Bücher mit dem Tag "historische fiktion"

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19 Bücher

  1. Cover des Buches Stella (ISBN: 9783446259935)
    Takis Würger

    Stella

     (316)
    Aktuelle Rezension von: EmmaWinter

    Der 20-jährige Schweizer Friedrich kommt Anfang 1942 nach Berlin. Er will sich umsehen in der Hauptstadt, von der behauptet wird, dass Juden dort mit Möbelwagen abgeholt werden und nicht wieder zurückkommen. In einer Kunstschule lernt er Kristin kennen, die ihn sofort fasziniert. Mit Tristan von Appen, einem eleganten, vermögenden Mann, verbindet ihn bald eine Art Freundschaft. Im Mai erfährt Friedrich die Wahrheit über beide. Tristan ist Mitglied der gefürchteten SS (Schutzstaffel der Nationalsozialisten) und Kristin heißt eigentlich Stella Goldschlag und ist ein "Köderjude", wie Tristan sie nennt. Sie sucht und verrät untergetauchte Berliner Juden an die Gestapo. Erst am Heiligabend verläßt Friedrich Berlin - allein.

    Ein schmales Büchlein, von gerade mal 222 Seiten Text, dazu noch mit reichlich Zeilenabstand und einem schlichten Cover, vermochte bei Erscheinen eine große Diskussion auszulösen. Auf dem insgesamt schwarzen Cover strahlt den Lesern das Gesicht der realen Stella Goldschlag entgegen. Kann das Leben der "Greiferin", auch "Blondes Gift" oder "Blondes Gespenst" genannt, mittels einer Liebesgeschichte in einem historischen Roman dargestellt werden, angesichts des Schreckens und Gräuels, die sie verursacht hat?

    Takis Würger hat über dieses Jahr 1942 in Berlin in kühler Sprache und ganz aus der Sicht von Friedrich geschrieben. Kurze Sätze, die wenig mehr als das wiedergeben, was Friedrich sieht und erlebt. Wenig Reflexion und Gefühle. Friedrich ist oft sprachlos, während Kristin/Stella und Tristan die Führung übernehmen, im Sprechen und Handeln. Dazu wird zu Beginn jeden Kapitals, das immer einem Monat entspricht, ein kurzer Abriss über tatsächliche historische Ereignisse vorangestellt. Dies verschärft den Eindruck eines eher nüchternen Berichts und hält den Lesenden vor Augen, was "im Hintergrund" geschieht. Rationierung des Essens, Geburten berühmter Persönlichkeiten, politische Entwicklungen etc. Eingestreut in den Text sind kursiv gedruckte Abschnitte, die aus Gerichtsakten stammen und über einzelne Schicksale jüdischer Personen oder Familien berichten, die durch Stella Goldschlag verraten wurden.

    Eine schwierige Lektüre, die zwar schnell gelesen, aber nicht schnell verarbeitet ist. Erwähnenswert ist das Nachwort von Professor Sascha Feuchert, dessen Forschungsschwerpunkt Holocaust- und Lagerliteratur innerhalb der Neueren deutschen Literatur ist. 

    "Stella" regt zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema an und hält die Diskussion lebendig. Als ein spezielles Buch gegen das Vergessen hat es eine wichtige Aufgabe erfüllt. Ich vergebe vier Sterne und eine Leseempfehlung für alle, die sich dem Thema nähern wollen.




  2. Cover des Buches Daisy Jones and The Six (ISBN: 9783550200779)
    Taylor Jenkins Reid

    Daisy Jones and The Six

     (118)
    Aktuelle Rezension von: Eleonora

    Daisy Jones, reiche, einzige Tochter eines britischen Malers und eines französischen Fotomodells, ist mit einer außergewöhnlichen Stimme gesegnet und äußerst hübsch. Doch anstatt etwas daraus zu machen, tingelt sie lieber von Club zu Club und schießt sich mit Drogen, Pillen und Alkohol ab. Bis sie eines Tages ihr Freund, der Frontmann einer Band auf die Bühne zerrt. Danach hat sie Blut geleckt und es dauert auch nicht lange, bis ihr ein Plattenvertrag angeboten wird. Aber Daisy ist bockig, unberechenbar und will sich nichts vorschreiben lassen. Als sie doch schlussendlich ihr erstes Album veröffentlicht, wird auch die Band The Six auf sie aufmerksam. Sie nehmen gemeinsam einen Song auf, der ein Erfolg wird. Schnell kommt die Idee auf, Daisy dauerhaft in die Band zu integrieren. Doch Billy, der Frontmann von The Six, der selbst schon Drogenabstürze mit anschließender Entzugsklinik hinter sich hat und immer noch schwer daran arbeitet nüchtern zu bleiben, sieht in Daisy eine Gefahr. Für die Musik der Band und für sich selbst. Die zwei sind wie Feuer und Wasser, aber auch wie aus dem gleichen Holz geschnitzt. Mit Daisy in der Band kommt schließlich der Durchbruch, gleichzeitig beginnt damit jedoch auch eine anstrengende Odyssee aller Beteiligten bis die Gruppe eines Tages auseinanderfällt📖 


    Ein wirklich interessanter Einblick in das Leben einer fiktiven Band der 70er Jahre. Ich fand es schon fast schade, dass man sich die Songs, deren Texte sogar im hinteren Teil im Buch mit abgedruckt waren, nicht wirklich anhören konnte. Die Geschichte ließ sich leicht lesen und man kam flott voran, was wohl am ungewöhnlichen Schreibstil in Form eines Interviews lag. Abwechselnd kamen die Bandmitglieder sowie Manager, Freunde und andere Weggefährten zu Wort. Ich muss zugeben, daran musste auch ich mich erst gewöhnen und könnte vermutlich nicht jeden mitreißen. Mir fehlten des Öfteren mehr Beschreibungen, mehr Tiefgang. Dennoch war es mal eine andere, abwechslungsreiche Art eine Geschichte zu erzählen. 

    Daisy, von so viel Talent gesegnet, aber so leichtlebig und ständig voll mit Drogen, fand ich nur teilweise sympathisch. Sie war es gewohnt, dass alle nach ihrer Pfeife tanzten und verletzte so einige Menschen um sich herum. 

    Billy, der zwar nach seinem Entzug streng auf sich selbst achtete und alles versuchte um seiner Frau und Familie treu zu bleiben, war auch nicht immer einnehmend. Zu oft dachte er nur an sich und vergaß dabei, dass es in der Band ja durchaus noch andere Mitglieder gab, die oft unzufrieden waren. 

    Die anderen Bandmitglieder kamen übrigens nicht zu kurz. Graham, Pete, Eddie, Warren und Karen erzählten von Bandstreitigkeiten, Liebeleien, Eifersucht und wilden Partys mit Drogen. Aber ebenso von harter Arbeit an ihrem Album. Diese nahm auch einen erheblichen Teil ein. Wochenlanges Herumdoktern an Songs, an denen jeder immer wieder etwas ändern wollte und einer immer unzufrieden zu sein schien. Diese sieben Bandmitglieder unter einen Hut zu bekommen war für Manager Rod wirklich nicht leicht zu bewerkstelligen. 

    Wer sich für das wilde aber auch anstrengende Leben in einer Band in den 70er Jahren interessiert, dem kann ich das Buch auf jeden Fall empfehlen. Mir hat es ganz gut gefallen (4/5)⭐🙂

  3. Cover des Buches Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel (ISBN: 9783896675736)
    Jean-François Parot

    Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel

     (64)
    Aktuelle Rezension von: Fornika

    1761 verschlägt es den jungen Notariatsgehilfen Nicholas Le Floch nach Paris. Dank seines Patenonkels wird er direkt dem Polizeipräfekt unterstellt, der auch bald eine schwierige Aufgabe für Nicholas hat. Polizeikommissar Lardin wird der Korruption und Erpressung verdächtigt, Le Floch soll ihm heimlich auf die Schliche kommen. Doch da verschwindet Lardin urplötzlich, während die Ermittlungen ungeahnte Ausmaße annehmen.

     

    Parots Reihe um Le Floch ist schon seit Jahren sehr erfolgreich, und auch mich hat er nach etwas Eingewöhnungszeit für sich eingenommen. Die große Stärke des Autors liegt in einer sehr lebendigen Beschreibung der Stadt Paris, ihrer Bevölkerung wie auch ihrer Architektur. Selbst den Gestank der Straßen fängt er authentisch ein, zwischenzeitlich fühlte ich mich an Süskinds Parfüm erinnert. Der Autor drückt sich recht gewählt, manchmal auch unnötig altbacken aus. Daran musste ich mich erst gewöhnen, im Endeffekt passte die Sprache aber wunderbar zu den Figuren. Le Floch ist ein noch etwas ungestümer junger Mann, der im Laufe des Buches wichtige Lektionen nicht nur in seinem Beruf, sondern fürs Leben lernen muss. Ich habe seine Entwicklung gerne verfolgt, die mir immer stimmig und lebensnah erschien. Auch der Vermisstenfall entwickelt sich glaubhaft, spannend und mit vielen interessanten historischen Details, die der Autor wie zufällig einstreut. Nicholas bekommt tatkräftige Hilfe zur Seite gestellt, und so stapft man mit den Ermittlern atemlos durch den Pariser Dreck und kann gar nicht genug bekommen. Mich hat Le Floch nach kleinen Startschwierigkeiten überzeugt, und so werden auch die Folgebände bald gelesen werden müssen.

  4. Cover des Buches Die Magie der kleinen Dinge (ISBN: 9783734103070)
    Jessie Burton

    Die Magie der kleinen Dinge

     (143)
    Aktuelle Rezension von: schokoloko29

    Nella wird an Johannes Brand, ein reichen Kaufmann in Amsterdam, verheiratet. Der Empfang in ihr neues zuhause ist alles andere als warmherzig. Seine kalte, unnahbare Schwester Malin ist in Wirklichkeit die Leiterin des Haushaltes. Und der Ehemann versucht sich Nella zu entziehen. Alles ist mehr Schein als Sein. Nella fühlt sich einsam und verloren. Dann schenkt ihr Mann als Hochzeitsgeschenk ihr ein Puppenhaus. Dieses darf sie selbst einrichten. Im Laufe der Zeit geschehen seltsame Dinge in Verbindung mit dem Puppenhaus. Als ob der Mensch, der die kleinen Nachbildungen hergestellt hat, geheime Geschehnisse vom Haushalt Brandt weiß. Nach und nach ist Nella mehr in der Lage hinter die Fassade von diesem Haushalt zu blicken. Nach dem Motto es ist nicht alles Gold was glänzt.

