Bücher mit dem Tag "gentrifizierung"
34 Bücher
- Rachel Joyce
Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie
(161)Aktuelle Rezension von: MetalfischchenZusammenfassung:
Der gutmütige, Bärengrosse Frank besitzt Ende Achtzigerjahre einen Plattenladen in einer heruntergekommenen Strasse. Ein kurzes Gespräch reicht ihm, um genau zu wissen, welches Lied seine Kundschaft gerade hören muss, um sich besser zu fühlen. Die Nachbarschaft setzt sich aus Exzentrikern zusammen, die sich gegenseitig helfen und sich tapfer gegen den Niedergang wehren.
Frank ist Dauer-Single. Ein Umstand, der sich mit dem Auftauchen der mysteriösen Deutschen Ilse zu ändern droht, auch wenn sich beide wegen vergangener Erlebnisse dagegen sträuben. Nebenbei kämpft Frank zunehmend einsam gegen die Übermacht der CD.
Meinung:
Weil ich nicht in der Stimmung war für etwas so Melancholisches wie Das Geheimnis der Queenie Hennessy oder Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte, habe ich lange mit weiteren Werken von Joyce gezögert. Mister Frank war aber wieder etwas näher an der unwahrscheinlichen Pilgerreise, in dem Sinn, dass neben der ruhigen Melancholie auch wieder mehr situativer Humor dabei war, mehr Hoffnung auf gute Zeiten, mehr Leichtherzigkeit. Wobei es schon einige Jahre her ist, dass ich Joyces ältere Bände gelesen habe, es kann also auch sein, dass mich die Erinnerung trügt.
Der Schauplatz ist trostlos und alle Figuren haben (wie im echten Leben) einen grösseren oder kleineren Knacks, auf Englisch "Baggage". Und trotzdem sind alle im Kern so gut, trotzdem gibt es so viel Schönes in dieser Geschichte. Da ist z.B. Maud, die streitbare Punklady mit gepflegtem Innengarten; Ex-Priester Anthony, der durchgebrannte Pärchen segnet und vergilbte Jesusfiguren verkauft. Oder die kulinarisch untalentierte Wirtin, die sich ungefragt zur Liebesbotschafterin mausert.
Auf jeden Fall war Mister Frank während der längsten Lesedauer eine Wohlfühllektüre – bis es dann kurz vor Ende, wie man es von Joyce kennt, doch noch so richtig traurig wird. In diesem Fall geht es jedoch auch wieder bergauf und man wird nicht niedergeschlagen zurückgelassen, im Gegenteil.
Neben schräg-sympathischen Figuren und dem langsamen Aufdecken und Aufarbeiten einer Tragödie, wie gewohnt von Joyce, spielt hier auch die Musik eine wichtige Rolle.
Wenn im Text ein Song erwähnt wurde, habe ich ihn zum Lesen gehört. Das hat natürlich geholfen, noch mehr Leben in die Geschichte zu bekommen. Etwas musikalische Allgemeinbildung und Inspiration, aus meinen gewohnten Genres auszubrechen, habe ich so nebenbei auch gesammelt.
- Bettina Kerwien
Mitternachtsnotar
(12)Aktuelle Rezension von: wampyBuchmeinung zu Bettina Kerwien – Mitternachtsnotar
„Mitternachtsnotar“ ist ein Kriminalroman von Bettina Kerwien, der 2017 im Jaron Verlag als Taschenbuch erschienen ist.
Zum Autor:
Bettina Kerwien, geb. 1967, studierte Amerikanistik und Publizistik an der FU Berlin. Nebenbei schrieb und fotografierte sie für verschiedene Zeitungen. Nach dem Abschluss gründete sie eine Werbeagentur, vermarktete Sportereignisse und gab eine Handball-Fachzeitschrift heraus. Seit 2004 ist sie als Geschäftsführerin in einem Stahlbauunternehmen mit dem Schwerpunkt Theatertechnik tätig und widmet sich in jeder freien Minute dem Schreiben von Spannungsliteratur. Bettina Kerwien lebt und arbeitet im grünen Norden Berlins.
Klappentext:
Die Bewohner der idyllischen Reihenhaussiedlung „Am Rabennest“ in Reinickendorf sind auf hundertachtzig. Eine private Immobiliengesellschaft, die fest in der Hand der Familie Trasseur ist, hat ihre denkmalgeschützte Siedlung aufgekauft und will sie luxussanieren. Den Bestandsmietern wird mit horrenden Mieterhöhungen und Kündigung gedroht. Das löst ihren Protest aus. Doch dann hängt plötzlich der Hausmeister tot am Dachbalken. Hat er sich selbst umgebracht? Privatdetektiv Martin Sanders bezweifelt das. Der ehemalige Personenschützer mit dunkler Vergangenheit hat gerade sein eigenes Büro in Moabit eröffnet, als ihn sein Vater um Hilfe bittet. Der ist einer der Investoren der Immobiliengesellschaft und erhält seit einiger Zeit Drohbriefe, in denen er zum Sanierungsstopp aufgefordert wird. Auf einer Investorenparty, bei der die Siedlungsobjekte verkauft werden und der Mitternachtsnotar, das Familienoberhaupt der Trasseurs, die fragwürdigen Kaufverträge beurkundet, trifft Sanders die durchgeknallte Liberty Vale wieder. Sanders hat Libby bei seinem letzten Fall kennengelernt. Sie hat ihr Studium geschmissen, verdient sich ihren Lebensunterhalt als Escortlady und hat sich in Sanders verliebt. Als sie von Sanders' Auftrag erfährt und zufällig in den Besitz eines Beweismittels gelangt, will sie ihn informieren. Aber dann kommt der Mitternachtsnotar ums Leben, und auch Libby gerät in Gefahr …
Meine Meinung:
Das Buch ist am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, weil die Autorin einen eigenwilligen und anspruchsvollen Schreibstil pflegt. Dazu kommt eine melancholische Grundstimmung und mit Martin Sanders eine Hauptfigur, die auch nicht um Sympathie buhlt. Auch die weibliche Hauptfigur Liberty Vale agiert sehr eigen und eckt gerne mal an. Sie und Martin mögen einander, schrecken aber vor einer echten Bindung zurück. Beide sind problembeladen und wirken doch sympathisch. Beide sind auch recht komplex mit Stärken und Schwächen gezeichnet. Ihren Gegenspieler täten dagegen ein paar mehr Grautöne ganz gut. Während schwedische Autoren gerne mal das Wetter detailliert beschreiben, hat Frau Kerwien sehr akkurat die jeweilige Kleidung im Blick. Auch über die Kleidung kann man Stimmungen beschreiben. Mir hat das Buch vor allem in den ruhigen Passagen gut gefallen. Auch die Hauptfiguren machen Lust auf mehr. Leider gibt es aber auch einen wesentlichen Kritikpunkt. Es gibt einen Showdown, der nicht zu den Figuren passt. Martin Sanders agiert wie ein Supermann und zwar so, dass auch James Bond neidisch werden könnte. Dafür ist das Ende wieder angenehm realitätsnah.
