Bücher mit dem Tag "gegenwärtige politik zeitgeschehen"

Hier findest du alle Bücher, die LovelyBooks-Leser*innen mit dem Tag "gegenwärtige politik zeitgeschehen" gekennzeichnet haben.

15 Bücher

  1. Cover des Buches Gott wohnt im Wedding (ISBN: 9783328105800)
    Regina Scheer

    Gott wohnt im Wedding

     (46)
    Aktuelle Rezension von: kaelle

    Dreh- und Angelpunkt dieses Romans ist ein Mietshaus im Berliner Wedding. Dieses ist zugleich eine der insgesamt vier Erzählerstimmen. Das hat mir gut gefallen. Es erzählt mehr oder weniger chronologisch von den Anfängen Weddings über die eigene Errichtung bis hinein in die Gegenwart, wo es - inzwischen ziemlich marode geworden - seinem endgültigen Niedergang entgegensieht.

    Die anderen drei Erzählerstimmen stehen alle mit dem Haus in Verbindung: Die steinalte Gertrud wohnt bereits seit ihrer Geburt dort. Der genauso alte Leo, ein Jude, hat während der NS-Zeit zeitweise bei Gertrud Unterschlupf gefunden. Er ging nach dem Krieg nach Israel und half beim Aufbau eines Kibbuz. Nun ist er mit seiner Enkelin wieder in Berlin, um sich um Rechtsstreitigkeiten zu kümmern (es geht um Enteignungen durch die Nazis). 

    Die dritte Erzählerin ist die junge Frau Laila, eine Sintiza Sie wohnt ebenfalls in dem Berliner Mietshaus und hilft dort den vielen anderen Bewohnern, die aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu den Sinti und Roma diskriminiert werden. Ihre Aufopferungsbereitschaft führt am Ende des Romans sehr weit (ich will nicht spoilern), was für mich etwas too much war. Das wirkt doch unglaubwürdig. Dennoch finde ich ihren Handlungsstrang am interessantesten. Ich muss gestehen, dass ich über die Sinti und Roma zuvor eigentlich kaum etwas wusste. So habe ich dann während und nach der Lektüre viel zum Thema gegoogelt. 

    Insgesamt veranschaulicht der Roman, dass sich an unserem Umgang mit Minderheiten leider wenig geändert hat. 

    Schön fand ich die Erzählweise. Ich habe eingangs schon erwähnt, dass es vier verschiedene Erzählerstimmen gibt. Dadurch werden all die Geschichten nicht chronologisch, sondern spiralförmig erzählt. Immer, wenn man wieder zu einem Erzähler / einer Erzählerin zurückkommt, erfährt man wieder etwas Neues. Dies erfordert jedoch auch eine hohe Konzentration beim Lesen, da die vielen Charaktere in unterschiedlichen Geschichten auftauchen und man sich immer wieder neu in diese eindenken muss. Dass es wohl aus diesem Grund ein gutes Personenverzeichnis gibt, ist mir leider erst aufgefallen, als ich mit dem Roman schon fast durch war.


  2. Cover des Buches Am Boden des Himmels (ISBN: 9783455006537)
    Joana Osman

    Am Boden des Himmels

     (8)
    Aktuelle Rezension von: Karakalanda

    "Am Boden des Himmels" ist wirklich ein wundervolles Buch! Gemeinsam mit der Protagonistin, einer jungen Journalistin mit dem Namen Layla konnte man mehr über jenen geheimnisvollen Engel herausfinden, welcher Jerusalem und Umgebung in Unruhe brachte. Der Engel trug eigentlich den Namen Malek Sabateen.

    Während sich die Meinungen über ihn stark unterscheiden, kommt Layla der Sache immer näher und gibt alles, um den Artikel über den Engel zu schreiben. Nebst dem Chaos, welches immer größer wird unter den Menschen in Jerusalem, entwickeln sich jedoch auch noch ein paar weitere Geschichten in derselben Zeit. Etwas Romantik findet einen guten Platz in jenem Debütroman von Joana Osman.

    Ich fand die Stellen besonders bezaubernd, in denen beschrieben wurde, wie der Engel eine positive Wirkung hatte auf die Lebensansichten jener Menschen, die ihm begegnet sind. Da Layla eine sehr nachdenkliche Person ist, kommt man nicht darum herum, selbst ein wenig über gewisse Lebensfragen nachzugrübeln. 

    Der kleine und aufbrausende Oman, welcher Layla das erste Interview zum Engel gab, bringt auch eine wilde Stimmung in die Geschichte, welche mir sehr sympathisch war.

    Im Großen und Ganzen ist das Buch eine schöne und poetische Geschichte, welche im Kontrast zu den realen Konflikten in Jerusalem (welche ebenfalls sehr gut eingebaut wurden), durch den Charakter "Engel" von Frieden spricht.

  3. Cover des Buches Fear: Trump in the White House (ISBN: 9781508240099)
    Bob Woodward

    Fear: Trump in the White House

     (3)
    Aktuelle Rezension von: Wedma

    Die Faustregel, wenn ein Buch als ein Enthüllungsbuch angepriesen wird, dann ist es keins, trifft auch auf dieses zu.

     Es ist bloß ein weiteres Werk eines langjährigen Schreiberlins der Eliten, das vor Augen der als dumm antizipierten Leser ausbreitet, welch ein unfähiger Mann Trump doch sei, was hohe Politik angeht; wie er seine Mitarbeiter beschimpft und vor aller Augen zur Schnecke macht; wie sich seine Mitarbeiter abfällig über ihn äußern; wie sie ihm wichtige Papiere vom Tisch entwenden oder erst gar nicht zukommen lassen usw. All das hat man bereits woanders gelesen/gehört.

     Etwas grundsätzlich Neues gibt es hier nicht. Woodward spricht viele Dinge in publikumswirksamen Stichwörtern an, manche gar paarmal, aber die bleiben einfach in der Luft hängen. Max. wird das nochmals gebracht, was man längst aus der Presse oder aus den Vorgängern über Trump kennt, und los geht es mit dem nächsten Thema, nach dem gleichen Muster. Also entpuppen sich die Stichwörter bloß als leere Versprechungen.

     Wer andere Bücher zu dem Thema gelesen hat, wie z.B. „Feuer und Zorn“ von Michael Wolff, was hier auch kurz zur Sprache kommt, weiß bereits, was man zu dem Thema wissen muss. Der Titel bezieht sich auf den von Trump als richtig gehaltenen Führungsstil. In paar Sätzen ist es auch abgehandelt, taucht etwas später nochmals auf und das war es, da geht es auch nicht weiter.

     Die Quellenangaben gibt es keine. Informantenschutz. Alles bewegt sich also auf dem Hörensagen-Niveau. Schlimmstenfalls liest/hört man hier reine Belletristik.