    Eigene Meinung:

    Vom Buch war ich zuerst sehr begeistert. Die Autorin versteht Stimmungen und Atmosphäre herzustellen. Als Leser ist man sofort drin in der dunklen, düsteren Atmosphäre, wo jeder seine Geheimnisse hat. Alle sind irgendwie verdächtig nur Nella als naive Protagonistin, die tat mir als Leser leid. Doch nach und nach wird das Buch immer zäher und langatmiger. Ich hatte teilweise das Gefühl, als wenn die Handlung einfach stehen blieb. Es gab immer wieder Wiederholungen. Szenen, bei denen die Handlung nicht voran ging und ich am Ende kein Interesse mehr verspürt hatte, das Ende zu lesen. Wirklich schade, denn die Autorin hat Potential und die Geschichte auch!

  5. Cover des Buches Die Architektin von New York (ISBN: 9783492062381)
    Petra Hucke

    Die Architektin von New York

     (46)
    Aktuelle Rezension von: ann-marie

    Auf den ersten Blick ein etwas irreführender Titel, doch handelt es sich bei dem auf Tatsachen beruhende Roman um den Bau eines weltbekannten Bauwerks: die Brooklyn-Bridge in New York City. Eine der ältesten Hängebrücken der Welt, die den East River überspannt und die Stadtteile Manhattan und Brooklyn verbindet. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass am Bau dieses imposanten Bauwerks eine mutige und engagierte Frau eine federführende Rolle innehatte: Emily Warren Roebling, Schwiegertochter des berühmten und erfolgreichen deutschstämmigen Brückenbauers John (Johann) August Röbling. Seine Pläne für den Bau der Brooklyn-Bridge wurden nach seinem unfallbedingten Tod von Washington Röbling, seinem Sohn, weiter umgesetzt, bis auch Washington durch ein tragisches Unfallgeschehen nur noch in sehr geringem Maße arbeiten konnte. In Emily, seiner Frau, hatte er nicht nur die Liebe seines Lebens gefunden, sondern auch eine tatkräftige, kluge, interessierte und wissbegierige Frau an seiner Seite, die aus Liebe zu ihm, aus einem großen Verantwortungsbewusstsein und dem Mut, einen zur damaligen Zeit frauenuntypischen Weg einzuschlagen und zunehmend die technische Leitung für dieses ehrgeizige Bauvorhaben zu übernehmen. Als krönenden Abschluss und als besondere Ehre und Wertschätzung ihr gegenüber durfte sie als Erste die fertiggestellte Brücke überqueren.

    Die Autorin hat ihren Roman einer bemerkenswerten Frau gewidmet. Mit ihrem mutigen Verhalten, sich nicht an die zur damaligen Zeit üblichen Konventionen zu halten und selbstbewusst und stark ihren eigenen Weg zu gehen, hebt sie sich sehr deutlich von anderen Frauen ab. Dies wird auf eine mit sehr viel Einfühlungsvermögen Weise vermittelt, wobei gerade auch die emotionale Seite Emilys nicht zu kurz kommt und dem Gesamtbild dieser interessanten Frauengestalt aus vergangenen Zeiten gleichsam Leben einhaucht. Dass auch detailreiche fachliche Informationen über das Bauvorhaben enthalten sind, für die es sehr verständliche und ergänzende Erklärungen gibt, sollte nicht verschwiegen werden. Werden sie doch mit großem Verständnis in die Romanhandlung eingebettet und verleihen gerade dadurch dem gesamten Roman eine überzeugende Authentizität.

    Eine hochinteressante Entdeckungsreise und viele unbekannte Informationen über ein jahrhundertealtes und noch immer berühmtes und bewundernswertes Bauwerk und einer Frau, deren bedeutendes Wirken an diesem Bau mit diesem Roman ein würdiges Denkmal gesetzt wird.

  6. Cover des Buches Das Orakel vom Berge (ISBN: 9783596521326)
    Philip K. Dick

    Das Orakel vom Berge

     (128)
    Aktuelle Rezension von: Gittenen2

    Zunächst einmal finde ich den deutschen Titel und den Klappentext etwas irreführend. Von dem Klappentext ausgehend, würde ein großer Teil des Romans sich mit Julianas(dieJudolehrerin)Reise ,zu einem Mann der hinter dem  Begriff "Orakel vom Berge" steht, handeln. 1. ist von Julianas Reise erst nach knapp 2/3  des Buches die Rede und zweitens, könnte man unter dem Orakel vom Berge von einem alten weisen Mann ausgehen. Diese fälschliche Annahme hat mich fast abgeschreckt das Buch zu lesen.

    Das Buch  handelt vielmehr von einer alternativen Welt in den 60ern ,in der Deutschland und Japan den Krieg gewonnen haben , im speziellen von  Amerika das von den beiden Siegerstaaten aufgeteilt wurde.Und einem Buch im Buch im Buch ,in dem das nicht der Fall ist und Großbritannien die Siegermacht ist.

    Es gibt jedoch schon ein Orakel in diesem Buch .Es handelt sich hier um ein Tao, ein zwei bändiges Buch das von allen handelnden Personen des Romans, mit Hilfe von Scharfgarbenstängeln zu allen Lebenslagen befragt wird und mich mehr als einmal genervt hat.Ich frage mich: auch wenn die Bevölkrung von Asiaten besetzt wurde ,wie kann eine Kultur sich in so kurzer Zeit ändern ,dass alle an die Vorausagekraft des I-Gings bzw. Taort glauben. Das kam mir wie die reinste Gehirnwäsche vor.

    Obwohl ich den Roman recht interessant fand, hat es mich dochl nicht ganz überzeugt, es blieben einfach zu viele Fragen offen.

  7. Cover des Buches Die unvergleichliche Miss Kopp schlägt zurück (ISBN: 9783458364313)
    Amy Stewart

    Die unvergleichliche Miss Kopp schlägt zurück

     (20)
    Aktuelle Rezension von: Archer

    Constance Kopp will weder nähen noch als Anhängsel eines Mannes ihren Lebensunterhalt fristen. Sie möchte ein weiblicher Polizist werden - nicht ganz einfach in New Jersey des Jahres 1915, denn Cop kann nur jemand werden, der wahlberechtigt ist, was Frauen nicht sind. Dennoch macht sie sich unersetzlich bei Sheriff Heath, zumindest bis zu dem Moment, als sie einen Sträfling fliehen lässt. Und das Gesetz sagt eindeutig, dass der Sheriff, in dessen Obhut ein Sträfling entkommt, selbst ins Gefängnis geht. Jetzt hat Constance alle Hände voll zu tun, nicht nur ihren Fehler wieder gutzumachen, sondern auch den Sheriff vor dem Knast zu bewahren und en passant einen Mord aufzuklären. 

    Das ist schon eine interessante Lektüre gewesen, die uns zum Anfang des 20. Jahrhunderts mitgenommen hat. Wobei sich beim Frauenbashing ja auch hundert Jahre später nicht viel geändert hat. Das Ganze hätte sogar ein herausragendes Buch werden können, wenn es ein bisschen spannender geraten wäre. So hatte es ein paar Längen, gerade zwischendrin, auf die ich gut hätte verzichten können. Auch fand ich einige Handlungen von Constance nicht immer nachvollziehbar, gerade in den entsprechenden Situationen. Alles in allem hat es mich jedoch gut unterhalten können. 3,5/5 Punkten. 

  8. Cover des Buches Commissaire Le Floch und der Brunnen der Toten (ISBN: 9783896675729)
    Jean-François Parot

    Commissaire Le Floch und der Brunnen der Toten

     (20)
    Aktuelle Rezension von: Wortmagie

    Jean-François Parot war ein weitgereister Mann. 1946 in Paris geboren, schloss er sein Studium als anerkannter Experte des 18. Jahrhunderts ab, absolvierte seinen Militärdienst und wurde dann Diplomat. Die Liste der Stationen seiner Karriere ist lang; als er 1999 begann, die historische Krimi-Reihe „Nicolas Le Floch“ zu schreiben, arbeitete er im bulgarischen Sofia. An den Wochenenden hatte er viel Freizeit, also setzte er sich eines Tages hin, zückte seinen neuen Stift, ein Weihnachtsgeschenk seiner Mutter und seines Sohnes, und dachte sich das erste Abenteuer seines Ermittlers aus. Seitdem sind über 20 Jahre vergangen und 13 Bände erschienen, die Blessing ins Deutsche übersetzt. Den zweiten Band „Commissaire Le Floch und der Brunnen der Toten“ erhielt ich vom Bloggerportal als Rezensionsexemplar.

