Bücher mit dem Tag "integration"

Hier findest du alle Bücher, die LovelyBooks-Leser*innen mit dem Tag "integration" gekennzeichnet haben.

134 Bücher

  1. Cover des Buches HERKUNFT (ISBN: 9783442719709)
    Saša Stanišić

    HERKUNFT

    (294)
    Aktuelle Rezension von: Manona

    Bei Herkunft von Saša Stanišić, dem Autor mit Schmuck im Namen, hatte ich zunächst etwas anderes erwartet. Enttäuscht wurde ich aber nicht.

    Das Buch besteht aus mal kürzeren, mal längeren Kapiteln, in denen der Autor Geschichten aus seiner Familie in Jugoslawien erzählt. Gleichzeitig geht es auch um seine Jugend in Heidelberg, wo er nach seinen Flut vor dem Krieg lebt, und seinen weiteren Weg bis hin zum Studium. Dadurch entsteht kein ganz klassischer, geradliniger Roman, sondern eher ein vielschichtiges Erzählen über Familie, Herkunft, Erinnerung und Zugehörigkeit.

    Für mich ist die eigentliche Hauptperson des Buches seine Oma. Sie bleibt trotz des Krieges in Jugoslawien dort und bildet für mich eine Art Mittelpunkt der Erzählung. Ihre Geschichte und ihre Präsenz haben mich besonders berührt.

    Zur Mitte hin wurde mir das Buch stellenweise ein bisschen zu langatmig. Trotzdem vergebe ich fünf Sterne, weil die Geschichten insgesamt sehr eindrücklich sind, teilweise wirklich lustig erzählt werden und viele sympathische Menschen beschrieben werden. Gerade diese Mischung aus Humor, Erinnerung und Familiengeschichte hat mir sehr gut gefallen.

  2. Cover des Buches 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert (ISBN: 9783406831607)
    Yuval Noah Harari

    21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

    (122)
    Aktuelle Rezension von: Hoffe63

    Es ist einfach nur beneidenswert, diesen Gesamtüberblick zu haben und diese Verknüpfungen zu erstellen. Und dabei schreibt er, anders als der hochgelobte deutsche TV Neuphilosoph, völlig unaufgeregt und weitestgehend wertungsfre. Alle 3 Werke von ihm konnte ich kaum zur Seite legen und mindestens jedes schon 2x gelesen.

  3. Cover des Buches Bella Germania (ISBN: 9783596521807)
    Daniel Speck

    Bella Germania

    (215)
    Aktuelle Rezension von: Veezi

    Ich konnte dem Buch leider nicht so viel abgewinnen. Die Charaktere sind alle entweder toxisch oder aufgrund ihrer Entscheidungen todunglücklich. Einfach furchtbar. Ich glaube, es gab keine schöne Szene in diesem Buch - durchgängig Drama und Streit. Fehlende Kommunikation, Lügen gibt es zuhauf - echt nicht meins :( 

  4. Cover des Buches Björnstadt (ISBN: 9783442493906)
    Fredrik Backman

    Björnstadt

    (218)
    Aktuelle Rezension von: Aukje

    Für die Einwohner der kleinen schwedischen Stadt Björnstadt, fernab einer Großstadt mitten im Wald, ist Eishockey das wichtigste in ihrem Leben. Da mittlerweile nach und nach die jüngeren Einwohner weggezogen sind, erhoffen sich die Björnstädter nun das sich das Schicksal ihres Dorfes wendet, wenn die erfolgreiche Jugendmannschaft des 'Björnstädter Eishockeyclub' ins Finale kommt und der Rest der Welt auf sie aufmerksam wird. Als die Mannschaft das Heimspiel gewinnt und somit den Einzug ins Finale, artet die private After-Party ein wenig aus und die 15jährige Maya, die auch die Tochter des Clubdirektors des Vereins ist, wird von dem 17jährigen Starspieler der Mannschaft Kevin vergewaltigt. Als sie sich endlich traut sich ihren Eltern anzuvertrauen und diese daraufhin Kevin anzeigen, beginnt sich die Stimmung im Dorf zu kippen. Viele der Einwohner können nicht glauben das ihr Star so etwas tun könnte oder sie trauen sich einfach nicht die Wahrheit zu sagen, da sie Angst haben nachher gemieden zu werden und geben daher Maya und dadurch auch ihrem Vater Peter die Schuld den Eishockeyclub zu schaden. Von nun an sind Maya, ihre Familie und die Menschen die ihr glauben einer Lynchjustiz ausgesetzt.

    Ich muss zugeben das ich mich durch die ersten paar Seiten etwas durchquälen musste. Als ich jedoch in die Story reingefunden habe konnte ich das Buch nicht mehr zur Seite legen, da ich unbedingt wissen musste wie es weiter geht. Mir persönlich gefiel der ruhige und nicht zu dramatische Schreibstil und das langsame und allmähliche aufbauen bis zum Finale. Man konnte sich in die Charaktere gut hineinversetzen und dadurch ihre Handlungen nachvollziehen, auch wenn nicht alle richtig waren.

  5. Cover des Buches Sungs Laden (ISBN: 9783426305669)
    Karin Kalisa

    Sungs Laden

    (151)
    Aktuelle Rezension von: Lottchen

    Diese Geschichte liest sich wie ein modernes Wohlfühlmärchen. Alles fängt an mit Sungs Sohn, der ein Kulturgut aus Vietnam mit in die Schule nehmen soll. Er fragt seine Großmutter und gemeinsam schleppen sie eine alte Holzpuppe zur Aula, wo die Großmutter mithilfe der Puppe eine berührende Geschichte erzählt, die in Prenzlberg vieles in Gang setzt, was noch lange nachwirken wird.

    Mir hat der Erzählstil der Geschichte sehr gut gefallen. Man hat das Gefühl, das man am Rande steht und zuschaut, obwohl man mittendrin ist. Die Erzählstimme greift manchmal vor oder zurück, was dazu führt, dass man als Leser neugierig bleibt oder manche Zusammenhänge besser versteht. 

    Obwohl das Buch sich locker liest und viel Spaß bereitet, muss man sich schon ein wenig konzentrieren, da oft von Person zu Person gesprungen wird und man da aufpassen muss, den Faden nicht zu verlieren. Mir hat das aber sehr gut gefallen, weil man immer wieder neue Sichtweisen kennenlernt und jedes Mal aufs Neue überrascht wird.

    Insgesamt eine unterhaltsame, warme Geschichte über einen herrlichen Stadtteil in Berlin, in der Wunder wahr werden. Ich habe viel über Vietnam und das Leben der vietnamesischen Gastarbeiter in der DDR gelernt, aber auch über, was es bewirken kann, wenn Menschen mal ihre Scheuklappen ablegen und miteinander in Dialog gehen.

     Eine großartige, hoffnungsvolle Geschichte, die mich oft ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat. Lesenswert! 

  6. Cover des Buches Als ich unsichtbar war (ISBN: 9783404603565)
    Martin Pistorius

    Als ich unsichtbar war

    (154)
    Aktuelle Rezension von: natti_Lesemaus

    Ein sehr bewegendes Buch mit einem Tatsachenbericht der ernst und wichtig ist.

    Wie ein Junge krank wird und glauben das er nichts mehr mitbekommt  aber es bekommt alles mit, kann sich aber nicht verständlich machen. Da vergehen so Jahre, in dem wir bekommen, wie er sich langsam wieder zurück kämpft ins Leben.

    Ich fand das ganze sehr interessant und sehr Bewegend.  Unglaublich...

