Bücher mit dem Tag "lebensborn"
14 Bücher
- Kai Meyer
Die Bücher, der Junge und die Nacht
(242)Aktuelle Rezension von: rumble-beeDieses Buch hat mir nicht ganz so gut gefallen wie die "Bibliothek im Nebel" (damals ein Jahres-Highlight!). Aber es war immer noch ausgeprochen lesbar. Der Ton war ganz Kai Meyer, keine Frage. Irgendwie erschien mir die Auswahl der Themen ein wenig verquer: Nazi-Zeit, Okkultismus, nicht anerkannte oder unentdeckte Vaterschaften, unglückliche Liebe... allerdings war mir gar nicht bekannt, dass sich die Nazis tatsächlich mit Okkultismus befasst haben.
Gut recherchiert war das Buch sicherlich! Die Zeitgeschichte wurde sehr lebendig. Andererseits ähnelte es manchmal einer deutschen Version von "Die Neun Pforten".
Die guten Seiten: Die Freundschaft Jakob / Gregori hat mich köstlich amüsiert, die Dialoge waren teils herrlich komisch! Toll geschildert auch die Atmosphäre rund um Bücher, das Buchbinden, Leipzig, Antiquariate. Die Erzählstränge aus Vergangenheit und Gegenwart sind kunstvoll verflochten.
Bis zum Schluss blieb eine gewisse Spannung bezüglich einzelner Fragen übrig, zum Beispiel Julis Grab. Es wird auch nicht wirklich geklärt, ob Jakob Flügelschlag wirklich ein mystisches Wesen war.
Ich hatte insgesamt das Gefühl, hier lässt der Autor seine "literarischen Muskeln" spielen, um zu sehen, ob ihm die Themen rund um Leipzig überhaupt liegen. Die späteren Bände der Reihe finde ich besser.
- Pam Jenoff
Töchter der Lüfte
(48)Aktuelle Rezension von: rose7474Der Knappentext hörte sich nach einer sehr interessanten Geschichte an, die in einem Zirkus im 2. Weltkrieg spielt.
Leider konnte mich der Roman nicht vollständig überzeugen. Der Roman wurde abwechselnd in der Sicht von Astrid und Isa erzählt was mir gut gefiel. Jedoch war der Schreibstil eher distanziert und teilweise langatmig. Ich konnte keine richtige Verbindung zu Astrid und Isa aufbauen. Mir fehlte es an Tiefe. Auf die Gefühle der Protagonisten wurde kaum eingegangen. So konnte mich der Roman nicht vollständig überzeugen und berühren. Daher vergebe ich 3 Sterne. Ein berührende Geschichte, die für mich nicht so gut umgesetzt wurde. Ein eher enttäuschender Roman für mich.
- Linda Winterberg
Das Haus der verlorenen Kinder
(129)Aktuelle Rezension von: MamaSandraInhalt:
Oda und Lisbet leben während des Zweiten Weltkrieges in Norwegen. In ihrem beschaulichem Dorf reisen die Deutschen an. Für die jungen Frauen beginnt eine tragische Liebesgeschichte, denn beide verlieren ihre Herzen an deutsche Soldaten. Das war zur damaligen Zeit eine Schande, als „Deutschenmädchen“ wurden sie verhöhnt und geächtet. Die Vereinigung namens „Lebensborn“ hat den „gefallenen Mädchen“ damals geholfen. Aber alles hatte seinen Preis…
Heute in Wiesbaden freundet sich die junge Pflegerin Marie mit der Bewohnerin Betty an. Man merkt gleich, dass sich Betty sehr mit ihrer Vergangenheit beschäftig und in Marie eine gute Gesprächspartnerin gefunden hat. Marie selbst sieht ihr freiwilliges soziales Jahr als weitere Station in ihrem Leben an. Das Altersheim hat sie aufgrund eines Fotos ausgewählt, welches in den Unterlagen ihrer verstorbenen Mutter lag. Als Vollwaise gebeutelt von Jahren in der Obhut des Jugendamtes oder Pflegefamilien, möchte Marie endlich ein Ziel haben, doch es gelingt ihr nicht. Dass das Altersheim früher eine Einrichtung des „Lebensborn-Vereins“ war, stellt eine Verbindung zur Geschichte von Oda und Lisbet dar.
