Bücher mit dem Tag "mario conde"
3 Bücher
- Leonardo Padura
Der Nebel von gestern
(27)Aktuelle Rezension von: Barbara62Mario Conde, Expolizist, Padura-Fans vertraut aus Das Havanna-Quartett, verdient sein Geld als Antiquar. Eines Tages entdeckt er eine seit 40 Jahren unberührte Bibliothek unter der Obhut zweier alter Geschwister. Neben den kostbaren Büchern fasziniert ihn ein alter Zeitungsbericht über eine gefeierte Bolerosängerin, die sich 1960 überraschend von der Bühne zurückzog und Selbstmord beging. Schnell wird klar, dass ihr Geheimnis eng mit der Bibliothek verbunden ist, doch irgendjemand schreckt zu seinem Schutz nicht vor Mord zurück...
Ein spannender, überaus atmosphärischer Roman, der die bunte Welt vor der Revolution dem tristen Havanna der 2000er-Jahre gegenüberstellt. - Leonardo Padura
Die Durchlässigkeit der Zeit
(14)Aktuelle Rezension von: JosseleDas Original dieses Krimis mit Paduras bekanntem Ermittler Mario Conde in Havanna erschien 2018 unter dem Titel La Transparencia del Tiempo. Mario Conde erhält Besuch von einem ehemaligen Schulkameraden Bobby, der ihn bittet, ihm eine ihm von seinem Liebhaber Raydel entwendete Heiligenfigur, die Jungfrau von Regla, wieder zu beschaffen.
Einmal mehr nutzt Padura das Genre Krimi, um den Zustand seines Heimatlandes Kuba zu beschreiben. Neben der Kriminalhandlung, die dabei ein wenig in den Hintergrund gedrängt wird, liefert er dem Leser einen tiefen Einblick in den Zustand des Landes und seiner verschiedenen Menschen.
Dabei nimmt Padura die ganze Bandbreite der kubanischen Gesellschaft in den Blick, von den Elendsvierteln, in denen die Zuwanderer aus Kubas Osten, Palästinenser genannt, hausen bis hin zu exklusiven Luxusrestaurants, die sich nur reiche Geschäftsleute leisten können. „Zwei parallele Welten und dazwischen eine Mauer. Ganz wie in der Epoche, aus der Bobbys schwarze Jungfrau zu stammen schien. Der gemeine Pöbel und der Adel. Hatte man nicht versucht, genau diese Mauer auf der Insel einzureißen?“, schreibt er auf Seite 306.
Padura spart, wie auch schon in anderen seiner Bücher, nicht mit deutlicher Kritik am kubanischen Regierungssystem und der Politik. Es ist keinesfalls so, dass der Leser diese Kritik zwischen den Zeilen suchen muss. Den Hasenzahn z.B. lässt er auf S. 373 folgendes sagen: „ Aber du hattest nie die Möglichkeit, nach Paris zu fahren. Auch nicht nach Alaska. Denn sich auch nur vorzustellen, irgendwohin zu fahren, war genau das, Selbstbefriedigung. Das Land war verriegelt und verrammelt, und den Schlüssel hatten jene, die bestimmten, wer wohin reisen durfte. Die darüber entschieden, was gut und was schlecht für dich war, welche Bücher du lesen oder nicht lesen solltest, wie du dir die Haare zu schneiden und welche Musik du zu hören hattest.“
Padura gelingt es wie kaum einem anderen Autor den Leser, in dem Fall mich, die Geschichte wirklich miterleben zu lassen. Selten habe ich mich beim Lesen eines Romans so „anwesend“, so dabei gefühlt. Das gilt auch für andere Werke Paduras.
Leider konnte ich mit dem Ende nicht so richtig was anfangen. Die Szenen in der Klinik waren mir zu übertrieben lebenslustig und die Reflexionen des Autors standen für an unpassender Stelle. Vier Sterne.
- Leonardo Padura
Anständige Leute
(20)Aktuelle Rezension von: HansDurrerWer in Havanna überleben will, muss flexibel sein. Dem ehemaligen Polizisten Mario Conde, mit den Beatles aufgewachsen und mittlerweile über sechzig, handelt mit Büchern, gebrauchten Kleidern, kaputten Elektrogeräten und anderem mehr, als ihm im angesagtesten Lokal der Stadt ein Überwachungsjob, in dem er die Gäste unter die Lupe nehmen soll, angeboten wird. Obwohl Null Bock darauf, gegenüber den Verlockungen (zehn Dollar pro Abend plus ein komplettes Menü), die damit einher gehen, ist er machtlos.
