Bücher mit dem Tag "lettland"
26 Bücher
- Henning Mankell
Hunde von Riga
(689)Aktuelle Rezension von: Pascal_MaessSpoilerwarnung: Diese Rezension enthält inhaltliche Details zum Verlauf und Ende des Romans.
Nach Mörder ohne Gesicht war ich gespannt, wie es mit Kurt Wallander weitergeht – und fand mich schnell in einer Art Hass-Liebe wieder, die wahrscheinlich sinnbildlich für mein Verhältnis zu Henning Mankell steht.
Sein Schreibstil ist ruhig, fast schon einschläfernd. Normalerweise würde ich das als Kritikpunkt sehen, aber bei Mankell funktioniert es, weil diese Schwere so perfekt zu Wallanders Charakter passt. Wallander ist kein Held, er ist ein müder, zerrissener Mann, gefangen zwischen Routine, Einsamkeit und Selbstzweifeln. Wenn er spricht, hört man fast schon seine Müdigkeit atmen – und genau das macht ihn real.
Was Mankell unglaublich gut kann, ist Stimmung. Der Kontrast zwischen Schweden und Lettland zieht sich wie ein emotionaler Temperaturunterschied durchs ganze Buch. In Schweden spürt man noch Wärme, Nähe, kurz sogar Geborgenheit (besonders in den Szenen mit seiner Tochter). In Riga dagegen friert man mit – alles ist kalt, grau, gehetzt und trostlos. Diese Atmosphäre hat mich komplett abgeholt.
Der Plot dagegen: schwierig. Anfangs stark, mit einem mysteriösen Rettungsboot und zwei Toten, entwickelt sich die Geschichte zu einer Art Agenten-Thriller. Das funktioniert phasenweise gut – etwa in der Halle, als Wallander gefangen ist, oder später im Polizeirevier, wo man fast seinen Angstschweiß riecht. Aber Mankell verliert irgendwann die Kontrolle über seine eigene Geschichte. Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, Handlungsstränge werden angerissen und fallen dann ins Leere. Beispielhaft: der Mann in der Jagdhütte – eingeführt, gefangen genommen, nie wieder erwähnt.
Auch die Romanze zwischen Wallander und Baiba wirkt leider gezwungen. Sie treffen sich, sehen sich zweimal – und plötzlich herrscht große Liebe. Das wirkt konstruiert, fast wie ein erzählerischer Fremdkörper, den Mankell unbedingt einbauen wollte.
Das Ende schließlich wirkt gehetzt. Oberst Putnis taucht auf und erklärt alles in wenigen Seiten – Dinge, die man theoretisch 100 Seiten früher hätte auflösen können. Wallander bleibt letztlich mehr Beobachter als Ermittler. Die anfängliche Bootsszene, so stark sie war, hängt inhaltlich fast lose in der Luft. Auch der Titel „Die Hunde von Riga“ wird erst spät und dann recht unmotiviert aufgegriffen – schade, denn das Potenzial war riesig.
Ein paar Szenen stechen dennoch hervor: Das Kapitel im Kaufhaus, die Verfolgung auf dem Dach, und diese Momente, in denen Wallander für einen Augenblick wieder klar denkt, analytisch wird, Pläne schmiedet. Da spürt man den alten, nüchternen Ermittler wieder – den Mankell eigentlich so gut schreiben kann.
Unterm Strich ist Die Hunde von Riga für mich ein solider, aber schwächerer Wallander. Atmosphärisch stark, psychologisch interessant, erzählerisch aber zu sprunghaft und unkonzentriert.
Fazit: Ein Roman voller Kälte, Melancholie und politischer Schatten – der zwar Tiefe hat, aber sein eigenes Rätsel am Ende nicht ganz zu Ende denkt.
- Chris Kraus
Das kalte Blut
(29)Aktuelle Rezension von: dunkelbuchIn diesem Roman geht es um die radikale, systematische Vernichtung von Menschen während des zweiten Weltkriegs. Aus Sicht des Täters. Zwei Brüder werden als SS-Männer mit der „Säuberung“ im Osten und Westen des „Großdeutschen Reichs“ beauftragt. Beide lieben sie die Jüdin Ev, die traumatisiert aus Auschwitz zurückkehrt, wo sie zur Folterung von Häftlingen gezwungen wurde. Nach dem Krieg wechseln die Brüder Hub und Koja zu anderen Geheimdiensten, CIA und KGB, dienen als Doppelagenten mal hier mal da der „Sache“. Harte Kost, die anfangs in schönen Bildern und einem lockeren Erzählstil in das Buch zieht. 1974 beichtet der Ich-Erzähler Koja einem Hippie-Leidensgenossen in einem Krankenhaus seine Vergehen. Dabei schweift er immer wieder in melancholische Erinnerungen ab. Koja ist ein Künstler, hält alles mit Graphit auf Papier fest, lernt Heinrich Himmler kennen und beeindruckt ihn. Sein Bruder Hub möchte den „Zartbesaiteten“ beschützen. Er sorgt dafür, dass Koja versetzt wird, sobald er zu Massenhinrichtungen abkommandiert werden soll, doch eines Tages kann Hub es nicht mehr verhindern. Und Koja ballert ein ganzes Magazin auf einen Säugling.
Es gibt wunderschöne Metaphern in dem Buch, aber die will man als Leser mit zunehmender Enthüllung der Grausamkeiten nicht mehr genießen. Der Roman erinnert an die wahren Schicksale und pflanzt sie damit in die Gedächtnisse von uns Nachgeborenen ein oder besser, er ätzt sie ein. Für „Das kalte Blut“ hat er penibel in seiner eigenen Familiengeschichte recherchiert. Trotz bester Absichten zerfällt der Roman für mich als Leser aber eher in einen Bericht als in eine runde Gesamterzählung.Ein bedrückendes aber gutesBuch.