Meine Einschätzung:
Die Zeit des Zweiten Weltkrieges kann wohl noch unzählige Bücher hervorbringen. Sehr interessant finde ich inzwischen die Blicke auf und aus anderen Ländern, die damals zu leiden hatten. Norwegen hatte ich bisher noch nicht oft in den Romanen und der Lebensborn war mir völlig fremd bisher. Von daher habe ich nun eine völlig neue Perspektive auf diese Zeit. Wenn es auch fiktiv ist, so wird es einigen tatsächlich so oder so ähnlich ergangen sein wie Oda und Lisbet, was mich immer wieder aufs Neue erschüttert und berührt.
Sehr gut gefallen haben mir die Zeitsprünge. Auch der Einstieg ins Buch, der ja erst einmal an späterer Stelle der Vergangenheit stattfindet. Welche Verbindung zwischen dem Hier und Damals besteht, war zwar etwas weit hergeholt bzw. ein ziemlicher Zufall, wenn man auch die Fährte erklärt hat. Aber dass man die Story dadurch abrundet und die Personen verbindet, ist der Autorin gut gelungen.
Schockierend finde ich, wie sehr man trotzdem noch die Vergangenheit unter Verschluss hält. Oftmals kamen Entschuldigungen viel zu spät und manche haben nie Antworten bekommen. Diese menschlichen Abgründe werde ich nie verstehen. Gut, dass es aber einige gab, die nicht schwiegen und die helfen konnten und wollten.
Die Geschichte hat mich sehr berührt. Ich konnte das Buch kaum weglegen. Hat mir sehr gut gefallen!
- Jörg S. Gustmann
Rassenwahn
(25)Aktuelle Rezension von: WaschbaerinAls bekennender Nicht-Krimi-Fan muss ich mich nach der Lektüre dieses Krimis "Rassenwahn" von Jörg S. Gustmann meine Meinung revidieren. Was für ein tolles Buch!
Dieser Roman hat alles, was ich von einem guten Buch erwarte: Neben einer fesselnden Geschichte, die anschaulich und vor allem in einem guten Deutsch erzählt wird erwarte ich auch Denkanstöße und neue Einsichten - Informationen die mich neugierig machen tiefer zu graben und so wissbegierig zu werden dass ich mich mit einem Thema näher beschäftigen will. All das vereinte dieser Krimi.
Alle Kapitel sind nach Datum geordnet, wodurch eine chronologische Abfolge geschildert wird, die es dem Leser vereinfacht der Handlung zu folgen. Mal befinden wir uns im Jahre 2010 und dann springt der Autor, wenn es den Ablauf der Handlung erfordert, wieder ins Jahr 1944 zurück.
Sicherlich haben die meisten unserer Nachkriegsgeneration schon von den Lebensbornheimen der Nazizeit gehört oder gelesen, in denen nicht nur Mütter mit ihren unehelichen Kindern geholfen wurden. Ein ganz groß anvisiertes Ziel war, dass von reinrassigen, also arischen Männern - meist höhere SS-Offiziere - für den Führer eine besondere Rasse Mensch gezeugt werden sollte. Doch nicht jedes Kind geriet so wie geplant.
Nach dem Prolog, der im Jahre 2010 angesiedelt ist, geht es im ersten Kapitel zurück ins Jahr 1944 in ein Lebensbornheim. Ein Vater besucht seine Tochter, die seinen Erwartungen ganz und gar nicht entspricht. Er, Arier und SS-Offizier soll so ein unwertes Leben gezeugt haben? Keine Frage, dieses dunkelhaarige Kind durfte nie mit ihm in Verbindung gebracht werden. Hitler durfte das nie erfahren. So begann die Odyssee eines kleinen Mädchens.
