Bücher mit dem Tag "nobelpreis"

Hier findest du alle Bücher, die LovelyBooks-Leser*innen mit dem Tag "nobelpreis" gekennzeichnet haben.

450 Bücher

  1. Cover des Buches Der Zauberberg (ISBN: 9783596904167)
    Thomas Mann

    Der Zauberberg

     (534)
    Aktuelle Rezension von: Eliza08

    Ein Klassiker der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts welcher mich restlose begeisterte. Der „große“ Thomas Mann hat bereits zu Lebzeiten viel Aufsehen und Anerkennung für sein Werk erlangt. Ich bin vor allem von der Grundidee dieses Romans sehr begeistert und habe mich deswegen entschlossen diesen hier kurz vorzustellen.

    Das Cover ist schlicht in beiger Farbe gestaltet. Erkennbar ist ein großes opulentes Gebäude, welches wohl den Berghof, Handlungsort des Romans, nachempfunden ist. Der Klappentext ist relativ kurzgehalten und dem Leser werden die wesentlichen Geheimnisse der Geschichte geschickt vorenthalten. In der Handlung geht es um Hans Castorp, welcher seinen in Langzeitkurz befindlichen Vetter Joachim Ziemßen besucht. Dieser befindet sich in einem Sanatorium namens „Berghof“ im Schweizer Kurort Davos. Ursprünglich plant Hans Castorp für drei Wochen seinem Vetter beim „Heilungsprozess“ beizustehen. Aufgrund von besonderen Umständen, sowie „gesundheitlichen“ Bedenken seitens der Heimleitung, verlängert Hans Castorp seinen Aufenthalt. Was ihn im Folgenden erwartet, verändert sein Leben und seine Sichtweise auf die Menschen.

    Der Hauptprotagonist Hans Castorp ist ein junger Ingenieur, welcher nach dem Tod seiner Eltern bei seinem Onkel aufgewachsen ist. Er ist in seiner Persönlichkeit noch etwas unsicher und sucht Halt bei seinem Vetter Joachim Ziemßen. Im Laufe des Romans entwickelt er ein gewisses Gespür für menschliche Handlungen, sowie seine Umwelt, welches ihn immer nachdenklicher werden lässt. Charakteristisch für sein Wesen und fast schon sinnbildlich für die damalige Zeit ist, das Obrigkeitsdenken in den „gehobenen Klassen“ der Gesellschaft. Den dort handelnden Ärzten wird bedingungslos Glauben „geschenkt“. Widerworte sind nahezu ausgeschlossen. Dies zeigt sich an so vielen verschiedenen Stellen in der Erzählung, obwohl Gegenargumente sehr wohl angebracht wären. Als bedeutsame wesentliche Nebenfiguren in der mit zahlreichen Charakteren gefütterten Erzählung sind neben dem Vetter Joachim Ziemßen, Lodovico Settembrini, Clawdia Chauchat eine junge russische Ehefrau eines hochrangigen Beamten, die Heimleiter des Berghofs Dr. Behrens und Dr. Krokowski, sowie der Jesuitenschüler Naphta zu erwähnen. Gerade die beiden selbsternannten „Mentoren“ Settembrini und Naphta haben wesentlich Einfluss auf Hans. Settembrini, Freimaurer und Liberalist lässt dabei seine Arroganz und Ignoranz gegenüber Andersdenkenden oder anderen Kulturen freien Lauf. Nahpta entwickelt sich zu seinem Gegenspieler, was im Laufe der Erzählung noch für dramatische Entwicklungen sorgen wird.