Fazit:
Das Buch gefällt durch die anspruchsvolle Sprache mit einigen kreativen Wortschöpfungen und den komplexen Hauptfiguren. Es wäre ein richtig guter Krimi geworden, wenn auch die Bösen etwas komplexer gestaltet worden wären und vor allem, wenn es diesen utopischen Showdown nicht gegeben hätte. So reicht es leider nur zu drei von fünf Sternen (60 / 100 Punkte). Trotzdem kann ich das Buch wegen der Sprache und den Hauptfiguren empfehlen.
- Libby Page
Schwimmen mit Rosemary
(226)Aktuelle Rezension von: schnaeppchenjaegerinSeit über 60 Jahren schwimmt Rosemary jeden Morgen im Brixtoner Freibad, als sie erfährt, dass es nicht mehr rentabel ist und einer Luxusimmobilie weichen soll. All die schönen Momente ihres Lebens hat sie dort verbracht und verbindet das Freibad auch insbesondere mit ihren Erinnerungen an ihren verstorbenen Ehemann.
Kate ist Journalistin für den Chronicle und erhält den Auftrag, die treueste Schwimmerin des Freibads zu interviewen. Diese stimmt nur zu, wenn Kate selbst den Sprung ins Wasser wagt. Sie lebt bereits seit einiger Zeit in London, kennt jedoch nicht einmal die Mitbewohner in ihrer Wohngemeinschaft und fühlt sich einsam. Sie überwindet sich und findet sogar Gefallen am Schwimmen und freundet sich schnell mit der älteren Dame Rosemary an. Gemeinsam beschließen sie, das Freibad zu retten, initiieren eine Petition und haben bald das gesamte Stadtviertel hinter sich. Während Kate durch ihr Engagement und ihren Erfolg als Journalistin aufblüht, scheinen die Tage des Schwimmbads dennoch gezählt zu sein, was Rosemary schmerzlich trifft.
Der Roman wird abwechselnd aus den Perspektiven der beiden Frauen geschildert, wobei sie sich immer wieder in Erinnerungen verlieren, Kate an ihre Schwester Erin, zu der sie nicht ehrlich ist und Rosemary an ihr Leben mit ihrem Ehemann, in dem das Freibad eine wesentliche Rolle spielte. Durch die gemeinsame Kampagne zur Rettung des Stadtteilbads werden sie zu Freundinnen und erhalten bei ihren Aktionen Unterstützung Nachbarn, Bekannten und immer mehr Menschen, die auf die traurige Schließung des Freibads aufmerksam gemacht werden.
Durch die Erinnerungen lernt man beide Hauptfiguren besser kennen, begreift, was Rosemary das Freibad bedeutet und kann nachvollziehen, wie Kate aus ihrer Routine ausbricht und sie durch eine Aufgabe, die ihr wichtig wird und die ihr Selbstvertrauen gibt, ihre Ängste und Panikattacken zurückdrängen kann.
Das Freibad ist mehr als nur ein Ort für ein Hobby oder ein Sommervergnügen. Es ist ein Symbol für Heimat und Nostalgie, für Gemeinschaft, Geborgenheit und Zusammenhalt. Für Rosemary steht es für ihre unsterbliche Liebe zu ihrem Mann und Kate lernt dort nicht nur wieder zu schwimmen, sondern auch zu leben.
"Im Freibad" ist eine warmherzige Geschichte mit liebenswerten Charakteren, eine Geschichte über eine generationenübergreifende Freundschaft, über Liebe und die Hoffnung, gemeinsam etwas bewirken zu können und gegen Gentrifizierung, soziale Benachteiligung, Abschottung, Verdrängung und Ignoranz vorzugehen. Es ist ein empathisch geschriebener, Trost spendender Wohlfühlroman für Herz und Seele.
- Kristine Bilkau
Die Glücklichen
(126)Aktuelle Rezension von: Maimouna19Isabell und Georg stehen auf der sonnigen Seite Seite des Lebens. Sie haben gut bezahlte Jobs, Isabell ist Cellistin in einem kleinen Orchester, Georg arbeitet als Journalist bei einer großen Tageszeitung. Sie wohnen in einer schicken Altbauwohnung in einem hippen Stadtviertel mit vielen Cafés und Bioläden, leisten sich Besuche in ihrem Lieblings-Sushi-Restaurant, schicke Kleidung und teure Urlaube im Ausland. Ihr kleiner Sohn Matti macht das Glück perfekt.
Doch dann schleichen sich Unsicherheiten in ihr Leben ein und alles ändert sich. Isabells Hand zittert bei öffentlichen Auftritten, sie kann nicht mehr Cello spielen und verliert ihr Engagement. Auch Georg verliert seinen Job, er wird entlassen, als seine Zeitung verkauft wird.
Anfänglich sind beide noch recht gelassen, doch bald muss das Paar Verzicht üben, die Angst vor dem sozialen Abstieg vergiftet ihre Beziehung.
„Die Glücklichen“ ist eine Geschichte mitten aus dem Leben, vielen Menschen geht es wie Isabell und Georg. Arbeitslosigkeit kann sehr schnell in eine soziale Abwärtsspirale führen und Existenzängste auslösen. Natürlich hat so eine Krise auch oft einen negativen Einfluss auf Beziehungen.
Die Erzählperspektive wechselt zwischen Isabell und Georg, der Leser bekommt einen Einblick wie unterschiedlich die beiden mit der Krise umgehen. Ihre jeweiligen Ängste und Sorgen sind sehr gut nachvollziehbar.