Nach diesem Kapitel sind wir schon im Jahr 2010. Kommissar Pohlmann wird aus seinem Domizil in Südamerika zurück nach Hamburg beordert. (Seite 153): "Nicht alle Träume entpuppten sich als lebenswert". Dieser kurze Satz zeigt auf, weshalb Pohlmann sein Paradies verließ um in Hamburg einen Mörder zu fassen. Ist es ein Serientäter? Welches Motiv steht dahinter? Anfangs will nichts so recht zusammen passen. Diese verrückte Alte, mit der man kaum ein Wort reden kann scheint eine Schlüsselfunktion zu haben, diesen Fall zu lösen.
Das, was alle 5 Morde miteinander verbindet sind die Lebensbornheime der Nazi-Zeit. So taucht Kommissar Pohlmann ein, in eine längst vergessene Welt des Rassenwahns und nimmt den Leser auf diese düstere Reise mit. Die Täter von einst sind heute angesehene Leute - Richter, Ärzte, Keiner von ihnen fühlte sich je schuldig und wurde auch nie für das was sie taten belangt. Die Spuren ihrer Gesinnung und Taten wurden von ihnen so verwischt, dass es Pohlmann und seinem Team nur unter Aufbietung ihres ganzen kriminalistischen Spürsinns gelingt, einen roten Faden zu finden. Beim genauen Hinsehen stellt Pohlmann fest, dieser Wahn von einst lebt in diesen Köpfen weiter und wurde an die nächste Generation weiter gegeben. .
Was mir an diesem Buch besonders gefällt ist, es geht nicht nur um Morde und die Aufklärung dieser Verbrechen. Immer wieder wird die Frage aufgegriffen, wie fühlt es sich für einen Menschen an zu wissen, speziell für den Führer und seine Idee gezeugt worden zu sein. Wie geht man mit der Gewissheit um, dass der Vater ein hoher SS-Offizier war? Was macht es mit einem Menschen damit konfrontiert zu werden und mit dem Wissen leben zu müssen, dass sein Vater ein Massenmörder war? Wenn man sich voll auf dieses Buch einlässt, schaut man als Leser nicht mehr nur von außen zu sondern ist mitten in der Handlung und einem Gefühlswirrwarr. Mal ganz ehrlich, wer hat jemals groß darüber nachgedacht, was aus diesen Lebensborn-Kindern wurd?
Auf Seite 165 gehtes um die Namensgebungsfeier Lebensborn. "Mit dem Zeigefinger auf dem Blatt suchend, fand er (Pohlmann) den Eintrag, der ihn weiterbringen würde: Im Rahmen dieser an die christliche Taufe angelehnten Zeremonien wurden die Säuglinge unter den Schutz der Sippengemeinschaft der SS gestellt. Männer aus den Reihen der SS übernahmen die Patenschaften für ein Kind".
Allein dieser kurze Abschnitt beschreibt die perfide Idee hinter diesem Rassenwahn. (Seite 202): "Armer Gregor Mendel", dachte Martin. "Der Mann würde sich im Grabe umdrehen, wüsste er, zu welch perversen Gedanken seine Lehren missbraucht worden waren".
Während Pohlmanns Recherchen in Berlin: "...Haben sie schon einmal was von der Aktion T4 gehört?"
Martin nickte. "Die Aktion T4 beinhaltete die Ermordung von circa 100.000 Psychiatriepazienten oder behinderten Menschen durch SS-Ärzte und Pflegekräfte....Diese Ärzte standen wohl den KZ-Ärzten in nichts nach. Ohne Skrupel experimentierten diese Unmenschen an gesunden Kindern, nur weil sie nicht einer altersgemäßen Größe entsprachen. Unter der Leitung von Dr. Mengele ließ man diese Kinder zu Tausenden <abspritzen>, wie er es nannte. Man injizierte ihnen Phenol direkt ins Herz. ..."
"Woher stammt der Begriff T4 eigentlich?"
"Der Name T4 entstammt der Berliner Bürozentrale, einer Villa der Tiergartenstraße 4. Während der NS-Zeit befand sich in dieser Villa die Zentrale für die Leitung der Ermordung behinderter Menschen im gesamten Deutschen Reich."
