“ gehört? Wer jetzt sagt: das ist doch eine Region in Frankreich – ja, ist es, heute. Aber einst war es ein eigenständiges Reich. Ein Reich, das 1111 Jahre bestand. Durch seine Lage zwischen Frankreich und den Niederlanden spielte es oft eine Rolle auch bei zentralen Konflikten – es hatte sogar mal einen „eigenen“ Erbfolgekrieg.
Ich mochte euch nicht mit Fakten bombardieren, aber erklären, warum ich dieses Buch liebe und richtig verschlungen habe. Nicht nur, weil ich schon immer Geschichte geliebt habe und Burgund mir mehr als einmal begegnet ist, sondern vor allem wegen Bart Van Loo. Ich gestehe, dies ist mein erstes Buch von ihm, aber ich bin wirklich total begeistert. Allein schon der Aufbau – wie in meiner Überschrift formuliert er zu jeder „seriösen“ Überschrift auch gleich noch eine „oder“-Erklärung und die sind so treffend formuliert, dass man sogar lachen muss, auch wenn es ernste Themen sind. Ich denke nur jemand, der sich wirklich so richtig, richtig mit einem Thema auskennt, schafft es, es so gut zu erklären. Nehmen wir mal uns selbst, man verfällt bei Themen, in denen man sich sicher fühlt auch in locker flockige Erklärungen, aber für Sachbücher gerade im Bereich Geschichte ist das äußerst selten.
Ich persönlich liebe die Art, wie hier Geschichte verpackt wird. Das Buch ist unheimlich informativ, mit Liebe gestaltet und absolut nicht trocken. Ich fand es total interessant und spannend und regelmäßig musste ich auch grinsen.
Viele halten Geschichte noch immer für langweilig, trocken, verstaubt und uninteressant, aber Bart Van Loo zeigt es all diesen „Zweiflern“, denn selten fühlt sich Geschichte so lebendig an.
Die Geschichte Burgunds wird nicht nur dargelegt, sondern zieht sich bis in die heutige Zeit. Wäre Burgund nicht gewesen, wäre unsere heutige Welt eine andere – da ist sich Van Loo sicher.
Fazit: Ich persönlich fand das Buch wirklich richtig gut, total unterhaltsam, interessant und mal was ganz anderes. Dem einen oder anderen ist die Sprache wahrscheinlich zu plakativ, aber ich fand das ehrlich gesagt erfrischend. Ich konnte es kaum aus der Hand legen. Wenn man mal eine ganz andere Art „Geschichtsbuch“ lesen möchte, ist man hier definitiv richtig!
Von mir bekommt das Buch volle 5 Sterne.
- Yuval Noah Harari
Fürsten im Fadenkreuz
(6)Aktuelle Rezension von: Olaf_RaackDas Buch bietet einen interessanten Einblick in taktische Operationen kleiner Spezialeinheiten in mittelalterlichen Konflikten, die große Auswirkungen auf die Geschichte hatten oder bei Erfolg hätten haben können. Beleuchtet wird der Zeitraum zwischen 1100 und 1550. Ich finde das Buch durchaus empfehlenswert, wenn man denn die Muße aufbringt, sich durch eine Vielzahl von Jahreszahlen, Orte, Personennamen und die diversen Karls, Ludwigs, Philips und Edwards des Mittelalters zu wühlen.