  7. Cover des Buches Isch geh Schulhof (ISBN: 9783404606962)
    Philipp Möller

    Isch geh Schulhof

    (256)
    Aktuelle Rezension von: JonasSchreiber

    Humorvoll geschrieben – und zugleich erschreckend, welche Menschen wir in unseren Schulen antreffen und die später einmal unsere Gesellschaft mitgestalten sollen. Man schwankt zwischen Lachen und Kopfschütteln, denn zwischen den Zeilen steckt bitterer Ernst. Respekt und Hochachtung vor allen Lehrkräften, die täglich mit Engagement, Geduld und Nervenstärke diesen Spagat meistern und dabei oft weit über ihre Grenzen hinausgehen.

  8. Cover des Buches Der Zopf meiner Großmutter (ISBN: 9783462004564)
    Alina Bronsky

    Der Zopf meiner Großmutter

    (190)
    Aktuelle Rezension von: frischelandluft

    Ich finde es immer wieder toll, wie Alina Bronsky es schafft, dass man im Laufe einer Geschichte Sympathie für unsympathische und kauzige Menschen empfindet. Ihre Romane sind für mich Plädoyers gegen Vorurteile und Verurteilung, sie lehrt genauer hinzusehen und die Geschichte hinter den Menschen wahrzunehmen. Ich mag ihre Romane sehr, die Plots sind eher ruhig und voller Alltag, aber fulminant ausgefüllt mit ungewöhnlichen Charakteren, die einem im Laufe der Geschichte ans Herz wachsen. Hier sind es ein 10jähriger Junge, der völlig unterschätzt wird, seine Großmutter, deren übermäßige Fürsorge teilweise in Kindesmisshandlung übergeht, ein loyaler Großvater, der seinen eigenen Weg geht und eine weitere Frau, die an der Menage-a-Trois fast zerbricht. Mit viel Komik, Feingefühl und Respekt wird die in Teilen traurige und tragische Geschichte aus der Perspektive des Enkels erzählt. Unbedingt lesenswert.

  9. Cover des Buches »Mama, bitte lern Deutsch« (ISBN: 9783426561140)
    Tahsim Durgun

    »Mama, bitte lern Deutsch«

    (190)
    Aktuelle Rezension von: Nadineza96

    Ich musste mich erst etwas an den Schreibstil gewöhnen, aber das Buch hat mich extrem gepackt. Ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen und empfehle es jedem dieses Buch einmal zu lesen!! Es ist wirklich sehr informativ und stellt perfekt die Probleme dar, die Menschen mit Migrationshintergrund widerfahren.
    Zudem ist das Buch sehr humorvoll geschrieben und dadurch leicht leserlich :) 

  10. Cover des Buches Guides - Die erste Stunde (ISBN: 9783959670937)
    Robison Wells

    Guides - Die erste Stunde

    (66)
    Aktuelle Rezension von: Der_Buchdrache
    Andere finden Überraschungen in den Buchläden, ich in der Bibliothek. Ganz unerwartet stolperte ich dort über »Guides – Die erste Stunde«, ein Science Fiction Roman von Robison Wells. Auch wenn es sich hier um eine sehr klassische Erstkontaktgeschichte handelte, konnte ich mich doch sehr dafür erwärmen.

    »Niemand weiß, was sich in dem gigantischen UFO befindet, das die Welt nach seinem Absturz in Atem hält. Und Alice ist sicher: Niemand außer ihr Vater, der für die NASA arbeitet, hätte seine siebzehnjährige Tochter jetzt auf ein Internat nach Minnesota gebracht - ausgerechnet mitten ins Zentrum der Katastrophe. Hier kommt Alice der Wahrheit hinter den Nachrichten gefährlich nahe. Doch mit der Wahrheit kommt auch die Angst vor den unbekannten Geschöpfen, die das Raumschiff verlassen …«
    (Quelle: Goodreads)

    Erstkontaktgeschichten gibt es viele, also solche Geschichten, wo es zu einer allerersten Berührung zwischen Menschen und Außerirdischen kommt. Deren liebste sind mir immer noch Arrival und Contact, aber auch »Guides« konnte mich begeistern.

    Dabei muss man eigentlich ganz objektiv sagen, dass »Guides« eigentlich wenig innovativ ist, was diesen Geschichtentypus angeht und doch eher in Richtung Independence Day geht statt Arrival. Der Plottwist am Ende war recht vorhersehbar, und ehrlich gesagt war das Ende ohnehin der schwächste Teil für mich.

    Dennoch: Der Rest hat Spaß gemacht zu lesen. Alice landet auf einem Internat, auf das vor allem Bonzenkinder gehen, also Leute mit ausreichend Geld und Prestige. Aber auch besondere Talente. Das heißt, dass die wenigsten Protagonisten wirklich doof sind und ganz im Gegenteil sogar oft kluge Kommentare zum Geschehen abgeben können und umfangreiches Allgemeinwissen mitbringen. Trotz allem sind sie Teenager und benehmen sich auch wie solche. Nur eben solche mit einem etwas höheren IQ als der Durchschnitt, was einem den einen oder anderen dämlichen Kommentar erspart.

    Alice hat indigene Wurzeln, die vor allem gegen Ende eine Rolle spielen, als sie zu ihrer Großmutter flieht. Ich kann leider nicht wirklich beurteilen, inwiefern dem Autor die Darstellung der indigenen Bevölkerung gelungen ist. Aber auf mich machte alles einen feinfühligen Eindruck und bot zudem einen interessanten kleinen Einblick in diese Lebensweise.

    Streckenweise hat der Roman eine sehr düstere Atmosphäre und dem Autor gelingt es gut, das auch zum Leser zu transportieren und diesem eine Gänsehaut zu bescheren. Besonders gefiel mir, wie die Protagonisten auf die entsprechenden Situationen reagierten, die teils weit jenseits der alltäglichen Erfahrungswelt liegen, und wie sich das auf ihre Psyche auswirkte. Der Schock, der sich mitunter einstellte, wurde realistisch dargestellt.

    Spannend war ebenso das Rätseln, was wirklich hinter der Anfunkt der Guides auf der Erde steht, denn es wird schnell klar, dass da mehr dahinter steht, als die Guides die Menschen glauben machen wollen. Auch wenn ich relativ schnell darauf kam, störte es mich nicht unbedingt, als meine Vermutung bestätigt wurde. Das Drumherum passte immer noch.

    Der Roman mag zwar nicht viel zu all den Erstkontaktgeschichten hinzufügen. Dennoch ist er kurzweilige, spannende Unterhaltung, ein empfehlenswerter Happen für Zwischendurch. Einen kleinen Gruselfaktor gibt es streckenweise ebenso, und Lesern, die mit der Darstellung von Gewalt und Gewaltopfern ihre Schwierigkeiten haben, sei eher von der Lektüre abgeraten. Allen anderen kann ich eine klare Leseempfehlung aussprechen.
  11. Cover des Buches Ausgerechnet Deutschland (ISBN: 9783442487011)
    Wladimir Kaminer

    Ausgerechnet Deutschland

    (13)
    Aktuelle Rezension von: Maimouna19

    In „Ausgerechnet Deutschland“ erzählt Wladimir Kaminer Geschichten von „unseren neuen Nachbarn“, überwiegend syrische Flüchtlinge auf der Flucht vor dem Krieg in ihrem Heimatland und auf der Suche nach einer neuen Heimat. Und so sind sie auf der Suche nach dem „Paradies“ in einem kleinen brandenburgischen Ort gelandet.

    Ich mag Kaminers Erzählstil schon seit „Russendisco“ und auch „Ausgerechnet Deutschland“ hat mich nicht enttäuscht. Selbst aus Russland geflohen, kann er die Sicht der Geflüchteten und die Schwierigkeiten im Umgang mit der deutschen Mentalität sicher besser nachvollziehen als der durchschnittliche deutsche Bürger.