     Auch deshalb, wie auch vielerorts sonst, hatte ich den Eindruck, dass der Leser als äußerst uninformiert und kaum zum selbständigen Denken fähig eingeschätzt wird, daher das dürftige Resultat.

     Der Schluss hat auch für Kopfschütteln gesorgt. „Du bist ein verdammter Lügner“ ggü dem Präsidenten aus dem Munde eines Star-Anwalts, der Trump nicht mehr vertreten wollte (er hat es nicht wirklich gesagt, nur gedacht), wirkt unfreiwillig komisch. Bestimmt ist der Herr ein hochkarätiger Anwalt geworden, weil er in seiner Laufbahn immer nur die Wahrheit gesagt hatte ;-)

     Viele Schimpfwörter hört man hier. Es gibt selten Dialoge, die ohne die üblichen Verdächtigen wie f…& Co. auskommen.

     Robert Petkoff hat sehr gut gelesen. Eine angenehme, wohl erzogene Stimme, der ich die12 St. 20 Min. der ungekürzten Ausgabe problemlos lauschen konnte. Alles schön klar und deutlich ausgesprochen. Die einzelnen Figuren hört man prima heraus. Er liest auch wohl temperiert: nicht zu langsam, aber auch nicht zu schnell.

     Im Zweiten, in 19 Uhr Nachrichten vor paar Tagen, wurde als Fazit zum Buch gesagt: Nichts Neues. Ich wollte meine eigene Meinung dazu haben. Und ich gebe der Moderatorin recht: In der Tat: Nichts Neues, insb. wenn man die bekannten Vorgänger über Trump bereits kennt.

    Man erhält hier bloß paar eher unbedeutende Updates.

    Jeder muss selbst sehen, ob er es sich deshalb antun möchte.

    Das Buch kommt im Oktober auf Deutsch.

     

     

  4. Cover des Buches Für immer sein Mond (ISBN: 9783492501606)
    Marie Enters

    Für immer sein Mond

     (28)
    Aktuelle Rezension von: connys_buechererlebnisse
    Über das Buch:
    Titel: "Für immer sein Mond"
    Autorin: Marie Enters
    Verlag: Piper Verlag
    Seiten: 252


    Klappentext:
    "Zwei Lebenswelten, zwei Kulturen, ein Schicksal: Die berührende Geschichte von Marie und Melih.

    Melih, ein junger Mann aus Damaskus - und einer der Millionen Flüchtlinge, die 2015 nach Deutschland kamen. Marie, eine der vielen Helferinnen, die sich für Geflüchtete einsetzen, Mutter und in einer langjährigen Partnerschaft. Seit sie Melih im Deutschkurs kennengelernt hat, kreist ihr ganzer Alltag immer mehr um ihn. Die beiden verstricken sich in eine heimliche Liebesbeziehung, die nicht sein darf. Beide wissen: So kann es nicht weitergehen, doch können sie voneinander nicht lassen ...


    Meine Meinung:
    Marie erzählt eine autobiografische Liebesgeschichte, die, wie ich finde, sehr ungewöhnlich ist. Sie ist bereits 50 und lernt den jungen Syrer Melih, gerade 35, in einem Deutschkurs kennen in den sie sich verliebt. Er erwidert die Gefühle, dennoch hat Marie am Anfang Zweifel. Als sie ihre Gefühle aber nicht mehr zurück halten kann, lässt sie sich auf eine Liebesbeziehung ein. Bei Melih lernt sie kennen wieder glücklich zu sein, da sie mit ihrem Partner Jan nur noch so im Alltag zusammenlebt. Doch er merkt, dass Marie sich verändert hat und drängt sie die Freundschaft zu Melih zu beenden.  Auch der große Altersunterschied sowie die verschiedenen Kulturen machen es für Marie nicht einfach. Als Melih sie dann darum bittet eine Entscheidung zu treffen, wird es noch schwieriger für sie, denn Marie muss sich wirklich überlegen was sie will. Wie wird Marie sich entscheiden und hat ihre Liebe eine Chance?

    Ich hatte schon Anfangs Schwierigkeiten in das Buch zu finden, das hat sich leider erst Mitte des Buches gebessert. Ich wollte es tatsächlich schon abbrechen, bin aber froh, dass ich es doch noch bis zum Ende gelesen habe. An sich finde ich die Geschichte von Melih und Marie nicht schlecht, dennoch konnte sie mich nicht ganz überzeugen. Meines Erachtens kamen auch Maries Partner Jan sowie ihre Töchter zu kurz, denn ich hätte gern gewusst, wie Jan auf das Fremdgehen reagiert hat. Vom Inhalt her gesehen, war es interessant zu lesen, wie es wirklich zugeht und wie schwer es doch für viele Flüchtlinge (Menschen) ist in Deutschland anerkannt zu werden. Allein die Behördengänge, aber die sind auch für uns Deutsche ziemlich schwierig. Ich hätte mir einfach etwas mehr Tiefgang gewünscht auch um Maries Familie.


    Fazit:
    Keine schlechte Geschichte, dennoch kann ich nur 2,5 Sterne vergeben, da sie mich nicht wirklich überzeugen konnte. Ich danke Netgalley sowie den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar.
  5. Cover des Buches Traurige Moderne (ISBN: 9783406724756)
    Emmanuel Todd

    Traurige Moderne

     (1)
    Aktuelle Rezension von: Wedma

     Mit dem Buch habe ich einige erfüllte Stunden verbracht, viel Wissenswertes erfahren. Es gibt kaum einen wichtigen Aspekt, den Todd in seine Überlegungen nicht miteinbezogen hat. Die Ausführungen sind spannend, aufschlussreich, recht spektakulär und einfach großartig. Richtig gutes Futter fürs Hirn, daher empfehle ich das Buch sehr gern weiter.


    Zum Autor laut Klappentext: „Emmanuel Todd, geboren 1951, einer der prominentesten und meistdiskutierten Soziologen Frankreichs. … Weltbekannt wurde er, als er 1976 in La chute finale den Zusammenbruch der Sowjetunion voraussagte. Seine Bücher … wurden zu Bestsellern.“


    Schon in der Einführung, und oft genug im weiteren Verlauf, musste ich beim Lesen denken: Er ist wirklich gut! So unabhängig in seinem Denken, einer, der den Eliten nicht nach dem Munde redet, sondern eigene Meinung hat und diese prima zu vermitteln weiß. So messerscharf die Analysen. Echt stark! Er sieht die Dinge klar und nimmt kein Blatt vorm Mund, redet Tacheles, u.a. wenn es um Eliten und ihre Interessen geht, um die Arrangements, die diese mit der Arbeiterklasse treffen uvm. Dabei wurde in britisch-amerikanische, französische, deutsche, japanische Eliten unterschieden und ihr Verhalten basierend auf den unterliegenden Familienstrukturen erklärt.


