Bücher mit dem Tag "militärdiktatur"

Hier findest du alle Bücher, die LovelyBooks-Leser*innen mit dem Tag "militärdiktatur" gekennzeichnet haben.

20 Bücher

  1. Cover des Buches Makarionissi oder Die Insel der Seligen (ISBN: 9783462049282)
    Vea Kaiser

    Makarionissi oder Die Insel der Seligen

    (110)
    Aktuelle Rezension von: Brigitteevans

    Ein Dorf im Gebirge, in dem eine Großmutter alles macht, damit sich in der Familie alles so entwickelt, wie sie es für gut befindet. (Natürlich ohne die anderen zu fragen, ob sie das auch so wollen).

    Doch so sehr sie sich bemüht, sie kann nicht mit allen Menschen machen, was sie will. Das Schicksal nimmt seinen Lauf und wir erfahren die Geschichte der Familie in 4 Generationen, die stark mit den politischen Verhältnissen zusammenhängt. Aber was hängt in Griechenland nicht mit Politik zusammen? 

    Über vieles musste ich schmunzeln, weil es mich an meine Zeit in Griechenland erinnert hat. Die Autorin spannt sprachgewandt die Fäden der Erzählung über Kontinente und Generationen, zeitweise in schnellem Tempo, um dann wieder Einzelheiten herauszuholen und genauer zu beschreiben. Vielleicht sind manche Figuren zu sehr auf ein Temperament festgelegt – auf der anderen Seite ist es gerade die Sturheit oder Fixiertheit von Menschen, die Dramen erst ermöglichen. 

    Eine Leseempfehlung für Leser_innen, die Griechenland und unterhaltsame, berührende Erzählungen mögen und einen kleinen Einblick in die Geschichte des Landes erhalten wollen.


  2. Cover des Buches Menschenwerk (ISBN: 9783746635187)
    Han Kang

    Menschenwerk

    (134)
    Aktuelle Rezension von: Primrose24

    „Menschenwerk“ von Han Kang beschäftigt sich mit dem Gwangju-Aufstands 1980 in Südkorea bei denen viele Menschen vor allem auch junge Studenten ermordet, inhaftiert und gefoltert wurden. Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven der Beteiligten erzählt, von Menschen, die gestorben sind und denjenigen die überlebt haben, aber die Narben dieses Vorfalls noch in sich tragen. 

    Der Schreibstil von Han Kang war für mich etwas gewöhnungsbedürftig, hat mich aber dennoch überzeugen können. Mir persönlich fehlten einige geschichtliche Hintergrundinformationen zu dem Buch, welche ich mir im Anschluss erlesen habe. Außerdem hatte ich ein paar Probleme mit den Namen der Protagonist*innen, da mir die koreanischen Namen nicht so vertraut sind. Vor allem Männer- und Frauennamen zu unterscheiden viel mir etwas schwer. Gelegentlich war es für mich schwierig den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Erzählern zu erkennen. Da ich das Hörbuch gehört habe, konnte ich bezüglich der verschiedenen Namen auch nicht mehr zurückblättern. Ich würde grundsätzlich eher das Buch empfehlen, wenn hier Jemand dieselben Schwierigkeiten mit Namen hat wie ich. Insgesamt besticht das Buch vor allem mit einer durchgehend bedrückenden Atmosphäre. Die gewalttätigen Passagen waren für mich nur schwer zu ertragen, auch wenn die Autorin diese in keiner Weise ausschmückt. Die Emotionen der Erzähler und Erzählerinnen sind auf jeder Seite spürbar. Ich halte es für sehr wichtig sich mit der Vergangenheit kritisch auseinanderzusetzen, damit sich im besten Fall Ereignisse wie dieses nicht wiederholen. 

  3. Cover des Buches Bericht eines Schiffbrüchigen (ISBN: 9783596510016)
    Gabriel García Márquez

    Bericht eines Schiffbrüchigen

    (32)
    Aktuelle Rezension von: Petroel

    Das Buch hat mich sehr gefesselt. 10 Tage ohne Wasser und Brot. 

    Auf der Fahrt von den USA nach Kolumbien gehen bei einem Sturm in der Karibik sieben Matrosen über Bord eines kolumbianischen Kriegsschiffs. Nur einem gelingt es, ein Rettungsfloß zu erreichen.

    Man war eigentlich mit im Floß und hat es fast hautnah erlebt. Da das Buch auch wenige Seiten hat, kann man es in einem Ritt durchlesen. Ich musste zum Schluss auch noch mal den Prolog lesen, da er mir am Anfang etwas unschlüssig war.

  4. Cover des Buches Der Tote von der Plaza Once (ISBN: 9783746627632)
    Ernesto Mallo

    Der Tote von der Plaza Once

    (11)
    Aktuelle Rezension von: Barbara62
    Comisario Lascano, "El Perro", setzt sich während der argentinischen Militärdiktatur couragiert für Gerechtigkeit ein. Als die Leiche eines verhassten jüdischen Geldverleihers gefunden wird, abgelegt zwischen zwei durch ein Erschießungskommando Hingerichtete, führt er trotz aller Warnungen hartnäckig seine Ermittlungen durch.

