Bücher mit dem Tag "kaiserzeit"
41 Bücher
- Florian Illies
1913
(298)Aktuelle Rezension von: bibliophilaraGeschichte fand ich früher meistens furchtbar langweilig. Das lag wahrscheinlich auch daran, dass ich einen Lehrer hatte, der ununterbrochen nur zusammenhanglose Monologe geführt und irgendwelche Daten von unterzeichneten Verträgen in seinen Bart genuschelt hat, ohne jemals etwas an die Tafel geschrieben zu haben. Aber der Kunsthistoriker Florian Illies beweist, dass es auch anders geht. 2012 veröffentlichte er ein historisches Sachbuch, das nur in einem einzigen Jahr spielt: „1913“. In über 300 Seiten entführt er den Leser in ein Zeitalter, das selbst unsere Großeltern nicht miterlebt haben und bietet eine neue Perspektive auf längst vergangene Epochen.
Was ist eigentlich 1913 so alles Wichtiges passiert? Ich wusste vor dem Lesen dieses Buches nur, dass ein Jahr zuvor die Titanic unterging und ein Jahr danach der erste Weltkrieg durch die Ermordung Franz Ferdinands ausgelöst wurde. 1913 selber war für mich aber ein unbeschriebenes Blatt Papier. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich fast alles weiß: Wie Louis Armstrong an seine erste Trompete kam oder Sigmund Freud an seine Katze, welche Intentionen der Kubismus hegte, wie Thomas Mann seine Homosexualität vertuschte und noch vieles mehr. Illies beschäftigt sich mit zahlreichen Themen wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Mode, Musik, Literatur, Architektur, Philosophie und vor allem Kunst. Dabei stellt er die bedeutendsten Persönlichkeiten dieser Zeit vor. Ein besonderes Augenmerk legt er dabei unter anderem auf Franz Kafka, Adolf Hitler, Alma Mahler, Ernst Ludwig Kirchner oder Else Lasker-Schüler und wirft einen Blick hinter die Kulissen dieser großen Namen.
Das Sachbuch ist in insgesamt zwölf Kapitel unterteilt. Jedes Kapitel steht für einen Monat und beginnt jeweils mit einem Bild und einer Vorschau. Innerhalb dieser Kapitel wird wieder in Abschnitte gegliedert, die nicht mehr unbedingt chronologisch vorgehen. Ihre Länge kann von einem Satz bis zu maximal fünf Seiten variieren und befasst sich entweder mit einem Ereignis oder einer Anekdote über eine Berühmtheit, bei der häufig auch Zitate aus Büchern, Briefen, Tagebüchern oder anderen Niederschriften eingefügt werden.
Illies schreibt optimistisch, humorvoll und manchmal auch sarkastisch, verwendet außerdem den Präsens und wendet sich gelegentlich direkt an den Leser, um Wissenswertes, das inzwischen 103 Jahre auf dem Buckel hat, wieder lebendig zu machen. Sein schriftstellerisches Talent zeigt sich ebenfalls darin, wie geschickt er Verknüpfungen zwischen an sich voneinander unabhängigen Abschnitten mit Wortspielen, Randinformationen, Vergleichen, Wiederholungen oder rhetorischen Fragen schafft und somit aus der episodischen Erzählung, wie aus tausend kleiner Scherben, ein buntes, vollständiges Mosaik kreiert. Der intellektuelle Anspruch wird neben dem Inhalt, der gewisse künstlerische Vorkenntnisse erfordert, mit hoher Eloquenz und komplexem Vokabular fortgeführt. Nicht Wenige werden von Begriffen wie Galopin, exaltieren, Mäzen, Samowar, Clochard, sakrosankt oder Päderastie zumindest einen nicht aus dem Stegreif definieren können.
Bemerkenswert ist ebenfalls der große Aufwand an Recherchen, den Illies über sich hat ergehen lassen. Die Auswahlbibliographie ist klein gedruckt und ellenlang. Es ist demnach nur ein Ausschnitt aus den zahllosen Werken, die er durchwälzt hat, um das Jahr 1913 perfekt zu rekapitulieren. Allein das hat meiner Meinung nach volle Anerkennung verdient. Leider ist ihm dann doch ein kleiner Fehler unterlaufen, denn er verwechselt Kokoswasser mit Kokosmilch. Kokoswasser ist die Flüssigkeit, die im Hohlraum einer Kokosnuss liegt; Kokosmilch wird dagegen aus dem gepressten Fruchtfleisch gewonnen. Die Anekdoten sich gleichermaßen faszinierend, wie auch verstörend. Neben Homosexualität sind auch Inzest, Polygamie, Prostitution, Drogenkonsum und Psychosen keine Tabuthemen.
Warum gerade das Jahr 1913 gewählt wurde, vermag ich lediglich zu mutmaßen. Es könnte einerseits daran liegen, dass der erste Weltkrieg sich bereits anbahnte, das Jahr also historisch betrachtet wie ein Wetterumschwung war und die Menschheit damit gut repräsentiert: Eine Mischung aus Gut und Böse. Künstlerisch gesehen waren die 1910er ein Zusammenprall vieler verschiedener Stile, die facettenreiche und widersprüchliche Kunstwerke zutage brachten. Genau das Richtige also für einen Kunsthistoriker wie Florian Illies. Andererseits liegt das Jahr auch inzwischen weit genug zurück, um keine Zeitzeugen mehr zu haben, die sich noch daran erinnern könnten. Es bleiben uns also nur noch Archive, um Informationen einzuholen.