- Johannes Klaus
The Travel Episodes
(14)Aktuelle Rezension von: WanderingBookwormIronischerweise bekam ich dieses Buch geschenkt, als eine Reise für mich endete. Meine erste große Reise, die in mir das unauslöschliche Fernweh ausgelöst hat. Als ich Anfang 2020 mit gebrochenem Weltenbummler-Herzen von Corona wieder nach Hause geschickt wurde, habe ich dieses Buch bekommen. Auf der ersten Seite steht "Willkommen zurück", und ich begann, meine Reise zumindest auf dem Papier fortzusetzen. Es wurde zum ersten Buch, in dem ich besonders schöne Sätze farbig markierte. Sätze, die von Fernweh, Begegnungen, Abenteuern und manchmal auch von Heimweh erzählten. Ich habe es sehr genossen, durch die verschiedenen Geschichten hinweg mit den verschiedensten Menschen zu reisen. Jeder Autor und jede Autorin hatte eine ganz eigene Sicht auf die Dinge, hat neue Perspektiven aufgezeigt und auf Dinge hingewiesen, die ich mir für zukünftige Reisen merken werde, um ebenso offen für das Unbekannte zu werden, wie diese Menschen.
Ich kann das Buch nur empfehlen. Es bietet Inspiration für Reisende, ein kleines Fenster für die, die Reisen wollen, aber nicht können, und einen Schubs für die, die sich nicht trauen. Auch nach drei Jahren nach wie vor einer meiner Lieblinge im Regal.
- Karen Winter
Sehnsucht nach Riga
(10)Aktuelle Rezension von: engineerwifeAls ich ca. ¾ des Buches gelesen hatte, hatte ich eigentlich schon meine Meinung geformt. Ich wollte als Bewertung die Note zwei vergeben. Umso positiver wurde ich dann vom letzten Viertel des Buches überrascht, in dem die Autorin nochmal so richtig nachlegt und mir sogar ein paar Tränchen abgerungen hat. Kurzum, ich bin fertig mit dem Buch und bin begeistert. Ich würde es als ein sehr weibliches Buch bezeichnen. Das geschichtliche Drumherum vermittelte mir nicht viel Neues, Geschichte ist eben Geschichte, daran lässt sich ja nichts ändern. Aber Karen Winter hat so eine feine Art, dieses Geschichtswissen von einem weiblichen Blickwinkel zu beleuchten, der manches in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. In diesem Buch steckt so viel mehr als der kurze Klappentext suggeriert, der klingt für meinen Geschmack sogar eher kitschig. In diesem Roman ist jedoch wenig Kitsch auszumachen. Im Gegenteil, Marie-Louise, genannt Malu, hat in ihrem Leben eher wenig Zeit dafür. Von Anfang an wird sie von ihrer eigenen Mutter und ihrem Bruder geschnitten, wenn nicht sogar gehasst. Nur ihr Vater scheint hinter ihr zu stehen. Letztlich hält sie auch ihre Freundschaft mit dem nachbarschaftlichen Geschwisterpaar am Leben und erlaubt ihr mit diesem weiterzumachen. Als sie schließlich das elterliche Gut verlassen muss, nimmt sie ihre treue Freundin Constanze mit nach Berlin. Was nach anfänglichem Erfolg aussieht, wird bald allen Beteiligten zum Verhängnis … Lasst euch doch auch überraschen von diesem wunderbaren Buch, ich hoffe, es geht euch wie mir! - Pauls Toutonghi
Die Geschichte von Yuri Balodis und seinem Vater, der eigentlich Country-Star war
(39)Aktuelle Rezension von: BuecherspiegelMeine Urlaubsleseperle war dieses Jahr „Die Geschichte von Yuri Balodis und seinem Vater, der eigentlich Country-Star war“ von Pauls Toutonghi. Nach wenigen gelesenen Zeilen ist man mittendrin in dieser Geschichte eines Teenagers, der in Milwaukee groß wird. Wir schreiben übrigens das Jahr 1989, ein geschichtsträchtiges Jahr. Das gilt auch für Yuri, denn seine Eltern sind einst aus dem sowjetischen Lettland geflüchtet, preisen Amerika als gelobtes Land, in dem alles möglich und frei ist, im Gegensatz zur Sowjetunion. Und da verliebt sich Yuri ausgerechnet in seine Mitschülerin Hannah, einer Kommunistin, die engagiert ihren Weg geht und nicht zu beeindrucken von den echten Erlebnissen von Yuris Familie ist. Hannahs Vater, Dr. Graham, bezieht sogar Prügel von Herrn Balodis, als dieser seinen Sohn bei einer morgendlichen Demonstration erwischt. Yuri soll eine kommunistische Zeitung beim Schichtwechsel an Arbeiter verkaufen. Dr. Graham hat, nach Meinung von Herrn Balodis, schließlich nie unter dem Kommunismus leiden müssen, hat nie erfahren, dass er zum Beispiel kein Recht gehabt hätte wieder zurück nach Amerika zu gehen, sollte es ihm im sowjetischen Lettland nicht gefallen. Yuri stellt sich ähnliche Fragen, wie es ihm wohl ergangen wäre, wenn er nie die Möglichkeiten gehabt hätte, frei und offen in eine Bibliothek zu gehen und alle Bücher auszuleihen, die er lesen wollte. So sucht er Trost in perfekten, präzisen Sätzen, wenn er mal nicht weiter weiß in seinem Leben.
Die überaus liebenswerte Beziehung zwischen dem Bourbon trinkenden Vater und seinem Sohn, der mehr als vorsichtigen Mutter, die Spracheigenheiten, all das ist vom Autor sehr herzlich beschrieben. Man leidet bei jeder Zeile Schwermut und bei den kleinen und großen Katastrophen, lacht und freut sich bei positiven Ereignissen.
Und da ist natürlich die Country-Musik, die die Familie bereits in Lettland begleitet hat, der Vater singt beharrlich seine Lieder. Als die Ereignisse sich während dem Mauerfall in Deutschland überschlagen, ändert sich auch für die Familie Balodis alles. Sie erwarten Besuch aus der alten Heimat.