    Entstanden ist ein Buch mit skurrilen, komischen, manchmal auch bissigen Kurzgeschichten, die mich zum Schmunzeln gebracht haben. Der Humor, aber auch die Herzenswärme Kaminers sind großartig. Und eine Prise Humor tut auch der Flüchtlingsdebatte gut – auf jeden Fall besser, als ständig zu lamentieren und Flüchtlingen die Schuld an allem zu geben, was in Deutschland schief läuft.  Die unterschiedlichen Mentalitäten und auch Sprachprobleme führen natürlich zu Missverständnissen, etwas mehr Toleranz und Offenheit für andere Lebenswelten könnte da durchaus hilfreich sein. Das Buch liefert hoffentlich dem einen oder anderen ein paar Denkanstöße – absolut lesenswert!

  12. Cover des Buches Realitätsschock (ISBN: 9783462000436)
    Sascha Lobo

    Realitätsschock

    (16)
    Aktuelle Rezension von: CocuriRuby

    Ich mag den Stil von Lobo – er verbindet sachliche Information mit dem angebrachten Nachdruck. Es ist sprachlich auf den Punkt und mit Witz (gerne auch mal trocken oder sarkastisch). 


    Lobo ist übrigens einer der wenigen Menschen bei denen Sarkasmus in Schriftform immer funktioniert. 

    Außerdem hat der Humor die Funktioniert, dass man nicht durchdreht – das Geschilderte ist nicht selten doch recht krass und kann einen ziemlich runter ziehen die Erkenntnis, dass es sogar noch ein wenig schlechter steht, als man ohnehin schon dachte. 

    Wenn man dann denkt „alles klar, ich gehe einfach nicht mehr vor die Tür“, kommt ein Witz um die Ecke und zieht einen aus die Depression. 


    Trotzdem habe ich immer nur ein Kapitel auf einmal gelesen, weil man das gelesene einfach mal sacken lassen muss und manches lässt sich nur schwerlich schlucken – der Titel ist da gut gewählt.

    Manchmal ist man geneigt den Glauben an die Menschheit zu verlieren – nicht dass das der Job des Autors gewesen wäre, aber hier und da hätte ich mir fast schon eine Art Anleitung gewünscht, was man denn als Einzelperson tun an. 


    Obwohl ich mich mit den meisten Themen bereits auseinander gesetzt hatte, habe ich neuen Inputt erhalten – Zahlen, Infos die mir neu waren. 

    Es gibt übrigens eine Homepage zum Buch, auf der u.a. alle Links zu den Quellen sind, auf die Lobo sich in seinen Aussagen stützt. 


    Die Themen sind sehr vielseitig und hängen doch irgendwie zusammen. Gemeinsamer Nenner ist z.B. die Digitalisierung – natürlich Lobo ist schließlich auch „unser aller digitaler Vater“, wie es Sophie Passmann mal sagte (bzw. schrieb).


    Die Themen die einen erwarten sind: Klima, Migration, Integration, Rechtsruck, China, künstliche Intelligenz, Gesundheit, Soziale Medien, Wirtschaft, die Jugend und einem geheimen Kapitel. 


    Ich halte Sascha Lobo für einen sehr intelligenten und reflektierten Menschen. Das bildet sich sowohl in seinen Vorträgen, Kolumnen, Podcast oder in diesem Buch ab. 

    Was man ihm aber schon vorhalten muss ist, dass er (natürlich) aus einer privilegierten Bubble heraus spricht, mit stark digitaler Brille, die manchmal auch etwas blind macht. 

    Wenn er z.B. schreibt, dass „Flexibilität“ früher das kapitalistische Schreckgespenst an den Arbeitnehmer meinte als verfügbare Verschiebemasse, heute aber eine Forderung an die Unternehmen sei – muss vermutlich jeder AN aus dem Einzelhandel mal kurz trocken lachen.
    In den Spären in denen Lobe verkehrt, mag das anders aussehen – Stichwort Bubble.


    Nichts desto trotz kann man viele Erkenntnisse und Denkanstöße aus dem Buch mitnehmen. Es bietet einen eine Möglichkeit der Interpretation des Geschehens um uns herum. 

  13. Cover des Buches Mit anderen Augen (ISBN: 9783548377865)
    Fabian Sixtus Körner

    Mit anderen Augen

    (33)
    Aktuelle Rezension von: peedee

    Eine Geburt verändert das Leben der werdenden Eltern für immer. Was, wenn das Kind nicht gesund ist? Was, wenn es behindert ist? Als der Autor im Kreisssaal seine Tochter Yanti zum ersten Mal im Arm hält, schaut sie ihn mit leicht schräg gestellten Augen an. Sie scheint anders zu sein… Der medizinische Code „Q90“ auf der Geburtskarte verrät: Trisomie 21! Wie soll das Leben nun für die Familie weitergehen?

    Erster Eindruck: Ein schönes Cover mit der kleinen Familie; ein guter Buchtitel – gefällt mir. Im Mittelteil des Buches hat zahlreiche Fotos, die einen solchen Bericht immer sehr bereichern.

    Der Name des Autors war mir zwar bekannt, aber ich habe bisher kein Buch des „Journeyman“ gelesen. Hier nun sein sehr persönlicher Bericht, wie die kleine Yanti das Leben ihrer Eltern auf den Kopf stellte. Gleich zu Beginn erwähnt der Autor seinen Pessimismus: „Ich bin Pessimist. Darin liegt mein Optimismus. Das Worst-Case-Szenario ist mein ständiger Begleiter – nur beunruhigt es mich nicht.“ Für mich wirkt der Autor überhaupt nicht pessimistisch, und ich denke, dass jemand, der solche (Abenteuer)Reisen macht, wo gar nicht alles durchgeplant werden kann, nicht wirklich pessimistisch sein kann.
    Der Start ins Leben ist für Yanti nicht einfach: sie kämpft mit mehreren gesundheitlichen Problemen und muss auf der Intensivstation liegen. Als Fabian seinen Eltern mitteilte, dass ihre Enkelin das Down-Syndrom habe, hat mich deren Reaktion sehr berührt. Sie hatten nicht, wie viele andere, Mitleid, sondern haben sich sehr über das Kind gefreut.
    Als freiheitsliebende und unternehmungslustige Menschen sind Fabian und seine Freundin Nico häufig und lange unterwegs. Können sie das auch noch mit Yanti? Ja, und ob! Als Fabian dies seinem Vater mitteilt, meinte der bloss stolz „Dann wird Yanti wohl das erste Surfer-Girl mit Down-Syndrom. Finde ich super.“

    Regelrecht erschütternd waren die Informationen zu den Schwangerschaftsabbrüchen, die in verschiedenen Ländern aufgrund der Diagnose Down-Syndrom erfolgen. In Island z.B. gibt es durchschnittlich zwei Geburten pro Jahr mit Down-Syndrom – und diese zwei Geburten seien meist auch nur das Resultat von Fehldiagnosen in der Schwangerschaft. Nahezu 100% werden somit abgetrieben. Ich will überhaupt nicht darüber richten, ob eine Abtreibung „richtig“ oder „falsch“ ist, schliesslich ist es eine persönliche und unwiderrufliche Entscheidung – es hat mich einfach sehr überrascht, solche harten Zahlen zu sehen.

    Den Bericht empfand ich als sehr persönlich, offen und ehrlich, er ist auch mutmachend. Von mir gibt es 5 Sterne.

  14. Cover des Buches Miracle Creek (ISBN: 9783423148146)
    Angie Kim

    Miracle Creek

    (232)
    Aktuelle Rezension von: Miamou

    Schon nach wenigen Seiten war für mich klar: Dieses Buch lässt mich nicht mehr los. „Miracle Creek“ hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen, vor allem durch das Gefühl, gemeinsam mit den Figuren nach und nach die Wahrheit aufzudecken.

