Bücher mit dem Tag "jüdisch"
32 Bücher
- Frank Schätzing
Breaking News
(199)Aktuelle Rezension von: Andrea_BlaurockFür dieses Buch muss man sich Zeit nehmen, nicht nur, weil zwei Zeitstränge aufeinander zulaufen.
Wer wirklich verstehen will, muss manchmal zurückblättern, manchmal mit geschlossenen Augen tief Luft holen.
In diesem Buch geht es um Israel und Palästina .
In diesem Roman wird Sensationsjagd und Faktentreue im Journalismus knallhart bloßgestellt.
Hier wird über Flucht und Vertreibung, Ankommen und Abschied schonungslos berichtet.
Dabei wird immer wieder klar Hass und Liebe passen in unsere beiden Herzkammern.
Alles ist so weit weg und ganz nah, dass man manchmal einfach nur den Spiegel abhängen möchte.
Wer Schätzing kennt, weiß, dass er es seinen Lesern nicht leicht macht. Hier präsentiert er ein Meisterstück. Nicht nur, dass man stets zwischen Zorn und Mitleid, Glauben und Staunen Schuld und Unschuld hin und hergerissen wird,, wie der Journalist selbst wird man immer wieder mitten ins Geschehen geworfen und manchmal auch kalt gestellt. Als wollte der Autor sagen, mach eine Denkpause. Dabei bin ich erschrocken, wie lange ich diese Geschichte schon miterlebe und doch ratlos passiv bin.
Mit diesen Familien habe ich gelacht und geweint, obwohl oder gerade weil die Sprache oft recht derb und ruppig ist und dann wieder ganz zart Sonnenuntergänge und Trauer sprachlich zelebriert wird.
Danke für dieses aufregende Buch, dass einen anderen Titel verdient." Breaking News" ist wie ein Streifschuss und trifft die Sache nicht
- Jonathan Safran Foer
Extremely Loud and Incredibly Close
(274)Aktuelle Rezension von: HamburgerinDieses Buch ist ein Kunstwerk. Fotos, Seiten, auf denen nur ein Satz zu lesen ist, leere Seiten, ein Zahlencode, der Gefühle ausdrückt oder das Daumenkino am Ende des Buches - all das habe ich nicht als effekthascherische Masche empfunden, sondern als kreative Darstellungsform, die hervorragend zur Geschichte passt.
Darin geht es um den 9-jährigen Oscar Schell, dessen Vater am 11. September ums Leben kam. Oscar findet unter den Sachen seines Vaters einen Schlüssel und macht sich nun auf, das passende Schloss zu finden. Eine schwierige Aufgabe, aber sie hilft ihm, seine Trauer zu bewältigen.
Oscar, ein liebenswerter Knirps und Klugscheißer, lernt New York und eine Menge Leute kennen. Der Leser lernt seine Familie kennen, vielmehr die Geschichte seiner jüdischen Großeltern, die die Kriegstage in Dresden erlebten.
So kreativ wie die Aufmachung ist Foers Schreibstil - ohne dabei gewollt anders zu wirken. Foer gelingt es, dramatische und traurige Ereignisse so unsentimental wie gefühlvoll zu verpacken, dabei die Spannung zu halten und dazu noch witzig zu sein.
Ich habe jede Zeile genossen, habe mich gefreut, Familie Schell und besonders den kleinen Oscar kennen zu lernen. Ein ungewöhnliches, brillantes Leseerlebnis. - Deborah Feldman
Unorthodox
(293)Aktuelle Rezension von: StreiflichtDieses Buch lag schon länger auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Warum ich es so lange nicht gelesen habe, kann ich gar nicht sagen, denn ich war total neugierig darauf. Und ich muss sagen, das Buch hat mich wirklich gefesselt. Es hat mich sehr berührt und lange beschäftigt. Die Autorin ist nur wenig jünger als ich und ich fand es faszinierend und erschreckend zugleich, wie sehr sich ihr Leben von meinem unterscheidet. Ihre Kindheit und Jugend bei den Satmarern ist unfassbar strikt und streng von Regeln und Vorgaben geprägt. Alles ist reglementiert, Bildung nicht gerne gesehen und ein eigener Wille sowieso nicht. Wenn man das alles so liest, wundert man sich, dass jemand die Kraft und Energie und auch den Mut hat, sich aus dieser Welt zu befreien.
Anders als Befreiung kann man es kaum nennen, finde ich. Man kann an manchen Stellen kaum glauben, dass es heutzutage in New York so ein Leben geben kann – und gleichzeitig wirkt das Erzählte sehr authentisch, offen und ehrlich.
Wer sich für andere Religionen, Traditionen und Gebräuche interessiert, wird das Buch gerne lesen. Ich habe viel Wissen mitgenommen, auch weil ich neben der Lektüre noch einiges recherchiert habe. Absolut spannend – ich denke, ich werde auch das Nachfolgerbuch bald lesen, weil es mich doch interessiert, wie es mit Deborah weitergegangen ist.
- Chris Kraus
Das kalte Blut
(29)Aktuelle Rezension von: dunkelbuchIn diesem Roman geht es um die radikale, systematische Vernichtung von Menschen während des zweiten Weltkriegs. Aus Sicht des Täters. Zwei Brüder werden als SS-Männer mit der „Säuberung“ im Osten und Westen des „Großdeutschen Reichs“ beauftragt. Beide lieben sie die Jüdin Ev, die traumatisiert aus Auschwitz zurückkehrt, wo sie zur Folterung von Häftlingen gezwungen wurde. Nach dem Krieg wechseln die Brüder Hub und Koja zu anderen Geheimdiensten, CIA und KGB, dienen als Doppelagenten mal hier mal da der „Sache“. Harte Kost, die anfangs in schönen Bildern und einem lockeren Erzählstil in das Buch zieht. 1974 beichtet der Ich-Erzähler Koja einem Hippie-Leidensgenossen in einem Krankenhaus seine Vergehen. Dabei schweift er immer wieder in melancholische Erinnerungen ab. Koja ist ein Künstler, hält alles mit Graphit auf Papier fest, lernt Heinrich Himmler kennen und beeindruckt ihn. Sein Bruder Hub möchte den „Zartbesaiteten“ beschützen. Er sorgt dafür, dass Koja versetzt wird, sobald er zu Massenhinrichtungen abkommandiert werden soll, doch eines Tages kann Hub es nicht mehr verhindern. Und Koja ballert ein ganzes Magazin auf einen Säugling.