Falls es jemals eine Fortsetzung von „1913“ geben sollte, würde ich sie definitiv auch lesen, jedoch bezweifle ich, dass es dazu kommen wird. Es würde mich wirklich brennend interessieren, für welches Jahr sich Illies dann entscheiden würde. Aber vielleicht kann sogar er die Frage nicht richtig beantworten.
Wer weder vor Kunstgeschichte noch vor hochgestochener Sprache zurückschreckt, hat mit „1913“ von Florian Illies das perfekte Lesefutter gefunden. Egal wie viel Vorwissen man besitzen mag, niemand wird nach dem Lesen behaupten können, nichts spannendes Neues in Erfahrung gebracht zu haben. Wer sich allerdings eher als Kulturbanause bezeichnet, sollte um dieses historische Sachbuch einen großen Bogen machen. Ich zolle Illies‘ Recherchearbeit und fantastischem Schreibstil höchsten Respekt. Besser hätte man ein Buch zu diesem Thema gar nicht umsetzen können. Der kleine Fehler mit der Kokosnuss ist zu gering, als dass er hier ins Gewicht fallen könnte, deswegen erhält „1913“ von mir verdiente fünf Federn.
- Ulrike Schweikert
Das Herz der Nacht
(149)Aktuelle Rezension von: CarolaDas Herz der Nacht
Von Ulrike Schweikert
Das Herz der Nacht ist ein Historischer Fantasy Roman und spielt im 19.Jahrhundert in Wien und Hamburg . Die Städte werden sehr schön beschrieben in dieser Zeit mit vielen Details an Gebäuden , Schauplätzen und der damaligen Gesellschaft.
Die Autorin bringt historisches Wissen so schön nebenher in die Geschichte ein. Historische Ereignisse sind sehr spannend und detailgetreu nacherzählt ohne das es langweilig wird.
Es geht um den Vampir Andras Petru Bathory der sich mit der Fürstin Kinsky und der jungen Pianistin Karoline Wallberg und dessen Tochter anfreundet. Diese Freundschaften bringen etwas Licht in seinem dunklen Vampir dasein.
Fürstin Kinsky die mal eine ältere Protagonistin ist, schließt man schnell ins Herz, wortgewandt und voller Lebensfreude findet sie in Andras , der leider erst in den Abendstunden Zeit hat, einen Verbündeten unter den ganzen schnöseligen Wiener Adel.
Karoline Wallberg und ihre blinde Tochter Sophie haben parallel ihre eigene Geschichte mit Andras und diese steckt voller Musik und Abenteuer. Vorallem Sophie nimmt eine starke und zentrale Rolle ein.
Gleichzeitigkeit erschüttert eine grausame Mordserie Wien. Dem Leser ist eigentlich schnell klar was für ein Wesen da sein Unwesen treibt.
Was mich gestört hat war das Andras etwas naiv ist was die Morde angehen , er hätte schneller verstehen müssen was dahinter steckt und nicht so lange untätig sein sollen.
Mal davon abgesehen hat der Roman
seine ⭐️ ⭐️ ⭐️ ⭐️ ⭐️ verdient , denn lesenswert und spannend war er zu jederzeit!
Hier findet man eine leichte Liebesgeschichte ohne Spice was ich persönlich sehr schön und passend fand.
Die Geschichte von Andras selber geht in weiteren Krimi Romanen von der Autorin weiter. Nur diesmal in der Neuzeit und mit der Kommissarin Sabine Berner.
Gut les 📚
Bunte Grüße 👻
- Helene Sommerfeld
Die Ärztin - Das Licht der Welt
(148)Aktuelle Rezension von: Laura-SonnenblumeRicardas Geschichte beginnt 1876 als sie, mit nur 13 Jahren, der Grafentochter das Leben rettet. Als Dank nimmt sie die Komtess, die Ärztin ist, mit nach Berlin und ermöglicht ihr so eine bessere Schulbildung. Ricarda erkennt schnell die Missstände vor allem in den ärmeren Vierteln in Berlin und wünscht sich schon bald selbst als Ärztin zu arbeiten und diesen Menschen helfen zu können. Doch sie ist eine Frau...
Ricarda ist eine sehr starke Protagonistin, die für das kämpft, was sie sich erträumt. An einigen Stellen kam mir dieses "Kämpferische" und "Eigenständige" aber leicht unrealistisch vor. Ich konnte auch teilweise einige Entscheidungen von ihr nicht nachvollziehen.
Trotz dieser kleinen Kritikpunkte mag ich Ricarda als Charakter und fand es schön sie auf ihrer "Reise" zu begleiten.
Dieses Buch beschäftigt sich auf sehr schöner Art und Weise mit Frauenrechten, Zuständen in der Medizin und Zuständen in den ärmeren Vierteln Berlins. Diese Mischung in Kombination mit einem flüssigen Schreibstil, machen dieses Buch absolut lesenswert.
- Gisa Pauly
Die Hebamme von Sylt
(59)Aktuelle Rezension von: julestodoEine Geschichte, die langsam dahinplätschert. Eigentlich ein tolles Thema, leider wurde es nicht gut verwertet.
