Bücher mit dem Tag "literaturkritik"
16 Bücher
- Martin Walser
Tod eines Kritikers
(84)Aktuelle Rezension von: Svenjas_BookChallenges„Tod eines Kritikers“ von Martin Walser ist ein Buch, das ich aus eigenem Antrieb wahrscheinlich eher nicht gelesen hätte. Wenn man sich aber mit Literatur über den Literaturbetrieb beschäftigt, kommt man daran quasi nicht vorbei. Denn „Tod eines Kritikers“ sorgte schon vor seinem Erscheinen 2002 für einen handfesten Literaturskandal – warum? Weil Walser darin relativ unkaschiert den Tod des bekanntesten Literaturkritikers Deutschlands zelebriert, mit dem er seine gesamte Schriftstellerkarriere hindurch mehr oder weniger im Klinsch lag: Marcel Reich-Ranicki.
Im Roman nämlich ist der unantastbare Kritiker André Ehrl-König der alleinige Herrscher über den Literaturbetrieb. Er ist derjenige, der über Gut oder Schlecht entscheidet und der Schriftsteller*innen entweder in den Himmel lobt oder in der Luft zerreißt. Das wird ihm schließlich zum Verhängnis, denn nach seiner neuesten TV-Sendung, in der er den Autor Hans Lach und seinen neuesten Roman zerfetzt, droht dieser ihm noch auf der After-Show-Party. Anschließend verschwindet Ehrl-König – alles, was man von ihm findet, ist sein blutiger Pullover. Unter Mordverdacht steht der verschmähte Schriftsteller Hans Lach.
Die Geschichte ist auf den ersten Blick so simpel wie vielleicht sogar ein wenig plump. Ein spannender Krimi ist „Tod eines Kritikers“ jedenfalls nicht. Interessant aber fand ich die verschiedenen Sichtweisen der Partygäste, die unterschiedlichen Blicke auf Ehrl-König und seine „Herrschaft“ und die gekonnte, satirische Darstellung der deutschen Literaturlandschaft. Auch wenn man beim Lesen meinen mag, Walser trägt hier seine persönliche Fehde mit Reich-Ranicki aus, stecken doch auch viele allgemeine Fragen zwischen den Zeilen: Welche Stellung sollte Literaturkritik haben? Geht es darin eigentlich noch um seriöse Kritik oder eher um krawallige Unterhaltung zur besten Sendezeit? Wie viel Macht hat die Literaturkritik und sollte sie haben?
Hier steckt auf jeden Fall viel Satire drinnen, viel Parodie und wenig Ernstzunehmendes – was dabei aber trotzdem mehr als nur ein bisschen wahr ist. Ich habe „Tod eines Kritikers“ übrigens nicht als Schmähschrift oder Angriff auf Reich-Ranicki gelesen. Vielmehr finde ich interessant, was Huang Liayu, der Walsers Werke ins Chinesische übersetzt hat, im Nachwort sagt: Walser hat Reich-Ranicki in eine „literarische Karikatur“ verwandelt und ihm damit ein Denkmal gesetzt. Das empfinde ich tatsächlich auch so – die Figur des Ehrl-König lädt zum Kichern und Hinterfragen ein, aber nicht zum Hassen.
Walser schreibt pointiert und überspitzt und unterhält dabei stellenweise hervorragend. Für meine Forschung steckt in „Tod eines Kritikers“ ganz viel, als private Leserin bin ich aber nicht restlos begeistert. In meinem Kopf dreht sich immer wieder eine Aussage Marcel Reich-Ranickis über Martin Walser als Autor. Sinngemäß sagte er einmal, Walser könne viel, aber erzählen könne er ums Verrecken nicht (übrigens ein Satz, dem Walser auch seiner Figur Ehrl-König in den Mund legt). Und ich muss Reich-Ranicki Recht geben: Walser parodiert, skizziert, berichtet und beschreibt – aber mitreißend erzählt fand ich „Tod eines Kritikers“ nicht. Viele Szenen und Figuren haben sich mir bis zum Ende nicht erschlossen. Wer sich aber für die Walser-Karikatur von Marcel Reich-Ranicki interessiert, hat mit dem Buch sicher seine Freude.