Es gibt wunderschöne Metaphern in dem Buch, aber die will man als Leser mit zunehmender Enthüllung der Grausamkeiten nicht mehr genießen. Der Roman erinnert an die wahren Schicksale und pflanzt sie damit in die Gedächtnisse von uns Nachgeborenen ein oder besser, er ätzt sie ein. Für „Das kalte Blut“ hat er penibel in seiner eigenen Familiengeschichte recherchiert. Trotz bester Absichten zerfällt der Roman für mich als Leser aber eher in einen Bericht als in eine runde Gesamterzählung.Ein bedrückendes aber gutesBuch.
- Max Czollek
Desintegriert euch!
(3)Aktuelle Rezension von: HoldenEin tiefschürfendes Buch über die deutsche Schande, wirklich allen ans Herz gelegt. Sehr inhaltsschwer, so daß man nur langsam und mit Bedacht lesen kann. An die Walser-Rede konnte ich mich noch erinnern, sein Buch "Tod eines Kritikers" hätte vielleicht auch Erwähnung in diesem Appell finden können.
- Thomas Meyer
Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse
(100)Aktuelle Rezension von: Tilman_SchneiderMordechai Wolkenbruch wird von seine Mama liebevoll Motti genant. Der orthodoxe Jude lebt mit 25 Jahren immer noch zu Hause, aber er will dies ändern. Seine Mama leider auch und so präsentiert sie ihm eine Heiratskandidatin nach der Anderen. Komisch, sie sind irgendwie alle wie sie, aber Motti hat andere Probleme. Sein Leben ist etwas aus den Fugen geraten, denn während seines Studiums an der Universität in Zürich hat er eine Schickse (nicht jüdische Frau) kennen gelernt. Sie ist einfach faszinierend und Motti macht sich Gedanken über seine Religion, seine Familie, seine Gefühle, seine Vergangenheit und vor allem über seine eigene Zukunft. Welches ist die richtige Reiseroute? Thomas Meysers Buch ist ein Knaller! Man muss wahnsinnig viel Lachen, aber manchmal bleibt einem das Lachen auch im Halse stecken und sie wie er die richtige jüdische Lebensart sucht, so werden wir angeregt, unsere eigenen Lebenswege, Gedanken und Gefühle zu überdenken. Die vielen jüdischen Worte erklären sich von selbst und ich habe sie nicht als Stolpersteine empfunden, aber sie regen an, sich etwas näher damit zu beschäftigen und nach zu schlagen. Dieses Buch ist kein Wolkenbruch, aber eine ganz großartige Reise in die Arme einer Schickse.
- Shalom Auslander
Eine Vorhaut klagt an
(21)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerShalom Auslander wuchs in einer jüdisch-othodoxen Familie in Monsey,New York, auf und " Eine Vorhaut klagt an" ist seine große Abrechnung mit Gott. Aufgewachsen wie ein "Kalb" in einem vollkommen abgeschotteten Umfeld unter den ulthraorthodoxen Juden New Yorks, hatte er sich den göttlichen Gesetzen und Traditionen seines Vaters und des Rabbis unterzuordnen. Über allen und allem thronte Gott, der sein Leben zur Hölle auf Erden machte. Shalom erinnert sich, wie er jeden Tag dagegen ankämpfen musste, sich ständig rechtfertigen musste, und warum er bis heute Gottes Zorn fürchtet wie den Tod. Die TAZ schreibt: "Ein großartiger Roman über die Tücken fundamentalistischer Religiösität". Dem kann ich nur bedingt zustimmen. Es ist ein Roman, über die Tücken fundamentalistischer Religiösität, aber großartig.....? Interessant sind die Einblicke in die Lebensweise der ultraorthodoxen/orthodoxen Juden - vielleicht nicht nur in New York - sondern überall. Manche seiner Erlebnisse, mögen auch vielleicht eher in seinem Kopf entstanden sein, was nicht verwundern würde, dieser Mann ist seit Jahren in therapeutischer Behandlung. Nicht immer, sind bei Mißgeschicken die Eltern/Großeltern und vor allem Gott schuld, manches ist auch ganz einfach selbstverschuldet. Abstoßend fand ich zum Teil die Ausdrucksweise, die manchmal mehr als ordinär und unterste Schublade war. Ein respektloses Ätsch gen Himmel mag ja lustig sein, aber Fäkal-Sprache finde ich in diesem Bereich nicht angebracht. 3 Punkte trotzdem und nicht 2, wegen der Einblicke in diese abgeschottete Gemeinschaft und des ab und an aufflammenden, hintergründigen Humors. - Leon de Winter
Leo Kaplan
(55)Aktuelle Rezension von: Ruby SummerAuf der Suche nach Lektüre für den diesjährigen Sommerurlaub bin ich in einem Antiquariat auf diesen Roman gestoßen. Es ist der erste, den ich von de Winter gelesen habe, wird aber nicht der letzte bleiben.
Leo Kaplan sehnt sich nach Liebe und - so simpel es auch klingen mag - findet sie erst, nachdem er begonnen hat, sich selbst zu lieben und mit seiner Vergangenheit zu versöhnen. Vor diesem Hintergrund ist es zwar einerseits traurig, dass aus einem zweiten Beziehungsanlauf mit seiner Jugendliebe Ellen nichts wird, andererseits wäre es aber wohl auch zu einfach gewesen. Vieles ist in den zwanzig Jahren, die im Roman thematisiert werden, geschehen und das "große Geheimnis" - nämlich, dass Ellen entgegen ihrer damaligen Aussage das gemeinsame Kind nicht abgetrieben, sondern zusammen mit ihrem jetzigen Mann groß gezogen hat - bleibt ungelüftet.
Meiner Erfahrung nach schreibt de Winter so geschickt, dass ich abwechselnd schweißgebadet mit den Protagonisten mitgefiebert habe und dann wieder schreien wollte: "Warum sagst du denn nichts? Es könnte doch so leicht sein, wenn du es nur sagen würdest!" Ich war sowohl Leo als auch Ellen und habe manchmal leise weinend im Wohnwagen gelegen und gelesen, während Mann und Kind friedlich schlummerten.
Trotzdem ich mir insgeheim gewünscht habe, dass Leo und Ellen wieder zueinander finden, war ich nicht enttäuscht, dass der Autor ein anderes Ende gewählt hat. Allzu berührend ist die Szene, in der Leo ein letztes Mal zur "Schul" geht, um seinem verstorbenen Vater die Ehre zu erweisen.
Insgesamt ein Roman, der mich sehr beeindruckt hat und den ich so schnell nicht mehr vergessen werde. - Ayelet Gundar-Goshen
Wo der Wolf lauert
(98)Aktuelle Rezension von: AischaDer Roman "Wo der Wolf lauert" von Ayelet Gundar-Goshen hat mich wirklich beeindruckt. Aus meiner Sicht gelingt es der Autorin auf bemerkenswerte Weise, persönliche Schicksale mit gesellschaftlichen Spannungen zu verweben und dabei eine durchgehend fesselnde Atmosphäre zu erzeugen.