Obwohl ich nicht bis zm Ende gelesen habe, kann ich mir schon vorstellen worauf es hinausläuft. Leider kommt die Gschichte nicht auf den Punkt und konnte mich nicht mitnehmen. Ein gutes Buch, wenn man etwas zum Einschlafen braucht!
Von der Autorin habe ich schon wesentlich bessere Bücher gelesen!
- Margit Steinborn
Einen Herbst und einen Winter lang
(47)Aktuelle Rezension von: Michael_GrayIsa wächst mit ihrem jüngeren Bruder, in Berlin des Jahres 1908 in bitterer Armut auf, Ihr Vater verlor bei einem Arbeitsunfall seinen Arm und kann die Familie nicht mehr ernähren, nach Streitigkeiten mit seiner Frau geht er eines Tages und kommt nicht mehr zurück. Ihre Mutter hat 2 Jobs ist todmüde und ausgelaugt, dennoch langt es nicht zum Leben. Isas kleine Schwester starb wegen den schlimmen Umstände an Hunger und Kälte. Um nicht auch eines Tages zu verhungern geht sie mit ihrem kleinen Brüder betteln und hat deswegen keine Zeit für die Schule. Im Nachbarsjungen Viktor hat sie einen Beschützer der ihr hilft so gut er kann. Im krassen Gegensatz dazu wächst Henning in einer unfassbar reichen Unternehmerfamilie auf. Er hat alles was Isa nicht hat und dennoch ist er todunglücklich. Seine Eltern sind geschieden, seine geliebt Mutter hat er seit Jahren nicht gesehen und mit der neuen Frau seines Vaters kommt er nicht so gut zurecht. Das Verhältnis zu seinem Vater ist sehr schlecht, sogar Schläge bekommt er von ihm. Mit seinem älteren Bruder Roman ist es zwar nicht ganz so schlimm, dennoch hat er nur mit dem Diener Hans einen Freund der zu ihm hält. Durch einen Unfall begegnen sich Isa und Henning. Doch nur das eine Mal, dann sehen sie sich jahrelang nicht mehr. Doch beide müssen immer wieder an den anderen denken.---------Was für eine grandiose tolle Geschichte die mit diesem Buch nicht zu Ende geht .Eine wunderbar toll geschriebene Geschichte! Ich bin sehr begeistert und will unbedingt Wissen wie es weiter geht.
- Henrike Engel
Die Hafenärztin. Ein Leben für die Freiheit der Frauen (Hafenärztin 1)
(196)Aktuelle Rezension von: MuschelDieser erste Teil aus der Hafenärztin Reihe hat mich ganz gut unterhalten können. Es hat etwas gedauert, bis die Geschichte mich gepackt hat, aber dann war es durchaus spannend. Das Buch ist aber sehr düster, so dass man in der Stimmung dafür sein sollte. Die folgenden Bände werde ich vielleicht mal nach und nach lesen.
- Ian Kershaw
Höllensturz
(21)Aktuelle Rezension von: dunkelbuchWill man sich über die historische Entwicklung Europas im letzten Jahrhundert bzw. von 1914 - 1949 ein Bild machen, dann ist wohl kein Buch besser als dieses dafür geeignet!
- Rainer Noltenius
Mit einem Mann möcht ich nicht tauschen
(10)Aktuelle Rezension von: friederickesblogDas Cover:
Das Cover zeigt Marie Bruns-Bode, die Frau, deren Leben in dieser Biografie aufgezeigt wird und das Buch zu einem ganz besonderen Buch macht.
Das Buch:
Rainer Noltenius erzählt aus den Tagebüchern und Briefen seiner Großmutter Marie Bruns-Bode, Tochter des Wilhelm Bode, Generaldirektor der Berliner Museen. Mit seiner Hilfe wurde sie 1907 als Lehrerin für Kunstgeschichte an den Kaiserhof berufen. 1915 heiratete sie Viktor Bruns, einen internationalen Richter beim Völkerbund in Den Haag. Ausführlichere Hinweise auch im Klappentext.
Meine Meinung:
Der Name Bode sagt jedem etwas, der sich für Kultur interessiert, oder auch als Gast in Berlin war, denn das Bode Museum ist in jedem Stadtführer. Der Autor hat ein bemerkenswertes Zeitgemälde aus den Tagebüchern und Briefen (1885 – 1952) geschaffen, das mich sehr fasziniert und tief beeindruckt hat.
So habe ich diese faszinierende und außergewöhnliche Frau einerseits über ihre Tagebucheinträge und anderseits aus Briefen von Verwandten und Bekannten kennenlernen dürfen. Zahlreiche Fotos untermauern das geschriebene Wort.
Eine Biografie, ein Stück Familiengeschichte, wunderbar aufbereitet und in guter Gliederung geschrieben und beschrieben, dabei werden uns nicht nur das junge Mädchen und die Frau nähergebracht, sondern auch ein großes Stück Zeitgeschichte vermittelt, und zwar von ihrer Kindheit an, über die Ehe mit Volker Bruns, während der Weimarer Republik, sowie die NS Zeit, bis über den Krieg und ersten Jahre danach.
