Bücher mit dem Tag "genozid"

Hier findest du alle Bücher, die LovelyBooks-Leser*innen mit dem Tag "genozid" gekennzeichnet haben.

96 Bücher

  1. Cover des Buches Aquamarin (ISBN: 9783401600222)
    Andreas Eschbach

    Aquamarin

     (288)
    Aktuelle Rezension von: Sarah04

    Saha dachte jahrelang das sie wegen Verletzungen nicht in schwimmen kann. Doch es kommt raus das sie sogar im Wasser atmen kann. Es gibt nämlich Wassermenschen und ihr Vater war auch einer. Die ganze Geschichte ist eine super Idee und auch richtig gut umgesetzt. Den Schreibstill empfinde ich als gut und einfach zu lesen. Ich werde hundertprozentig den nächste Teil lesen.

  2. Cover des Buches Bis ans Ende der Geschichte (ISBN: 9783328100515)
    Jodi Picoult

    Bis ans Ende der Geschichte

     (188)
    Aktuelle Rezension von: Kathrin_Schroeder

    Schuld in allen Facetten - Vergebung und Rache

    Sage fühlt sich schuldig und hässlich - denn als ihre Mutter nach einem Autounfall starb, saß sie am Steuer. Seitdem versteckt sie sich, ihr Gesicht mit der Narbe und sich ganz, so weit wie möglich. Nur in einer Trauergruppe und nachts als Bäckerin allein im Cafe - und bei den Kollegen bei der Übergabe und bei dem verheirateteten Liebhaber akzeptiert sie Menschen um sich.

    In der Trauergruppe begegnet sie dem etwa 90jährigen Josef, der der auserwählte Gutmensch ihrer Gemeinde war und beginnt eine schüchterne Freundschaft.

    Dazwischen immer wieder eine Geschichte, fast ein Märchen mit viel Gewalt und einer unmöglichen Liebe.

    Backen mit unendlich viel Liebe und Perfektion in der Geschichte bei Sage und ihrer Großmutter Minka.

    Nach und nach entwickelt sich die Geschichte zu einer Geschichte rund um den Holocaust, Schuld und Mitschuld, Vergebung, Rache und Strafe. Manches ist an den Haaren herbei gezogen, vieles vorhersehbar, manches fein ineinander verwebt. Es häufen sich Klischees und alles ist überfrachtet und dennoch nimmt die Geschichte mit in beiden Wortsinnen. Am Ende steht man wie Sage vor einem Scherbenhaufen und muss sein eigenes Bild der Geschichte selbst zusammenfügen.

    #Holocaust #Shoah #Schuld #Rache #Vergebung #BisansEndederGeschichte #JodiPicoult #KathrinliebtLesen



  3. Cover des Buches Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen (ISBN: 9783498064938)
    Jennifer Teege

    Amon: Mein Großvater hätte mich erschossen

     (126)
    Aktuelle Rezension von: Frollein_Annika

    Vor fast sechs Jahren war ich auf der Lesung zu diesem Buch. 

    Jennifer Teege gehört zu der Sorte Frau, nach der man sich zwangsläufig umschaut (auch als Frau) und die Erinnerung bleibt. Und dieser Abend, an dem sie uns ihre Geschichte und damit ihr Buch vorgestellt hat, sind mir bis heute in Erinnerung geblieben.

    Warum lag das Buch so lange ungelesen im Regal? Weil ich Angst vor dem Inhalt hatte, vor all dem grausamen Details. All das, was die Autorin während der Lesung bereits verraten hat, war entsetzlich und Teil ihrer (und auch unserer) Geschichte. 

    Während des Lesens musste ich immer wieder Pausen einlegen, nachdenken und das Gelesene sacken lassen. Nachts habe ich davon geträumt, schreckliche Bilder im Kopf gehabt, mich gefragt, was wäre, wenn das meine Geschichte wäre?

    Selten hat mich ein Buch so nachhaltig berührt und schier fassungslos hinterlassen. Ich kann den Inhalt nur schwer zusammengefasst wiedergeben und möchte diesen schon gar nicht bewerten (die Bewertung gilt allein dem Aufbau und dem Schreibstil!). 

    Nur soviel: 

    Mein Großvater war ein Psychopath, ein Sadist. Er verkörpert all das, was ich ablehne: Was muss das für ein Mensch sein, dem es Freude macht, andere Menschen zu quälen und zu töten?
  4. Cover des Buches Die Sommer (ISBN: 9783446267602)
    Ronya Othmann

    Die Sommer

     (90)
    Aktuelle Rezension von: Runenmädchen

    In Ronya Othmanns Roman geht es um die in Deutschland lebende Leyla und ihre Sommer, die sie mit ihren Eltern (zumeist) bei ihrer Familie väterlicherseits verbracht hat. Ihr Vater ist jesidischer Kurde, aufgewachsen im nördlichen Syrien. 

    Zunächst lernt man Leylas Familie in Syrien kennen und erfährt, welche Beziehungen sie untereinander pflegen. Eigentlich passiert nichts Besonderes, aber Leylas Familie ist sehr facettenreich und man kann als Leser einerseits sehr schnell die Verbundenheit innerhalb der Familie spüren (besonders das vertrauensvolle Verhältnis zwischen Leyla und ihrer Großmutter hat mich berührt) und andererseits selbst mit Leichtigkeit eine Verbindung zu den Figuren aufbauen. Ganz nebenbei lernt man zudem etwas über den jesidischen Glauben. 

    Im fortgeschrittenen Teil des Buches wird es kurz historisch und schließlich politisch. Der Schwerpunkt wurde hier auf die Entstehung und den Fortgang des Syrienkriegs gelegt. Der Krieg an sich wurde eher rudimentär behandelt: Es wurde vielmehr vorrangig Bezug auf Leylas Familie genommen, inwieweit sie unmittelbar betroffen waren und welche Folgen das für die Familie hatte. Diese gewählte Perspektive in Bezug auf den Syrienkrieg wirkte sich positiv auf den Roman aus. 

    Ronya Othmann hat einen ruhigen Schreibstil, was ich generell sehr schätze. Sie hält viele Anekdoten bereit und springt in den Sommern respektive Zeiten hin und her. Die Anekdoten kann man demzufolge keinem genauen Jahr zuordnen. Dass die Geschichten und Sommer ineinander übergehen, fand ich persönlich sehr gut. Denn um die Chronologie geht es in diesem Roman nicht wirklich. 

    Zudem werden auch schwerwiegende Themen wie Mord, Folter und Staatenlosigkeit behandelt, was dem Roman eine gewisse Tiefe verleiht.

    Insbesondere möchte ich hervorheben, dass mir die emphatische Herangehensweise der Autorin, wie sie die innere Zerrissenheit Leylas im letzten Abschnitt darstellte, ausgesprochen gut gefallen hat. Denn nicht zuletzt geht es bei Leyla um Zugehörigkeit, Heimatlosigkeit, Identität und um auszustehende Ängste. 

    Allerdings übe ich hier gleichzeitig auch Kritik aus. Leider ist es schwer, meine Kritik zu begründen ohne zu verraten, worum es geht. Nur soviel: Für die Folge von Leylas Zerrissenheit fehlen mir einfach gewisse weitere Parameter. Othmanns Intension verstehe ich sehr gut, aber sie hätte es meiner Ansicht nach nicht in dieser Kürze abhandeln sollen, da die Thematik wesentlich komplexer ist und so viel mehr Information braucht als das, was wir Leser über Leyla und ihre Familie wissen. 

    Ferner hätte ich gerne etwas über Leylas Mutter erfahren oder über die Ehe der Eltern, was auch für den zweiten Teil sinnvoll gewesen wäre. Dies war mir insgesamt zu blass. Außerdem wurde die Vergangenheit des Vaters im Ausland relativ ausführlich dargestellt. Hier fehlte mir der Kontrast zu seinen Erfahrungen in Deutschland. Denn auch dies ist einer der o.g. fehlenden Parameter. Das Buch ist ja nicht sonderlich lang, es hätte sich meiner Ansicht nach gewinnbringend ausgewirkt. 


    Mir hat das Buch gut gefallen, auch wenn es nicht perfekt war. Ich kann es trotz meiner negativen Kritik absolut empfehlen und denke, dass das Buch zu Unrecht so wenig Aufmerksamkeit erhält.

  5. Cover des Buches Gesamtausgabe (ISBN: 9783596905911)
    Anne Frank

    Gesamtausgabe

     (2.388)
    Aktuelle Rezension von: Papiertiger17

    Der historischen Zusammenhänge und der immensen Bedeutung dieses Zeitdokumentes bewusst, trafen mich die Lebensfreude und die teils sehr unterhaltsamen Anekdoten der jungen Autorin doch unvorbereitet. So überrascht, konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Das Tagebuch der Anne Frank gewährt ein fesselndes Eintauchen in ihre Gedanken- und Gefühlswelt und lässt einem ganz beiläufig erfahren, wie es ist, von einem deutschen Unrechtsstaats das eigene Daseinsrecht abgesprochen zu bekommen. Es ist unfassbar, dass die Deutschen damals ihre ethnischen Säuberungen sogar im Radio angekündigt haben. Und alle haben gewusst, was mit jenen passiert, die weggeholt und abtransportiert wurden. Alle haben es gewusst!

