Bücher mit dem Tag "gulag"
31 Bücher
- Tom Rob Smith
Kolyma
(289)Aktuelle Rezension von: katha84Leo hat sein Leben geändert. Er leitet inzwischen das geheime Morddezernat und versucht sich so zumindest von einem Teil seiner Schuld rein zu waschen. Zusammen mit seiner Frau versucht er Soja und Elena eine neue Familie zu geben. Aber grade Sofa kann Leo den Tod ihrer Eltern nicht verzeihen. Und dann taucht auch noch jemand aus Leos Vergangenheit auf und scheint alles zu bedrohen, was er sich aufgebaut hat. Kann er seine Familie noch retten oder ist alles verloren?
Der zweite Teil hat mich längst nicht so gepackt, wie Band 1. Aber das ändert nichts daran, dass es wieder ein sehr gutes Buch war. Voller Schrecken und Grausamkeiten, die man sich gar nicht vorstellen will. Grade die Kapitel in Kolyma sind ziemlich hart. Aber es ist Sojas Geschichte und ihr unglaubliches Leid, das einen so mitnimmt. Tom Rob Smith hat einen sehr eindringlichen Schreibstil und die Story bringt einen unwillkürlich zum nachdenken. Vieles geschieht hier aus Rache und Hass. Und auch wenn man das vielleicht nachvollziehen kann, da Leo wirklich schlimme Dinge getan hat, macht mich das alles ziemlich traurig und fassungslos. Keine leichte Kost - grade auch, in der heutigen Zeit.
- Alexander Solschenizyn
Der Archipel GULAG
(54)Aktuelle Rezension von: DrGordonDas Buch zum Thema sowjetisch-russischer Terror und kommunistischer Diktatur. Trotzdem der Autor gut beschreibt, das die Gulags bereits zur Kaiserzeit existiert haben. Egal mit wem ich über das Thema Vertreibung, Verbannung des sowjetischen Kommmunismus rede, empfehle ich Solschenizyn zu lesen. Als ein Art Grundlagenwerk Wenn ich Archipel Gulag gelesen habe, kann ich andere Bücher und Autoren (z.B. Herta Müller oder der chinesische Nobelpreisträger Gao Xingjian) besser verstehen und einordnen. Das Buch lässt niemanden kalt. Resumée: Absolut empfehlenswert und lesenswert. - Gusel Jachina
Suleika öffnet die Augen
(69)Aktuelle Rezension von: VanderkatzEin unglaublich schöner Roman, der mich von Anfang an fasziniert hat. So tiefgründig, erschreckend, erschütternd, spannend und gleichzeitig unheimlich warm und rührend. Der Schreibstil der Autorin ist einzigartig, sehr authentisch und lässt fantastische Bilder vor dem inneren Auge entstehen, die für sich genommen schon Meisterwerke sind. Auch die Nebenfiguren sind meisterhaft dargestellt. Kulturen, Traditionen, Geschichte, Schicksalsschläge, Volksmärchen, Natur und unglaublicher Mut sind kunstvoll ineinander verwoben. Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, das mich so begeistert hat.
- Mechtild Borrmann
Lebensbande
(156)Aktuelle Rezension von: ingaburgEs ist nicht mein erster Roman von Mechthild Borrmann und ich bin mal wieder tief berührt und erschrocken über die Gräueltaten im Nationalsozialismus.
„Lebensbande“ erzählt die Geschichte von drei Frauen. Ihre Lebenswege sind sehr unterschiedlich und doch sind sie durch ihre Freundschaft stark miteinander verbunden.
Die Geschichte beginnt 1991 in Kühlungsborn, als eine Frau damit beginnt, ihre Vergangenheit aufzuschreiben. Sie hat ihren Mann Gustav beerdigt und bekommt einen Brief von der Rentenversicherung, in dem nach ihrer vergangenen Berufstätigkeit gefragt wird. Fast 30 Jahre hat sie als Krankenschwester gearbeitet, aber sie einen wichtigen Teil ihres Lebens verschwiegen und nun kann sie ihr Geheimnis nicht länger für sich behalten. Man erfährt natürlich erst zum Ende des Romans, um welches Geheimnis es sich handelt.
In Rückblenden erfahren wir, dass Lena die Hauptfigur ist. Sie soll einen Bauernsohn heiraten, verliebt sich jedoch in den Niederländer Joop. Die Eltern verhindern die Verbindung. Lene heiratet einen anderen Mann, von dem sie schwanger ist und bekommt Leo, der von seinem Vater und anderen als „schwachsinnig“ abgestempelt wird und schließlich gegen Lenes Willen in einem Heim landet und dort „behandelt“ wird. Die Krankenschwester Nora versucht Leo und Lena zu helfen und riskiert viel. Sie wird schließlich nach Danzig versetzt, wo sie sich mit Lotte anfreundet. Beide werden später in einen sowjetischen Gulag deportiert.
Was mich besonders bewegt hat ist der Zusammenhalt der Frauen, trotz all der Gräueltaten, die ihnen angetan werden. Sie sind immer wieder seht mutig.
Der Roman von Mechthild Borrmann zeigt die Grausamkeit der NS-Zeit, aber auch, wie viel Kraft in Freundschaft, Loyalität und Menschlichkeit liegt. Es ist ein bewegender Roman über Schuld, Mut und Zusammenhalt.
Von Herzen empfohlen.
- Lara Prescott
Alles, was wir sind
(111)Aktuelle Rezension von: Simone1985Ich habe das Buch geschenkt bekommen und war anfangs etwas unwillig ein Buch über ein mir unbekanntes (berühmtes) Buch zu lesen. Dr. Schiwago war mir ein Begriff, aber ich kannte die Geschichte nicht. Das tut jedoch dem Lesevergnügen keinen Abbruch.
Das Buchcover ist wunderschön gestaltet und sehr ansprechend.
Der Schreibstil ist packend und informativ, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. Man lernt viel über die Zeit des Kalten Krieges. Ich mag es, wenn man beim Lesen nebenbei noch etwas über Geschichte lernen kann.
Es geht um Liebe, Spionage und Gegenspionage, Frauen, Politik und Macht. - Sasha Filipenko
Rote Kreuze
(184)Aktuelle Rezension von: petraellenAutor
Sasha Filipenko
Inhalt
Der junge Alexander ist gerade nach Minsk gezogen. Vor kurzem hat er seine Frau verloren und muss sein Leben mit seiner kleinen Tochter neu ordnen.