    Am Abend des 27. Oktober 1761 wird der Sohn des Grafen de Ruissec tot im Stadtpalais der Familie aufgefunden. Das Bild, das sich Commissaire Nicolas Le Floch am Tatort bietet, wirkt eindeutig: das Zimmer des jungen Vicomtes war von innen verschlossen, unweit seiner Leiche liegt eine Kavalleriepistole und auf dem Schreibtisch entdeckt Nicolas einen Abschiedsbrief. Alles deutet auf Selbstmord hin. Doch einige Details wecken Nicolas‘ Misstrauen. Als sich die Gräfin de Ruissec heimlich an ihn wendet und um ein geheimes Treffen bittet, ahnt der Commissaire, dass sie mehr über die Umstände des Todes ihres Sohnes wissen könnte. Unglücklicherweise erleidet sie einen schrecklichen Unfall, bevor das Treffen stattfinden kann. Nicolas ist alarmiert. Er glaubt nicht an einen Zufall und fürchtet, dass die Gräfin zum Schweigen gebracht werden sollte. Unerschrocken nimmt er die Ermittlungen auf, die ihn bis an den Hof von Versailles führen…

    Mit einem Fakt muss ich mich im weiteren Verlauf der Reihe „Nicolas Le Floch“ wohl abfinden: ohne die Führung des Protagonisten bin ich hoffnungslos verloren. Der Kriminalfall, den „Der Brunnen der Toten“ schildert, ist höllisch verzwickt und kompliziert. Ich hatte keine Chance, ihn selbst zu lösen oder auch nur ansatzweise korrekte Vermutungen über die Hintergründe aufzustellen. Ich behaupte, das ist nicht möglich, verfügt man nicht über denselben Wissensschatz wie der Autor Jean-François Parot. Parot war Historiker und Anthropologe, sein Fachgebiet war das Paris des 18. Jahrhunderts. Nur diese spezielle Expertise befähigte ihn, einen Kriminalfall für Kommissar Le Floch zu konstruieren, der die heiklen, unübersichtlichen Dynamiken am französischen Hof unter Louis XV. einbezieht. Es ist vorstellbar, dass sich im Umfeld des Königs zahlreiche Verschwörungen und unerwartete Allianzen formierten, aber ohne Nicolas, der den Leser_innen stets weit voraus ist und geheimniskrämerisch viele Verdächtigungen und Schlussfolgerungen für sich behält, hätte ich die Schuldigen niemals enttarnen können. Selbst mit seiner Hilfe und der Auflösung am Ende von „Der Brunnen der Toten“, die ich tatsächlich mehrfach lesen musste, um sie zu verstehen, war ich völlig aufgeschmissen. Ich frage mich nun, ob diese bewusst lancierte Unkalkulierbarkeit des Falles ein Grund zur Kritik ist. Hätte Parot die Ermittlungen seines Protagonisten nicht verdaulicher gestalten können und müssen? Aus der Perspektive eines normalen Krimis lautet die Antwort Ja. Nun handelt es sich bei den Bänden der Reihe jedoch nicht um normale Krimis. Es handelt sich um historische Krimis. Parot schildert nicht nur eine Mordermittlung, er proträtiert auch das 18. Jahrhundert. Ich bin überzeugt, seine Geschichten zielen primär darauf ab, seinen Leser_innen etwas beizubringen, sein Wissen über und seine Faszination mit dieser Epoche zu teilen. Das gelang ihm hervorragend. Deshalb gefiel mir „Der Brunnen der Toten“ sogar besser als „Das Geheimnis der Weißmäntel“, obwohl ich lernen musste, meine andauernde Ahnungslosigkeit zu akzeptieren. Ich kam viel tiefer in die Geschichte hinein, war sehr schnell durch und genoss die Lektüre, vielleicht gerade weil ich mich in Nicolas‘ fähige Hände begeben musste. Auch hatte ich weniger Schwierigkeiten mit seiner latenten Profillosigkeit, weil ich mittlerweile vermute, dass diese seiner Rolle als Kommissar geschuldet ist. Er transportiert den Fall, nicht mehr und nicht weniger, sein Privatleben ist weitgehend irrelevant. Daher benötigt er keine minutiös ausgearbeitete Charakterisierung; seine Funktion besteht darin, eine Ermittlung zu organisieren, die wiederum die gesellschaftlichen Umstände der Zeit wiederspiegelt. Für den zweiten Band griff Parot die bereits im Volk schwärende Unzufriedenheit mit dem starren Ständesystem auf, was ich äußerst interessant fand. Er zeigt zahllose Kleinigkeiten, deren Summe 28 Jahre später zur Französischen Revolution führt. Soweit ich weiß, wird Nicolas die Unruhen der Revolution auch miterleben – eine spannende Zukunftsperspektive für die Reihe und ein Grund mehr, sie weiterhin zu begleiten.

    Es überrascht mich immer noch, wie gut mir Jean-François Parots historische Krimis gefallen. Seine Beschreibungen der Pariser Gegenwart im 18. Jahrhundert sind vorzüglich; kleine, authentische und häufig kulinarische Details hauchen seinen fiktiven, fesselnden Kriminalfällen rund um reelle Persönlichkeiten Leben ein und lassen eine aufregende Epoche des politisch-gesellschaftlichen Umbruchs in Europa auferstehen. Seine Leidenschaft für sein Fachgebiet ist spürbar, denn er erging sich nicht in drögen akademischen Betrachtungen, sondern nutzte seine Begeisterung, um sein Wissen ganz nah zu seinen Leser_innen zu bringen. Diese Kombination knackt sogar meine Schale aus Skepsis hinsichtlich zwei Genres, die es normalerweise schwer haben, mich abzuholen. „Der Brunnen der Toten“ war eine mitreißende Lektüre und ich freue mich auf weitere Abenteuer mit Nicolas Le Floch – trotz der Erkenntnis, dass ich ohne ihn keinen einzigen Fall lösen könnte.

    Vielen Dank an den Verlag Blessing und das Bloggerportal von Random House für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars im Austausch für eine ehrliche Rezension!

  9. Cover des Buches And I Darken (ISBN: 9780552573740)
    Kiersten White

    And I Darken

     (28)
    Aktuelle Rezension von: Moni2506

    Bei „And I Darken“ handelt es sich um alternative Geschichte, einem Subgenre der Science-Fiction. Gemeinsam mit Lada und Radu Dracul erleben wir deren Kindheits- und Jugendtage in der Walachei bzw. in ottomanischer Gefangenschaft. 


    Walachei/Ottomanisches Reich, 15. Jahrhundert: Lada ist keine gewöhnliche Prinzessin. Sie ist brutal, kämpferisch, rücksichtslos und nimmt sich das, was ihr ihrer Meinung nach zusteht. Ihr Bruder Radu ist das genaue Gegenteil. Er ist schön, ängstlich und unauffällig, wenn es sein muss. Nachdem ihr Vater Vlad II. beide Kinder in der Obhut der Ottomanen gelassen hat, sind die Geschwister auf sich alleine gestellt. Sie müssen sich in einem Spiel behaupten, in dem sie nur kleine Figuren am Rande sind. Während Lada ihre Rache für die Zeit plant, in der sie wieder zurück in der Walachei ist, fügt sich Radu immer mehr ein und betrachtet das ottomanische Reich schon bald als seine Heimat. Als beide Mehmed, den Sohn des Sultans, kennenlernen, bildet sich ein Trio mit Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. 


    Dieses Buch habe ich Ende 2019 gekauft. Der Klappentext klang spannend. Vlad, der Pfähler wird in diesem Buch zu einem Mädchen mit dem Namen Lada. Ich war gespannt, ob ich dieses Buch losgelöst von der echten Historie genießen kann, aber auch, was ich aus der echten Historie wieder erkennen werde, denn ich habe schon den ein oder anderen historischen Roman über Vlad Dracul gelesen. 

    Der Schreibstil Kiersten Whites lässt sich gut lesen. Ich war vom ersten Satz an in der Geschichte drin. Es ist eine sehr charakterbezogene Geschichte, bei der man weniger Beschreibungen der Landschaft, sondern mehr Beschreibungen der Emotionen von Lada und Radu erhält. Den englischen Wortschatz habe ich zwar nicht als sehr leicht empfunden, allerdings auch nicht als besonders schwierig. Ein geübter Leser fremdsprachiger Lektüre sollte hier gut zurecht kommen. 

    Die Spannung in diesem Roman ist von Anfang an hoch. Man wird so intensiv in die Geschichte von Lada und Radu hineingezogen. Ich habe gerne die Kindheit der beiden in der Walachei verfolgt, war dabei, wie sie von ihrem Vater in einem fremden Land bei fremden Menschen zurückgelassen werden, wie sie sich mit dieser Situation arrangiert haben, jeder auf eine ganz eigene Weise, wie sie sich mit dem Sohn des Sultans angefreundet haben und das komplexe Geflecht, das daraus entsteht. Insbesondere der Kontrast zwischen Lada und Radu hat mich fasziniert. 

    Diese Geschichte ist eine sehr charakterbezogene Geschichte. Wenn man mit Lada und Radu nicht mitfühlen kann, dann wird einem dieses Buch glaube ich eher weniger gefallen. Ich hatte damit keinerlei Probleme. Ich habe die Sichtweisen beider Personen sehr gemocht. Ich habe mich mit beiden gefreut, wenn etwas Tolles passiert, habe das Adrenalin gespürt, wenn Gefahr droht, habe Mehmed durch die Augen von beiden betrachtet, habe ihren Schmerz gefühlt, ihre Traurigkeit und was dieses Buch noch alles an Emotionen zu bieten hatte. Die Beziehung der beiden zu Mehmed ist ein zentraler Punkt dieser Geschichte. 

    Lada ist dabei diejenige, die so manches Mal mit ihrer Brutalität und ihrer Rücksichtslosigkeit schockt. Es wurde in meinen Augen, aber auch gut dargestellt, warum sie die Dinge so macht, wie sie sie macht. Sie hat einen enormen Besitzanspruch. Etwas, das in ihren Augen, ihr gehört, darf ihr von niemanden weggenommen werden und das betrifft auch Menschen. Zuerst meint man, dass Lada eigentlich keine Gefühle hat, aber da täuscht man sich. Sie möchte gerne, dass nichts und niemand ihr etwas anhaben kann, wenige Menschen haben es dennoch geschafft, sich in ihr Herz zu schleichen. Sie ist allerdings auch bereit dazu harte Entscheidungen zu treffen, die unter Umständen auch die verletzten, die ihr wichtig sind. 

    Radu ist das komplette Gegenteil. Er ist weich, zeigt Gefühle, nimmt sich Dinge zu Herzen und ist so verzweifelt auf der Suche nach Liebe und Anerkennung, dass man das körperlich zu spüren glaubt. Ich wollte Radu so oft in den Arm nehmen und habe mir sehr gewünscht, dass er sein Glück findet. Im Verlauf der Geschichte lernt auch er seine Talente zu nutzen. Seine Methoden sind weitaus subtiler als die von Lada, doch auch seine Bemühungen sind von Erfolg gekrönt. Er lernt sich unsichtbar zu machen, wenn es sein muss und kann Allianzen schmieden, wenn dies vonnöten ist. 