    Mallos erster Roman ist weit mehr als ein spannender Krimi. Er zeigt eindrucksvoll die düstere Stimmung in Argentinien Ende der 1970er-Jahre und die von Willkür und Brutalität geprägten gesellschaftlichen Verhältnisse. Dafür, und nicht für die eigentliche Krimihandlung, vergebe ich in erster Linie die 5 Sterne.
  5. Cover des Buches Nackt schwimmen (ISBN: 9783596195282)
  6. Cover des Buches Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum (ISBN: 9783875362930)
  7. Cover des Buches Zweimal Juni (ISBN: 9783518420782)
    Martín Kohan

    Zweimal Juni

    (5)
    Aktuelle Rezension von: HarryF
    Sammlung lose zusammenhängender Anekdoten, die mir keinen Lesespaß bereitet haben, auch wenn die Message die transportiert werden soll, eine durchaus wichtige und notwendige ist. Man kann das ganze aber auch unterhaltsamer verpacken.
  8. Cover des Buches Kerkerjahre: Als Geiseln der uruguayischen Militärdiktatur (ISBN: 9783862414666)
  9. Cover des Buches 1919 - Historische Romane (Die Jahre des Schicksals 1) (ISBN: B07K36MZQ3)
  10. Cover des Buches Stadt der Verschwundenen (ISBN: 9783741300417)
    James Marrison

    Stadt der Verschwundenen

    (10)
    Aktuelle Rezension von: Anni84
    Klappentext:
    Würdest du jemanden retten, wenn du selbst dadurch in Gefahr gerätst? Buenos Aires 1981. Der junge Guillermo Downes eilt einer jungen Frau zu Hilfe, die auf der Flucht vor der Militärpolizei ist - vergeblich. Ihr ungewisses Schicksal lässt ihn nicht los, und gemeinsam mit ihrer Schwester Pilar sucht er fieberhaft nach der Verschwundenen. Ihre Nachforschungen führen sie in eine Stadt, die hinter der friedlichen Fassade voller Gewalt ist - und zu Menschen, die das nicht länger hinnehmen wollen. Doch die Militärjunta hat die beiden bereits im Visier, und es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

    Meine Meinung:
    Ich fand das Buch recht interessant. Es ist gut und Spannend  geschrieben und ließ sich dadurch schön Lesen. Das Ende habe ich so nicht erwartet aber auch das fand ich daher ganz gut.  Ich kann es daher nur weiter Empfehlen. :-)
  11. Cover des Buches Überlebt (ISBN: 9783037311486)
  12. Cover des Buches Das offene Geheimnis (ISBN: 9783903061170)
    Carlos Gamerro

    Das offene Geheimnis

    (4)
    Aktuelle Rezension von: aus-erlesen
    Pssst, nichts sagen. Feind hört mit! Argentinien während der Junta in den 70er Jahren. In Malihuel stört ein Mann ganz besonders den Frieden im Ort. Es ist die Zeit, in der Tausende von Menschen von einem Tag auf den anderen spurlos verschwinden. Dario Ezcurra wird einer von ihnen sein. Der Polizeichef hat Order den Unruhestifter entfernen zu lassen oder es selbst in die Hand zu nehmen. Und so geschieht es dann auch. Dario Ezcurra ist nicht länger Bewohner von Malihuel. 
    Der Journalist Fefe ist auch in Malihuel aufgewachsen. Schon lange war er nicht mehr hier. Nun, 20 Jahre später, kehrt er zurück in den Ort, wo er aufwuchs. Alle kennen ihn noch. Alte Geschichten werden wieder aufgewärmt. Bis, ja bis Fefe Fragen stellt. Unbequeme, peinliche Fragen. Fragen nach Dario Ezcurra. Wie war das damals? Wie verschwand Dario? Wer steckte dahinter? Und warum hat niemand nachgehakt? Auch nach der Diktatur?
    Carlos Gamerro webt ein Spennennetz aus Lügen, falsch verstandenem Gehorsam und Angst. Denn wer damals die Stimme erhob, konnte sicher davon ausgehen, dass diese auch gehört wird. Auch und vor allem von den falschen Personen. Nach dem Schrecken von Videlas Junta war aber noch lange nicht Schluss mit den Denunziationen. Jeder musste sich nun in der neuen Gesellschaft zurechtfinden. Manche mussten sich rechtfertigen. Viele mussten sich winden. 
    Bei seinen Recherchen wird Fefe fündig. Jeder hat auf die eine oder andere Art Schuld auf sich geladen. Wegschauen aus Angst ist noch verständlich. Doch muss es auch den Zeitpunkt geben und gegeben haben, in dem man die Faust erheben musste. Wann war dieser Zeitpunkt gekommen? Hat ihn überhaupt jemand bemerkt? Und wenn ja, warum ballten sich die Fäuste dann weiterhin in den Hosentaschen und reckten nicht gen Himmel?
    Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Ein System nur so mächtig wie sein schwächstes Mitglied. Es gab zu viele, die lieber wegschauten oder auch nur gering (bewusst oder unbewusst) Hilfestellung gaben. Jetzt müssen sie Farbe bekennen. Denn Fefe lässt nicht locker. Der gesamte Ort – wer genauer hinsieht, kennt den Ort bereits aus „Der Traum des Richters“ von Carlos Gamerro – steht unter neuerlicher Beobachtung. 