    Im Mittelpunkt steht eine Explosion in einer Sauerstoffkammer, bei der mehrere Menschen ums Leben kommen. Ein Jahr später folgt der Gerichtsprozess, in dem die Mutter eines der Opfer angeklagt ist. Doch schnell wird deutlich, dass viele der Beteiligten nicht die ganze Wahrheit sagen und sich hinter den Aussagen weit mehr verbirgt, als zunächst sichtbar ist.

    Am Anfang stand ich vor vielen offenen Fragen – und genau dieses langsame „Aufblättern“ der Geschichte hat mich immer weiterlesen lassen. Mit jeder neuen Perspektive hat sich mein Blick verändert, und ich musste meine Einschätzungen immer wieder neu hinterfragen.Besonders beeindruckt hat mich die psychologische Tiefe des Romans. Die Figuren handeln oft in moralischen Grauzonen – manches konnte ich gut nachvollziehen, anderes weniger. Aber gerade diese Ambivalenz hat die Geschichte für mich so authentisch gemacht, weil es einfach keine einfachen Antworten gibt.

    Den Schreibstil habe ich als sehr flüssig und angenehm lesbar empfunden. Trotz der ernsten Themen lässt sich das Buch leicht lesen, ohne dabei an Tiefe zu verlieren, eher im Gegenteil, ich war schnell komplett in der Geschichte drin und konnte das Buch schwer aus der Hand legen. Auch die thematische Vielfalt hat mich überzeugt: Schuld, Verantwortung, Elternschaft, gesellschaftlicher Druck und all das wird aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und wirkt dadurch sehr vielschichtig.

    Ein Punkt, der mir beim Lesen aufgefallen ist: Es wurde (verständlicherweise) schon öfter kritisiert, dass die Figuren zu oberflächlich seien und es unmöglich ist Nähe aufzubauen. Für mich war das, gerade im Kontext der Gerichtsverhandlung, aber genauso richtig und auch passend. Vielleicht war es sogar gut nicht unbedingt mit einer der Personen zu sympathisieren. 

    Für mich ist „Miracle Creek“ ein ruhiger, psychologisch dichter Roman, der vor allem durch seine Struktur und die vielen Perspektiven lebt. Ich habe mich durchgehend sehr gut unterhalten gefühlt und war völlig in die Geschichte „vereinnahmt“.


  15. Cover des Buches Der Sympathisant (ISBN: 9783453439603)
    Viet Thanh Nguyen

    Der Sympathisant

    (51)
    Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer

    Der Vietnamkrieg (1955-1975) ist eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Bis zu fünf Millionen Vietnamesen wurden ermordet, davon waren etwa 4 Millionen Zivilisten. Mehrere Millionen Menschen wurden verstümmelt. Die USA setzten bei ihren Flächenbombardements Napalm- und Splitterbomben ein. Bei diesem Bombenterror wurden mehr Bomben abgeworfen als während des Zweiten Weltkrieges auf allen Kriegsschauplätzen zusammen. Sie erklärten ganze Gebiete als Free-Fire-Zone in denen jegliches Leben vernichtet werden durfte mit dem Maßstab des Bodycounts, also so viele „Gegner“ wie möglich zu töten. Wobei der Gegner dadurch definiert wurde, dass er tot war. Ist er tot, war es ein Vietcong und nur ein toter Vietcong ist ein guter Vietcong. Bis heute leidet die Bevölkerung unter den Bombenblindgängern und Landminen sowie der chemischen Kampfführung mit Agent Orange, so dass es immer noch jährlich Verletzte und Tote gibt. Bis heute glaubt jedoch ein Großteil der amerikanischen Bevölkerung es wären gerade einmal 100.000 Vietnamesen ermordet worden. Dass die USA diesen Krieg verloren haben, ist den meisten Menschen ebenso wenig bewusst. „Amerika hat den Krieg zwar verloren, aber den Krieg um die Erinnerung daran überall außerhalb Vietnams gewonnen, denn es dominiert das Filmemachen, die Buchveröffentlichungen, die Kunst und die historische Dokumentation.“ Viet Thanh Nguyen hat mit Der Sympathisant einen brillanten Roman geschrieben, der die Geschichte des Vietnamkrieges aus vietnamesischer Perspektive erzählt und damit die Dominanz der US-Geschichtsschreibung zumindest zum Wanken bringt.

    Mythos Vietnamkrieg

    Der Sympathisant ist ein namenloser Erzähler, der offensichtlich ein Geständnis zu Papier bringen muss. Was es damit auf sich hat, bleibt lange im Unklaren. Von Beginn an ist allerdings deutlich, was der Erzähler ist. „Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern.“ Viet Thanh Nguyen hat einen Doppelagenten erschaffen, der zwar für die Amerikaner und Südvietnamesen arbeitet, tatsächlich aber ein Agent der Nordvietnamesen ist. Dabei ist der Spion einem realen Vorbild nachempfunden nämlich Phạm Xuân Ẩn. Wie so vieles in Nguyens Geschichte ist wenig erfunden. Es sind literarische Verdichtungen, chronologische Abweichungen, die Protagonisten sind fiktiv, sind aber zugleich auch real, wenn auch nicht im konkreten individuellen Fall.

    Ngyuens Roman wird vom Feuilleton als moderner Spionagethriller gelabelt. Und das liegt natürlich auch nahe, beschreibt sich der Ich-Erzähler doch als Agent. Letztlich ist das aber nur die Rahmenhandlung, die einen zusätzlichen Spannungsbogen erzeugen und vor allem die Episoden verbinden soll. Denn letztlich ist der Sympathisant vor allem eine Abrechnung. Eine Abrechnung mit dem vorherrschenden westlichen Narrativ. Und dazu muss Nguyen zahlreiche Mythen auf- und angreifen, um sie möglicherweise für den einen oder anderen Leser auch zu zerstören. Dieser Kern der Erzählung ist selbst dermaßen spannend, dass bereits diese vietnamesischere Perspektive einen unglaublichen Spannungsbogen erzeugt. Als dritte Ebene gibt es noch eine Freundschaft dreier Männer, die bis ins Kinderalter zurückreicht und über ideologische Grenzen hinweg bestehen bleibt. Allerdings schließen sich zwei der Revolution an, während sich der dritte nicht nur für Südvietnam entscheidet, sondern auch an einem der grausamsten Mord- und Folterprogramme teilnimmt, der Operation Phoenix. Ein Vabanquespiel zwischen Konfrontation und Kooperation.

    Herz der Finsternis

    Der Agent ist ein Intellektueller. Trotz oder gerade wegen seiner professionellen Gespaltenheit, reflektiert er den Krieg, die USA, Vietnam, die Soldaten, Geheimdienste, Zivilisten, Politiker und nicht zuletzt sich selbst kritisch. Dadurch wird ein vielfältiger Blick auf die Jahre des Krieges und kurz danach geworfen. Kaum etwas wird ausgelassen. Ein Höhepunkt des Romans stellt sicherlich die Kritik an Hollywood dar. Der Spion verlässt 1975 am Ende des Vietnamkrieges (der in Vietnam Amerikanischer Krieg heißt), das Land und „flüchtet“ mit anderen Militärs in die Vereinigten Staaten. Hier soll er die Opposition, die Konterrevolutionäre überwachen.

    Er wird mehr oder weniger durch Zufall zum Berater für einen Vietnamfilm. Und dieser Film ist eine Anspielung auf die bekanntesten Vertreter des Genres. Man kann Parallelen zu Platoon, Full Metal Jacket und allen voran Apocalypse Now entdecken. Zu Francis Ford Coppolas Film gibt es eine herausragende Dokumentation seiner Frau Eleanor Reise ins Herz der Finsternis. Viele Szenen des Romans sind eine direkte Anspielung hierauf. Die grotesken wahren Ereignisse rund um Coppolas Film werden kongenial von Nguyen adaptiert und zu seiner Generalkritik verarbeitet.