Toutonghi ist wichtig immer wieder zu betonen, welche Freiheiten sein junger Protagonist Yuri in Amerika erleben darf, seine Meinung frei zu äußern, Musik laut, sogar bei geöffnetem Fenster zu hören. Dessen Vater lässt er die Frage stellen, warum es Arbeitern in einem sozialistischen Staat besser gehen soll als im kapitalistischen Amerika? Yuri flüchtet in diesen Augenblicken zu seinen Büchern, die ihm seine Mutter, die in einer Bibliothek arbeitet, stapelweise mitbringt. Über allem schweben Liebesgeschichten, nicht nur zwischen Yuri und Hannah.
Witzig sind die zum Teil langen Zwischenüberschriften, die für sich schon eine Geschichte erzählen. Um mit den Worten von Yuris Vater zu enden, eine wunderbare Story, nach meiner Meinung.
Informationen über den Autor finden sich im Netz zum Beispiel unter rowohlt.de/autor/pauls-toutonghi.html
- Carlo Masala
Wenn Russland gewinnt
(19)Aktuelle Rezension von: CCCCarlo Masala entwirft in Wenn Russland gewinnt ein zugespitztes, bewusst verdichtetes Szenario, das sich überraschend flüssig und fast spannungsromanartig liest. Gerade diese klare, gut strukturierte Darstellung macht das Buch sehr zugänglich – auch für Leserinnen und Leser, die sich sonst nicht regelmäßig mit sicherheitspolitischen Analysen beschäftigen.
Das dargestellte Szenario wirkt beunruhigend realistisch. Masala versteht es, bekannte politische, militärische und gesellschaftliche Dynamiken so zusammenzuführen, dass man sich beim Lesen mehrfach dabei ertappt, zu denken: So oder so ähnlich könnte es tatsächlich kommen. Die Stärke des Buches liegt eindeutig in dieser Plausibilität und in der Zuspitzung komplexer Zusammenhänge auf ein nachvollziehbares Gedankenspiel.
Gleichzeitig bleibt für mich ein kleiner Erwartungsbruch: Der Titel suggeriert einen weitergehenden Blick auf die konkreten langfristigen Folgen eines solchen Ausgangs – politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich, insbesondere für Europa und Deutschland. Hier hätte ich mir etwas mehr Tiefe und Ausblick gewünscht, etwa über das unmittelbare Szenario hinaus: Wie verändert sich dauerhaft die internationale Ordnung? Welche Konsequenzen hätte das für Bündnisse, Demokratieverständnis oder unseren Alltag?
Unterm Strich ist Wenn Russland gewinnt ein kluges, gut lesbares und bewusst provokantes Buch, das zum Nachdenken zwingt und Diskussionen anstößt. Wer eine realistische Warnskizze sucht, wird bestens bedient. Wer jedoch eine umfassende Analyse der langfristigen Folgen erwartet, bleibt mit einigen offenen Fragen zurück.
- Frank Pulina
Das Curaçao-Komplott - Hinter Gittern im Paradies - Autobiografischer Roman
(16)Aktuelle Rezension von: Nicoles-LeseeckeDanke an den Autor für das bereitgestellte RezensionsexemplarMit dem Hintergrundwissen dass es sich hier um die eigene Geschichte des Autors handelt, stieg ich voller Neugier in das Buch ein. Ich wurde nicht enttäuscht der Schreibstil ist flüssig und so interessant gestaltet, dass ich das Buch kaum zur Seite legen konnte und so viel zu schnell am Ende angelangt war. Am Ende ließ es mich fassungslos und erschüttert zurück. Erschüttert darüber, wie schnell Gesetze dazu führen, das man unschuldig verdächtigt und verhaftet wird.
Fazit
Der Autor hat sich hier viel Mühe gegeben einen Teil seiner Lebensgeschichte fesselnd zu verfassen. - Anja Jonuleit
Sonnenwende
(24)Aktuelle Rezension von: Mia80„Sonnenwende“ knüpft nahtlos an „Kaiserwald“ an. Die Geschichte wird nun nur noch aus zwei Perspektiven und ohne Rückblenden erzählt.
Anja Jonuleits Dilogie erzählt eine vielschichtige Geschichte mit vielen Geheimnissen. Die Antwort über das Schicksal der jungen Lehrerin Rebecca, die vor so vielen Jahren verschwunden ist, scheint komplex. 150 Seiten in Band 2 merkte ich, wie ich langsam ungeduldig wurde, nun endlich das Rätsel lüften zu wollen.
Im Allgemeinen hat mir die Reihe gut gefallen. Ich mochte sowohl Penelope als auch Falk als Charaktere und als Paar gerne, auch wenn Lügen in dem Ausmaß natürlich keine Basis sind.
Auf ca. 700 eng beschriebenen Seiten wird hier von Intrigen, die weit zurückreichen erzählt. Ich war konstant neugierig auf die Auflösung, hätte es aber nicht schlecht gefunden, wenn ab und an mal ein Geheimnis gelüftet worden wäre.
Ob die Aufteilung in zwei Bücher wirklich nötig war, sei dahin gestellt.
Sowohl „Kaiserwald“ als auch „Sonnenwende“ haben ihre Längen. Im Gegensatz zu „Rabenfrauen“ oder „Nachtfräuleinspiel“ gibt es diesmal auch keine historischen Fakten, die man sich mitnehmen kann. Ich empfand die Geschichte eher banal, deswegen hat mich überrascht, dass die Auflösung durchaus Raum für mehr Tiefgang gegeben hätte.