Besonders interessant finde ich den biografischen Hintergrund: Die israelische Autorin lebte selbst einige Jahre mit ihrer Familie in Kalifornien, bevor sie nach Tel Aviv zurückkehrte. Diese Erfahrung spiegelt sich deutlich in der Figur der Protagonistin Lilach wider. Auch sie verlässt Israel und zieht an die Westküste der USA – letztlich, um „den dortigen Wahnsinn gegen den hiesigen zu tauschen“. Dieser Satz bringt die zentrale Illusion des Romans prägnant auf den Punkt: die Vorstellung, Sicherheit sei nur eine Frage des Ortes.
Doch gerade diese Erwartung wird eindrucksvoll dekonstruiert. Lilach flieht vor der allgegenwärtigen Bedrohung durch Terror und Raketenbeschuss in Israel, nur um festzustellen, dass auch in Palo Alto – vermeintlich eine der ruhigsten, grünsten und sichersten Städte der USA – unterschwellige und ganz reale Gefahren existieren. Diese Verschiebung von äußerer zu innerer Unsicherheit ist eines der stärksten Motive des Buches.
Die Handlung gewinnt zusätzlich an Intensität durch folgenden dramatischen Auslöser: Ein schwarzer Mitschüler, der Lilachs Sohn zuvor gemobbt hat, stirbt plötzlich, und der Sohn gerät unter Mordverdacht. Daraus entwickelt sich ein hochspannendes, sozialkritisches Familiendrama, das zugleich Elemente eines Wirtschaftsspionage-Krimis enthält. Diese Genreverknüpfung wirkt durchdacht und nie konstruiert.
Besonders überzeugend sind die Figurenzeichnungen und Dialoge. Die Charaktere wirken komplex, glaubwürdig und in ihren inneren Konflikten sehr nachvollziehbar. Gleichzeitig zeichnet der Roman ein scharfes Bild gesellschaftlicher Entwicklungen: Das Erstarken von Antisemitismus und Alltagsrassismus während der ersten Amtszeit von Donald Trump wird klar herausgearbeitet.
Ein kleiner Kritikpunkt betrifft aus meiner Sicht die Übersetzung. An einigen Stellen wirkt die Sprache etwas unnatürlich – etwa wenn von „organisch essen“ die Rede ist, wo man im Deutschen eher „Bio essen“ sagen würde. Über solche Details bin ich gelegentlich gestolpert, sie ändern jedoch nichts an meinem insgesamt sehr positiven Eindruck.
"Wo der Wolf lauert" ist ein äußerst gelungener, vielschichtiger Roman, der Spannung, gesellschaftliche Relevanz und psychologische Tiefe auf hohem Niveau verbindet.
- Adriana Altaras
Doitscha
(25)Aktuelle Rezension von: 3erMamaAdriana Altaras, die auch Schauspielerin ist, schreibt einfach ganz fantastisch über den Alltag, das Leben, die Generationen, das jüdische Leben und die dadurch auftauchenden Probleme und Sorgen.
Ich habe oftmals herzlich gelacht und man kann sich nicht nur einmal davon eine Scheibe abschneiden, mit wieviel Humor sie Sorgen und Probleme meistert.
Danke für diesen wunderbaren Einblick. - Micha Lewinsky
Sobald wir angekommen sind
(85)Aktuelle Rezension von: sommerleseIm Diogenes Verlag erscheint der Roman "Sobald wir angekommen sind" von Micha Lewinsky.
Ben Oppenheim ist fast fünfzig, hat Geldsorgen und Rücken und in einer Midlife-Krise gefangen. Nach seinem Debüt als Autor versucht er vergeblich an den Erfolg anzuknüpfen, doch das klappt einfach nicht. Er schiebt es auf seine aktuelle Lebenssituation, seine Ehe mit Marina ist zerbrochen, mit ihr hat er zwei Kinder und lebt in einer Beziehung mit einer Künstlerin. Die Kriegsvorgänge in Osteuropa machen ihm so sehr Angst, dass er mit Frau und Kindern vor seinen privaten und den weltlichen Sorgen nach Brasilien flieht. Aus der Schweiz nach Brasilien, so wie Stefan Zweig. Was Zweig konnte, kann einem Ben Oppenheim auch nur gelingen. Doch so einfach er sich das vorstellt, ist es nicht.
"Das Leitmotiv des Judentums aber, die Angst, verfolgt und vertrieben zu werden, musste man schon mit der Muttermilch aufsaugen." Zitat Seite 144
Ben Oppenheim ist Jude, nicht sehr gläubig und ein absolut egoistischer Typ mit wirren Gedanken, erfolglos, unentschlossen, unsensibel und bekommt seine Ehe nicht gerettet, aber auch die Beziehung zu seiner neuen Freundin klappt nicht so recht. Außerdem glaubt er daran, zu einem Volk zu gehören, dem die Flucht seit Urzeiten in die Wiege gelegt wurde. Und so lassen ihn düstere Nachrichten sofort an einen drohenden Atomkrieg denken und er flieht Hals über Kopf nach Brasilien.
In dieser Handlung wird tragisch deutlich, welches Schicksal viele jüdische Menschen durch Flucht und den Verlust von Heimat durchmachen. Doch was Ben einfach unausstehlich macht, ist seine Ansicht, einfach der tollste Mann zu sein und ständig seine Meinung zu ändern. Das fand ich recht nervig, nur seine ironischen Ansichten und die Erlebnisse von Bens Frauen (mit oder ohne ihn) ließen mich weiter lesen.
Micha Lewinsky zeigt auf ironische Weise Bens zwiegespaltene Sichtweise auf sein Leben, seine Frauen und die Angst vor dem Weltgeschehen. Es mischen sich ernste Themen mit seichten, dazu kommen Bens sexuelle Gedanken, die zeigen, wie egoistisch er tickt. Kein Sympath, kein Mann, den man gerne kennenlernen möchte und ein echter Anti-Held!
Bei dieser Lektüre hat mir der angenehm zu lesende Schreibstil und der eingebaute Humor gefallen. Und obwohl ich Ben überhaupt nicht mochte, hat mich Lewinsky mit seiner Geschichte gefesselt.
Eine Geschichte über einen Anti-Helden, die von Flucht, Furcht und innerer Zerrissenheit erzählt!