  6. Cover des Buches Extinction (ISBN: 9783328100096)
    Kazuaki Takano

    Extinction

     (230)
    Aktuelle Rezension von: Louie

    Cover:

    Hätte ich das Buch in einer Buchhandlung gesehen und nicht gewusst, mit welcher Thematik es sich beschäftigt, hätte ich aufgrund der Covergestaltung vermutlich nicht dazu gegriffen. Das Cover entspricht einfach meinem persönlichen Geschmack nicht. Ich finde es auch nicht wirklich passend zur Atmosphäre, darüber kann man sich aber streiten.

    Handlung:

    Im Mittelpunkt der Handlung steht das Thema Evolution. Das Buch besteht aus verschiedenen Handlungssträngen. Wir begleiten einerseits den Söldner Jonathan Yeager, der bei einem privaten Militärunternehmen arbeitet. Ihm wird ein Jobangebot gemacht, bei dem er viel Geld verdienen soll und er nimmt es an, damit er die Behandlung seines todkranken Sohnes bezahlen kann. Sein Auftrag ist die Tötung eines Pygmäenstamms im Kongo, der mit einem gefährlichen Virus infiziert sein soll. Es stellt sich jedoch schnell heraus, dass dies nicht der wahre Grund der Mission ist.

    Außerdem verfolgen wir den jungen Japaner Kento Koga, dessen verstorbener Vater ihm den Auftrag gegeben hat, innerhalb eines Monats ein Medikament gegen eine unheilbare Krankheit zu entwickeln. Schnell gerät er dabei unter die Beobachtung der Polizei und fragt sich, wem er trauen kann und wem nicht.

    Außerdem befasst sich ein Handlungsstrang mit den Beschlüssen des Weißen Hauses bezüglich der Söldnergruppe rund um Jonathan Yeager.

    Charaktere

    Yeagers Beweggründe sind sehr gut dargestellt, sodass sein Handeln für mich gut nachvollziehbar war. Jedoch hätte ich gern auch etwas mehr über die anderen Söldner und den Anthropologen Nigel Pierce erfahren.

    Kento fand ich besonders sympathisch, da er im Laufe des Buches über sich hinausgewachsen ist und ihn seine anfänglichen Selbstzweifel sehr nahbar gemacht haben.

    Ich mochte auch die Nebenfigur Jeong-hoon und die Freundschaft zu Kento, die sich im Laufe des Buchs entwickelt hat, sehr sehr gerne.

    Meinung

    Das Buch war von Anfang an sehr spannend. Einzig die Szenen in Amerika im Weißen Haus fand ich nicht extrem spannend, dennoch haben sie gut ins Buch gepasst und haben ein gutes, vollständiges Bild ergeben.

    Was mit gut gefallen hat, waren die wissenschaftlichen Infos, die man bekommen hat. Man hat viel gelernt, auch wenn man als Laie nicht immer alles versteht, muss man aber auch nicht um die Handlung nachvollziehen zu können.

    Der Schreibstil war rund und flüssig zu lesen. Man sollte jedoch wissen, dass das Buch nichts Leichtes für nebenbei ist, eben weil es ein Wissenschafts-/Politthriller ist.

    Ich habe das Buch gekauft, weil mich "Origin" von Dan Brown begeistert hat und ich mehr Bücher mit dieser Thematik gesucht habe. Hier bin ich auf jeden Fall fündig geworden. Für mich hat aber irgendwie der letzte Schliff oder eine unerwartete Wendung gefehlt.

    Zuletzt muss ich noch erwähnen, dass mich der Einband des Buches massiv gestört hat, da er sehr anfällig für Knicke und Leserillen ist, was bei mir definitiv nicht der Normalfall ist.

    Fazit

    Sehr spannender Thriller, aber nur für die, die sich für Politik und/oder Pharmazie und Evolution interessieren. Da mir persönlich irgendetwas gefehlt hat, nur 4 von 5 Sternen.

  7. Cover des Buches Vom Wind geküsst (ISBN: 9783946955061)
    Lin Rina

    Vom Wind geküsst

     (47)
    Aktuelle Rezension von: WeltbuntmalendeBuecher

     Meine Rezension zu 

    ✨Vom Wind geküsst✨ von Lin Rina aus dem Drachenmond Verlag:


    Ich kann dazu hier schon sagen, dass ich das den Auftakt der Dilogie wirklich toll gefunden habe!


    💜Klappentext💜

    "Jeder hatte seinen Platz. Auch ich. Allerdings anders als die anderen.

    Ich gehörte nicht zu ihrer Familie, ihrem Volk. Ich war kein Kind des Feuers.

    Ich war eine vom Windvolk. Das Mädchen, das der Wind geküsst hatte."


    💜Der Einstieg💜 in 'Vom Wind geküsst' fiel mir sehr leicht. Ich hatte noch keine grosse Ahnung, worum es eigentlich in dem Buch geht, da ich den Klappentext schon vor einiger Zeit gelesen hatte. Daher war es für mich umso spannender, zu schauen, wie die Charaktere in die Geschichte eingebettet und schön vorgestellt wurden, wie ich den Alltag und die Gepflogenheiten der Wagenleute kennenlernen durfte.

    Ich fand es auch sehr schön, dass es im Buch vorne eine Landkarte hat (ich liebe Karten der Welten) und hinten eine Playlist, welche ich perfekt zu dem Buch hören konnte.


    ✨Das Leben spielte nicht in bunten Ballsälen, sondern draussen in der Welt.✨ (Textausschnitt 'vom Wind geküsst')


    💜Die Charaktere💜

    Hier möchte ich als erstes erwähnen, dass der Wind quasi als eigener Charakter steht! Das finde ich grossartig! Auch wenn ich ständig kalt hätte, wenn es windet, würde ich auch gerne den Wind als Freund haben! Die Protagonistin Cate hat genau dies; den Wind als Freund! Ich mag Cate sehr, ich finde sie süss und cool! Ich konnte mich irgendwie mit ihr identifizieren, habe sie als Prota sehr geschätzt! Allgemein finde ich die Charaktere sehr schön durchdacht, alle haben ihre Eigenheiten und auch gute und schlüssige Hintergründe, welche teilweise erst mit der Zeit offenbart werden. Es gibt spannende Gegenspieler, die auch etwas mysteriös wirken, es gibt tolle Freundschaften und mit der Zeit kommen immer mehr interessante Begegnungen vor. 

    Natürlich gibt es auch eine Liebesgeschichte, diese fand ich schön gestaltet und konnte auch die Gefühle gut nachvollziehen. 


    💜Der Schreibstil💜

    Das Buch ist aus der Sicht von Cate (in der Ich-Form) und aus der Sicht von einigen anderen (im Erzähler-Stil) geschrieben.

    Ich finde den Schreibstil sehr angenehm und flüssig. Es gibt spannende Momente, tolle Gefühle und, wie ich finde, sehr interessante Themen! Was ich besonders schön fand, ist, dass es (für mich) so ein langes Buch, mit vielen Seiten, ist, und dennoch echt nie langweilig oder langatmig wird. Es gibt immer wieder neue Wendungen, auch solche, die ich noch nicht vorhergesehen habe, aber auch solche, mit denen ich bereits gerechnet hatte. Dennoch bleibt das Buch zu jeder Zeit spannend! 


    ✨ Erzählte man den Menschen offen, es handle sich um Magie, um Feuerkunst, um etwas Übernatürluches, dann glaubten sie es nicht.✨ (Textausschnitt 'vom Wind geküsst')


    💜Mein Fazit💜

    Ich mag dieses Buch sehr! Ich finde die Thematik mit den Elementen und dem Wagenclan sehr schön umgesetzt, ich mag den Wind und seine Fähigkeiten. Ich habe an einigen spannenden Stellen in dem Buch mit Cate und Justus mitgebangt, habe ihre Gefühle toll beschrieben gefunden und konnte mich gut mit den Wagenleuten anfreunden. Mich hat dieser erste Teil der Dilogie gefesselt, ich fand die Story sehr schön gestaltet und war positiv über den guten Fluss des Buches überrascht! 

    Ich kann das Buch absolut empfehlen, für mich gehört es jetzt schon zu den HIGHLIGHTS dieses Monats!