Ich fand die Bücher in Ordnung, aber so richtig verpasst man nichts, wenn man sie nicht liest. - Rita König
Greta
(9)Aktuelle Rezension von: SchnuppeMit 85 Jahren hat Greta schon viele Weggefährten verloren. Nach einem Sturz ist sie auf Hilfe angewiesen und wird von ihrem Sohn in ein Altenheim verbracht, in dem er sie selten besucht. Greta möchte ihren Traum verwirklichen und noch einmal ihr Kindheitshaus in Lettland besuchen. Trotz absehbarer Strapazen büxt die alte Dame aus und begibt sich per Zug auf die Reise. Ihre etwas umständliche Route richtet sich nach der in der Kindheit erfolgten Flucht. Die wichtigen Stationen möchte sie nicht auslassen. Die Reise ist beschwerlich für die alte Dame, aber beflügelt sie auch. Während der langen Zugfahrten liest sie erstmals in alter Korrespondenz von ihrer Mutter mit deren Mutter. Dadurch werden viele Erinnerungen wachgerufen, auch unangenehme.
Die Briefe sind im Text abgedruckt und man entdeckt und liest sie mit Greta gemeinsam, das versetzt einen sehr authentisch in die Vergangenheit und lässt einen die Zeit miterleben. Durch die Briefe der Erwachsenen erhält man viele geschichtliche und politische Informationen, die das Kind Greta noch nicht so interessierten, evtl. nicht mit ihr besprochen wurden oder auch von ihr verdrängt wurden. Greta vergegenwärtigt sich durch diese Briefe sehr viel und reist so immer tiefer in ihre Vergangenheit.
Die einzelnen Orte, die sie besucht, holen ebenfalls viel Verdrängtes wieder an die Oberfläche. So reist Greta buchstäblich rückwärts, sie nähert sich ihrem Geburtsort und ihrer Vergangenheit immer mehr an.
In einem weiteren Handlungsstrang reist Marita mit dem Flugzeug nach Lettland, um ihren Geliebten zu suchen.
Die beiden suchenden Frauen begegnen sich, lernen sich kennen und helfen einander. Eine schöne Verbindung voller Hilfsbereitschaft und Empathie.
Beide Frauen machen eine nachvollziehbare Entwicklung durch, was mir gut gefällt. Nebenbei erhält man interessante Einblicke in die deutsche Geschichte, insbesondere die der Umsiedler und Flüchtlinge. Auch die familiäre Situation von Greta wird sehr authentisch beschrieben, sowohl die der Kindheit mit der Flucht nach Berlin und den beschwerlichen Bedingungen im Nachkriegsdeutschland, aber auch die Beziehung zum Sohn, der immer mehr drängende Fragen hatte, als die Mutter beantworten wollte oder konnte.
Die psychisch und physisch anstrengende Reise ist sehr interessant und ausführlich beschrieben. Bemerkenswert, wie eine alte Dame, die schlecht zu Fuß ist, ihren Mut zusammennimmt und sich noch einen wichtigen Traum erfüllt, der sie zurück zu ihren Wurzeln bringt und die damit ein Stück in der Gegenwart aufschließt, das ihr zuvor nicht zugänglich war.
Durch die vielen Briefe und die detaillierten Erinnerungen hat das Buch in einen Teilen ein paar Längen, die sich aber auszuhalten lohnen. Das Buch ist sehr gut recherchiert und ausführlich.
Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung.
- Matthias Boosch
Black Friday – und andere Lettland-Geschichten
(2)Aktuelle Rezension von: Anna-MainzIch habe das Buch ganz zufällig kennengelernt, auf einer Lesung des Autors. Da hatte ich dann zwei Geschichten gehört und wollte wissen, was dem Protagonisten sonst noch so widerfahren ist. Also habe ich spontan das Buch gekauft.
Ich habe es dann zusammen mit meinem Mann auf einer Reise gelesen und wir hatten viel Spaß. Eignet sich wirklich super zum Vorlesen.
Die Geschichten sind alle in sich abgeschlossen, sodass man jederzeit einsteigen kann, aber dennoch hängt alles zusammen und manche Figuren tauchen immer wieder auf. Erzählt wird das ganze von einem Ich-Erzähler, der wirkliche absurde Dinge erlebt. Aber ich will nichts spoilern - muss man einfach selber lesen ; ) - Henning Mankell
Hunde von Riga
(23)Aktuelle Rezension von: PongokaterDiese Rezension bezieht sich auf die oben genannte schwedische Hörbuchausgabe. Diese hat mir die düstere Atmosphäre der lettischen Hauptstadt Riga besser vermittelt als Axel Milberg das auf Deutsch gekonnt hat. Es geht um das Vorhandensein stalinistischer Seilschaften in allen Teilen des Staatsapparats, also auch der Polizei, in der Zeit, als Lettland gerade selbständig geworden war. Das wortwörtliche Dunkel, die Tristesse der Sowjetära werden bei den Ermittlungen Wallanders zu einer in Schonen angespülten Leiche genauso deutlich wie die Brutalität der Stalinisten bei Stasi und Polizei. Absolut lesens- und hörenswert nicht nur als Krimi, sondern auch als historischer Roman zur Transformationszeit in Osteuropa. Wie gesagt, dazu brillant gelesen von Reine Brynolfsson. Für alle, die Schwedisch verstehen, die Version der Wahl.
- Jochen Könnecke
DUMONT direkt Reiseführer Riga
(2)Aktuelle Rezension von: Roswitha_BoehmLangweilige Reiseführer waren gestern. Zumindest scheint sich das der DuMontVerlag gedacht zu haben und die Reihe „DuMont Direkt“ nicht nur aktuell, sondern auch mit einer guten Prise Humor und Blick hinter die Kulissen herausgebracht.
Wie wohl nicht anders zu erwarten, sind natürlich alle prägnanten Orte, Gebäude und Sehenswürdigkeiten beschrieben. Sozusagen das „Must see“ bei der Stadtbesichtigung.
Direkt am Anfang befindet sich eine Straßenkarte, mit den einzeichneten Top-Sehenswürdigkeiten. Außerdem gibt es eine praktische Jahresübersicht mit Veranstaltungen.