Es ist meines Erachtens kein Buch, das man liest und dann ins Bücherregal stellt. Es ist ein Buch, das immer wieder einmal in die Hand genommen werden will, zumal es durch den Gebr. Manns Verlag in einer wunderbaren hochwertigen Ausstattung vorgelegt wurde. Danke an den Autor für dieses meisterliche Werk.
Heidelinde von friederickes Bücherblog
- Helene Sommerfeld
Die Ärztin: Das Licht der Welt (Ricarda Thomasius 1)
(14)Aktuelle Rezension von: AgiosRicarda, Tochter einer Köchin und einem Gärtner, wird durch ein Schicksalsschlag an die Familie Freystetten gebunden.
Mit der Comtesse Henriette findet sie eine Mentorin die ihr den Weg zur Ärztin ebnet.
Ein gelungener Auftakt um die Geschichte einer Ärztin Ende des 18. Jahrhundert
Ich freue mich auf die Fortsetzung.
- Petra Hartlieb
Ein Winter in Wien
(113)Aktuelle Rezension von: sansolWien, im Dezember 1911. Marie arbeitet als seit kurzem als Kindermädchen im Haushalt des Schriftstellers Arthur Schnitzler. Sie ist noch jung, kommt vom Lande und hatte keine glückliche Kindheit daher ist sie sehr froh über ihre aktuelle Stelle. Als sie ein Buch abholen muss lernt sie den jungen Buchhändlergehilfen Oskar kennen.
Es handelt sich um ein kurzes Buch (176 Seiten), das wie ich finde den Charme der Zeit wiederspiegelt. Besonders gefallen haben mir die historisch korrekten Schilderungen um Arthur Schnitzler und Wien. Die Charaktere waren sympathisch und authentisch dargestellt, der Schreibstil sehr angenehm zu lesen.
Ein sehr nettes Buch für zwischendurch und der Auftakt einer kleinen Reihe.
- Angelika Godau
Vier Morde und ein Weihnachtsbraten
(25)Aktuelle Rezension von: Buchwurm05Granny taucht nach 1 1/2 Jahren wieder bei Sabrina auf und sieht nicht gut aus. Sie sorgt sich sehr um ihren Sohn Heinz, der an Diphtherie erkrankt ist und im Sterben liegt. Dringend bittet sie Sabrina um Medizin, denn in ihrem Jahrhundert gibt es noch kein Heilmittel dagegen. Da Sabrina's Freund Karsten Tierarzt ist, erzählt sie ihm von ihrer zeitreisenden Urgroßmutter und bittet ihn um Hilfe. Er hilft zwar, aber der Haussegen hängt schief. Denn nur Sabrina kann Granny hören und sehen. Dann aber taucht Heinrich, Grannys Verlobter, auf und diesen kann Karsten sehen. Wohl oder übel muss er an die Zeitreisegeschichte glauben. Viel Zeit für Erklärungen bleibt nicht. Granny wurde entführt und Heinrich ist in großer Sorge. Wird es ihnen gelingen Granny zu retten?Dieser 3. Band der Granny Reihe konnte mich wieder voll begeistern. Zeitweise habe ich Tränen gelacht. Granny geht immer selbstbewusster durch ihr Jahrhundert, eckt dadurch so manches Mal an. Zudem möchte sie unbedingt Heinrich helfen, der immer noch ein Verbrechen aufzuklären hat. Ganz Miss Marple mäßig ermittelt sie auf eigene Faust und bringt dabei nicht nur sich, sondern auch Heinrich selbst in Gefahr. Vom guten Ruf ganz zu schweigen. Der gute Heinrich tat mir schon fast leid. Ist er doch für die damalige Zeit sehr tolerant, aber was Granny da treibt, geht nun mal gar nicht. Amüsiert habe ich mich auch über Grannys Doppelmoral. Auf der einen Seite gibt sie Sabrina Tipps über ihr respektloses Verhalten gegenüber Karsten, aber auch über deren lockere Beziehung, ohne zumindest verlobt zu sein. Auf der anderen Seite verhält sich Granny gegenüber ihren Heinrich nicht besser und ihre Moral lässt auch sehr zu wünschen übrig. Wie gut das es Kondome gibt. Noch ein außereheliches Kind kann Granny nun wirklich nicht gebrauchen.Fazit: Ein sehr lesenswerter und humorvoller Zeitreiseroman. Action inbegriffen. Der aber auch elegant beschreibt, wie man die damaligen Konventionen umschifft hat. Bitte mehr davon. - Britta Hasler
Das Sterben der Bilder
(59)Aktuelle Rezension von: MichellyBritta Hasler entführt uns in das historische Wien und verstrickt uns in einen gekonnt aufgebauten Thriller vor wahrhaft künsterlischer Kulisse. Wer sich in der Kunst rund um Rubens und Co. etwas auskennt, bzw. sich für Kunst interessiert, der wird hier wahrhaft genüssliche Stunden verbringen. Die Autorin verstrickt hier sehr gekonnt die Liebe zur Kunst mit verschiedenen Handlungssträngen in einem Spannungsbogen bis zum Schluss. Schön zu erkennen ist auch hier wieder die Vorliebe der Autorin am "Abseitigen" und Ungewöhnlichen. Mir gefallen sehr die feinen, eingeflochtenen Nuancen darin, mit der sie die Geschichten zu etwas Besonderem macht.