- Leon de Winter
Zionoco
(24)Aktuelle Rezension von: Hubertus_FeldmannZugegeben, die Überschrift klingt etwas an den Haaren herbeigezogen. Aber im Wesentlichen sind es schon die Ingredienzien eines fulminanten Romans, der in seiner Tiefe den jüdischen Glauben (u.a. Konflikt zwischen orthodoxen Juden und Reformjuden), die Sehnsucht nach Erfüllung sowie eine komplexe Vater-Sohn-Beziehung beinhaltet.
Unzweifelhaft sind hiermit die Inhalte dieses Romans kaum auf den Punkt gebracht, denn es fällt schwer, dieser variantenreichen Fülle von sexueller Triebhaftigkeit, kindlich-naiven Glaubensvorstellungen, kontrastiert zum Teil an einem durchaus exakten naturwissenschaftlichen Weltbild (vermittelt durch die Geliebte), von Alkoholexzessen, die ihren Grund haben, der schwierigen Ehe (Kinderlosigkeit mit „technischen“ Lösungsversuchen) und, last but not least, den Fallstricken der Berufung (Rabbi) des Protagonisten, auch nur annähernd gerecht zu werden. Dem Autor gelingt dieser Spagat allerdings meisterhaft, auch wenn der Schluss mehr als abenteuerlich daherkommt.
Man mag zu Religionen stehen, wie man will, hier wird ein zweifelnder Mensch in seinem Wanken und Hadern gezeigt, dessen Gedanken allerdings vielfach zu den großen Fragen der Menschheit führen: „Warum hat Gott sich davongemacht? Zur Zeit der Aufklärung war die Magie aus der Welt verschwunden. Gott hatte die Schöße seines Mantels über den Himmel geworfen und der Mensch ihrer Eitelkeit überlassen. Die Welt und somit auch der Mensch, konnte genauso gut ohne Seine Beteiligung vervollkommnet werden. Die Utopisten radierten die Metaphysik aus, und hochmütige Systeme zur Verbesserung des Menschen, basierend auf Begriffen von Effizienz, Technik und Funktionalität, wurden zur Richtschnur für Weltverbesserer und Massenmörder. […] Irgendwann im achtzehnten Jahrhundert hatte ha-Schém [jud. Gott] die Erde verlassen, und seither hatte der Europäer die Entwicklung der Dampfmaschine zum Raumfahrzeug erlebt und kosmische Welten und existentielle Einsamkeit entdeckt. […] Die Rituale des Massenkonsums hatten denen der Einkehr den Garaus gemacht.“
Die ereignisreiche, vielfältige Geschichte ist nicht nur eine spannend zu lesende, sondern bietet zugleich einen Einblick in die jüdische Theologie. Das Glossar am Ende des Buches erleichtert zumindest den sprachlichen Zugang zum Thema. Dieses Buch hat das Potential, beim Leser lange verdeckte Sehnsüchte (vielleicht auch Lebensentwürfe) neu zu entfachen - auf welcher Ebene auch immer; es ist für jeden etwas dabei …
(6.5.2024)
- Lily Brett
Immer noch New York
(3)Aktuelle Rezension von: Daphne1962Lily Brett, Immer noch New York, gelesen von Elke Heidenreich
Wenn Elke Heidenreich ein Hörbuch liest, dann kann man sicher sein, es ist eine toll erzählte Geschichte. Sie liest mit inbrünstiger Leidenschaft. Die Autorin Lily Brett beschreibt ihre eigenen täglichen Begebenheiten und Lieblingsbeschäftigungen in dieser Story, die sich in ihrer Lieblings-Stadt New York ereignen. Da findet der Hörer auch eigenes wieder.
Auch ich schreibe jede Menge Zettel und Notizen, Einkaufszettel und was man nicht vergessen möchte, welche Bücher ich in der Bibliothek leihen will und vieles mehr. So auch die Protagonistin, die mir hier wie die moderne Dorothy Parker erscheint. Auch schaue ich genauso gerne Fernsehserien, die ein normales und unterhaltendes Niveau haben, mit einer gewissen Humorigkeit, den man nicht allzu ernst nehmensollte.
Lily Brett geht mit offenen Augen durch die Stadt. Sie schaut, sie beobachtet, sie hat Rituale, die sie täglich auf ihren Spaziergängen vollzieht. Lieblings-Cafes, Lieblings-Restaurants, die zum Stadtbild einfach dazugehören. Skurrile Menschen von denen es viele in dieser Metropolezu geben scheint. Sie erzählt von ihrer Familie, ihrem betagten Vater, der seine Krankenpflegerinnen mit Sportübungen auf Trab hält. Sehr amüsant formuliert. Es sollte mehr von solchen Erzählungen geben, man kann sich ein tolles Bild der oft spleenigen New Yorker machen.
Leider war ich noch nicht in New York, aber sollte jemand planen in der nächsten Zeit zu fliegen, dann ist dieses Hörbuch ein kleiner Vorgeschmack auf das, was ihn erwartet und kann auch als Anregung verstanden werden. - Anna Gmeyner
Manja
(4)Aktuelle Rezension von: Schumi_HBDer Roman "Manja" von Anna Gmeyner gibt einen Ausschnitt der Jahre 1920 bis 1934 im Deutschen Reich wieder. Kern der Handlung ist die Freundschaft von 5 Kindern in der Zeit des entstehenden Nationalsozialismus. Karl, Heini, Franz, Harry und Manja entstammen unterschiedlichen sozialen Milieus, die einen Querschnitt der damaligen Gesellschaft darstellen. So differenziert wie die Gesellschaftsschichten, sind auch die Situationen, die zur Entstehung der Kinder führten. Leidenschaftliche Liebe, eheliche Vergewaltigung, ein stürmischer One-Night-Stand sowie eine erkaltete und entfremdete Beziehung die individuellen Ausgangssituationen. Die jüdischen Wurzeln von Harry und Manja sind für die Kinder zunächst völlig uninteressant. Nichts scheint den Mikrokosmos dieser innigen Freundschaft zerstören zu können, bis ein unerwünschter Eindringling die Unbeschwertheit dieses Quintetts beendet. Statt Unterstützung in ihrem Gerechtigkeitsempfinden zu bekommen, müssen die Kinder schmerzhaft erfahren, wie sich die Gesellschaft plötzlich von der jüdischen Mitbevölkerung abwendet. Den Kindern wird es immer schwerer gemacht, unbefangen miteinander umzugehen, da der ideologische Gruppenzwang auch zur Feigheit und emotionalen Distanz selbst gegenüber engsten Freunden führt. Wenn auch die düstere Stimmung durch die aufkeimende braune Pest und das Leiden der jüdischen Kinder deutlich spürbar wird, war ich vom poetischen Schreibstil beeindruckt. Dazu passt die fesselnde Erzählweise von Iris Berben. Für die 873 Minuten starke Hörbuchversion sollte man sich entsprechend Zeit reservieren. Es lohnt sich! - Lynn Austin
Ein Haus in Brooklyn
(19)Aktuelle Rezension von: Hopeandlive"Glück ist etwas, das aus dem eigenen Herzen kommt und nicht von anderen Menschen."