In diesen Krimi eingebettet, wird dem Leser sowohl die Denkweise als auch das Lebensgefühl einer düsteren Epoche vermittelt. Und ein Kapitel weiter lesen wir, wie solche Lebensbornkind mit solch einer Last ihr Leben gestalten und meistern mussten. Die Schuld der Väter ließ sie zu Suchenden werden. "Lebensborn" sagt vielen Menschen heute nichts mehr. Manche wollen auch nichts mehr davon wissen. Doch dies ist und bleibt ein Teil unsere Vergangenheit. Zwar können wir diese nicht mehr ändern, jedoch sollte man wissen, was damals geschah.
Ich weiß nicht, wieviele Krimis ich gelesen habe, bis ich die Nase voll davon hatte. Oftmals gleichen sie sich, sind weder gut geschrieben noch kann man einen anderen Sinn als banale Unterhaltung darin erkennen. Vielleicht hat mich deshalb dieser Krimi so fasziniert, weil er völlig aus dem üblichen 08/15 Angebot heraus sticht.
Ich denke, nur eine überschaubare Zahl von Thrillern oder Krimis passt in die Kategorie, mehr als nur Unterhaltung zu sein. Diesem Autor ist es gelungen einen Krimi zu schreiben, der weitaus breiter angelegt ist und demzufolge auch mehr zu bieten hat als banale und spannende Unterhaltung.
- Dorothee Schmitz-Köster
Raubkind
(15)Aktuelle Rezension von: Katharina83Dorothee Schmitz- Köster "Raubkind" erschienen 2018 bei Herder.
Es ist ein Bericht über eine Wahrenbegbenheit.
Es geht um Lebensborn und die Kinder, die aus Polen geraubt wurden.
Im Buch wird an einem Einzelfall gezeigt wie es vielen von diesen geraubten Kinder erging und noch ergeht.
Nicht immer läuft es so positiv wie im diesem Fall.
Ich konnte es nicht aus der Hand legen, es hat mich gefesselt. Ich war immer mit wenn die Journalistin wieder eine neue Spur hatte oder wo er seine Familie kennen lernt.
- Heike Wolf
Des Lebens labyrinthisch irrer Lauf
(12)Aktuelle Rezension von: BabajagaDas Buch:
Bei diesem Buch handelt es sich um den 2. Teil der Schönau-Dilogie. Er umfasst den Zeitrahmen 1935 bis 1957 im Leben der Familie Schönau. Den ersten Teil sollte man vorher gelesen haben, da der 2. Teil direkt an dessen Ende ansetzt. Das Buch ist Kapitel aufgeteilt, die über die meiste Zeit jeweils ein Jahr umfassen.
Worum geht’s?
1935 – das Naziregime gewinnt zusehends an Macht und das Leben der Familie Schönau ändert sich ein weiteres Mal drastisch. Alle Familienmitglieder müssen sich in dieser dunklen Zeit arrangieren und tun es auf die unterschiedlichsten Weisen. Dabei müssen alle schwerste Verluste hinnehmen und mit dem größer werdenden menschlichen Zwiespalt innerhalb der Familie klar kommen. Auch nach dem Krieg können nicht alle Schönau-Kinder ein gutes Leben führen. Gerade Lotte geht einen sehr schweren Weg, der – als sie vermeintlich am Ziel ist – wieder nur einen schmerzlichen Verlust für sie bereit hält. Erst an ihrem 90. Geburtstag am 09.11.1989 darf sie sich endlich über ein Geschenk freuen, mit dem sie nicht mehr gerechnet hatte.
Die Charaktere:
Lotte ist auch in diesem 2. Teil die Sympathieträgerin für die ich zu jeder Zeit Wohlwollen empfunden habe. Mehr als einmal habe ich gedacht, dass sie kaum noch mehr Rückschläge ertragen kann. Eine lange Zeit muss sie das Leben mit ihren beiden Kindern Agnes und Irene allein meistern, weil Richard entweder im Krieg ist oder im Gefängnis einsitzt. Oftmals weiß Lotte noch nicht einmal, wo genau Richard sich gerade befindet. Diese ständige Unsicherheit macht einen schon als Leser nervös und es ist kaum vorstellbar, was genau Lotte empfunden haben muss. Der Autorin gelingt es zu jeder Zeit absolut glaubwürdig diesen bedrückenden Umstand zu beschreiben. Lottes Verhaltensweisen und Entscheidungen kann ich oftmals sehr gut nachvollziehen, insbesondere vor dem Hintergrund, da ich selbst nicht sagen könnte, wie ich in diesen Situationen reagiert hätte.