    Bei den historischen Ereignissen hat sich die Autorin auf jeden Fall sehr viele Freiheiten genommen. Es wurden Daten verschoben, die Protagonisten wurden alterstechnisch angenähert, Vlad Dracul wurde zu Lada Dracul, etc. Man erkennt dennoch einiges aus der Historie wieder. Der Weg zur Macht von Mehmed II wurde im Grunde vom Ablauf her korrekt dargestellt und auch seine Motive wurden in diesen Roman mit eingebracht. Andererseits ist die Zeit, in der der Roman spielt, gerade was Lada und Radu betrifft, sehr gut gewählt. Über die Kindheit und die Gefangenschaft der beiden Geschwister ist so gut wie nichts bekannt, so dass man hier viel Raum hatte und seine eigene Geschichte erzählen konnte. 

    Der Roman verfügt über einiges an Zusatzmaterial. So finden wir zu Beginn Stammbäume und eine Karte und am Ende ein Glossar mit wichtigen Begriffen sowie ein kurzes Nachwort mit weiterführenden Lesetipps für die eigene Recherche. 

    Was ich noch kurz erwähnen möchte: Mit der Altersempfehlung ab 12 tue ich mich ein wenig schwer. Für mich hatte dieses Buch nichts von einem Jugendbuch. Ich würde es tatsächlich erst ab 16 empfehlen. Es wird zwar nicht extrem ins Detail gegangen, dennoch sind hier Sachen wie z.B. das Pfählen enthalten oder eben auch Brudermord, um den Thron zu sichern und wenn sich Teil zwei und drei dieser Reihe in gewissen Punkten an die Geschichte halten, dann verspricht es noch brutaler zu werden. 


    Fazit: Defintiv ein Highlight-Buch in diesem Jahr. Ich war von Beginn an drin, es war spannend bis zur letzten Seite und ich mochte die komplexe Dreiecksbeziehung zwischen Lada, Radu und Mehmed. Empfehlenswert für alle, die dazu in der Lage sind, sich von der echten Historie zu lösen und sich auf eine alternative Geschichte rund um das ottomanische Reich und die Walachei im 15. Jahrhundert einlassen können.

  10. Cover des Buches Die Werwölfe (ISBN: 9783453533165)
    Christoph Hardebusch

    Die Werwölfe

     (69)
    Aktuelle Rezension von: Wortmagie

    Christoph Hardebusch durchlief eine mehr als typische Entwicklung vom Fantasyleser zum Fantasyautor. Nachdem er studiert und einige Zeit als freier Texter in der Werbebranche gearbeitet hatte, gelang es ihm 2005, eine Agentur von seinem literarischen Talent zu überzeugen. Kurz darauf erschien sein Debüt „Die Trolle“ – obwohl ihm die Troll-Szene in „Der kleine Hobbit“ als Kind zu gruselig war. Es folgte die „Sturmwelten“-Trilogie, erneut ein Werk der High Fantasy. Dass Hardebusch auch andere Interessen und einen Abschluss in Geschichte hat, zeigte sich erstmals 2009. Sein damals veröffentlichter Einzelband „Die Werwölfe“ verknüpft den Werwolfmythos mit einer aufregenden historischen Epoche und faszinierenden historischen Persönlichkeiten.

    Conte Ercole Viviani möchte seinen Sohn Niccolo in das Familiengeschäft einführen. Der junge Italiener ist von dieser Aussicht jedoch nicht begeistert. Lieber möchte er seine Tage mit Literatur verbringen und davon träumen, ein gefeierter Schriftsteller zu werden. Lediglich ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt ihm. Bevor er sein Erbe antritt, schickt ihn sein Vater auf eine ausgedehnte Europareise. Die erste Station seiner Grand Tour ist das pittoreske Genf. An den Ufern des malerischen Schweizer Sees wird er 1816 in die Gesellschaft eingeführt. Als er eine Einladung in die berüchtigte Villa Diodati erhält, kann er sein Glück kaum fassen, denn dort residiert der Dichter Lord Byron, den Niccolo zutiefst verehrt. Nächtelang diskutiert er über Poesie und Liebe, über Okkultes und Wissenschaft. Aber Lord Byron umgibt ein Geheimnis, das Niccolos Leben für immer verändert. Gejagt von der katholischen Inquisition muss er herausfinden, was es bedeutet, eine Bestie zu sein, die nur in Legenden existieren sollte: Ein Werwolf.

    Warum kommen Bücher über Werwölfe eigentlich selten ohne Vampire aus? Ich hatte sehr gehofft, dass „Die Werwölfe“ die Idee einer lykanthropischen Geheimgesellschaft verfolgt, die sich in das Zeitgeschehen einmischt, aber am Ende sind es doch wieder die Blutsauger_innen, die die europäische Politik und in diesem Fall die katholische Kirche beeinflussen. Wieder einmal stehlen sie den Gestaltwandler_innen die Show, sowohl inhaltlich als auch mythologisch. Während Christoph Hardebusch den zentralen Vampir seiner Handlung sehr prominent inszeniert und recht detailliert illustriert, wie Vampirismus seiner Vorstellung nach funktioniert, bleibt die Lykanthropie in seiner alternativen historischen Realität erstaunlich vage. Erstaunlich, da das Buch ja nun mal „Die Werwölfe“ heißt. Tatsächlich präsentiert der Autor überwiegend alte Legenden, über die der Protagonist Niccolo im Rahmen seiner Recherchen stolpert. Er klärt jedoch nie auf, ob diese Legenden wahr sind oder nicht. Dem gegenüber stehen ein paar spärliche Fakten und Niccolos Erfahrungen mit Lord Byron und dessen berühmter Entourage. Ich fand es großartig, dass Hardebusch diesen illustren Zirkel in seinen Roman integrierte. Einerseits passt die kulturhistorische Epoche der Romantik mit ihrer Konzentration auf Leidenschaft und Düsteres hervorragend zum Werwolfmotiv. In diesem Umbruchklima von Tradition zu Moderne einen antiken Aberglauben zu untersuchen, erschien mir sehr aufregend. Andererseits hat es mir großen Spaß bereitet, mir auszumalen, dass Persönlichkeiten wie Byron und Mary Shelley, die zu ihrer Zeit als ausgesprochen verrucht, ja, skandalös galten, ein mystisches Geheimnis hüteten. Ich bedauerte fast, dass ich der Entstehung von „Frankenstein“ nicht beiwohnte – vermutlich hätte dieser Ausflug allerdings zu sehr von Niccolo abgelenkt, der von seinen berühmten Nebenfiguren natürlich nicht überstrahlt werden durfte. Das vermeidet Hardebusch erfolgreich, ein stabiles Profil von Niccolos Charakter konnte ich trotzdem nicht anfertigen. „Die Werwölfe“ umspannt etwa acht Jahre und ist in zwei große Abschnitte unterteilt. Der erste Abschnitt wirkte auf mich kleinteilig und stellenweise arg langgezogen; der zweite Abschnitt hingegen involviert Zeitsprünge, die manchmal Monate oder sogar Jahre ausklammern. Einige dieser Sprünge fand ich schade, andere gerechtfertigt, aber ein Aspekt ist mir in beiden Abschnitten aufgefallen: Niccolo wird von der Handlung erfasst und von ihr getrieben, er verfügt selten über Kontrolle. Dadurch ist es schwierig, seine Persönlichkeit zuverlässig einzuschätzen. Die Hälfte des Romans befindet er sich auf der Flucht vor der Inquisition – genauer, einer Inquisitorin. Dieses Detail ist meiner Meinung nach in jeder Hinsicht unrealistisch. Eine Frau in der katholischen Inquisition? Das klingt in meinen Ohren undenkbar. Außerdem handelt sie die meiste Zeit allein. Hardebusch deutet zwar an, dass ihre Jagd „von oben“ sanktioniert ist, doch was sich dahinter verbirgt, erläutert er nicht. Daher wirkt sie wie eine durchgeknallte, obsessive Einzeltäterin und nicht wie die ausführende Hand einer Verschwörung. Meinem Empfinden nach verschenkte Hardebusch hier am meisten Potential für „Die Werwölfe“, denn die katholische Kirche als Ganzes zu involvieren, hätte seinem Roman einen spannenden Twist verliehen.

    „Die Werwölfe“ überzeugte mich eher durch historische als durch fantastische Elemente. Für die Werwolfliteratur ist dieser Roman meiner Meinung nach eine durchschnittliche Ergänzung, die man lesen kann, aber nicht muss. Weder präsentiert Christoph Hardebusch ein originelles Konzept für Lykanthropie noch ist die Geschichte außergewöhnlich. Die Handlung ist zu sehr von Einzelakteur_innen abhängig und bietet zu wenig Überraschungen. Ich fand das Lesen angenehm und unterhaltsam, kann jedoch nicht behaupten, dass das Buch starken Eindruck bei mir hinterließ. Tatsächlich grübele ich seit der Lektüre primär über den Stellenwert von Vampiren in Werwolferzählungen nach – das ist wohl nicht der Effekt, den ein Roman mit dem Titel „Die Werwölfe“ haben sollte.

  11. Cover des Buches Krieger des Nordens (ISBN: 9783734101892)
    Jonas Herlin

    Krieger des Nordens

     (11)
    Aktuelle Rezension von: Wortmagie

    „Krieger des Nordens“ von Jonas Herlin erbat ich beim Bloggerportal von Random House, weil ich noch immer die Mission verfolge, endlich meine Nische im Genre der historischen Romane zu finden. Aktuell versuche ich es mit Wikingergeschichten, die meinen generellen Lesevorlieben theoretisch entgegenkommen sollten. Im November 2015 hatte ich mich bereits an „Götter der Rache“ von Giles Kristian herangewagt, war aber leider nur mäßig begeistert. Ich erhoffte mir von „Krieger des Nordens“ den großen Knall, der bei Kristians Trilogieauftakt für mich ausblieb.

