Bücher mit dem Tag "gruppe 47"

Hier findest du alle Bücher, die LovelyBooks-Leser*innen mit dem Tag "gruppe 47" gekennzeichnet haben.

33 Bücher

  1. Cover des Buches Mein Leben (ISBN: 9783570551868)
    Marcel Reich-Ranicki

    Mein Leben

     (242)
    Aktuelle Rezension von: Kolumna_liest

    "Och nee, nicht schon wieder der" Wie oft habe ich das gedacht, wenn ich beim Zappen auf eine Talkrunde mit ihm gestoßen bin. Ein Sympathieträger war er ja nicht unbedingt; oft genug kam er überheblich und besserwisserisch herüber. Aber warum? Weil er es tatsächlich besser wusste. Wer seine Biographie liest, wird den Menschen Reich-Ranicki und was ihn geprägt hat, mit ganz anderen Augen sehen. Da wird gezeigt, wie es ist, wenn man überall "der Fremde" ist. Welches Leid ein Mensch aushalten kann und dabei doch seine Menschlichkeit behält. Trotz seines Schicksals, das er durchlebt hat, ist er Deutschland immer treu geblieben. Nicht zuletzt wegen der großen Denker und Dichter, die ihn durch alle Zeiten begleitet und - so habe ich es verstanden - ihm Heimat gegeben haben. Dazu ist seine Art zu schreiben frei von jeglicher Larmoyanz. Ich möchte es schon eher als lakonisch beschreiben. Und gerade dadurch empfindet man das Erzählte noch wesentlich intensiver. Nein, er jammert nicht über das, was ihm passiert ist. Er erzählt - und das mit einer Fulminanz, die, wenn man sie bei einem Schriftsteller entdeckt, dem Leser einfach nur Freude macht. 

    Ja, ich habe ihm schon viele Male Abbitte geleistet - und werde es immer wieder tun. Chapeau Marcel

  2. Cover des Buches Die Blechtrommel (ISBN: 9783423138192)
    Günter Grass

    Die Blechtrommel

     (541)
    Aktuelle Rezension von: Lorenz1984

    Danke Herr Grass für diesen längeren Ausflug in die Welt von Oskar Matzerath. 

    Dieses Buch kann ich definitiv mit nichts vergleichen was ich bisher gelesen habe... 

    Jedem zu empfehlen der Lust auf etwas unkonventionelles hat! 

  3. Cover des Buches Tauben im Gras (ISBN: 9783518188927)
    Wolfgang Koeppen

    Tauben im Gras

     (223)
    Aktuelle Rezension von: JenniferKrieger

    Hier geht's zur Kurzmeinung auf meinem Blog.


    Kurzmeinung

    + beeindruckender Stil, vor allem die vielen Synonyme und bildhaften Umschreibungen, die sich auseinander entwickeln und in freien Assoziationsketten aneinander gefügt werden

    + fließende Übergänge zwischen den Perspektiven durch Verknüpfung über unvollständige Sätze oder identische Worte

    + starke Verflechtung der Perspektiven, indem die Figuren sich wechselweise begegnen


    - sprachlich so komplex, dass es sehr viel Konzentration erfordert und anstrengend zu lesen ist

    - fühlt sich ziellos an, auch wenn das Ziel, das München der Nachkriegszeit zu analysieren, durchaus erreicht wird

  4. Cover des Buches Beim Häuten der Zwiebel (ISBN: 9783423136556)
    Günter Grass

    Beim Häuten der Zwiebel

     (95)
    Aktuelle Rezension von: JenniferHilgert
    Die Autobiographie des umstrittenen Günter Grass, der durch seine SS Vergangenheit im Jahre 2006 offenbart, was einem unsterblichen Literat niemals genommen werden kann: Ein Werk, das neben seinen anderen Publikationen nicht vergessen werden darf, ebenso wenig wie das, was niemals stirbt, wenn es nieder geschrieben steht und zwar gänzlich mit dem "rotglühenden Eisen" namens Erinnerung.

    EinBuchEinSatz: http://schriftverkehr.net/2015/12/27/einbucheinsatzrezension-ein-neuveroeffentlichtes-buch/
  5. Cover des Buches Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats (ISBN: 9783518188491)
  6. Cover des Buches Ein liebender Mann (ISBN: 9783499255618)
    Martin Walser

    Ein liebender Mann

     (88)
    Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer

    Inhalt:

    Der 73-jährige Goethe ist verliebt. Seine Wahl: die 19-jährige Ulrike von Levetzow. Jedes Jahr trifft er in Bad Marienberg auf die Familie Levetzow und mit jedem Jahr wird seine Liebe zu Ulrike stärker. Allerdings ist Goethe nicht alleine mit seinen Gefühlen. Da gibt es noch den vornamenlosen Beau, der nicht nur ebenfalls großes Interesse an Ulrike zeigt, sondern auch viele Jahre jünger ist, als Goethe. Wen liebt Ulrike? Wem schenkt sie tatsächlich ihr Herz?