  13. Cover des Buches Abrechnung (ISBN: 9783257243031)
    Petros Markaris

    Abrechnung

    (13)
    Aktuelle Rezension von: lesezeitmitmama

    Griechenland im Jahre 2014. Der Staat liegt am Boden und die Drachme wird wieder eingeführt. Es gibt kaum noch Arbeit und Löhne werden nicht ausbezahlt. Jeder kämpft ums nackte Überleben. Auch die Familie Charitos. Währenddessen treibt sich ein Serienmörder herum, der es auf angesehene Persönlichkeiten abgesehen hat, die nach der Militärjunta eine steile Karriere hingelegt haben. Wer ist für ihren Tod verantwortlich und warum?

    „Abrechnung“ ist der achte Fall von Kommissar Kostas Charitos. Ein solider Kriminalroman, der allerdings nicht an „Nachtfalter“ (Band 2) und „Zahltag“ (Band 7) herankommt.

  14. Cover des Buches Nachtzug nach Lissabon (ISBN: 9783844926040)
    Pascal Mercier

    Nachtzug nach Lissabon

    (32)
    Aktuelle Rezension von: Waschbaerin
    Diese gekürzte Hörbuchfassung des Bestsellers von Pascal Mercier, "Nachtzug nach Lissabon" gehört für mich zu den besonderen Schätzen.

    Auf 2 CDs werden die markantesten Passagen dieses Buches in wunderbarer Weise von bekannten Schauspielern eindrucksvoll gesprochen. Peter Fricke war mir bisher eher als Mime von unsympatischen und zwielichtigen Figuren, besonders in Krimis, bekannt. Doch wie er hier seine Stimme einzusetzen vermag, dafür gebührt ihm besonderes Lob.

    Raimund Gregorius, ein etwas langweiliger und schrulliger Lehrer mit dicken Brillengläsern trifft am Morgen auf eine Portugiesin. Der Klang ihrer Sprache löst in diesem Moment etwas in ihm aus was ihn veranlasst, sein bisheriges Leben in Frage zu stellen. So wie er bisher lebte, das konnte nicht alles gewesen sein.

    In einer Buchhandlung sieht er durch Zufall ein Buch  von Amadeo de Prado, einem Künstler der Worte, die ihn in der Tiefe seiner Seele berühren.

    "Wenn es so ist, dass wir nur ein Teil von dem leben was in uns ist, was geschieht mit dem Rest?" Dies ist nur eine von vielen philosophischen Betrachtungen unseres Daseins. Auch Marc Aurel kommt zur Sprache, "vergeh dich nicht an dir selbst und tu dir Gewalt an meine Seele...... Ein Leben hast du nur. Es aber ist für dich fast abgelaufen und du hast getan, als ginge es dabei um die anderen Seelen...... "

    Mundus fährt mit dem Nachtzug nach Lissabon und lernt dort Menschen kennen, die mit Amadeo de Prado ein Stück auf dessen Lebensweg mit ihm gingen. Jeder beschreibt diesen außergewöhnlichen Menschen auf seine Weise und man könnte glauben, jeder kannte einen anderen Amadeo. Doch als Prado selbst zu Wort kommt stellt man fest, niemand hat ihn richtig gekannt, von seinen Selbstzweifeln gewusst. Alle sahen nur "ein Bild von einem Mann", ein außergewöhnlicher Menschen. Ja, dieser Amadeo war außergewöhnlich, aber in seiner ganz eigenen und tiefgründigen Art. Ein ewiger Zeifler seiner selbst. Vom Vater gedrängt Arzt zu werden, verbunden mit der Hoffnung, dass ihm jemand seine Schmerzen nehmen könnte. Von der Schwester vergöttert, nachdem er ihr das Leben rettete. Doch seine berührungslose Liebe galt einem einfachen Bauernmädchen aus der Mädchenschule, das er auch später noch immer dann aufsuchte, wenn er Sorgen hatte. Wer war Amadeo de Prado wirklich?

    Ich glaube, dieses Hörbuch habe ich schon 100 mal gehört und immer wieder ist es ein Hochgenuss für mich.
  15. Cover des Buches Die Unsichtbaren (ISBN: 9783746622354)
    Karel G. van Loon

    Die Unsichtbaren

    (7)
    Aktuelle Rezension von: PrinzessinAnne

    Worum geht es:

    Min Thein muss früh im Leben erfahren, dass das Leben eben nicht immer gerecht ist. Schon als Kind kommt er mit dem Tod, und der emotionalen Distanz seiner Eltern in Kontakt und lernt wohl oder übel damit umzugehen. Doch erschwerend zu diesem persönlichen Verlust, kommt der Ort hinzu in dem er aufwächst: Birma, die ehemalige englische Kolonie. Ein Land das vom Freiheitskrieg zerrüttet und von den politischen Strukturen geschwächt ist. Ein Land in dem Angst, Gewalt, Willkür und Zensur an der Tagesordnung sind. Ein Land, in dem die eigene Meinung vertuscht werden muss, um sich selbst keine Steine in den Weg zu legen.

    Dort wächst Min Thein auf, dort lernt er eine Frau kennen die ihn schwer beeindruckt und dort lernt er eine andere Frau kennen, die er heiraten wird. Er wird Anwalt, gerät in den Fokus der Obrigkeit und entschließt sich letztendlich zu fliehen. Auch auf die Gefahr hin, diese Flucht vielleicht nicht zu überleben.

