Bücher mit dem Tag "migration"
252 Bücher
- Yuval Noah Harari
21 Lektionen für das 21. Jahrhundert
(120)Aktuelle Rezension von: Hoffe63Es ist einfach nur beneidenswert, diesen Gesamtüberblick zu haben und diese Verknüpfungen zu erstellen. Und dabei schreibt er, anders als der hochgelobte deutsche TV Neuphilosoph, völlig unaufgeregt und weitestgehend wertungsfre. Alle 3 Werke von ihm konnte ich kaum zur Seite legen und mindestens jedes schon 2x gelesen.
- Saša Stanišić
HERKUNFT
(286)Aktuelle Rezension von: Trishen77Saša Stanišić ist ein Autor, der sich, ähnlich wie bspw. Kazuo Ishiguro, viel Zeit für seine Romane lässt. Zwischen dem ersten Roman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“, der ihn zu einem Shootingstar der deutschen Literaturszene machte, und dem zweiten Roman „Vor dem Fest“ lagen acht Jahre, zwischen dem zweiten und dem dritten Roman „Herkunft“ dann immerhin auch noch fünf (wobei hier in der Zwischenzeit auch ein schmaler Band mit Erzählungen erschien).
Diese Langsamkeit hat etwas Sympathisches und lässt die Romane schon vor der Lektüre wie etwas Kostbares (und auch wie etwas sehr Gewissenhaftes) erscheinen. Möglicherweise ist es diesen Erwartungen und dem Sympathievorschuss geschuldet, dass ich mich mit „Herkunft“ ein bisschen schwergetan habe. Aber vielleicht zunächst zum Inhalt, auch wenn er wohl bereits jeder/m an dem Buch Interessierten durch Klappentext und andere Besprechungen bereits bekannt sein dürfte:
Der Roman liest sich wie eine fiktionalisierte und mit Ausschmückungen versehene Biographie des Autors, mit speziellem Fokus auf die Beziehung zu seiner Großmutter und den Jahren nach der Flucht aus dem ehem. Jugoslawien in der neuen „Heimat“ Deutschland. Die einzelnen Kapitel sind kurz und Stanišić bedient sich immer wieder unverhofft schöner Sprachkapriolen, statt einfach nur einen gelungenen Stil zu pflegen und springt viel in der Zeit hin und her, was manchmal einen etwas übereifrigen Eindruck macht.
So entsteht aus der Schilderung eines Lebens ein Gestrüpp/Geflecht von sich überlagernden Empfindungswelten, das zwar immer wieder beeindruckende Muster hervorbringt, aber auch genauso oft zu leichten Verhedderungen in der Wahrnehmung führt, zumindest bei mir war es so. Stanišić greift auf viele Register und Stilmittel zurück, sein Roman ist ein sehr agiles Konstrukt, aber manchmal wirkt es dabei nicht nur bravourös, sondern wie auf allzu flüchtigen Ideen erbaut.
Was dabei vor allem verloren geht, ist die Anschaulichkeit. In vielen Momenten hatte ich das Gefühl, das Stanišić einem wichtigen Detail viel Mühe angedeihen lässt, dabei aber über das Ziel hinausschießt, weil das Anschauliche eben eine Frage der Balance und nicht der Kompensation ist. Es mag vermessen wirken, dass ich über einen hochverdienten Autor solch eine Kritik verhänge, aber auch wenn ich viele meiner Eindrücke relativieren kann, dieser Eindruck bleibt doch bestehen.
Dabei ist Stanišićs Sprache keineswegs ohne Prägnanz. Vielmehr hat sie alles: Witz, Prägnanz, Ruhe, Dynamik, nur eben manchmal in für mich unpassenden Verhältnissen/Ausprägungen. So schwingt viel mit, aber wenig verdichtet sich zu einem Begriff, einem Verstehen, in das man sich begeben kann. Vielleicht ist die Erwartung, die aus dieser meiner Auseinandersetzung hervorscheint, auch einfach fehl am Platze. Vielleicht haben diese meine Erwartungen etwas mit der oben bereits genannten Aura der Sorgfalt zu tun, die (für mich) Stanišićs Romane umgibt. In jedem Fall ist „Herkunft“ ein wichtiges Buch, das mitunter auch blendend unterhält, aber auch einige Längen hat. - Jan Weiler
Maria, ihm schmeckt's nicht!