    Der Raubzug der Nordmänner ins Fränkische Reich versprach, ein voller Erfolg zu werden. Getragen von den Wassern des mächtigen Rheins gelang es den Wikingern, die heikle politische Situation zwischen den drei Enkeln Karls des Großen auszunutzen und bis nach Xanten vorzudringen. Von Gier getrieben segelte Grimr Schädelspalter mit 700 Kämpfern und seinen Söhnen Thorbrand und Olav weiter flussaufwärts. Hier, auf einer Flussinsel mitten im Frankenreich, wendet sich das Blatt. Was als siegreiche Eroberung einer wehrlosen Stadt beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Desaster. Als Grimr einer schweren Verletzung erliegt und Thorbrand für seinen Jähzorn verbannt wird, obliegt es Olav, die Verteidigung gegen die Franken anzuführen, die die Plünderung ihrer Ländereien nicht länger tatenlos hinnehmen. Die Nordmänner sind rettungslos unterlegen, die Lage ist aussichtslos. Doch kein Wikinger würde jemals kneifen, wenn es gilt, für Beute und die Leben seiner Kameraden zu kämpfen. Blut tränkt die Ufer des Rheins. Werden die Krieger des Nordens als reiche Männer in ihre Heimat zurückkehren oder dem Tod die Hand reichen?

    So viel zu dem erhofften großen Knall. Ihr seht mich mit weit heruntergezogenen Mundwinkeln und einem tiefen Stirnrunzeln vor dem Laptop sitzen. Meine Güte, war dieses Buch furchtbar. Ich fand es grauenvoll. Wenn Jonas Herlin gern Geschichtsunterricht geben möchte, soll er das tun. Aber bitte, bitte, bitte, er soll nie wieder ein Buch wie „Krieger des Nordens“ verfassen. Ich finde keine Worte, um auszudrücken, wie sehr ich mich gelangweilt habe. Es war so… so… dröge. Mein Hirn wollte sich ständig ausschalten und sich angenehmeren Gedanken hingeben, wie der Frage, wann der nächste Abwasch fällig ist oder ob ich für die Staubfluse in der Ecke extra den Staubsauger rausholen sollte. Ich konnte mich nur mit Mühe über die Seiten quälen und habe mich zwingen müssen, am Ball zu bleiben, um dieses literarische Pendant einer Schlaftablette endlich beenden zu können. Ich hatte das Gefühl, Herlin wollte mir unbedingt ganz viel beibringen, was auch funktionierte, aber die Geschichte, die all die Informationen seiner umfangreichen Recherche transportieren sollte, überzeugte mich leider überhaupt nicht, weil sie hinter den zahllosen Fakten nahezu verschwindet und Herlin meiner Meinung nach einfach kein schriftstellerisches Talent besitzt. Da ist kein Gespür für Atmosphäre, kaum inhaltliche Variabilität, kein durchdacht konstruierter Spannungsbogen. Stattdessen kenne ich jetzt wohl jeden der 700 Nordmänner mit Namen. Die Art und Weise, wie Herlin Charaktere etabliert, ist die seltsamste, die mir je untergekommen ist. Wann immer eine Figur mit einer Sprechrolle starb, war er offenbar der Meinung, sie ersetzen zu müssen, damit stets jemand vorhanden ist, der überflüssige Kommentare abgeben und mit anderen Worten wiederholen kann, was bereits dreimal gesagt wurde. Es ist übrigens ganz wichtig, dass die Schiffe auf die Insel gebracht werden, damit die Franken sie nicht zerstören, klar?! Er stellte mir am laufenden Band neue Persönlichkeiten vor, samt Kurzbiografie. Es waren viel zu viele, oberflächliche Figuren, die kaum erkennbaren Wert für die Handlung hatten. Ich kapiere einfach nicht, was das sollte. Wenn man eine Geschichte schreibt, die auf einen blutigen Belagerungskampf hinausläuft, sterben auf beiden Seiten zwangsläufig einige Akteure. Sonst wäre die Belagerung ja kaum blutig, oder? Ein cleverer Autor lässt Figuren, die für die Handlung unverzichtbar sind, allerdings erst dann sterben, wenn er sie nicht mehr braucht, keine Sekunde früher, damit er ihre Rollen eben nicht erneut ausfüllen muss und nicht jegliche Bindung, die die Leser_innen bis dahin aufgebaut haben, zerstört wird. Irgendjemand sollte das Jonas Herlin wohl mal sagen.
    Dann haben wir da noch das Motiv der entzweiten Brüder. Thorbrand und Olav. Die beiden sind so gegensätzlich, dass sie schon wieder stereotyp sind. Ich weiß eigentlich nicht so recht, was mir Herlin durch ihre Schicksale mitteilen wollte. Vermutlich ging es abermals darum, möglichst viel historisches Wissen in das Buch zu quetschen, da Thorbrand in seiner Verbannung an der Seite eines Mönches durch das Fränkische Reich reist und die zeitgenössische Politik kennenlernt, während Olav als Anführer der Wikinger Einblicke in ihre Kultur gewährt. In der Theorie nett, in der Praxis jedoch unzusammenhängend und zu viel Input. Außerdem empfand ich es als unvorteilhaft, dass ich den beiden dadurch stets ein Stück voraus war. Es kam keine Spannung auf, kein Hoffen und Bangen, ob die Nordmänner es nun nach Hause schaffen oder nicht. Ich wusste einfach zu viel.

    „Krieger des Nordens“ war in jeglicher Hinsicht ein Fehlschlag. Es ist ein quälend fantasieloses Buch, trocken und zermürbend, die längste Geschichtsstunde aller Zeiten. Ich glaube nicht, dass ich Jonas Herlin jemals wieder eine Chance gebe. Dazu war diese Lektüre wirklich zu traumatisierend.
    Meine Experimente mit Wikingerromanen werde ich an dieser Stelle allerdings noch nicht abbrechen. Einmal werde ich es noch wagen, geht dieser Versuch auch wieder schief, orientiere ich mich neu. Ich begebe mich vertrauensvoll in Hände eines echten Nordmannes, der dann hoffentlich weiß, wovon er schreibt und sein Werk nicht als Zwangsgeschichtsunterricht missbraucht: Snorri Kristjansson.

    Vielen Dank an das Bloggerportal von Random House für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars im Austausch für eine ehrliche Rezension!

  12. Cover des Buches Jackaby (ISBN: 9781616205461)
    William Ritter

    Jackaby

     (10)
    Aktuelle Rezension von: Wortmagie

    Nach der anstrengenden Lektüre von „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ von Aslı Erdoğan hatte ich das dringende Bedürfnis nach einem leichten Buch. „Jackaby“, der Auftakt der gleichnamigen Reihe „Jackaby“, bot sich an, weil das Monatsmotto „Facebook“ lautete und wir demzufolge Bücher mit einem Gesicht auf dem Cover lesen sollten. Eine übernatürliche Detektivgeschichte klang genau richtig, besonders, da der Autor William Ritter ein Experte auf dem Gebiet der Folklore ist. Auf seiner Website findet sich sogar ein informatives Bestiarium, das regelmäßig erweitert wird. Ich freute mich auf die Lektüre und die Chance, ein wenig abzuschalten.

    „Starren Sie nicht den Frosch an“ – diese letzte Zeile einer dubiosen Ausschreibung für eine Assistenzstelle in einer Detektei lässt Abigail Rook zwar durchaus stutzen, doch sie kann es sich nicht leisten, wählerisch zu sein. Schließlich fallen Anstellungen 1892 in New Fiddleham, New England, für junge, mittellose Frauen nicht vom Himmel. Ihr Vorstellungsgespräch verläuft allerdings völlig anders als erwartet. Nicht nur ist ihr neuer Arbeitgeber, ein gewisser R.F. Jackaby, ein skurriler Exzentriker, der ihr beiläufig erklärt, dass Aberglaube, Sagengestalten und Magie erschreckend real sind, er führt sie auch ohne Umschweife zu einem grausigen Tatort. Ein Mann wurde brutal ermordet und nahezu ausgeblutet. Während die Polizei einen menschlichen Mörder jagt, ist Jackaby überzeugt, dass es sich bei dem Täter um ein übernatürliches Wesen handeln muss. Abigail und Jackaby müssen das Rätsel schnell lösen, denn eines ist sicher: es wird nicht bei einem Opfer bleiben.

    Ich schätze, ich bin nicht das richtige Publikum für „Jackaby“. Grundsätzlich ist das ja nichts Neues und kommt schon mal vor, doch dieses Mal liegt es nicht daran, dass ich zu alt wäre oder keinen Draht zum Autor William Ritter aufbauen konnte. Nein, in diesem Fall hat es mit dem Stil der Geschichte zu tun. Fans der „Sherlock Holmes“-Romane von Sir Arthur Conan Doyle begeistert dieses Buch sicherlich. Leider bin ich kein Fan des berühmten Detektivs. Seit Jahren drücke ich mich davor, die Romane zu lesen, weil ich mich nicht für Krimis erwärmen kann. „Jackaby“ ähnelt „Sherlock Holmes“ zu sehr, als dass ich Spaß mit der Lektüre gehabt hätte. Dadurch fielen sämtliche Mängel schwerer ins Gewicht. Ich sah mich unfähig, diese zu verzeihen und konnte die Geschichte nicht genießen. Ich fand den Reihenauftakt langweilig, flach und dialoglastig. William Ritter ergeht sich in Nebensächlichkeiten und ließ mich die Geschichte lediglich skizzenhaft visualisieren. Ich vermisste Atmosphäre und hatte den Eindruck, dass dieser erste Band eher dazu diente, die Ausgangssituation der Reihe vorzustellen, als einen nervenaufreibenden Kriminalfall zu fokussieren. Vermutlich tappte ich deshalb während der Ermittlungen im Dunklen. Der Fall erschloss sich mir überhaupt nicht; meiner Meinung nach findet kaum Detektivarbeit statt. Das Protagonisten-Paar stolpert über kryptische Hinweise, die Jackaby offenbar mit der Identität des Mörders in Verbindung bringen kann, aber selten erklärt. William Ritter schließt seine Leser_innen zugunsten des Mysteriums aus und schreibt es Jackabys Skurrilität zu, dass er seine Schlussfolgerungen für sich behält. Für mich ist das ungenügende Schriftstellerei. Ritter überspielt auf diese Weise seine Unfähigkeit, seinen Mordfall durch die geschickte Platzierung von Indizien spannend zu gestalten. Er verzichtet einfach auf alle Informationen und bläst das Geheimnis um den Täter künstlich auf, indem er andeutet, normale Menschen könnten die Beweise nicht korrekt interpretieren. Dadurch hatte ich keine Chance, aktiv mitzurätseln und musste dem unzuverlässigen, sprunghaften Hauptcharakter vertrauen. Ich kann mir vorstellen, dass Jackabys Exzentrik bei vielen Leser_innen gut ankommt, doch ich sehe ihn als einen stereotypischen seltsamen Kauz, dessen Figur über keinerlei Originalität verfügt. Er ist eine Blaupause, zu austauschbar, um lebendig und einzigartig zu wirken. Der Witz des Buches fußt ausschließlich auf seinem merkwürdigen Verhalten, was mir maximal ein müdes Schmunzeln entlockte. Seinem klischeebeladenen chaotischen Genie steht die gänzlich durchschnittliche Ich-Erzählerin Abigail gegenüber, die eindeutig einen Gegenpol der Normalität darstellen soll. An ihr sollen sich die Leser_innen orientieren, sie setzt Jackabys Benehmen ins Verhältnis und sorgt für den Zugang zu seiner Verschrobenheit. Mir war sie egal. Sie ist nicht unsympathisch, aber unglücklicherweise so sehr das wehrlose Fräulein in Nöten, dass ich keinen Grund sah, mich um eine emotionale Bindung zu bemühen. Vielleicht soll sie ins Frauenbild des 19. Jahrhunderts passen, doch für mich resultierte diese Charakterisierung darin, dass ich sie ebenso ersetzbar fand wie Jackaby. Selten ist mir ein faderes Ermittlerduo begegnet – kein Wunder, dass mich die einfallslose Lösung ihres Falls dann auch nicht mehr interessierte.