     

    Meine Meinung:

    Leider werden Bücher wie dieses viel zu selten gelesen. Sie werden von den Massen von Thrillern, Jugendbüchern und Fantasyromanen in den Hintergrund gedrängt, obwohl ihr Inhalt ebenso vielseitig ist, wie der anderer Bücher aus dem Unterhaltungsgenre. 

    Über solche Themen wird einfach zu wenig gesprochen, und auch ich die ich mich viel mit Gesellschaftskritik und Weltgeschehen beschäftige, hätte auf Anhieb absolut nichts über die Zustände in Birma sagen können. Umso erschrockener war ich nach dem Lesen dieses Buches, wie die Geschichte dieses Landes so an mir vorbei gehen konnte. 

    Das Buch hat mich wirklich tief bewegt und das nicht nur wegen der etlichen wunderschönen Sätze und Lebensweisheiten, Anekdoten aus dem Buddhismus und der Toleranz die die Menschen in diesem Buch ausleben, sondern auch wegen dem "willkürlich ausgewählten" Einzelschicksal von diesem Mann, der mit seiner Geschichte das Leid eines ganzen Landes repräsentiert. Es sind die kleinen Dinge, die einen zum Nachdenken anregen. 

    Teilweise zieht es sich, wiederholt sich oder ließ mich mit den Gedanken abschweifen, weshalb ich dem Buch "nur" 4 Sterne gebe. Dennoch, ich empfehle das Buch jedem, der mal über seinen Tellerrand gucken möchte, denn das Leben das wir führen ist sowas von nicht selbstverständlich für Millionen von Menschen auf diesem Planeten.

  16. Cover des Buches Der Mäusetöter (ISBN: 9783462309676)
    Mario Adorf

    Der Mäusetöter

    (9)
    Aktuelle Rezension von: Holden

    Das Töten hat er wahrscheinlich von der deutschen Seite seiner Verwandtschaft... nein, Scherz beiseite, scusi, erfrischend uneitel schildert Adorf seinen bisherigen Werdegang v.a. anhand von Mißgeschicken und Peinlichkeiten, völlig unerwartet von einem der wichtigsten deutschen Schauspieler. Sehr amüsant und manchmal wirklich zum Schenkelklopfen, manchmal traut man sich kaum weiterzulesen, weil man weiß, wie es womöglich (böse) enden wird. Es beginnt mit ihm als unerwünschtem Kind, dessen Mutter von allen rumgeschickt wird, um die sich niemand kümmern möchte, über seine Kindheit in der NS-Zeit, über seine Studienanfänge bis zum Beginn seiner Schauspielerkarriere. Sehr locker geschrieben, eine echte Überraschung für mich. Mille grazie signore!

  17. Cover des Buches Der letzte Tag der Unschuld (ISBN: 9783734101724)
    Edney Silvestre

    Der letzte Tag der Unschuld

    (7)
    Aktuelle Rezension von: parden

    SCHMUTZIGE GEHEIMNISSE...

    Brasilien, 1961. An dem Tag, an dem Yuri Gagarin die Erde umrundet, ändert sich das Leben von Paulo und Eduardo für immer, als sie am Ufer eines kleinen Badesees die Leiche einer Frau entdecken. Für die Polizei ist der Fall schnell gelöst: Der Ehemann ist der Täter war das Opfer doch, wie jeder wusste, eine Ehebrecherin. Die beiden Jungen glauben aber nicht daran und fangen an, selbst zu ermitteln. Zu ihnen gesellt sich der alte Ubiratan, der einst von der Geheimpolizei gefoltert wurde und mehr über die Stadtbewohner weiß, als er zugibt. Es ist der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft und einer gefährlichen Suche. (Verlagsbeschreibung)

    Die beiden 12jährigen Jungen Eduardo und Paolo sind beste Freunde. Als sie im April 1961 am Badesee einige unterhaltsame Stunden verbringen wollen, stehen sie noch ganz unter dem Bann der Ereignisse der letzten Stunden: Yuri Gagarin hat als erster Mensch die Erde umrundet und dabei behauptet, diese sei von oben gesehen blau. Etwas, über das sich zu diskutieren lohnt - mal ganz abgesehen davon, dass 'Astronaut' bei den beiden Jungen jetzt auch auf ihrer Liste zukünftiger Berufswünsche steht. Doch vergeht den beiden das Diskutieren schnell, als sie unerwartet auf die brutal zugerichtete, halbnackte Leiche einer jungen Frau stoßen.

    Schockiert stellen sie fest, dass sie selbst zunächst als Verdächtige gelten, doch schließlich stellt sich der Eheman der Toten und gesteht den brutalen Mord. Eduardo und Paolo erscheint die Lösung des Falls recht oberflächlich und aufgrund bestimmter Umstände auch kaum vorstellbar, und so beschließen sie, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Dabei stoßen sie rasch auf einen umtriebigen alten Mann, der sich regelmäßig aus dem Altersheim schleicht, um ebenfalls in Erfahrung zu bringen, wer oder was hinter dem Mord an der jungen Frau steckt. Auch er scheint die Schuld des Ehemanns anzuzweifeln. Ubiratan hat schon einiges mitgemacht in seinem Leben - Folter beispielsweise, aufgrund seiner kommunistischen Gesinnung. Er wird nun eher unfreiwillig zu einem Verbündeten der Jungen - und versucht, sie vor Schlimmerem zu bewahren.