    💜Details zum Buch💜

    Band 1 von 2 

    Drachenmond Verlag

    466 Seiten

  8. Cover des Buches Die leuchtenden Tage am Bosporus (ISBN: 9783458363972)
    Lucy Foley

    Die leuchtenden Tage am Bosporus

     (25)
    Aktuelle Rezension von: Betsy
    "Die Minarette erheben sich in ihrer bleichen Eleganz bis in die Wolken hinauf. Die Stadt wirkt, als läge sie in einem Dornröschenschlaf."

    Istanbul 1921: Auch nach Ende des Krieges ist die Stadt noch immer von den siegreichen Entente-Mächten besetzt und die Einwohner haben sich notgedrungen mehr oder weniger damit arrangiert. Mittendrin die junge Nur, die aus wohlbehüteten Verhältnissen entstammt und fließend Englisch spricht, nun aber ihr Dasein gemeinsam mit ihrer Mutter und Großmutter, sowie einem von ihr aufgenommenen verwaisten Jungen, in einer kleinen Wohnung fristet und sich neben dem Unterrichten mit Näharbeiten durchschlägt. Ihr Mann ist im Krieg gefallen, ihr geliebter Bruder verschollen und ihr ehemaliges Zuhause nun ein britisches Militärkrankenhaus. Als der Junge jedoch schwer krank wird, springt sie über ihren Schatten und bringt ihn zum leitenden britischen Arzt George, der nun in ihrem alten Zuhause lebt. Obwohl Nur in ihm den Feind sieht und nur Verachtung für ihn und seinesgleichen übrig hat, entspinnen sich dennoch nach und nach zarte Bande zwischen ihnen, die eigentlich nicht sein dürfen.

    "Die Finger, die die Zigarette halten, sind geschmeidig, elegant. Und doch, erinnert sie sich selbst, sind es die Hände von einem Menschen der nicht viel besser ist als ein Schlachter. Sie hat Augen, sie sieht die Uniform; er mag Arzt sein, aber er ist auch Soldat. Sein Titel ist nur ein eleganter Euphemismus für "Mörder"."


    Die Autorin versteht es mit Worten umzugehen und den Leser von Anfang an in ihren Bann zu ziehen, so poetisch, stimmungsvoll und berührend ist diese Geschichte, die trotz der ernsten Themen, und einer damit alles andere als leichten Handlung, nichtsdestotrotz einfach wunderschön ist. Dabei fließt die Geschichte recht ruhig dahin, schafft es aber dennoch den Leser zu fesseln, weil man bis zuletzt gespannt ist wie sie enden wird und dabei immer wieder gekonnt mit den Emotionen des Lesers gespielt wird. Dies gelingt nicht nur durch die melancholisch märchenhafte Atmosphäre, sondern vor allem auch, weil die Personen unglaublich vielschichtig dargestellt werden und auf sehr authentische Weise aufgezeigt wird, wie tragisch Krieg für alle Beteiligten ist und die Grenze zwischen Opfer und Täter oftmals nur hauchdünn ist, je nachdem wie die Umstände sind.

    "Krieg bedeutet, schreckliche Dinge für einen guten, ja sogar edlen Zweck zu tun. Jedes Kind weiß das. Jede Armee hat Verräter getötet, das ist einfach ein weiteres tragisches, aber notwendiges Nebenprodukt des Krieges. Es liegt nichts Würdevolles darin, sich selbst zu quälen."


    Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven und auch Zeitebenen erzählt. Anfänglich muss man sich ein wenig auf die schnellen Wechsel einstellen, vor allem da alles noch keinen echten Zusammenhang ergibt. Dies legt sich aber sehr rasch und gerade durch die unterschiedlichen Perspektivwechsel, die übrigens schön gekennzeichnet sind, bekommt man wunderbare Einblicke in die jeweiligen Personen und ist oftmals selbst hin- und hergerissen, da alle hier ihre ganz eigene Geschichte haben die sie ausmacht.

    Da wäre zum einen die für ihre Zeit sehr gebildete und selbstständige "Nur", eine Türkin, die einige Verluste hinnehmen musste, miterlebt hat wie ihr Zuhause von ihren Feinden okkupiert wurde und sich dennoch nicht unterkriegen lässt. "George", ein britischer Militärarzt, der offen für die Lebensweise des Orients ist und dessen Schönheit erkennt, aber auch schlimme Dinge im Krieg gesehen hat und offenbar ein Geheimnis hütet. Der "Junge", der von Nur aufgenommen wurde nachdem sie ihn in den zerbombten Trümmern seines Hauses gefunden hat und der anfänglich durchaus ein wenig für Fragezeichen beim Leser sorgt, weil man erst nach und nach mehr zu seinem Hintergrund erfährt und was genau es mit ihm auf sich hat. Der "Gefangene", der an der Front im 1. WK kämpft, beim Massenmord an den Armeniern dabei ist und von dem am Ende nichts mehr an den einst so sanften und lebensfrohen Mann erinnert, der er einmal war, sowie der "Reisende", der viele Jahrzehnte später mit einem Koffer voller wertvoller Erinnerungsstücke eine lange Reise antritt und quasi die Rahmenhandlung zu der ganzen Geschichte bildet. Der Inhalt des Koffer verknüpft dabei auf wunderschöne Art und Weise die Gegenwart mit der Vergangenheit, denn jeder einzelne Gegenstand daraus hat seinen ganz besonderen Platz in dieser Geschichte. Durchaus für eine gewisse Spannung sorgt dann auch die Identität des Reisenden, da man erst zuletzt wirklich sicher sein kann, um wen es sich dabei handelt, denn die Autorin versteht es durchaus geschickt den Leser immer mal wieder ein wenig unsicher werden zu lassen, ob er wirklich derjenige ist, für den man ihn hält.

    Der Leser taucht hier ein in das bunte und geschäftige Treiben auf dem Basar, bekommt die Schönheit am Bosporus gezeigt und kann die Gerüche der orientalischen Gewürze und des Kaffees fast schon selbst wahrnehmen. Zugleich zeigen sich aber auch die immer noch vorhandenen Spuren des Krieges, wie zerstörte Wohnviertel, Menschen die aus ihren Häusern vertrieben wurden, sowie das Misstrauen und der Unmut gegen die Besatzer. Vor allem über den Armenienkonflikt erfährt man einiges, der hier wie eine verhängnisvolle Wolke immer wieder über dem Ganzen zu schweben scheint und dessen Schilderungen einem einfach nur unter die Haut gehen. Besonders traurig ist dabei allerdings die Tatsache, dass dieser an den Armeniern verübte Genozid von der Türkei bis heute nicht anerkannt wird.

    "Die Wirren des Krieges", sagt er. "Ich glaube, die Menschen denken in dieser Situation, dass sie Teil von etwas Größerem sind als sie selbst. Doch häufig sind sie zu weniger geworden. Weniger menschlich. Sie werden zu Teilen einer Maschinerie, und eine Maschinerie besitzt keine Moral."


    Und inmitten all dieser Dinge entspinnt sich eine wunderschöne Liebesgeschichte, die so ganz anders ist als man es von anderen Geschichten her gewöhnt ist und gerade deshalb ihren ganz eigenen Reiz hat. Einerseits sehr subtil und regelrecht unschuldig, aber zugleich von einer Intensität die man selten so spürt wie hier, wo selbst eine kleine Berührung etwas Bedeutsames ist.

    Mit dem Ende zeigt die Autorin hier einmal mehr, dass sie ihr Handwerk versteht, denn erst auf der letzten Seite fügt sich jedes noch so kleine vorherige Detail zu einer wunderschönen Gesamtkomposition zusammen und präsentiert dem Leser einen emotionalen, aber auch unglaublich stimmungsvollen und passenden Abschluss zu dieser Geschichte. Damit wirkt die Geschichte nicht nur noch einige Zeit nach, sondern sorgt auch für feuchte Augen bei Leser.

    Schön wäre allerdings noch ein kleines Glossar mit all den türkischen Begriffen gewesen, die hier vorkommen, selbst wenn sich ein Großteil beim Weiterlesen von selbst erklärt, sowie ein paar historische Eckdaten, die das Ganze noch mal schön abgerundet hätten, auch wenn das nichts daran ändert, dass die Geschichte für sich genommen einfach großartig ist.