    Das Buch ließ sich insg. sehr gut lesen. Komplexe Zusammenhänge wurden verständlich, sehr zugänglich erklärt. Todd kommt sehr sympathisch rüber, auch weil er ohne Kunstgriffe auskommt, um sich beim Leser interessant zu machen. Das was er zu sagen hat, erzählt er ganz nüchtern. Und das reicht völlig aus. So fesselnd sind seine Inhalte, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. Die Unterkapitel sind zudem kurz, was auch dazu verleitet, immer schön weiterzulesen.


    Rund 500 Seiten sind in 18 Kapitel gegliedert, plus Vorwort der dt Ausgabe, plus „Anstoß“ und „Postskriptum“.


    In der Einführung stellt Todd zunächst ein Modell vor, das in Anlehnung an Freud „Bewusstes, Unterbewusstes und Unbewusstes der Gesellschaften“ unterscheidet, was „eine geschichtliche Darstellung der menschlichen Gesellschaften und ihrer Veränderung“ möglich macht. S. 27. Weiter folgt u.a. die Familientypologie, die „reine Kernfamilie“, „Stammfamilie“, „exogame kommunitäre Familie“ usw. unterscheidet. Das wird man brauchen, um die späteren Ausführungen des Autors nachvollziehen zu können. Nach der Typologie kommt eine wohl begründete wie treffende Darstellung der Entwicklung der Menschheit aus anthropologischer und soziologischer Sicht von der Steinzeit bis heute. Einiges möchte ich besonders hervorheben.


    Kapitel 12 „Das Hochschulwesen untergräbt die Demokratie“, in dem Todd u.a. darlegt: „Academia: Eine Maschine, die Ungleichheit produziert“. Hier spricht er auch vom „Wandel der Ideologie, Krise der Politik und Anstieg der materiellen Ungleichheit“ S. 307 ff., von der neoliberalen Revolution der 1980-ger Jahre, die sich still vollzog, aber ernste Folgen für alle hatte.


    „Eine Krise in Schwarz und Weiß“, Kap. 13, ist auch sehr gut und erklärt die Ursachen der heutigen, gesellschaftlichen wie politischen, Situation in USA.


    Zwischendurch gibt Todd einige interessante Lesetipps und zitiert spannende Absätze aus diesen Werken, z.B. S. 333 „Closing the Collaps Gap“ von D. Orlov.


    Das Beste kommt aber zum Schluss. Die Analyse der heutigen Lage, darunter die Erklärung der Wahl Trumps, Kap. 14. Die letzten etwa hundert Seiten, im Kap. 17 „Die Metamorphose Europas“, insb. „Der Triumph der Ungleichheit in Europa“, „Das postdemokratische Europa – ganz normal“ und „Postskriptum. Die Krise der westlichen Demokratie“ sind besonders aufschlussreich und lesenswert.


    Todd sagt u.a.: „Autorität und Ungleichheit sind jetzt die angemessenen Begriffe zur Beschreibung des europäischen Systems.“ S. 445 ff. Oder auch: „Das Votum der Völker in der Eurozone zählt nicht mehr. Griechen. Holländer und Franzosen können mit einem Referendum ablehnen, was sie wollen, ihr Votum wird wiederum von der politischen Führungssicht abgelehnt.“ S. 446 ff. Dass seine Ausführungen so manchen Politikern und anderen Märchenerzählern nicht passen wird, die die Menschen lieber fehlgeleitet wissen wollen, ist klar. Schon allein, dass er vom postdemokratischen Europa spricht, vor dem Hintergrund, dass er viel von der Ungleichheit, basierend auf Jahrhunderte lang gepflegten Familienstrukturen vorher geredet hat, lässt über den traurigen Zustand der Demokratie so einiges vernehmen. Todd sagt noch so vieles darüber, ganz unverblümt.


    Spätestens hier wird klar, dass der Titel sehr gut ausgewählt und sehr treffend ist.


    Was Todd im Kap. 18 über Gesellschaften mit kommunitärer Familie wie Russland und China sagt, erscheint auch sehr treffend: „Die im Russland des beginnenden 3. Jahrtausends vorherrschende autoritäre Demokratie ist wohl eher der Ausdruck einer politischen Mentalität des russischen Volkes als die Folge von Machenschaften eines Mannes und seiner Clique.“ S. 457. Oder auch: „Die russische Nation hat ihren inneren Frieden und ihre Sicherheit wiedergefunden und ganz sich auch menschliche Verhältnisse, die verlässlicher und angenehmer werden. Deshalb konnte ihr der Preisverfall beim Öl nichts anhaben, von dem die Schreibtischstrategen vergeblich erwarteten, das ‚System Putin‘ würde zusammenbrechen.“. S. 459.

     China kommt bei ihm insg. nicht so ganz gut weg, zudem sagt er: „Mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern wird China zu Beginn des 3. Jahrtausends zu einem der Brennpunkte von Instabilität in der Welt werden.“ S. 477.

    Im Postskriptum gibt Todd eine Art Ausblick und spricht u.a. über die postdemokratische Zukunft.


    Fazit: Warum also „Traurige Moderne“ von Emmanuel Todd lesen? Viele Gründe gibt es hierfür. Z.B. um diese spannende, klare, unverstellte Sicht der Dinge kennenzulernen. Seine Erklärungen des Zeitgeschehens, die unterliegenden Muster der heutigen Entwicklung in Politik und Gesellschaft sind so plausibel und treffend, dass man sie einfach kennen MUSS. Diese Inhalte sollten zur Allgemeinbildung zählen.  Das Buch gehört in jede gute Bibliothek. Schon allein all dies so klar und griffig, anhand von zahlreichen Tabellen, Grafiken, etc. präsentiert zu bekommen ist eine bereichernde und erfüllende Leseerfahrung.

    5 wohl verdiente Sterne und unbedingte Lesepflicht.

    P.S. Bemerkenswerte Stellen markiere ich oft mit gelben Klebezetteln. Die sehr wichtigen mit Magenta. Auf dem Foto sieht man, dass es in diesem Buch sehr viele von tollen Stellen gibt. Außerdem, dass die Einführung und die zweite Hälfte besonders wichtig und lesenswert sind.

  6. Cover des Buches Auflösungen: oder Laras Spurensuche (ISBN: 9781798571521)
  7. Cover des Buches Unser Jahrhundert (ISBN: 9783898139786)
    Helmut Schmidt

    Unser Jahrhundert

     (2)
    Aktuelle Rezension von: Wedma

    Dieses hörenswerte Buch gibt es im Pool meines neuen Hörbuchanbieters. Da habe ich mich kurzerhand dafür entschieden und keineswegs bereut.


    Klappentext beschreibt den Inhalt ganz gut: „… Helmut Schmidt und Fritz Stern kennen sich seit vielen Jahren und haben sich im Sommer 2009 zusammengesetzt, um über Themen miteinander zu reden, die ihnen am Herzen liegen: Erfahrungen und Lehren aus der Geschichte, das gemeinsam erlebte Jahrhundert, Menschen, die ihnen begegnet sind.