    Was anfangs ein wenig wie ein aufregendes Detektivspiel anmutet, wird nur zu bald schon zu bitterem Ernst. Die drei stochern zunächst recht planlos im riesigen Heuhaufen der Möglichkeiten herum, doch bald schon wird deutlich: dies ist kein Heuhaufen, sondern ein Wespennest! Hier versucht so mancher, seine schmutzigen Geheimnisse im Dunkeln zu belassen - koste es, was es wolle! Dabei verwebt der Autor Edney Silvestre den Fall geschickt mit den politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten der frühen 60er Jahre in Brasilien - am Vorabend der nächsten Militärdiktatur. Desillusionierend! Letzthin bin ich auf den altertümlichen Begriff "Sittengemälde" gestoßen, und genau das erwaret den Leser auch hier - wobei hier eher alles ins Unsittliche abdriftet, ins Brutale, Unmenschliche, Hoffnungslose. Wie ein Blick in den verwahrlosten und müllverdreckten Hinterhof eines heruntergekommenen und halbverfallenen Gebäudes, in dem die Ratten ebenso zu Hause sind wie die abgestumpften Bewohner.

    Die beiden Jungen agieren zunächst naiv und können die z.T. komplexen Zusammenhänge auch gar nicht erfassen. Hier braucht es den Alten, der trotz Folter und Repressalien sein oppositionelles Denken niemals aufgegeben hat. Ubiratan erkennt die Muster von Geld und Macht, von Erniedrigung und Unterdrückung, von Herrschaftsdünkel und der Ohnmacht der Armen (insbesondere der Frauen, insbesondere der schwarzen Frauen, insbesondere derjenigen, die niemanden haben, der sich für sie einsetzt, selbst als Kind nicht), von der Fälschung von Wahrheiten, vom Beugen des Gesetzes. Doch selbst Ubiratan reagiert schockiert, als er hinter das Ausmaß der Verflechtungen blickt, die Vergeblichkeit aller Anstrengungen erkennt.

    Ein düsterer Krimi ist das, melancholisch oft - mit dem Gegengewicht einer Freundschaft, die sich über alle Hindernisse bewährt, bis... 

    Ein gesellschaftskritischer Roman ist das, mit Hieben gegen die herrschende Klasse sowie gegen die katholische Kirche, mit einem wohlwollenden, wenn auch traurigen Blick auf die Entrechteten, mit einem gnadenlosen und unbarmherzigen Spot auf die diktatorisch und absolutistisch anmutenden Herrschaftsstrukturen - teilweise kaum erträglich. Der Fortschrittsglaube auf der einen Seite (Yuri Gagarin!) und die alten, verknöcherten Seilschaften auf der anderen. Ein Land im Spagat.

    Und dies ist auch eine Comig of Age Geschichte um zwei jugendliche Freunde, deren Kindheitsblase so unerwartet platzt, und die doch immer an ihrer Freundschaft festhalten. Das einzig Sichere in diesen Tagen im April, als alles sicher Geglaubte plötzlich zum Sumpf der Ungewissheiten wird. Gerade die Geschichte um die beiden Jungen konnte mich zuletzt wirklich berühren.

    Schlussendlich ist dies auch ein Roman, der ethisch-moralische Aspekte beleuchtet. Wegsehen und ducken, um nicht in den Fokus derjenigen zu geraten, die ihre Geheimnisse so unbedingt gewahrt wissen wollen? Oder den Mund aufmachen und unbequeme Wahrheiten aussprechen, wohl wissend, dass dies einen hohen Preis nach sich ziehen könnte? Zivilcourage oder Überlebensinstinkt? Und wie nebenher, ganz unbequem, wieder einmal die Frage, wie man selbst sich in einer derartigen Situation verhalten würde.

    Eine interessante, ungewöhnliche, düstere Mischung, die den Finger in die Wunden eines Landes legt, über das ich bis dahin nicht viel wusste. Aber eben auch ausreichend Allgemeingültiges, dass der Leser sich nicht selbstgefällig im Sessel zurücklehnen kann, sondern vergleicht und hinterfragt, bestenfalls sich selbst. 

    Lesenswert!


    © Parden

  18. Cover des Buches Der General findet keine Ruhe (ISBN: 9783596186662)
    Tomás Eloy Martínez

    Der General findet keine Ruhe

    (2)
    Aktuelle Rezension von: Beust

    Muss man die argentinische Geschichte kennen, um diesen Roman zu verstehen? Ja und nein.

    Ja – denn der General, der keine Ruhe findet, ist Juan Perón, Witwer der hierzulande womöglich bekannteren Evita Perón, und zweimaliger Präsident Argentiniens. Er wurde durch die politische turbulenten 1930er Jahre, das „berüchtigte Jahrzehnt“ (década infame) der Militärputsche, an die Macht gespült und ´gewann 1946 die Wahlen. Seine Politik war eine rechtsgerichtete Form der „Demokratur“ auf Basis der Arbeiterbewegung. Schon 1955 wurde Perón weggeputscht und überwintert achtzehn Jahre im spanischen Exil. Hier, in Madrid, beginnt auch der Roman.