(1.152)Aktuelle Rezension von: lakitaIch bin keine Italienerin und vermag deswegen nicht zu beurteilen, ob Jan Weiler typisches Familienverhalten wiedergibt, seine Schilderungen sind jedoch so plastisch und hautnah dargeboten, dass man ihm abnimmt, dass sich alles genau so und nicht anders zugetragen haben muss. Ich liebe Situationskomik und dieses Buch ist voll davon und genau das macht den Reiz dieses Buches aus, dass man es mit einem Schmunzeln lesen kann und obendrein vielleicht auch noch etwas über italienische Familiengepflogenheiten lernt.
- Bernardine Evaristo
Mädchen, Frau etc. - Booker Prize 2019
(169)Aktuelle Rezension von: Leseratte_09Trotz aller Bemühungen für mehr Gleichberechtigung und Integration von Frauen in Berufs- und öffentlicher Welt leben wir nach wie vor in einer patriarchalen Welt. Schon für weiße Frauen ist es oft ein steiniger Weg mit vielen Vorurteilen und viel fehlender Solidarität unter Frauen. Wie viel schwerer muss es da sein, wenn noch eine andere Hautfarbe hinzukommt.
In ihrem mit dem Booker Price ausgezeichneten Roman wirft Bernardine Evaristo einen Blick auf gleich 12 Frauenschicksale.
Als erstes ist mir die Textgestaltung aufgefallen: Abschnitte beginnen mit Kleinbuchstaben, die Absätze sind ungewöhnlich eingerückt. Die Sprache wirkt stakkatohaft und hindert mich daran, wirklich in die Geschichte einzutauchen. Und doch enthält der Roman wunderschöne Formulierungen, wie „Carole, deren Alltagswortschatz sich im Orbit von Dividenden, Terminkontrakten und Finanzplanung bewegt“ (S.149). Auch berühren die Themen der einzelnen Geschichten Aspekte des Lebens, mit denen sich viele auseinandersetzen, egal der Hautfarbe, Orientierung und Alter. Es geht um Nichtaufgeben, sich nicht entmutigen lassen, unabhängig werden von den Urteilen anderer. Wichtige Themen, die durchaus zum Nachdenken anregen. Die Protagonisten sind grundsätzlich interessante und meist auch starke Frauen, Dennoch hat mich der Roman nicht wirklich erreicht und ist nur wenig in mir nachgehallt.
- Daniel Speck
Bella Germania
(213)Aktuelle Rezension von: MaviBella Germania ist ein Roman, der wie ein Kaleidoskop verschiedener Kulturen auf mich wirkte. Er transportiere mich auf eine Zeitreise geschichtlicher Ereignisse, die mir nahe am Herzen liegt, nämlich die eines Gastarbeiters in Deutschland.
Ich habe die packende deutsch-italienische Familiensaga über 600 Seiten innerhalb weniger Tage gelesen. Auf persönlicher Ebene befand ich mich auf einer kritischen Reise wegen einer Not-OP und war froh, mich in eine völlig andere Welt zurück zu ziehen.
Der historische Teil des Romans ist besonders gut recherchiert und beschränkt sich nicht nur auf die sozialen Aspekte der Einwanderer, sondern enthält die Kernelemente des Wirtschaftswunders in der Automobilindustrie in Deutschland und Italien. Dabei habe ich es auch geliebt eine virtuelle Spritztour mit der Iso Rivolta Gt zu machen. 🫶🛣️
Daniel Speck‘s eloquenter Schreibstil löst starke Emotionen in seiner Leserschaft aus und schafft die Atmosphäre im jeweiligen Land und Zeitfenster, so dass ich mir alles bildlich vorstellen konnte.
Die fehlerhaften und verletzlichen Charakter der Protagonisten transformieren sich glaubwürdig tiefgreifend, während sie alte Morale und Werte über Bord werfen und neue Persönlichkeitsschichten aufbauen.
Zu guter Letzt, spitzt sich der Spannungsbogen von Beginn zu Ende über einen Mordfall zu, wobei lang gehütete Geheimnisse über das Schicksal der Hauptprotagonistin enthüllt werden.
Der Plottwist am Ende hat mich vollkommen vom Hocker gehauen 😳🤯.
Absolute Leseempfehlung ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️.
Bella Germania ist nicht erste Reise mit Daniel Speck und wird auch nicht meine letzte sein.
- Fatma Aydemir
Dschinns
(379)Aktuelle Rezension von: BuecherkopfkinoDieses Buch fand ich sehr gut.
Als Hüseyin endlich in Rente gehen kann und von Deutschland in seine Heimat Türkei zurück ziehen kann, stirbt er in seiner gerade gekauften Wohnung in Istanbul. Seine Familie reist an, um sich von ihm zu verabschieden, jeder mit seinem eigenen Päckchen. Eine tragische Familiengeschichte, zwar einer Migrantenfamilie, aber das Schweigen und die Dramen können in jeder Familie aufkommen.