    Aus dem Gespräch … ist ein ebenso anregendes wie kurzweiliges, freimütiges und nicht selten witziges Buch entstanden, in dem sich der Politiker und der Historiker die Bälle zuspielen, mal im Konsens, mal im Widerspruch, stets auf eine pointierte Darlegung der eigenen Positionen bedacht. Das Spektrum der behandelten Fragen reicht von Bismarck bis Israel, vom Zweiten Weltkrieg bis zum Aufstieg Chinas, vom Rückblick auf die Ära Bush bis zu den überhöhten Boni für Banker – und auch die Anekdoten kommen nicht zu kurz. Zwei kluge alte Männer streifen durch das 20. Jahrhundert und die Welt von heute, und der Leser genehmigt sich eine Prise Weisheit. In Szene gesetzt von Hanns Zischler und Hans Peter Hallwachs.“


    Dieses Gespräch fand ich recht interessant und aufschlussreich. Die Herrschaften reden über fast alle wichtigen polit. Themen des 20. Jh.  und zwar so, dass ich von der Diskussionskutur, von der tiefen Kenntnis der Geschichte und von den Meinungen der beiden sehr beeindruckt war. Fritz Stern war ein amerikanischer Historiker, dessen Familie 1938, da jüdischer Abstammung, in die USA ausgewandert gewesen war. In dieser Diskussion vertrat er oft die amer. Sicht der Dinge und dazu eines Historikers und Publizisten, Helmut Schmidt die Sicht des deutschen Politikers hohen Ranges. Obwohl sie oft einander widersprachen, taten sie dies sehr respektvoll und waren stets darauf bedacht, die Gemeinsamkeiten zu finden oder sich zumindest irgendwo in der Mitte zu treffen, sodass jeder sein Gesicht bewahren und die Diskussion weiter sachlich und höflich fortgesetzt werden konnte.


    Diese Gespräche erfolgten an drei Tagen vormittags und nachmittags im Sommer 2009, sodass diese weitgehend wie reguläre Arbeitstage aussahen. Mehrmals kamen die beiden auf die Eliten der Ostküste und ihre Rolle im Weltgeschehen zu sprechen, auch in Verbindung mit Bush Vater und Sohn. Zu den Vorbildern und deren Notwendigkeit heute kehrte das Gespräch mehrmals zurück. Das war Schmidts Thema, auch weil er ein Buch dazu geschrieben hatte. Über die Macht der Medien, über Kohl in diesem Zusammenhang, über die Fehler der Parteienfinanzierung, Wirtschaftsliberalismus, sowie heikles Thema Israel, das waren die Punkte, die mMn aussagestark ausfielen und recht unverblümt besprochen wurden. (Es gab noch etliches mehr, s. dazu Inhaltsverzeichnis der gedruckten Ausgabe.) Wobei auch hier, wie auch bei einigen anderen Themen, bei mir der Eindruck entstand, dass die Herren noch tiefer in die Materie eingestiegen waren und noch deutlichere Aussagen an den Tag gelegt hatten. Bloß in der fürs Massenpublikum angepassten Ausgabe wurden die allzu offenherzigen Dinge ausgeklammert. Dieser Eindruck verstärkte sich, als in etwa 13 letzten Minuten Mitschnitt des Originalgesprächs eingeblendet wurde. Da sah man, dass die Herren deutlich mehr gesagt haben, als es in die Endversion des nachgesprochenen Hörbuches reinkommen durfte. Vieles wirkte durch die redaktionellen Kürzungen nur kurz angesprochen, nur angeschnitten, somit eher oberflächlich und insg. unglaubwürdig, weil es doch recht unwahrscheinlich rüberkam, dass die Herrschaften an solchen Stellen und nach so wenig Austausch die Diskussion beendet hätten.


    Ganz am Anfang, als die Entstehung des Buches beschrieben wurde, hörte man, dass Stern und Schmidt mal längere Gespräche über die Geschehnisse des vergangenen Jahrhunderts geführt hätten, so war die Idee dieses Buches entstanden. Ich wäre zu gern bei diesen Originalgesprächen dabei gewesen und die eigentlichen Aussagen der beiden gehört. Das wäre eine enorme Bereicherung gewesen.


    Diese „offizielle“ Version ist zwar auch nett, manche Sicht der Dinge ist schon nicht ohne, erscheint mir trotzdem gewollt politisch korrekt.


    Man muss diese Meinungen nicht teilen, aber sie zu kennen schadet gewiss nicht.


    Dass dieses Gespräch bald 9 Jahre alt ist, störte mich keineswegs. Das meiste spielte sich in der Vergangenheit ab, wobei die beiden zum Schluss auch eine Art Ausblick in die Zukunft gewagt, ja ihre guten Wünsche für die kommenden Generationen vorgetragen haben.


    Hörenswert finde ich diese Diskussion auf jeden Fall, auch weil man einige Lesetipps samt den guten Gründen warum, mitnehmen kann.

     

  8. Cover des Buches Der Krieg vor dem Krieg (ISBN: 9783864892431)
    Ulrich Teusch

    Der Krieg vor dem Krieg

     (3)
    Aktuelle Rezension von: Bellis-Perennis
    Vermutlich werden mich Anhänger von Ulrich Teusch, nun steinigen wollen, aber ich finde dieses Buch stellenweise tendenziös.

    Er wirft den (westlichen) Medien einseitige Berichterstattung vor und aber macht es genauso. Da hilft es wenig, wenn er Noam Chomsky oder Seymour Hersh zitiert. Teusch verteufelt die diversen Kriege der USA, in denen Diktatoren gestürzt und ein Machtvakuum hinterlassen wurde. Doch wie sieht es eigentlich seit dem russischen Einmarsch in Afghanistan 1979 aus? Herrscht in dieser Region nun ein friedliches, demokratisches Miteinander? Auch der Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn 1956, Tschechoslowakei 1968 ist dem Autor kein Wort wert. Auch hier ist Propaganda beteiligt.

    Ein kleines Beispiel für Propaganda und unzureichende Information aus den 1980ern:

    Als in Wien ein großer Supermarkt mit Gratisangeboten zur Eröffnung lockte, und tausende Menschen Schlange standen, wurden diese Bilder in sowjetischen Medien dazu benutzt, den Menschen in der UdSSR zu suggerieren, dass es den Menschen in Österreich extra schlecht gehe, weil sie eben keinen Kommunismus hätten – Propaganda bzw. Lückenpresse pur.

    Recht gebe ich ihm, bei der Betrachtung „Zweierlei Maß: Israel und Russland“ (S. 59ff). Hier wird jedenfalls Unrecht (durch Israel) geduldet, wenn nicht sogar gefördert und selbiges verurteilt bzw. mit Sanktionen belegt, wenn es durch Russland verübt wird.