Unaufgeregt und authentisch schildert Kristine Bilkau wie Krisen Menschen verändern, die sich eben noch in Sicherheit wähnten. Und wie kommt man aus dieser Krise wieder heraus? Gelingt es Isabell und Georg, ihre Beziehung wieder zu verbessern und trotz Krise wieder Glück zu verspüren?
„Die Glücklichen“ ist Kristine Bilkaus Debütroman, es folgte „Nebenan“ und für ihr jüngstes Buch „Halbinsel“ hat sie den Preis der Leipziger Buchmesse 2025 erhalten.
Der Roman hat mir ein paar tolle Lesestunden beschert, Gegenwartsliteratur „at its best“, daher klare Leseempfehlung! „Die Glücklichen“ ist der erste Roman von Kristine Bilkau, den ich gelesen habe, aber sicher nicht der letzte!
- Sylvia Deloy
Gemeinsam ist man besser dran
(33)Aktuelle Rezension von: sommerleseIm Lübbe Verlag erscheint der Liebesroman "Gemeinsam ist man besser dran" von Sylvia Deloy.
Schreinerin Tilda führt in der Kölner Südstadt den gemeinnützigen Flohmarkt "Flea Market", wo sie Möbel aus Haushaltsauflösungen restauriert und günstig verkauft. Als das Gelände dem Bau eines exclusiven Wohngebietes weichen soll, ist Tilda sauer. Sie findet neue Räumlichkeiten, doch die schnappt ihr der ehemalige Soap-Darsteller Noah Berger weg, er plant, dort ein Theater zu eröffnen. Aber Tilda gibt sich noch nicht geschlagen, der Schnösel wird sie noch kennenlernen. Doch sie merkt, dass sie nur gemeinsam mit Noah eine Lösung finden kann. Werden zwei unterschiedliche Menschen, welche rein gar nichts verbindet, zueinander finden?
Tilda Bachmann ist Schreinermeisterin und ein fürsorglicher, sozialer Mensch, sie fühlt sich verantwortlich für ihre Mitarbeiter und ihre jüngere Schwester Mia. Als ihr Flohmarkt eine neue Bleibe finden muss, sorgt sie sich um die Zukunft und hofft auf die Räumlichkeiten eines alten Theaters, an dem auch Noah Berger interessiert ist.
Bei diesem Roman wird man sofort durch den lebendigen und lockeren Erzählstil und einer turbulenten Handlung in die Story hineingezogen. Und trotz der schwierigen Lage mit der Kündigung des Flohmarktes ist die Geschichte sommerlich und fröhlich, denn die Charaktere versprühen viel liebenswerte Lebensfreude und allgemeine Heiterkeit.
Auch Noah Berger wirkt nach näherem Kennenlernen gar nicht so arrogant und unnahbar und so kommen sich Tilda und er immer näher und müssen geneimsam an einer Lösung für ihr Problem arbeiten. Es bahnt sich allmählich eine Liebesbeziehung an, die mit romantischen Momenten den Funkenflug zwischen den beiden sichtbar macht. Es folgen die üblichen Missverständnisse und Streitereien, die für Unmut sorgen, doch am Ende sind die Konflikte geklärt und der gemeinsamen Zukunft steht nichts mehr im Wege.
Überhaupt haben mir die Charaktere sehr gut gefallen, es ist schön zu beobachten, dasTilda, ihre Mitarbeiter und Freunde füreinander wie eine große Familie sind und gemeinsam den Flea Market wieder auf die Beine stellen. Ich mochte die Figur der Helga mit ihrer lockeren Art und dem Kölner Dialekt und den etwas skurrilen Vogelliebhaber Jonte.
Für die Spannung im Roman sorgt weniger die Liebesgeschichte, es ist eher die Rettungsaktion für den Flohmarkt, die nicht so einfach zu lösen ist. Und der wunderbare Zusammenhalt der Figuren, die gelebte Toleranz und Freundschaft macht den Roman zu einer schönen Wohlfühlektüre, die man gerne verfolgt.
Ein herzerwärmender Roman über Glück, Freundschaft und gegenseitige Fürsorge. Genau das Richtige als Urlaubslektüre! Was für ein schöner, unterhaltsamer Wohlfühl-Roman! - Max Bronski
Schneekönig
(7)Aktuelle Rezension von: abuelitaKrimi? Weihnachtsgeschichte? Was ganz anderes? So eindeutig ist diese Frage gar nicht zu beantworten.
Gossec hat eine Nahtoderfahrung na ja, zumindest würde ich das so nennen. Dann aber findet er sich vor seinem Laden wieder und kommt einem Paar zu Hilfe, das vom Nachbarn harsch abgewiesen wird. Er nimmt sie auf – keine Minute zu früh, denn die hochschwangere Marielle bekommt dann ihr Kind. Ihr Partner heißt Joschka und das Baby wird Joshua genannt….
Dazu droht Gossec und seinen Nachbar auch noch die Wohnungslosigkeit, sobald der alte und fast demente Hausbesitzer stirbt.
Nicht einfach zu lesen, da nie so ganz klar ist, ob Gossec das nun wirklich alles erlebt oder eher doch nicht…..
Ich kam mit dem Buch nicht ganz so gut zurecht und mag daher auch nur die drei Sterne vergeben.
- Regina Scheer
Gott wohnt im Wedding
(2)Aktuelle Rezension von: WinfriedStanzickSchon zuvor sei es gesagt: der neue Roman von Regina Scheer ist meiner Meinung nach ein Meisterwerk. Noch besser als in ihrem ersten Roman „Machandel“ gelingt es ihr, Gegenwart und Vergangenheit auf dem Hintergrund deutscher Geschichte am Beispiel von Einzelschicksalen miteinander zu verknüpfen.
Auf über 400 Seiten geht es um ein Haus im Berliner Stadtteil Wedding und seine Geschichte im 20. Jahrhundert und in den ersten 15 Jahren des 21. Jahrhunderts. Die Lebensgeschichten der Menschen, die mit diesem Haus verknüpft sind, sind alle quasi schicksalhaft miteinander verbunden und erzählen eindrucksvoll von deutscher, jüdischer und ziganer Vergangenheit und Gegenwart.