- Iris Radisch
Die letzten Dinge
(4)Aktuelle Rezension von: FederfeeIch hatte es so verstanden, wie mir die Einleitung vorgegaukelt hat, dass sich alte Menschen - hier nur Schriftsteller - zum Alter äußern und dass man aus diesem Buch etwas mitnehmen könnte, weise Gedanken, Anregungen, Überlegungen.
So habe ich es aber nicht empfunden. Friederike Mayröcker sagt: "Wo ich nichts exzerpieren kann, lese ich auch nichts." (126) Demnach hätte ich dieses Buch überhaupt nicht lesen müssen. Um bei der Wahrheit zu bleiben: ab ungefähr der Mitte habe ich die Interviews nur noch überflogen, mache der Befragten als sehr unsympathisch und unglücklich empfunden wie z.B. den Polterer Reich-Ranicki, und habe mich gewundert, dass sie aus ihrer Alterssicht so wenig zu diesem Thema zu sagen haben und dass es bei einigen um Gott und Religion geht. Vielleicht lag es aber auch an den Interviewfragen?
Wer sich für die Äußerungen alternder Schriftsteller interessiert (Grass, Walser, Butor, u.a.), dem mag das Buch etwas bieten. Mir hat es nicht gefallen. Ich dachte: Thema verfehlt. - unbekannt
Lichtjahr 3. Ein Phantastik-Almanach.
(1)Aktuelle Rezension von: buchwanderer„So ignorant es ist die utopische Literatur auf Zukunftsliteratur zu reduzieren, so reduziert ist utopische Literatur, die das historische Maß der Zukunft ignoriert.“ (S.52)Zum Inhalt: Im Vergleich zu den ersten beiden Bänden aus der Lichtjahr-Reihe liegt der Schwerpunkt des dritten Bandes nicht primär in der Präsentation phantastischer Literatur im Sinne von Erzählungen, Kurzgeschichten oder der erzählerischen Entführung des Lesers in die Klassiker der SF. Es ist vielmehr ein Sich-zurücknehmen und sozusagen aus einer Art involviertem Abstand den Überblick zu entwerfen über die Landkarte der Phantastik. Zentrale Fragen dabei sind u.a.: Was ist phantastische Literatur, was macht sie aus? Welchen Beweggrund gibt es derartige Literatur zu entwerfen? Was sind die Beweggründe eines Schriftstellers sich diesem Feld schreibenden Schaffens zu widmen? Die Herangehensweisen sind erfrischend vielfältig, um nicht zu sagen oft scheinbar gegensätzlich, in letzter Konsequenz jedoch meist einander ergänzend. Ob es die durch Arkadi Strugatzki ausgedrückte Grundeinstellung ist (siehe Zitat am Ende des Artikels), welche sehr speziell auf die Phantastik abzielt, oder das Eingebettetsein in das Kaleidoskop der Literaturschaffenden im Allgemeinen und ihre auch ideologische Bedeutung im speziellen („Utopische Literatur, scheinbar ein Musterbeispiel für Unverbindlichkeit, ist (wie jede Unterhaltungsliteratur!) in Wirklichkeit ideologieträchtig.“ (S.100)), stets wird versucht sich dem Phänomen der SF so individuell zu nähern, wie es auch dem Anspruch der unterschiedlichen Autoren entspräche.