Wir befinden uns Anfang der 1940er Jahre in Brooklyn in Amerika in einem ganz bestimmten Haus. Die tragisch verstorbene Miriam, die diesen weisen Satz ihrem Mann Jakob Mendel immer wieder sagte, lebte ihn anscheinend auch. Doch nun in diesen schwierigen Jahren des 2. Weltkrieges, der zwar nicht auf amerikanischem Boden stattfand, zumindest nur punktuell, der jedoch tiefgreifende Veränderungen in jeder Familie verzeichnete und der in vielen Menschen großes Unglück auslöste.
In diesem besagten Haus treffen wir als erstes auf die zwölfjährige Esther Schaffer und ihren neunjährigen Bruder Peter. Die Kinder sind unglücklich, nicht nur dass ihre Mama kürzlich einem tödlichen Unfall zum Opfer fiel, nun will auch ihr Vater Eddie in den Krieg ziehen. Er kommt nicht über den Tod seiner Frau hinweg und fühlt sich berufen für sein Land zu kämpfen. Da seine Kinder nicht bei ihrer Großmutter bleiben können, die ihr Haus mit Erinnerungen und allerlei Krempel vollgestopft hat, kommt er auf die grandiose Idee, seine unscheinbare Nachbarin Penny als Kindermädchen und Haushaltshilfe zu engagieren. Penny ist schon sehr lange unsterblich in Eddie verliebt und sagt dankend und innerlich jubelnd zu, in der Hoffnung, dass Eddie sie nun endlich bemerkt und zu lieben beginnt. Die Kinder sind davon jedoch alles andere als begeistert und somit verläuft der das gemeinsame zukünftige Leben mehr als holprig und Penny kommt in vielerlei Beziehung oft an ihre Grenzen, die von ihren Eltern mehr als eng gesteckt wurden.
Weiter begegnen wir Jakob Mendel, vor langer Zeit aus Ungarn eingewandert und konnte sich in Amerika mit seiner Miriam und seinem Sohn Avraham ein gutes Leben einrichten. Doch dieses Glück ist vergangen, denn Avraham ging noch vor dem Krieg nach Ungarn um dort die Thora zu studieren und sieht sich nun, gemeinsam mit seiner jungen Frau Sara Rivka, von den gefährlichen Progromen der Nazis verfolgt. Jakob verliert nach und nach seinen Lebensmut und seinen Glauben, denn er bekommt keine Nachricht mehr von seinem Sohn und er kommt auch nicht über den tragischen Tod seiner geliebten Miriam hinweg. Zu allem Unglück wird er auch noch der Brandstiftung beschuldigt, nachdem die gegenüberliegende Synagoge in Brooklyn abgebrannt ist.
Alle Protagonisten sehnen sich nicht nur nach dem äußeren Frieden und das der Krieg endlich ein Ende findet. Vor allem sehnen sie sich auch nach einem innerem Frieden, einem Glück, das aus dem eigenen Herzen kommt und das nur der Eine uns schenken kann. Doch bis das geschieht, ist es noch ein sehr weiter Weg, der durch viel Zweifel, Unglaube, Wut, Zorn ,Unvergebenheit und verschiedene Familiengeheimnisse führt und an dem alle Protagonisten wachsen und heil werden.
Lynn Austin hat es wieder mal geschafft in sehr einfühlsamen, wahren Worten den Leser mit auf eine Zeitreise zu nehmen und bei allem, was die Protagonisten zu durchleben haben, zu zeigen wie doch der Herr Wache hält zwischen den Menschen, auch wenn sie sich nicht sehen. Dazu ist es ihr wunderbar gelungen, einfache Menschen zu beschreiben und deren charakterliche Entwicklung, wie sie es schaffen, Lebenslügen zu identifizieren und lernen an der Wahrheit festzuhalten und danach zu leben. Mir hat diese Geschichte sehr gut gefallen, weil auch die Glaubensimpulse in einer so feinen Art und Weise sich ganz natürlich in die Geschichte eingewebt wurden.
Absolut lesenswert!
- Lily Brett
Chuzpe
(1)Aktuelle Rezension von: pardenKLOPS BRAUCHT DER MENSCH!
Ruth kann nicht begreifen, daß ihr Vater Edek, vor wenigen Wochen erst von Melbourne zu ihr nach New York gezogen, weit davon entfernt ist, einen ruhigen Lebensabend zu verbringen. Und dass Lebensabend überhaupt der falsche Begriff ist für den munteren Siebenundachtzigjährigen, der sich erst in Ruths Korrespondenzbüro nützlich zu machen versucht und wenig später ein Verhältnis beginnt mit der (viel zu jungen, wie Ruth findet) Polin Zofia (69). Als Edek zusammen mit Zofia und deren Freundin Valentina auch noch ein Restaurant an der Lower Eastside eröffnen will, das auf polnische Fleischbällchen spezialisiert ist, bangt Ruth gleichermaßen ums Erbe und um ihre Nerven. (Klappentext)
Ruth ist eine Frau in den mittleren Jahren, die drei Kinder sind bereits aus dem Haus, und ihr Mann hält sich derzeit beruflich für ein halbes Jahr in Australien auf. Langeweile kennt Ruth jedoch nicht. Sie führt erfolgreich ein Schreibbüro und verfasst Grußkarten und Briefe für wohlhabende Leute. Mit ihrem 87jährigen Vater Edek, der vor kurzem von Melbourne nach New York gezogen ist, um Ruth näher zu sein, ist jedoch noch eine besondere Aufgabe in ihr Leben getreten. Wie bremst man einen überaus agilen Mann, der sich gerne um alles kümmert und dabei aber oft am Ziel vorbeischießt?
Zunächst gründet er die "Vorwärtsabteilung" in ihrer Firma und bestellt nach eigenem Gutdünken Dinge für das Schreibbüro, die am realen Bedarf eindeutig vorbei gehen. Ruth lässt ihren Vater etwas fassungslos aber tapfer agieren, hat er so doch eine Aufgabe gefunden und lässt sie selbst in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen. Dass sie hier nicht die Notbremse zieht, zeigt zum einen, wie gut es ihr finanziell geht und weist zum anderen auf die etwas verzwickte Vater-Tochter-Beziehung hin.