- Hans Pleschinski
Nie war es herrlicher zu leben
(4)Aktuelle Rezension von: kikigoTagebuch, Königshof, Frankreich - Toby Lester
Der vierte Kontinent
(2)Aktuelle Rezension von: WinfriedStanzickDieses voluminöse Buch ist ein Leckerbissen für Menschen, die sich für Kulturgeschichte interessieren, insbesondere für die Geschichte der Entdeckung der Welt in den Jahrhunderten, bevor Kolumbus in Amerika anlandete. Lange Zeit kannten die Menschen und Wissenschaftler Europa, Afrika (in Teilen) und Asien. Dorthin gab es Handelsbeziehungen und zum Teil bedeutenden kulturellen Austausch. Immer wieder aber wurde fantasiert über einen „vierten Kontinent“ jenseits des Ozeans. Als dann 1507 der deutsche Kartograph Martin Waldseemüller eine Karte veröffentlichte, bekamen diese Spekulationen erstmals wissenschaftlichen Boden. Sie bedeutete einen Wendepunkt. Doch bald ging sie wieder verloren und galt als verschollen Toby Lester erzählt in dem Buch die Geschichte dieser Karte, mit der er sich zwei Jahre beschäftigt hat. Ein großes Werk, dabei absolut verständlich und anschaulich geschrieben. - Fabian Lenk
Die Zeitdetektive - Shakespeare und die schwarze Maske
(5)Aktuelle Rezension von: lauchmotteÜber einen geheimnisvollen Zeitraum, genannt Tempus, können die Zeitdetektive (Kim, Julius, Leon und ihre Katze) an jeden beliebigen Ort in der Vergangenheit reisen und vor Ort am damaligen Leben teilnehmen. Spannende Rätsel, mysteriöse Begebenheiten und ungeklärte Todesfälle weckten bereits in den 34 vorherigen Bänden das Interesse der Kinder. Die große Anzahl an Folgebänden zeigt bereits deren Erfolg und das nicht ohne Grund. Über spannende Kriminalfälle - angesiedelt in historischen Kontexten - gelingt es dem Autor Fabian Lenk, Kinder für Geschichtswissen zu begeistern. Diesmal führt Tempus die Detektive nach London. Im Jahr 1594 besuchen sie das Theatre im Ortsteil Shoreditch, um sich eine Aufführung von Romeo und Julia mit Shakespeare persönlich in einer der Rollen anzusehen. Dort begegnen ihnen nicht nur Freunde, sondern auch Feinde Shakespeares. Als bei einer Aufführung der Theatervorhang in Flammen aufgeht, ein Dieb wertvolle Manuskripte aus Shakespeares Haus klaut und ein Schauspieler der konkurrierenden Theatergruppe Admirals's Men den berühmten Dichter auf offener Straße und vor Publikum bedroht, ist guter Rat teuer und so manche Situation für die vier Freunde nicht ungefährlich. So ist dieser Band zart besaiteten Kindern nicht zu empfehlen, da zwar keine blutigen Szenen ausgeschmückt, aber doch nervenaufregende Bedrohungsszenarien erschaffen wurden. Wer die vorherigen Bände und damit auch die Zeitdetektive nicht kennt, wird auf den beiden ersten Seiten zunächst eingeführt. Wem dies bereits bekannt ist, der kann gleich zum ersten Kapitel übergehen. Die Erzählung ist mit einem kurzen Einstieg von Anfang an spannend. Verstrickungen zwischen den Figuren und eine falsch gelegte Fährte, wodurch der bzw. die Täter erst im vorletzten Kapitel ertappt werden, ziehen die jungen Leser bis zum Ende in ihren Bann. Im Anschluss folgt wie gewohnt eine sachliche Information über historische Tatsachen und fiktionale Anteile der Geschichte. Letzteres überwiegt in diesem Band, da über William Shakespeare verhältnismäßig wenig bekannt ist. Sämtliche kursiv geschriebene Worte wie Namen, Orte oder Begriffe aus der genannten Zeit finden sich im letzten Teil des Buches im Glossar wieder und werden hier kurz erklärt. - Alf Lüdtke
Sicherheit und Wohlfahrt. Polizei, Gesellschaft und Herrschaft im 19. und 20. Jahrhundert
(1)Noch keine Rezension vorhanden - Wendy Wauters
Die Gerüche der Kathedrale
(46)Aktuelle Rezension von: Anika2Wendy Wauters’ Buch "Die Gerüche der Kathedrale" ist ein faszinierendes Porträt der Antwerpener Liebfrauenkirche im 16. Jahrhundert, das weit über architektonische Betrachtungen hinausgeht.
Mit eindringlicher Detailfreude rekonstruiert Wauters das dichte Alltagsleben rund um das sakrale Bauwerk – einen Ort, an dem religiöse Praxis und profane Geschäftigkeit untrennbar miteinander verwoben waren. Die Autorin macht den Raum absolut sinnlich erfahrbar: Es riecht, tönt und vibriert auf jeder Seite.