    Auf S. 83 ist Goethe falsch zitiert. … ein „Teil von jener Kraft, die stets das Gute will …“

    Korrekt muss das Zitat wie folgt lauten:
    „[Ich bin] ein Teil von jener Kraft,
    Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

    (Quelle: Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, 1808. Studierzimmer, Mephistopheles zu Faust)

    Außer, er hätte das Zitat absichtlich verfälscht, da wäre es aber opportun gewesen, dies anzumerken („frei nach Goethe“).

    Ulrich Teusch geht mir persönlich viel zu wenig darauf ein, wie man
    seriöse Medien von den unseriösen unterscheiden könnte.

    Auch das Wesen der Propaganda erklärt er nur unzureichend. Zwar nennt er die Methoden der (Kriegs)Propaganda auf S.31 die „10 Prinzipien“ (Arthur Ponsony), erläutert ein paar, aber das war’s auch schon wieder.

    Es scheint, als hielte er ausschließlich die Medien dafür verantwortlich, dass die Menschen gezielt falsch oder unzureichend („Lückenpresse“) informiert würden.
    Ja, klar gibt es viele Medienkonzerne, die sich vor den Propagandakarren der Machthaber spannen lassen – Geld regiert die Welt. Hohe Auflagen sichern Gewinne, dabei ist es vielen egal, ob sie mit Unwahrheit erwirtschaftet werden.

    Ob seine These, Propaganda hätte ausgedient, weil sie immer wieder an ihre Grenzen stößt, und eröffne allen jenen, die für eine friedliche Welt streiten, Gültigkeit haben kann, wird die Zukunft zeigen.

    Ulrich Teusch bleibt leider Antworten, wie wir diese (staatliche) Manipulation erkennen und uns dagegen wehren können, schuldig.

    Mehr Vielfalt wäre jedenfalls besser. Ich für meinen Teil halte es gerne mit dem Grundsatz des Römische Rechts „Audiatur et altera pars“ und das fehlt mir leider hier.

    Fazit:

    Ich denke, es gäbe genügend Medien, die objektiv berichten. Dieses Buch tut es leider nicht. 
  9. Cover des Buches Leistet Widerstand! (ISBN: 9783864892004)
    Jean Feyder

    Leistet Widerstand!

     (2)
    Aktuelle Rezension von: Sikal

    „Jean Feyders Buch „Leistet Widerstand!“ ist ein wichtiges und vor allem ein außerordentlich informatives Werk mit vielen präzisen Fallanalysen und faszinierenden Erlebnisberichten ...“ (aus dem Vorwort von Jean Ziegler).

     

    Der Autor Jean Feyder war Direktor für Entwicklungszusammenarbeit beim Außenministerium in Luxemburg und Vertreter Luxemburgs bei den Vereinten Nationen in Genf. Seit dem Ende seiner diplomatischen Karriere ist er in vielen Organisationen aktiv und verknüpft sein enormes Hintergrundwissen mit gesellschaftlichen und sozialen Themen – Welthandel, Ernährungsproblematik und Entwicklungspolitik stehen in seinem Fokus.

     

    „Artikel 3 der Menschenrechtserklärung besagt: „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“ Oder Artikel 25: „Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen, sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände.“

     

    Wie viele Menschen auf diesem Planeten sind davon ausgenommen? Wie viele Menschen müssen mit dem Geringsten auskommen, um ihr Überleben sichern zu können? Wie viele Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, zu ärztlicher Versorgung oder Nahrung? Alle fünf Sekunden stirbt auf diesem Planeten ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder deren Folgen! Jean Feyders Buch ist wichtig – er informiert über die Ausbeutung der Ärmsten in Äthiopien, die Konflikte Israels und Palästinas ebenso wie über die Griechenland-Krise oder die Diskussionen rund um Glyphosat.

     

    Das Buch ist in vier Kapitel unterteilt, in denen man Schockierendes über die unterschiedlichsten Themen erfährt (oder wieder auffrischt). Man wankt zwischen Kopfschütteln, Wut und Hoffnung während des Lesens, denn der Autor schafft es, den Leser nicht mehr loszulassen. Doch obwohl Feyder manches Mal den Zeigefinger gegen Politik und Gesellschaft erhebt, vermittelt er Hoffnung auf ein Umdenken und eine Zukunft, die nicht nur einer privilegierten Schicht erstrebenswert scheint. Besonders das Kapitel 4 „Eine andere Welt ist möglich“ schildert, wie es für viele Menschen durch kooperative Projekte (z.B. Ernährungssouveränität) eine Zukunft geben könnte, die ansonsten von unserer Hoffnung ausgeklammert werden.

     

    Das Kapitel „Neoliberalismus und die Ausbeutung der Dritten Welt“ beschäftigt sich mit Themen wie Fluchtursachen, EU-Milchpulverexporten, Terrorbedrohung, europäischer Doppelzüngigkeit. Internationale Konzerne profitieren auf Kosten der afrikanischen Bevölkerung, denen die Lebensgrundlage genommen wird z.B. durch Einfuhr von Lebensmitteln in deren Länder, die billigst verkauft werden – die ansässigen Bauern können zu diesem Preis ihre Produkte nicht vermarkten und sind dadurch die Verlierer dieses Spiels. Landtransfers werden ohne Konsultierung der betroffenen Bevölkerung durchgeführt und ohne Entschädigung für diese … und und und – hier könnte man unzählige Beispiele anführen.

     

    „Es ist heuchlerisch, dass die westlichen Staaten, die den Entwicklungsländern „offene“ Märkte aufzwingen, sich nicht scheuen, in ihren Ländern die landwirtschaftlichen Produkte mit sehr hohen Zollsätzen zu schützen, wie dies etwa in der EU der Fall ist, oder mit hohen Subventionen jede Auslandskonkurrenz ausschalten.“ (S. 55)

     

    Im Kapitel „Aushöhlung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“ erfährt man einiges über das fragwürdige CETA (u.a.) Abkommen, über die Maßnahmen der Troika, die Griechenland nur noch mehr ins Chaos stürzten, über Gelder, die in Griechenland niemals ankamen (aber medial hervorgehoben wurden), über Monsanto & Co, die sich einen Teufel um Umwelt oder Menschenrechte kümmern, über Konzerne, die ihren Steuerpflichten nicht nachkommen und die Bestrafung der Whistleblower obwohl bereits seit 2013 vom Europäischen Parlament ein besserer Schutz für diese gefordert wird und welche Auswirkungen die Luxleaks-Skandale haben.

     

    Das Kapitel „Krieg, Unterdrückung und Terror“ zeigt durch einen Geschichtsrückblick den Verrat an den Arabern auf, man liest über Islam und Dschihadismus sowie über den IS, diverse Strategiefehler des Westens sowie die Organisation des Widerstands.