Dann springt der Autor zum Jahrhundertbeginn (dem 19ten, nicht dem 20sten) zurück, als Havanna mit „Das Nizza Amerikas“ angepriesen wurde. Wie Leonardo Padura das typisch Kubanische schildert, ist überaus gelungen. So schildert er das Land als eines, „das sich Erleichterung verschafft, indem es alles Enttäuschende vergisst“ und den Nationalhelden José Martí als jungen Mann von schlichtem und romantischem Gemüt, „der noch an die republikanischen Ideale, Gerechtigkeit und andere utopische Vorstellungen glaubte.“
Anständige Leute ist sowohl Krimi als auch eine aufschlussreiche Lektion in Geschichte – so erwartete man am 11. April 1910, dass der Halleysche Komet auf die Erde treffen würde (die Reaktionen auf den bevorstehenden Weltuntergang illustrieren überaus treffend, wo die Prioritäten der Menschen liegen – die Gier kommt definitiv vor der Moral). Doch vor allem schildert dieser Roman die kubanische Mentalität, die sich ... doch lesen Sie selber, es lohnt!
Zu dieser Zeit gab es auch einen bestialischen Mord im Rotlichtmilieu, an dem sich eine Fehde zwischen zwei Gangsterbossen entzündet. Die Hierarchien von damals und die von heute – die zeigt dieser Roman sehr schön – sind sich ausgesprochen ähnlich. Leute mit Geld ebenso.
Es gehört zur Magie der Wörter, dass sie Bilder und Gerüche in unserem Kopf entstehen lassen, und so bin ich oft in Havanna, wenn ich vom Prado, dem Malecón und dem Hotel Inglaterra lese, denn mir war die Stadt einmal recht gut bekannt, da ich dort geheiratet habe. Und natürlich geht mir auch immer mal wieder meine Ex durch den Kopf, die alles zumeist normal fand, während mir selber alles sehr, sehr eigenartig vorkam, wozu auch die kubanische Vorliebe fürs fettreiche Essen gehört.
Stolz, Rassismus, Nationalismus, Korruption und alles andere, das dem Menschen nicht gerade zu einer erfreulichen Spezies macht, kommen zu Sprache. Anständige Leute liest sich gut und ist vielfältig aufklärend. Das Zitat aus der Süddeutschen „Wer Kuba verstehen will, muss Leonardo Padura lesen“, ist trotzdem falsch, denn eine Vorstellung von einem Land zu haben, ist etwas ganz anderes, als dieses zu erleben. Nichtsdestotrotz lernt man in diesem Buch einiges über Kuba bzw. die Kubaner, die so schlau und mitfühlend, so witzig und niederträchtig sind wie andere auch, vielleicht jedoch nationalistischer.
Der Besuch Obamas sowie das Konzert der Rolling Stones stehen bevor, als ein gefürchteter und gehasster Kunst-Zensor, der eine stalinistische Kulturpolitik betrieb, brutal ermordet wird. Wie diese Kulturpolitik funktionierte, schildert Leonardo Padura höchst eindrücklich. Für mich gehören diese Ausführungen, bei denen man die Angst fast mit Händen greifen kann, zu den stärksten Stellen dieses gut geschriebenen Romans.
Was Havanna als Stadt einzigartig macht, ist die Avenida del Malecón, deren Ufermauer „man zugute halten konnte, die längste öffentliche Bank der Welt zu sein.“ Wunderbar! Wobei: Havanna ist nicht Kuba. Leonardo Padura macht das unter anderem an seinem Protagonisten Mario Conde deutlich, der vom Land in die Stadt gekommen war. „Vieles von dem, was mir hier noch vor Kurzem übertrieben, aussergewöhnlich, anormal, ja unmoralisch erschienen war, kam mir inzwischen geradezu alltäglich vor.“
So sehr dies ein sehr kubanischer Roman ist, vieles wenn nicht das meiste, trifft auch auf andere Weltgegenden zu. „Wie die Konservativen überhaupt die Partei sein wollten, welche die befleckte Ehre Kubas wiederherstellen, auf die Einhaltung der guten Sitten achten und zugleich den Glauben an den Fortschritt fördern würde. Viele Leute nahmen ihnen die Geschichte ab. Oder auch nicht, aber das hat nie eine grössere Rolle gespielt auf unserer von der Tropensonne gepeinigten Insel, wo der Zynismus – und nicht das aufrichtige Bekenntnis zu den eigenen Anschauungen – eine weit verbreitete Lebenshaltung darstellt.“
Conde wundert sich, woher die Leute so viel Geld haben. Und er führt am Beispiel seines ehemaligen Schulkameraden Miki, der Schriftsteller geworden aus, aus, was zum Erfolg nötig ist. Die Formbarkeit bzw. die Fähigkeit sich anzupassen.
Anständige Leute ist auch ein Roman, der sich mit Grundsätzlichem auseinandersetzt. Und es ist nicht zuletzt dies, was ihn wesentlich auszeichnet. „Wer interessiert sich heutzutage noch für so etwas wie Anstand?, fragte sich Conde. Wer legte in diesen Zeit noch Wert darauf, ein anständiger Mensch zu sein?“ Auch Lao Tse zitiert er. „Fühlst du dich traurig und bedrückt, lebst du in der Vergangenheit; bist du voller Begierde, lebst du in der Zukunft; Erfüllt dich Frieden, lebst du in der Gegenwart.“
Fazit: Gut geschrieben, aufschlussreich und oft sehr witzig.