    Nein – denn die Geschichte Peróns ist auch die universelle Geschichte eines von seiner historischen Bedeutung durchdrungenen Entmachteten. Oder die eines Mannes, der in großer Gegenwart um eine große Zukunft betrogen wurde, die er beide zurückhaben haben möchte. Perón ist hier mit dem „großen Gatsby“ vergleichbar: „Sie können die Vergangenheit nicht wiederholen.“ – „Nicht wiederholen?“, rief er ungläubig aus. „Wieso, natürlich kann ich!“ Perón hier wie Gatsby scheitern zu sehen, benötigt die argentinische Geschichte nicht. Das Spiel mit der Vergangenheit, der historischen, ja biographischen Wahrheit, die Bedeutung der Geschichte und der Geschichtsschreibung - diese literarischen Themen weisen über den historisch-faktischen Horizont.

    Inhalt

    Juan Peron kehrt 1973 nach achtzehnjährigem Exil zurück in die Heimat. Er soll und will wieder regieren, anknüpfen an seine große Zeit, als wäre nichts geschehen. Der Roman begleitet den General bei seinen Reisevorbereitungen und seinen Wanderungen in den Erinnerungen. Die Erzählstränge kreuzen sich hier: Perón macht sich auf zur Rückkehr – „Dieses Flugzeug fliegt in Gegenrichtung zur Zeit.“ (S. 19) –, und mit seiner Ankunft in Argentinien endet der Roman. Gleichzeitig führen die Erinnerungen zunächst ganz an Anfang und Vorgeschichte Peróns und tragen seinen Lebensweg und die Handlung des Romans durch die Jahre seiner Jugend, Kadettenzeit und Militärlaufbahn. Der Perón der Vergangenheit wird vorgestellt als einer, der die Zukunft plant, der Perón  der Romangegenwart plant seine Vergangenheit, indem er sie umschreibt. (S. 302)

    Der Roman zeichnet vor allem Peróns Selbstbild und seine egozentrische Erinnerungskonstruktion nach, ergänzt aber die Ereignisse durch Erzählstränge über Gefolgsleute und den Journalisten Zamora, der die wahre und wirkliche Geschichte hinter Perón aufzudecken beauftragt ist. Die von Zamora ausgegrabene Persönlichkeit Peróns weicht immer stärker von der selbstbeweihräuchernden Geschichtsverbiegung ab, mit der Perón seine Erinnerungen zur Heiligenlegende seiner selbst werden lässt. „Perón und Jesus Christus - ein einziges Herz“. (S. 240)

    Dass Perón in seiner Version der Vergangenheit lebt, wird auch im Motiv der im „Heiligtum“ aufgebahrten Evita verdeutlicht: Der Sarg der populären Betörerin der Massen dämmert unter dem Dach des Exils und wird von Perón wie ein Schrein besucht. Es treffen sich hier zwei Geister: jener der verstorbenen Evita und jener Geist Peróns, der sich von dem realen Menschen längst abgelöst hat. Hier blitzt auch kurz – selten genug – der magische Realismus der südamerikanischen Literatur auf. (S. 362 ff., 422) Peróns „Angst vor der Geschichte“ (S. 142) treibt ihn dazu, mit dem Versuch einer zweiten Präsidentschaft das Rad der Zeit zurückzudrehen, die „Irrtümer der Wirklichkeit“ (S. 78) wie etwa den Putsch 1955 gegen ihn ungeschehen zu machen. „Die Geschichte wird mit derjenigen Wahrheit vorlieb nehmen müssen, die ich erzähle“. (S. 71) Sehr geschickt erzählt Martinez, wie Perón für sich die eigene Geschichte aufbessert, indem er mit seinem sinisteren Privatsekretär das Manuskript seiner Memoiren durchgeht und buchstäblich korrigiert. Immer wieder kreist der Roman um die Konstruktion und Dekonstruktion von Geschichte, von Mythos, Erinnerung, Wahrnehmung; bisweilen auch zynisch: „Die Geschichte ist eine Hure. Sie geht immer mit dem, der am meisten zahlt.“ (S. 261) Oder wiederholt im Motiv der Fliegen, die sich zu Unzeiten überall ballen: 4.000 Augen der Fliegen sehen 4.000 Wirklichkeiten. (S. 300)

    Das Romanfinale – Peróns Rückkehr – gerät zum Fiasko: Die Menschenmassen, die seine Ankunft in Ezeiza zu Hunderttausenden erwarten, werden aufgestachelt, niedergeschossen, auseinander getrieben, denn zu unterschiedlich sind die Hoffnungen und Visionen, die seine Anhänger mit Perón und seiner Person verknüpft haben: Sie sind Gegner, sogar Feinde im Namen desselben Mannes. Peróns großer Irrtum ist, geglaubt zu haben, zurückzukehren und einfach weitermachen zu können. Der letzte Satz der Handlung aus dem Mund des Journalisten Zamora fasst alles zusammen: „Wir werden nie wieder so sein, wie wir waren.“ (S. 498)

    Cover

    Auf dem Cover prangt die Schwarzweißfotografie einer Ankleideszene mit Evita im Zentrum, der Giséle Freund eine Brosche ans weiße Kleid heftet, während vom rauchenden Peron gerade einmal die Generalsmanschetten und der Anschnitt des Gesichtes zu sehen sind. In Rosarot schwingt sich geschnörkelt der Titel in Schreibschrift darüber. Als hätte man eine Schmonzette in der Hand. Vollkommen unpassend.