Nach einer kurzen Zusammenfassung über die Stadt, geht es auch direkt auch Erkundungstour. Einzelne Punkte werden näher vorgestellt, egal ob bestimmte Plätze, Museen, Gebäude oder Denkmäler. Neben den wichtigsten Infos, gibt es eine kleine Übersicht von allem was sich in der Nähe befindet und einen Besuch lohnt, z.B. einem schönen Café, samt Öffnungszeiten. Die kleine, mit auszugsweise abgebildete, Straßenkarte hilft, das angestrebte Ziel schnell und unkompliziert zu finden.
Zum Schluss gibt es noch eine nützlich Übersicht über Schlafstätten und Futterstätten. Wer bereits gegessen hat und noch nicht schlafen möchte, findet unter „Wenn die Nacht beginnt“, Tipps zum Ausgehen.
Doch nach dem Schluss ist noch lange nicht Ende. Ein wenig interessantes Wissen darf zum einen Form von „Mundart“, wo der Leser erfährt, was die „Eingeborenen“ denn da eigentlich sprechen (und so vermutlich nicht im Wörterbuch steht und damit zum Schmunzeln anregt) und zum anderen mit Fotos von berühmten Persönlichkeiten, die mit der Stadt verbunden sind.
Am Ende des Buches ist eine gute und übersichtliche Straßenkarte zu finden. Ein Faltplan, der Orientierung bietet. Dieser lässt sich auch einfach herausnehmen und mitnehmen.
~ Fazit ~
Der Reiseführer ist sehr handlich und schön leicht, so dass man ihn auch gut im Rucksack transportieren kann. Kompaktes Wissen mit Charme, angenehmen Schreibstil und jeder Menge Fotos schön verpackt. Dem Abenteuer steht also nichts mehr im Weg. ;)
In diesem Sinne: Eine gute Reise und einen schönen Urlaub. :)
- Gabriela Urban
Wie Buddha im Gegenwind
(18)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerDie Erwartungen werden komplett enttäuscht, weil der Titel äußerst irreführend ist. Was Buddha dort zu suchen hat, weiß nur die Marketingabteilung, denn außer ein paar Abreißkalenderweisheiten, kommen tiefgründigere Gedanken nicht vor. Im Gegenteil werden sogar wichtige Erkenntnisse des Buddhismus in den Überlegungen Gabriela Urbans konterkariert. Auch die Suggestion der Weltreise stimmt nicht, da die 22 Länder in unterschiedlichen Zeitabschnitten besucht werden. Und die Kündigung spielt eigentlich auch überhaupt keine Rolle für das Buch oder die Reisen. Letztlich sind es in Buchform gegossene Blogbeiträge. Und so liest es sich auch. Kurze Episoden in „exotischen“ Ländern. Das Abarbeiten der Reise-Bucket-Liste und des Lonely Planet Reiseführers. Jeder hat halt irgendeine persönliche imaginäre Highscore im Kopf. Und wie es sich für Blogbeiträge gehört, sind diese ganz gerne auch mal mit Werbung gespickt (Content-Marketing-Managerin eben). So erfährt man doch recht häufig wie praktisch Google Maps ist. Als wäre das die beste Navigationslösung für Wanderer. Was sie definitiv nicht ist und insofern nur als Werbung verstanden werden kann.
Attacke aufs Broca-Zentrum
Ärgerlich oder zumindest irritierend sind einige sprachliche Nachlässigkeiten, die deutlich machen, dass der Verlag an einem vernünftigen Lektorat gespart hat. Das Doppelte-Perfekt mag in der Umgangssprache ja Verwendung finden, in einem Text hat es einfach nichts zu suchen. Und schon gar nicht so oft. Apropos oft. Wenn ich noch einmal das Wort Tuk Tuk lese, schmilzt mein Sprachzentrum. Es gibt so viele mögliche Synonyme und nicht ein einziges wird genutzt. Natürlich ist der Begriff Tuk Tuk irgendwie lustig. Und auf einem Blog, wo jeder Artikel für sich steht, mag das ja auch noch gehen, aber in einem Buch hundertmal Tuk Tuk zu lesen, grenzt an Sprachverweigerung.
Der Sprachstil ist dabei in Gänze recht limitiert mit ziemlich schlichten Sprachbildern (was sich im Laufe der Kapitel deutlich verbessert). Auch das scheint mir ein Überbleibsel des Blogdaseins zu sein. Was im Internet möglicherweise die Leser*innen bei der Stange hält, ist in Buchform einfach langweilig und unpassend.
Diese negativen Aspekte des Buches wiegen leider so stark und trüben das Lesevergnügen so sehr, dass mehr als 3 Punkte nicht möglich sind.
Banale Reiseberichte
Fans des Blogs mögen das natürlich anders sehen und insgesamt war es ja auch recht unterhaltsam, aber es war eben auch nicht im Ansatz das, was ich erwartet hatte und lesen wollte. Es ist schlichtweg ein Reisetagebuch, wie es sie so viele im Netz gibt. Das Alleinstellungsmerkmal ist dann lediglich das Reisen mit Kind. Ganz sicher eine Herausforderung, keine Frage. Aber mich interessieren kluge Gedanken zu den Reisen, Informationen, die über das Beschreiben des Gesehenen hinausgehen. Letztlich ist es hier nur Unterhaltung – ohne bleibenden Eindruck. Wer nicht mehr möchte, dem wird das Buch dann allerdings sicherlich sogar Freude bereiten. Zumal Gabriela Urban authentisch warmherzig ist und sich mit offenem Herz und Geist auf Menschen und Länder einlässt. Das ist dann auch die größte Stärke am Buch.
Das allerdings nicht ein einziger Gedanke zu Nachhaltigkeit oder Ökologie seinen Weg ins Buch gefunden hat, finde ich angesichts unzähliger Flugreisen heutzutage als inakzeptabel. Insgesamt verstärkt es einfach den grundlegenden Eindruck, dass hier jemand seinem Ego aus schlicht hedonistischem Interesse folgt. Vielleicht liegt auch das am Bloggen. Der Blogger ist die Marke und so ist jeder Artikel, jedes Kapitel auch immer Imagebuilding.