    Ich weiß, dass ich mit meiner Meinung über William Ritters Reihenauftakt „Jackaby“ (fast) allein auf weiter Flur stehe. Die meisten Leser_innen liebten das Buch und sie liebten den Protagonisten Jackaby. Das freut mich für sie, ehrlich. Falls ihr euch schon immer gewünscht habt, Sherlock Holmes bei der Auflösung übernatürlicher Rätsel zu begleiten, könnte dieser Wunsch mit der Reihe „Jackaby“ erfüllt werden, obwohl ich sie nicht weiterlesen werde. Ich denke, ich hätte damals, als ich das Buch entdeckte, scharf nachdenken sollen, ob eine Detektivgeschichte in Holmes-Manier tatsächlich das Richtige für mich ist, paranormale Elemente hin oder her. Ich verkannte den starken Krimicharakter. Jackaby hätte es für mich rausreißen können, aber leider ist er zu Mainstream, um mich zu überzeugen. Hätte ihm William Ritter nur ein bisschen mehr individuelle Skurrilität gestattet, hätte es funktionieren können. Schade.

  13. Cover des Buches The Museum of Extraordinary Things (ISBN: 9781471112157)
    Alice Hoffman

    The Museum of Extraordinary Things

     (4)
    Aktuelle Rezension von: Wortmagie

    „The Museum of Extraordinary Things” war eine recht ungewöhnliche Wahl, um die Erfolgsautorin Alice Hoffman kennenzulernen. Diesem Roman von 2014 fehlt das Element, das ihre Arbeit normalerweise auszeichnet – die Magie. Hoffman ist eine sehr aktive Vertreterin des Genres des magischen Realismus, die seit den frühen 1970er Jahren über 30 Bücher veröffentlichte. In „The Museum of Extraordinary Things“ verzichtet sie jedoch auf ihr Markenzeichen, weil eine Geschichte, die in New York und Coney Island um die Jahrhundertwende herum spielt, ihrer Meinung nach keinen zusätzlichen Zauber braucht.

    Coralie Sardie sieht Eddie Cohan zum ersten Mal in einer kühlen Märznacht 1911 am Ufer des mächtigen Hudson. Aus den Schatten heraus beobachtet sie den jungen Mann und spürt sofort eine Verbindung zu ihm, wagt aber nicht, sich ihm zu nähern. Ihr Vater, der das Museum der Außergewöhnlichen Dinge auf Coney Island betreibt, erklärte ihr, dass lebende Wunder wie sie von einfachen Menschen niemals verstanden werden können. Obwohl Coralie fast erwachsen ist, fällt es ihr schwer, seine Gebote zu brechen. Betrachtet sie ihre Hände, kann sie nicht ignorieren, dass sie anders ist. Sie flieht ungesehen und ahnt nicht, dass die Wege des Schicksals manchmal magisch und seltsam sind. Denn Eddie, der als Fotograf in New York arbeitet, hat eine Gabe: er findet diejenigen, die als verloren gelten. Als ein Freund seines Vaters ihn bittet, seine vermisste Tochter zu suchen, weiß Eddie, dass der Fall alte Wunden aufreißen wird. Heimgesucht von quälenden Erinnerungen folgt er den Hinweisen nach Coney Island – und zu Coralie. Ineinander erkennen sie alles, was sie sich je erträumten. Doch in einer sich wandelnden Welt haben Liebe und Freiheit ihren Preis …  

    Oh man. Hätte ich geahnt, dass „The Museum of Extraordinary Things” für mich zu einem Schreckgespenst mutieren würde, hätte ich beim Lesen besser aufgepasst. Natürlich habe ich während der Lektüre keineswegs ein mentales Nickerchen eingelegt, doch im Nachhinein stellte ich fest, dass die Geschichte, die Alice Hoffman erzählt, unheimlich schwierig zu beschreiben ist, weil sie sich thematisch nicht festnageln lässt. In diesem Buch geht um vieles. Man könnte zahlreiche Deutungsansätze und Motive hineinlesen, verschiedene Genre-Maßstäbe anlegen und würde dennoch nicht das gesamte Spektrum abdecken. Hoffman behandelt alle Aspekte gleichwertig, sodass ich mich scheue, zu definieren, welche denn nun im Vordergrund stehen und die Frage nach einem thematischen Kern kaum zu beantworten ist. Hinzu kommt, dass sie mit ihrem sanften Schreibstil eine zarte, sepiagetönte Atmosphäre entstehen lässt, die mich einlullte und mich vergessen ließ, wie dicht sie Motive ineinander webt, weshalb mir gar nicht auffiel, dass ich ein bis obenhin vollgestopftes Buch vor Augen hatte. Das merkte ich erst, als ich gezwungen war, eine Inhaltsangabe zu verfassen. Ich halte das für ein deutliches Zeichen ihrer schriftstellerischen Finesse. Da ich euch aber nicht gänzlich unwissend aus dieser Rezension entlassen möchte, werde ich meine vagen Mutmaßungen und Überlegungen zu „The Museum of Extraordinary Things“ trotzdem mit euch teilen. Ich glaube, dass Hoffman in diesem Buch primär das Thema Veränderung fokussiert, das sie durch die individuellen, fiktiven Schicksale ihrer Hauptfiguren Coralie und Eddie und reale historische Ereignisse zum Ausdruck bringt. Sie rahmt die Geschichte mit zwei verheerenden Bränden ein, das Feuer in der New Yorker Triangle Shirtwaist Factory am 25. März 1911, in dem 146 Arbeiter_innen den Tod fanden und den Dreamland Brand am 27. Mai 1911, durch den der letzte originale Vergnügungspark auf Coney Island komplett zerstört wurde. Feuer wird seit jeher mit Veränderung, Reinigung und Neuanfang assoziiert, daher halte ich es nicht für einen Zufall, dass Hoffman diese gut dokumentierten Katastrophen nutzt, um „The Museum of Extraordinary Things“ im damaligen Zeitgeist zu verankern. Der gesellschaftliche und politische Umbruch, den die Brände symbolisieren, hat selbstverständlich Auswirkungen auf Coralie und Eddie, doch für sie findet Wandel auch auf einer ganz persönlichen Ebene statt. Vaterfiguren spielen dabei eine Rolle, ebenso wie die Suche nach Identität, Liebe und Freiheit. Eddie, der als jüdischer Einwanderer nach New York kam, hadert heftig mit seiner Vergangenheit; Coralie hingegen muss entscheiden, ob sie ihre Zukunft als Attraktion in einem Kuriositätenkabinett verbringen möchte. Der Fall der verschwundenen jungen Frau führt die beiden subtil zusammen, ohne die Tragik ihres Schicksals zu verharmlosen und erinnert diskret daran, dass Eddie und Coralie am Rande der Gesellschaft nicht allein sind. Vielleicht kann man sogar resümieren, dass „The Museum of Extraordinary Things“ nicht nur Wandel allgemein thematisiert – sondern den Wandel, den die Ausgestoßenen der Gesellschaft 1911 dringend brauchten.

    „The Museum of Extraordinary Things“ ist ein Roman, der mich ein bisschen ratlos zurücklässt. Ich weiß nicht so richtig, was ich mit all den komplexen Themen, die Alice Hoffman darin anspricht, anfangen soll oder wo ich anfangen soll. Ich fand die Lektüre schwer zu verarbeiten und konnte nicht herausfinden, welches Gesamtbild die Autorin anstrebte. Ich begreife noch immer nicht, wie sich die Puzzleteile, die zweifellos formvollendet und einfühlsam beschrieben sind, zusammenfügen sollen. Möglicherweise soll sich auch gar kein rundes Gesamtbild ergeben – schließlich kümmert sich das Leben nicht um Kohärenz und eventuell wollte Hoffman genau diesem wilden, grausamen, wunderschönen Chaos Tribut zollen. Ich kann es wirklich nicht sagen. Verzeiht, falls diese Rezension ein wenig wirr und nicht so aussagekräftig ist, wie ihr es sonst von mir gewohnt seid. Hin und wieder begegnet mir ein Buch, das mir mehr auftischt, als ich verdauen kann – „The Museum of Extraordinary Things“ ist so ein Buch.

  14. Cover des Buches Die 13. Jungfrau (ISBN: 9783944359137)
    Katharina Münz

    Die 13. Jungfrau

     (21)
    Aktuelle Rezension von: AprilsBuecher

    Oh ja, endlich mal wieder eine Reise zu den Wikingern. Da mir die Schreibweise von Katharina schon länger sehr gut gefällt, kam ich auch diesmal wieder gut in die Geschichte rein und hatte viel Freude mit Melwyn. Mir gefiel besonders gut wie sich aus dem kleinen unscheinbaren Wesen eine beeindruckende Persönlichkeit entwickelt hat, und die Autorin ein Thema aufgefasst hat, dass wir Eltern doch selber kennen und fürchten. Unsere Kleinen werde flügge und verlassen das traute Heim. Auf charmante Art ist dies der Autorin gelungen und hat mich mit einem Lächeln diese Geschichte beenden lassen.