Edek und Ruth sind nicht nur jüdischen Glaubens, sondern Edek hat zudem seinerzeit das Ghetto von Lodz überlebt und verdient in Ruths Augen für den Rest seines Lebens einen tiefen Respekt. Seit Ruths Mutter gestorben ist, ist sie nun diejenige, die als Tochter eine Fürsorgepflicht zu erfüllen hat und alles daran setzt, dass es ihrem Vater gut geht. Sie finanziert ihm eine Wohnung in New York und freut sich, dass Edek allmählich wieder aufblüht.
Ruth selbst hat jedoch schon Jahre der Therapie hinter sich, denn das Aufwachsen als Kind von Überlebenden des Holocaust hat durchaus Spuren hinterlassen. Sie hat und pflegt ihre kleinen Eigenheiten und Neurosen, ist zudem geplagt von ständiger Sorge. Ruth achtet sehr auf sich und ihren Körper, isst wenig und nur gesund, treibt Sport und pflegt einen sehr strukturierten Tagesablauf. Durch das Eintreffen ihres Vaters gerät all das Geregelte allmählich ins Wanken, und als Edek nach der Bekanntschaft mit zwei älteren polnischstämmigen Frauen wie aus heiterem Himmel beschließt, einfach ein Restaurant zu eröffnen, steht Ruths Welt plötzlich Kopf.
"Klops braucht der Mensch" soll das Restaurant an der Lower Eastside heißen, und mit Feuereifer machen sich Edek, Zofia und Valentina an die Umsetzung ihres Plans, und nichts und niemand scheint sie dabei aufhalten zu können. Gerade einmal 30.000 Dollar stehen ihnen dafür zur Verfügung, eine lächerlich kleine Summe nach Meinung aller von Ruth zu Rate gezogenen Experten. Und die 30.000 Dollar stammen zudem auch noch von Ruth, die aber weniger den Verlust des Geldes befürchtet als die Auswirkungen einer sicher zu erwartenden Enttäuschung auf ihren Vater. Wenn solch ein letztes Lebensziel platzt - was dann?!
“Ruthy, Ruthy, reg dich runter!”
Herrlich absurd und gleichzeitig voller Wärme kommt diese schräge, herzerfrischende, jüdische New Yorker Komödie daher. Ich mochte die liebenswerte Schlitzohrigkeit Edeks, dessen sprühende Lebensfreude (trotz allem) und seine Bereitschaft, so absolut im Hier und Jetzt zu leben und es verdammt noch mal (Verzeihung) auch zu genießen, auch wenn es manchmal anstrengend ist. Und ich mochte es, wie die Ereignisse und die stoische Unbeirrbarkeit Edeks schließlich auch Auswirkungen auf Ruths Leben und ihre Neurosen zeigten. Und wie sich Vater und Tochter letztlich doch auch emotional ganz allmählich annäherten.
Der Schreibstil erscheint im Allgemeinen flüssig, jedoch manchmal etwas einfallslos, was aber u.U. auch an der Übersetzung liegen könnte. Marion Martienzen als Sprecherin der ungekürzten Hörbuchausgabe (5 Stunden und 33 Minuten) hatte für mein Empfinden leider doch etwas Mühe, in die Erzählung hinein zu finden. Vor allem die Vertonung von Ruths Vater Edek geriet anfangs eher in Richtung geistig unterbemittelt denn einfach in Richtung polnisch-jüdischer Akzent, das war zumindest der Eindruck der sich mir unangenehm und unpassend aufdrängte. Doch entweder konnte sich die Sprecherin im Verlauf besser auf die Rolle Edeks einstellen oder aber ich habe mich einfach an ihre Art des Vortrags gewöhnt und versucht, über diese Nuancen hinweg zu hören.
Hintergründige Unterhaltung, die trotz der leisen Melancholie zutiefst lebensbejahend ist. Empfehlenswert!
© Parden
- Christopher Isherwood
Leb wohl, Berlin
(5)Aktuelle Rezension von: AndreasKueck„Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, ganz passiv, ich nehme auf, ich denke nicht.“
Mit diesem Satz beginnt eines der fulminantesten Hörspiele, das ich mir je anhören durfte. Wie einem Mantra gleich bleibt Mathieu Carrière als Erzähler dieser Aussage treu: Er beobachtet und kommentiert aber urteilt nicht. Er hält Distanz zu seiner Berichterstattung, wirkt dabei aber nie unbeteiligt oder gleichgültig. Dabei verwebt sich seine Stimme immer wieder gekonnt mit der von Christopher Nell. Während Carrière den deutschen Text spricht, können wir auch dem englischen Original durch Nell lauschen, was so für eine beängstigende Nähe zum Autor sorgt. Die Stimme des Erzählers verschmilzt mit der Stimme des jungen Christopher Isherwood. Christopher Nell mimt den aufstrebenden Autor als einen unvoreingenommenen Charakter mit jugendlichem Charme, dem wir den gebildeten Literaten ebenso abnehmen wie den jungen Mann, der nur allzu empfänglich ist für die mannigfaltigen Verführungen im damaligen Berlin.
Laura Maire schafft in ihrem Porträt der Sally Bowles die gekonnte Balance zwischen Pragmatismus, Selbstüberschätzung und Verführung, ohne dass sie ins allzu Ordinäre abrutscht. Ihre Stimme pendelt zwischen unbändiger Lebenslust, verruchter Erotik und kindlicher Naivität. Barbara Philipp verleiht der Zimmerwirtin Fräulein Schroeder mit prägnanter Stimme eine liebenswerte Kauzigkeit und geizt nicht mit bodenständigen Humor. Dabei ist es eine Freude zuzuhören, wie ein tolle Schauspielerin einer literarischen Figur ihre Stimme schenkt: Aufgrund mangelnder Englischkenntnisse spricht Fräulein Schröder Christopher Isherwood immer mit „Herr Issiwu“ an, was von Philipp ganz entzückend moduliert wird.
Diese vier talentierten Schauspieler*innen führen ein hochkarätiges Ensemble an, das in div. Rollen u.a. durch Lucie Heintze, Daniela Kiefer, Ole Lagerpusch, Gisa Flake, Felix von Manteuffel, Wanja Mues, Friedhelm Ptok und Franziska Troegner auf das Vortrefflichste komplementiert wird. Diese renommierten Sprecher*innen sind sich nicht zu schade, um in die div. (Neben-)Rollen zu schlüpfen und so zur hohen Qualität dieses Hörspiels wesentlich beizutragen.