Wir lernen nacheinander die Familienmitglieder kennen: Zuerst Hüseyin, dann die Kinder Ümit, Peri, Hakan und Sevda und zum Schluss die Mutter Emine. Jeder berichtet über seine Wahrnehmung der Familie, seine Erlebnisse innerhalb der Familie. Diesen Aufbau fand ich super spannend. Ümit der Jüngste weiß irgendwie am wenigstens, aber irgendwie merkt man schon, dass in der Familie eine bestimmte Zwietracht besteht. Peri ist aus der muslimischen Tradition ausgebrochen und ist mir sympathischer als ihre älteste Schwester Sevda. Im Endeffekt hatte ich aber dann doch auch Empathie und Mitgefühl mit Sevda. Hakan fand ich absolut unsympathisch, aber im Endeffekt ist auch er nur Produkt seiner Familiengeschichte. Und dann ist da die Mutter Emine, die ich die ganze Zeit unnahbar empfinde und als hysterisch, nervig, anstrengend. Am Ende gibt es aber noch ein paar Überraschungen für die Leserschaft und am Ende hatte ich auch mit Emine absolute Empathie und Mitgefühl.
Ich finde diese Charakterdarstellungen sehr tiefgehend und umso mehr man die unterschiedlichen Familienmitglieder kennenlernt, umso besser versteht man dieses Drama innerhalb der Familie und die Traumata der Elterngeneration.
Eine starke Familiengeschichte, die sich nach und nach aufbaut und erschreckende Wahrheiten ans Tageslicht bringt. Sehr überraschende Wendungen.
- Petra Hülsmann
Wenn's einfach wär, würd's jeder machen
(422)Aktuelle Rezension von: Laurada11Annika ist Lehrerin und wird unerwartet an eine Brennpunktschule versetzt. Sehr zu ihren Unmut. Sie fasst einen Plan, um wieder in ihr geregeltes Leben zurückzufinden: Eine Musical-AG gründen und mit ihr einen Preis gewinnen, sodass ihre alte Schule sie einfach zurück nehmen muss.
Das war mein zweites Buch von Petra Hülsmann, weswegen ich mit hohen Erwartungen an die Geschichte rangegangen bin. Leider wurde ich enttäuscht. Mir war bereits nach den ersten Seiten klar, wie sowohl die Liebesgeschichte, als auch die Geschichte um die Musical-AG enden wird. Dadurch konnte mich das Buch nicht mitreißen und ich musste mich zwischenzeitlich ziemlich zum Weiterlesen motivieren. Am Schreibstil lag es nicht. Der war wieder einfach und leicht verständlich.
Auch Annika als Protagonistin hat mich zwischendurch ziemlich genervt, auch wenn ich da nicht genau sagen kann, woran es lag.
Alles in allem ist es kein schlechtes Buch, aber vielleicht war es mit seinen etwa 570 Seiten auch einfach zu lang für diese Geschichte.
3,5 ⭐️
- Ocean Vuong
Auf Erden sind wir kurz grandios
(178)Aktuelle Rezension von: emkadivaMan merkt, dass Ocean Vuong Gedichte schreibt. Jeder Satz in diesem Buch wirkt wohlüberlegt und künstlerisch. Einfach poetisch.
Solche Bücher können schnell das Gefühl vermitteln, zu viel zu wollen. Man kann die Dinge noch so schön verpacken, der Inhalt ändert sich dadurch nicht. Dieses Buch liest sich nicht nur hochwertig, der Inhalt ist es auch!
Vuong gelingt es, die Folgen des Vietnamkriegs und das generationsübergreifende Trauma perfekt darzustellen. Er zeigt auf, was hinter der Fassade steckt, wie der "amerikanische Traum" wirklich für Migranten aussieht.
Ebenso gelungen ist die Darstellung der Sexualität, der eigenen Identität, Liebe, Verlust, Schmerz.
Stellenweise fühlt es sich fast verboten an dieses Buch zu lesen, weil es so ergreifend ist. Roh und persönlich. Als würde man im Privatleben einer Person schnüffeln und Dinge erfahren, die nicht für einen bestimmt sind.
Nicht umsonst so hoch gelobt!
- Saša Stanišić
Vor dem Fest
(197)Aktuelle Rezension von: EmmaWinterIn Fürstenfelde steht das jährliche Anna-Fest bevor. Der Erzähler, der in dem "wir" der Dorfgemeinschaft aufgeht und namenlos bleibt, berichtet in der Nacht vor dem Fest vom hier und jetzt in Fürstenfelde, von gestern und von vielen Jahrhunderten zuvor. Bizarre und schräge Typen alle Couleur bevölkern das Dorf, das sich auf dem absteigenden Ast befindet, aber nicht aufgibt und zudem voll ist von kuriosen Geschichten.