    Fazit: Protagonistin mit einer wundervollen Wandlung, und auch ein Buch ums Erwachsen werden.

  15. Cover des Buches Mayhem (ISBN: 9781780871257)
    Sarah Pinborough

    Mayhem

     (4)
    Aktuelle Rezension von: Wortmagie

    Jack the Ripper ist wohl der berühmteste Serienmörder aller Zeiten. Über 130 Jahre nach seinen Verbrechen ist die Faszination für ihn ungebrochen und überstrahlt die Tatsache, dass die fünf ihm zugeschriebenen Prostituierten-Morde in London-Whitechapel 1888 nicht die einzigen Taten waren, die die Stadt in Angst und Schrecken versetzten. Zwischen 1887 und 1889 spülte die Themse in verschiedenen Stadtteilen die zerstückelten Körperteile von vier Frauen an. Diese Fälle wurden als „Thames Torso Murders“ bekannt. Trotz Parallelen zu den Ripper-Morden war der Polizei aufgrund des abweichenden Modus Operandi klar, dass sie es wahrscheinlich mit einem zweiten, zeitgleich agierenden Mörder zu tun hatten. Zur Ermittlungseinheit gehörte in beiden Fallserien der Chirurg Dr. Thomas Bond, der als einer der ersten Profiler der Kriminalgeschichte gilt. Dennoch wurden die Themse-Torso-Morde nie aufgeklärt – der ideale Ausgangspunkt für Sarah Pinboroughs historischen Mystery-Krimi „Mayhem“.

    1888 treibt ein Mörder sein Unwesen in London. Seine Opfer sind die Schwachen, die Verlorenen, diejenigen, die niemand vermisst. Man nennt ihn Jack the Ripper. Dr. Thomas Bond ist mit der grausigen Aufgabe betraut, die Leichen zu obduzieren. Was er auf seinem Untersuchungstisch sieht, raubt ihm den Schlaf und treibt ihn in die verrufenen Gefilde der Opiumhöhlen. Doch als in der Themse weitere Leichen gefunden werden, zerstückelt und verstümmelt, ergreift ihn ein Entsetzen, das nicht einmal der süße Qualm zu lindern vermag. Ein zweiter Mörder ist am Werk. Während die Polizei nach dem Ripper fahndet, versucht Dr. Bond, das Rätsel um die zweite Mordserie zu lösen. Seine Ermittlungen führen ihn zu einem Priester, der behauptet, der Täter sei kein Mensch, sondern eine uralte Kreatur des puren Bösen. Sagt er die Wahrheit? Jagt Dr. Bond keinen Mann – jagt er ein Monster?

    Als ich „Mayhem“ von Sarah Pinborough kaufte und (deutlich) später aus dem Regal zog, reizte mich vor allem die Idee der Geschichte. Die Aussicht, dass sich die Autorin auf die „Thames Torso Murders“ konzentrierte, die neben den wesentlich berühmteren Ripper-Morden wie ein beinahe vergessenes Kapitel der Londoner Historie wirken, machte mich ganz kribbelig. Ich war äußerst neugierig, denn ich wusste zuvor nicht einmal, dass es 1888 eine parallele Mordserie in der englischen Hauptstadt gab. Ich war nur allzu bereit, mich zu gruseln und erschrecken zu lassen. Anfangs schien die Lektüre vielversprechend; ich suhlte mich in der greifbaren Atmosphäre von Hysterie und Angst, die Pinborough aufbaute. Meine Schwierigkeiten begonnen, als ich den Protagonisten Dr. Thomas Bond näher kennenlernte. Ich hoffe inständig, dass der reale Dr. Bond nicht ansatzweise so unsympathisch war wie sein literarisches Abbild. Ich fand ihn unerträglich. Pinborough schildert den Großteil von „Mayhem“ aus seiner Ich-Perspektive, weshalb ich live beobachten konnte, wie ich-zentriert und empathielos der Mann ist. In seinen Gedanken gibt es ausschließlich ein zentrales Wort: „Ich“. Er ist mit abscheulichen Morden an unschuldigen Frauen und später mit der Frage konfrontiert, ob London von einem übernatürlichen Monster heimgesucht wird, aber das beschäftigt ihn nur hinsichtlich seiner Schlaflosigkeit, seines Rufes und seines persönlichen Risikos. All diese Sorgen kann ich nachvollziehen – es brachte mich jedoch auf die Palme, dass sie das einzige sind, was ihm durch den Kopf geht und er sich von ihnen lähmen lässt. Er ist ein Egoist und ein Feigling, der gleichgültig ignoriert, dass sein Verhalten Menschenleben in Gefahr bringt. Nebenbei rutscht er immer tiefer in die Abwärtsspirale einer Suchterkrankung, was ich ebenfalls ziemlich abstoßend fand, weil sich darin seine grundlegende Charakterschwäche manifestiert. Nun muss ich einen Protagonisten allerdings nicht mögen, um von einer Geschichte angetan zu sein. Leider ging diese Rechnung bei „Mayhem“ nicht auf. Im Laufe der Handlung verengt sich der Fokus zunehmend auf Dr. Bond, bis Atmosphäre, Spannungsbogen und Kontextwissen völlig auf der Strecke bleiben. Das Buch ist in drei Teile gegliedert; bereits im zweiten erfuhr ich, wer oder was für die Morde verantwortlich ist. Dadurch war ich den Figuren weit voraus und wartete nur darauf, dass sie es auch schnallen, um herauszufinden, wie sie anschließend auf diese Erkenntnis reagieren. Diese Struktur hätte funktioniert, hätte ich mit ihnen gefühlt – habe ich aber nicht und selbst wenn ich die Barrieren zwischen uns hätte überwinden können, hätte mich der finale Showdown trotzdem enttäuscht. Diesen kann ich lediglich als Totalausfall bezeichnen, der maximal eine Übergangslösung anbietet, zu der sich unsere selbsternannten Helden dann auch noch beglückwünschen. So gern Sarah Pinborough mich vom Gegenteil überzeugen wollte, „Mayhem“ endet zutiefst unbefriedigend.

    Ich glaubte ehrlich, dass ich „Mayhem“ von Sarah Pinborough mögen würde. Daher ist es umso frustrierender, dass mir kaum etwas an diesem Buch gefiel. Der Protagonist war mir in jeglicher Hinsicht unangenehm, die Handlungsstruktur führte zu einem abrupten Spannungsabfall und letztendlich fand ich selbst den übernatürlichen Dreh abgegriffen und schal, weil die Geschichte dadurch eindimensional wirkte. Die Motive eines Monsters, das als Ausgeburt des Bösen beschrieben wird, sind nicht subtil, sie müssen nicht erläutert oder analysiert werden. Ich kann Pinborough zugutehalten, dass sie einige wirklich unheimliche Szenen involvierte, doch der Horror dieser Momente hielt nicht lange vor, sodass mich die Jagd nach dem Mörder viel zu schnell wieder langweilte. Ich ahne, dass das missliche Ende von „Mayhem“ den Weg für die Fortsetzung „Murder“ ebnen soll, diese werde ich jedoch nicht lesen. Ich danke der Autorin dafür, dass sie mich auf die „Thames Torso Murders“ aufmerksam machte, das Schließen dieser Wissenslücke war aber auch schon alles, was „Mayhem“ bei mir erreichte.

  16. Cover des Buches Die Schrecken des Eises und der Finsternis (ISBN: 9783104032061)
    Christoph Ransmayr

    Die Schrecken des Eises und der Finsternis

     (112)
    Aktuelle Rezension von: AnjaLG87

    Ich bin irgendwie ganz zwiegespalten, was dieses Buch angeht: Einerseits finde ich das Thema unglaublich interessant und verschlinge alles Mögliche zu Expeditionen und dem Forschergeist jener Zeit. Es beeindruckt mich wirklich sehr, welche Strapazen Menschen seit jeher auf sich nehmen, um Unbekanntes zu entdecken und zu erforschen. Dies wird im historischen Tagebuch-artigen Teil des Buches über eine Polarexpedition in den 1870er Jahren auch deutlich: Es geht darum, wie die Schiffsbesatzung mit Krankheit, Tod, Mangelernährung und psychischem Druck zu kämpfen hat und wie die Expedition aus wissenschaftlicher Sicht abläuft. Der andere Teil des Buches, ein fiktiver Roman im Hier und Jetzt, soll aufzeigen, wie anders es heutzutage ist. Da will jemand dem früheren Forschergeist nachspüren und merkt, dass die Leute so etwas gar nicht mehr interessiert, ohnehin fast schon alles erforscht ist und die neuen Technologien und Annehmlichkeiten eben auch ein ganz anderes Reise- und Expeditionsverhalten mit sich bringen. Die Idee, die beiden Zeitebenen gegenüberzustellen, um die Unterschiede und Entwicklungen deutlich zu machen, finde ich klasse, aber irgendwie führt der fiktive zweite Teil nicht so richtig zum Ziel... Er plätschert eher vor sich hin, kann den eindringlichen Schilderungen des historischen Teils bei Weitem nicht das Wasser reichen und bleibt beim Leser nicht hängen. Da es nicht so richtig funktionieren will, wäre vielleicht ein reines Tagebuch der Expedition besser gewesen.

  17. Cover des Buches Alabama Song (ISBN: 9783036991351)
    Gilles Leroy

    Alabama Song

     (45)
    Aktuelle Rezension von: Beust

    Gilles Leroy schreibt einen Roman, eine Romanbiographie, keine Biographie. Zum Glück? Weil man Zelda Fitzgeralds, der Frau des Schriftstellers F. Scott Fitzgerald, dieses Leben nicht gewünscht hätte?