     

    „Krisenzeiten bieten die Gelegenheit, die bestehende kapitalistische Weltordnung, Individualismus und Konsumismus mehr denn je in Frage zu stellen. Zugleich vergrößert sich von Tag zu Tag die Zahl und Vielfalt von alternativen Gesellschaftsmodellen und –praktiken. Noch nie haben sich so viele Menschen für eine andere, gerechtere Welt engagiert. Einsatz für Demokratie und Menschenrechte, gegen ungerechte Gesellschaftsstrukturen, Empathie, Solidarität mit den benachteiligten Mitmenschen in Nord und Süd und mit den Unterdrückten zählen zu den höchsten Werten in unserer Gesellschaft und sind eine Bereicherung für jeden, der sich dazu bekennt und in seinem tagtäglichen Leben praktiziert.“

     

    Ein wichtiges Buch, das erschreckende Wahrheiten aufzeigt und doch Hoffnung vermittelt, dass eine bessere Welt möglich ist. Ich möchte hier eine Leseverpflichtung aussprechen – jeder sollte sich mit diesen Themen auseinandersetzen.

  10. Cover des Buches Grüne Glasscherben - Eine Kindheit im Norden: Lebenslinien 1934 - 1952 (ISBN: 9783863945473)
    Lonny Neumann

    Grüne Glasscherben - Eine Kindheit im Norden: Lebenslinien 1934 - 1952

     (1)
    Aktuelle Rezension von: parden
    BIOGRAFIE UND ZEITGESCHICHTE IN EINEM...

    »Lesen verdirbt den Charakter« und »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht« sind Leitsätze der Großeltern - kleiner Leute - für die Erziehung von Lore, die mal was Besseres werden soll. Je mehr sie aber behütet wird, umso mehr strebt sie >overkieksch< ein eigenes Leben an, Krieg und Nachkrieg bestimmen den Alltag der Heranwachsenden und lehren sie, dass auch der Satz der Vatergeneration »Mit den Wölfen muss man heulen« falsch ist. Sie bricht aus der vorgegebenen Welt aus; engagierte Lehrer und geliebte Gedichte helfen ihr auf der Suche nach dem eigenen Weg.


    Fast jede Nacht heulten die Sirenen. Großmutter riss das Kind mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Lore sollte übereinander anziehen, was sie besaß: zwei Leibchen, zwei Kleider, den Wintermantel. Vor Müdigkeit zitternd, manchmal den großen Puppenjungen im Arm, folgte sie der Großmutter in den Keller.


    Ich lese ja gerne auch abseits des Mainstreams, und so griff ich zu, als ich zufällig auf dieses Buch stieß. Die Epoche zur Zeit des Nationalsozialismus interessiert mich nach wie vor, und da mein Vater im selben Jahr geboren wurde wie die Autorin, wurde ich neugierig. Kindheiten sind kaum miteinander vergleichbar, auch wenn sie sich in derselben Zeit vollziehen. Doch gibt es für diese Epoche sicher oftmals Parallelen - wie beispielsweise eine strenge Erziehung, ein Aufwachsen ohne Vater, da dieser an der Front, in Gefangenschaft oder gefallen war, karge Zeiten, in der der Hunger regierte, usw.

    Tatsächlich bietet diese Biografie einen interessanten Einblick in eine recht einsame Kindheit in der Uckermark zwischen 1934 und 1952, wobei die Zeitgeschichte immer auch eine Rolle spielte. Erzählt wird hier v.a. zu Beginn aus einer eher kindlichen Perspektive, die das gesellschaftliche Geschehen noch gar nicht einordnen kann und es kritiklos hinnimmt. Nur die Auswirkungen der gesellschaftlichen Entwicklung auf die Familie und die engere Nachbarschaft werden beobachtet und geschildert. Lore wächst jedoch heran - und mit ihr der Widerspruchsgeist. Die wie in Stein gemeißelten Erziehungs-Dogmata boykottiert das Mädchen immer wieder und nimmt dafür auch in Kauf, irgendwie nirgendwo richtig dazu zu gehören.

    Nicht immer chronologisch und auch oft wenig zusammenhängend, reiht die Autorin einzelne erinnerte Episoden aneinander. Hier hätte ich mir manchmal größere zusammenhängende Abschnitte gewünscht, denn oft genug wurde ich recht abrupt aus einer Szene herausgerissen ohne damit gerechnet zu haben. Insgesamt jedoch habe ich mir ein recht umfassendes Bild dieser Kindheit machen können, v.a. auch im Zusammenhang mit dem damaligen Zeitgeschehen. Und tatsächlich schweiften meine Gedanken oftmals ab zu meinem Vater und dessen Erzählungen aus dieser Zeit.

    Lonny Neumann versäumt es nicht, einen Brückenschlag in die jüngere Vergangenheit zu machen und die Schicksale einzelner Familienmitglieder weiter zu verfolgen. Dies rundet die Erzählung zusammen mit den plattdeutschen Einschüben und den zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotos in meinen Augen gelungen ab.

    Die Geschichte einer Kindheit in schwierigen Zeiten - Biografie und Zeitgeschichte in einem. Sehr persönlich und authentisch.


    © Parden
  11. Cover des Buches Der Zerfall der Demokratie (ISBN: 9783426301449)
    Yascha Mounk

    Der Zerfall der Demokratie

     (5)
    Aktuelle Rezension von: Wedma

    Von dem Buch habe ich insg. einen guten Eindruck gewonnen. Als Einstieg in diese Problematik eignet sich dieses Werk sehr gut.


    Das Buch ist nach dem klassischen amer. Prinzip „Situation – Komplikation – Lösung“ aufgebaut worden und hat drei Teile je drei Kapitel, rund 255 Seiten insg., die aus einigen kürzeren Abschnitten bestehen. Vorwort von ca. 24 S. und Schlussbemerkung von ca. 15 S. runden die Ausführungen ab.


    Mounk unterscheidet zw. der liberalen Demokratie, undemokratischem Liberalismus, illiberaler Demokratie und Diktatur. All diese Formen beschreibt er anschaulich im Kap. 1, Teil I. Im Kap. 3 spricht er von der „Entkonsolidierung der Demokratie“ und stellt anhand von einigen Graphiken und Statistiken fest, dass die Liebe zur Demokratie schwindet und andere, autoritäre Alternativen, insb. bei der jüngeren Bevölkerung,  populärer werden. Er beschreibt die gefährlichen Folgen solcher Entwicklungen, schildert sie am Beispiel Polens und schließt Teil I mit: „Die Vorboten des Zerfalls der Demokratie standen deutlich vor aller Augen. Aber die meisten Politikwissenschaftler haben es vorgezogen, nicht hinzusehen. Das macht es umso wichtiger, dieselben Warnglocken jetzt, da sie auch in Ländern wie Deutschland und vereinigten Staaten ohrenbetäubend läuten, endlich ernst zu nehmen.“ S. 154.