Auf dem Stockwerk seiner Wohnung lebt noch eine neunzig Jahre alte Frau, alleinstehend und an Alzheimer erkrankt. Nach einer kleinen Stadterkundung kommt er zu seiner Wohnung zurück und stellt mit Erstaunen fest, dass jemand ein rotes Kreuz auf seine Wohnungstür gemalt hat. Es stellt sich heraus, dass seine Nachbarin Tatjana Alexejewna es war. Alexander hält es zunächst für einen Scherz, doch Tatjana Alexejewna erklärt ihm, dass sie das Rote Kreuz braucht, um den Weg nach Hause zu finden. Sie erklärt Alexander, dass bei ihr kürzlich Alzheimer diagnostiziert wurde. Sie weiß, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis die Krankheit ihr Gedächtnis zerstört und ihre Erinnerungen ausgelöscht hat. Tatjana bittet Alexander in ihre Wohnung und will ihm ihre Geschichte erzählen. Eigentlich möchte er nicht auf einen Plausch zu ihr kommen, doch dann fesselt ihn die Lebensgeschichte.
„»… Ich würde Ihnen gern eine unglaubliche Geschichte erzählen. Eigentlich keine Geschichte, sondern eine Biographie der Angst. Ich möchte Ihnen erzählen, wie das Grauen den Menschen unvermittelt packt und sein ganzes Leben verändert.«“ (S. 15)
Sie erzählt von ihrer Vergangenheit, an die sie sich noch gut erinnern kann. Sie erzählt von dem Zweiten Weltkrieg, ihrer Arbeit im Außenministerium. Ihr Mann Ljoscha wurde vermisst und ihre Tochter Assja entriss man ihr, als sie wegen Volksverrat ins Lager kam.
Sie erzählt ein schockierendes Kapitel der russischen Geschichte, wie die Sowjetunion die russischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg im Stich ließ, wie ihre Familien als Verräter verfolgt wurden.
Sprache und Stil
Tatjana Alexejewna wird in London geboren. Anfang 1920 zieht sie mit ihrer Familie nach Moskau. Ihr Vater Alexej Alexejewitsch Bely sieht in dem Regierungswechsel „eine Revolution des Geistes! Petersburg und Moskau sind jetzt Städte des kleinen Mannes!“ (S. 23)
Tatjana begeistert sich für den Kommunismus. Sie dient ihrem Land und wird doch verhaftet.
Sie arbeitet als Fremdsprachensekretärin im Außenministerium, als sie einen Brief bekommt, den sie übersetzen soll. Es ist eine Liste mit Namen russischer Kriegsgefangener in Rumänien, auf der sie den Namen ihres Mannes entdeckt. Sie weiß, dass Kriegsgefangene und ihre Familien als Verräter verfolgt und in den Gulag geschickt werden. Sie nimmt den Namen aus der Liste und setzt einen anderen Namen, der bereits schon auf der Liste steht, dazu.
Die gefährliche Einmischung zum Schutz ihres Mannes hat nicht die Wirkung, die sie sich vorstellt. Sie wird als Verräterin bestraft und verbringt fast zehn Jahre voller psychischer und körperlicher Misshandlungen in einem weit entfernten, entsetzlichen Lager, ohne zu wissen, was mit ihrem Mann und Kind geieht. Erst nach der Haftentlassung erfährt sie, dass beide nicht mehr leben. Zudem plagt sie das schlechte Gewissen, einen Betrug vorgenommen zu haben, von dem sie sich eine Rettung erhoffte.
Sie ist am Ende ihres Lebens angekommen. Sechzig Jahre später erzählt sie ihre Lebensgeschichte ihrem jungen Nachbarn. Ihre Geschichte beginnt in Moskau 1941, als Russland schon im Krieg gegen das Nazideutschland steht. Sie erzählt von dem Wahnsinn der wütenden, stalinistischen Säuberungen.
Trotz alledem hat sie ihren Kampfgeist bewahrt und kämpft dafür, dass nichts vergessen wird.
Das Band zwischen Tatjana und Alexander
Tatjana hat Mann und Tochter verloren.
Alexander musste eine schwierige Entscheidung treffen. Er konnte wenigstens seine Tochter retten.
Beide sind verlassenen und beide werden mit dem Vergessen, Erinnern konfrontiert. Alexander hat kein Alzheimer und muss trotzdem gegen das Vergessen kämpfen.
Die Metapher „Alzheimer“ ist im Roman „Rote Kreuze“ allgegenwärtig.
Die Alzheimer-Krankheit als Schlüsselrolle
Tatjana hat Alzheimerkrankheit. Alzheimer beginnt mit leichten Gedächtnisstörungen und dem Betroffenen fällt es zunehmend schwer, sich in fremder Umgebung zu orientieren.
Es folgen deutliche Ausfälle bis zum Kontrollverlust. Das weiß Tatjana und kokettiert damit. „Ihr fällt der Vatername nicht mehr ein“ (S. 12).
Der Autor setzt die Alzheimerkrankheit als Metapher ein. Als Mahnung der Erinnerung und gegen das Vergessen. Es ist ein Aufschrei gegen das Vergessen. Hier insbesondere gegen das kollektive gesellschaftliche Vergessen, der Repressionen in den sowjetischen Republiken.
Die „Roten Kreuze“ stehen ebenfalls für „Alzheimer.“ Sie zeigen den Weg, dieses Vergessen zu verhindern. Die zahlreichen Dokumente geben Aufschluss darüber, was geschehen ist. Menschen, die davon betroffen waren, bekommen Namen, sie werden namentlich genannt. Die Schicksale werden sichtbar.
Denn nicht nur die Alzheimerkrankheit lässt vergessen, sondern auch eine Generation, die dies miterlebt hat, wird eines Tages nicht mehr da sein und darüber reden können. Und daher ist es wichtig, dass nichts in Vergessenheit gerät.
„Aber jetzt, wo in meinem Leben alles vorbei ist…jetzt denkt sich Gott, dieser von mir erdachte Gott, für mich Alzheimer aus, weil er Angst hat! Er hat Angst, mir in die Augen zu schauen! Er will, dass ich alles vergesse.“ (S. 197)
Historische Fakten, die überprüfbar sind
Sasha Flilipenko verwendet in seinem Roman „Rote Kreuze“ Dokumente, die er in Genf recherchiert hat, denn in Moskau werden diese Dokumente unter Verschluss gehalten. Das alleine ist schon sehr wertvoll, die Dokumente zu lesen. Sie bilden letztendlich auch die historische Grundlage für seinen Roman. Oftmals kann man aus den Dokumenten entnehmen, dass auf Briefe oder Telegramme keine Antwort kam „unbeantwortet geblieben“.