     

     

    Meine Meinung:

    Die Geschichte einer sich entfachenden Liebe zwischen einem älteren Mann und einem jungen Mädchen ist sicherlich nicht neu und schon gar nicht bei Walser. Da ist es fast nur logisch, nachdem er das Thema bereits in vorherigen Büchern beschrieben hat, sich nun ein literarisches Pendent zu sich selbst zu suchen. Und genau den Eindruck hat man beim Lesen: In Goethe steckt Walser und Walser sieht sich in Goethe. Die Sprache, die er wählt, ist sehr gefühlvoll, empfindsam, wohlklingend und doch ironisch, wider erwarten selbstkritisch. In schonungsloser Ehrlichkeit stellt er den intelligenten und weltgewandten Goethe in einer Art liebestollen Hilflosigkeit dar, die man sonst eher nur in der ersten Liebe des Teenageralters erwartet. Aber scheinbar zählen in der Liebe weder Alter, Intelligenz noch Lebenserfahrung. Wer verliebt ist, kann sich vor anderen und vor allem vor sich selbst zum Narren machen. Er tut es auch dann, wenn die Liebe doch aussichtslos scheint oder wie hier gar nicht sein darf. Im Gegenteil, Goethe scheint dieser Art des Verhaltens sogar völlig machtlos gegenüberzustehen, solange er auch nur ein Fünkchen Hoffnung sieht, dass seine Gefühle erwidert werden könnten. Die Außenwelt spielt dabei für ihn keine Rolle.

    Walser gelingt es, den Leser zwar sprachlich in eine andere Welt zu versetzen, aber dennoch ein sehr aktuelles Thema auch aktuell zu hinterfragen.

    Schade scheint zunächst nur, dass er eine Offenlegung der wahren Gefühle Ulrikes schuldig bleibt. An einigen Stellen hätte ich gerne gewusst, wie Ulrike wirklich für Goethe empfindet. Doch letztlich würde dieses Wissen der Geschichte nur schaden, da man sonst Goethes Verhalten nicht mehr so ganz verstehen oder seine Beweggründe nicht mehr nachempfinden könnte, da man alles rationaler deuten würde. Und Rationalität und Liebe sind zwei Elemente, die sich nicht immer gut vertragen.

    Das bezaubernde an diesem Buch ist, wie bereits oben erwähnt, die wunderschöne und poetische Sprache.

    Hier einige kleine Kostproben:

    -      „Bis er sie sah, hat sie ihn schon gesehen. Als sein Blick sie traf, war ihr Blick schon auf sie gerichtet.“ (…)

    -      (…) „Meine Liebe weiß nicht, dass ich über siebzig bin.“ (…)

    -      (…) „Wenn die Seelen einander nicht küssen, sind Münder tot.“ (…)

     

    Allerdings gibt es einen Satz im Buch, der so schrecklich und sprachlich so deplatziert ist, dass er dem Buch leider einen doch sehr bitteren Beigeschmack geben kann: Der vorletzte Satz ist einfach nur grauslig, sodass ich jedem raten kann, zu versuchen ihn nicht zu lesen, oder direkt wieder zu vergessen. Schade, dass Walser diesen Satz wählte, um sein Buch ausklingen zu lassen.

     

    Fazit:

    „Ein liebender Mann“ ist wie ich finde ein gelungenes Werk und auch lesenswert, vor allem dann, wenn man solch eine poetische Sprache und den geschichtlich angehauchten Hintergrund mag. Das Thema kennt jeder, wenn auch nicht unbedingt mit dem extremen Altersunterschied. Aber, wer war nicht schon einmal bereit, sich wenn auch nur für eine gewisse Zeit, im Rausche des Verliebtseins, für die Liebe zum Narren zu machen.

    In diesem Zusammenhang fällt mir noch ein schönes Zitat ein, dass ich kürzlich mal gelesen habe:

    „Der Beginn des Verliebtseins ist das Ende der eigenen Zurechnungsfähigkeit“

    Allein aus diesem Grunde, wird jeder den armen Goethe in der einen oder anderen Situation verstehen können oder sogar sich selbst ein wenig darin sehen können.


  7. Cover des Buches Die größere Hoffnung (ISBN: 9783104034447)
    Ilse Aichinger

    Die größere Hoffnung

     (27)
    Noch keine Rezension vorhanden
  8. Cover des Buches Ohne einander (ISBN: 9783518459072)
    Martin Walser

    Ohne einander

     (12)
    Aktuelle Rezension von: StefanieFreigericht

    Der Handlungsrahmen ist einfach erzählt: Ellen und Sylvio sind verheiratet, Sylvi ist die quasi erwachsene gemeinsame Tochter. Für einen Seitensprung von Sylvio revanchierte sich Ellen, ihr (Ex-)Liebhaber lebt jetzt mit dessen (Ex-)Geliebter zusammen.
    Das Buch beschäftigt sich mit der Klärung dieser Handlung, den Motiven, Beweggründen, Motiven, Auswirkungen,…
     
    In „Ohne einander“ schreibt Walser in drei Kapiteln aus der Sicht von drei seiner Hauptpersonen, Ellen, Syli und Sylvio, und stellt dabei die teil-überlappende Handlung aus unterschiedlichen Perspektiven dar, teils setzt er die Handlung zeitlich voranschreitend fort.
    Ich hatte das Buch vor langen Jahren erworben und beiseite gelegt, ich war damals schlicht zu jung für dieses Buch – und ohne jegliche „Walser-Erfahrung“.
    Mit inzwischen vier von mir gelesenen Werken empfehle ich aus ganz persönlicher Sicht den (Neu-)„Einstieg“ mit „Ein fliehendes Pferd“ – eine (naturgemäß kurze) Novelle; tatsächlich ist Walser nicht ganz einfach zu lesen, wenn man Walser nicht kennt, ihn als nicht „Walser-vorbelasteter“ Leser liest. Andere empfehlen hier „Ehen in Philippsburg“, das jedoch vorerst nur auf meiner Wunschliste steht.
     