Die Sprache ist wie immer wunderschön, voller Metaphern und anderen Stilelementen. Dadurch wird das Buch richtig lebendig und gehaltvoll und schafft es so, sich von den vielen anderen Thrillern abzuheben.
Ich kann hier definitiv eine Leseempfehlung aussprechen!
- Edith Kneifl
Totentanz im Stephansdom
(13)Aktuelle Rezension von: BarbaraDruckerDieser Krimi beleuchtet eine brisante und dunkle Facette der Wiener Geschichte, die ich bislang nicht einmal geahnt hatte, obwohl sie im Grunde genommen sehr plausibel ist. Leider kommt dadurch das Freimaurermotiv viel zu kurz, ich hatte mir mehr Einblick in diese Gesellschaft erhofft. Die sonstigen Recherchen scheinen mir fundiert, über weite Strecken herrschte mir jedoch zu viel Infodump vor. Es wurden durchaus interessante Fakten zusammengetragen, etwa über die Symbolik im Stephansdom oder über die Zusammensetzung der Wiener Gesellschaft, und die sozialen Probleme in dieser Epoche werden beim Namen genannt. Hätte die Autorin dieses umfangreiche Wissen anschaulich und spannend verpackt, statt es einfach nur wie in einem Wien-Führer anzubringen, hätte das eine mitreißende Milieustudie werden können. Sie zeigt zwar auf die Wunde, legt den Finger aber nicht drauf und tut nicht weh. Dieser sehr beschauliche Krimi verbindet auf überraschende Weise Gesellschaftskritik und Wien-Nostalgie, plätschert aber letztendlich doch an der Oberfläche dahin. Sehr sympathisch und menschlich gezeichnete Hauptfiguren verleihen dem Roman einen versöhnlichen Touch und sorgen für Operettenflair.
- Michael Bienert
Modernes Berlin der Kaiserzeit: Ein Wegweiser durch die Stadt
(1)Aktuelle Rezension von: BerlinStoryVerlag„Der Wegweiser durch Berlin mit seiner Fülle von Fakten, Geschichte und ins Heute ragenden Zeugnissen Berliner Begebenheiten ist mehr als eine Fleißarbeit – wir lernen die Stadt, unsere Stadt, neu erkennen und mit anderen Augen zu sehen.“ – Der Tagesspiegel - Lena Wildenstein
Charlottenburg. Die jungen Ärztinnen
(27)Aktuelle Rezension von: AnnetteTraksAnfang des 20. Jahrhunderts muss die junge Sylterin Clara Madsen mit ansehen, wie ihre geliebte Schwester Aiske bei der Geburt ihres Kindes stirbt. Sie ist verzweifelt: Hätte Aiske überleben können, wenn es auf der Insel eine Ärztin geben würde? Denn dass ein Mann der Gebärenden „zwischen die Beine sieht“, hat diese trotz der äußerst kritischen Situation vehement abgelehnt – zu groß ist das Schamgefühl gewesen. Und außerdem: Warum nur werden die Frauen ihrer Familie entweder gar nicht erst schwanger oder sterben bei der Geburt? In Clara reift der Wunsch, dies zu erforschen und anderen Frauen zu helfen – sie will Frauenärztin werden.
Sie macht das Abitur – damals ungewöhnlich genug für ein Mädchen – und zieht 1907 trotz aller Vorbehalte auch aus der eigenen Familie nach Berlin, um an der Charité Medizin zu studieren: Ein für Frauen schier unerhörtes, ja sogar unschickliches Unterfangen.
Ihr und ihren Kommilitoninnen Vicki und Ida, die sie gleich am ersten Tag kennenlernt, und die bald unzertrennliche Freundinnen werden, wird das Leben an der Universität schwer gemacht. Immer wieder müssen sie sich gegen Vorurteile, Zurückweisungen und hämische Bemerkungen von Dozenten, Professoren und Mitstudenten behaupten, die die Frauen nicht für voll nehmen. Für den Besuch jeder einzelnen Vorlesung und Veranstaltung benötigen sie – im Gegensatz zu den männlichen Studenten – die Erlaubnis des jeweiligen Leiters, um zumindest als Gasthörerinnen zugelassen zu werden.
Doch die drei in Bezug auf Herkunft und Mentalität so unterschiedlichen Frauen Clara, Vicki und Ida verlieren nie ihr Ziel aus den Augen, kämpfen gegen alle Widerstände hart für ihren Traum und schließen ihr Studium schließlich sehr erfolgreich ab.
Unterstützung erhalten sie von Hermine Heusler-Edenhuizen – in Pewsum bei Emden geboren, ist sie die erste anerkannte, niedergelassene Frauenärztin Deutschlands, die ab 1911 in Berlin praktizierte.
Doch auch private Schicksale und nicht zuletzt der 1. Weltkrieg fordern ihnen viel ab, machen das Durchhalten nicht immer leicht, und manchmal geht es auch ums reine Überleben.
Resümee:
Dies ist ein ebenso spannender wie aufschlussreicher Roman über drei junge Frauen, die Anfang des 20. Jahrhunderts für ihren Traum kämpfen:
Die anfängliche Motivation der Sylterin Clara Madsen, Frauenheilkunde zu studieren, ist es, zu erforschen, warum die Frauen ihrer Familie entweder offensichtlich unfruchtbar sind oder bei der Geburt sterben.