Leo Lehmann kehrt nach 70 Jahren, die er in Israel in einem Kibbuz gewohnt hat, zusammen mit seiner Enkel Nira nach Berlin zurück, um mit seinem Anwalt Ansprüche nach Rückgaben von Eigentum zu klären, das seiner Familie von den Nazis gestohlen wurde. Eigentlich wollte er nie wieder zurückkehren, doch nun steht er vor dem Haus in der Utrechter Straße im ehemals roten Wedding und erinnert sich. Während die Autorin Leo während seines Aufenthaltes seine ehemalige Heimat erkunden lässt und in vielen Rückblicken nicht nur seine Geschichte erzählt, sondern auch die seines ebenfalls jüdischen Freundes Manfred, verliebt sich seine Enkelin Nira in Amir und wird am Ende ihren Großvater nicht mehr zurück nach Israel begleiten.
In dem alten Haus, das von Spekulanten heruntergewirtschaftet wurde, wohnt noch die über neunzigjährige Gertrud, die mit der Geschichte von Manfred und Leo während der Nazizeit eng verbunden ist. Auch sie wird sich in vielen Rückblicken erinnern. Der Roman ist so konstruiert, dass sich Leos und Gertruds Erinnerungen fast zwangsläufig aufeinander zu bewegen.
Doch nicht nur dieser Strang jüdischer Verfolgungsgeschichte durchzieht das Buch, sondern auch die der Sinti und Roma. Laila, die seit einiger Zeit in dem verfallenden Haus wohnt, lernt erst im Laufe des Buches, dass ihre Sintifamilie einst auch in diesem Haus gewohnt hat.
Regina Scheer ist deren Verfolgungsgeschichte bis auf den heutigen Tag (in dem Haus wohnen aktuell viele Sinti und Roma aus Rumänien und Bulgarien, die sich in Berlin ein bessere Leben erhoffen und schamlos ausgebeutet werden) sehr wichtig und sie nimmt neben den Erinnerungen von Leo und Gertrud sehr viel Platz ein. Tatsächlich ist dieser Roman der erste dieser Art, der mir zur Kenntnis gelangt ist, der den Sinti und Roma in Vergangenheit und Gegenwart eine angemessene Würdigung zukommen lässt.
All diese Geschichten bündeln sich in einem Haus, das Regina Scheer durch einen literarischen Kunstgriff immer wieder selbst von seiner bewegten Geschichte und die ihrer unterschiedlichen Bewohner in Vergangenheit und Gegenwart erzählen lässt. All diese Leben hat Regina Scheer zu einem großen literarischen Epos verwoben, ein Epos voller Wahrhaftigkeit und menschlicher Wärme.
Es sind diese vielen unterschiedlichen Menschen, die sich trotz allem etwas bewahrt haben von ihrer tiefen Menschlichkeit, die den Leser berühren und bewegen.
Ein großer Roman, vielschichtig konstruiert und mit viel Herzblut geschrieben. Mit diesem Buch empfiehlt sich Regina Scheer schon jetzt für eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2019.
Der Schauspieler Johannes von Bülow hat diese sehr gelungen gekürzte Hörbuchfassung eines großen Romans auf eine bewundernswerte Weise eingelesen, die allen Figuren, und es gibt ja wahrlich viele in diesem Buch eine einzigartige und authentische Stimme gibt.
Beim Hören fühlt man sich bald wie ein stiller, unsichtbarer Bewohner dieses Hauses , in dem sich die Lebenswege von Einheimischen und Zugezogenen, von Verfolgten, Verlierern und Verachteten kreuzen, alle miteinander auf der Suche nach einem kleinen Stückchen Glück.
- Jens Karbe
Geistercondo
(37)Aktuelle Rezension von: LuiseLotteDass es sich bei Jens Karbes Debütroman 'Geistercondo' tatsächlich um eine Satire auf die verlogene und massiv-aggressiv Einfluss nehmende PR-Branche handelt, wird eigentlich recht schnell klar. Da eine Satire aber immer, wiewohl übertreibend, bestehende anprangernswerte Zustände aufs Korn nimmt, kann man davon ausgehen, dass es eben genau so oder doch sehr ähnlich auf dem Sektor der Werbung zugeht: zutiefst unmoralisch, Lügen – ja, denn auch 'Halbwahrheiten' sind Lügen! - verbreitend, über Leichen gehend, nur um ein Produkt, und mag es auch noch so schäbig sein, möglichst gewinnbringend (für die Werbeleute, um keine Missverständnisse entstehen zu lassen, und nicht etwa für die Menschheit) an Millionen Menschen zu verkaufen, die dieses Produkt noch nicht einmal brauchen und ohne es, so möchte ich behaupten, zufriedener wären!
In der hier zu besprechenden Satire, nennen wir den Roman einmal so, versucht die perfekt gestylte und mit allen schmutzigen Wassern ihrer Branche gewaschene, dazu noch beißend unsympathische Vanessa Dahling mit ihren mehr oder minder windigen Gefolgsleuten, einem potentielle Käufer nicht recht anziehenden sogenannten 'Condo' – ein Wohnhaus – inmitten der thailändischen Hauptstadt Bangkok durch die gewohnten Tricks und Schönmalereien 'Starthilfe' zu geben. Zu diesem Zweck hat sie den Protagonisten und Ich-Erzähler Maximilian May, dessen kleine Firma im heimischen Köln nach den Corona-Beschränkungen so gar nicht mehr laufen will, engagiert, damit dieser mit einer zündenden Idee aufwarten möge. Doch der sein Alter gern durch hellblaue (!) Sakkos und getönte Haare verbergende, recht desillusionierte PR-Fachmann mit der, wie man bald erstaunt feststellen wird, ungewöhnlichen Duldungsfähigkeit oder dem insgeheimen Wunsch von der ihn überfordernden Welt Abschied zu nehmen, hat ganz andere Sorgen! Etwas vermarkten, das ihn abstößt, dessen Grau-in-Grau Töne ihn trotz der drückenden Hitze erschaudern lassen? Noch dazu etwas, das, so erfährt er im Verlauf der Geschichte, eigentlich gar nicht hätte gebaut werden dürfen, zumal an gerade jenem Platz, an dem es hochgezogen wurde und wofür die Alteingesessenen, die über Jahrzehnte in einer zwar armen, aber funktionierenden Nachbarschaft lebten in der jeder sein, wenn auch mageres, Auskommen hatte, mit falschen Versprechungen abgespeist und dann schließlich mit Gewalt vertrieben wurden? Die zweifellos noch nicht verschüttete Moral in ihm steht da eindeutig im Widerstreit mit dem Geld, das auch für ihn mit diesem himmelschreiend unlauteren Projekt zu verdienen ist und seiner kleinen Kölner Firma den Hals retten würde!