    „Ich war so naiv zu glauben, den Organismus Hollywood von seinem Ziel abbringen zu können, nämlich der Lobotomisierung und Ausbeutung des Kinopublikums auf der ganzen Welt. Der zusätzliche Nutzen Hollywoods war Geschichtsschreibung nach dem Prinzip des Tagebaus. Die Realität blieb zusammen mit den Toten unter der Oberfläche, das staunende Publikum bekam nur die winzigen, funkelnden Diamanten. Hollywood erschuf nicht nur Monster, es war selbst ein Monster…“

    Es ist definitiv von Vorteil wenn man den Film Apocalypse Now kennt und noch gewinnbringender ist es, wenn man ein wenig von den Entstehungszusammenhängen des Films weiß. Wer sich nicht gleich die dreieinhalb Stunden Fassung „Redux“ anschauen möchte oder auch für die Dokumentation keine Zeit hat, sollte auf jeden Fall vorher den Artikel Am Ende waren alle verrückt gelesen haben. Nguyen greift mit seiner Hollywoodkritik einen Kern des amerikanischen Selbstverständnisses an. Die Traumfabrik produziert eben nicht nur schöne Märchen und fantastische Geschichten, sondern auch und nicht zuletzt erzeugt Hollywood das herrschende Narrativ, die einzig gültige Deutung über die Geschichte und Gegenwart.

    „Mit Filmen klopfte Amerika den Rest der Welt weich, erbarmungslos attackierte Hollywood die mentalen Abwehrkräfte des Publikums mit der Hit-, der Smash-, der Spektakel-, der Blockbuster- und ja, sogar mit der Kassenflopbombe. Es spielte keine Rolle, welche Geschichte die Zuschauer zu sehen bekamen. Entscheidend war, dass es die amerikanische Geschichte war, die sie sahen und mochten – bis zu dem Tag, an dem sie vielleicht selbst von den Flugzeugen bombardiert wurden, die sie in amerikanischen Filmen gesehen hatten.“

    Das Grauen des Krieges

    Eine Geschichte über den Vietnamkrieg kommt nicht ohne Folter aus. Die Wahrheit kann in einem Roman nicht verarbeitet werden, dazu waren die Foltermethoden schlichtweg zu grausam. Ngyuen greift aber einen wichtigen Aspekt der Folter auf, der zudem noch hochaktuell ist. Bei Folter geht es nicht darum Geständnisse zu erpressen oder Informationen zu gewinnen. Das ist lediglich die Rechtfertigung. Tatsächlich geht es bei Folter um Terror. Wir können euch schlimmeres antun als den Tod. Wir können euch den Tod verweigern. Die Amerikaner haben von den Nazis und den Franzosen im Algerienkrieg gelernt und die Foltermethoden verfeinert und verwissenschaftlicht. Herausgekommen ist KUBARK – das Handbuch, die Anleitung zum Foltern. Dabei geht es darum, die Persönlichkeit des Gefangenen zu brechen. Was in der Sympathisant teilweise grausam beschrieben wird, ist nichts anderes als das was immer noch gegenwärtig im Namen des War on Terror geschieht. Nicht nur hier hat Der Sympathisant Ähnlichkeiten mit dem kongenialen Roman American War von Omar El Akkad.

    „Wir seiften uns ein mit Tristesse und duschten uns ab mit Hoffnung, und obwohl wir fast jedem Gerücht glaubten, das uns zu Ohren kam, weigerte sich fast jeder von uns zu glauben, dass unsere Nation untergegangen war.“

    Der Sympathisant ist nicht nur eine Lektion in Geschichte, es ist eine Lektion in Selbst- und Medienkritik. Dass Viet Thanh Nguyen dieses schwierige Thema herausragend verpackt hat, zeigt nicht zuletzt die Auszeichnung mit dem Pulitzerpreis. Was allerdings auch bedeutet, dass er nicht allzu sehr aneckt. Denn eine schonungslose Erzählung sehe noch einmal ganz anders aus. Das wäre dann aber wohl zu konfrontativ geworden und damit wäre auch das Publikum nicht erreicht worden.

    Sein großartiger Schreibstil trumpft mit unzähligen grandiosen Metaphern, Sprachbildern und Allegorien auf, die es trotz des teils brutalen Themas schaffen, eine satirisch groteske Stimmung zu erzeugen. Der Sympathisant ist jetzt schon ein Klassiker. Feinste Literatur mit einem wichtigen und bewegenden Thema.

  16. Cover des Buches Tante Semra im Leberkäseland (ISBN: 9783596181230)
    Lale Akgün

    Tante Semra im Leberkäseland

    (50)
    Aktuelle Rezension von: Lesezeichenfee

    Lale Akgün hat die Geschichten ihrer türkisch-deutschen Familie niedergeschrieben. Mit 9 Jahren kam sie nach Deutschland und nachdem sie über 45 Jahre hier wohnte, hat sie ein Buch geschrieben. 


    Tante Semra im Leberkäseland ist ein nettes Buch, mit dem man nichts kaputt machen kann. Sehr sympathisch, unterhaltsam geschrieben. Ich hab es an einem Tag, an dem ich eh krank war gelesen und hab mich köstlich amüsiert. Es ist witzig und gut zu lesen. Der Schreibstil ist aus ihrer Sicht in Ich-Form geschrieben. 


    Allerdings wurden nur die Sachen aufgeschrieben, die krass vom „normalen“ abweichen und amüsant waren. So richtige Probleme gab es gar nicht. Es sind nur die guten Erinnerungen. Und da werden ganz schön verrückte Deutsche porträtiert, allerdings kenn ich keine, die SO sind. Es sah nach Klischees aus.


    Mein – Lesezeichenfees – Fazit:

    Wenn man keine Ansprüche stellt, eh krank ist, macht man mit diesem Buch nix kaputt und hat ein paar unterhaltsame Stunden. Falls man es noch kaufen kann, finde ich aber 14,90 Euro zu viel. Mehr als 10 Euro sollte so ein Softcover mit 255 Seiten nicht kosten, finde ich. 3 bis 4 Sterne für das Buch. 


  17. Cover des Buches Desintegriert euch! (ISBN: 9783442719143)
    Max Czollek

    Desintegriert euch!

    (3)
    Aktuelle Rezension von: Holden

    Ein tiefschürfendes Buch über die deutsche Schande, wirklich allen ans Herz gelegt. Sehr inhaltsschwer, so daß man nur langsam und mit Bedacht lesen kann. An die Walser-Rede konnte ich mich noch erinnern, sein Buch "Tod eines Kritikers" hätte vielleicht auch Erwähnung in diesem Appell finden können.

  18. Cover des Buches Die Sommer (ISBN: 9783446267602)
    Ronya Othmann

    Die Sommer

    (111)
    Aktuelle Rezension von: astridneurauter

    im gegensatz zu Teil 2, der für mich eher trocken und langwierig zu lesen war, da es viel politischer zu geht, ist dieses Buch sehr interessant .

    Man erfährt, wie ihr Vater in einem idyllischen Dorf nahe der Türkischen Grenze aufwuchs, die Ängste, was sie immer wieder hatten und fluchtbereit sein mußten, aber auch daß sie glücklich mit der gesamten Nachbarschaft lebten. Bis der vater anfang 80er mitten in der Nacht flüchten mußte, allein und zu Fuß bis zur zürkischen Grenze, wo erdann anschluß fand. Bis er in München ankam, dauerte es noch ein paar Wochen und er hatte dauernd Angst geschnappt zu werden und zurückgeschickt. Hätte seinen tod bedeuten können. 