Viktoria von Dutzenberg (Vicki) ist vordergründig eine lebenslustige Frau mit der sprichwörtlichen „Berliner Schnauze“. Doch dahinter verbirgt sich ein bitteres Los, und sie muss hart für ihren Lebensunterhalt kämpfen.
Die anfangs schüchterne Ida Rosenstein ist Tochter eines Arztes, der am Universitätskrankenhaus Hamburg Eppendorf arbeitet und auch eine eigene Praxis betreibt. Die jüdische Familie ist zum Christentum konvertiert. Auch sie trifft das Schicksal hart.
Jede dieser Frauen hat ihre Stärken und Schwächen, und gemeinsam gehen sie über viele Jahrzehnte konsequent ihren Weg, halten sowohl bei beruflichen als auch privaten Problemen, Fehlschlägen und Katastrophen unverbrüchlich zusammen.
Unterstützung erhalten sie immer wieder von Hermine Heusler-Edenhuizen (1872 - 1955), die als erste anerkannte Ärztin für Frauenkrankheiten und Geburtshilfe seit 1911 in Berlin praktiziert und sich vehement für die Aus-bildung und Rechte von Frauen einsetzt. Ihr Vorbild ist die Pädagogin und Frauenrechtlerin Helene Lange.
Der Roman beschreibt aber nicht nur die Situation der Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sondern auch die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Zustände und deren Folgen – und das, ohne dass auch nur einmal Lange-weile aufkommt. Lediglich gegen Ende fand ich den Handlungsverlauf etwas langatmig und zu stark auf „Happy End“ getrimmt.
Fazit: ein ungemein spannender Roman, der einen mit all seinen Facetten von Anfang an gefangen nimmt
- Petra Aicher
Fräulein Anna, Gerichtsmedizin (Die Gerichtsärztin 2)
(96)Aktuelle Rezension von: marionbrunnerMünchen im Jahr 1914. Der Krieg hat begonnen, München ist im Wandel. Viele Männer sind bereits in den Krieg gezogen. Sowohl die Gendarmerie als auch die Gerichtsmedizin, in der Fräulein Anna arbeitet, sind unterbesetzt.
In Hof eines verfallenden Hinterhauses im Münchner Künstlerviertel Schwabing wird ein toter Säugling gefunden. Der Fall des verstorbenen Babies geht Anna sehr ans Herz. Gemeinsam mit ihrem sehr guten adeligen Freund, Friedrich von Weynand, beginnt das Fräulein Anna zu ermitteln. Da ist es hilfreich, dass zum einen ihr Onkel bei der Gendarmerie arbeitet, und weiterhin, dass Friedrich in Schwabing inkognito als Klatschreporter Fritz Nachtwey bekannt und unterwegs ist …***
Dieses Buch war ein „Wühltischfund“, das mich aufgrund des Klappentextes neugierig gemacht hat. Ein Krimi, historisch und dann auch noch in München, da habe ich zugegriffen.
Es handelt sich um den zweiten Teil, ob es eine Serie wird, weiß ich nicht. Den ersten Teil kenne ich auch nicht, was jedoch das Verständnis der Handlung dieses Buches nicht schwierig macht.Die Charaktere sind gut gezeichnet und interessante Menschen, eine bunte Mischung aus unterschiedlichen Schichten. Es macht Freude, mit ihnen unterwegs zu sein. Das bunte Viertel der Künstler, Schwabing, ist ganz toll beschrieben. Viele Varietes, kleine Bars, Theater … ich fand es toll.
Dass zwischendurch auch Giesing Teil der Handlung war, war für mich persönlich was Besonderes, da dort mein Mann aufgewachsen ist, und wir jeden Sommer dort Zeit verbringen.Die Handlung ist spannend, wunderbar verzwickt, regt zum Mitdenken und -ermitteln an und liefert eine Wendung, die gut überlegt ist und der Geschichte nochmal den besonderen Pfiff gegeben hat. Das Bayerisch höre und lese ich selbst unheimlich gerne und dass einige Figuren herrlich im Dialekt gesprochen haben, gefiel mir dahr auch sehr gut.
Eine Lektüre, die sich leicht und schnell liest, abwechslungsreich und spannend ist und doch zu fesseln vermag. Ich hatte meine Freude, im alten München mitzuermitteln, und würde meine Nase gerne in ein weiteres Buch um die Protagonisten stecken.
Für mich 4,5 von 5 Sternen.
© MB_Buchwelten 2025
- Christian Wolter Neumann
DEUTSCHER - wer bist du?
(1)Aktuelle Rezension von: Christoph_NiemannNachdem ich das Buch gelesen und daraufhin selber ein wenig nachgeforscht habe, erkenne ich tatsächlich die Zusammenhänge der letzten Generationen und einem vermeidlich kollektiven Trauma wieder. Ich bin dankbar für diese Erkenntnis sowie die Information über die Generation der Kriegsurenkel und begebe mich daher jetzt noch weiter auf die Suche in meinem eigenen Familienkreis.