"Wir trinken in Ullis Garage, weil nirgends sonst Sitzgelegenheiten und Lügen und ein Kühlschrank so zusammenkommen, dass es für die Männer miteinander und mit Alkohol schön und gleichzeitig nicht zu schön ist. Nirgends, wo nicht Zuhause ist, gibt es überdacht und in Laufdistanz Pils und Sky Bundesliga und Rauchen und Unter-sich-Sein." (S. 19)
Hinter jeder Straßenecke und hinter jedem Fenster entdecken wir neue Figuren und Teile ihrer Biografie. Wir hören eine Weile zu und gehen weiter, lesen ein Kapitel und treffen neue Menschen oder alte Bekannte, wie Herrn Schramm, "ehemaliger Oberstleutnant, Förster, Rentner", der eigentlich nur eine Zigarette rauchen will und dann mit einer Pistole seinem Leben ein Ende setzen möchte.
Der Roman hat mich sehr überrascht. Er ist skurril, witzig, traurig und absolut ungewöhnlich. Es gibt keine wirkliche, stringente Handlung im herkömmlichen Sinne. Immer wieder gibt es hingegen Einschübe aus der alten Dorfchronik, aus der sich auch Figuren verselbständigt haben, die immer wieder im Roman auftauchen. Mythen, vermeintlich historische Ereignisse haben immer noch ihren Platz in der Gegenwart, ebenso wie die Fähe, die Füchsin. Dass die "historischen" Textpassagen entsprechend ihrer Zeit in Frühneuhochdeutsch verfasst sind, macht diese Abschnitte nochmal so interessant.
Insgesamt hatte ich große Freude an diesem ungewöhnlichen Roman, der vor Einfällen des Autors nur so sprüht. Leseempfehlung für alle, die sich auf unkonventionelles Erzählen einlassen.
- Min Jin Lee
Ein einfaches Leben
(87)Aktuelle Rezension von: Moonshine117... von Min Jin Lee ist ein emotionaler Familienroman, den ich sicher noch einmal lesen werde. Die Charaktere und die berührende Geschichte machen das Buch zu etwas Besonderem. Zudem bietet es spannende Einblicke in die koreanische Kultur. Der Familienepos ist tiefgründig, bewegend und eindrucksvoll.
Eine klare Leseempfehlung von mir!
- Daniel Glattauer
Die spürst du nicht
(327)Aktuelle Rezension von: Pe_AsDas 14-jährige Flüchtlingsmädchen Aayana darf mit ihrer Schulfreundin Sophie-Luise, deren Familie und einer befreundeten Familie mit in den Luxusurlaub in die Toskana. Doch schon am ersten Tag kommt es zur Tragödie...
Ein so aktuelles, ernstes und Gesellschaftskritisches Thema mit einem doch so charmanten Wortwitz angehen zu können ist eine Kunst.
Ich kann dieses Buch wirklich wärmstens empfehlen.
- Mithu Sanyal
Identitti
(160)Aktuelle Rezension von: GeschichtenfinderNiveditas Professorin Saraswati ist die Inspiration ihres Lebens. Sie zeigte ihr, dass man als PoC, als Frau, trotz aller Widerstände, das Leben leben kann, dass man verdient, dass man gesehen wird, dass Nivedita nicht mehr alleine ist, mit ihren Erfahrungen, ihren Zweifeln und ihrer Angst, nie irgendwo dazuzugehören. Saraswati beeinflusst den identitären Diskurs an ihrer Uni, ihrer Stadt, beeinflusst Niveditas Selbstwahrnehmung und das Selbstbewusstsein der Schwarzen Community. Umso schockierender, als sich herausstellt, dass Saraswati gar kein PoC ist, sondern Weiß. Und auf einmal sind wieder all die Fragen wieder da und Nivedita und ihre Freunde müssen sich wieder die nach Identität, "Race", "Whiteness" und Saraswati selbst stellen.
Mithu Sanyal ist bereits als Journalistin mit den Themenpunkten Feminismus, Rassismus, Popkultur und Postkolonialismus sehr bekannt, bevor sie ihren Roman "Identitti", angelehnt an den Medienskandal um Rachel Dolezal, veröffentlicht.