Jedes Dokument und jedes Telegramm stellt einen „Stolperstein" dar. Die Aussagen sind gewaltig. Wie wenig war man an Menschen interessiert, diese zurückzuholen. „Wir sind immer davon ausgegangen, dass sich in jeder Regierung und in jeder Organisation ein Mensch finden lässt, der sich zurückmeldet. Neun werden nicht antworten, aber der Zehnte wird das lesen und was unternehmen." (S. 266)
Jedes Dokument hat eine eigene Aussagekraft, ein anderes Schicksal. Es geht um Reden des Volkskommissars, Erklärungen des deutschen Botschafters von Schulenburg, Amnestie-Erlass aus der Prada, Einlieferungsschein in die Krankenstation des Gulag, vieles mehr. Eindrucksvoller kann man diese Zeit 1941/42 in diesem Zusammenhang nicht wiedergeben.
Erzählstrategie
Sasha Filipenko baut seinen Roman auf zwei Erzählsträngen auf. Einmal erzählt Tatjana und dann wieder Alexander. Bei beiden wechselt er zwischendurch die Perspektive mit dem Effekt, dass der Leser direkt das Geschehen verfolgen kann. Diese Strategie erzeugt einen Sog in das Geschehen, dem man sich nicht entziehen kann.
Der Text wird zudem durch Gedichte und Liedtexte aufgelockert.
Fazit
Sasha Filipenko ist ein außerordentlicher Roman gegen das Vergessen der geschichtlichen Verbrechen gelungen.
Tatjanas Schicksal wird in einem erschütternden, mitreißenden Lebensverlauf erzählt.
Dieser Lebenslauf steht stellvertretend für Millionen anderer Menschen, ist aber nicht fiktiv, sondern real. Genau das macht diesen Roman aus.
- Lee Child
Sniper
(114)Aktuelle Rezension von: HoldenIn einer namenlosen Stadt in Indiana begeht ein ehemaliger Army-Scharfschütze ein scheinbar willkürliches Massaker mit fünf Zufallsopfern, der Täter wird schnell gefaßt und fragt nach Jack Reacher. Alles weitere ist extrem langsam geschrieben, die Figuren bleiben unglaubwürdig bzw. psychologisch egal, am Interessantesten sind die Geschichten über Reachers Nomadenleben und die Erfahrungen "des Zec" in der Schlacht um Stalingrad. Thriller geht auch in spannend mit spannenden Figuren und einem aufregenden Background, hier wird nur erzählt, wie die Leute um 3 Blocks nach Westen gehen und dann 4 Blocks nach Norden.
- Tom Rob Smith
Agent 6
(166)Aktuelle Rezension von: yana271965 soll es in New York ein gemeinsames Konzert von sowjetischer und amerikanischer Schüler als Zeichen der Annäherung beider Nationen stattfinden. Raisa, die Ehefrau vom Geheimdienstagenten Leo Demidow organisiert dieses Konzert und fährt mit ihren zwei Töchtern auch hin. Bei diesem Konzert soll Jesse Austin, ein schwarzer Sänger und ein bekennender Kommunist, auch dort auftreten.
Es kommt zu einer Tragödie, wo der Agent 6 eine wichtige Schlüsselrolle spielt.
Leo Demidov hat sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Agent 6 ausfindig zu machen und die Umstände der Tragödie zu klären.
"Agent 6" ist das zweite Buch der Leo Demidov Reihe von Tom Rob Smith und beleuchtet eigentlich wie es der Familie Demidov nach "Kind 44" ergangen ist.
Die Geschichte plätschert vor sich hin, vor allem als Leo sich von Trauer überwältigt nach Afghanistan versetzen lässt und sich einfach gehen lässt. Es war interessant, wie die Sowjets sich in Afghanistan aufgeführt haben und warum sie überhaupt Afghanistan besetzt haben, aber es hat den Handlungsstrang über Agent 6 nicht weitergeführt.
Auch als Leo Agent 6 endlich gefunden hat, verpuffte dieser Höhepunkt und ich habe mich innerlich gefragt: das wars jetzt??
Ich muss ehrlich sagen, dass mich dieses Buch enttäuscht hat. Vom Erzähltempo kann es nicht mit "Kind 44 " mithalten.
- Holger Haase
Aufstieg in den Abgrund
(6)Aktuelle Rezension von: MagdaCarola Neher, in der Goldenen Zwanzigern als schönste Frau Deutschland und begabte Schauspielerin groß gefeiert, von vielen bewundert und beneidet, endete als Sträfling in einem sowjetischen Gefängnis. Ihre Lebensgeschichte ist ungewöhnlich und sehr spannend, deswegen reizte mich das biografische Roman über sie, der aus der Feder des Journalisten Holger Haase stammt.
Wie der Autor im Nachwort selbst erklärt, gibt es viele Nachweise über das Leben von Carola Neher in Deutschland. Diese autobiografischen Belege dienten ihm als Grundlage für den Roman über die Schauspielerin. Die Erzählung über die Zeit des Exils entspringt mehr der Fantasie des Autors, weil über diesen Lebensabschnitt der Protagonistin nur wenige Zeugnisse gibt.
Zwar ist das Schicksal von Carola Neher bewegend, aber der Roman hat mich nicht wirklich berührt. Besonders der erste Teil über ihre glänzende Karriere in Deutschland, emotionslos und trocken erzählt, ähnelt mehr einem sachlichen Bericht als einem Roman. Der Schauspielplatz der Geschichte wirkt theatralisch, die Protagonistin bleibt unsympathisch und unnahbar. Dieser Teil des Romans lässt sich nur zäh lesen, die Geschichte konnte mich nicht packen.
In dem zweiten Teil des Romans lässt der Autor die Protagonistin besser kennenlernen, ihr oft nicht nachvollziehbares Verhalten besser verstehen. Carola Neher, die sowohl auf der Bühne wie auch privat große Erfolge feierte, musste zum Schluss, bei den Verhören vom sowjetischen Geheimdienst, die schwerste Rolle ihres Lebens spielen. Denn auf dem Spiel standen diesmal entweder ihre Rückreise nach Deutschland oder Gulag; es war ein Spiel um Leben und Tod.
Die Lebensgeschichte des einst gefeierten Stars ist tragisch und bewegend. Da mich aber der Roman darüber nicht überzeugen konnte, kann ich das Buch lediglich mit drei Sternen bewerten.
- Szczepan Twardoch
Kälte
(11)Aktuelle Rezension von: dunkelbuchDieses Buch läst mich mehr als zwiespältig zurück.
Ist es ein Abenteuerroman, ist es eine ethnologische Suche, ist es die Wut auf die Welt, auf die Menschen, ich weiß es nicht.
Vom wert der Literatur mal abgesehen, (die schon sehr ausgereift ist), ist das Buch doch mehr als derb.