- Maria Regina Kaiser
Augustus und die verlorene Republik
(18)Aktuelle Rezension von: NympheInhalt:
Xanthos ist römischer Sklave. Er ist Vorleser und durch ein paar unglückliche Umstände lebt er nun bei den Germanen und unterrichtet die Kinder dort in Latein. Als die Nachricht ankommt, dass Kaiser Augustus gestorben ist, erinnern sich die Germanen, das Xanthos einst der Vorleser von dem verstorbenen Herrscher war. Zunächst widerwillig, dann aber voller Wehmut, erinnert Xanthos sich für die Germanen an seine Zeit bei dem mächtigsten Mann in Rom zurück. Er erzählt von Intrigen, Festen und einer Gesellschaft, die den Germanen sehr exotisch vorkommt.
Bewertung:
Wie auch schon in den anderen Büchern der Autorin haben meine Tochter und ich hier wahnsinnig viel gelernt, ohne uns jemals zu langweilen. Die spannenden Berichte von Xanthos aus Rom werden ergänzt von Sachkapiteln, die dem Leser noch mehr Hintergrundinformationen liefern. Wir haben gelernt was ein "Princeps" ist, haben uns über Sklaven unterhalten und über Staatssysteme. Dieses Buch ist wirklich sehr unterhaltsam und lehrreich. Wir lesen sehr gerne noch mehr Bücher dieser Art.
Fazit: Absolute Leseempfehlung für Große und Kleine.
- Edith Kneifl
Der Tod fährt Riesenrad
(17)Aktuelle Rezension von: wampyBuchmeinung zu Edith Kneifl – Der Tod fährt Riesenrad
„Der Tod fährt Riesenrad“ ist ein historischer Kriminalroman von Edith Kneifl, der 2012 bei Haymon erschienen ist. Dies ist der Auftakt der Serie um den Wiener Privatdetektiv Gustav von Karoly.
Zum Autor:
Edith Kneifl, geboren in Wels, lebt und arbeitet als Psychoanalytikerin und freie Schriftstellerin in Wien. Zahlreiche Literaturpreise und -stipendien, erhielt u.a. 1992 als erste Frau den Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Kriminalroman des Jahres. Übersetzungen in mehrere Sprachen. ROMY 2003 für die Verfilmung des Romans Ende der Vorstellung, Regie Wolfgang Murnberger. 20 Kriminalromane und ca. 50 Kurzgeschichten.
Klappentext:
MORD IM WIENER PRATER!
WIEN UM 1900: Die fünfzehnjährige Leonie ist verschwunden. Alle Indizien deuten darauf hin, dass das Mädchen entführt wurde. Kurz darauf geschieht ein zweites Verbrechen: In einer Gondel des Riesenrades wird ein toter Zwerg entdeckt.
Der Privatdetektiv Gustav von Karoly wird von der besorgten Mutter Leonies mit den Ermittlungen beauftragt. Unterstützung bekommt er von Artisten und Hellseherinnen, Jockeys und Praterstrizzis.
Nur der reiche, tyrannische Großvater Leonies hält nichts von Karolys Bemühungen. Hat er gar etwas mit dem Fall zu tun?
Meine Meinung:
Der Krimiteil dieses Buches hat mich total enttäuscht. Spannung ist kaum zu spüren und meist merkt der Leser wenig von den Bemühungen des Privatdetektivs, den Fall lösen zu wollen. Stattdessen ist es eher ein Sittengemälde Wiens um 1900. In aller Ausführlichkeit erleben wir die Lebensweise und die Gedanken des Ich-Erzählers Gustav von Karoly. In seinem Tun treffen adliger Standesdünkel und abnehmende Bedeutung der adligen Herkunft aufeinander. Er ist gut vernetzt und der Kommissar ist ein alter Bekannter. Gustav von Karoly ist kein besonderer Sympathieträger, aber im Laufe der Geschichte wird es besser. Der Leser erfährt einige prägende Gedanken dieser Zeit und so wird sein Handeln verständlich. Als ihm der Zufall zu Hilfe kommt, greift er beherzt zu.Fazit:
Der Kriminalfall enttäuschte, aber das Sittengemälde hat mir gefallen. Insgesamt gibt es drei von fünf Sternen (60 von 100 Punkten). Empfehlen kann ich das Buch denen, die an einer atmosphärischen Schilderung jener Zeit interessiert sind. - Shadi Bartsch
Ideology in Cold Blood: A Reading of Lucan's Civil War
(1)Aktuelle Rezension von: AdmiralVon Lucan wissen wir heute fast nichts und von Lucan haben wir heute auch fast nichts (mehr). Nur dieses eine Epos haben wir von ihm: "Bellum Civile" in 10 Büchern.
Falls Ihr mal in die Verlegenheit kommen solltet, in Lucans "Bürgerkrieg" reinzulesen, werdet ihr schnell merken, dass vieles an diesem Epos ungewöhnlich ist. Aber da uns einfach unglaublich viel vom Kontext und vom Hintergrund fehlt, kann auch unglaublich viel in das Werk hineininterpretiert werden.
Und einer dieser Versuche, den "Bürgerkrieg" zu verstehen ist eben dieses Bemerkenswerte Buch von Shadi Bartsch "Ideology in cold blood: a reading of Lucan's Civil War" (1997). Der Titel ist hier gewissermaßen Programm. Denn das Buch soll wohl dazu verleiten, dass wir nach dieser Lektüre NOCHMAL bei Lucan reinlesen und eben die Aspekte, die Bartsch hier anspricht, mit im Hinterkopf behalten. Bartsch präsentiert jedoch keine umfassende Interpretation oder gar Analyse von Lucan, sondern präsentiert uns vielmehr in 5 Kapiteln 5 Gedankengänge, die sie scheinbar zum Werk gehabt hat.