    Zelda und Scott Fitzgerald haben einander nicht gut getan. Geheiratet, weil sie berühmt werden wollten, weniger aus Liebe, zusammengeblieben aus Gewohnheit und weil es sich so gehörte, herabgerissen vom Alkohol und dem Leben im Exzess, vereint im „Krieg zu zweit“ (S. 149). Sie starben beide, noch ehe sie 50 wurden, er dem Vergessen entgegentaumelnd als versoffener Versager, sie eingesperrt in ein brennendes Irrenhaus. 

    Daraus entwickelt Leroy die Lebensbeichte Zeldas, ihren Schrei nach Leben - einem anderen nämlich, als sie es geführt hat. „Welch ein Glück, ein Mann zu sein! Wie traurig, eine Frau zu sein“ (S. 214), vor allem wenn diese Frau so selbstbestimmt ihr Leben als Abenteuer gestalten will und dabei an die Grenzen stößt, die von der Gesellschaft, der Konvention, ihrem Gatten und - hier wird es tragisch - den eigenen Beschränktheiten gesetzt werden. Die Liebe ihre Lebens nennt Zelda den Monat mit dem französischen Flieger Jozan; hier nämlich durfte sie Frau sein, ohne Ehefrau sein zu müssen; Künstlerin, ohne gekünstelt zu sein, exaltiert, ohne eine Publikumserwartung auf den nächsten Skandal erfüllen zu müssen.

    Zeldas Wahnsinn ist - in Leroys Roman - ihre Antwort auf das Scheitern ihrer Träume und den Widerstand von außen: Sie zieht sich zurück in eine andere Wirklichkeit und nimmt dorthin mit, was immer sie benötigt. Die Dialoge mit den wechselnden Psychiatern sind brillante Schaufensterblicke in Zeldas Version ihrer Vergangenheit, auch der Vergangenheit ihrer Zukunft.

    Man wünscht Zelda, dass ihr Leben besser war als Leroys Interpretation; und man hofft, dass Scott Fitzgerald ein nicht ganz so verkommenes Scheusal gewesen ist, wie Zeldas Anklage ihn dastehen lässt.

    Ein gutes Buch, das sich Seite für Seite entblättert.

     

  18. Cover des Buches Swords of Good Men (ISBN: 9781623658793)
    Snorri Kristjansson

    Swords of Good Men

     (1)
    Aktuelle Rezension von: Wortmagie

    Ich habe eine etwas schwierige Vorgeschichte mit Wikinger-Romanen. Als ich 2015 begann, mich in diesem Subgenre herumzutreiben, hoffte ich, endlich meine Tür zur historischen Fiktion zu finden. Leider waren diese Experimente nicht von Erfolg gekrönt. Deshalb beschloss ich, mich für einen letzten Versuch in die Hände eines echten Nordmannes zu begeben: Snorri Kristjánsson, ein in Island geborener Schriftsteller, der einige Jahre in Norwegen lebte, bevor er mit seiner Frau nach Schottland zog. Sein Debütroman „Swords of Good Men“ sollte es besiegeln – entweder, er würde mich für die Wikinger gewinnen oder verlieren.

    Nach zwei Jahren auf Reisen mit seinem Cousin Geiri Alfgeirsson zieht es Ulfar Thormodsson zurück nach Schweden. Noch eine letzte Station müssen sie absolvieren, bevor sie heimkehren: die westnorwegische Hafenstadt Stenvik, deren Fürst Sigurd Aegisson dem norwegischen König Olav Tryggvason die Treue schwor. König Olav ist ein fanatischer Anhänger des Weißen Christengottes und entschlossen, sein Reich bis zum letzten Mann zu missionieren, notfalls mit dem Schwert. Seine Armee nähert sich Stenvik von Osten; er plant, den Hafen einzunehmen, um seinen Feldzug fortzuführen. Von ihrem Lehnsherrn haben die Männer und Frauen nichts zu befürchten – wohl aber von dem Bund legendärer Krieger, der schwor, die alten Götter und Gebräuche zu bewahren. Angeführt von einer mysteriösen Frau mit rätselhaften Kräften segeln sie mit über 60 Schiffen nach Stenvik, um die Stadt zu erobern und Olavs Armee aufzulauern. Plötzlich finden sich Ulfar, Geiri und ganz Stenvik in einer brutalen Belagerung wieder und müssen ausharren, bis König Olavs Truppen eintreffen. Doch Zwietracht und Verrat schwächen die Reihen der Verteidiger, bis nicht mehr eindeutig ist, ob der Feind vor den Mauern steht – oder dahinter.

    Okay, das war’s. Ich werde zukünftig nicht mehr gezielt nach Wikinger-Literatur suchen. Wie kommt es, dass dieses grundsätzlich spannende Thema offenbar ausschließlich von Schriftsteller_innen behandelt wird, denen das Talent fehlt, um ihre Geschichten mitreißend, logisch und überzeugend zu erzählen? Gut, ich habe lediglich drei Wikinger-Romane gelesen und gebe zu, dass meine Stichprobe entsprechend klein ist, aber ich war von allen dreien enttäuscht, auch von „Swords of Good Men“. Das Buch hat durchaus Potential, das Snorri Kristjánsson jedoch nicht zur Entfaltung bringen konnte, was wirklich schade ist, weil er sich eine faszinierende Epoche aussuchte, in der die Königreiche des Nordens einen Wandel durchlebten. Der Auftakt der „Valhalla Saga“ spielt 996 nach Christus und fällt damit genau in die Zeit der Christianisierung Norwegens. Der religiöse Konflikt, der als Initiator der Geschichte fungiert, ist folglich plausibel, authentisch und zum Teil sogar historisch belegt, denn Olav Tryggvason war damals tatsächlich König von Norwegen, dessen christliche Missionierung als ausgesprochen grausam und unnachgiebig galt. Es ist vorstellbar, dass er auf Widerstand in der Bevölkerung stieß, obwohl ich keine Hinweise darauf finden konnte, dass es den Kriegerbund, den Snorri Kristjánsson beschreibt, jemals gab. Das Problem mit der Darstellung dieses Konflikts in „Swords of Good Men“ besteht für mich darin, dass dieser gar nicht stattfindet. Der Kriegerbund, der den alten Glauben verteidigt, greift das (scheinbar) fiktive Stenvik an, nicht Olavs Armee. Stenvik ist König Olav längst nicht treu ergeben, die Einwohner_innen verehren heimlich noch immer das Götterpantheon um Odin. Fürst Sigurd unterwarf sich Olav lediglich, um seine Stadt zu schützen. Das heißt, wir erleben in diesem Buch nicht den Zusammenprall zweier Glaubenssysteme, sondern eine Art Stellvertreterkrieg, der meiner Meinung nach unlogisch ist, weil die Eskalation hätte vermieden werden können. Der Kriegerbund wird von einer Frau namens Skuld angeführt, die über paranormale Fähigkeiten verfügt. Unter anderem kann sie Menschen magisch manipulieren. Warum ist es dann nötig, Stenvik gewaltsam zu erobern? Wieso stachelt sie die Stadt nicht gegen den Lehnsherrn auf, der sowieso unbeliebt ist? Für mich ergab die Handlung daher von Vorneherein keinen Sinn und Kristjánssons unstrukturierte, erratische Erzählweise verschloss mir darüber hinaus den Zugang. Die Lektüre stresste mich, weil die Geschichte unter viel zu vielen unmotivierten Perspektiv- und Ortswechseln leidet. Diese Sprunghaftigkeit hinderte mich daran, Bindungen zu den zahlreichen Figuren aufzubauen; alles ging so schnell und ist so oberflächlich gestaltet, dass ich sogar Schwierigkeiten hatte, sie auseinanderzuhalten. Ihre Schicksale berührten mich nicht, was dazu führte, dass mich auch die blutigen Schlachtszenen kalt ließen, denn ich kann nicht mit Figuren fühlen, die mir fremd sind. Ebenso unbeeindruckt war ich vom Ende des Trilogieauftakts, das mir nicht überzeugend erschien und meinen Entschluss festigte, die „Valhalla Saga“ abzubrechen.

    Es besteht ein Unterschied zwischen einer temporeichen und einer unruhigen Geschichte. Leider scheint Snorri Kristjánsson dieser Unterschied nicht bewusst gewesen zu sein, als er „Swords of Good Men“ schrieb. Er glaubte offenbar, dass viele Wechsel im Setting und der Perspektive Voraussetzung für eine rasante Handlung sind. Sind sie nicht. Ich denke, hätte er sich auf wenige Perspektivcharaktere beschränkt, statt im Minutentakt ruckhaft von einer Figur zur nächsten zu springen, hätte ich die Mängel bezüglich der Logik verschmerzen können. Unlogisch, aber unterhaltsam kann ich aushalten – unlogisch und unzugänglich hingegen nicht.
    Das Experiment „Wikinger-Romane“ ist gescheitert. Ich bedauere, dass es Snorri Kristjánsson nicht gelang, das Ruder herumzureißen und mich für dieses Subgenre zu gewinnen. Ich will nicht ausschließen, dass ich noch mal ein entsprechendes Buch lesen werde, aber meine zielgerichtete Recherche ist hiermit beendet.

  19. Cover des Buches Weihnachten auf Luxulyan (ISBN: B01KG5FE2C)
    Katharina Münz

    Weihnachten auf Luxulyan

     (7)
    Aktuelle Rezension von: Rabiata

    Der Leser begleitet Melwyn in den Wochen vor Weihnachten im Jahr 880.
    Sie ist 18 Jahre alt und lebt in Cornwall auf der Burg ihres Vaters. Ihre Mutter wurde einst aus ihrer dänischen Heimat verschleppt und lebt nun als Köchin auf der Burg. Hin und wieder stattet der Burgherr ihr nachts einen Besuch ab, um seinen "Hunger" zu stillen. Aus einer dieser Begegnungen  ist auch Melwyn entstanden. Kurz vor Weihnachten wird Melwyn öffentlich als seine Tochter anerkannt und mit einem seiner Krieger verlobt.
    Die Geschichte ist zwar kurz, dennoch sehr gut ausgearbeitet und flüssig lesbar. Sie ist komplett aus der Sicht von Melwyn im Präsens erzählt. Dadurch entsteht eine große Nähe zu den Geschehnissen.

    Die Charaktere sind gut ausgearbeitet und wachsen dem Leser schnell ans Herz.

    Man ist gefesselt und wird sehr gut unterhalten.

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