    Zum Schneller-Lesen für Walser-Kenner; ich stelle kurz den Vorteil der vorbereitenden Lektüre dar: Walser nutzt gerne typische Stilmittel und hat bestimmte wiederkehrende Themen, beide können sich als etwas anstrengend darstellen, wenn man quasi unvorbereitet darauf stößt (Exemplar und Zitate in alter Rechtschreibung), hier nur einige:
     
    Freude macht mir Walser mit seiner Neigung zu Wortschöpfungen oder Wort-Neu-Zusammenstellungen: Von harmlos S. 12 „Tulpennulpen“, S. 20 „Liberalist, Bestialist“ (analog zu den vorigen Nationalist, Atheist usw.), S. 22 „Nichtnachgeben“, S. 26 „Zweitagebartgesicht“ mit „Zweitagestand“ usw. bis hin zu S. 185 „Restlosverschmolzenheitsphilosophie“.


    Bei wenigen Autoren finde ich ähnlich häufig Sätze zum Anstreichen oder Herausschreiben wie bei Walser, er ist einfach genial darin, in einem einzigen Satz (manchmal mit dem gängigen Nach-Satz dazu) eine universelle Aussage zu treffen oder auch mindestens nur eine wunderschöne Universal-Aussage zu einer Handlung oder einer Person im Buch:
    S. 32 „Ein Alkoholiker ist eine ungeheure Steigerung dessen, was ein Mann ohnehin schon ist.“
    S. 37 „Die vollkommene Niedertracht kommt nur vor, wo eine Frau gegen eine Frau agiert.“
    S. 40 „Ach, jeder Mann ist ein Monologist!“
    Über Ernest, Ellens Liebhaber:
    S. 39 Ellens Aussage: „Wenn er [Ernest] Ellen etwas Schönes sagen wollte, redete er ja auch nur von sich.“
    S. 45 „Er [Ernest] ist nie krank, aber dauernd in Behandlung.“
    Über die 19jährige Tochter Sylvi:
    S. 130 Ernest zu Syvli: „Sie sind nicht zu Hause in Ihrem Körper. Noch nicht.“
    oder, aus Sylvis Sicht:
    S. 138f. „Sie rannte dem Leben nach. Würde es nie einholen.“
     
    Es gibt wiederkehrende Typen von Satzbau bei Walser. Eine Version ist: Ein „klassischer“ Satzbau mit Subjekt-Prädikat-Objekt, dem folgt ein Satz, dem das Verb fehlt, der auch hätte mittels eines Komma angeschlossen werden können, teils nur ein Wort.
    In „Ohne einander“
    z.B. S. 12, als Ellens Liebhaber Ernest zu ihr nach Hause kommen möchte: „Nach fast vier Jahren habe er wohl das Recht, ihr Kinder kennenzulernen. Den Mann lieber nicht. Aber der sei doch ohnehin nie da. Aber Sylvi und Alf. Seit Jahren rede Ellen von Sylvi und Alf. Das meiste in diesen Jahren sei unterblieben wegen Sylvi und Alf.“
    Dieses Stilmittel wirkt auf den Leser drängend, die Handlung vorantreibend, unruhig, atemlos. Da die Sätze einfach bleiben, lassen sie sich meist einfach lesen – taucht das Stilmittel gehäuft auf, kann es genauso passieren, dass man als Leser einfach daran hängen bleibt wie an einem Stolperstein. Geduld!
    Demgegenüber stehen kunstvolle Satzgebilde, mäandrierend, ich füge ein Beispiel ein unter dem nächsten Punkt, Themen Walsers.
     
    Eines der wiederkehrenden Themen ist die Ablehnung des Kulturbetriebs, die Auseinandersetzung mit der medialen Öffentlichkeit (man möge nachlesen zu den Auseinandersetzungen mit Hans Magnus Enzensberger oder gar mit Marcel Reich-Ranicki):
    S. 62/63: „Nur der Schwächling braucht Macht. Nur der Schwächling strebt nach Macht. …
    Und er vertraue darauf, daß einer Ellen … nach mehr als zwanzig Jahren Kulturbetriebserfahrung der tobende, der auftrumpfende, der alle anderen niedermachende Schwächling nicht ganz fremd sei, denn reiner als im Kulturbetrieb manifestiere es sich nirgends, daß Schwäche, also Machtgier, also ethische Entkräftung den Psychofilz jedes Agierenden liefern. Das Allererstaunlichste: daß eine zuschauende Öffentlichkeit so tut, als glaube sie, diesem Betrieb gehe es um etwas anderes als um sich selbst.“
    Die Gründe liefert er nach:
    S. 74 „Einfach so böse, wie jeder andauernd gern wäre, aber er kann es sich nicht leisten, ist ja verheiratet, fest angestellt, muß sich rentenwürdig benehmen. Das hält er nur aus, wenn er die täglich in ihm produzierte Wut in den Bosheitsquanten ablassen kann, die ihm DAS [Anm. d. Verfasserin: Das Magazin, für das Ellen schreibt …oder vermutlich jegliches andere Medium]  verordnet.“
    Das Thema bleibt präsent im Roman, auch als die Perspektive zum Ehemann, zu Sylvio, wechselt:
    S. 176 „Hielt er [Sylvio] doch die kritische Grundhaltung der Produzenten öffentlicher Meinung für Heuchelei. Selbstgerechtigkeit und Heuchelei, das war das Fundament der Meinungsproduktion. Je heuchlerischer, um so krasser kritisch  beziehungsweise je krasser kritisch, um so heuchlerischer. Das sei ein unauflöslicher Interdependenzknoten zur Verhinderung einer Einsicht ins eigene Tun. Denn: je krasser kritisch, desto besser das eigene Gewissen, desto weniger Anlaß, Neigung, Fähigkeit zur Selbstüberprüfung. Die öffentliche Meinung als die neueste Kirche, der letzte Gott“.
     