„Daß es so viele miserable SF-Geschichten gibt, spricht nicht dagegen [- dass sich Science Fiction als legitimer Teil der Literatur erweist]; es ist keine Frage des wissenschaftlich-technischen Denkens oder gar des Genres, sondern des literarischen Unvermögens. Schlechte SF-Schreiber wären mit Sicherheit ebenso schlechte Autoren in anderen Genres. Ich vermute, daß mancher sich in der Sicence-Fiction versteckt, weil er anderswo zu schnell als Scharlatan entdeckt würde.“ (S.6) An diesem Zitat von Gert Prokop lässt sich bereits erahnen, dass sehr oft eine amüsant spitze Feder geführt wird, die pointiert Sichtweisen zusammenfasst, die für den Diskurs um den Stellenwert der aufstrebenden Phantastik bezeichnend sind.
Bei all den Artikeln zum Selbstverständnis der phantastischen Literatur – i.d.R. zusammengefasst unter dem wiederkehrenden Titel „Hundert Zeilen über SF“ – kommen auch SF-Erzählungen selbst nicht zu kurz, sei es Gottfried Meinholds „Liana Halwegia“, Ralf Krohns „Der Arzt“ oder die amüsante und kurzweilige Geschichte von Ágnes Hosszu „Hermann, das Hermelin“, um nur einige wenige zu nennen.
Hermann Ley liefert in „George Orwells ambivalente Apotheose auf 1984“ einen durchaus kontroversiell zu diskutierenden Ansatz einer Interpretation von Orwells Klassiker. Zuerst befremdlich in einer fast polemischen Art gehalten, erschließen sich bei wiederholter Lektüre einige sehr interessante Ansätze der Auslegung des orwellschen Textes.
Am Schluss des Bandes angelangt wird das in ‚Lichtjahr 2‘ begonnene Verzeichnis der in der DDR publizierten SF fortgesetzt, was einen wertvollen Fundus für alle diesbezüglich literarisch Interessierten darstellt. Auf diese Art und Weise findet man unzählige Verweise auf Romane, Erzählungen, Folgeliteratur ausgezeichnet aufgearbeitet und immer wieder für eine Aha-Erlebnis gut.Fazit: Interessiert man sich für SF im Allgemeinen und SF aus dem Bereich der DDR im Speziellen, kommt man immer mal wieder mit einem der zahlreichen Autoren, welche in diesem Band ihren Beitrag leisten, in Berührung. Dabei hebt ein spezielles Faktum ‚Lichtjahr 3‘ etwas heraus: hier liest man nicht alleine einige Werke jener Autoren, was per se schon reizvoll ist, sondern es kommen eben diese Schriftsteller zu Wort, um einen Einblick in ihr höchst individuelles Verständnis von phantastischer Literatur im weitesten Sinne zu geben.
Zum Buch: Schon der Schutzumschlag des mit seinen Abmessungen ohnehin etwas extravaganten Buches macht neugierig. Neben den wunderschön gestalteten, größtenteils mehrfarbigen Illustrationen, findet auch die Typografie ein breites Spektrum an Ausprägungsformen. Bild und Text gehen dabei Hand in Hand, einander ergänzend, um dem Leseerlebnis einen Unterbau auf Basis der bildnerischen Kunst zu geben, ohne dass sich diese aufdrängt. Drucktechnisch und buchbinderisch – Stichwort: Fadenheftung – gibt es am gesamten Band nichts zu bemängeln, so dass es sich um einen nicht nur des Inhaltes wegen lesens- und sammelnswerten Band der SF-Geschichte handelt. So meint etwa Arkadi Strugatzki: „Phantastik ist kein Thema, sondern eine Denkweise.“ (S.175) und fasst damit prägnant eine Vielzahl von literarischen Annährungen an die SF in diesem Band und generell in der phantastischen Literatur, welche in der DDR – und nicht nur dort – publiziert wurde, zusammen.
- Fritz J. Raddatz
Tagebücher 2002 - 2012
(3)Aktuelle Rezension von: YpsIch kenne keine unterhaltsameren Tagebücher als die von FJR. Er versteht es sich selbst zu öffnen wie auch andere, ob sie es wollen, oder nicht. Als Leser kommt man sich aber mitunter wie ein Voyeur vor. Es bleibt die etwas enttäuschende Erkenntnis als was schwule Autoren am meisten geliebt werden: als Tratschtanten. Wir hätten gerne noch länger zugehört.