    Fazit: Eine wunderschöne, aber auch sehr berührende und melancholisch anmutende Geschichte, die mit ihrer wortgewaltigen und bildhaften Sprache, sowie ihrer ruhigen und gefühlvollen Art in der sie erzählt wird, verzaubert. Einmal mehr zeigen sich hier die verschiedensten Gesichter des Krieges und man wird gefangen genommen von der inneren Zerrissenheit der jeweiligen Protagonisten, die sehr authentisch dargestellt werden. Ein wunderbares Buch, das sowohl optisch als auch vom Inhalt her zu begeistern vermag und großes Gefühlskino bietet, ohne jedoch kitschig zu sein. Für mich eines dieser Bücher, das mir noch sehr lange in Erinnerung bleiben wird.
  9. Cover des Buches Wer fürchtet den Tod (ISBN: 9783959811866)
    Nnedi Okorafor

    Wer fürchtet den Tod

     (17)
    Aktuelle Rezension von: renateliestgerne

    Afrikanische Mythen gemischt mit Stammeskämpfen und dem unbeirrbaren Glauben einer jungen Frau, die sukzessive ihre Zauberkräfte entwickelt. Onjesonwu ist ein junges Mädchen, das aus einer Vergewaltigung durch einen Mann aus einem feindlichen Stamm entstanden ist. Mit diesem Stigma hat sie seit frühester Kindheit zu kämpfen. Ausgerechnet die – selbst gewählte – Beschneidung öffnet ihr die Freundschaft zu drei anderen Mädchen, die lebenslang halten wird. Das mutet absurd an, aber auch die kann die Autorin verständlich machen. Und sie macht sich auf den Weg, ihr Schicksal, die Rettung ihres Stammes, zu erfüllen. Dabei ist sie keineswegs immer mutig, sondern verzweifelt mehrfach, aber geht weiter. Sie bekommt teilweise Hilfe von unerwarteter Seite, teilweise erfährt sie ungeahnt Böses. Ich habe mit ihr mitgefiebert und konnte das Buch nicht aus der Hand legen. Keine ganz entspannende Lektüre, aber sehr sehr mitreißend.

    Ich habe das Buch in englischer Sprache gelesen und hoffe, die Übersetzung ist gut

  10. Cover des Buches Und in mir der unbesiegbare Sommer (ISBN: 9783551582546)
    Ruta Sepetys

    Und in mir der unbesiegbare Sommer

     (109)
    Aktuelle Rezension von: ariadne
    Ich wusste schon von vornherein, dass mir das Buch sehr gut gefallen würde und wurde zum Glück auch nicht enttäuscht.
    Über die Baltischen Länder im 2. Weltkrieg weiß ich leider viel zu wenig und war froh, dass mir dabei dieser Roman etwas mehr Licht in meine dunkle Wissenslücke gebracht hat. 
    Auch wenn die Figuren der Geschichte erfunden sind, so stellen sie doch repräsentativ das Schicksal vieler Tausender Menschen dar, die von dem sowjetischen Regime deportiert, gefangen, und ermordet wurden. Ein dunkles Kapitel zum Krieg, das hoffentlich noch viel mehr erforscht werden wird.
    Von der Autorin werde ich mir auf jeden Fall noch weitere Bücher besorgen.
    Einzig der Erzählstil war mir etwas zu "jugendlich" gehalten, aber das sollte wohl vielen jungen Lesern ein Anreiz sein, sich mit dieser Geschichte zu befassen.
  11. Cover des Buches Knochenlese (ISBN: 9783453435568)
    Kathy Reichs

    Knochenlese

     (331)
    Aktuelle Rezension von: Sandrasc1978

    In diesem Buch geht es um Knochenfunde in Guatemala. Mit der Bergung der Knochen kommt Tempe Brennan ausVersehen einem anderen Verbrechen zu nahe und gerät dadurch in Gefahr.

    Ich mag die Figur Tempe Brennan, da sie nicht nur ein Gespür für die Knochen hat, sondern auch eine große Portion Selbstironie und ihre Gedankenwelt aus meiner Sicht recht typisch für eine alleinstehende Frau in ihrem Alter ist (zumindest kommt es mir manchmal recht bekannt vor…). 

    Was mir immer wieder gefällt, ist dass Claudel ihr immer wieder versucht Steine in den Weg zu legen. Am Ende des Buches muss er ihr dann aber doch meistens ein Kompliment machen, Waschmaschine wahrscheinlich am meisten ärgert.

    Etwas seltsam finde ich Tempe’s Beziehung zu Andrew Ryan, aber da er Charme und Humor hat und zudem sehr gut auszusehen scheint, verzeihe ich dies dann doch.

  12. Cover des Buches Judas (ISBN: 9783518466704)
    Amos Oz

    Judas

     (53)
    Aktuelle Rezension von: gerda_badischl

    Über den Inhalt haben andere Rezensenten schon genug geschrieben. Ich möchte euch gerne erzählen, wie es mir beim Lesen gegangen ist:


    Die ersten zwei Drittel des Buches waren zäh.

    Trockene und viel zu genaue Beschreibungen eines langweiligen Alltags. (a la: "er tat Zahnpasta auf die Zahnbürste, dann putze er zuerst die Zähne oben links, dann oben rechts, innen putze er etwas ungenauer, weil da kam er mit der Zahnbürste nicht so gut hin, ..." das ist KEIN ZITAT, sondern selbst erfunden, und soll nur mein Gefühl beim Lesen wiedergeben!) 

    Abwechselnd mit Dialogen, die wie Vorträge klingen. Hier ein zufällig aufgeschlagenes Zitat aus einem Gespräch zweier Hauptpersonen:     

    "... Thomas Mann hat an irgendeiner Stelle geschrieben, Hass sei nichts anderes als Liebe, die man mit einem Minuszeichen versehen hat. Das Ausmaß des Hasses ist ein Beweis dafür, dass Liebe dem Hass gleicht, denn in der Eifersucht mischen sich Liebe und Hass. Im Hohelied, im gleichen Abschnitt, wird uns gesagt, die Liebe ist stark wie der Tod und ihr Eifer ist fest wie die Hölle. Ataljas Vater hat geglaubt, Juden und Araber wären dazu geschaffen, einander zu lieben, würde man nur das Missverständnis zwischen ihnen beseitigen. ...

    - übrigens ein recht schönes Zitat, das ich hier zufällig erwischt habe, ich schreibe für euch auch noch ab, wie es weitergeht: "...Zwischen Juden und Arabern gibt es kein Missverständnis, es hat nie ein Missverständnis gegeben. Im Gegenteil. Seit Jahrzehnten besteht zwischen ihnen ein vollkommenes Verständnis: Die einheimischen Araber hängen an diesem Land, weil es ihr einziges ist, sie haben kein anderes, und wir hängen an diesem Land aus genau den gleichen Gründen. Sie wissen, dass wir nie darauf verzichten können, und wir wissen, dass sie nie verzichten werden. Das gegenseitige Verstehen ist also völlig klar. Es gibt kein Missverständnis zwischen uns und hat es nie gegeben."

    Man sieht: schreiben kann er ja gut, der Herr Oz, aber die Romanhandlung schien mir anfangs mehr ein Vorwand zu sein, um ein paar Geschichte-Lektionen gut zu verpacken.


    Und dann - im letzten Drittel, oder vielleicht sogar erst im letzten Viertel - ist etwas mit mir passiert:

    Die Beschreibung eines Zimmers...

    Seitenlang...

     Und ich hab noch daran gedacht, wie langweilig mir die Lektüre ist, als ich plötzlich 

    ... das Zimmer GEROCHEN habe

    ... und das Sofa unter mir GESPÜRT 

    ... und plötzlich WAR ich in diesem Haus in Jerusalem!

    Ich kann verstehen, warum dieses Buch von manchen Rezensenten fünf Sterne bekommt. In der richtigen Stimmung gelesen, mit viel Ruhe und ohne große Erwartungen, dass etwas passiert, kann man diesen unglaublichen Sprung in eine andere Welt machen. Die Frage ist nur, ob es beim Zweitlesen leichter und schneller gehen wird. Ich werde es vorläufig noch nicht probieren. Aber vielleicht ... einmal in der Zukunft?


    Fazit: gute 3 Sterne - eventuell korrigiere ich meine Wertung beim Zweitlesen noch nach oben.


    off topic: Ich habe das auch schon bei anderen Büchern erlebt, dass aus Drei-Sterne-Büchern beim zweiten Lesen glatte Fünfer wurden. Aber selten. Eigentlich nur einmal. Buchtipp: https://www.lovelybooks.de/autor/Max-Frisch/Homo-faber-265111788-w/ 

  13. Cover des Buches Roman eines Schicksallosen (ISBN: 9783499253690)
    Imre Kertész

    Roman eines Schicksallosen

     (228)
    Aktuelle Rezension von: BrittaRoeder

    „Vom Glück der Konzentrationslager“ will er erzählen, der Überlebende in Imre Kertész‘ „Roman eines Schicksalslosen“. Es sind Sätze wie dieser, die mir als Leserin den Atem rauben. Sätze wie dieser, die es mir unmöglich machen, eine „normale“ Rezension zu verfassen. Die sonst üblichen Maßstäbe versagen hier schlicht.