    Fazit

    Martinez macht es seinem Leser nicht leicht, seinen sperrigen Roman zu mögen, auch wenn zu keiner Zeit außer Frage steht, dass er gut ist. „Der General findet keine Ruhe“ ist wie London im Herbst: eine tolle Stadt, in der man sich wegen des Wetters aber nicht so gern aufhält.

    3,5 Sterne.

  19. Cover des Buches Das Lied von Leben und Tod (ISBN: 9783423139243)
    Marcelo Figueras

    Das Lied von Leben und Tod

    (10)
    Aktuelle Rezension von: barbara_kenner

    Ich liebe dieses Buch, wie ich auch Marcelo Figueras als Schriftsteller ganz wunderbar finde. Die Sprachgewalt, die Mischung aus Realität und Magie, die Liebe zu absurden Figuren, ich habe das dicke Buch in einem Rutsch durchgelesen und seitdem immer wieder mal reingelesen. Die Verarbeitung von furchtbaren Geschehnissen während Argentiniens Militärdiktatur bildet den Hintergrund für eine Liebesgeschichte zwischen der schwer traumatisierten Pat und dem riesengroßen Teo, dessen Herz so groß ist wie seine Körpergröße. Miranda, Pats Kind ist ein besonderes Kind, kann Menschen anrühren und mit ihren kleinen Händen heilen. 

    Es geht um kleine witzige Situationen, wie z. b. warum Senora Pachelbel klar wird, dass ein Mann nicht genügen kann oder die Konkurrenz der Hippies und der Konservativen im Dorf, die aber auch tragische Züge hat. Es geht um die Bewältigung von Schuld, für mich ist eine Rede während einer Beerdigung in diesem Buch eine der stärksten Stellen, die mich immer wieder darüber nachdenken lässt, wie aus furchtbarem Liebe und neue Kraft erwachsen kann.

    Insgesamt kann ich nur sagen - LESEN!!!!

  20. Cover des Buches Wörterbuch (ISBN: 9783328103905)
    Jenny Erpenbeck

    Wörterbuch

    (16)
    Aktuelle Rezension von: parden
    VERSTÖREND...

    Eine junge Frau erinnert sich an ihre wohlbehütete Kindheit in einem südamerikanischen Land und kommt einem dunklen Geheimnis auf die Spur: Die Eltern, die sich so fürsorglich um sie gekümmert haben, sind nicht ihre leiblichen Eltern. Sie sind Teil eines terroristischen Regimes, das auch ihre Eltern umgebracht hat …

    Vater. Mutter. Kind. So wächst das kleine Mädchen heran in einer kleinen Stadt, in einem Land, in dem immer die Sonne scheint. Haus. Die Familie lebt gemeinsam in einem großen Haus, eine Amme kommt, solange das Mädchen klein ist, eine Aufwartefrau hilft der Mutter. Ordnung. 'Ordnung muss sein', sagt der Vater, der als Polizeikommandant dafür sorgt. Klavier. Das Kind soll ein Instrument lernen, also geht es einmal in der Woche zum Unterricht, wo es immer nur die Lehrerin in einem bis auf das Klavier leeren Raum antrifft, niemanden sonst. Schule. Uniformierte Kinder, alle gleich, die Augen geradeaus auf die Fahnen gerichtet, allmorgendlich, hinter der Mauer ein geplatzter Reifen, der auch ein Schuss sein könnte.


    "Ich sehe einen Baum und sage Baum. Ich rieche Kuchen, den meine Mutter am Sonntag bäckt, und sage Kuchen. Ich höre einen Vogel im Garten zwitschern, und meine Mutter sagt: Ja, ein Vogel. Das waren vielleicht die einzigen Wörter, die heil waren, als ich sie lernte. Und auch die dann verkehrt, aus mir herausgerissen und andersherum wieder eingesetzt. Für mich standen die Worte fest, aber jetzt lass’ ich sie los, und wenn es nicht anders geht, schneide ich den einen oder anderen Fuß lieber mit ab."


    Was ist 'Wörterbuch' nun eigentlich? Kein Heilewelt-Roman, so viel kann ich verraten. Ehrlich gesagt habe ich solch ein Buch bislang noch nie gelesen. Eine bitterböse Parabel träfe es da vielleicht am ehesten. Verstörend ist es allerdings auch.

    Vage gehalten sind Orte und Namen, Südamerika ist gewiss, Argentinien zu Zeiten der Militärdikatatur wahrscheinlich - aber auch jede andere Diktatur kann sich hier wiederfinden - Parallelen zu Jenny Erpenbecks eigener Kindheit in der DDR sind wohl ebenfalls nicht zufällig. Die Personen erhalten schwache Konturen, eher Rollenzuschreibungen, lediglich einige Kinder bekommen hier einen Namen. Totalitäres Schreckensregime, ideologische Indoktrination, Verzerrung der Wirklichkeit. Und die Rolle der Sprache. Der Wörter. Die zunehmend nicht mehr das sind, was sie vorgeben zu sein.