- Marina Schnurre
Die Amazone fährt Fahrrad
(1)Aktuelle Rezension von: AMCLiestDie Geschichte einer jungen Frau namens Alina, die aus der Narkose aufwacht, und dabei ständig in ihre Kindheitserinnerungen driftet, hat mich nicht besonders angesprochen. Ihre Erlebnisse in Berlin, Moskau und Riga sind ein bißchen zu wirr, ich habe da den Faden verloren. Es hätte genügt, der Kindheit in Lettland mehr Raum zu geben, und ausführlicher zu gestalten, als danach noch eine Reise in den ebenso kriegsversehrten Balkan anzuhängen. Hier werden die Geschichten vieler Frauen erzählt, die überhaupt keinen Konnex zum Baltikum haben, und so en passant geschildert werden. Die Hauptprotagonistin läßt sich einfach treiben und ob sie zu ihrem Mann zurückfindet ist nicht ganz klar.
- Alexander Münninghoff
Der Stammhalter
(14)Aktuelle Rezension von: MelB2508Dass "Der Stammhalter" eine Autobiographie ist, ist mir beim Lesen manchmal wirklich fast unglaublich erschienen, so turbulent und ungewöhnlich liest sich seine Familiengeschichte streckenweise.
Beginnend mit den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts beschreibt der Autor seine Familiengeschichte und legt dabei den Fokus vor allem auf seine Großeltern und seinen Vater.
Die Konflikte innerhalb der Familie, die Zerrüttungen, Ehen, die nicht halten, uneheliche Kinder und Kinder, bei denen die Vaterschaft zumindest nicht ganz sicher ist - das waren die Themen, die mir an dem Buch am meisten zugesagt haben.
Was mir die Lektüre erschwert hat, waren die teilweise doch zu vielen Personen, die nur kurz erwähnt wurden und auch die Schilderungen der Erlebnisse während des 2. Weltkriegs. Hier wurde es mir manchmal etwas unübersichtlich und einige Fäden blieben dann auch lose oder manche Personen tauchten spät auf und wurden dann viel weniger beschrieben als andere, waren aber doch wichtiger.
Auch das Ende war mir dann im Vergleich zum Anfang und Mittelteil des Romans zu schnell erzählt.
Dafür, dass teilweise echt heftige Situationen, fast schon Tragödien, geschildert wurden (und das ja auch alles wahr ist!), empfand ich die Erzählweise zu distanziert.
Vermutlich liegt das genau daran, dass es eben echte Menschen sind, die mit dem Autoren verwandtschaftlich verbunden sind und auch an der Zerrüttung der Familie, die sich seit dem Tod des Familienoberhauptes immer stärker gezeigt hat.
Wenn man die Familiensituation durch den Roman erliest, drängt sich der Gedanke auf, dass der Autor durch die sehr disfunktionale Familie und die brutale Trennung von seiner Mutter in sehr jungem Alter doch auch sehr geprägt wurde. Ich habe, obwohl vieles wirklich traurig zu lesen war, nicht so richtig mitfühlen können durch diese Distanz im Erzählstil und das hat mich dann am Ende des Buches doch eher unzufrieden damit gemacht. Gerade seine eigene Geschichte, seine Entführung, die Trennung der Eltern und die lange Trennung von seiner Mutter, ist an sich dazu geradezu prädestiniert, Mitgefühl zu entwickeln. Da er aber seine Eltern mehr als kritisch beschreibt, oft auch nicht "meine Mutter", sondern "Wera" schreibt und ähnlich bei seinem Vater und dessen späterer Frau, die immerhin die Mutterrolle für ihn lange erfüllt hat, verfährt, sind offensichtliche Zeichen, die sich auch im Text selbst widerspiegeln.
Ich hatte etwas Probleme mit dem Roman und kann ihn daher nur eingeschränkt weiter empfehlen.
- Yuna Drake
NEVER say NEVER
(41)Aktuelle Rezension von: annas_buecher_liebeKurze Inhaltsangabe:
Moira studiert Psychologie und jobbt nebenbei nachts in einem Callcenter. Eines Tages erhält sie einen sehr mysteriösen Anrufer, der sich als den derzeit meist gesuchten Serienmörder entpuppt. Kann sie es wagen aufzulegen? Oder wird sie dadurch sein nächstes Opfer werden?
Cover und Schreibstil:
Ich finde das Cover sehr ansprechend und besonders die Goldtöne haben mich von Anfang an sehr gefesselt.
Der Schreibstil von Yuna Drake gefällt mir sehr gut!
Inhaltsbewertung:
Nach dem Klappentext ging ich eigentlich davon aus, dass es sich hier um eine Thriller-Reihe handeln wird. Allerdings ist das definitiv nicht der Fall. Meiner Meinung nach kombiniert hier Yuna Drake wirklich sehr geschickt die Genren Thriller und Erotik miteinander. Und Hilfe waren da heiße Szenen dabei.
Das Setting hat es mir auch sehr angetan. Ich finde es echt toll, dass ein Buch mal in Litauen spielt. Und für mich persönlich hatte das alles nochmal eine tiefere Bedeutung, da ich auch litauische Wurzeln besitze und meine Oma sogar dort lebt. So wird das Buch bzw die Reihe dann immer irgendwie etwas ganz besonderes für mich sein.
Moira ist eine faszinierende, sehr starke Persönlichkeit, die Schon einiges in ihrem Leben durchgemacht hat. Arunas ist hier der 2. Hauptcharakter des Buches und unfassbar witzig, hitzig und mysteriös!