    Definitiv ist Walser ein Meister der Worte, ihres Gebrauchs, des Spracheinsatzes – das gestehen ihm gemeinhin auch alle Kritiker zu. Kritik erfolgt hier zumeist bezüglich seiner eindeutig vorhandenen Tendenz zum Überbordenden hierbei, wodurch dann die eigentliche Erzählung auch durchaus in den Hintergrund treten kann (die Empfehlung zum Einstieg über „Ein fliehendes Pferd“ rührt aus einer Zurückhaltung Walsers in dieser Novelle bei genau diesem möglichen Kritikpunkt, wohingegen die typischen Stilmittel und Themen brillieren dürfen. Ich hatte die Novelle eingeschoben, als ich zur Halbzeit der Lektüre von „Ein sterbender Mann“ verwirrt und zweigeteilt zu meiner Einschätzung war).
     
    Die Walserschen Protagonisten erweisen sich (auch in diesem Roman) als zutiefst verunsichert, ihre auf das Gegenüber gerichteten Handlungen haben selten etwas zu tun mit der Person ihres Gegenüber, vielmehr mit der eigenen Wahrnehmung, der Illusion, die diese Person bei ihnen hervorruft.
    S. 41 „Er [Ellens Liebhaber Ernest] rede nur soviel, weil er nicht aufhören könne, ihr ihre [Ellens] Wirkung auf ihn zu schildern. Er gebe zu, daß er sie dadurch mitreißen wolle. Da er schon nicht im Stande sei, sie zu begeistern, sie hinzureißen, wolle er eben dadurch, daß er sie ihre Wirkung auf ihn erleben lasse, sie von sich selber hinreißen lassen.
    Obwohl sie Angst hatte und vorsichtig sein wollte, war sie dann doch hingerissen gewesen. Von ihm. Vielleicht doch von ihrer Wirkung auf ihn.“
    S. 83 (aus Sicht Ellens) „Er [ihr Liebhaber Ernest] ist eine Aussicht. Die einzige. Nur weil er eine Aussicht ist, liebst du ihn. Nur ein Mann kann auf die Idee verfallen, man liebe ihn um seinetwillen.“
    S. 119 (im Kapitel Sylvi; über ihren Vater) „ Dieser Schwätzer! Dieser Dekorateur! Dieser Schaumschläger, Wortkonditor, Lügenbold!“
     
    Mein Fazit? Gewappnet mit einem rudimentären Vorwissen über Walser lässt sich dieser Roman schlicht und einfach genießen, sowohl hinsichtlich des Sprachgebrauchs als der Bonmots. Faszinierend, dass sich eine Rezension samt Inhaltsüberblick an diesen entlanghangeln kann! Ausschweifender als „Ein fliehendes Pferd“, dafür mit mehr Sprachschätzen, jedoch deutlich zielstrebiger und am Leser orientierter als „Ein sterbender Mann“, darf man sich als Leser durchaus verstören lassen von Erkenntnissen darüber, wie furchtbar verlogen - auch gegenüber sich selbst Menschen in beruflichen und privaten Beziehungen interagieren – und kommt dabei vielleicht auch auf die eine oder andere unangenehme Gemeinsamkeit mit sich selbst.

  9. Cover des Buches Schweigeminute (ISBN: 9783455405699)
    Siegfried Lenz

    Schweigeminute

     (302)
    Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer

    "Schweigeminute" von Siegfried Lenz habe ich ohne Kapitelunterteilungen und auch ohne besonders viele Absätze fast in einem Rutsch durchgelesen. Ich bin in die maritim-nordfriesische Stimmung voll und ganz eingetaucht und verfolgte die Liebesgeschichte von Christian und Stella aus Christians Perspektive. Lenz' Stil ist nüchtern, beinahe emotionslos und wortkarg, als würde der Protagonist nur das Geschehene schildern und wiedergeben, nicht wirklich erleben. 

    Dennoch ist die Sprache bildlich und so werden die Figuren und ihre Umgebung immer lebendiger. Alles in allem hat mir das Buch sehr gut gefallen und glich (wegen der kurzen Lesedauer) einem kurzen Ausflug ans Meer. Ohne viel 'Schnickschack' gibt Christian wieder, was er mit Stella erlebt hat und was er so an ihr liebt - in der Schweigeminute bei ihrer Trauerfeier. Von Anfang an berührend, wie aus Zeit und Raum gerissen und einfach schön zu lesen!

  10. Cover des Buches Winterspelt (ISBN: 9783257236040)
    Alfred Andersch

    Winterspelt

     (10)
    Noch keine Rezension vorhanden
  11. Cover des Buches Die Kirschen der Freiheit (ISBN: 9783257600780)
    Alfred Andersch