Ihre interpretatorischen Gedankengänge sind durch ziemlich interessant. Ihr erstes Thema ("ONE. The Subject under Siege", S. 10-47) ist das unklare Verhältnis von Objekten zu Subjekten im Werk Lucans. In zahlreichen Beispielen zeigt sie, dass Lucan das Subjekt als Person auflöst. Dieses Auflösen beinhaltet jedoch nicht nur das sprachliche Vertauschen oder inhaltliche Unklarmachen von Objekt uns Subjekt einer Handlung (was an sich schon interessant genug ist), sondern Lucan stellt die blosse Existenz des persönlichen Subjekts durch das Zerstören des menschlichen Körpers auf grausamste Arten in Frage. Sprachlich und inhaltlich passe das zum Thema: denn beim Bürgerkrieg zerfleischt sich das Subjekt des römischen Staates ebenfalls selbst.
Diese Übertragung des Widerspruchs in sich beim Ereignis des Bürgerkriegs in die sprachliche und inhaltliche Form des Epos untersucht Bartsch auch noch im 2. Kapitel ("TWO. Paradox, Doubling, and Despair", S. 48-72), wo Bartsch aufzeigt, dass Lucan sein Gedicht mit zahlreichen Paradoxa anreicherte (Verschonung = Strafe zB) und dadurch einfaches und logisches Verständnis von Vorneherein parasitär unterminiert. Und all diese Widersprüche kulminieren in einer Person: Pompeius ("THREE. Pompey as Pivot", S. 73-100). Er ist nicht besser als sein dämonischer Gegner Caesar und doch erhält er die Sympathiebekundungen des Erzählera/Lucans (?). Lucan lässt sich an diesem Punkt durchschimmern, indem er mit zahlreichen Apostrophen Farbe bekennt. Doch macht Lucan uns seinen Protagonisten Pompeius nicht gerade symathisch. Auch wenn wir als Leser Pompeius zu unserem Favoriten erklären, werden wir dennoch immer daran erinnert, dass Pompeius kein Held ist, sondern ebenfalls die Tyrannenherrschaft anstrebte.
Doch Bartsch lässt ihre Arbeit sich nicht in der blossen Untersuchung des Werkes erschöpfen, sondern stellt zahlreiche Bezüge zur Neuzeit her. Die Auflösung des persönlichen Subjekts kommt aus dem Ereignis des Kriegs an sich und zieht zum Vergleich dafür eine Untersuchung der Effekte des Vietnamskriegs heran (S. 44f.).
Zur Erforschung des Verhältnisses von zynischer Distanz und intensiver Involvierung zieht Bartsch das philospohische Werk "Contingency, Irony, and Solidarity" von Rorty (1989) heran ("FOUR. The Will to Believe", S. 101-130).
Das paradoxe Sprachgefüge und die Vermung von Subjekt und Objekt führt Bartsch auf das brutale Grauen des Bürgerkriegs zurück - und vergleicht des mit Nazideutschland und dem Holocaust (S. 66-72).
Das Buch ist an sich nicht sonderlich lang oder groß. Es hat etwa 220 Seiten, von denen jedoch etwas mehr als 20 die Bibliographie und der Index sind. Von den restlichen 200 Seiten sind allein 50 die angehängten Fussnoten. Die Arbeit war also wohl recht umfassend, die Bartsch in dieses Buch steckte. Es ist tatsächlich vielmehr eine umfassende und echt große Interpretation, bei der einzelne Aspekte in der Vordergrund gerückt wurden und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. In ihrer Methodik und Vorgehensweise ist das Buch äußerst interessant und zeigt, wie viel wir aus dem einen Epos (obwohl wir zum Kontext und zum Autor fast kein Wissen mehr haben) herauslesen KANN. Vieles ist spekulative Interpretation, doch dadurch keinesfalls weniger bemerkenswert. Tatsächlich bin ich selbst mir nicht sicher, ob die Interpretation in diesem Fall nicht zu weit ins Spekulative hineingeht. Bartsch setzt so eine allesumfassende Komposition voraus und scheint hinter allem eine vom Autor intendierte Absicht zu sehen. Doch die Tatsache, dass Lucan viel jünger war, viel weniger Zeit hatte (als zB Vergil oder Ovid) und das Werk auch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit im Schreibprozess unterbrechen musste, macht es mir schwer glaubhaft, dass Lucan alles geplant haben soll.
ABER. Allein schon die interessante Herangehenswiese Bartsch hat mir die Autorin selbst interessant gemacht. Auch wenn meine Sympathie für Lucan und sein Werk nur ein wenig stieg, werde ich mir die Autorin dieser Interpretation merken und evtl. mal eine andere Arbeit von ihr lesen.
Ich muss aber auch ehrlicherweise eingestehen, dass mir ihr Englisch etwas schwer viel und ich evtl. nicht jede Nuance richtig verstanden habe und mir evtl. einzelne Gedankengänge nicht klar wurden.