Die Wortgefechte zwischen den Charakteren waren wirklich immer sehr amüsant und wie auch schon vorhin kurz erwähnt, gibt es wirklich extrem viele heiße Szenen. Den einzigen wirklichen Kritikpunkt den ich habe ist, dass mir die Gesamtstory ein wenig zu schnell ging. Bei der Autorin fällt mir langsam auf, dass sie oft die Handlungen in einer kurzen Zeit abspielen lässt, was auch gar nicht schlimm ist, aber besonders der Anfang der erotischen Szenen in dem Buch kamen mir ein wenig zu überstürzt.
Aber alles in einem hat das Buch einen richtig guten roten Spannungsfaden! Das Buch macht einfach süchtig und ich war leider auch viel zu schnell mit dem Buch durch! Ich bin wirklich sehr gespannt, wie die Reihe weitergehen wird.
Fazit:
"Never say never" bekommt 4,5 ⭐️ von mir! Und ist definitiv eine Leseempfelung für alle Erotik / Thriller / Dark-Thrill Fans!
Aber Achtung: Großer Suchtfaktor!
- Siegfried von Vegesack
Die baltische Tragödie
(3)Aktuelle Rezension von: AMCLiestLeider bin ich auf meiner Baltikumreise nicht dazu gekommen, das Buch auszulesen, da es doch viel Aufmerksamkeit erfordert. Denn das Schicksal von Aurel, eines Deutschbalten gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts bis zum Ende des ersten Weltkriegs, ist faszinierend und historisch, ja fast autobiographisch belegt.
Die Kindheit Aurels im Herrenhaus Blumsberghof, die vielen Besuche bei den Verwandten und ersten Verluste, wie etwa der Amme Mila uns seinen Freund Boris prägen den Jungen ebenso wie die Frage der Zugehörigkeit zum Land und seiner Bewohner. Es ist ein wunderschönes Bild einer längst versunkenen Welt der deutschen Großherren, die sich mit Dünkel über die estnischen Bauern erhaben fühlen, die mehr oder weniger deutsch bleiben wollen, obwohl sie eigentlich zum russischen Großreich gehören. Sie können und werden sich mit den neuen Gegebenheiten und nationalistischen Strömungen schlecht auseinandersetzen, Vorerst aber wächst Aurel wohlbehütet mit seinen drei wesentlich älteren Brüdern und seiner kleineren Schwester auf, stellt noch nicht alles in Frage, spürt aber doch manchmal eine gläserne Wand zu den Dienern und den Bauern, Erst als sein Vater stirbt , ändert sich sein Leben schlagartig, Nun muss er in Riga das Gymnasium besuchen und findet sich anfangs in der Stadt schwer zurecht, zu sehr ist er das Leben am Land gewohnt gewesen. Aber er findet Freunde, lernt die Musik von Wagner kennen und bei Tante Ada Klavier spielen. Noch immer ist er in seine Kusine Warinka verliebt, die ihn aber nicht erhört. Trotz Bällen, Opernbesuchen und Diskussionen bei seinen Onkeln, die unterschiedliche Ansichten über die Zukunft des Baltikums haben, wird sich Aurel seinen deutschen Erbes bewußt und steht fest dazu. Die Szene in der Schule, in der Aurel sich weigert "Ich bin ein Russe" zu schreiben, verdeutlicht seine Einstellung, auch wenn es beinahe einen Schulverweis kostet, Es beginnt in der Bevölkerung zu gären, das Nationalbewusstsein der Esten erwacht und es kommt zu ersten Ausschreitungen, die noch von den Russen in Schach gehalten werden. Aurel und seine Freunde finden das noch faszinierend. Erst mit dem Beginn des ersten Weltkrieges und der darauffolgenden russischen Revolution ändert sich das Leben der Deutschbalten gewaltig. Schon während seines Studiums in Dorpat lernt Aurel die Gewalt der Revolution kennen, und fühlt sich kaum mehr heimisch. Da er während einer Mensur am Auge verletzt wird, kann er auch nicht im Krieg kämpfen und fühlt sich als "kleine baltische Randfigur".
Der blanke Terror, auch der Bolschwisten, herrscht bald, den auch Aurel persönlich kennenlernt. Seine engen Freunde aus dem Gymnasium, der Elch und Nix ziehen ebenso in den Krieg wie sein Bruder Christof. Nicht alle kehren unverletzt zurück, der Krieg endet voerst mit der Besetzung durch die 8. deutsche Armee. Die darauffolgende Misswirtschaft der Deutschen gefällt gar nicht, sodass bald (1918) um die Unabhängigkeit Estlands gekämpft wird. Aurel jedoch verlässt 1918 sein Land, um nach Deutschland zu gehen, wohin ihn seine Erinnerungen begleiten werden.
Siegfried von Vegesack erzählt in gewaltigen Bildern von einer versunkenen Welt, de versucht ihre Werte und Moralvorstellungen in einer sich ändernden Zeit aufrecht zu erhalten und gerade deswegen auch zugrunde gehen wird. Die Deutschbalten, die als Herren gekommen sind, haben Standesdünkel, auch wenn sie sich der Dienerschaft und den Bauern gegenüber wohlwollend gegenüber zeigen, sie sind in ihrer Art authentisch, auch wenn sie sich Gedanken machen. Ihre Meinungen spiegeln sich in den Einstellungen der Onkel Aurel wider. Einen Onkel zieht es mit seiner Tochter Sonjetschka nach Russland, den anderen ins Baltikum und die Tante, die Aurel Klavier spielen lehrt, schwärmt nur von Deutschland. Aurel weiß nicht wohin er gehört, bei den Frauen in seinem Leben geht es ihm leider genauso. Die einzige Konstante ist sein Mutter, die voller Liebe für alle ist.
Die Geschichte ist wunderbar zu lesen, wenn man sich die Zeit dafür nimmt. Was mir persönlich gefehlt hat, waren mehr Jahreszahlen zur Orientierung, aber das ausführliche Glossar entschädigt für einiges. Die Sprache ist bildgewaltig und der Schreibstil nach einiger Eingewöhnung flüssig, ein wunderbares Stück Zeitgeschichte!