    Die Kirschen der Freiheit

     (16)
    Aktuelle Rezension von: Monsignore
    "Ich baue nur noch auf die Deserteure." - diesen Satz von André Gide stellt Andersch seinem Buch vorweg. Denn er selbst war einer. Andersch desertierte im Juni 1944 in Italien. Dort hatten im übrigen die deutschen Soldaten die Toskana leergesoffen. Doch Andersch beginnt 1919 mit der Zerschlagung der Münchner Räterepublik und spannt einen autobiografischen Bogen bis zu seiner Desertion. Dieses Buch atmet die Freiheit, es ist ein Lebenszeugnis eines Mannes, "der nach 1933 das Denken nicht vergaß", wie es Heinrich Böll formulierte. Andersch schildert emotional und aufrichtig seinen Lebensweg durch entgleiste, verwilderte, verrohte Zeiten. Das Buch ist Zeugnis eines Freigeistes in geistfeindlicher Zeit. Es gibt wunderbare Textstellen, in denen Andersch seine ganze abgrundtiefe Verachtung für das ganze verlogene Gerede von der Kameradschaft, dem Vaterland und der Soldatenehre geradezu auskotzt.
  12. Cover des Buches Gruppenbild mit Dame (ISBN: B004PL8UM0)

    Gruppenbild mit Dame

     (7)
    Aktuelle Rezension von: Buchfreundin55

    Das Buch Gruppenbild mit Dame von dem deutschen Nobelpreisträger Heinrich Böll ist nach meiner Meinung sein bestes Buch, wenn auch nicht sein bekanntestes Buch. Erschienen ist es 1971. Hauptperson ist die junge Frau Leni Pfeiffer, geboren 1922.
    Sie lernt während des 2. Weltkrieges den sowjetischen Kriegsgefangenen Boris kennen und lieben. Sie bekommen einen Sohn, doch ihr Glück währt nicht lange. Boris gerät in ein Lager der Amerikaner und kommt darin um.
    Im Laufe des Buches übernimmt rasch ein Verfasser, der sich stets abgekürzt ironisch als „Verf.“ ins Gruppenbild einbringt, die Schilderungen des Lebens von Lena in Form von Zeugenerinnerungen und Recherchen. Und so entsteht nach und nach um die Gestalt der Leni Pfeiffer herum ein spannendes Panorama Deutschlands im 20. Jahrhundert über viele Jahrzehnte. Ein großer Roman über die deutsche Vorkriegs- und Nachkriegsgeschichte. Ein Klassiker, der jungen Menschen das gesellschaftliche und politische Leben in Deutschland zwischen 1920 und 1980 veranschaulicht.
    Inzwischen ist die mehr oder weniger mittelose Lena achtundvierzig Jahre alt und ihr geliebter Sohn sitzt im Gefängnis, weil er auf seine Weise ein an der Mutter begangenes Unrecht korrigieren wollte. Lena ist eine ungewöhnliche und sonderbare Frau. „Sie ist schweigsam und verschwiegen... Sie ist nicht verbittert und sie ist reuelos, sie sie bereut nicht einmal, dass sie den Tod ihres ersten Mannes nie betrauert hat; (...) sie weiß wahrscheinlich einfach nicht, was Reue ist. "
     Leni hat 32 Jahre gearbeitet, 5 Jahre als ungelernte Hilfskraft im Büro ihres Vaters, 27 Jahre als Gärtnereiarbeiterin. Ihr erhebliches Immobilien-Vermögen, ein großes Mietshaus, hat sie leichtfertig unter der riesigen Inflation aus den Händen gegeben. 1941 war Lena drei Tage lang mit einem Berufsunteroffizier der deutschen Wehrmacht verheiratet war. Daraus bezieht sie eine Kriegerwitwenrente, dazu hat sie Sozialrente beantragt. Leni geht es bescheiden, besonders seit ihr Sohn im Gefängnis sitzt. Warmherzig, berührend und zeitlos politisch.

  13. Cover des Buches Ein Liebhaber des Halbschattens (ISBN: 9783257236064)
    Alfred Andersch

    Ein Liebhaber des Halbschattens

     (3)
    Noch keine Rezension vorhanden
  14. Cover des Buches Herzzeit (ISBN: 9783940018038)
    Ingeborg Bachmann

    Herzzeit

     (1)
    Noch keine Rezension vorhanden
  15. Cover des Buches Princeton 66 (ISBN: 9783608949025)
    Jörg Magenau

    Princeton 66

     (10)
    Noch keine Rezension vorhanden
  16. Cover des Buches Die Rote (ISBN: 9783257236026)
    Alfred Andersch

    Die Rote

     (30)
    Aktuelle Rezension von: ElkeK

    Inhaltsangabe:

    Italien 50er Jahre: Die Fremdsprachen-Korrespondentin Franziska ist mit ihrem Mann Herbert auf Geschäftsreise in Mailand, als sie nach einem Disput beschließt, ihn zu verlassen. Ohne Papiere und mit wenig Geld reist sie ins winterliche Venedig und versucht sich ihrer Situation klar zu werden.

    Ein elementarer Teil ihrer Gedanken dreht sich um eine mögliche Schwangerschaft und um ihre Affäre mit Herberts Chef Joachim. Weil Joachim sie nicht geheiratet hat, willigte sie in die Ehe mit Herbert ein, ohne die Affäre zu Joachim zu beenden.

    In Venedig macht sie die Bekanntschaft mit Patrick, einem reichen irischen Segler. Ohne es zu ahnen reißt er sie in einen perfiden Plan um Rache und Schuld hinein.

    Mein Fazit:

    Dieses Buch habe ich gelesen, weil ich an einem Lese- und Diskussionskreis hier in unserer Nachbarschaft beteiligen wollte. Schließlich ist es auch eine angenehme Sache, auch mal über Bücher zu diskutieren.

    Ehrlich gestanden fand ich das Buch einfach nur grauenvoll. Es ist für mich überhaupt kein Problem, Bücher aus anderen Zeiten über andere Zeiten zu lesen. Doch der Autor hat hier einen höchst eigenwilligen Erzählstil gezeigt, mit dem ich bis zum Ende nicht klar gekommen bin. Und wäre dieses Buch eben nicht für die Diskussionsrunde gewesen, hätte ich es ganz sicher nach wenigen Seiten abgebrochen.