- Mithu Sanyal
Mithu Sanyal über Emily Brontë
(8)Aktuelle Rezension von: bookfeminist_lenaMithu Sanyal über Emily Brontë.Bücher meines Lebens
Eins Vorweg: Mithu Sanyal ist The Queen of Wuthering Heights
Sie kennt jede Verfilmung, Interpretation und Literaturkritik des Romans und nennt „Sturmhöhe“ durchweg bei seinem englischen Originaltitel „Wuthering Heights“.
Gleichzeitig weiß sie auch sehr sehr viel über das Leben der drei Brontë Schwestern, fasst die Biographien der drei zusammen, stellt Vergleiche zwischen dem Leben von Emily Brontë und Cathy aus Wuthering Heights her. Außerdem lässt sie Lesende an ihrer eigenen Interpretation der Geschichte sowie ihrer umfassenden Recherche zu dem Roman teilhaben, je Kapitel behandelt sie ein bestimmtes Thema schwerpunktmäßig. Es schadet demnach keineswegs, wenn man Wuthering Heights vor der Lektüre bereits gelesen hat, den die Handlung steht im Fokus und es gibt keine Spoiler Warnung.
Beim Lesen merkt man Sanyal ihre Faszination für das Buch sehr an, ihre Faszination springt förmlich auf einen selbst über. Hätte ich das Buch nicht erst im Januar zum letzten Mal gelesen, hätte ich jetzt definitiv sofort zur Lektüre gegriffen. Sanyal macht Lust auf den düsteren Roman. Ihr Schreibstil ist dabei sehr angenehm leicht, witzig und mischt sich hin und wieder mit englischen Wörtern. Es macht sehr viel Spaß ihrer Begeisterung beizuwohnen. Ebenso habe ich viele neue Erkenntnisse im Hinblick auf die Interpretation der Geschichte mitgenommen, die ich sicherlich beim nächsten Lesen im Hinterkopf haben werde.
Sanyal selbst begleitet Wuthering Heights nämlich schon seit ihrem 15ten Lebensjahr, im Studium verteidigt sie Emily Brontë und verschenkt an ihre Liebsten verschiedene Ausgaben des Romanes. Lesende erfahren neben dem Leben der Brontë Schwester auch einiges über die Autorin selbst, Sanyal gewährt vielschichtige Einblicke in ihr Leben und Denken. Ich lese wahnsinnig gerne Bücher, in denen Autor*innen von ihren liebsten Büchern erzählen und dieses zählt meiner Ansicht nach definitiv zu einem der Besten. Ich habe Mithu Sanyal wahnsinnig gerne beim Lesen begleitet und kann das Buch nur wärmstens empfehlen. - Alfred Andersch
Materialien zu Die Kirschen der Freiheit von Alfred Andersch
(1)Noch keine Rezension vorhanden - Pierre Bayard
Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat
(1)Aktuelle Rezension von: gstDieses Essay eines französischen Literaturprofessors, der sich selbst als Nichtleser outet, ist eine amüsante Auseinandersetzung mit Literatur und dem Lesen. Er ist der Meinung, dass man ein Buch nicht vollständig gelesen haben muss, um darüber sprechen zu können. Schließlich sei es ja gar nicht möglich, alles Geschriebene zu lesen! Wichtig ist ihm das Allgemeinwissen, das jedem die Fähigkeit gibt, Bücher in verschiedene Kategorien einzuordnen.
Er geht auf die unterschiedlichen Möglichkeiten wie Nichtlesen, Querlesen oder genaues Lesen ein. Seine Thesen erläutert er anhand von diversen Literaturbeispielen, wie zum Beispiel mit Umberto Eccos >Der Name der Rose<. Auch Oscar Wild zitiert er, der behauptet haben soll, dass zehn Minuten reichen, um ein Buch einzuschätzen.