Auf die Sprünge helfen ihm die junge Thailänderin Chang, die er schon kurz nach seinem Einzug in das seelenlose Condo kennenlernt, sie vermeintlich rettend vor den Zudringlichkeiten eines Wohnungsnachbarn, ein sich ordinär und sexistisch gebender Tourist, der der einzige dauerhaft sichtbare Gast des Condos zu sein scheint und den Max kurzerhand Blobby tauft – und nicht zuletzt sich häufende unheimliche Vorkommnisse in dem offensichtlich nicht eben professionell erbauten Hochhaus, durch dessen Wände sich zudem noch allmählich sich vergrößernde Risse ziehen. Max, der Lügner mit schlechtem Gewissen, nichtsdestoweniger aber mit dem Spiel von Wahrheit, Halbwahrheit, faustdicker Lüge seines Arbeitsbereiches vertraut, so sollte man meinen, beginnt gar bald an seinen Verstand zu zweifeln! Sieht er Dinge, die gar nicht da sind, die ihm sein schlechtes Gewissen vorgaukelt? Oder gibt es sie tatsächlich, die Geister, von deren Existenz Chang, in die er sich längst verliebt hat, so felsenfest überzeugt ist? Oder aber – spielt da jemand ein böses Spiel mit ihm? Doch zu welchem Zweck? Um das herauszufinden lohnt es sich allemal, sich mit dieser Satire zu beschäftigen, die so amüsant ist wie spannend – und bis zum Ende Rätsel aufgibt, wiewohl man dann langsam eine Ahnung bekommt, worauf das alles hinauslaufen wird!
„Ein gruseliges und groteskes Verwirrspiel“? Fürwahr! Als Satire sehr gelungen, wenngleich ich persönlich auch mit weniger Anglizismen ausgekommen wäre, derer man sich hier, vor allem, wenn die gebotoxte Chefin Dahlmann ihre Auftritte hat, so inflationär bedient. Ja, natürlich, in der Werbebranche ist das üblich, sich in der Weltsprache Englisch auszudrücken – aber bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit, mit den grauenvollsten englischen Phrasen um sich werfend, selbst dann, wenn die Gesprächspartner das auch in der gemeinsamen Muttersprache, Deutsch also, hätten tun können? Das verärgert Leser wie mich, geht auf die Nerven – illustriert aber gleichzeitig auch das Hohle, das komplett Nichtssagende und Überflüssige des ganzen Geschäfts, oder Business, um im angeeigneten Fachjargon zu bleiben. Und ist natürlich ein weiteres Mittel der Gattung Satire, wobei man da oft einen schmalen Grat betritt....
Doch das ist beinahe die einzige wirkliche Kritik, die ich vorbringen kann. Alles in allem hat mich die Geister-Satire mit ihrer Schar sehr origineller, einprägsamer Mitwirkenden nämlich nicht nur gut unterhalten, sondern auch zum Nachdenken gebracht, hat mich einmal mehr daran erinnert, dass Gott Mammon immer übermächtiger wird, dass ihm alles, was wertvoll und erhaltenswert ist, geopfert wird. Hier ist es das brutale Aufdrängen der 'modernen Zivilisation' – was für eine Errungenschaft!!! - in Bangkok, ohne Rücksicht auf das, was die Bevölkerung davon hält, - aber dergleichen geschieht überall auf der Welt! Und wir alle machen dabei eifrig mit, aktiv oder als Zuschauer! Und gerade letztere, die schweigende Mehrheit, sollte ihr Nicht-Handeln hinterfragen, so wie es unser, dem Leser stetig sympathischer werdende Protagonist Maximilian May während seiner mich überzeugenden Wandlung vom Saulus zum Paulus schließlich auch tut.
Ein Buch für Thailand-Liebhaber? Das kann man, ein wenig zynisch freilich, so sagen! So mancher von dieser Zielgruppe könnte beim nächsten Thailand-Urlaub das eine oder andere, dem er bislang keine Beachtung geschenkt hat, hinterfragen, wenn er denn die Augen öffnet. Was ja nicht das Schlechteste wäre.....
- Henrik Siebold
Inspektor Takeda und die Toten von Altona
(99)Aktuelle Rezension von: LejoanDas Buch zeigt, dass zwischen Deutschland und Japan ungefähr die gleiche Mentalität besteht. Die Arbeiten der Deutschen sind gewissenhaft, genau wie die der Japaner. Auch die Japaner brauchen ihre Freizeit und haben ihre Hobbys, die sehr westlich geprägt sind. Takeda, der japanische Ermittler, der nach Hamburg versetzt wurde fühlt sich in Hamburg nicht wie in einer Großstadt. Japanische Großstädte sind geschäftiger. Aber er bekommt auch sehr schnell mit, dass die Mentalität der Deutschen den der Japaner in nichts nachsteht. Während die Japaner durchaus auch mal während ihrer Arbeit oder in einem Park, in einem Kaffee, beim Essen einen Powernap halten, legen die Deutschen eher darauf Wert ihre Freizeit getaktet zu haben, und genießen zu können. Am Wochenende ihren Hobbys nachzugehen oder nach der Arbeit ihre Freizeit zu genießen. Zeit mit ihrer Familie zu verbringen. Das Buch selbst, welches deutlich zeigt, dass die Zuwanderung in Deutschland Probleme mit sich bringt, die nicht unbedingt nur von deutschen ausgehen In Deutschland sind sehr viele Zuwanderer zu Hause die ihre Probleme mit in das neue Land bringen und die nicht nur lernen müssen mit deutschen auszukommen sondern auch mit anderen weltweiten Religionen oder Glaubensgemeinschaften. Das Buch zeigt außerdem sehr eindrucksvoll dass Menschen eine Gratwanderung von 180 Grad durchmachen können, nur weil sie mit den Gegebenheiten in Deutschland unzufrieden sind, weil sie bemerken, dass es nicht in Ordnung ist, wenn nicht nur die Zuwanderer kommen sondern auch ihre Probleme. Deutschland selbst hat genug Probleme und braucht nicht auch noch Probleme der Zuwanderer z.B Ehrenmode oder religiös geprägte Konflikte. Die Schreibweise des Buches ist sehr gut, es lässt sich flüssig lesen es ist interessant. Es wirft Fragen auf die teilweise auch beantwortet werden. Es zeigt die Arbeitsweise und Lebensweise verschiedener Menschen. Es ist spannend. Außerdem finde ich es sehr gut, dass auch gezeigt wird wie man mit politisch bedingten Problemen umgeht, wie Menschen geschont werden weil sie politisch tätig sind, wie Menschen ihre eigenen Gedanken formen und in Taten umsetzen und sich dabei nicht von ihren Gefühlen abbringen lassen.