Niveditas Konflikt wird gut beleuchtet, sodass man ihr Dilemma versteht, auch wenn man mit diesem Konflikt sonst eher weniger Kontaktpunkte hat. Sanyal nimmt sich die Zeit alle Sichtweisen zu Wort kommen zu lassen, wodurch man sich gut selbst in diesem aktuellen Konflikt eine eigene Sichtweise bauen kann.
Da es sich hier um ein gesellschaftspolitisches Thema handelt, würde ich den Roman erst ab 12, bzw. 14 empfehlen.
- Pierre Jarawan
Am Ende bleiben die Zedern
(133)Aktuelle Rezension von: gstSamir kam 1983 zur Welt, ein Jahr nachdem seine Eltern nach Deutschland gekommen waren. Sein Vater war liebevoll und hat ihm viel über sein Heimatland Libanon erzählt. Doch eines Tages war er spurlos verschwunden und hinterlässt eine traumatisierte Familie. Mit Ende 20 begibt sich Samir auf die Suche nach dem Vater und reist in den Libanon.
„Als Vater verschwand, blieb die Zeit für mich stehen. Meine Erinnerung an ihn wurde mit den Jahren verschwommener, undeutlicher, seine Konturen lösten sich auf. Ich wurde älter und veränderte mich, aber er blieb immer jung.“ (Seiten 143)
Ich habe in diesem Buch viele interessante Dinge über den Libanon erfahren. Nicht nur darüber, wie die Landschaft aussieht, sondern auch wie die vielen nebeneinander bestehenden Religionen die Politik beeinflussen.
Der im Libanon geborene und in München lebende Autor und Fotograf hat für diesen Roman mehrere Preise erhalten. Sein Schreibstil erinnerte mich ein wenig an orientalische Geschichtenerzähler und hat mich sehr angesprochen. Dieses Buch war sein Romandebüt. 2020 folgte „Lied für die Vermissten“ und für 2025 ist ein weiteres Buch von ihm angekündigt.
- Shida Bazyar
Drei Kameradinnen
(176)Aktuelle Rezension von: venenorojoDieser großartige Roman handelt von Kasih, Hani und Saya, drei Freundinnen mit Migrationshintergrund, die in dem selben Stadtteil groß werden, die seit ihrer Kindheit viel Zeit miteinander verbringen, engste Vertraute werden, sich in- und auswendig kennen. Drei Freundinnen mit unterschiedlichen Charakteren, mit verschiedenen Ansichten und Wünschen, die zusammen lachen und weinen. Eines verbindet die drei mittlerweile jungen Frauen mehr als alles andere: der Alltagsrassismus, dem sie ausgesetzt sind und ihre differenzierte Art, damit umzugehen.
Shida Bazyar zeigt die unterschiedlichen, oft subtilen oder auch gar nicht böse gemeinten, Facetten des Alltagsrassismus und die diversen Möglichkeiten, mit diesen umzugehen. Sie verleiht ihrer Erzählerin Kasih eine Stimme voller Inbrunst und Wut, warum Menschen aufgrund ihrer Herkunft ständig hinterfragt werden, ja selbst von Antifaschisten, denn wozu betont man eigentlich, dass man Antifaschist ist?! Müsste das nicht normal sein? Und immer wieder hebt sie eines hervor: Dass der wichtigste Halt in unserer heutigen Zeit bedingungslose Freundschaft ist.
Dieses Buch ist das Beste, was ich seit langem gelesen habe, und offenbart zum Ende neben einem alles in Frage stellenden Plot Twist auch einige weitere Überraschungen.
Für mich ist Shida Bazyars Roman das Buch des Jahres 2021! - Deniz Ohde
Streulicht
(81)Aktuelle Rezension von: RadagastDieser Roman hatte mich von Anfang an voll abgeholt. Abgesehen von den Protagonisten, der Handlung und dem Schreibstil ging mir dieses Buch an mein Herz. Liegt daran das es Themen aufgreift die wenig spektakulär sind. Momente beschrieben werden die zwar auf den ersten Blick nicht relevant für die Handlung sind, aber im Gesamten alles abrundet.
Ein Vater der in seiner Blase gefangen ist. Sicherheit darin findet diese Blase nicht zu zerstören. Seine Verzweiflung trinkt er sich weg und auch um sozialen Abstand zu wahren. Die Mutter mit einer schwierigen Vergangenheit versucht mit ihren Möglichkeiten ein annehmbares Leben zu leben. Die Tochter selbst introvertiert und durchaus schlau sucht in ihrer Jugendzeit den Weg ins Leben zu finden.
Dieser Weg ist für die Tochter steinig. Lehrer, Nachbarn und Freunde werten sie teilweise ab. Vor allem ihren Schuljahre sind harte Jahre. Sie verlässt die Schule und kommt wieder zurück zur Abendschule. Von der Abendschule ins Gymnasium um das Abitur zu machen. Damit sie endlich etwas wert ist.