Dorchen ist wohl der Charakter, der sich am radikalsten verändert. War sie am Anfang lebenslustig, direkt und extrem gegen das Naziregime, entwickelt sie sich nach dem Krieg zu einer Fanatikerin, die den Sozialismus bejubelt, obwohl offensichtlich ist, dass die Russen nicht wirklich etwas anders machen als die Nazis vor ihnen. Die Diktatur unter Hitler hat sie rigoros abgelehnt, hat sogar Lotte und Richard verurteilt, weil sie ihrer Meinung nach zu wenig dagegen unternahmen; stets hat sie Heinrich verurteilt, wegen seiner Besessenheit in der NS Zeit. Und nun? Macht sie es genauso! Dorchen war mir immer sehr sympathisch, ich mochte sie wegen ihrer leichten Art zu leben, mir gefiel mit wie viel Enthusiasmus sie sich für ihre Arbeit eingesetzt hatte und natürlich ihre tiefen Gefühle für Levin. Nachdem sowohl Levin als auch ihre Tochter Margrit von ihrer Seite gerissen wurden, arbeitet Dorchen intensiv im Widerstand und verurteilt beinahe jeden, der etwas dezenter ist. Ich kann ihre Verluste nur all zu gut verstehen, ebenso wie den Umstand, dass sie etwas tun will. Dass sie jedoch sogar die eigene Familie verbal beginnt anzugreifen, bringt meine Sympathie ins Wanken. Bereits hier zeigen sich die ersten Züge von Fanatismus, die sich nach dem Krieg ganz extrem ausprägen. Zwar hilft sie Lotte in den wirklich schlechten Zeiten und zeigt hier dann das Dorchen, wie ich es kenne, aber kurz darauf ist sie wieder hart und ungerecht. Es ist mir durchaus bewusst, dass der Krieg Dorchen verändert und hart gemacht hat, aber diese bedingungslose Besessenheit von einer anderen Diktatur hat sie mir am Ende beinahe unsympathisch werden lassen. Doch trotz aller Antipathie am Ende des Buches ist auch dieser Charakter authentisch, er gehört dazu und in gewisser Weise tut mir Dorchen sogar leid.
Heinrich taucht nicht ganz so oft auf wie Lotte und Dorchen, aber wenn, dann möchte man ihn schütteln und ihn fragen, ob er blind ist. Ich empfinde es als furchtbar, wie er alte Freunde und sogar die eigene Familie ans Messer liefert ohne mit der Wimper zu zucken. Und trotzdem ist Heinrich eine Figur, die von Ambivalenz strotzt. Einerseits diese Härte und blinder Fanatismus – allerdings zum NS Regime – und andererseits kümmert er sich beinahe rührend um Lotte, sowohl direkt nach dem Krieg und auch später. Seine Verhaltens- und Denkweisen scheinen nicht zusammenpassen zu wollen, aber trotzdem ist er eine Figur, die man sich lebhaft vorstellen kann.
Sämtliche Charaktere, auch Nebenfiguren, zeichnet die Autorin vielschichtig. Man kann eigentlich bei keiner Figur einfach sagen, dass man sie mag oder eben nicht. Und genau das ist der Grund, weshalb sie mit all ihren Sorgen und Nöten, mit den schönen und schlechten Dingen ihres Lebens absolut glaubwürdig sind. Es kommt einem immer ein bisschen so vor, als könnte man sie greifen, wenn man nur die Hand ausstreckte. Je länger man in der Geschichte liest, desto mehr wachsen einem die Figuren ans Herz und desto mehr glaubt man, einen Freund der Familie zu verlieren, wann immer jemand stirbt – und es sterben viele! Heike Wolf macht es einem wirklich schwer Figuren gehen zu lassen. Dies wird besonders deutlich, als nach einem Bombenangriff 3 wichtige Figuren auf einmal sterben.