    Kerstesz‘ 1975 erstmals erschienener Roman ist mehr als ein Buch über das Leben im Konzentrationslager. Sein Roman ist dem Akt des Erinnerns gewidmet. Kertész breitet die Erinnerungen seines 15-jähigen Ich-Erzählers vor uns aus. Dieser wird völlig unerwartet aus seinem Leben gerissen. Ohne Anklage verhaftet man ihn am helllichten Tag  in seiner Heimatstadt Budapest und verschleppt ihn mit Hunderten anderen ins Konzentrationslager Ausschwitz, später nach Buchenwald.  Nur langsam bahnt sich das Grauen einen Weg in sein Bewusstsein. Schritt für Schritt, Wort für Wort, verändert sich sein Blick. Das Unnormale wird normal, so dass ihm Stück für Stück die Normalität verloren geht.

    Spätestens jetzt wird klar: Dieser Roman ist eine Perversion, denn jeder Versuch das Unerklärbare erklärbar zu machen ist obszön. Der Tabubruch bricht den Menschen. Das Erinnern gerät zum unmöglichen Akt, weil es versucht das Unbegreifbare verstehen zu wollen.

    Kertesz gelingt es, dieses Unfassbare in Worte zu fassen. Nicht dass es so verständlich würde, nein, dieser Teil der Geschichte entzieht sich jeden Verstehens. Aber so, dass wir, die Leser, dieses Nichtverstehen mit dem Erzähler teilen müssen ohne uns ihm entziehen zu können.

    Es ist unbestreitbar grandios, wie Kertész Form und Inhalt seines Textes zu einer Einheit verschmelzen lässt. Mehr und mehr entgleitet Kertész Protagonisten die Realität und mit ihr die Fähigkeit diese noch zu beschreiben. Selbst als er gerettet ist, kann er die Grenzen seines inneren Gefängnisses nicht sofort überwinden. Er erkennt die zurückgekehrte Normalität einfach nicht mehr. Sie passt nicht mehr in sein Weltbild.

    Durch den Akt des Erinnerns wird das Erinnerte selbst zum Mahnmal, zum Apell gegen das Vergessen. Denn die Zeit, stellt der Überlebende fest, ist nur im Rückblick unveränderlich. Alles was passiert, passiert durch die, die es tun oder lassen. Und so wird jeder zum Verantwortlichen für das Schicksal.

    „Aber auch so habe ich ihnen erklärt, dass man nie ein neues Leben beginnen, sondern immer nur das alte fortsetzen kann. Ich und kein anderer hat meine Schritte gemacht, und ich behaupte mit Anstand. (…) Ob sie denn wollten, dass diese ganze Anständigkeit und alle meine vorangegangenen Schritte nun ihren ganzen Sinn verlören? … warum diese Widerspenstigkeit, warum dieser Unwille, einzusehen: wenn es ein Schicksal gibt, dann ist Freiheit nicht möglich: Wenn es aber (…) die Freiheit gibt, das heißt also, wir selbst sind das Schicksal“

    „Ich werde mein nicht fortsetzbares Dasein fortsetzen“, läßt Kertesz seinen Protagonisten am Ende des Romans sagen. Der Widerspruch löst sich nicht auf. Er bleibt als unheilbare Wunde für immer bestehen.

  14. Cover des Buches Die Wohlgesinnten (ISBN: 9783833306280)
    Jonathan Littell

    Die Wohlgesinnten

     (155)
    Aktuelle Rezension von: Guccini

    Einfach ekelhaft das Buch. Dann lieber Frankls „ ... trotzdem Ja zum Leben sagen“.Jedes weitere Wort ist hier Verschwendung.

  15. Cover des Buches Sternenschatten (ISBN: 9783453525535)
    Sergej Lukianenko

    Sternenschatten

     (77)
    Aktuelle Rezension von: Jari
    In diesen beiden zusammengehörenden Büchern macht Autor Sergej Lukianenko genau das, was die Sci-Fi so ausgezeichnet kann: anhand einer zukünftigen Welt und ferner Planeten über unsere eigene Welt reflektieren.

    Die Titel, die eigentlich ein einziges Buch darstellen, sollten man am besten nahe aufeinander folgend gelesen werden, damit man als Leser nicht den Bezug zu dieser Welt verliert. Getrennt lesen geht hier fast nicht, da sie ein Ganzes bilden. Band eins hätte ansonsten kein richtig befriedigendes Ende und Band zwei wäre sehr schwer verständlich.

    "Sternenspiel" und "Sternenschatten" sind nicht das, was man typischerweise unter Sci-Fi versteht. Oh, es gibt Aliens, fremde Planeten und selbstverständlich geht um die Rettung der Erde, doch sind diese Bücher enorm philosophisch und nachdenklich. Wer Schlachten im Sinne von "Star Wars" erwartet, wird mit dieser in sich gekehrten, eher ruhigen Geschichte wahrscheinlich wenig anfangen können, obwohl es natürlich auch zu Kampfszenen kommt.

    Pjotr macht enorme Entwicklungen und Veränderungen durch, immer wieder stellt er sich selbst und seine Welt in Frage, hintersinnt, kommt zu einem Entschluss, nur um sich dann zu fragen, ob das richtig wäre. Doch wirkt er dabei nicht wankelmütig, sondern eher verhält es sich so, dass Pjotr dermassen oft mit anderen Ansichten und neuem Gedankengut konfrontiert wird, dass er stets seine eigene Sichtweise überdenken muss.

    Auch der Leser wird in diese Gedanken Pjotrs hineingezogen. Zwar fragt er sich selbst, doch der Leser kommt nicht umhin, für sich selbst Antworten finden zu müssen. Im Gegensatz zu Pjotr können wir dies jedoch in aller Seelenruhe tun, während stets in Situationen steckt, in denen er rasch handeln muss. Mehr als einmal steht dabei sein Leben auf dem Spiel. Und damit natürlich auch immer das Schicksal des Planeten Erde.

    Ich fand mich oft staunend wieder, ab der unerwarteten Tiefe, die diese Bücher aufweisen. Einige Szenen haben sich unwiederbringlich im mein Gedächtnis gebrannt. So etwa der alte Historiker, der in ein Arbeitslager geschickt wurde, weil er zu tief nach der Wahrheit gesucht und diese dann eben auch gefunden hat. Eine Wahrheit, die keiner wissen möchte. Dies spielte auf einem fernen Planeten, klingt aber dennoch irgendwie bekannt, nicht wahr? Ebenso die Aufteilung aller Lebewesen in starke und schwache Rassen lässt uns aufhorchen. Die Geschichte der Menschheit intergalaktisch verpackt.

    Dabei sind die Werke nicht nur tiefgründig, sondern auch sehr komplex aufgebaut. Ebenfalls ein Grund, beide Bände möglichst zeitnah zu lesen. Details spielen hier eine wichtige Rolle und ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich wirklich alles verstanden habe, was Lukianenko uns mitteilen wollte. Wahrscheinlich eher nicht, die "Sternen-"Bücher schreien geradezu nach einem Re-Read.

    Lukianenko hat ein weiteres Mal sein Können bewiesen und Welten und Wesen geschaffen, die mir völlig neu waren. Die Bücher haben mich in ihren Bann gezogen, mich (heraus)gefordert und vollkommen für sich eingenommen.

    Ausserdem habe ich im Reptiloid Karel eine neue Lieblingsfigur gefunden.
  16. Cover des Buches Der Bastard von Istanbul (ISBN: 9783036959245)
    Elif Shafak

    Der Bastard von Istanbul

     (32)
    Aktuelle Rezension von: LeaBeck

    Ein Roman über zwei Familien, eine türkische und eine armenische, verbunden durch eine in Vergessenheit geratene, geleugnete und nie aufgearbeitet Vergangenheit. Armanoush, eine amerikanische Armenierin, ist Anfang zwanzig als sie nach Instanbul zu der Familie ihres türkischen Stiefvaters reist, um sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Aufgewachsen zwischen zwei Kulturen, unfähig eine der beiden die ihre zu nennen, trifft sie in Istanbul auf eine Familie die keinerlei Kenntnisse über die grausame Vergangenheit des eigenen Landes zu haben scheint. Gemeinsam mit Asya, dem jüngsten Familienmitglied, begibt sie sich auf die Suche nach Antworten. 


    Ein unglaublich wortgewaltiger, wunderschöner und gleichzeitig herzzerreißender Roman. Elif Shafak thematisiert unaufgearbeitete Traumata des armenischen Völkermordes, wodurch ihr drei Jahre Haft in der Türkei drohten. Ein beeindruckendes Buch über Familie, den Wunsch zu Vergessen, die Unfähigkeit zu Verzeihen, Liebe und Schuld. Nicht ohne Grund gilt Shafak als eine der bedeutendsten Autorinnen der Türkei. Dieses Buch muss man einfach gelesen haben.