Der soziale Spießrutenlauf zeigt auf wie es ist anders zu sein. Anders zu sein dass man normal wirkt und doch nicht dazu gehört, weil man für andere gefühlt nichts tut. Dieses unsichtbar sein und doch mit schwimmen wollen auf eigene Art, lässt sie durch das gesellschaftliche Raster fallen.
Dieses Buch ist mein Highlight 2025. Dieser Roman hat mich berührt und an Stellen meiner Seele wo ich dachte: "Das hast du im Griff". - Emilia Roig
Why We Matter
(45)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerMein zweites Buch von Emilia Roig und ich fand es wieder super inspirierend. Ich liebe es, wie die Autorin mich komplett zum Hinterfragen gewohnter Denkmuster und Ideen anregt. Schonungslos ehrlich und etwas radikal. Auch wenn ich mich als offen und sehr tolerant einschätzen würde, es gibt einige Themen, die mir die Augen geöffnet haben und die für mich neu waren.
- Alina Bronsky
Der Zopf meiner Großmutter
(189)Aktuelle Rezension von: mariameerhabaEs ist lustig, es ist tragisch, es ist gemein und es ist lieb. So würde ich das Buch beschreiben.
Ich habe mich köstlich amüsiert, obwohl vieles unbeantwortet blieb und das Ende mich aus dem Nichts überrascht hat. Ganz ehrlich: Das Ende ist richtig Kacke! Da hat es sich die Autorin einfach gemacht und das liegt vermutlich daran, dass das Buch wahrscheinlich sonst nie geendet hätte.
Die Oma ist dabei die zentrale Figur, die völlig verrückt ist und ich immer noch nicht begreifen kann, wie ein Mensch so sein könnte. Fast schon wie meine eigene Oma. Aus irgendeinem Grund zieht der Enkel bei seinen Großeltern ein und die Oma erklärt ihn gleich für unheilbar krank, um ihn auf eine Diät zu setzen mit der Begründung, alles ändere könnte ihn töten.
Natürlich glaubt das der Enkel und der Großvater ist zu feige, um ihn aufzuklären. Dabei hat der Opa andere Probleme: Er verliebt sich in seine Nachbarin und der Enkel kriegt es mit. Als es zu einem Seitensprung kommt, deckt ihn der Enkel mit aller Macht, wobei die Tochter des Seitensprungs fies zu dem Enkel ist. Das war echt gelungen.
Mit viel Witz erzählt die Autorin die ganze Geschichte und ich habe gemerkt, wie ich beim Lesen mich kaum zurückhalten konnte. Auch wenn mir vor Müdigkeit die Augen zufielen, wollte ich nicht aufhören, und das sagt was aus.
Trotz des schlechten Endes habe ich das Buch gern gelesen. Ich bin den Figuren gerne gefolgt, ich habe mitgefiebert, ich habe gehofft, gelitten, war traurig und glücklich! Das schaffen nicht viele Bücher.
- Nicola Yoon
The Sun is also a Star
(100)Aktuelle Rezension von: Anni04Diese Geschichte hat mir erstaunlich gut gefallen. Ich habe das Buch im Bücherschrank gefunden und nach dem Lesen des Klappentextes dachte ich erst, dass das nichts für mich ist. Ich mag eigentlich keine Geschichten, die an einem einzigen Tag spielen. Ich bin aber froh, dass ich dem Buch eine Chance gegeben habe, denn es hat sich wirklich gelohnt.
Ich mochte Natasha und Daniel beide sehr gerne, da beide ihren eigenen Charakter haben und liebenswert waren. Auch wenn ihre Dialoge nicht immer authentisch waren. Ich habe noch nie einen Teenager so sprechen gehört, wie die beiden manchmal. Besonders hat mir auch gefallen, dass zwischendurch mal die Perspektiven von anderen, teilweise fremden, Personen gezeigt wurden. Vor allem am Ende hat mir das echt Gänsehaut bereitet.
Die vielen Zufälle und wie mehrere Ereignisse miteinander zusammenhängen, fand ich sehr interessant zu lesen. Zudem wurde die Thematik "Abschiebung" meiner Meinung nach sehr spannend und berührend in den Roman eingebunden. Das Ende fand ich ebenfalls sehr gelungen, da ich es so auch nicht erwartet hätte.
Alles in allem ein guter Roman, der sich schnell weglesen lässt, aber trotzdem voller wichtiger Themen ist.