Ob Leichengestank oder teures Parfüm, Gebetsstille oder Marktschreie – alles existiert gleichzeitig. Dabei gelingt es Wauters, historische Fakten und atmosphärische Dichte so zu verweben, dass man als LeserIn tief in die frühneuzeitliche Lebenswelt eintauchen kann. Ein ungewöhnlich sinnliches Geschichtsbuch mit viel Tiefgang.
- Susanne Billig
Die Karte des Piri Re'is
(5)Aktuelle Rezension von: SikalEines gleich vorweg:
Die Karte des Piri Re’is ist in manchen Kreisen als Mythos wohl gut bekannt und sorgt für einiges an Gesprächsstoff und Verwirrung – mit diesen Mythen hat das hier beschriebene Buch sehr wenig bis gar nichts zu tun. Weltverschwörungsanhänger oder solche die glauben, die Karte des Piri Re’is wäre aus einem UFO fotografiert, sei gesagt, dass dieses Buch nicht den Mythos um die Karte beschreibt oder gar erweitert, sondern mit wissenschaftlichem Vorgehen die tatsächlichen Hintergründe der Karte untersucht.
Susanne Billig hat auf Grund von Untersuchungen Fuat Sezgins, Professor für Geschichte der Naturwissenschaften, ein Buch geschaffen, welches nur wenig Spielraum für oben genannte Mythen lässt. Akribisch werden die Errungenschaften der arabisch-islamischen Welt und deren Einfluss auf den Westen dargestellt und erläutert.
Um die Herkunft der im Titel genannten Karte zu hinterfragen, wird bis zurück ins neunte Jahrhundert gegangen und Astronomie, Nautik, Geografie und Kartografie der arabischen Raumes erläutert. Die Autorin greift hier ausschließlich auf die Forschungsergebnisse von Fuat Sezgin zurück und versucht chronologisch-sachlich die Vorgeschichte zur Karte und die Entdeckung Amerikas mithilfe dieser und weiterer Karten zu erklären.
Leider sind die Charakteristiken einzelner astronomischer und nautischer Gerätschaften zwar technisch beschrieben, jedoch sind die Bezüge zu den Bildern nicht gegeben. Somit wird es für technisch unversierte Leser unmöglich, die tatsächlichen Funktionsweisen der einzelnen Hilfsmittel der Astronomie oder Nautik zu durchschauen. Hinzu kommt, dass hier sehr wissenschaftlich vorgegangen wird und der Werdegang der arabisch-islamischen Wissenschaft im westlichen Raum einer Aufzählung von Fakten gleichkommt, was den Lesefluss jedoch sehr hemmt.
Auch stellt sich im Laufe des Buches heraus, dass der Zusammenhang der Karte und der wissenschaftlichen Erkenntnisse eher auf Indizien beruhen als auf tatsächliche Fakten – was die Arbeit des Herrn Fuat Sezgin oder Susanne Billigs auf keinen Fall schmälern soll.
Definitiv klar nach dieser Lektüre ist, dass die Karte durch Menschenhand entstanden ist und sämtliche Mythen zur Karte Unfug sind. Definitiv klar ist auch, dass dieses Buch weitere Fragen aufwirft – vor allem, was den Umgang der westlichen, angeblich so sehr aufgeklärten Welt mit der Geschichtsschreibung betrifft. Aber auch hier gilt wie so oft, „Die Geschichte schreiben die Sieger“.
Fazit:
Wenn es auch passagenweise schwierig zu lesen ist, es immer wieder Wiederholungen gibt und die Erklärungen schwer aus den Bildern herauszulesen sind, so ruft dieses Buch dennoch auf, die eigene Denkweise zu hinterfragen. Lange wurden uns geschichtliche Fakten in der Schule eingetrichtert, welche wir heute nicht mehr in Frage stellen.
Dieses Buch leitet wieder dazu an, sich ein eigenes Bild zu machen – von der Entdeckung Amerikas, aber auch von der Geschichtsschreibung im Allgemeinen.
- Leonhard Bauer
Geburt der Neuzeit. Vom Feudalsystem zur Marktgesellschaft.
(1)Noch keine Rezension vorhanden