Die Episode mit dem fiktiven Volk ist total breitgetreten und absolut langweilig.
Die Aussage Russland ist böse wird dargestellt, hat aber für mich keinen nachhallenden Wert.
Schlußendlich gesagt, der Autor nahm mich auf eine Reise mit, der ich mich nicht entziehen konnte, ich wollte immer weiterlesen, auch wenn es mich manchmal anödete, um zu erfahren was ist nun eigentlich Sache.
Habe mir mehr erwartet, und groteskerweise habe ich das Buch gerne gelesen.
Teilweise fünf Sterne
(Russland ist nicht böse, sondern deren regierenden Autokraten)
- David Grossman
Was Nina wusste
(73)Aktuelle Rezension von: CorisoZeitgeschichtlich geht es um das jugoslawische Umerziehungslager für politisch Gefangene auf der Gefängnisinsel Goli Otok. Das Buch "Was Nina wusste" beruht auf realen Ereignissen: Eva Panić-Nahir hat laut Klappentext ihre Lebensgeschichte David Grossmann selbst erzählt. Angelehnt an Eva, entstand die 90-jährige Vera, deren Enkelin Gili am Geburtstagsfest im Kibuz beschließt, einen Film über die Lebensgeschichte ihrer Großmutter zu drehen. Sie selbst hat nie eine sichere Bindung zu ihrer Mutter Nina aufbauen können und wird durch das Aufwachsen bei ihrer Großmutter zur Schlüsselfigur von Aufarbeitung und Heilung.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Die Verwobenheit von politischen Ereignissen und deren Wirken über Generationen hinweg in Familien ist großartig beschrieben. Die Logik, aus der die Frauen Vera, Nina und Gili jeweils handeln, wird nachvollziehbar und emotional mitnehmend beschrieben. Die Aufarbeitung der Familiengeschichte in einem selbstgedrehten Film am Ort des Ursprungs, auf der Insel Goli Otok, zu drehen und damit zu bündeln ist gut gemacht. Kein Buch zum schnell mal runterlesen, aber wer Tiefe verwoben mit Zeitgschichte mag, ist hier gut aufgehoben.
- Sam Eastland
Sibirisch Rot
(21)Aktuelle Rezension von: SatoSibirisch Rot - Pekkalas dritter Fall
Kurz vor Beginn des zweiten Weltkrieges muss Pekalla auf Befehl Stalins zurück nach Sibirien, genauer nach Borodok, dem Arbeitslager in welchem er neun Jahre verbracht hatte. Er soll dort den Mord an einem Häftling aufklären, ungewöhnlich, das Stalin das Ende eines Häftlings interessiert - und er muss verdeckt ermitteln, was bedeutet das Pekalla als Häftling in diese Hölle zurückkehrt.
Aber das ist nicht alles, was sich aus seiner Vergangenheit ans Licht bewegt. Der getötete Gefangene hatte während der Revolution zu den Truppen gehört, welche das Zarengold nach Sibirien in Sicherheit bringen sollten. In den Wirren der Kämpfe geriet ein Großteil des Goldes in die Hände der Roten und die Truppen wurden geschlagen, die Überlebenden landeten in den Gulags.
Als Pekalla in Borodok eintrifft leben noch drei ehemalige Weißgardisten, noch immer hoffend, ihr ehemaliger Ko0mmandeur kommt sie befreien. Doch dieser ist eigentlich tot, erschossen vor Pekallas Augen, jedoch stellt sich heraus, das es sich dabei um einen Doppelgänger handeltet und der Oberst bereits im Lager versteckt lebt. Und sein Erscheinen gilt weniger der Befreiung seiner Leute als vielmehr jenem Teil das Zarengoldes, welchen er retten konnte und auf der Flucht versteckt hat.
Ein von Anfang bis Ende spannendes Buch, die Erzählung ist durchsetzt von Rückblenden in die Zeiten vor und während der Revolution. Geschichtlich gut recherchiert bietet Sam Eastland einen interessanten Überblick der Ereignisse in Sibirien zwischen 1918 und 1920, insbesondere zum Zug der tschechoslowakischen Legion, eine heutzutage weithin unbekannte Partei in dem Spiel um die Macht.
Für mich der bislang beste Pekalla - vorbehaltlos zu empfehlen.
- Mechtild Borrmann
Der Geiger
(144)Aktuelle Rezension von: a_different_look_at_the_bookNachdem ich „Feldpost“ gehört hatte und auch „Der Geiger“ in der Onleihe entdeckte, beschloss ich, diesen historischen Krimi direkt anzuhängen. Ich erhoffte mir einen Wow-Moment wie bei „Trümmerkind“.
Anfangs tat ich mich sehr schwer, überhaupt erstmal in der Geschichte anzukommen.
Das lag mit Sicherheit zum einen an den Namen, die mir nicht so geläufig sind. Zum anderen aber auch an dem Erzählten an sich.Tatsächlich erwog ich das ein oder andere Mal, das Hörbuch abzubrechen.
Ich hielt dann doch bis zum Schluss durch, weil ich mich einfach immer wieder an mein überragendes Erlebnis mit „Trümmerkind“ erinnert habe und nicht wahrhaben wollte, dass ich mich zu sehr darauf versteifte.Die Charaktere sind im vorliegenden Roman eher stereotypisch dargestellt, die Handlung plätschert teilweise vor sich hin und die Wendungen sind oft vorhersehbar.
Doch Mechthild Borrmanns Schreibstil begeistert mich noch immer. Sie schreibt auf den Punkt, ohne Schnörkel. Ihre Recherchen sind präzise. Die Geschichten, die sie sich ausdenkt, berühren das Herz und lassen den Puls in die Höhe schnellen.
Sie sind wirklich dafür gemacht, in die Welt hinaus getragen zu werden. Deshalb werde ich auch nicht aufgeben und mir weitere Romane aus ihrer Feder besorgen.©2025 adlatb
- Heather Morris
Das Mädchen aus dem Lager – Der lange Weg der Cecilia Klein
(72)Aktuelle Rezension von: EllenKnorrVon Anfang bis Ende leidet man eigentlich nur mit Cecilia mit. Nach dem Überleben im KZ Auschwitz wird sie ins menschenunwürdige Gulag geschickt, während die waren Täter sich zivilisierten Gerichtsverhandlungen stellen. Die Geschichte ist so tragisch und ungerecht und hat bei mir ehrlich gesagt noch lange schwer im Magen gelegen. Wie diese Frau ihr Leben in beiden Lagern trotzdem mit Zuversicht und Fürsorge für Mitgefangene leben konnte - und dabei nicht ihre eigenen Menschlichkeit verloren hat - werde ich für immer bewundern.