- Francis Fukuyama
Identität
(5)Aktuelle Rezension von: dominonaIn diesem Buch werden viele aktuelle Aspekte sehr schön mit einander in Verbindung gesetzt und es lässt sich erkennen, wie und warum Revolutionen entstehen, woran es bestehenden Demokratien mangelt und ganz nebenbei bekommt man nochmal einen Grundkurs Philosophie, der aber auch nur das Gröbste anreißen kann und fast Lust auf mehr macht.
Insgesamt hat mich das Buch manchmal hinsichtlich der Zukunft geängstigt, mir aber an anderer Stelle auch Mut gemacht.
Ich mochte den Ton insgesamt, der eher mahnt, aber auch Fortschritte kenntlich macht.
Als eher philosophische Einführung ist das Buch auch generell jüngeren Menschen zu empfehlen, damit sie verstehen, was sie mit entscheiden und worin der Unterschied zu anderen Ländern und Systemen besteht.
- Martina Sahler
Weiße Nächte, weites Land
(90)Aktuelle Rezension von: Lealein1906Ich habe schon einige Auswandererromane gelesen, aber ich glaube noch keinen nach Russland. Die Geschichte war auf jeden Fall schön erzählt und gut recherchiert. Dafür gebe ich gerne sehr gute vier Sterne.
Die Geschichte startet im Deutschland im 18. Jahrhundert. Zu dieser Zeit sind viele dem Aufruf von Katharina der Großen gefolgt, in Russland ein neues Leben zu beginnen. Darunter sind auch Christina, Eleonora und Klara, drei Schwestern, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Und hinzu kommen viele anderen Charaktere unter den Auswanderern, die für viel Abwechslung sorgen. Mit ihnen allen verfolgen wir den langen weg von Deutschland nach Russland, wo nicht alles so schön ist, wie vorher versprochen. Doch wer kommt mit den Gegebenheiten zu recht?
Martina Sahler versteht es sehr gut, die verschiedensten Begebenheiten mit in den Roman einfließen zu lassen, sodass es nie langweilig wird. Die Beschreibungen der damaligen Zeit sind in meinen Augen sehr gelungen und authentisch. Der Schreibstil ist gut zu lesen und die Perspektivwechsel zwischen den verschiedenen Figuren ist gut gewählt.Ich war mit dem Besuch sehr zufrieden und werde vielleicht auch noch die Folgeromane lesen.
- Alina Bronsky
Scherbenpark
(304)Aktuelle Rezension von: frischelandluftIch lese sehr gerne Bronskys Romane. Sie handeln meistens von Menschen, die übersehen werden, und das zu Unrecht. Ihre Charaktere sind vielschichtig, sensibel gezeichnet und sehr verletzlich unter einer meist schroffen, abweisenden Hülle. So auch hier. Die Protagonistin Sascha, mit ihrer Familie aus Russland eingewandert, hochbegabt, erlebt als Teenager, wie ihre Mutter und deren Freund von ihrem Stiefvater brutal erschossen werden. Seitdem ist es ihr Ziel, den Mörder ihrer Mutter umzubringen. Sascha wohnt mit ihren kleinen Geschwistern, für die sie die Mutterrolle übernimmt, und einer Verwandten, die sich um die drei kümmert, weiter in der Wohnung, in der die Tat verübt wurde, in einem ghettoähnlichen Hochhaus. Der Roman wird als Ich-Erzählung aus der Perspektive der 16jährigen erzählt, die Tat liegt zwei Jahre zurück, das heißt, wir als Leserinnen leben mit ihr in ihrer familiären, traumatisierten Situation in einem prekären Umfeld, durch das sie sich und ihre Geschwister smart manövriert und in dem sie versucht, ihren Platz zu finden. Es ist kein düsterer Roman trotz der schrecklichen Umstände, sondern die Geschichte einer starken jungen Frau, die sich durchboxt, mal elegant, mal am Rande der Kriminalität, sehr sympathisch, mit viel Liebe, Wut im Bauch und einem Lebenswillen, der inspiriert und optimistisch stimmt. Wie andere Romane von Bronsky kann man ihn nicht aus der Hand legen – ich habe ihn nach der Lektüre meiner 17jährigen Tochter gegeben, es hat zu interessanten Gesprächen geführt, Leseempfehlung von uns beiden!
- Carla Federico
Im Land der Feuerblume
(53)Aktuelle Rezension von: Elkes_LiteraturwolkeInhaltsangabe:
Mitte des 19.ten Jahrhunderts: Die chilenische Regierung lockt deutsche Einwanderer ins Land, um es mit den viel Mühe und Fleiß fruchtbar zu machen.