Bayard ist überzeugt, dass ein Buch, das man für „gut“ hält, immer auch Aspekte des Lesers und seines Lebens beinhaltet. Da jeder Leser anders empfindet, wirken Bücher auf unterschiedliche Menschen auch unterschiedlich.
Fazit: Pierre Bayard (Jahrgang 1954) hat interessante Thesen aufgestellt, die mich als mehr oder weniger genussvolle Leserin aber nur peripher betreffen. Schließlich will ich keine Literaturkritikerin sein, sondern interessiere mich mehr für den Inhalt eines Buches und die Aussage der Autoren.
- Christine Anlauff
Gestorben wird immer
(12)Aktuelle Rezension von: Zabou1964Christine Anlauff war mir bereits durch ihre Katzen-Krimi-Reihe an Herz gewachsen. Der vorliegende Roman „Gestorben wird immer“ ist der zweite Teil mit dem Protagonisten Just Verloren, einem Potsdamer Literaturkritiker, der nebenbei einen Blog betreibt. Auch diese Reihe gefällt mir ausgesprochen gut.
Just Verloren liegt nach einem Fahrradunfall im Krankenhaus. Er wird liebevoll von der Krankenschwester Renate umsorgt, die sich sogar Zeit nimmt, mit ihm Schach zu spielen und ihm selbstgemachte Filzpantoffeln von zuhause mitbringt. Am Tag als Just entlassen wird, erscheint Renate nicht zur Arbeit, meldet sich auch nicht krank. Just wittert, dass etwas nicht stimmt und sucht Kontakt zu ihrem Ehemann, der nach langem Zögern erzählt, dass er einen Erpresserbrief erhalten hat. Und prompt ist Just nicht mehr zu halten und übernimmt die Ermittlungen. Er arrangiert die Geldübergabe und schnüffelt im Umfeld von Renate herum. Die Polizei lässt er außen vor, ganz wie der Entführer es verlangt hat. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse und die Zeit läuft dem Hobbyermittler langsam davon.
Christine Anlauff hat es mal wieder geschafft, mich mit einer Vielzahl an Fährten gekonnt an der Nase herumzuführen. Immer wenn ich dachte, jetzt sei ich dem Täter endlich auf der Spur, hat sie meine „Ermittlungen“ wieder zerstört. Der Krimi blieb spannend bis zum Schluss.
Man merkt den Büchern der Autorin ihre Liebe zu Potsdam an. Wer Potsdam bereits kennt, wird vieles wiedererkennen in ihren Romanen. Wer es noch nicht kennt, wird mit Sicherheit bald Lust dazu verspüren, diese wunderbare Stadt einmal zu besuchen. Neben dem Lokalkolorit und der Spannung verfügt dieser Roman aber auch über eine gehörige Portion Wortwitz, was besonders zutage tritt, wenn Just Verloren zu Wort kommt. Sprachlich sind Frau Anlauffs Bücher ein Genuss.
Ich hoffe sehr, dass diese Reihe mit Just Verloren fortgesetzt wird, würde mich aber auch über einen weiteren Katzenkrimi aus der Feder der Autorin freuen. Was auch kommen mag, ich werde Christine Anlauff in jedem Fall treu bleiben.
Fazit:
Spannend erzählte Geschichte mit viel Wortwitz und einer Portion Lokalkolorit. - Paul Assall
"Ich schreibe unentwegt ein Leben lang": Marcel Reich-Ranicki im Gespräch
(1)Noch keine Rezension vorhanden - Roberto Bolano
Chilenisches Nachtstück
(27)Aktuelle Rezension von: Trishen77Roberto Bolano, ein begnadeter Autor, hat ein vielfältiges Werk hinterlassen. Neben den beiden Kolossen in seinem Werk, dem virtuos-furiosen Opus Magnum 2666 und dem locker-unterhaltsamen Roman Die wilden Detektive , ist seinen Erzählungen, kurzen Romanen und Gedichten noch nicht ganz die Aufmerksamkeit zu Teil geworden, die sie verdienen. Gewiss, sie sind ungleich spezieller, haben nicht mehr so viel von der phantastischen oder zumindest literarisch universellen Art der beiden längeren Bücher, in denen das Fabulieren, die Poesie und das Erzählen zusammen einen genialen Kosmos erschaffen, wie er seines gleichen sucht. Aber auch in den kleineren Werken findet sich eine besondere literarische Qualität.