  17. Cover des Buches Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses (ISBN: 9783426628041)
    Dee Brown

    Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses

     (59)
    Aktuelle Rezension von: Wiosna
    Dieses Buch zeigt auf, wie die Eroberung des amerikanischen Kontinents durch die "Weißen" aus Sicht der Ureinwohner ablief. Schonungslos stellt Dee Brown dar, wie rücksichtslos und brutal der "Weiße Mann" bei der Okkupation des Kontinents vorging.

    Dieses detailliert recherchierte Buch sollte Pflichtlektüre für alle werden, die den "Amerikanischen Traum" bejubeln - er wurzelt in einem blutgetränkten Boden.
    Es wird aufgeräumt mit dem durch seichte "Wild-West-Filme" verbreiteten Bild des "bösen Roten", der die "armen Weißen" abschlachtet.

    Millionenfaches Leid auf Seiten der Ureinwohner - und nur wenige interessiert es. Schaut auf die aktuelle Situation der "Indianer". Es macht fassungslos. Die Verbitterung ist nachvollziehbar.

    Ein wichtiges Buch.
  18. Cover des Buches Der letzte Harem (ISBN: 9783426509630)
    Peter Prange

    Der letzte Harem

     (106)
    Aktuelle Rezension von: Keksisbaby

    Trotz unterschiedlicher Religion kann die zwei Freundinnen Eliza und Fatima nichts trennen. Nicht einmal als ihr Dorf zerstört wird und beide in den Harem des Sultans verkauft werden. Zunächst gehören beide der untersten Stufe in der Harems Hierarchie an, doch Fatima legt es mit allen Mitteln darauf an eine der Hauptfrauen des Sultans zu werden, während Eliza ihm als Beraterin treu ergeben ist. Nachdem das Regime gestürzt wird und der Sultan ins Exil muss, bricht die Welt der beiden Frauen zusammen. Sie sind nun nicht länger durch den Harem geschützt und müssen sich ein neues Leben aufbauen. Während Fatima schon bald einen neuen reichen Beschützer an ihrer Seite hat, muss Eliza zusehen wie sie zurechtkommt. Doch das Schicksal führt sie alsbald wieder zusammen und hält weitere Hürden für sie bereit.


    „Der letzte Harem“ lag seit über 10 Jahren auf meinem Stapel ungelesener Bücher und das völlig zu Unrecht. Ich weiß, dass Peter Prange ein wundervolles Erzähltalent hat, das mich mit jedem seiner Bücher aufs Neue gefangen nimm. Auch in diesem Buch war es nicht anders. Er brachte mir einen Ausschnitt der türkischen Geschichte näher, die mir bis dato unbekannt war. Wobei ich zugeben muss, dass das meiste der türkischen Geschichte, sich meiner Kenntnis entzieht. Natürlich hat man als Europäer eine gewisse Vorstellung, wenn man das Wort Harem hört. Diese Vorurteile werden in den Erwartungen des deutschen Arztes bei seiner Ankunft wiedergespiegelt. Ihm gelingt als Mann das Unmögliche, einen Blick in diesen geheiligten Ort zu werfen. Mit Bedauern muss er erkennen, dass es weniger erotisch und exotisch zugeht, als er es sich ausgemalt hat. Von den beiden Freundinnen war mir Eliza lieber als Fatima. Ihre Gedanken und Beweggründe, waren meinen eigenen Vorstellungen näher als Fatima. Eliza ist rational, sie ergreift Gelegenheiten beim Schopf und wartet nicht darauf, dass Gott sein Urteil spricht, auch wenn sie sich dafür gegen die Konventionen auflehnen muss. Fatima, die den Sultan in einen Gottstatus stellt und alles dafür tut ihn bei Laune zu halten, war mir eher fremd. Zu weich, zu sehr darauf bedacht unter dem Schutz eines Mannes zu stehen und nach dem Verlust ihres Kindes gibt sie sich dem Alkohol hin, anstatt dieser seltsamen Ehe zu entfliehen. Die Kapitel sind kurz, so dass man hin und wieder das Buch zur Seite legen kann, und das Gelesene auf sich wirken lassen kann. Aber ich habe es nie für lange Zeit weggelegt. Das politische wird nie zu sehr ausgeweitet und wenn dann immer mit den handelnden Personen emotional verknüpft, so hatte ich nie das Gefühl wie bei manch anderen historischen Romanen alle Rechercheergebnisse des Autors um die Ohren gehauen zu bekommen.


    Wirklich eine abenteuerliche Geschichte aus der Sicht zweier Freundinnen mit unterschiedlichem religiösem Hintergrund in Zeiten des Wandels und des Aufbruchs.

  19. Cover des Buches Die vierzig Tage des Musa Dagh (ISBN: 9783458361275)
    Franz Werfel

    Die vierzig Tage des Musa Dagh

     (40)
    Aktuelle Rezension von: kingofmusic

    Wehmütig und gleichzeitig befreiend – diese ambivalenten Gefühle hatte ich nach dem Zuklappen von „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel. Knapp sieben Wochen hat das Buch mich nun (fast) täglich begleitet – sei es im Bus oder auf dem heimischen Sofa. Und schon lange habe ich keinen Roman mehr aus dem Bereich der „Klassiker“ gelesen, in dem Glaube, Liebe, Hoffnung und Tod eine konsequentere Verbindung eingegangen sind als hier.


    Obwohl 1933 erstveröffentlicht (und auch zwischenzeitlich in NS-Deutschland verboten), liest sich der Roman, für den Franz Werfel Originalquellen studiert hat, überaus flüssig und leicht. Erzählt wird die Geschichte des Völkermords an den Armeniern, den Deportationen und (namensgebend für das Buch und den Inhalt) dem Widerstand einer Gemeinschaft aus 7 Dörfern, die sich 40 Tage auf den Musa Dagh verschanzt, mehr oder weniger erfolgreich vor den Türken verteidigt haben und am Ende von einer französischen Flotte gerettet wurden.


    Einige der Figuren im Roman sind also nicht der Fantasie des Autors entsprungen, sondern lassen sich unter anderem Namen historisch belegen, was dem Buch eine sehr hohe Authentizität verleiht.


    Die atmosphärisch dichte Erzählweise sorgt dafür, dass man das Buch schwer aus der Hand legen kann. Bei knapp 1000 Seiten bleibt es allerdings auch nicht aus, dass die ein oder andere erzählerische Länge dabei ist, die aber für den Gesamtkontext wichtig und ergo wieder richtig ist.


    Neben den (nicht nur in so einer Extremsituation) unausweichlichen zwischenmenschlichen Konflikten einer größeren Gemeinschaft werden auch die Zweifel am eigenen Tun des Gabriel Bagradian mit klaren Worten beschrieben:


    „Gedanken, vor denen er selbst erschrak, beschäftigten unausgesetzt Bagradians Geist, ja sie schüttelten ihn so mächtig, daß er ihnen zu keiner Stunde des Tages und der Nacht entrinnen konnte. Dabei waren sie, trotz aller pedantischen Forschertätigkeit, in ein ähnlich traumhaftes Zwischenreich getaucht wie das ganze Leben am Fuße der grünen Alpe. Gabriel sah nur einen Beginn vor sich, er sah nur den Kreuzweg, wo sich die Wege teilten. Fünf Schritt weiter war alles Nebel und Finsternis. Aber es gehört wohl zu jedem Leben vor der Entscheidung, daß nichts unwirklicher ist als das Ziel. Und doch, war es begreiflich, daß sich Gabriel mit seiner ganzen aufgestörten Energie nur in diesem engen Tal bewegte, daß er jeden Ausweg vermied, der vielleicht noch offenstand?“ (S. 203)


    Auch werden philosophische, religiöse und ethische Gedanken präzise beschrieben – die geneigte Leserschaft wird also auch nach fast 100 Jahren noch „aktuelle“ Gedanken in dem Text finden.


    „Der echte Bibliophile liebt mehr als Form und Inhalt eines Buches seine Existenz; er muß es erst gar nicht lesen.“ (S. 67)


    Ob bewusst oder unbewusst – auch seinem knapp 10 Jahre vor dem Erscheinen von „Die 40 Tage des Musa Dagh“ verstorbenen Freund Franz Kafka setzt Werfel in dem Werk ein kleines Denkmal:


    „Die Nacht hingegen war wie bei gar vielen Weisen und Geistesgroßen die Zeit seines hellsten, hochbewegten Lebens.“ (S. 757)


    Und so bleibt mir am Ende nichts weiter, als eine unbedingte Leseempfehlung für diesen Jahrhundertroman auszusprechen.

  20. Cover des Buches Kuchen backen in Kigali (ISBN: 9783548282824)
    Gaile Parkin

    Kuchen backen in Kigali

     (71)
    Aktuelle Rezension von: Helen13

    Wer sich für Afrika und seine jüngere Geschichte interessiert, wird in diesem Roman bestens unterhalten und subtil informiert, wie es den Bewohnern Ruandas ergeht, nachdem das Land schwere Zeiten durchleben musste.