Heinz Sommer bleibt in seiner Bearbeitung der bekannten Übersetzung durch Kathrin Passing und Gerhard Henschel treu und verflechtet die Dialoge gekonnt mit dem Erzähltext. Dabei verzichtet er nur auf die beschreibenden Passagen, die über Musik, historische Original-Einspielungen (z. Bsp. Auszüge aus dem Film „Der blaue Engel“ oder ein Radio-Interview mit Max Schmeling) und den Hintergrundgeräusche dem Hörer vermittelt werden. Den musikalischen Rahmen liefert Jörg Achim Keller mit der HR-Bigband, die mit ihrem authentischen Sound das so genannte Babylon Berlin wiederaufleben lassen. Strippenzieher hinter all dieser einzelnen Komponenten und somit derjenige, der dies alles zu einem Gesamtkunstwerk bündelt, ist der Regisseur Leonhard Koppelmann, der hier eine großartige Arbeit abliefert. Er sorgt für eine enorme „Tiefe“ und verleiht diesem Hörspiel so eine unwiderstehliche Sogkraft, der ich mich nicht entziehen konnte. Ein sensationelles Hör-Erlebnis…!!!
Auf Wiedersehen! A bientôt! Good night!
- John Gwynne
Valour
(3)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer15/25 (60%) 3 stars.
Better than Malice, but not excellent: still too many tiny mistakes that kept catapulting me out of it. The writing style just isn't my thing. Vlog: https://youtu.be/7deCRjR2RPM
The bad:
-it's redundant. The good guys run away from the bad guys to a kingdom, then the bad guys conquer that kingdom and its castle. Conveniently, there's always a secret passageway that allows the good guys to escape to another kingdom. Then the bad guys conquer that kingdom...
-the entire Maquin storyline seems pointless so far
-I hate that half the people that are supposed to have kicked the bucket in Malice are still alive
-I didn't feel stakes because noone important was ever killed until the end
-the chapters are much too short, sometimes less than two pages which made it hard for me to connect to the characters
-the female POVs are just angry tomboys: pretty much everyone feels the same
-wounded warriors who heal faster than Super Mario
-the dialogue
-the writing
-how the good ideas were written in the concrete scenes
-the beginning
-the ending
what's good:
-the general plotline of that otherworldly threat
-the action scenes
-Corban
-Camlin's and Dath's character development
-the part between 40-80% of the book
----
Dialogue 2
Setting 3
Characters 3
Writing Style 3
Plot 4 - Michel Bergmann
Der Rabbi und der Kommissar: Du sollst nicht lügen
(3)Aktuelle Rezension von: Agathe72Hier handelt es sich um den vierten Band dieser Reihe und ich habe mich sehr darauf gefreut. Bin ein richtiger Fan dieser Reihe. Zugegeben, war ich beim ersten Buch sehr skeptisch und habe einen eher trockenen Roman erwartet. Umso mehr hat mich dieser Krimi überrascht und auch erheitert. Es ist eher eine `leichte` Lektüre. Wer Nervenkitzel mit Blut und massig Gewalt sucht, ist hier fehlt am Platz. Gefällt mir für diese Jahreszeit sehr gut.
Hauptsächlich spielt wieder Rabbiner Silberbaum in dieser Story, der alles andere als alt und weltfremd ist. Er hat ein ausgeprägtes Gespür und ist sehr feinfühlig. Mittlerweile ist er tatsächlich mit dem Kriminalkommissar befreundet, der ihn erneut um Unterstützung bei seinen Ermittlungen bittet. Der Rabbiner ist ein sehr sympathischer, witziger und eben weltoffener, aber auch hartnäckiger Mensch. Man würde sofort mit ihm einen Kaffee trinken wollen und könnte sich dabei sehr niveauvoll unterhalten. Dieses Buch gefiel mir wieder gut und ich empfand es als kurzweilig. Ich möchte diesen Krimi gerne empfehlen, falls man auch mal gerne etwas Witz bei solchen Themen erträgt.
- Nele Pollatschek
Das Unglück anderer Leute
(30)Aktuelle Rezension von: likeastormEine Geschichte über das Unglück eine Familie zu haben. Das konnte ich sehr gut nachvollziehen.
Die Geschichte war teils witzig, teils zu nah an meiner eigenen Lebensgeschichte, da ich selbst keine funktionale Familie habe. Diese Tragik wird aber durch den Humor gut aufgelockert, bei mir allerdings erst nach einer Weile. So wurde es nicht zu ernst und traurig. Dann wurde es allerdings immer weirder, und am Ende war ich nur noch verwirrt. Man rätselt aber was es damit auf sich haben könnte und so beschäftigt es einen noch eine Zeit lang. Die großartigen Bewertungen hier kann ich also nicht ganz nachvollziehen, aber es war auch kein schlechtes Buch.
Mein Lieblingszitat:
Man muss schon selber bekloppt sein, um es mit Bekloppten auszuhalten.
- Dara Horn
Vor allen Nächten
(13)Aktuelle Rezension von: ErinaSchnabuDieses Buch kam als Mängelexemplar über den Grabbeltisch zu mir. Ich nahm es, vor allem wegen des Covers, in die Hand. Ich fand es schlicht und doch irgendwie schick und stilvoll. Der Klappentext verriet mir, dass es sich um einen historischen Roman handelt, dessen Handlung im amerikanischen Sezessionskrieg spielt. Von der Autorin hatte ich auch noch nie etwas gehört, ich hatte schon fast Angst, dass ich es bei diesem Buch mit einem kitschigen Schundroman zu tun haben werde, doch ich wurde positiv überrascht.
In diesem Roman geht es vor allem um den jungen Jacob Rappaport, Sohn jüdisch-deutscher Einwanderer, der sich 1861 freiwillig meldet, um für die Nordstaaten in den Bürgerkrieg zu ziehen. Dabei wird er Teil des Kriegsgeschehens, von Intrigen, Spionage, Verrat, vom Kampf gegen die Sklaverei und trifft mittendrin auf vier junge Schwestern, die sein Leben komplett verändern.
Zur Handlung würde ich an dieser Stelle nicht unbedingt mehr verraten wollen, um nichts vorweg zu nehmen.