Es ist nur ratsam, sollte man direkt vorweg sagen, dieses Buch in einem Rutsch oder zumindest an einem, oder zwei Tagen zu lesen. Nicht nur wegen der Form (ein fast ohne Umbrüche gehaltener Monolog, ohne Kapiteleinteilungen oder Absätze), sondern auch, weil der gesamte Text einer Art Beschwörung gleicht (mal offensichtlicher, mal eingewoben) und ein zu häufiges Unterbrechen dem Buch seine hypnotische, eindringliche Komponente und, damit, eine seiner wesentlichen Erfahrungen nimmt.
Worum es in "Chilenisches Nachtstück" geht kann schnell und doch nur unzureichend dargelegt werden. Es geht um chilenische Geschichte, chilenische Literatur, um Reisen und um das, was getan werden muss, darf, soll, kann. Wie gesagt: Der Roman ist nicht unkompliziert in seinem Aufbau, er stößt den Leser nicht wirklich auf etwas. Er referiert, referiert die Lebensgeschichte eines Geistlichen, der sich literarisch hervortut und als Gelehrter und Intellektueller (aber eben auch als Geistlicher und Idealist) sein Leben in Chile zwischen widerstreitenden Interessen, politischem Zeitgeschehen und literarischen Realitäten verbringt. Dabei zeigt Bolano mit unterschwelliger Finesse die moralischen Dilemma, aber auch die unwillkürlichen Versuchungen, Ängste, etc. die die Menschen umtreibt, die Ambivalenz von Gut und Böse.
Dies alles kann einem europäischen Leser in seiner Umsetzung ein wenig Spanisch vorkommen. Das Buch ist eben nicht gerade heraus. Auf jeden Fall ist es eine fesselnde Lektüre, voller Augenblicke in denen Witz, aber auch das Funkeln der ewigen Problematiken aufblitzt. Also: eine recht atemlose, zeitweise geniale Lektüre. - Klaus Modick
Bestseller
(28)Aktuelle Rezension von: SchwaetzchenDer inhaltlich sehr interessante Roman „Bestseller“ von Klaus Modick ist eine scharfe Kritik am Literaturbetrieb/Verlagsmanagement und an der Gesellschaft.
Es ist zu einfach, Menschen und Wahrheiten zu manipulieren und mit manipulierten Wahrheiten nicht nur einzelne Menschen in bestimmte Richtungen zu (ver-)leiten, sondern ganze Gesellschaften, was sich auch aktuell in der politischen Weltlage verfolgen lässt.
Für eine eventuelle Neuauflage dieses Buches (von 2007) wäre es dem Erzähler Lukas Domcik und den Lesenden sehr zu wünschen, dass ein hinzugefügter Gegenpart ihm sein antiquiertes und klischeehaftes Frauenbild bewusst macht.
Leseempfehlung. - Gerhard Henschel
SOKO Heidefieber
(1)Aktuelle Rezension von: PongokaterEin Thema, das schon lange darauf gewartet hat, in Romanform aufgegriffen zu werden. Es geht um die Landplage der Regionalkrimis, die meist von literarisch völlig untalentierten Menschen in die Welt gesetzt werden. Und Henschel schreibt eine Geschichte, in der jemand auf drastische Weise etwas gegen diese Landplage unternimmt: Er bringt die SchreiberInnen um! Wunderbar, wie Henschel hier einen Whodunnit-Krimi entwirft, bei dem die Sympathien des Lesers eindeutig beim Täter und nicht bei den Opfern liegt.
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