    Wir sehen alles mit den Augen der Familie Tungaraza aus Tanzania, die dort leben weil der Vater einen Vertrag mit der Universität hat. Sie sind also Fremde aber nicht total, sie haben miterlebt was in ihren Nachbarländern geschah und das Trauma des vergangenen  Völkermords hängt wie eine Glocke über dem Land und dessen Bewohnern. Trotzdem ist dieser Roman voller Situationskomik und bringt einen öfter zum Lachen. Die Hauptperson, Mama und mit Namen Angel hat ihr eigenes Business indem sie Aufträge annimmt für Party Kuchen, die sie sehr fantasie – und kunstvoll herstellt. Durch geschicktes Fragen weiß sie bald, was für einen Kuchen sie kreieren soll. Sie kann alles, Flugzeuge, Mikrofone, Lokomotiven, Schultaschen, Tee- oder Kaffeekannen – nichts ist unmöglich für sie, solche und viele andere Gegenstände als wundervoll verzierte Kuchen herzustellen, sei es für Kinder oder Erwachsene .  Durch ihre Kommunikation mit den Kunden erfahren wir ganz viel über Familienverhältnisse und Schicksale vieler Menschen aller Schichten, Schönes und Trauriges, alles mitten aus dem Leben gegriffen.  Gaile Parkin hat sensibel und kenntnisreich ein bemerkenswertes Panorama des täglichen Lebens im heutigen Ruanda gezeichnet. Ich empfehle dieses Buch ausdrücklich, es ist menschlich anrührend und absolut mitreißend.

     

  21. Cover des Buches Todesdeal (ISBN: 9783426304358)
    Veit Etzold

    Todesdeal

     (54)
    Aktuelle Rezension von: P_Gandalf

    Todesdeal ist ein toller und rasanter Politthriller, der sich dem Thema der Rohstoffversorgung der 1. Welt im Allgemeinen und Deutschlands im Speziellen annimmt.

    Etzold baut die Story geduldig auf und stellt seine Protagonisten und die Interessen der jeweiligen Staaten bzw. Organisationen vor. Irgendwann treffen alle Personen auf dem Weg nach Ruanda oder in Ruanda bzw. dem Kongo zusammen und ein Verwirrspiel beginnt, bei dem jede Seite ihre Interessen verfolgt und auf Partner nur bedingt Rücksichten nimmt.

    Nebenbei wird der Konflikt zwischen Hutus und Tutsies, der in den 90er Jahren zu einem Genozid führte aufbereitet.

    Am Ende bleibt bei mir ein schaler Beigeschmack, ob die innerafrikanischen Konflikte allen Sonntagseden unserer Politiker zum Trotz nicht ganz genau in unserem (wirtschaftlichen) Interesse ist.

    Fazit:

    Gut geschriebener Thriller, gutes Thema, regt zum Nachdenken an.

    --> Lesen!

    Warum nur 4 Sterne?

    Der Show Down hat mich nicht überzeugt - aber das ist vielleicht nur meine Meinung-

  22. Cover des Buches Pici: Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück (ISBN: 9783944442402)
    Robert Scheer

    Pici: Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück

     (42)
    Aktuelle Rezension von: parden
    EIN PERSÖNLICHES MAHNMAL...

    Robert Scheer liebte seine Großmutter. Dies ist an und für sich nichts Besonderes, doch eigentlich ist es ein Wunder, dass es den Autor überhaupt gibt. Denn eigentlich hätte seine Großmutter Pici nicht überleben, nicht heiraten und keine Familie gründen dürfen. Denn dies war der Plan von Hitler und seinen Schergen. Doch als einzige ihrer weitverzweigten jüdischen Familie überlebte Pici ("die Kleine") seinerzeit die Gräuel des Holocaust.


    "Die Weisen sagen, das Ziel des Lebens sei das Leben selbst. Dem folgend habe ich das Ziel erreicht. Denn ich lebe noch." (S. 56)


    Zum 90. Geburtstag seiner Großmutter beschloss Robert Scheer, diese nach ihren Erlebnissen zu befragen, damit ihr Zeugnis bewahrt bleibt. Und wo Pici jahrzehntelang geschwiegen hat, öffnete sie sich ihrem Enkel gegenüber und gab Auskunft über helle und dunkle Jahre ihrer Vergangenheit.

    Die ersten zwei Drittel des Buches erzählen von Picis Familie und ihrer Kindheit in Rumänien. Dort wohnte die Familie ungarischer Juden und lebte vom Holzhandel des Vaters. Arm, kinderreich, aber zufrieden, so wie viele andere Menschen der kleinen rumänischen Stadt auch. Als etwas langatmig habe ich diese Schilderungen zeitweise empfunden, aber andererseits als durchaus legitim - holte sich Pici auf diese Art noch einmal alle Mitglieder iher großen Familie in ihre Erinnerung zurück, alle in den Jahren des Holocaust ums Leben gekommen.

    Die schlimmen Erlebnisse Picis nach dem Verlust ihrer Heimat in den 40er Jahren nach der Machtergreifung Hitlers nehmen entsprechend etwa ein Drittel des Buches ein. Die Vertreibung ihrer Familie aus der kleinen rumänischen Stadt, die Erfahrungen im Ghetto, die Deportationen in verschiedene Konzentrationslager, die Kälte, die Hitze, der Hunger, die Unmenschlichkeit, die Angst, die Krankheiten, das Trauma, der Tod - Dinge, über die es sicher auch nach 70 Jahren noch schwerfallen dürfte zu sprechen.

    Was mich bei der Lektüre verblüffte, waren die großen Erinnerungslücken Picis, die viele schreckliche Erlebnisse und Details ausgeblendet zu haben scheint.


    "Und auch für die folgenden Zeiten gibt es solche kleinen Momente, die völlig in meinem Gedächtnis fehlen, aber nicht so, dass ich sie nach Jahren vergessen hatte, sondern so, als hätten sie nichts mit mir zu tun gehabt. Vielleicht, weil mein Verstand dies alles nicht nachvollziehen konnte und von sich wegschob..." (S. 90)


    Entsprechend rudimentär erscheinen denn auch teilweise die Erinnerungen, Spotlights der Schrecken, wobei die Schilderungen selbst nahezu nüchtern erscheinen. Dennoch kommt das Grauen beim Leser an, die Bilder lassen sich ncht verdrängen, die Unfassbarkeit der Erinnerungen bricht sich Bahn. Zahlreiche in den Text integrierte Fotos (viele aus dem Privatbesitz des Autors) unterstreichen das Geschriebene, geben dem Erzählten ein Gesicht und verankern das Grauen in der Realität.

    Der Schreibstil ist einfach, erinnert zeitweise an einen ungeübten Schulaufsatz. Doch vieles ist in wörtlicher Rede wiedergegeben und dokumentiert so eher das Gespräch zwischen dem Enkel und seiner Großmutter Pici als dass es literarisch aufgearbeitet ist. Dieses Stilmittel der wörtlichen Rede unterstreicht in meinen Augen die Authentizität der Erzählung.

    Neben den bereits erwähnten Fotos gibt es - vor allem in dem vielseitigen Anhang - auch zahlreiche Kopien von alten Briefen, Dokumenten und Listen, die die Erinnerungen Picis in Raum und Zeit des Holocaust verankern. Hier hätte ich mir eine bessere Qualität der Darstellung gewünscht, denn viele der genannten Quellen waren durch eine blasse und verschwommene Kopie für mich tatsächlich kaum leserlich, was ich wirklich bedauerlich fand.

    Robert Scheer hat mit diesem Buch nicht nur seiner geliebten Großmutter ein Denkmal gesetzt, sondern mit Picis Erinnerungen auch ein persönliches Mahnmal geschaffen. Ein Buch 'Gegen das Vergessen', das sehr persönliche Einblicke gewährt.


    © Parden
  23. Cover des Buches Verlorene Welten: Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700-1910 (ISBN: 9783608949148)
    Aram Mattioli

    Verlorene Welten: Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas 1700-1910

     (10)
    Aktuelle Rezension von: SiCollier
    Die Zerstörung des indianischen Nordamerika darf als Schlüsselereignis nicht mehr länger aus der Geschichte der USA wegretuschiert werden, gerade weil viele Amerikaner diese Katastrophe jahrzehntelang ausblendeten oder sie in ihrer Bedeutung bis heute kleinreden. (Seite 348)

    Meine Meinung

    „Es ist nicht möglich, alle an California Indians verübten Massenmorde zu thematisieren, weil es schlicht zu viele an der Zahl sind.“ (S. 210) Der Satz stand bei der Überlegung, welches Zitat ich über meine Rezension stelle, mit zur Auswahl. Immerhin hat er es an den Beginn der Rezension geschafft und deutet so auf zweierlei hin: daß es weder im Buch noch in der Rezension möglich ist, alles Relevante zu erwähnen (weil es schlicht zu viel ist) und wes Geistes Kind die heutigen USA sind, was zu deren Verständnis hilfreich ist.