    Erzählt werden in abwechselnden Abschnitten die Geschichte um Franziska und Fabio. Während Franziska in der Inhaltsangabe ja schon beschrieben, komme ich jetzt auf Fabio zu sprechen. Fabio, knapp 50, ist Musiker und war früher im spanischen Bürgerkrieg als Soldat unterwegs. Seine Existenz ist bescheiden, doch scheint er hin und wieder zu bedauern, dass er keine Familie hat.

    Warum Fabio so genau beleuchtet wurde, wurde mir erst in der Diskussion gewahr. Aber beim Lesen stellte ich mir oft die Frage, warum er so eine große Rolle spielt, schließlich gab es nur zwei kleine Schnittstellen mit Franziska. Zwischendrin gibt es sogar noch kurze Passagen von Fabios Vater, die wohl auf seinen Kältetod auf See andeuten, aber teilweise auch so kryptisch sind, dass ich mich fragte, was das alles für einen Sinn hat. Die Beschreibungen der Stadt und den Menschen wirkte auf mich oft wie eine Aufzählung. Sehr lange Sätze und immer wieder Kommas beherrschen die vielen absatzlosen Seiten, so das mir eine Seite manchmal wie fünf vorkamen! Die Dialoge waren sparsam eingesetzt, was ich sehr bedauerlich finde, denn etwas mehr wäre in diesem Falle auch mehr gewesen.

    Franziska blieb mir die ganze Zeit fremd, ihre Gedankengänge konnte ich oftmals nicht nachvollziehen, zumal sie für die damalige Zeit ziemlich fortschrittlich war. Aber dann verlässt sie ihren Mann so Hals über Kopf, das man ratlos zusehen kann, wie sie um ihre Existenz bangt.

    Die Diskussion im Lesekreis dazu fand ich anregend und inspirierend, aber das Lesen dieses Buch war für mich verschenkte Lebenszeit. Daher gibt es auch nur die Mindestbewertung von zwei Sternen!

    Anmerkung: Ich habe es als eBook gelesen!

  17. Cover des Buches Die gestundete Zeit (ISBN: 9783492003780)
    Ingeborg Bachmann

    Die gestundete Zeit

     (6)
    Aktuelle Rezension von: Perle
    Klappentext bzw. Gedicht:
    Es kommen härtere Tage.
    Die auf Widerruf gestundete Zeit
    wird sichtbar am Horizont.
    Bald mußt du den Schuh schnüren
    und die -hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
    Denn die Eingeweide der Fische
    sind kalt geworden im Wind.
    Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
    Dein Blick spurt im Nebel:
    die auf Widerruf gestundete Zeit
    wird sichtbar am Horizont.

    Eigene Meinung:
    Ingeborg Bachmann sagt mir irgendwas. Muss schon mal vor Jahren was von ihr gehört oder gelesen haben. Dieses Gedichtebuch von ihr fand ich in einem Bücherregal in einem Cafe, wo 1x im Moinat Bookcrossing-Treffen stattfinden.

    Die Gedichte sind wirklich sehr schön, sie regen zum Nachdenken an und man kann mit Sicherheit stundenlang darüber reden oder diskutieren.

    Ich selber schreibe seit 3 Jahrzehnte Gedichte und interessiere mich sehr für andere Dichter, auch für die, die nicht so berühmt und bekannt wie Goethe, Schiller oder Heinrich Heine geworden sind.

    Am Besten gefällt mir das 1. Kapitel wie z.B. "Abschied von England" oder "Herbstmanöver" und "Die gestundene Zeit". Aus dem 2. Kapitel berührte mich das Gedicht "Früher Mittag" besonders. Aber auch am Anschluß  des 3. Kapitels der Monolog des Fürsten Myschkin zu der Ballettpantomime "Der Idiot" hat mich gut unterhalten.

    Alles in einem ein gut gelungenes Buch, wofür ich sehr sehr gerne gutgemeinte 4 Sterne verteile. Würde liebend gerne mehr von Ingeborg Bachmann lesen. Vielleicht fällt mir mal wieder ein Gedichtebuch von ihr in die Hände, dann weiß ich, dass ich mich garantiert darauf freuen kann.
  18. Cover des Buches Der Butt (ISBN: 9783423144803)
    Günter Grass

    Der Butt

     (46)
    Aktuelle Rezension von: Gert
    Hatte diesen Klassiker schon vor Jahren gelesen, aber nicht so recht Zugang hierzu bekommen. Nun habe ich ihn wieder hervorgekramt und bin sehr begeistert. Natürlich ist es die Sprache und die Erzählkunst von Günter Grass, die immer wieder fasziniert. Der Plot mit den ewig lebenden Personen in der ganzen Menschheitsgeschichte ist einfach genial. Die Vorherrschaft des Weiblichen als Motor der Männergesellschaft mit dem abschließenden Tribunal des Butts vor der Frauenbewegung. Großartig. Man braucht etwas Zeit, um - wie immer bei Grass - durch den oft recht verwinkelten Erzählstrang zu kommen, aber es ist amüsant und teilweise auch lehrreich.
  19. Cover des Buches Deutschstunde (ISBN: 9783455009484)
    Siegfried Lenz

    Deutschstunde

     (286)
    Aktuelle Rezension von: Tubi

    Ein gutes Buch über eine schreckliche Zeit, die hoffentlich nicht wiederkommt.