- Synke Köhler
Die Entmieteten
(8)Aktuelle Rezension von: animsle1510Synke Köhler nimmt uns mit nach Berlin Ost und zeigt uns an einem sehr realitätsnahen Beispiel wie brutal der Immobilienmarkt ist. Mieter, die jahrelang in einer Hausgemeinschaft gewohnt haben, werden nun alle herausgeekelt, nur damit mal wieder der Profit stimmt. Ein klasse Buch, das uns zeigt, es kann jeden von uns treffen, der in Miete wohnt. Alltag in Deutschland sehr gut beschrieben und tolle einzelnen Charaktere. Ein sehr empfehlenswerter Roman!
- Torsten Schulz
Skandinavisches Viertel
(22)Aktuelle Rezension von: NilOstberlin, eine Kindheit im Prenzlauer Berg und heute immer noch da als alter Nostalgiker und wie es so schön auf dem Klappentext heißt: Anti-Gentrifizierer.
So könnte man diesen Roman über einen Mann, der unbedarft, nicht sehr wahrheitsliebend durchs Leben geht und doch immer wieder von seiner Vergangenheit eingeholt wird, zusammenfassen. Wir begleiten Matthias Weber in seinem Makler-Alltag sowie in Rückblenden in seine Kindheit und Jugend. Aber das würde diesem Buch nicht gerecht werden. Torsten Schulz schreibt hier nicht zitatreif, aber angenehm niveauvoll. Er schafft es die Kinder- und Jugendjahre so absolut skurril und auch komisch darzustellen, obwohl es im Roman in der Summe 5 Beerdigungen gibt! Das muss man erst mal schreiben können.
Ein Buch, dass mir Augenringe bescherte, da es mir schwer fiel es aus der Hand zulegen und das nicht der Spannung wegen sondern weil die Prosa so klangvoll ist. Der Autor, Torsten Schulz, vorrangig Drehbuchschreiber gibt das Geschehen eher narrativ wieder als mittels wörtlicher Rede. Unerwartet, aber gelungen.
Der Aufhänger des Romans „Das skandinavische Viertel“ ist Matthias Hirngespinst, das sich als roter Faden durch den Roman zieht. Er benennt als Kind für sich einfach ein paar Straßenzüge gedanklich im Prenzlauer Berg um, wie eine Flucht im Kleinen aus dem einengenden DDR-Leben.
Die Rückblenden in diese DDR-Zeiten haben mich in der Tat an den Buchpreisträger 2011 Eugen Ruge mit seinem Werk ‚In Zeiten des abnehmenden Lichts‘ erinnert und auch an ‚Sonnenallee‘ von Thomas Brussig. Gefühlt spielt der Roman aber mehr in der Gegenwart als in der Vergangenheit, wobei natürlich die Vergangenheit die Gegenwart bedingt.
Fazit: Wer gerne den Eugen Ruge ‚In Zeiten des abnehmenden Lichts‘ gelesen hat, könnte auch an diesem Werk Gefallen finden. Es ist eine Melange aus Coming-Of-Age & Midlife Crisis und großer Bewältigungsaufgabe des einsamen Protagonisten.
- Veit Bronnenmeyer
Tod Steine Scherben
(1)Aktuelle Rezension von: twentytwoIm Szeneviertel Konradshof kocht die Stimmung hoch. Während einerseits eine Gruppe von Aktivisten mit ungewöhnlichen Aktionen versucht auf die dortigen Missstände aufmerksam zu machen, setzt die Wohntraum AG alles daran Altbauten und Grundstücke aufzukaufen, um sie nach mehr oder weniger aufwendigen Renovierungsarbeiten oder der Errichtung von Neubauten, möglichst gewinnträchtig wieder zu verkaufen. Doch dabei läuft einiges schief und einer der Aktivisten kommt bei einer seiner Aktionen ums Leben. Allerdings ist unklar, ob es sich hierbei um einen Unfall oder vorsätzlichen Mord handelt. Durch die dürftige Indizienlage, die sich mehr auf Vermutungen als auf brauchbare Beweise stützt, sehen sich Alfred Albach und seine Kollegin Renan Müller dazu gezwungen zu ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden zu greifen. Dies bringt sie zwar in ihren Erkenntnissen um einiges weiter, doch da sie damit nichts rechtskräftiges in der Hand haben, suchen sie verzweifelt nach einem Ausweg. Als sie wenig später feststellen, dass ohne ihr Wissen ein LKA-Beamter hinzugezogen wurde befürchten sie dass mit dieser Aktion ein Unschuldiger zum Bauernopfer gemacht werden soll. So geben sie noch einmal richtig Gas und setzen alles daran der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen.
Fazit
Ein brisantes Thema, das die Problematik im Interessenskonflikt zwischen skrupelloser Bauunternehmern, deren Kunden und jugendlichen Aktivisten spannend und realistisch in Szene setzt. - Einhard Schmidt-Kallert
Magnet Stadt: Urbanisierung im Globalen Süden
(1)Noch keine Rezension vorhanden - Susanne Mathies
Mord mit Limmatblick
(22)Aktuelle Rezension von: allgaeusternEigentlich will sich der erfolglose Krimi Autor Florian Berg das Leben nehmen, aber unverhofft kommt oft und so landet er unversehens in seinem eigenen Krimi.
Susanne Mathies ist mit "Mord mit Limmatblick" ein temporeicher Krimi mit skurrilen aber durchaus liebenswerten Protagonisten gelungen. Wem Ideenreichtum über Realitätsnähe geht wird bei diesem Krimi mit viel Lesevergnügen belohnt.