- Udo Zimmermann
Mein Radweg nach St. Petersburg
(1)Aktuelle Rezension von: Sonne63Inhalt (Klappentext):
Der Traum einer großen Radtour ist für Udo Zimmermann wahr geworden. An einem schönen Sommertag startet er in aller Frühe mit seinem vollgepackten Fahrrad zu einer Tour über 4000 Kilometer quer durch Deutschland, Polen und die baltischen Länder ins russische St. Petersburg. Die Spannung ist riesig. Was werden die folgenden zehn Wochen bringen? Werden die angeschlagenen Knie, das schon etwas betagte Fahrrad die Strecke durchhalten? Durch völlig unbekannte Landschaften führt die Route. Den unterschiedlichsten Menschen begegnet er. Zahlreiche Erlebnisse werden zu Erfahrungen und regen zum Nachdenken an. Gleichzeitig erscheint das langsam näher kommende Russland immer geheimnisvoller...
Meinung:
Dieses Buch entdeckte ich mehr oder weniger durch Zufall. Und ich muss sagen, ich habe es nicht bereut, es gelesen zu haben. Ganz im Gegenteil. Der Autor erzählt von seiner Reise, seinen Eindrücken, seinen Begegnungen. Teilweise sah er sich mit Problemen konfrontiert, doch er fand immer eine Lösung. Menschen unterschiedlichster Kulturen kreuzten seinen Weg. Trotz mancher Sprachschwierigkeiten lernte er liebenswerte Leute kennen.
Sehr ansprechend auch die Ausführungen zur Landschaft der verschiedenen Länder. Obwohl er seine Eindrücke in Form eines Reisetagebuches, sehr sachlich und kurzgehalten, schildert, reicht das vollkommen aus, um die zugehörigen Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Am liebsten wäre ich so manches Mal selbst dort gewesen, um diese Schönheit der Natur, diese Ruhe zu spüren und zu genießen.
Natürlich musste der Autor auch Dinge erleben, die nicht ganz so positiv waren. Doch die erwähnt er nur am Rande. Für ihn zählt eher das Positive, das bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.
Sein Fazit: Ein tolles Erlebnis, das zeigt, dass die Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen doch auch sehr viel gemeinsam haben.
Mein Fazit:
Ein wirklich gut gelungener Bericht, der nicht nur Land und Leute skizziert, sondern den Leser auch einmal innehalten lässt, um sich ein klein wenig bewusst zu machen, was im Leben wirklich wichtig ist. Sehr empfehlenswert. - Norbert Angermann
Geschichte der baltischen Länder
(2)Aktuelle Rezension von: PongokaterDieses bei Reclam erschienene Sachbuch überzeugt mehr als das gleichnamige Werk, das bei Beck erschienen ist. Den Autoren gelingt es, so schwer es auch ist, diese ungleichen Ländern in den verschiedenen Epochen vergleichend darzustellen. Dass dies aber gerade in Bezug auf Litauen schwer ist, wird dem Leser aber auch klar gemacht. Eine weitere Stärek ist der weite sozialgeschichtliche Blick auf die drei Länder des Baltikums, der Alltagsgeschichte und Hochkultu einschließt. So wird einem etwa die große Bedeutung des kleinen estnischen Tartu klar, das im Jahr 2024 die Kulturhauptstadt Europas wurde. Ein empfehlenswerter Einstieg in die Geschichte von drei Ländern, in denen man weiß, was russische Okkupation bedeutet.
- Inge Löhnig
Unbarmherzig (Ein Gina-Angelucci-Krimi 2)
(267)Aktuelle Rezension von: knuddelbackeMit Unbarmherzig hielt ich seit langem mal wieder einen Deutschen krimi in der Hand , der mich wirklich fesseln und begeistern konnte. Es handelt sich hierbei zwar um den 2. Teil einer Reihe, doch auch ohne den ersten teil gelesen zu haben fiel mir der Einstieg in das Buch leicht. Zum einen fand ich die Charaktere sehr realistisch und glaubhaft. Allen voran die ermittelnde Kommisarin Gina Angelucci, die nach Ihrer Elternzeit wieder zurück in den Dienst kommt. Hierbei hat sie nicht nur mit einigen überschüssigen Kilos zu viel zu kämpfen, sondern auch mit der Balance von Familie und Beruf. Vor allem weibliche Leserinnen dürften sich also wieder erkennen und an der ein oder anderen Stelle des Buches auf Grund eigener Erfahrungen aufseufzen.
Auch der Kontext des 70 Jahre zurückliegenden Kriminalfalls, um den es hier geht sprach mich auf Anhieb an. Der 2. Weltkrieg und die damit verbundenen Zwangsarbeiter in der deutschen Industrie , sowie eine verschwiegene Dorfgemeinschaft bilden den Dreh- und Angelpunkt dieses Kriminalfalls, der bis zum Ende durch Spannung und einige überraschende Wendungen überzeugen kann. Frau Löhnig ist ein fundierter und spannender Kriminalroman gelungen, der Lust auf mehr macht.
- Ralph Tuchtenhagen
Geschichte der baltischen Länder
(4)Aktuelle Rezension von: PongokaterAm Anfang erfährt man, dass es einhellige Meinung ist, dass die Gemeinsamkeit der drei baltischen Länder auf der Sichtweise von außen beruht, vor allem auch auf der Sichtweise der deutschstämmigen Kolonisatoren. Daher ist es nicht immer ganz leicht, sich über nur ein Land, in meinem Fall Estland, zu informieren. Abgesehen davon gibt dieses Buch aber wissenschaftlich geschriebene aktuelle Informationen, die insbesondere auch den Aspekt der deutschbaltischen Eliten angemessen berücksichtigt. Von daher durchaus eine gute Vorbereitung auf das Leben im oder eine Reise ins Baltikum.