- Alexander Solschenizyn
Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch
(96)Aktuelle Rezension von: FederfeeWir schreiben das Jahr 1951. Iwan Denissowitsch Schuchow, ca. 40 Jahre alt, eine fiktive Person, zeigt uns exemplarisch an einem Tag das Leben in einem Straflager mit all' seinen Schwierigkeiten: Hunger, Zwangsarbeit, sibirische Kälte, Gewalt und Betrug von oben und untereinander, Verlust der Familie, Krankheit und Tod, Gewalt und Verzweiflung, Korruption und Bestechung.
Was hatte dieser Mann Schlimmes getan? Um es deutlich zu sagen: NICHTS! Er war in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten und nach der Rückkehr wurde er – wie so viele - unter dem Vorwurf verhaftet, in landesverräterischer Absicht zum Feind übergelaufen zu sein. Für Stalin und seine Schergen genügte schon der bloße Verdacht, um den berüchtigten Artikel 58 anzuwenden: antisowjetisches Verbrechen. Schuchow unterschrieb unter Zwang. 'Unterschrieb er das nicht, war er ein toter Mann', dann lieber Haft.
Anfangs waren das zehn Jahre, ab 1949 wurde man ohne Unterschied zu 25 Jahren 'verknackt'. Für Kleinigkeiten gab es Verlängerungen. Willkür, Gesetzlosigkeit. Und selbst nach der Freilassung war nicht klar, ob er je wieder in sein Heimatdorf zu seiner Familie zurück durfte, dann man hatte ihm die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt.
Man kann kaum glauben, dass Menschen so ein Leben aushalten können. Solschenizyn schildert das Lagerleben eines einzelnen Tages aus der Sicht Schuchows, seinen Lebenswillen, seine Tricks und Überlegungen, an mehr Essen zu kommen, nicht aufzufallen und in dem ganzen Desaster seine Selbstachtung zu bewahren und Mitmenschlichkeit zu zeigen.
Und genau das ist das Versöhnliche an diesem eigentlich schrecklichen Buch: Schuchow bringt es fertig, nicht nur an sich selbst zu denken, sondern mit der ein oder anderen Geste seinen Mitgefangenen zu helfen oder Trost zu spenden und am Ende des Tages rekapituliert er sogar, für was er alles dankbar sein kann.
Ein sehr lesenswertes Buch, das für mich allerdings immer rätselhafter werden lässt, was mit diesem Land los ist, das so große Dichter und Musiker hervorgebracht hat. Von Dostojewski wissen wir, dass es schon zur Zarenzeit solche Lager gab und auch heute gibt es sie noch, s. meine Rezension zu Oleg Senzows Buch 'Haft':
https://www.lovelybooks.de/autor/Oleg-Senzow/Haft-2929677314-w/rezension/5102995699/
- Jeffrey Archer
Möge die Stunde kommen
(131)Aktuelle Rezension von: Isar-12"Möge die Stunde kommen" ist der sechste Band der Clifton-Saga von Jeffrey Archer. Alles beginnt da, wo der fünfte Band der Saga endet. Emma Clifton sitzt immer noch auf der Anklagebank. Lady Virginia Fenwick hat sie wegen Verleumdung angezeigt und für Emma steht viel auf dem Spiel. Als Vorsitzende der Barrington-Gesellschaft kann eine Verurteilung für sie das Aus ihres beruflichen und gesellschaftlichen Werdegangs bedeuten. Doch es gibt eine entscheidende Wendung. Auch ihr Bruder Giles Barrington setzt seine Karriere als Politiker aufs Spiel. Denn seine große Liebe sitzt hinter dem eisernen Vorhang und er will alles versuchen, diese zu sich nach England zu holen. Harry Clifton kämpft immer noch um die Befreiung des inhaftierten russischen Schriftsteller Babakow, während sein Sohn seine große Liebe in Amerika für sich zurückgewinnen möchte. In diesem sechsten und vorletzten Band der Saga gibt es also auch wieder genügend Zündstoff und die bekannten Widersacher der Barringtons und Cliftons versuchen weiterhin den beiden Familien das Leben so schwer wie möglich zu machen. Jeffrey Archer setzt diese Familiengeschichte konsequent fort, im Fokus stehen jetzt die 70er Jahre bis 1978. Harry und Emma sind Großeltern geworden, ihre Enkelin ein Naseweis hoch drei, aber auch für ihren Sohn Sebastian gibt es nun große Aufgaben zu bewältigen. Jeffrey Archer erzählt die Story wie immer in großen Abschnitten aus der Sicht einzelner Protagonisten und Zeiträume, diese gliedern sich dann wieder in weitere kleinere Kapitel. Als Leser kann man dem Geschehen sehr gut folgen, auch Nebenfiguren erhalten zusätzlichen Spielraum. Das macht die Geschichte abwechslungsreich und spannend. Dabei umrahmt der Autor den Handlungsverlauf auch sehr gut mit den damaligen politischen und gesellschaftlichen Zeiten. So entsteht auch ein gutes Bild für den Leser. Intrigen, Machtspiele, Schicksalsschläge in der Geschichte zweier Familien, all dies setzt Jeffrey Archer auch perfekt in diesem sechsten Band um. Für mich weiterhin eine sehr gute und spannende Familiensaga, bei der ich auch bald noch den abschließenden Band "Winter eines Lebens" lesen werde.
- Isabelle Autissier
Klara vergessen
(56)Aktuelle Rezension von: DeadwoodJuri, der eigentlich als Ornithologe in Amerika lebt, muss nun in seine ehemalige Heimat Murmansk zurückkehren. Bei seiner Rückkehr kommen unangenehme Erinnerungen hoch.
Sein Vater - Rubin liegt im Krankenhaus im sterben und vertraut seinem Sohn die eigene Kindheit an. Eine Jugend voller Scham, Entbehrungen und auch Schlägen. So wurde er zu dem unerbittlichen Fischer und Vater, der er ist.
Doch was geschah mit Juris Großmutter? Der genialen Wissenschaftlerin, die eines nachts einfach weggeholt wurde? So macht Juri sich auf die Suche!
Schöne Naturbeschreibungen stehen hier im Kontrast zum harten und unerbittlichen Alltag der erzählenden Personen. Juri, Rubin und auch Klara kommen jeweils zu Wort. So wird aus allem ein Gesamtbild und man versteht, wieso die jeweiligen Personen so sind wie sie sind. Eine interessante Familiengeschichte, die aber auch sehr viele Schattenseiten erzählt.