Unter diesen deutschen Einwanderern ist auch Elisa von Graberg mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter. Gerade schiffen sie in Hamburg ein, als sie Cornelius kennen lernt. Cornelius ist ein kräftiger junge Bursche, der seinen miesepetrigen Onkel im Schlepptau hat.
Diese und viele andere machen sich auf ins unbekannte Land, sind monatelang auf See und erleben Stürme und andere kleine Katastrophen, bis sie buchständlich an die chilenische Küste stranden. Doch wie sie sehr bald merken, ist es noch nicht das Ende der Reise und für Elisa passiert das Schlimmste: Sie muss sich von ihrem geliebten Cornelius trennen.
Mein Fazit:
780 Seiten schrecken mich im Allgemeinen nicht unbedingt zurück. Dieses Buch auch nicht, schließlich bin ich es gewohnt, dicke Bücher in recht kurzer Zeit zu lesen.
Doch die Geschichte um Elisa und Cornelius hat mich etwas herausgefordert. Leider bin ich nur bis Seite 277 gekommen, da habe ich die Herausforderung abgegeben. Ich kam in die Geschichte nicht wirklich rein, stellenweise war es langatmig bis langweilig. Vielleicht würde es jetzt an der Stelle, wo ich es abgebrochen habe, interessanter werden, aber nach 14 Tagen des Lesens bin ich nicht mehr gewillt, es herauszufinden.
Für mich ist das Buch leider nur 2 von 5 Sternchen wert, andere mögen sicher mehr Gefallen daran finden. Mehr kann ich dazu einfach nicht schreiben.
- Arnaldur Indriðason
Frostnacht
(146)Aktuelle Rezension von: Nicole_ThoeneDas Buch liest sich ganz flüssig, nur finde ich es sehr schwierig die Namen auszusprechen von den Personen, die in dem Buch vorkommen. Dadurch liest sich das Buch ziemlich schwer. Zwischendurch wusste ich gar nicht, wer denn da jetzt gemeint ist.
Die Geschichte an sich fand ich sehr tragisch. Sie könnte tatsächlich so passiert sein. - Jehona Kicaj
ë
(57)Aktuelle Rezension von: sofie„Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, an einen früheren Ort zurückzukehren und alles so vorzufinden, wie es war. Für mich gab es immer nur Zerstörung.“
„Ë“ ist ein beeindruckender Debütroman, der den Krieg im Kosovo in den 1990er Jahren und seine Folgen eindrücklich nahe bringt. Die Ich-Erzählerin wurde im Kosovo geboren, verließ aber mit ihren Eltern bereits vor dem Krieg das Land und ging in Deutschland in den Kindergarten und die Schule. Zum Zeitpunkt des Romans ist sie gerade mit dem Studium fertig und hat mit starkem Zähneknirschen zu kämpfen. Ihre Besuche beim Zahnarzt bilden quasi die Rahmenhandlung. Dazwischen beschreibt sie, wie sie sich mit der Vergangenheit ihres Heimatlandes und ihrer Familie auseinandersetzt.
Ein großes Thema des Romans ist die Sprache. Beschrieben wird zum einen das Verhältnis der Erzählerin zur deutschen Sprache. Wie sie sich diese angeeignet und gemeistert hat, aber wie sie ihr trotzdem manchmal fremd bleibt und ihr Kraft abverlangt. Wie sie Wörter und Sätze regelrecht zerkaut. Zum anderen wird auch die albanische Sprache geschildert, zum Teil auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht. Ich habe jetzt große Lust, mich noch weiter damit zu beschäftigen. Sprachen, die so wenig mit den Nachbarsprachen gemein haben, finde ich immer interessant.
Auch die Autorin kann wunderbar mit Sprache umgehen. Es gelingt ihr auch innerhalb des relativ kurzen Romans zu zeigen, was es bedeutet, in einer fremden Umgebung aufzuwachsen, die wenig Verständnis für die eigene Herkunft hat. Oder wie Traumata innerhalb von Familien weitergegeben werden. Und welche Auswirkungen ein Krieg haben kann, auch wenn man in der sicheren Diaspora ist.
Beeindruckend fand ich auch, wie sie über das Verhältnis von Kosovo-Albanern und Serben schreibt, ohne dabei anklagend zu sein. Sie zeigt, wie sich der Krieg auch in ganz individuelle, persönliche Beziehungen einschreibt.
Insgesamt also ein tolles Buch, das ich uneingeschränkt weiterempfehle und das ganz zurecht für den Deutsche Buchpreis nominiert war!