    Warscheinlich für mich deswegen super, da es um einen wirklichen politischen Flüchtling geht, der nicht 1000e Euro zahlt um sicher in Europa zu landen. 

    Ein Mensch der in Europa schwarz schufften mußte und sich von klein auf was aufbaute,  bis er die Staatsbürgerschaft bekam, erst da konnte er unbeschwert leben. 

    Es wird auch die leichte Seite beschrieben, wie sie die Verwandtschaft nachholten, bevor 2015 der große Krieg ausbrach....aber lest selbst, ich bin hier neutral, akzeptiere alle Meinungen!

  19. Cover des Buches Das Integrationsparadox (ISBN: 9783462054279)
    Aladin El-Mafaalani

    Das Integrationsparadox

    (14)
    Aktuelle Rezension von: Buecherbaerchen

    Aladin El-Mafaalani argumentiert in seinem Werk, dass bessere Integration zu mehr Konflikten führt, weil mehr Dinge in der Gesellschaft ausgehandelt werden müssen und der Wohlstand anders verteilt wird. 

    Mit spannenden und klugen Argumenten zeigt er eine positive Perspektive von Konflikten auf, aber auch warum sich Menschen für sog. "Schließungstendenzen" entscheiden. Ein Beispiel ist mir dabei im Kopf geblieben, über welches ich immer noch nachdenke. So schreibt er, dass ein Mädchen den Salafismus für sich auswählen könnte, weil sie in diesem eine größere Gleichberechtigung sieht, als in ihrer Familie, wo ihr Bruder mehr Freiheiten hat, da im Salafismus Männer und Frauen strengen Regeln folgen müssen. Solche Argumente lassen immer wieder ein Nachdenken starten, sodass die Lektüre erfrischende Perspektiven auf unsere Gesellschaft und die Integration wirft. 

  20. Cover des Buches Wir sind (die) Weltklasse (ISBN: 9783446279247)
    Tanya Lieske

    Wir sind (die) Weltklasse

    (52)
    Aktuelle Rezension von: Coni90

    „Wir sind (die) Weltklasse“ richtet sich an Kinder ab etwa acht Jahren und überzeugt durch seine lebendige, alltagsnahe und diverse Darstellung des Schullebens. Die Geschichte folgt Adam, der mit seiner Familie von Polen nach Deutschland zieht und sich an einer neuen Schule in der "Igelklasse" zurechtfinden muss. Zum Glück findet er schnell Anschluss, denn in seiner Klasse kommt jeder „von irgendwoher“.

    Die Figuren wachsen einem schnell ans Herz. Besonders die Lehrerin beeindruckt durch ihre einfühlsame und kompetente Art, große und kleine Probleme der Kinder zu lösen. Auch die anderen Kinder sind bunt und vielfältig – die gelebte Diversität der Klasse wird authentisch dargestellt und bietet gleichzeitig Einblicke in die polnische Kultur.

    Der Sprachstil ist bewusst einfach gehalten, passend für die Zielgruppe. Die Handlung wirkt stellenweise etwas chaotisch und der rote Faden ist nicht immer klar erkennbar, dennoch macht gerade die lebendige Erzählweise den Charme des Buches aus. Lustige Szenen lockern die Geschichte auf, und die Illustrationen unterstützen das Lesevergnügen zusätzlich.

    Die Botschaft des Buches ist wertvoll und klar: Herkunft spielt keine Rolle – alle Kinder sind gleich viel wert, jeder bringt eigene Stärken und Schwächen mit. Das Buch vermittelt Zusammenhalt, Freundschaft und das Überwinden kultureller Unterschiede – Themen, die in Zeiten zunehmender rechtsgerichteter Tendenzen besonders wichtig sind.

    Alles in allem ist „Wir sind (die) Weltklasse“ ein warmherziges, lebensnahes Buch, das Kinder zum Nachdenken anregt, Empathie fördert und Mut macht, Vielfalt zu leben. Eine klare Empfehlung für junge Leser:innen und ein bereichernder Beitrag zu Themen wie Inklusion, Freundschaft und Zusammenhalt.

  21. Cover des Buches An einem Tag im November (ISBN: 9783453358829)
    Petra Hammesfahr

    An einem Tag im November

    (69)
    Aktuelle Rezension von: P_Gandalf

    Ein kleines Mädchen verschwindet aus einer gutbürgerlichen, wohlbehüteten Wohngegend an einem kalten, trüben und regnerischen Novembertag. Die Polizei steht vor dem schwierigen Problem den Nachmittag des Verschwindens zu rekonstruieren. Zeugen sind Mangelware und nicht jeder erzählt die Wahrheit....

    Meinung:

    Wie schon von vielen anderen geschrieben, hatte ich beim Lesen den Eindruck Berichte zu lesen und keinen Roman. Direkte Rede wird extrem wenig verwendet. 

    Der Fall der verschwundenen Emilie ist der rote Faden der Story. Daneben greift Petra Hammesfahr aber auch andere gesellschaftlich wichtige Themen auf; teilweise auch klischeebehaftet. 

    • Wie kann man die Gewalt von Jugendlichen wirksam bekämpfen?
    • Wer schreitet ein, wenn Gewalt in der Öffentlichkeit ausgeübt wird?
    • Was macht eine gute Mutter/Familie aus?
    • Wie können Arbeitswelt und Elternrollen sinnvoll und im Sinne der Kinder gestaltet werden?
    • Wie gut kennt man sich - auch in der direkten Nachbarschaft?
    • ....

    Durch die Vielzahl der angesprochenen Thematiken wirkt das Buch manchmal überladen und dem Leser werden gerade zu Beginn jede Menge Personen zugemutet.

    Viele Personen werden sehr detailliert beschrieben und man kann nachvollziehen, warum so gehandelt wird, wie gehandelt wird. Die Menschen wirken wie aus dem Leben gegriffen; und man muss nicht in allem mit ihnen übereinstimmen.

    Fazit:

    Ein Krimi, der ohne blutige oder ekelige Details auskommt und der mich am Ende nachdenklich zurückgelassen hat. 

    Man muss das Buch nicht gelesen haben, aber für mich hebt es sich aus dem Krimi-Einerlei deutlich ab; auch durch den ungewöhnlichen und gewöhnungsbedürftigen Schreibstil. 

    Wenn ich meine Kritik nochmal überfliege, denke ich es hätten auch 4 Sterne sein können...


  22. Cover des Buches Wer ist Wir? (ISBN: 9783406819803)
    Navid Kermani

    Wer ist Wir?

    (9)
    Aktuelle Rezension von: Orisha
    „Und doch habe ich in letzter Zeit häufiger den Alptraum, daß es gar keinen Ort mehr geben könnte in Europa, an dem die Muslime leben können.“ [Kermani (2016), S. 98]

    Kaum ein Thema beherrscht die Medien mehr, als das des Terrorismus, des Fundamentalismus. Kaum ein Tag scheint zu vergehen, ohne eine neue Gräueltat, die im Namen des Islam begangen wird. Und kaum eine Religion wird daher heißer diskutiert als der Islam. 

    Doch was ist der Islam? Was lehrt der Koran? Sind Muslime in Europa integrierbar, wo sie doch angeblich von westlichen Werten nichts halten, schließlich lehre der Koran anderes? Und was sind diese westliche Werte, auf die europäische Nationen immer wieder pochen? 

    Diesen, zugegeben überspitzt, formulierten Fragen geht Navid Kermani in seinem preisgekrönten Buch „Wer sind Wir? Deutschland und seine Muslime“ nach. Fragen, die relevanter sind denn je. Doch stellen wir überhaupt die richtigen Fragen? 