Der Schreibstil der Autorin ist sehr flüssig und angenehm zu lesen. Sie schweift nicht aus, schreibt keine ellenlangen Sätze und bedient sich einer teilweise gehobeneren, aber nicht fordernden Sprache. Auch ist das Vokabular passend zur Zeit gewählt und die Charaktere sagen Dinge, die zu ihnen passen.Für mich vereint der Roman mehrere Dinge, die ich interessant finde: Das 19. Jahrhundert, die jüdische Kultur und den amerikanischen Bürgerkrieg. Vor allem, da Dara Horn auch reale Personen mit eingebaut hat, merkt man, dass sie auf dem Themengebiet "Amerikanischer Bürgerkrieg" sehr bewandert ist und gut recherchiert hat. Alles hat zueinander gepasst und war authentisch. Das Jüdische spielt in dem Roman eine große Rolle. Die Versklavung, die Verfolgung, die Feiertage, die Bräuche, die Stellung in der amerikanischen Gesellschaft - alles wird angerissen und Hinweise werden dazu eingestreut. Man erfährt einiges, was man nicht unbedingt weiß und stößt aber schnell auf einen moralischen Widerspruch: Können sich Juden von schwarzen Sklaven bedienen lassen und gleichzeitig den Auszug aus Ägypten, also die Befreiung der Israeliten aus ägyptischer Sklaverei feiern?Doch nicht nur hier werden moralische Fragen gestellt. Jacob landet ständig in Situationen, in denen er sich entscheiden muss, ob eine bestimmte Handlung moralisch gut oder nicht gut ist, ob er nein sagen kann oder nicht, ob er ausnahmslos seinem Land dienen muss, oder nicht. Als Leser weiß man manchmal selber nicht, ob seine Entscheidungen denn nun richtig oder falsch waren, was er eigentlich will und was er nicht will.Auch ist die Geschichte manchmal etwas verwirrend, wenn man nicht allzu sehr mit dem amerikanischen Bürgerkrieg vertraut ist. Beim Lesen kam ich manchmal etwas durcheinander und wusste gar nicht, auf welcher Seite er und die anderen nun sind.Aber auch Jacob war ein relativ kühler Protagonist. Ich hatte oft das Gefühl, dass er zu vielen Dingen keine Meinung hat, keine richtigen Emotionen, dass er keinen Schmerz empfindet, keine Trauer und keine Freude. Natürlich wurden seine Gedanken beschrieben, aber teilweise hat Dara Horn es nicht geschafft, dass ich seine Gefühle richtig mit erlebe.Die moralischen Konflikte, die in dem Roman auftreten, scheinen auch spurlos an ihm vorbei zu ziehen. "Jacob, was denkst du über deine Entscheidung? Über dein Handeln? Was denkst du über Sklaverei und wo siehst du dich als Juden in der amerikanischen Gesellschaft?" hätte ich ihn gerne gefragt, wenn ich könnte, denn Jacob befand sich zwar in Situationen, die man als Leser so und so bewerten kann, jedoch bezog er oftmals keine richtige Stellung dazu. Deshalb wirkte Jacob auf mich nicht wie ein Protagonist mit Tiefgang.Vielleicht war das aber auch Absicht. Vielleicht wollte Dara Horn den Leser zum Denken anregen, dass wir uns die Fragen über die Moralität gewisser Situationen stellen und für uns eine Antwort finden, ohne, dass Jacob uns die vorweg nimmt.Trotzdem kann ich diesen Roman wärmstens empfehlen. Ich vermute, dass Geschichten wie diese auf dem deutschen Markt kaum zu finden sind und dieser Roman somit einen Glücksgriff darstellt. Ich habe mich an keiner Stelle gelangweilt und fand jede Seite lesenswert und spannend.
Mein Fazit: Eine schöne Mischung aus Spionage, Historie, Krieg und Liebe, die bis zur letzten Seite fesselt!
4 Sterne!
- Beate Maly
Elsas Glück
(41)Aktuelle Rezension von: VeronikaHAuch der zweite Teil der kurzen Reihe über die Familie Sonnstein war toll zu lesen. Ich liebe es, dass Beate Maly es so gut schafft, historische Fakten mit einer fiktionalen Geschichte zu vermischen, sodass ein wirklich toller Roman daraus wird. Die Hauptcharaktere sind so gut beschrieben, dass man sich problemlos in sie hineinführen kann und alle Emotionen miterleben kann, vor allem in Elsa Sonnstein. Wenn man sich für die politische Entwicklung zwischen 1. und 2. Weltkrieg interessiert, dann ist dieses Buch auch genau das richtige für einen. Trotzdem schafft es die Autorin, das Buch nicht zu schwer werden zu lassen. Das für mich Beste am Buch war, dass die Autorin die Liebe zum Schnee und zu den Bergen wieder so toll hervorgebracht hat, dass jede*r von dieser Liebe angesteckt wird. Obwohl die Themen des Buchs sehr schwer klingen, ist das Buch leicht und schnell zu lesen - einfach toll, wie man in das alte Wien eintauchen kann.
- Achdé
Das gelobte Land
(9)Aktuelle Rezension von: ReinholdTraurig, dass man das immer noch hervorheben muss. Dem Traumpaar Achdé und Jul ist wieder einmal ein großer Wurf gelungen. Der vom Pech verfolgte Cowboy Jack Loser bittet seinen Freund, Lucky Luke, seine osteuropäische Verwandtschaft (Mischpoke) sicher nach Chelm City in Montana zu geleiten. Jack Loser heißt eigentlich Jakob Stern und seine Verwandten glauben, er ist Anwalt.
Es folgt eine sehr witzige Geschichte mit vielen Anspielungen auf die Eigenheiten streng religiöser Juden. Ich will das garnicht im Detail erörtern um nicht zu spoilern. Natürlich verfolgen die üblichen Bösewichte die Gesellschaft. Einer davon ist ein Riese mit dem Namen Goliath der bei der ersten Gelegenheit vom kleinen Jankel mit einer Steinschleuder niedergestreckt wird.
Mehr will ich nicht verraten ...
- Jami Attenberg
Die Middlesteins
(25)Aktuelle Rezension von: schokoloko29Edie ist eine erfolgreiche Anwältin, die sich für die armen und benachteiligten einsetzt und sie ist verheiratet mit Richard. Alles könnte so schön sein, wenn Edie nicht fresssüchtig wäre. Sie frisst alles in sich hinein und sie wird immer dicker. Am Ende des Roman wiegt sich 130 kg und leidet an Diabetis und anderen Sekundarerkrankungen. Der Arzt hat Edie und ihrer Familie informiert, wenn sie ihr Lebensstil (ihre Fresssucht und die geringe Bewegung) weiter fortführt, wird sie bald sterben. Ihre Familie (besonders die Schwiegertochter von Edie) nimmt sich ihrem Lebenswandel an. Sie soll Sport machen, gesünder essen und nicht wahllos alles in sich hinein fressen.
Doch Edie ist nicht bereit sich zu ändern. Ihr Mann Richard kann diese Selbstzerstörung nicht mehr ertragen und trennt sich von ihr. Die Angehörtigen sind nicht mehr bereit Richard verständnisvoll zu begegnen und grenzen ihn aus. Und versuchen mit aller Macht diese Frau, gegen ihren Willen zu "retten".
Diese Geschichte ist super geschrieben. Durchgeknallt, sehr jüdisch, sehr chaotisch und einfach auch sehr bissig geschrieben.
Dies war mein erstes Buch von Attenberg und es wird bestimmt nicht mein letztes sein!