    Selten hat mich ein Buch dermaßen wütend zurückgelassen wie dieses. Und das, obwohl (oder gerade deswegen?) der Autor in durchweg sachlicher, aber gut lesbarer, Sprache die historischen Ereignisse schildert. Daß er sich diese nicht aus den Fingern saugt, mag die übergroße Anzahl von Quellenhinweisen am Ende des Buches bezeugen.

    Zu Beginn führt er aus, daß es heute drei Positionen zum Untergang der Indianer gibt: die erste besagt, daß der Untergang nicht gewollt passierte, sondern eine „unbeabsichtigte Nebenfolge“ (S. 22) der Westexpansion war. Der zweite ist der Meinung, daß die nordamerikanischen Indianer seit Beginn der europäischen Expansion „Opfer eines gezielten und systematisch betriebenen Völkermordes“ wurden. (S. 22f) Der dritte schließlich besagt, daß die erstgenannten beide nicht zutreffend sind, sondern daß die Indianer an verschiedenen einzelnen Formen der Massengewalt, wie zum Beispiel Todesmärsche bei Umsiedelungsaktionen, Unterversorgung in Reservaten, Kindeswegnahmen, Massakern (vgl. S. 24f) unter gingen, diese insgesamt jedoch nicht die Bedingungen der Genozidkonvention vom 9. Dezember 1948 erfüllen würden.

    Das Buch selbst ist in einzelne Kapitel, die sich mit jeweils einer Großthematik, wiederum unterteilt in bestimmte Regionen bzw. Nationen, befassen aufgeteilt. So entsteht für die Zeit ab etwa 1700 bis in die Neuzeit ein sehr umfangreiches und detailliertes Bild dessen, was durch die Besiedelung des Westens durch die Amerikaner den dort seit Jahrhunderten lebenden indigenen Völkern widerfahren ist. Sicherlich würde eine Gesamtdarstellung aller Nationen samt deren Schicksal den Rahmen dieses (und auch jedes anderen Buches) sprengen, aber dadurch, daß wesentliche Schwerpunktthemen behandelt werden, erhält der Leser doch ein recht vollständiges Bild jener Ereignisse, die oft als „Eroberung des Wilden Westens“ verklärt dargestellt werden.

    Neu waren für mich die Ausführungen dazu, weshalb sich viele Nationen mit den Briten und/oder Franzosen gegen die Amerikaner verbündeten. Vor allem die Franzosen gestanden den Indianern - im Gegensatz zu den Amerikanern - viele Rechte zu, so daß sie relativ frei und unbehelligt in von diesen kontrollierten Gebieten leben konnten. Die Parteinahme für Briten und Franzosen war also wohlüberlegt im Sinne des eigenen Überlebens. Die verheerende Wirkung der von den Europäern eingeschleppten Seuchen war mir allerdings schon früher in anderen Veröffentlichungen begegnet.

    Immer wieder wird deutlich, daß es den Amerikanern völlig egal war, wie sie ihr Ziel, den Kontinent vollständig zu unterwerfen und zu besiedeln, erreichen. Dabei trat ein erschreckender Rassismus zutage, der bis heute wirkmächtig ist. Denn die First People wurden nicht als (gleichberechtigte) Menschen, sondern als „Wilde“, als „auf Steinzeitstufe stehengebliebene“, als „unterlegene Rasse“ angesehen, deren natürliches Schicksal es sei auszusterben. Niemand störte sich daran, daß dazu beispielsweise auch der 1. Zusatzartikel zur Verfassung gebrochen wurde (vgl. S. 297).

    Nach der Lektüre des Buches bin ich persönlich zu der Überzeugung gekommen, daß vielleicht kein expliziter schriftlicher Regierungsbeschluß zur vollständigen Ausrottung der Indianer existiert haben mag, die Handlungsweise sowohl von Regierung, US Army als auch den Siedlern lief jedoch auf genau diese hinaus. Weshalb vielleicht nicht im strengen juristischen Sinne nach einer Definition, die Jahrzehnte später erst erstellt wurde, in sachlicher und „gesunder menschenverstandsmäßigen“ Hinsicht jedoch sehr wohl ein gewollter Genozid vorliegt.

    Schriftlich nachweisen läßt sich allerdings der Ethnozid (vgl. das Kapitel S. 294ff: „Versuchter Ethnozid: ‘Töte den Indianer, rette den Menschen’“), in dem versucht wurde, die indianische Religion und Kultur vollständig auszulöschen. Es grenzt schon an ein Wunder, daß dies trotz der massiven Maßnahmen letztlich nicht gelang, wenngleich viel verloren gegangen ist.

    Vieles ließe sich noch anführen, aber wie eingangs erwähnt, reicht dafür der Platz nicht aus. Nur zwei aktuelle Bezüge sind mir im Verlauf des Lesens bewußt bzw. klar geworden. Zum Einen, daß der derzeitige US Präsident Donald Trump in „bester“ amerikanischer Tradition handelt und zum Anderen Europa (bzw. die EU Staaten) aufpassen müssen, daß es ihnen nicht ähnlich ergeht wie den Native Americans. Denn rücksichtslose und rüpelhafte Politik hat in Amerika offensichtlich eine jahrhundertelange Tradition. Dagegen hilft nur große Geschlossenheit, Entschiedenheit und Stärke. Wer weiß, wie die Geschichte in Nordamerika verlaufen wäre, hätten die indigenen Völker über diese Eigenschaften verfügt.

    So bleibt am Ende nur der Hinweis von Simon Pokagon, einem Potawatomi, von 1893 in seinem Büchlein „The Red Man’s Rebuke“:
    „Und während ihr, die ihr Fremde seid und hier lebt, die Angebote der Handarbeit eurer eigenen Länder hierher bringt und eure Herzen voller Bewunderung frohlocken über die Pracht und Größe dieser jungen Republik (...) vergesst nicht, dass diesem Erfolg unsere Heimstätten und eine einst glückliche Rasse geopfert wurden.“ (S. 337)


    Mein Fazit

    Eine umfassende, mit großer Sachkenntnis gut lesbar geschriebene Darstellung der Geschichte der Indianer der USA und ihres Unterganges. Ein unbedingtes Muß für jeden, der sich für die Thematik interessiert.
  24. Cover des Buches Der verborgene Fluss (ISBN: 9783442737253)
    Kate Grenville

    Der verborgene Fluss

     (31)
    Aktuelle Rezension von: Lese_Lisel

    Ein äusserst eindringlicher Roman über William Thornhill, der als Sräfling nach Sidney auswandert und über den Zusammenprall der Kulturen. Ein sehr lesenswertes, gutes Stück australische Literatur, eindringlich, ergreifend, brutal. Die Autorin schreibt kraftvoll und klar, das Geschilderte geht zu Herzen ohne je ins Kitschige abzudriften!

    „Es kam ihm vor, als hätte sich ganz langsam eine Maschine in Bewegung gesetzt: Die Räder drehten sich, und die geschmierten Zahnräder griffen ineinander. Neusüdwales hatte ein Eigenleben jenseits des Einflussbereichs von Gouverneur oder gar Königs bekommen. Es war eine Maschine, von der manche zermahlen und ausgespuckt wurden, während andere in Höhen aufsteigen, von denen sie nie zu träumen gewagt hätten.“

    Ehrlich und schonungslos werden dabei sowohl Hunger und Elend in der alten Welt und schliesslich auch die Gräueltaten der Kolonisten an den Aborignes in Australien geschildert. Grenville vermeidet es gekonnt, Partei zu ergreifen. Und das halte ich für einen besonderen Pluspunkt dieses Buches. Die Aborigines werden aus der Sicht der damaligen Siedler dargestellt – und so gehört es sich auch für einen historischen Roman! Wer anderes sucht, soll sich ein ethnografisches Sachbuch besorgen. Ohne eine der beiden Parteien zu verklären, ermöglicht es die Autorin, beiden Seiten ein gewisses Mass an Verständnis entgegen zu bringen.

    „Thornhill sass aufrecht im Heck und liess den Blick über das Bootsdeck schweifen, wo seine Passagiere ausgestreckt nebeneinander lagen und dösten. Er kannte all dieses Männer, hatte bei einem Glas Rum mit ihnen gelacht, mit ihnen den Preis für ihren Weizen und ihre Kürbisse ausgehandelt. Im Grossen und Ganzen hatte er sie nie für schlechte Männer gehalten. Und dennoch hatte das Leben sie und ihn an diesen Punkt gebracht, wo sie alle auf das Einsetzten der Flut warteten, um zu tun, was nur die grössten Schurken taten.“

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Hol dir mehr von LovelyBooks