    Im Teil II (ca. 33 S.) nennt Mounk Gründe für die o.g. Entwicklungen wie die Identitätskrise, Ängste wirtschaftlicher Natur, die im Laufe der letzten Jahrzehnte immer akuter wurden, spricht von der Rolle der sozialen Medien, und erklärt, wie all dies zur Aushöhlung der liberalen Demokratie geführt hat.


    Teil III widmet sich den Lösungen (ca. 90 S.): „Nationalismus zähmen, Wirtschaft sanieren, Glauben an Demokratie erneuern“, so die Vorschläge des Autors. Im Schlusswort ruft er zur Rettung der Demokratie auf, ja zum Kampf für eigene Überzeugungen.


    Mounk sagt viele richtige Dinge, wie z.B. „Im Laufe der letzen Jahrzehnte  in nordamerikanischen und westeuropäischen Ländern zu einem Zerfall der Demokratie. Unser politisches System verspricht die Volksherrschaft. Aber in der Praxis ignoriert es den Willen allzu häufig. Von den meisten Politikwissenschaftlern unbemerkt  hat in vielen Ländern ein System des Rechts ohne Demokratie Einzug erhalten“. S. 292.


    Mir war aber auch oft, dass er sich sehr zurückgehalten hat, z.B. als es um die Rolle der Eliten in den o.g. Entwicklungen ging und noch paar anderen Punkten, was das Ganze politisch korrekt und etwas oberflächlich erscheinen lässt. Zudem blieb er im Rahmen des gewohnten Narratives der Leitmedien, u.a. wenn es um die Beschreibung des Zustandes der Demokratie und die Ursachen ihres Zerfalls ging. Und als er den Blick auf andere Länder richtete: „böse Buben“ an der Macht, wohin das Auge reicht, und „bei den Guten“ liegt auch vieles im Argen, was zur von mir insgeheim erhofften erfrischenden Originalität und Tiefe der Ausführungen wohl kaum beigetragen hat.


    So ist es eher ein Werk für Einsteiger geworden, die ihre ersten Schritte auf dem Gebiet so langsam aber sicher machen möchten.


    Das Werk liest sich angenehm leicht. Der Stoff ist sehr zugänglich dargeboten worden, anhand von vielen Beispielen und Situationen, die Leser bestimmt schon kennen. Die Zusammenhänge sind klar, die Argumentation ist logisch und auch für Laien prima verständlich.


    Das Buch ist schön gemacht: Festeinband in Dunkelblau, Umschlagblatt, einige Graphiken in schwarz/weiß, Quellennachweis zum Schluss auf rund 40 S.


    Fazit: Ein gutes Buch für Einsteiger, die sich dem Thema „Zerfall der Demokratie“ nähern möchten. Alles ist gut und sehr zugänglich erklärt worden. Die vorgeschlagenen Lösungen sind kaum von der Hand zu weisen, stellen aber insg. keine neuen Erkenntnisse dar. Die großen Durchbrüche und bahnbrechende Enthüllungen sind nicht dabei.

     

  12. Cover des Buches Auflösungen: oder Laras Spurensuche (ISBN: 9783742717023)
  13. Cover des Buches The Putin Interviews: Oliver Stone Interviews Vladimir Putin (ISBN: 9781520082585)
    Oliver Stone

    The Putin Interviews: Oliver Stone Interviews Vladimir Putin

     (1)
    Aktuelle Rezension von: Wedma

    Preisgekrönter US-Amerikanischer Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Oliver Stone hat im Juni 2017 sein Buch „Putin Interviews“ veröffentlicht. Darin enthalten sind vier Interviews mit dem russischen Staatspräsidenten: Das erste Interview ist von 2015. Das zweite und das dritte von 2016. Das vierte ist von Februar 2017.

     

    Bei all dem, was man in der letzten Zeit über Putin aus Leitmedien gehört hat, fand ich es interessant wie notwendig, seine eigene Sicht der Dinge zu erfahren. Und ich muss sagen: Diese Lektüre erwies sich als eine enorme Bereicherung, z.T.  auch als Augenöffner, denn diese Informationen, die Hintergründe und Zusammenhänge, erfährt man aus den Leitmedien wohl kaum. Aufschlussreich und vllt auch schonungslos, liefert dieses Buch vieles, was der dt Öffentlichkeit vorenthalten wurde.

     

    Im ersten Interview unterhalten sich die beiden über Putins Werdegang, seine Kindheit in Leningrad (heute St. Petersburg) der Nachkriegszeit, über seine Familie, auch über den 2.ten Weltkrieg und seine Auswirkungen auf das gesamte Land, z.B. dass die Hälfte der russischen Männer zwischen 17 und 35 infolgedessen tot oder ernsthaft verwundet waren. Zum Thema Krieg kommen sie noch paarmal, um z.B. über die Ursprünge des kalten Krieges, sowie über Stalin, oder auch über die Technologie zur Fertigung der Atombombe und wie sie nach Russland kam, zu reden uvm.

     

    Weiter geht es mit der Frage, wie Putin nach seinem Jurastudium im Jahr 1975 zu KGB kam und warum. Über Perestroika und Gorbatschow gibt auch viele interessante Dinge. Putin sagt, wo er Gorbatschows Schwächen sieht und warum seine Politik Russland nicht so gutgetan hatte.  Weiter erzählt Putin, wie er zum 1 Januar 2000 russischer amtierender Präsident wurde, welche Probleme er zu lösen hatte, was für ihn als Erstes zu tun war, usw. Hier, und vielerorts später, offenbart Stone nicht nur seine gute Vorbereitung, er fragte z.B., ob Putin mit Yeltsin, ähnlich wie Chruschow seiner Zeit mit Stalin, auch Wodka trinken musste. Putin verneinte. Stone ist ein geschickter Befrager, der weiß, wie er an die Aussagen seines Gesprächspartners kommt.

     

    Eigentlich gibt es kaum ein wichtiges politisches Thema, ob in der Vergangenheit oder in der Gegenwart, das hier nicht besprochen wurde: Die Fragen der Auf- und Abrüstung. Die Osterweiterung der NATO und welche Rolle dies im heutigen politischen Geschehen spielt, wie es bei dieser Frage mit Russland und seinem Mitspracherecht und Mitentscheidungswunsch umgegangen wurde, z.B. dass sie oft vor getaner Tatsachen gestellt wurden uvm.