Schreibstil:
Heike Wolf schreibt einfach großartig! Bildgewaltig ohne sich in Details zu verlieren. Sie beschreibt die Welt in ihrer Geschichte so, dass der Leser in sie abtauchen kann, so als wäre sie selbst dabei gewesen. Und auch wenn die Zeit furchtbar war, wenn man auf überhaupt gar keinen Fall in dieser Zeit gelebt haben möchte, so ist diese Zeit für die Zeit des Lesens so echt und so greifbar – mit all ihren schrecklichen Momenten, aber gerade auch mit den schönen Momenten.
Die Autorin wirft den Leser durch alle Emotionen. Immer wieder möchte der Leser hoffen und tut es auch, dass sie diesem oder jenem Charakter dies oder jenes nicht antun möge. Man hofft und bangt und doch kommt das Unvermeidliche. Wer mehr als ein Buch von Heike Wolf gelesen hat, der weiß, dass sie nicht zimperlich mit ihren Figuren ist, aber trotzdem schafft sie es immer wieder, dass man zu ihren Figuren ein Verhältnis aufbauen muss. Man kommt nicht umhin, eben weil sie so lebendig sind. Der Satz „Das kann sie jetzt nicht wirklich tun!“ war mein ständiger Begleiter, aber sie tut es trotzdem – erbarmungslos. Erbarmungslos ist hier ein Kompliment, denn die Zeit war genau das. Alles andere wäre nicht authentisch.
Historischer Hintergrund:
Es gibt sicherlich viele Bücher, die sich mit dem 3. Reich befassen. Es gibt sicherlich auch viele gute Bücher über diese Zeit. Aber dieses hier vereint einfach alles. Es liefert einerseits sauber recherchiertes Hintergrundwissen sowohl über den Krieg als auch die Anfänge der DDR – ich habe mehr als einmal ungläubig gesagt „Das glaube ich jetzt nicht“ und doch ist es wahr. Andererseits lässt es diese Zeit so lebendig werden, als würde man selbst dabei sein. Hin und wieder musste ich beim Lesen unterbrechen um aus dem Fenster zu schauen, bevor die nächsten Bomben fielen.
Fazit:
Dieses Buch ist alles, aber keine leichte Unterhaltung! Wer sich auf dieses Buch einlässt, braucht mindestens ein Paket Taschentücher – besser zwei! Er sollte sich darauf einstellen, dass zwischen Liebe und Hass jedes Gefühl hochkommen wird – außer Gleichgültigkeit! Diese kann und wird sich der Leser nicht erlauben. Für Fans von wirklich realistischen, historischen Romanen ein absolutes Must read! 5 von 5 Sternen.
Danke Heike!
- Anja Jonuleit
Herbstvergessene
(123)Aktuelle Rezension von: knuddelbackeMit Herbstvergessene ist Anna Jonuleit ein Generationsübergreifender Roman gelungen, der die Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern als Dreh- und Angelpunkt aufgreift. So geht es hier nicht nur um die schwierige Beziehung zwischen Maja und Ihrer Mutter Lili, sondern auch um Mütter während des Zweiten Weltkrieges. Denn Majas Großmutter Charlotte bekam ihr Kind einst in einem Lebensbornheim ohne jemals darüber gesprochen zu haben. Es gibt 2 Erzählstränge: Die Vergangenheit erfährt der Leser durch Charlotte, die Entwicklungen der Gegenwart werden durch Maja erzählt. Und nach und nach verbinden sich beide Leben miteinander und werfen ein völllig neues Bild auf Majas Familie.
Der Schreibstil ist angenehm und schnörkellos. Die Dialoge sind glaubwürdig . Majas Unsicherheit in vielen Belangen des Lebens lassen die Handlung jedoch an der ein oder anderen Stelle stocken. Man kann sie nicht unbedingt als unsympathisch beschreiben, aber ihre unbeholfene Art und Weise bremst das Buch an einigen Stellen aus.