Über gleichgeschlechtliche Partnerschaft, der ständigen Angst ein falsches Wort zu sagen und auch dem inneren Frieden. - Isabelle Autissier
Klara vergessen
(7)Aktuelle Rezension von: EmmaWinterMurmansk liegt auf der russischen Halbinsel Kola und ist 360 km vom Nordkap entfernt und 1.350 km von Moskau, aber der Arm der Regierung reicht bis in die letzten Winkel des Landes.
Hier ist Juri 1971 geboren und kommt nun 2017 erstmals nach 23 Jahren in Amerika zurück in seine alte Heimat. Alle Verbindungen hatte er gekappt, aber dem Wunsch des ungeliebten Vaters Rubin, ihn noch einmal zu sehen, bevor er stirbt, kann Juri sich doch nicht entziehen. Rubin erzählt auf dem Sterbebett erstmals von seiner Mutter Klara, die er bereits mit fünf Jahren verloren hat und deren Verschwinden bis heute nachwirkt: Zu Beginn hatte Rubin seinen Vater Anton noch nach Klara gefragt, erhielt aber keine Antwort. "'Hast Du mich verstanden? Ich will keine Fragen mehr hören. Sei fleißig in der Schule und ein gute Kommunist, wenn du eine Zukunft haben willst. Vergiss deine Mutter!' [...] Er schwor sich noch einmal, nie wieder Angst zu haben. Aber Klara vergessen! Das war völlig unmöglich." (S. 188)
Wie wirkt sich das Verschwinden einer geliebten Person auf die Kernfamilie und die Enkelgeneration aus? Autissier geht dieser Frage nach und schickt uns gemeinsam mit Juri auf die Suche nach Klaras Schicksal, das während der stalinistischen Ära einen ungeplanten Verlauf nahm. In einem zumindest teilweise ganz anderen Setting als in ihrem Debüt "Herz auf Eis" werden von Autissier erneut menschliches Verhalten, Moral und Naturbeschreibung zu einer spannenden Geschichte verwoben. Sprachlich hält uns die Autorin durch einen eher dokumentarischen Schreibstil auf Abstand, dennoch fiebert man mit und fragt sich, was noch alles ans Licht kommen wird.
Den 350-Seiten-Roman hatte ich in zwei Tagen durchgelesen. Man muss noch lange über die Geschichte nachdenken, kann vieles verstehen, aber nicht alles verzeihen. Leseempfehlung!
- Hera Lind
Um jeden Preis
(145)Aktuelle Rezension von: Engelchen07Was für ein Buch!
Das Buch hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und berührt. Ich habe selten ein Buch gelesen, welches mich so in den Bann gezogen hat und mich mit der Hauptfigur hat mit leiden lassen. Dabei immer im Hintergedanken: Es ist eine wahre Geschichte und die wird hier sehr detailliert und unverblümt dargestellt. Es ist eine wirklich sehr ergreifende und berührende Geschichte aus dem Leben einer jungen Frau welche in der (Nach-) kriegszeit ihre Geschichte erzählt.
Ich habe selten eine so willensstarke, mutige und herzliche Frau erlebt bzw. gelesen.
Lydia und ihre 4 Geschwister und Ihre Mutter werden 1944 nach Sibirien verschleppt, der Vater wurde zuvor in die Armee eingezogen. Lydia und ihre Familie kämpfen sich bei -50 Grad und unter sehr unmenschlichen Bedingungen durchs Leben. Doch es ist und bleibt nicht die einzige Vertreibung. Die Familie lebt nach dem Motto Ihres Vaters: Zusammen bleiben, um jeden Preis!
Man begleitet Lydia durch ihr sehr hartes und unmenschliches Leben. Es ist unglaublich was diese Familie mitgemacht, durchlebt haben muss und was sie für einen Lebenswillen hat.
Mich hat dieses Buch so sehr berührt, ich konnte es nicht aus den Händen legen.
Das Buch gehört als Pflichtlektüre an jede Schule, besonders in der heutigen Zeit.
- Monika Dahlhoff
Eine Handvoll Leben
(14)Aktuelle Rezension von: Petra54Der Untertitel lautet: „Meine Kindheit im Gulag“ und beschreibt genau das, was eigentlich kein Mensch ertragen kann – schon gar nicht ein Kind. Selbst ich als Leser bin von dieser leider wahren Geschichte derart geschockt, dass ich erst nach der Rettung der kleinen Monika weinen konnte.
Monika muss mit nur vier Jahren zusehen, wie ihre Großeltern von russischen Soldaten erschossen werden und sie samt ihres Bruders, der noch ein Säugling war, auf einen LKW zu anderen Kindern GEWORFEN und in einen russischen Gulag verschleppt wird. Viele Kinder überleben diese Reise nicht, auch nicht der kleine Bruder. In den Baracken friert, hungert, verwahrlost, hungert, verdreckt und hungert Monika entsetzlich und sieht sich grauenhafter Gewalt ausgesetzt.
Vier Jahre später darf sie mit den wenigen Über“lebenden“ zurück nach Deutschland. Doch damit ist ihr Martyrium noch lange nicht ausgestanden.
Besonders erwähnen möchte ich den hervorragenden Schreibstil, der sich nicht nur leicht und flüssig liest, sondern sofort komplett in die Geschichte eintauchen lässt. Ich sah keine Buchstaben, sondern sofort die Bilder wie in einem Film.
Ich wuchs in der DDR auf, wo ausnahmslos Gutes über die russischen Befreier gelehrt wurde. Die Wahrheit über Vertreibungen, Verschleppungen, Zwangsadoptionen und vieles mehr erfuhr ich erst, als ich 1981 diesen totalitären Staat verlassen konnte.
Das Buch empfehle ich all jenen, die willens und in der Lage sind, solch eine grauenhaft wahre Geschichte zu lesen.
- Steffen Mensching
Schermanns Augen
(4)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerRezension von meinem Blog www.schreibgewitter.de
Es fällt nicht leicht, eine passende Begrifflichkeit für diesen Roman zu finden. Epos ist treffend, aber auch etwas abgeschmackt. Monster erscheint zu negativ, obwohl das Monströse des Lebens zwischen faschistischem Amboss und stalinistischem Hammer eine wesentliche Rolle spielt.
Außerdem fiele dabei unter den Tisch, wie die beiden Protagonisten aus ihrer eigenen, zum Teil lichteren Vergangenheit berichten, während sie in einem der unzähligen sowjetischen Gulags ihr Dasein fristen. Denn „Schermanns Augen“ von Steffen Mensching ist nur zu einem (großen) Teil Lagerliteratur und spielt in der menschenverachtend brutalen, absurden Welt der Zwangsarbeitscamps.