    Das Buch und der Film mit  Johanna Wokalek , Levi Eisenblätter , Ulrich Noethen  sind ein Meisterwerk.


  20. Cover des Buches Siegfried Lenz (ISBN: 9783866746299)
    Erich Maletzke

    Siegfried Lenz

     (3)
    Aktuelle Rezension von: Pongokater

    Erich Maletzke dokumentiert Leben und Werk des Autors mit erfreulich kritischer Distanz, wertet die einzelen Werke sehr abgewogen und daher sehr unterschiedlich, und ist daher ein solider Hintergrund für die Lektüre des gr0ßen deutschen Autors.

  21. Cover des Buches Das Treffen in Telgte : eine Erzählung und dreiundvierzig Gedichte aus dem Barock. (ISBN: B0020HA2Z4)
  22. Cover des Buches Wanderungen im Norden (ISBN: 9783257211641)
    Alfred Andersch

    Wanderungen im Norden

     (4)
    Noch keine Rezension vorhanden
  23. Cover des Buches DuMont Schnellkurs Deutsche Lyrik (ISBN: 9783832190262)
    Thomas Kraft

    DuMont Schnellkurs Deutsche Lyrik

     (2)
    Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer
    für meinen Spaß an lyrischen texten habe ich mir diesen band für den geschichtlichen überblick besorgt.
    sortiert nach epochen gibt er infos über die jeweilige.
    mit den gewonnen Informationen kann ich meine vorhandenen texte gut sortieren.
  24. Cover des Buches Die Gruppe 47 (ISBN: 9783421043153)
    Helmut Böttiger