    Kermani jedenfalls tut es. Besonnen und durchdacht tritt er, der beinah hysterisch anmutenden Berichterstattung der Medien jeder Coleur entgegen. Weder gibt es „den Islam“ – ein Ausdruck der suggeriert es gäbe eine richtige, wahre Auslegung einer Religion – so wie es auch nicht „das Christentum“ gibt - es herrscht schlichtweg kein Konsens in der Auslegung von Religion, so wie es kein einheitliches Verständnis von westlichen Werten geben kann. Noch predigt der Koran explizit Gewalt. Man muss religiöse Schriften in ihrer Ganzheit verstehen. Das herausreißen einzelner Suren, die losgelöst von ihrem Kontext gelesen werden, bringt etwa genauso viel, wie Passagen der Bibel losgelöst zu betrachten. Man muss Differenzieren. „Denn nur Differenzierung ist die Voraussetzung, auf ein Problem angemessen zu reagieren“, schreibt Kermani.

    Er plädiert für ein Miteinander, für Akzeptanz, für den Dialog zwischen den Menschen. Damit sein Alptraum nicht wahr wird. 

    Fazit: Wer ein kluges, differenziertes Buch zum Thema sucht, dem sei Kermani wirklich ans Herz gelegt.
  23. Cover des Buches Heimaterde (ISBN: 9783746636252)
    Lucas Vogelsang

    Heimaterde

    (22)
    Aktuelle Rezension von: carathis
    Lucas Vogelsang nimmt uns mit auf eine Reise zu den Wurzeln der Menschen, ihrer Heimat, die sehr oft nicht an dem Ort liegt, wo sie leben.

    Der Klappentext hinter dem ungewöhnlichen und unglaublich schönen Cover, verriet mir, dass ich verschiedenen Menschen begegnen werde, die in Deutschland ein Zuhause haben, aber nicht unbedingt eine Heimat. Wie diese Heimaterde aber aussehen kann und ob sie als Gefühl, Stadt, bestimmte Gewohnheit oder als andere Lebewesen daherkommt, wird beschrieben und detailliert auseinander genommen. 

    Dieses Thema erschien mir überaus präsent, in den Medien und dem allgemeinen Umfeld und deswegen freute ich mir auf dieses Buch. Gegliedert ist es in verschiedene Städte bzw. deren "Brennpunkte" wie Castrop-Rauxel oder Rostock-Lichtenhagen. Dort trifft der Autor die Menschen, die teils dramatische Geschichten erlebt haben, aber oft daran gewachsen sind. 
    So trifft man zum Beispiel ein ungleiches Brüderpaar, die als Kinder durch Kontinente getrennt waren und nicht so recht in das jeweilige Land passen wollten. Doch sie fanden irgendwie wieder zusammen, zumindest so halb. Immer wieder treffen sich die Fäden aber wieder in Berlin, wo auch der Autor lebt. Und das merkt man ihm auch an.

    Die Sprache ist sehr direkt, manchmal zu derb und sprunghaft. Das muss man mögen. Es gibt auch Sätze, die man erst beim zweiten oder dritten Mal lesen  so richtig begreift, die Bilder aufnehmen, die mir manchmal die Luft nahmen. 
    "Es sind Orte wie Selbstmörder, sie halten den Zug auf, verlangsamen die Reise." 
    Solche Sätze waren mir zu krass, da wollte ich das Buch gleich weg legen. Aber die Menschen haben mich dann doch interessiert, ich wollte erfahren, was aus ihnen wurde. Und manchmal kann man die Situationen wohl auch nur so richtig darstellen, denn sie sind ab und zu hart. 

    Fazit: Da wir in Deutschland derzeit viele Menschen unterschiedlichster Herkunft aufnehmen, die teilweise hier auch eine Heimat finden möchten, bin ich der Meinung, dass Bücher wie dieses wichtig sind. Sie öffnen die Augen für die Probleme und Hoffnungen der Zugereisten. Ob man mit der Sprache zurecht kommt, muss jeder selbst feststellen, sie ist recht sachlich und direkt. Insgesamt ist es keine leichte Kost, aber die Mühe des Lesens wert. 

  24. Cover des Buches Desintegriert euch! (ISBN: 9783446260276)
    Max Czollek

    Desintegriert euch!

    (21)
    Aktuelle Rezension von: Trishen77

    Ich lebe in einem Land der reuevollen Nachfahren von Täter*innen/Anhänger*innen/Diener*innen einer zerstörerischen und menschenverachtenden Ideologie – mit dieser Erzählung bin ich aufgewachsen. Kann ich diese Vorstellung aufrechterhalten, wenn ich mir die Entwicklungen der letzten Jahre um den NSU und andere rassistisch motivierte Gewaltverbrechen, die AfD, Thilo Sarrazin, etc. (nebst ihrer Vorläufer wie Solingen, die NPD, Jürgen Möllemann, etc.) vor Augen halte?

    Natürlich reicht schon ein Blick in die unmittelbare Nachkriegsgeschichte (die auch Czollek in seinem Buch beleuchtet), mit ihrer nicht wirklich vonstattengegangenen Entnazifizierung, um an der Erzählung vom reuevollen Deutschland zu zweifeln, aber spätestens die unmittelbare Gegenwart hat es offengelegt: dieses Land, diese Gesellschaft, sie haben ein Problem. In dem Versuch, auf irgendeinem Weg wieder ein „gutes“ Deutschland herzustellen, ignorieren sie nicht nur gegenläufige Entwicklungen, sondern instrumentalisieren alles für diesen Zweck, was nur irgendwie dafür infrage kommt.

    Allen voran werden, so legt Czollek gut dar, die Juden (und Jüdinnen) für diesen Zweck eingespannt, als Überlebende/Nachkommen der größten Opfergruppe, die zu hofieren vermeintlich Absolution verspricht. Schon gleich zu Anfang legt Czollek dar, dass es in seinem Buch um dieses Missverhältnis und seine Nebenwirkungen & Folgen und natürlich um Gegenmaßnahmen geht.


    Er [der Text] ist der mal unterhaltsame, mal bedrückende Versuch, das deutsche Bild von den Juden zu analysieren – und zu fragen, was überhaupt die lebenden Juden und Jüdinnen damit zu tun haben. […] Dieses Buch ist keineswegs in der Absicht geschrieben, seine Themen möglichst unparteiisch und von allen Seiten zu betrachten. Ich spreche nicht von einer neutralen Position aus, sondern als Lyriker, Berliner und Jude. In wechselnder Reihenfolge. […]
    Wer von den Juden und Jüdinnen in Deutschland reden will, der darf auch von den Deutschen in Deutschland nicht schweigen. […] Nach wie vor bewegen sich Juden und Jüdinnen in einem Koordinationsfeld, das vom Begehren einer deutschen Position bestimmt wird. Dieses Begehren beschränkt die Repräsentation des Jüdischen auf Erfahrungen mit Antisemitismus, die Haltung zu Israel und den möglichen familiären oder künstlerischen Bezug zur Shoah. […] Deutsche wissen heute über Juden vor allem das eine: dass man sie umgebracht hat.


    Gegen diese Rollenzuweisung und die damit verbundene Fremdbestimmung des Bildes von Juden und Jüdinnen in der deutschen Öffentlichkeit begehrt Czollek auf und führt zusätzlich aus, dass eine solche externe Zuweisung auch bei anderen Bevölkerungsgruppen vorgenommen wird, immer mit dem Ziel, eine „deutsche“ Identität in Opposition/im Kontrast zu (vermeintlich einheitlich) anderen, „fremden“ Vorstellungen zu konstruieren.


    auch andere Gruppen sind einem ähnlich dominanten Erwartungsdruck ausgeliefert, etwa Muslim*innen, die sich permanent zu Geschlechterrollen, Terror und Integration äußern müssen und damit als Gegenbild zum Selbstverständnis der toleranten und aufgeklärten Deutschen dienen.