Mir hat die Komplexität des Themas gefallen, und auch der Erzählstil der Autorin. Ein Teil der Handlung spielte in Wien. Auch das gefiel mir ausgesprochen gut. Ein Lesenswerter Roman über Familie,Mütter und Töchter und die Frage nach der eigenen Identität.
- Jean-Christophe Grangé
Die marmornen Träume
(111)Aktuelle Rezension von: MeinbuecherregalDie marmornen Träume von Jean-Christophe Grange aus dem #tropenverlag
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Dieses Buch ist ein historischer Thriller. Berlin, eine Frau wird ermordet aufgefunden. Und das im Jahr 1939. Aus der Elite. Undenkbar. Schwierige Ermittlungen beginnen. Das Ermittler Trio ist auch etwas Besonderes : ein Offizier, ein Gigolo und eine Alkoholikerin werden hier ungeplant und unfreiwillig zu einem „Team“ . Wobei das Wort Team hier nicht immer treffend ist.
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Meine Meinung würde ich gerne teilen. Hier gibt es einmal den Thriller/die Ermittlungsarbeit und parallel, der geschichtliche Aspekt.
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Der Thriller Anteil lässt uns mit ermitteln. Führt uns immer wieder zu neuen Ideen, anderen Verdächtigen weiteren möglichen Erklärungen. Hier passiert eine Menge. Es gibt Rückschläge und viele Theorien. Mir manchmal etwas zu viel? Zu komplex? Eine Idee mit allem drum und dran hätte mir eigentlich schon gereicht. So geht es weiter und weiter und ich hatte schon fast das Gefühl mehrere Thriller nach und nach zu lesen.
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Der geschichtliche Part bekommt von mir volle Punktzahl. Hier wird eine beklemmende, schreckliche Zeit vorgestellt. Da fehlen mir die Worte. Dem Autor zum Glück nicht. So wird es eine Mahnung.
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Faszinierend ist das verweben von vielen Geschichten. Elite und Roma. Schein und Sein. Ideologie und Verzweiflung. Unglaublichem und offensichtlichem.
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Dieses Buch ist zu viel und gleichzeitig nicht genug. Ich möchte mehr erfahren und gleichzeitig ahnungslos bleiben. Zu viele Ideen, aber richtig, sie zu erzählen. Manche Erzählstränge hätte ich nicht gebraucht. Manches wird mir nicht ausreichend aufgeklärt.
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Dieses Buch würde ich Lesenden von „Kind 44“, „Vaterland“ und Volker Kutscher empfehlen.
- Anja Jonuleit
Das letzte Bild
(181)Aktuelle Rezension von: gagijuIch bin ein großer Fan von Anja Jonuleit, habe schon viele Bücher von ihr gelesen und war von allen begeistert, auch wenn sie recht unterschiedlich waren.
Auch dieses hier hat mich sehr schnell in seinen Bann gezogen, obwohl die verschiedenen Zeitebenen und die durch die Handlung bedingten Verwirrspiele und Namensänderungen mir einiges an Konzentration abverlangt haben. Ich habe die Geschichte als Hörbuch genossen, und im Nachhinein würde ich mir selbst doch eher zum geschriebenen Buch raten, weil man da doch immer mal wieder nachlesen kann, wenn man etwas prüfen möchte oder nicht richtig verstanden hat.
Das Buch ist superspannend, bewegend und sehr einfühlsam geschrieben. Ich habe alle Personen deutlich vor mir gesehen, außer die, die das partput nicht wollten ;-).
Auch der historische Hintergrund ist unbedingt erzählenswert.
Unbedingte Leseempfehlung!
- Ulrike Draesner
Die Verwandelten
(8)Aktuelle Rezension von: Wolf-MacbethIch habe Die Verwandelten nicht „gelesen“, ich habe es durchlebt. Dieses Buch ist kein Wohlfühlroman, es will nicht trösten, nicht leichtmachen, nicht unterhalten. Es ist ein Werk über ein Jahrhundert Gewalt, Verlust und Nachhall – erzählt von Frauen, deren Stimmen sich durch Krieg und Nachkrieg hindurch verändern, brechen und dennoch bestehen. Drei Generationen, verbunden durch etwas, das sie nicht gewählt haben, aber tragen müssen.