„Vor dem Tod kriegt man immer schlecht Luft. Die Russen besaßen für die ungemütlichsten Augenblicke trostreiche Sprichwörter.“
Bergwerk nannte es die Süddeutsche Zeitung – eine Notlösung, die immerhin den Vorzug hat, Dimension und Unerbittlichkeit des Inhalts anzudeuten. Viele andere Reaktionen nutzen ein feuilletonistisches Vokabular, das viel zu meinen scheint, in diesem Fall eher hilft, eine gewisse sprachliche Hilflosigkeit zu überdecken.
Der Roman hat mich in seinem Ausmaß überwältigt und gefesselt, zum Weiterlesen getrieben, wie es nur außergewöhnliches Erzählen schafft. Während des Lesens habe ich das Bedürfnis gespürt, „Schermanns Augen“ gleich nach dem Ende noch einmal von vorn zu beginnen. Eine Seltenheit.
„Wäre das die Wahrheit, müsste am Ende alles falsch sein. Das ganze Land. Nur Theater.“
Der Klappentext von Schermanns Augen hat mich dabei gar nicht so sehr angesprochen. Rafael Schermann, titelgebender Protagonist, ist Psychographologe, der – boshaft formuliert – Handlesen aus der Schrift betreibt. Wahrsagerei aller Art, Spintisieren sind mir zuwider, ich mag keine Clowns, auch nicht jene, die mit Glaskugel, Kaffeesatz oder Handlinien hantieren. Und auch Schermanns Ansatz, aus der Schrift Dinge herauszulesen, die Auskunft über die Persönlichkeit ihres Urhebers zulassen, ist mir nicht geheuer.
Doch hat der Autor Steffen Mensching einen gestalterischen Geniestreich vollbracht und Schermann den in Stalins Schattenreich geflohenen deutschen Kommunisten Otto Haferkorn als zweiten Protagonisten zur Seite gesellt. Im Paradies der Arbeiter und Bauern macht dieser bald einschlägige Erfahrungen mit dessen real existierendem Unterdrückungs- und Vernichtungsregime.
„Du, Otto Haferkorn, bist dagegen nur ein Stück Scheiße.“
Eine Buddy-Geschichte entfaltet sich, ein gläubiger Materialist und ein von allem naiven Glauben längst abgefallener Schriftdeuter werden von den Umständen, dem Zufall und dem Kommandanten des Lagers Artek zusammengezwungen und müssen sich in der lebensfeindlichen Umwelt behaupten.
Ein wundervolles Setup für unendlich viele Erzählungen innerhalb der Geschichte, kurze und weite Schleifen in die Vergangenheit und Fingerzeige auf die hanebüchene Zeit und ihre fürchterlichen Folgen für die Menschen, die das Unheil erdulden mussten.
Mit ungeheurer Eindringlichkeit erlebt der Leser den Beginn des Vernichtungskrieg Deutschlands gegen Polen im September 1939. Mensching schildert die Ereignisse in den Tagen vor und nach Kriegsbeginn aus der Sicht Schermanns, der versucht, sich und seine Schwester in Sicherheit zu bringen. Doch wo gäbe es so etwas wie Sicherheit in einem Land, das nur noch wenige Wochen existieren sollte?
„Treffen sich zwei Juden auf der Brücke nach Przemysl, in der Mitte des Flusses, der eine läuft nach Osten, der andere nach Westen, rufen sich beide im Chor zu: Meschuggener, spring doch gleich ins Wasser, du rennst in dein Unglück.“
Auch die Flucht in den Osten Polens, in den Stalins Rote Armee einmarschiert ist, bietet keinen Schutz. Im Gegenteil: Hüben wie drüben beginnt für die Menschen in dem ausgelöschten Staat, nicht nur für die Juden, jahrelanges Leid. Für Schermann und seine Frau war es zu spät für eine Flucht und und sie landen im sowjetischen Lagersystem, werden getrennt und Schermann spült es in das Lager Artek.
Die Erzählung wirft ein Schlaglicht auf Erfahrungen, die gegenwärtig so viele Menschen rund um die Welt machen – die Ablehnung und völlige Ignoranz ihrem Leid gegenüber eingeschlossen. Die Stimmung, das Chaos, Verzweiflung und jener unendlich gestufte Strauß an einander ausschließenden Hoffnungen entfalten eine gehörige Wucht. Wie schnell eine Welt zerbrechen kann, die eben noch unzerstörbar schien!
An einigen Stellen gibt es zu viel Schlagsahne. Eine zu große Masse an Namen, ein etwas zu ausschweifender Rückblick, der zu weit vom Geschehen fortlenkt und den Leser aus dem Erzählstrom wirft. Es wäre nicht nötig gewesen, so weit ins Detail zu gehen, um die Welt, die schon zwischen 1914 und 1918, aber endgültig nach 1939 untergegangen war, mit dem Dasein in der sowjetischen Lügenwelt zu kontrastieren.
„Der Feldscher würde, ohne mit der Wimper zu zucken, den Totenschein ausfüllen. Exitus durch Schwächung der Herzmuskulatur. Das Standardbulletin. Passte bei Typhus, Ruhr, Pellagra, Wundbrand, Schädelfrakturen, Quetschungen, inneren Blutungen, Schussverletzungen, auch bei Würgemalen am Hals.“
Im Lager geht es zu, wie es in allen Lagern rund um den Erdball zugeht, mit einer unverkennbar landestypischen Note, in diesem Fall der stalinistischen. Häftling Otto steht oft ohne Erklärungen oder bestenfalls mit einem bunten Strauß von Vermutungen und Zweifeln im Angesicht von Entwicklungen in- und außerhalb der Stacheldrahtzäune.
Gerüchte, Vermutungen und Geschwätz ersetzen Wissen oder gaukeln es vor, hilflose Machtspielchen der Ohnmächtigen. So erfahren die Häftlinge erst zwei Wochen nach dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion von dem Überfall.
Inmitten dieser menschenverachtenden Welt hat Mensching jene kostbaren zwischenmenschlichen Ausnahmen eingestreut, von denen die Erinnerungen vieler Lagerinsassen zeugen. Auch das macht „Schermanns Augen“ zu einem ganz wunderbaren Leseerlebnis.
„Schermanns Augen“ ist ein wundervolles Spiel mit dem Begriff der Lüge. Das gesamte stalinischte Sowjetreich basierte auf ideologischen „Wahrheiten“, die in einer Flut von verlogenen Begriffen über die Menschen niederging und ihre Lebensrealität in einem erbarmungslosen Unterdrückungs-, Vernichtungs- und Zwangsarbeitssystem verhöhnten. Schermann ist eigentlich ein „Lügner“, ein Gaukler, der jedoch so oft die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagt.