    Doch auch wenn die Autorin eigentlich ein fatales Szenario beschreibt, liest sich das Ganze über weite Strecken hinweg völlig harmlos, was wohl aus dem unkommentierten Nebeneinander der  geschilderten Fakten einerseits und der naiv-kindlichen Perspektive der Ich-Erzählerin andererseits resultiert. Zwar wird größtenteils chronologisch erzählt, doch die ausschließliche Perspektive des erlebenden Kindes ist assoziativ und sprunghaft. Beiläufiges und Wesentliches vermischt sich so immer wieder. Ein Kind, ein anscheinend intaktes Wortregister, tatsächlich aber ein Nachschlagewerk der Lüge mit einer nur vordergründig harmlosen Begrifflichkeit. Um die (vermeintliche) Bedeutung von Wörtern sowie um die Macht der Sprache, die das erzählende Mädchen im Laufe seines Heranwachsens als Instrument der Beeinflussung erfährt, geht es hier.


    "Meine Eltern haben viel Platz. Bei mir ist das anders. Der Kopf, den ich bewohne, war schon immer von fremden Träumen möbliert, kommt mir vor. Da falle ich von Zeit zu Zeit hin oder laufe gegen irgendwas oder klemme mich ein. Vater und Mutter."


    Die Beschönigungen des Schrecklichen - nichtssagende Umschreibungen der Folter, vorgestanzte harmlose Floskeln für eine Hinrichtung, märchenhafte Erklärungen für das Verschwinden von Menschen: das Kind in der Erzählung erfährt zunehmend, dass es sich auf das Wort als solches nicht verlassen kann, setzt aber große Anstrengungen darein zu verdrängen, zu leugnen, damit die gelernte Wahrheit auch ihre Wahrheit bleibt. Aber es geht noch weiter, denn die ganze Lebenswelt des Mädchens gerät letztlich nicht nur ins Wanken, sondern stürzt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Es erfährt, dass es nicht das Kind der Menschen ist, die es Mama und Papa zu nennen gelernt hat. Der Mann, der eigentlich ihr Vater war, verschwand spurlos - und die Frau, die sie geboren hat, starb gleich nach der Geburt des Mädchens in den Händen der Militärs. Und doch bleibt das Mädchen seinen vermeintlichen Eltern weiter verbunden. Trotz der Wahrheit, die letztlich ans Tageslicht kommt.

    Durch Recherche habe ich erfahren, dass hinter dieser Parabel eine wahre Geschichte steckt, die sich zu Zeiten der Militärdiktatur in Argentinien zugetragen hat. Damals wurden alle Menschen mitgenommen, die potentielle Gegner waren, darunter auch schwangere Frauen. In vielen Fällen wurde dann gewartet, bis das Kind geboren war, danach wurde die Mutter umgebracht, während das Kind oft Polizeibeamten gegeben oder verkauft wurde. In einem dieser Fälle haben später die leiblichen Verwandten nach dem Kind der ermordeten Mutter gesucht und es schließlich gefunden. Dieses Kind hat sich dann letztlich aber für die damaligen Anhänger der Diktatur, ihre falschen Eltern entschieden - denn das war die Wahrheit, in der es aufgewachsen war.


    "...wenigstens kommt das, was ich esse, unten wieder heraus, nur das, was ich in die Augen hineintue, wo geht das hin, soll das alles in meinen Kopf hineinpassen, selbst wenn ich das stapeln würde wie unsere Aufwartefrau die Wäsche, zusammenfalten und übereinanderlegen, hätte das keinen Platz, glaube ich, deshalb sage ich, was ich sehe, denn dann macht das in meinem Kopf eine Kurve und geht durch den Mund wieder hinaus. Scheiße, sage ich, als ich später sehe, was aus dem Kuchen geworden ist.."


    Während ich die Gedankenwelt des Kindes wie im vorweg genannten Beispiel anfangs spannend und, ja, durchaus philosophisch fand, geriet der Schreibstil für mich dann aber zunehmend zu einem K(r)ampf. Sätze von bis zu einer Seite sind da keine Seltenheit, zahllose Wiederholungen, deren Sinn sich mir letztlich zwar erschloss, die für mich aber einfach nur anstrengend zu lesen waren. Das Spiel mit Wörtern um Worte und Sprache - Jenny Erpenbeck mag da zu einer gewissen Virtuosität gelangen, aber mich überforderte diese geballte Versprachlichung der Verharmlosung des Grauens. Die verschwimmende Grenze zwischen der Realität und der Fantasie des Kindes, die ständigen Umdeutungen, das gelegentliche Abgleiten ins Surreale - es tut mir leid: das war nichts für mich.

    Verstörend - der Titel meiner Rezension fasst gut zusammen, wie ich die Lektüre letztlich empfand. Trotz der Kürze der Parabel konnte ich immer nur kleine Häppchen lesen und musste das Buch dann erst einmal wieder zur Seite legen. Dass Jenny Erpenbeck auch anders kann, habe ich ja bei 'Gehen, ging, gegangen' gesehen. Hier jedoch kann ich nur wiederholen: das war nichts für mich...


    © Parden

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