    So verbindet Czollek sein Aufbegehren gegen die eigene Fremdbestimmung mit dem Aufruf an alle dafür offenen Teile der Gesellschaft, Rollenzuweisungen an sich und andere zu überdenken. Darin (und in einer Desintegration, also dem Zurückweisen solcher Rollen) sieht er das Potenzial für ein Umdenken, das den Weg für eine Gesellschaft bereiten könnte, in der es wirklich um das Zusammenleben auf Augenhöhe und nicht um die von einer Gruppe vorgegebene Lebenswelt geht, in der andere mitleben dürfen, wenn sie sich allen Bedingungen und Parametern dieser Lebenswelt unterwerfen (das Wort „dienen“ am Ende des letzten Zitat ist also ein ziemlich passender Begriff) und nicht aus der Rolle fallen, die sich für die Konstruktion dieser Lebenswelt als nützlich erwiesen hat.

    Dass solche singulären Lebenswelten, ausgerichtet nach Vorstellungen von Leitkultur oder Heimat, immer Konstruktionen sind und nichts mit der Wirklichkeit, der bereits vorhandenen Vielfalt (auch innerhalb der vermeintlich klaren Bevölkerungsgruppen „Deutsche“, „Juden“, „Muslime“, etc.) zu tun haben, macht Czollek mehr als deutlich.


    Wenn ich vom Integrationsdenken oder vom Integrationsparadigma schreibe, dann meine ich die Konstruktion eines politischen und kulturellen Zentrums, das sich implizit oder ausdrücklich als ‚deutsch‘ versteht. […] Jedes Integrationsdenken behauptet ein Zentrum, das schon lange nicht mehr der gesellschaftlichen Realität entspricht, in der ich und meine Freund*innen leben. Die Realitätsferne der Integrationsforderung zeigt sich besonders deutlich im beständig wiederkehrenden Gewese um die deutsche Leitkultur. Dieses Phantasma wird derzeit auch mittels der Behauptung einer jüdisch-christlichen Tradition und einer mustergültigen Auseinandersetzung mit der Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg konstruiert. (Sollte es jemals eine jüdisch-christliche Kultur in Deutschland gegeben haben, dann ist das eine Kultur der Aneignung jüdischer Kultur und Schriften durch eine christliche Mehrheit, die sich einen Dreck um die kulturellen Beiträge und existenziellen Bedürfnisse der Juden und Jüdinnen in ihrer Mitte scherte und diese in guter Regelmäßigkeit verbannte, enteignete oder umbrachte) […] Mit dem Konzept der Desintegration schlage ich ein Gesellschaftsmodell vor, das solche neovölkischen Vorstellungen unmöglich macht. […] Wenn ich Ihnen, verehrte Leser*innen, »Desintegriert euch!« zurufe, dann geht es um mehr als eine jüdische Emanzipation aus einer allzu engen Rollenerwartung. Es geht um die grundlegende Reflexion des Verhältnisses zwischen deutscher Dominanzkultur und ihren Minderheiten.


    Anhand verschiedener historischer Ereignisse, wie etwa die Rede von Friedrich von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes, Martin Walsers Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreis des deutschen Buchhandels, die Fußball WM 2006 und den Einzug der AfD ins Parlament 2017, arbeitet Czollek den Wandel im Verhältnis der Deutschen zu ihrer Geschichte heraus. Für ihn ist diese vor allem eine Geschichte der Aneignung und Umdeutung, eine Dynamik, die auch heute noch stur fortgesetzt wird.

    Ein Beispiel zur Aneignung:


    Es ist ein Akt der Aneignung, wenn Joachim Gauck am Holocaust Gedenktag 2015 behauptet, die Rückkehr der Juden sei »ein Geschenk für uns Deutsche.« Juden und Jüdinnen sind keine Geschenke, schon gar nicht an Deutsche. Und sie sind nicht wegen, sondern trotz dieser Deutschen und ihrer Geschichte hier. […] In der Dankbarkeit des damaligen Bundespräsidenten drückt sich dieselbe narzisstische Selbstverständlichkeit aus, mit der Deutsche davon ausgehen, ihr Bedürfnis nach Normalisierung wäre ein allgemein geteiltes Bedürfnis. Das ist es nicht. Auch nach Auschwitz muss sich nicht alles um die deutschen Täter*innen drehen.


    Ein Beispiel der Umdeutung:


    Weil die Deutschen nicht mehr völkisch, antisemitisch und rassistisch sein wollen, muss sich die politische Realität entsprechend verhalten. Da werden die 12,6 Prozent AfD-Wähler*innen eben von einer Affirmation völkischen Denkens zu einem Ausdruck politischer Frustration umgedeutet. […] Rechtes Denken hat eine besondere Qualität in Deutschland. Weil das so ist, will dieses Buch mit größtmöglichem Nachdruck für mehr Unnormalität plädieren. Wir müssen weg von der Sehnsucht nach Normalität.


    Alles läuft letztlich mehr oder weniger darauf hinaus: das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Geschichte ist sehr viel ungeklärter als ihr Selbstbild glauben lassen will; dieses Selbstbild ist ein Zerrbild, das nur mithilfe von vielerlei Konstruktionsmechanismen einigermaßen glatt aussieht (wobei es dennoch, wenn bspw. Czollek gelesen hat, so schwammig wirkt, dass man sich schon fragt, wer darauf hereinfallen soll). In dem Versuch, irgendwie die Verbrechen des Dritten Reiches hinter sich zu lassen, was im Prinzip ein Ding der Unmöglichkeit ist, behilft man sich mit frommen Überwindungswünschen, mit Absichtserklärungen, mit Inszenierungen, statt mit Taten, die zeigen, dass man die Vergangenheit und alle ihre noch vorhandenen Auswirkungen ernst nimmt und nicht nur den Eindruck aufrechterhalten will.

    In seinem 2015 erschienen Film „Where to invade next“ besucht der amerikanische Regisseur Michael Moore Länder, von denen er glaubt, dass ihre Einstellung zu bestimmten Aspekten ein Vorbild für die USA sein sollte. In Deutschland geht es dabei um die Erinnerungskultur, die Moore der fehlenden US-amerikanischen Auseinandersetzung mit Sklaverei & dem Genozid an den Ureinwohner*innen gegenüberstellt. Czollek zeigt, dass, wenn wir diesem Bild gerecht werden wollen, die Art, wie wir diese Erinnerungskultur inszenieren und instrumentalisieren, überdenken müssen (Betonung auf müssen). Sie kann, richtig reflektiert und ausgerichtet, ein wichtiger Beitrag zu einer Welt sein, die bereit ist, aus der Geschichte zu lernen (so meine Überzeugung, ich weiß nicht, inwieweit Czollek sie teilen würde), aber ist derzeit auf dem besten Weg, dazu beizutragen, dass Geschichte sich wiederholt.

    Am Ende seines Buches, das noch um einiges vielschichtiger ist, als ich bis hierhin dargestellt habe (u.a. gibt es noch jede Menge Überlegungen zu Rache, Kunst, Humor, in deren Zusammenhang Czollek vor allem (zeitgenössische) jüdische Positionen erarbeitet/darstellt), zitiert Czollek den armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink: „Wenn du deine Identität nur durch ein Feindbild aufrechterhalten kannst, dann ist deine Identität eine Krankheit.“ Ich glaube, das ist ein wichtiger Merksatz, wenn es um die Sicherung des Überlebens der positiven und Diversität beanspruchenden Errungenschaften geht, die eine offene Gesellschaft überhaupt erst gewährleisten können. Insofern: beherzigen! Und: lesen!

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freund*innen und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber*innen und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Hol dir mehr von LovelyBooks