     

    Im letzten Interview, von 2017, geht es u.a. um den Tiefen Staat (Deep State) und seiner Rolle im heutigen politischen Geschehen, sowie um die Frage, die heute noch manche Gemüter in USA zur Wallung bringt, i.e. ob Russland auf amerikanische Wahlen 2016 Einfluss genommen hätte. Putin sagt dazu: „You know, this is a very silly statement... We were not hacking the election at all.“ Bei seinen weiteren Ausführungen musste ich an das Buch von Dan Kovalik „Plot to scapegoat Russia“ (2017) denken, in dem der Autor klar sagt, dass die US-Demokraten, unfähig ihre Wahlniederlage anzuerkennen, denn die Blamage, dass sie die Wahlen gegen so einen Kandidaten verloren haben, können sie schlicht nicht ertragen, suchen nun nach fadenscheinigen Erklärungen. Hier ist jede Peinlichkeit recht. Einfacher scheint es, einen Sündenbock zu finden, statt zuzugeben, dass sie keine tragfähige Kandidatur stellen konnten. Und an Noam Chomsky in „Global Discontents“ (2017) musste ich denken, der sagt: In USA gibt es keine Demokraten. Sie nennen sich bloß so, tatsächlich aber, von der Ausrichtung und Gesinnung her sind diejenigen, die sich Demokraten nennen, noch reaktionärer und konservativer als manche Republikaner.

     

    Da gibt es noch andere Themen, die im Interview von 2017 besprochen wurden. Julian Assange, WikiLeaks, Cyberkrieg kommen da genauso zur Sprache wie Japan, Korea, Syrien, IS uvm. Zum Schluss geht es um Souveränität. Auch sehr aufschlussreich.

     

    Putin erweist sich als ein angenehmer, kluger und vielseitig gebildeter Gesprächspartner mit gut ausgeprägtem Sinn für Humor, der seine Aufgabe gut versteht und seinen Job gut macht. Dieser Meinung war Oliver Stone am Ende der Interviews, was er ihm auch offen gesagt hat. Darauf antwortete Putin: „If they are going to beat you for this, you can come back here to Russia and we’ll help to heal you.“

     

    Bemerkenswert finde ich, dass es dieses Buch nicht auf Deutsch gibt, obwohl an wissenswertem Stoff und Brisanz hier keineswegs mangelt. Das Buch gibt es momentan nur in der Originalfassung als Print, E-book und Hörbuch. Auf letzteres wurde ich aufmerksam und habe die 9 St. 45 Min. gern durchgehört, dann E-book dazu geholt. Die Macher des Buches haben Putins Part ins sehr einfache Amerikanisch übertragen, was sie auch am Anfang sagen, sodass man mit gutem Englisch keine Schwierigkeiten mit dem Verständnis der Inhalte haben kann. Die Hintergrundinformationen, von einer Frauenstimme gesprochen, wurden im Hörbuch gleich in den Text eingebaut, sodass man sofort Bescheid weiß, was gemeint ist. Der Sprecher für Putin wurde so gewählt, dass seine Stimme bestimmte Ähnlichkeit mit dem Original aufweist. Für mich hätte es nicht notgetan, aber er spricht deutlich und recht langsam. Jeder kann seine Ausführungen gut verstehen.

     

    Fazit: Ein sehr lesens- und hörenswertes Buch, das einem für viele Dinge die Augen öffnet, spannende Informationen liefert, wichtige Zusammenhänge darlegt und zudem auch ausgezeichnet unterhält.

  14. Cover des Buches Außer Dienst (ISBN: 9783570551035)
    Helmut Schmidt

    Außer Dienst

     (67)
    Aktuelle Rezension von: sheepy
    Ein tolles Buch. Man sollte sich aber Zeit nehmen um es zu lesen und vll Internet in der Nähe haben um mal eben zu dem ein oder anderen Thema etwas nachzuschauen. Um alles zu verstehen, braucht man schon gewisse Kenntnisse der Politik, auch der Vergangenheit. Aber auch wenn man nicht alle Zusammenhänge und Hintergründe versteht, kann man viel lernen...
  15. Cover des Buches Kampf oder Untergang! (ISBN: 9783864892332)
    Noam Chomsky

    Kampf oder Untergang!

     (4)
    Aktuelle Rezension von: Sikal
    „Die menschliche Natur macht es möglich, zum Heiligen oder zum Sünder zu werden. Jeder von uns hat diese Kapazität in sich.

     

    Noam Chomsky, der bereits mehr als 90 Jahrzehnte auf dieser Erde verbringen durfte, zeigt in diesem Gespräch mit Emran Feroz auf, worauf es wirklich ankommt – und nicht nur das, er zeigt Zusammenhänge auf, die einem selbst bei einer passablen Kenntnis des Weltgeschehens nicht immer geläufig sind.

     

    Ein langes Leben auf diese Erde ist wohl Grundvoraussetzung, um so einiges mitansehen (zu müssen). Wenn man das Geschehen aber nicht nur an sich vorbeiziehen lässt, sondern aktiv daran teilnimmt, kann man daraus auch immer seine Lehren ziehen. Dies hat Noam Chomsky mit Sicherheit bis zur Vollendung betrieben und somit den Grundstein für eine Betrachtungsweise der Welt gelegt, wie es nur wenige schaffen.

     

    Das Buch spannt einen Bogen über die Weltgeschichte vom Imperator Konstantin über die Vertreibung der indigenen Bevölkerung in Amerika, bis hin zum Erstarken des Islamischen Staates. Ebenso bindet Noam Chomsky in seinen Antworten die aktuellen Entwicklungen Richtung Rechtsextremismus oder häufiger werdendem Rassismus ein.

     

    Chomskys Antworten auf die geschickt ausgewählten und aktuellen Fragen Feroz‘ sind dabei alles andere als das, was man sonst oft zu hören bekommt. Fluchtbewegungen, Klimawandel oder die Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten werden nicht einfach im aktuellen Kontext beantwortet. Chomsky gibt bei der Beantwortung seinen Lesern einen Einblick auf historische Hintergründe, die oft sehr weit in die Vergangenheit zurückreichen.

     

    Interessanterweise greift Chomsky gerade bei den Themen Einwanderung, Rechtsextremismus oder Rassismus unter anderem auch die aktuelle österreichische Politik an – ob zu Recht oder Unrecht, sollte jeder selbst für sich entscheiden. Natürlich konzentrieren sich die Antworten nicht nur auf Österreich – von Europa, Amerika oder Südamerika über den Nahen Osten bis nach China oder Japan erstrecken sich die Gedanken eines der wichtigsten Denkers unserer Zeit.

     

    Im Zwiegespräch der Beiden gelingt es dem Leser, einen Einblick in das Weltgeschehen zu gewinnen, wie es kaum ein Geschichtsbuch zu Stande bringt.

     

    „Ich versuche lediglich, eine Art der intellektuellen Selbstverteidigung näherzubringen. Ich meine damit kein akademisches Studium […]. Es geht mir vielmehr um die Entwicklung unabhängigen Denkens […].“

     

    Gerade dieses unabhängige Denken sollten wir uns alle aneignen. Noam Chomsky und Emran Feroz machen auf alle Fälle nicht nur Lust darauf, sondern fordern dazu regelrecht auf. 5 Sterne und eine Leseempfehlung für dieses beeindruckende Gespräch.

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