- Zoë Beck
Brixton Hill
(85)Aktuelle Rezension von: Krimifee86Als sich Emmas Freundin aus dem 15. Stock eines Hochhauses stürzt, wird sie verdächtigt, etwas damit zu tun zu haben. Doch dann stirbt auch Emmas Bruder Eric und ein Stalker verfolgt sie. Sie flüchtet sich in das Haus ihrer Familie doch auch da scheint sie nicht sicher zu sein. Wer spielt dieses grausame Spiel mit ihr und warum?
Mir hat Brixton Hill die ersten 250 Seiten echt gut gefallen. Ich fand es total spannend zu verfolgen, wie Emma nach und nach zu entschlüsseln versucht, was es mit den ganzen Vorfällen in ihrem Umfeld auf sich hat. Auch wie sie die Hacker kennen lernt und mit deren Hilfe nach und nach mehr herausfindet, fand ich sehr gut gelöst. Allerdings wusste die Autorin meiner Meinung dann nicht mehr, wie sie die Story auslösen soll. Also mal schnell nen kleinen Leak und noch einen, damit sich alles irgendwie logisch auflöst. Hat es aber nicht. Die Story nahm plötzlich abstruse Ausmaße an – insbesondere als sie an den Punkt kam, „wo alles begann“. Von da an konnte ich das Buch leider nicht mehr ernst nehmen und die Autorin hat aus meiner Sicht zum Ende hin ein wirklich gutes Buch verpfuscht. Das ist sehr schade, aber nicht zu ändern.
Auch muss ich leider sagen, dass Emma nicht gerade eine absolute Sympathieträgerin war, was es auch schwierig für mich gemacht hat, sie und damit das Buch zu mögen. Ich meine, ihr Zwillingsbruder ist gestorben – die Gefühle die sie dafür zeigt, sind echt ärmlich und zeugen nicht von einem guten Charakter. Und ja, ich weiß, dass Menschen anders mit solchen Schicksalsschlägen umgehen – kein Thema, es muss sich nicht jeder wochenlang trauernd verkriechen. Aber so ein bisschen Empathie oder meinetwegen wenigstens Schockzustand wären schon nett gewesen.
Von mir bleiben am Ende lediglich 5/10 Punkten und das ist noch ein gutes Ergebnis, dafür, dass ich mich zum Schluss hin wirklich geärgert habe.
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- Vladimir Vertlib
Lucia Binar und die russische Seele
(18)Aktuelle Rezension von: dunkelbuchJetzt will sie eigentlich nur noch in Ruhe ihren russischen Dichtern frönen und irgendwann mal in ihrer Wohnung einschlafen. Als es an der Tür klingelt, ahnt sie noch nicht, welche Veränderungen ihrem Leben plötzlich bevorstehen. Und damit hat nicht nur Student Moritz zu tun, der sie um eine Unterschrift für die politisch nicht mehr korrekte Mohrengasse bitten – diese soll nämlich (zumindest wenn es nach Moritz und seiner Truppe ginge) ab sofort Möhrengasse heißen. Lucia denkt erst Moritz macht Witze, doch dem ist nicht so. Dabei hat Lucia ihre eigenen Probleme – und Hunger. Denn ihr „Essen auf Rädern“ kommt nicht und als sie sich telefonisch beschwert, rät ihr die Dame vom Callcenter, sich doch übers Wochenende von Knäckebrot und Mannerschnitten zu ernähren. Als dann auch noch Hausbesitzer Willi die leerstehenden Wohnungen Obdachlosen, Asylanten und Junkies zur Verfügung stellt, diesen Mietern eine laute Musikanlage zur Verfügung stellt und die Toiletten unbenutzbar macht, sowie den Strom zeitweise abdreht, reicht es Lucia. Sie macht sich auf den Weg, um erst der Dame vom Callcenter einen Besuch abzustatten, den diese nicht so schnell vergessen wird und bei der Gelegenheit gleich mal Willi die Leviten zu lesen …
Die Charaktere des Romans sind durchwegs authentisch, die rüstige alte Dame musste in ihrem Leben bereits viele Prüfungen bestehen und sich durchkämpfen. Sie hat nun keinen Nerv mehr, sich von etwaigen Wichtigtuern schikanieren zu lassen. Lucia Binar ist selbstbewusst, kritisch und lässt sich nicht einschüchtern. Viele gesellschaftskritische Themen hat der Roman zu bieten, wie z.B. die Vereinsamung älterer Menschen in der Großstadt, Rassismus, Korruption, …
- Tanya Lieske
Oma, die Miethaie und ich
(8)Aktuelle Rezension von: Bücherfüllhorn-BlogEine Freundin hat mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht. Der originelle Titel spricht aber auch so schon für sich, ich stellte mir etwas Lustiges zum Lesen vor. Das war es dann aber nicht. Es war eine gemütliche Geschichte in einem Düsseldorfer Altstadtviertel. Die Geschichte vermittelt eine wunderbare Geborgenheit, die ein Mädchen bei seiner Oma erlebt, nachdem ihre Mutter gestorben ist. Die beiden sind wirklich ein Team, und Andeutungen auf den ersten Seiten sensibilisieren zumindest die Erwachsenen Leser für das Thema Analphabetismus. Ich bin mir nicht sicher, ob Kinder das auch von Anfang an verstehen werden.
Salila wird bei ihrer Oma groß, nachdem ihre Mutter bei ihrer Geburt gestorben ist. Sie ist eine sehr gute Schülerin, der das Lernen leicht fällt. Besonders gefallen hat mir das Schlafen-gehen-Ritual, der „Dreierschwatz“. Oma Henriette und Salila erzählen der toten Mama jeden Abend, was über Tag passiert ist. Eine weitere Thematik, die aber eher am Rande erwähnt wird, ist, dass Salila keine Freundschaften hat. Deswegen freut sie sich umso mehr, wenn im Sommer Mehmet kommt, der Neffe vom Gemüsehändler. Aber auch hier gibt es eine kleine Weiterentwicklung, denn die beide werden „erwachsener“ und Mehmet hat keine Lust mehr für Mädchen-Dinge.