Was dieses Buch so besonders – und so anstrengend – macht, ist die Art, wie Draesner erzählt. Die Zeit ist nie linear. Der Roman springt unaufhörlich zwischen 1938, 1945, den 1960er Jahren, der Gegenwart und den Orten, an denen die Familiengeschichte abgelagert ist: München, Hamburg, Warschau, Breslau/Wrocław. Jeder Zeitsprung zieht einen wie ein Strudel nach unten, bevor man wieder zur Oberfläche zurückkommt. Dieses „retardierende Erzählen“ macht das Lesen körperlich, manchmal fast erschöpfend.
Dazu kommt das Thema selbst. Die Verwandelten zeigt nicht die Gewalt im Moment, sondern das Danach:
Flucht. Vergewaltigungen. Lebensborn. Tote Kinder. Verstümmelte Identitäten.Es ist die Frage, wie ein Krieg weiterlebt in Menschen, die ihn überlebt haben – und in denen, die nach ihnen kommen. Der Roman bleibt beunruhigend nah an der Frage, wie man überhaupt leben soll, wenn Sprache, Herkunft und Körper durch Gewalt geprägt sind.
Und dann die Sprache. Draesner schreibt hochliterarisch, verdichtet, ohne Entlastung. Dialekt, Polnisch, Schlesisch, Mythologie, Biologie, Bilder und abrupte Gedankensprünge – alles verschmilzt zu einem Rhythmus, der manchmal wie Musik, manchmal wie Atemnot wirkt. Man liest fünf Seiten und hat das Gefühl, es seien dreißig gewesen. Trotzdem ist der Roman nie langweilig: Er hat eine Kraft, einen Drive, der einen trotz aller Schwere weiterzieht.
Mich hat besonders beeindruckt, wie Draesner die Gewalt nie ausschlachtet, sondern spürbar macht. Die Verwundung ist nicht das Spektakel, sondern die Spur. Es geht nicht um das Ereignis, sondern um das Weiterleben. Um das, was Frauen über Jahrzehnte nicht sagen konnten. Um das, was die Sprache selbst erlitten hat.
Als ich die letzten Seiten gelesen habe, war ich erschöpft, aber voller Bewunderung. Die Verwandelten ist ein großes literarisches Werk – hart, traurig, fordernd und gleichzeitig zärtlich gegenüber seinen Figuren. Ulrike Draesner gehört für mich mit diesem Buch zu den bedeutendsten literarischen Stimmen der Gegenwart.
Ein Roman, der lange nachhallt. Vielleicht ein Leben lang.
- Michael Paul
Versteckt im Schwarzwald
(8)Aktuelle Rezension von: Oliver_StarkDas ist mal historisch auf ganzer Linie hier... die ganze Story ist und war spannend und fesselnd zugleich... der Schreibstil ist flüssig und angenehm geschrieben... das Thema ist zwar etwas anderes als sonst, aber dafür lohnt es sich extrem... auch die Protagonisten sind faszinierend beschrieben worden... einzig das Setting hätte etwas mehr ausgearbeitet werden können, aber das stört wenig... ich empfehle das Buch aber gerne weiter
- Francois Emmanuel
Der Wert des Menschen
(8)Aktuelle Rezension von: Stephan59Simon, der Betriebspsychologe erhält den Auftrag, seinen Chef auszuspionieren. Zugleich spielt ihm jemand anonym Schriftstücke zu, in denen die euphemistischen Anweisungen der Nazi-Vernichtiungs-Bürokratie mit dem heutigen Wirtschaftsdeutsch verschnitten werden, sich steigernd, bis eine klare Trennung zwischen beiden kaum noch möglich scheint. Die Sprachverwirrung wie die Lebensläufe der Protagonisten, die im mer wieder in diese dunkle Vergangenheit zurückverweisen, werfen die Frage nach der Möglichkeit der klaren Abgrenzung und einem Zusammenhang auf, der mit dem Ende der Nazi-Diktatur nicht endgültig aufgelöst scheint. Ein Buch, das nachdenklich macht und nachwirkt. - 8
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