- Eva Weaver
Jakobs Mantel
(51)Aktuelle Rezension von: _jamii_Warschau 1939. Mika liebt seinen Großvater Jakob sehr. Gemeinsam lebt die Familie im Ghetto. Als Jakob stirbt, erbt Mika dessen geheimnisvollen Mantel und entdeckt darin eine Puppe. Jakob hatte sie gebastelt, ebenso wie das Krokodil, den König, den Narren. Mitten in einem Alltag bestimmt von Angst, Hunger und Tod, erfindet Mika neue Puppen. Der Prinz wird sein Liebling, und bald ist Mika im ganzen Ghetto für seine Puppenspiele bekannt. Trotz aller Gefahren spielt Mika immer wieder bis ihn der deutsche Soldat Max erwischt. Der Prinz rettet ihn, doch dafür muss Mika von da an für die Deutschen spielen.
Der Schreibstil hat mir gar nicht gefallen, viel zu zäh und langweilig für mich. Das Buch ist viel zu lang, die Geschichte zieht sich zu sehr in die Länge, ohne, dass wirklich viel passiert.
Die Charaktere haben mich nicht überzeugt. Auch Mika ist mir zu weit weg und ich kann nicht viel mit ihm anfangen.
Die Geschichte spielt in einer unglaublich schrecklichen Zeit, das spürt man auch während des Lesens. Die Puppenspielerei war mir aber zu langweilig. Zu viel wurde immer und immer wieder wiederholt. Ebenfalls wurden gewisse Szenen um die Puppen bis ins kleinste Detail beschrieben.
Dann werden auch noch die Geschichten vom Prinzen und Mara breitgetreten, das hätte wirklich nicht auch noch sein müssen.
Leider gar nichts für mich.
- Ljuba Arnautovic
Erste Töchter
(9)Aktuelle Rezension von: pardenTRAUMATISCHE KINDHEIT UND JUGEND...
Karl kehrt nach zwölf Jahren Gulag mit russischer Ehefrau und zwei Töchtern nach Wien zurück. Von dem, was ihm passiert ist, will man im Nachkriegsösterreich nichts wissen. Den „Russen“ begegnet man bestenfalls mit Misstrauen. So rasch wie nur möglich und mit allen Mitteln muss deshalb der gesellschaftliche Aufstieg gelingen. Karl lässt sich scheiden, heiratet eine junge Medizinstudentin, zieht nach Deutschland, knüpft zweifelhafte Verbindungen nach Moskau – und trennt seine Töchter. Lara und Luna wachsen fortan in verschiedenen Welten auf: die eine in einfachen Verhältnissen bei der Mutter in Wien, die andere beim Vater und seiner neuen bürgerlichen Familie in München. (Verlagsbeschreibung)
Autofiktion - unter dieser Prämisse werden derzeit viele Romane geschrieben. Wie viel Fiktion hier in diesem kurzen Buch beinhaltet ist, weiß man nicht. Viel Autobiografisches ist jedoch eingeflossen - und "Erste Töchter" ist offenbar ein Folgeband von "Junischnee", den ich aber noch nicht gelesen habe. Luna scheint das Alter Ego der Autorin Ljuba Arnautovic zu sein, die Erzählung widmet sich jedoch auch anderen Charakteren, vor allem ihrer Schwester Lara und dem Vater.
Der Vater Karl dominiert das Geschehen, er schiebt die Figuren in seinem Umfeld wie beim Schach hin und her, Bauernopfer werden achselzuckend in Kauf genommen. Ehefrauen werden sitzen gelassen, wenn sich etwas Besseres ergibt, die Kinder immer wieder aus ihrer Umgebung gerissen und, wenn es den Zwecken Karls dient, auch ins Kinderheim abgeschoben. Seine Gerissenheit setzt Karl ein für endlose Manipulationen, kalt, hartherzig, egozentrisch, hochstaplerisch, rücksichtslos, narzisstisch. Seine eigene Zeit in Russland (zwölf Jahre Gulag!) hat ihn natürlich geprägt - aber wie immer gilt: das ist eine Erklärung, keine Entschuldigung.
Die intensive Beschäftigung der Autorin mit der Geschichte ihres Vaters bietet ihr womöglich ein Verstehen, macht die erlittenen eigenen Traumata dagegen kein bisschen weniger schlimm. Die Trennung von der Mutter, die Heimaufenthalte, sie als die Ältere mit Verantwortungsgefühl der Jüngeren gegenüber und gleichzeitig die Ohnmacht, doch nichts ausrichten zu können, die Stiefmutter und die erneute Trennung, der Leistungsdruck des Vaters ohne dass sie den Erwartungen entsprechen konnte (gymnasialer Zweig), immer wieder verfrachtet in neue Lebenssituationen ohne eine wirklich konstante verlässliche Bezugsperson. Urvertrauen, Bindungssicherheit, Selbstbewusstsein - sicherlich Fremdwörter für Luna.
Ergänzt wird die Familiengeschichte durch Anmerkungen zum jeweiligen politisch-gesellschaftliche Geschehen, was bei der zeitlichen Einordnung der Handlung hilft. So sind nicht alle "Erziehungsbesonderheiten" des Vaters ausschließlich auf seine Persönlichkeit und seine seelischen Narben zurückzuführen, vieles passt einfach auch ins damalige Zeitbild. Die Literatur und später die eigene Politisierung (auch hier sind die Querverweise auf das damalige politsch-gesellschaftliche Geschehen hilfreich) sind bedeutsame Anker für Luna, die ihr helfen, nicht zusammenzubrechen.
Die Autorin hat einen sehr distanzierten, nahezu berichthaften Schreibstil gewählt, der Emotionen vollkommen außen vor lässt - vielleicht eine Möglichkeit, beim Schreiben selbst die notwendige Distanz zu den vielen traumatischen Erlebnissen einhalten zu können? Einzelne Sätze lassen aber doch anklingen, was die jeweiligen Ereignisse ausgelöst haben. Und manchmal war es, als wallten bei mir stellvertretend die Emotionen auf, die die Autorin im Text selbst verweigert.
Ein kurzes Buch - ich mag hier nicht "Roman" schreiben - das gegen Ende doch irgendwie unfertig wirkt. Im letzten Drittel wirken die Szenen arg zusammengestückelt, Episoden, die wohl unbedingt noch geschildert werden sollten ohne dass sich mir immer ein Bezug erklärte. Manches bleibt im Unklaren, was ich gerne aufgelöst gewusst hätte, eine klare Linie fehlt letztendlich.
Alle in allem: sehr komprimiert, sehr distanziert - und dennoch... Es hat auch was!
© Parden
- Nikolaus Klammer
Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren / Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren - Teil 3
(2)Noch keine Rezension vorhanden