Oma Henriette bezeichnet sich selbst als eine viel gereiste Künstlerin, ich würde sagen, sie ist eine Lebenskünstlerin und lebt im eigenen Mikrokosmos. Sie hat eine kleine Reparaturwerkstatt und repariert gegen Bargeld verschiedene Kleinigkeiten in ihrer Nachbarschaft. Warum das alles so ist, wie es ist, erfährt man nach und nach in der Geschichte. Auf Seite 109 macht Oma Henriette Andeutungen, warum sie so viel gereist ist. Es bleibt allerdings viel der Phantasie überlassen. Ebenso wie das Leben eines heimlichen Analphabeten sein kann: den „Brille-vergessen“-Trick, Zettel zu malen statt zu schreiben usw. Hier erst macht sich der erwachsene und vielleicht auch der kindliche Leser Gedanken darüber, wo einen überall Lese-Situationen überraschen können.
Salila und Oma Henriette wohnen in einer sehr günstigen Wohnung in einem dieser interkulturellen Altstadtviertel mit vielen kleinen Geschäften. Es ist ein geregeltes Leben, bis die „Miethaie“ kommen, denn das Viertel bietet preiswerte Ateliers und helle Lofts für findige Geschäftemacher. Auch die beiden sollen nun ihre Wohnung verlassen und endlich gesteht Oma Henriette Salila, warum sie nicht lesen kann. Am Schluss gibt es für alle eine Lösung und sogar noch einen Ausblick, wie es Mehmet in den nächsten Jahren ergehen wird. Vielleicht dürfen die Leser auf eine Fortsetzung hoffen? Ich würde es mir wünschen.
Es gibt einige Fremdwörter in diesem Buch, die während des Lesens geschichtenbezogen erklärt werden, z.B. Miethaie. Salila sammelt zudem „Zwillingswörter“, die auf den letzten Buchseiten nochmal alle aufgelistet werden. Das ist eine schöne Wortschatzerweiterung für die jungen Leser.
Salila schreibt zudem Geschichten, und so gibt es zu den vielen Ereignissen eine Parallelgeschichte, in der Prinzessin Noue und der Tiger Laute eine Rolle spielen.
Fazit:
Ein interessantes Buch für geübte Lese-Kinder ab 9 Jahren. Für Kinder ist es doch viel Text, und die Geschichte lässt sich nicht so leicht „runterlesen“, wie es auf den ersten Blick scheint. Man muss doch öfter mal über das gelesene nachdenken.
Dennoch bietet die Geschichte ganz viele unterschiedliche Ansatzpunkte in Alltagssituationen wie Analphabetismus, Trauerbewältigung, Verbundenheit, Geborgenheit und das alles mit einer alleinerziehende Oma und ihrer Enkelin. Manche Schilderungen sind zu leicht und idyllisch, z.B. dass Salila eine sehr gute Schülerin ist und ihr das Lernen leicht fällt, oder diese „Hinterhof-Werkstatt-Romantik“. Die Themen die in diesem Buch verarbeitet werden, wiegen schwer, der leichte und vor allem ruhige Erzählton gleicht dies aber aus. Es ist eine eher brave Geschichte mit einer korrekten kleinen Heldin. Und dennoch ein ganz besonders lesenswertes Buch für Kinder.
Empfehlenswert !
- Julia Brodauf
Berlin – Kiez für Kiez
(1)Aktuelle Rezension von: JorokaBei dem nicht ausschließlich die üblichen Sehenswürdigkeiten im Zentrum stehen, sondern auch weniger touristisch erschlossene Gebiete.
Ich war zum Jubiläumsmarathon in Berlin und bin in Mahlsdorf untergekommen. Zuvor hatte ich mir den Reiseführer besorgt, da ich noch nie im Osten von Berlin war. So lag es nahe, mir mal Marzahn genauer anzuschauen. Der beschriebene „Spaziergang“ führte mich zu den ‚Gärten der Welt‘ und ich war begeistert. Außerdem gab mir der Reiseführer gute Anregungen für meinen Besuch am Tegeler See (Reinickendorf).
Ich finde die Kapitel sehr schön aufgebaut, übersichtlich und auf Wesentliches konzentriert. Mit den Hinweisen auf die Sehenswürdigkeiten auf der Strecke bot er gute Orientierung.
Fazit: werde ich bei meinem nächsten Besuch in Berlin wieder mitnehmen
- Regina Scheer
Gott wohnt im Wedding
(61)Aktuelle Rezension von: rose7474Nachdem mir "Machandel" von der Autorin Regina Scheer sehr gefallen hat wollte ich unbedingt auch dieses Buch von ihr lesen. Es hat mir gut gefallen.
Der Einstieg in die Geschichte fiel mir etwas schwer und es dauerte etwas bis ich richtig in die Geschichte eintauchen konnte. Es ging um sehr viele Bewohner des Hauses im Wedding und das Haus selber bekam auch eine Stimme. Diesen Aspekt fand ich sehr gelungen und besonders. Durch die vielen Personen und Themen war das Buch teilweise nicht so einfach zu lesen und wurde teilweise etwas langatmig.
Jedoch ein lesenswertes Buch über das zeitgeschichtliche im Wedding. Ein sehr wichtiges Buch gegen das Vergessen.
Daher eine Leseempfehlung von mir und 4 Sterne. "Machandel" gefiel mir etwas besser.
- Chuck Hogan
Endspiel
(12)Aktuelle Rezension von: HoldenEin Highlight im Thriller-Genre: Die Vorlage für Ben Afflecks Film "The Town", der auch als äußerst gelungen gilt: Doug MacRay ist Kopf einer Verbrecherbande, die sich in Boston ihren Lebensunterhalt mit Bankeinbrüchen und Geldtransporterüberfallen verdient, in Boston offenbar Familientradition seit Generationen. Eigentlich denkt er nur ans Aufhören und will dem "Gewerbe" den Rücken kehren, als er sich in eine Filialleiterin verliebt, die seine Bande als Geisel nahm. Beide kommen sich näher, ohne das sie wüßte, wer er tatsächlich ist...Gleichzeitig bietet das Buch fundierte Hinweise auf Techniken des Überfalls und der Spurenverwischung ebenso wie auf das Milieu, in dem die Gangster leben, und in dem sich immer mehr die verhaßten "Yuppie-Ärsche" breitmachen, die sie so verachten. Ganz großes Kino, für mich einer der besten Thriller aller zeiten. Aber wer hat das blöde Buchcover erfunden?