    Die Gruppe 47

     (3)
    Aktuelle Rezension von: hproentgen
    Längst ist die Gruppe 47, geführt von Hans Werner Richter, zum Mythos geworden. Verehrt von den einen, die davon schwärmen, dass damals Literatur noch etwas gegolten habe, verdammt von den anderen, die darin eine Reichschrifttumskammer sehen und eine Hinrichtungsinstitution, die absolute Macht über den Literaturmarkt gehabt hätte. Helmut Böttiger hat jetzt ein Buch über diese Gruppe, ihre Entstehung und ihre Geschichte vorgelegt. Hans Werner Richter kam nach dem Krieg aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurück. Dort hatte er erstmals mit der literarischen Moderne Kontakt. Deutschland war zwölf Jahre abgeschnitten von allen literarischen Entwicklungen in der Welt, obendrein hatten die meisten Schriftsteller fliehen müssen. In Deutschland gaben weiterhin die den Ton an, die schon zu Nazizeiten hochverehrt wurden. Man distanzierte sich zwar ein wenig von den "pöbelhaften" Nazis, aber mythisierte fröhlich weiter, wenn auch nicht direkt mit Blut und Boden. Religiöse Schwärmerei, überhaupt das Schwärmerische war sehr beliebt, mit den Realitäten wollte man sich lieber nicht befassen. "Ich habe gesagt, der innerste Sinn aller Kunst [...] mache sie zu einer Trösterin über die Vergänglichkeit des Daseins" proklamierte Rudolf Alexander Schröder 1947. Richter und eine ganze Reihe anderer wollten weg davon. Sie wollten das Leben nicht verklären, sondern die Trümmer in Deutschland wahrnehmen. Was ihm aber bei einer Tagung der "Mystiker" gefallen hatte: "So was sollte man öfter machen. Manuskripte vorlesen, diskutieren - da kommt was dabei raus." So entstand die Gruppe 47. Zur ersten Tagung kamen weniger als zwanzig Teilnehmer. Keiner davon war berühmt. Die Gruppe 47 war der einzige Ort, an dem neue Autoren sich von dem Mystizieren der Gegenwart und Vergangenheit absetzen konnten, das damals allgemeine Mode war und vor allem von Friedrich Sieburg und der FAZ apodiktisch vertreten wurde. Sieburg warf Ende der Fünfziger Jahre Walser gar vor, dass früher noch Anstand und Sitte gegolten habe und Walser das verlasse. Wenn man bedenkt, dass "früher" Nazis und Drittes Reich waren und Sieburg dort ein hohes Amt innehatte, eine ziemliche Unverfrorenheit. Wer glaubt, dass Shit-Storms eine Erfindung des Internetzeitalters seien, der irrt. Als Thomas Mann 1949 den Goethepreis bekam, überschwemmten die Protestbriefe das Rathaus und selbst der hessische Kultusminister sagte sein Kommen ab. Mit einem »labilen«, »goethefremden« Dichter wollte man nichts zu tun haben. Andere distanzierten sich gleich vom »Juden Mann«. Als der Norddeutsche Rundfunk ein Hörspiel von Günter Eich brachte, brach ein ähnlicher Shitstorm los - obwohl es das Wort damals noch gar nicht gab. »Sagen Sie mal, was verzapfen Sie heute wieder fürn Mist im Rundfunk? Es ist zum Kotzen«. Trolle gab es schon lange vor dem Internet und die Rüpelrepublik ist kein neues Phänomen. Als die FAZ es 1957 wagte, ein Gedicht von Eich zu drucken, musste sie eine ganze Seite freiräumen für die Leserbriefe im Stil: »In jüngeren Jahren hatte ich für die Entmündigung und Einweisung Geistesgestörter in Irrenanstalten zu sorgen. Der Herr Eich gehört meines Erachtens zweifelsohne dorthin!« Die Gruppe 47 wurde so zu einem Fluchtpunkt all derer, die nicht in das wabernd-nebulöse Mythisieren einstimmen wollten. Es war der Einzige. Helmut Böttiger zeigt in seinem Buch sehr gut die gesellschaftlichen Umstände, die die Gruppe bestimmten. Auch Literatur lebt nicht im luftleeren Raum, sondern wächst aus der Gesellschaft, in der sie geschrieben wird. Eine einheitliche literarische Vorstellung hatte die Gruppe nicht. Richter war ein Vertreter des Realismus, doch er versuchte nie, diese Vorstellung in der Gruppe durchzusetzen. Schon am Anfang gab es Surrealisten, bald folgen die »Formalisten«, die Richter zwar nicht liebte, aber duldete. Anders als heute oft tradiert wird, war Politik ganz und gar verpönt in der Gruppe. Zwar waren die meisten Teilnehmer Gegner des Adenauerstaats und traten oft auch gegen ihn an - in den Gruppentreffen musste man sich aber auf literarische Diskussionen beschränken. Da die Gruppe 47 der einzige Ort war, an dem sich neue Autoren vorstellen konnten, wurde sie bald zur Avantgarde. Mit Günter Eich, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Alfred Andersch und anderen versammelten sich die, die später in die Literaturgeschichte eingehen sollten. Ingeborg Bachmann schaffte es als Fräuleinwunder 1954 auf das Titelblatt des Spiegels. 1958 las Günther Grass aus der Blechtrommel und wurde damit schlagartig berühmt. Zwar gab es nochmal zahlreiche Versuche, diesen »Schmutz und Schund« zu unterbinden, doch die Zeit ging zu Ende. Die Gruppe 47, als kleine Gruppe literarischer Außenseiter gegründet, entwickelte sich langsam zum literarischen Mainstream. Als das literarische Colloquium, entstanden aus dem Umfeld der Gruppe, in West-Berlin Lesungen organisierte, kamen zu Ingeborg Bachmanns Lesung über zweitausend Zuhörer, später mussten die Veranstalter gar die Polizei rufen, weil sie den Andrang nicht mehr bewältigen konnten. In den heutigen Zeiten, in denen jede Kleinstadt Literaturtage veranstaltet, ist es kaum mehr vorstellbar, welche Bedeutung die Gruppe 47 gewonnen hatten. Als Mitte der Sechziger die Studentenrevolte begann, rechneten sie viele bereits zum Establishment. Mit der Entwicklung änderten sich auch die jährlichen Gruppentagungen. Anfänglich waren die Gruppentagungen Werkstattgespräche zwischen Autoren. Was heute tausendfach in Internetforen, Literaturhäusern und VHS-Treffen passiert, war damals revolutionär neu. Kritik und Diskussion, das war weder im Führerstaat noch im wilhelminischen Deutschland angesehen, das war ein anglo-amerikanischer Import. Doch spätestens nach der Tagung 1958 mit der Lesung der »Blechtrommel« interessierten sich die Zeitungen, das Fernsehen und die Verlage für die Gruppe. Vorlesenden Autoren übten sich in Selbstdarstellung, der Autor als Ich-Marke entstand. Das machte Werkstattgespräche unmöglich. Die Tagungen wurden von Journalisten belagert, wer dort reüssierte, dessen Zukunft war gesichert. Immer wieder versuchte Hans Werner Richter und auch Günther Grass die Tagung zurück zum Werkstattstattgespräch unter Autoren zu führen, vergeblich. Junge literarische Wilde straft das Leben damit, dass sie im Alter Mainstream werden. Böttiger zeigt, wie sich das in den Sechzigern erstmalig entwickelte, Peter Handke und Hans Magnus Enzensberger waren die Ersten, die das begriffen und konsequent umsetzten. Heute verlangt jeder Verlag von seinen Autoren, dass sie in Facebook, Twitter und im Internet ihre Selbstdarstellung betreiben. Was einst einige literarische Autoren begannen, ist heute auch für Genreautoren Pflicht geworden. So manches aus der Gruppe 47 hat sich später verselbstständig. Etwa die Behauptung, dass »wertvolle Literatur« immer realistisch sein solle; dass Eskapismus etwas Schlechtes sei. Diese eindeutige Festlegung der Gruppe gab es aber gar nicht und die Realisten, die es in der Gruppe gab, wollten sich damit zum Wabern und Weben der Nach-Nazi-Literatur abgrenzen. Interessant, wie sich Meinungen und Theorien verselbstständigen und später zum Dogma werden. Und auf Dinge ausgedehnt werden - in dem Fall auf Fantasy etc. - die damit nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. Böttigers schreibt stilsicher und flüchtet sich nicht in literarische Verquastheit. Sein Buch lässt die Autoren der Gruppe 47 lebendig werden und wie sich die literarische Szene in den ersten beiden Jahrzehnten der Bundesrepublik entwickelte. Vieles, das wir heute im Literaturbetrieb kennen und für selbstverständlich halten, wurde damals angelegt. So ist das Buch ein Muss für jeden, der schreibt, egal ob literarisch oder Genre, und auch für jeden, der sich für Literatur und Bücher interessiert. Leseprobe: http://www.amazon.de/Die-Gruppe-47-Literatur-Geschichte/dp/3421043159/ref=sr_1 1?ie=UTF8&qid=1355231909&sr=8-1#reader3421043159 Die Gruppe 47 - als die deutsche Literatur Geschichte schrieb, Sachbuch, Helmut Böttiger, DVA, November 2012 ISBN-13: 978-3421043153, gebunden, 478 Seiten, Euro 24,99

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