    Die Spannung der Erzählung speist sich aus dem fortlaufenden Aufenthalt Castorps und der Entwicklung der handelnden Personen. Der Aufbau der Handlung ist stringent und mit keinen Zeitsprüngen versehen. Der Roman spielt in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg und ist somit zeitlich sehr gut einordbar. Der Schreibstil des Autors ist monumental, gestochen poetisch und präzise detailliert mit dem Hang in das Philosophische Denken der damaligen Zeit. Gerade die philosophischen Aspekte einzelner Figuren geben dem Roman eine besondere Tiefe. Ein kleines Beispiel einer kurzen Denkpassage über den Sinn von Zeit. Auf Seite 474 heißt es: „Was ist die Zeit? Ein Geheimnis, wesenslos und allmächtig. Eine Bedingung der Erscheinungswelt, eine Bewegung, verkoppelt und vermengt dem Dasein der Körper im Raum und ihrer Bewegung. Wäre aber keine Zeit, wenn keine Bewegung wäre? Keine Bewegung, wenn keine Zeit?“.

    Allein die Schreibweise des Autors ist eine wahre Wonne, wenn diese auch in der heutigen Charteristik der modernen Erzählung zu verträumt und schwerfällig wirkt. Dieser Roman ist eine parodierte Gesellschaftskritik an dem System. Eine kleine Anzahl von privilegierten Persönlichkeiten lassen sich in einem Sanatorium zu „Tode pflegen“ und leben in ihrer eigenen kleinen „Lebensblase“.

    Rassismus und Vorurteile werden trotz des selbsternannten Bildungsbürgertums offenkundig und ohne Ressentiments ausgesprochen. Auch die Klassifizierung von Menschen mit Würde (Intelligenz) und weniger Würde (weniger intelligent deswegen kränklicher) findet ohne Kompromisse statt. Gerade unter dem Hinblick des bald ausbrechenden ersten Weltkrieges und seiner politischen Folgen für die Weiterentwicklung Europas hat der Autor die partielle singuläre und rassistische „Denkweise“ der gebildeten Gesellschaft sehr gut beschrieben. Die Ohnmacht gegenüber der medizinischen Obrigkeit setzt dem ganzen dann zusätzlich die Krone auf.

    Die Protagonisten sind so intelligent, als dass sie die Dummheit ihres Handelns als unzulänglich erkennbar scheinen lassen. Dies ist die süffisante Zusammenfassung der „Kurgäste“ als partielle Teilnehmer eines Systems, welches skrupellos Menschen aufgrund kapitalistischer Vorzüge ausbeuten möchte. Als Fazit kann zusammengefasst werden, dass dieser Klassiker der Weltliteratur gerade unter dem Aspekt der Freude an Sprache sowie ihrer punktuellen Gesellschaftskritik sehr zu empfehlen ist. Trotz der sehr detailreichen Tiefe ist es lohnend sich auf diese literarische Reise in die vermeintliche „Zauberwelt“ einzulassen.

  2. Cover des Buches Möge die Stunde kommen (ISBN: 9783453421677)
    Jeffrey Archer

    Möge die Stunde kommen

     (119)
    Aktuelle Rezension von: Calipso

    Eine unterhaltsame Familiensage geht weiter, mit Spannung und Intrigen. Am Ende ist auf das nächste Buch gespannt.

  3. Cover des Buches Im Café der verlorenen Jugend (ISBN: 9783423142748)
    Patrick Modiano

    Im Café der verlorenen Jugend

     (139)
    Aktuelle Rezension von: mariameerhaba

    Da war so ein Sticker drauf, Nobelpreis für Literatur 2014, und ich dachte mir, dass ich dem unmöglich trauen könne, denn bislang haben mich so ziemlich alle Sticker angelogen, sich lächerlich über mich gemacht, meine Intelligenz verspottet mit dem Kommentar, ich würde es nicht verstehen. Das hier macht nichts anderes.

    Das Buch ist dünn, da erwartet man nicht viel. Eine kurze Geschichte, ein Konflikt, ein Spannungsbogen, Gefühle, Leidenschaft, Höhepunkt und Ende. Das Buch hier hat von allem nichts. Es ist langweilig. Von der ersten Zeile bis zur letzten. Schon am Anfang hat es mich abgestoßen und irgendwo in der Mitte habe ich erst gemerkt, dass ich der Handlung nicht wirklich folge, sondern einfach nur lese in der Hoffnung, es hinter mich zu bringen. Es ist so blass, so monoton, so schlecht aufgebaut, dass nichts hängenbleibt.

    Ich versuche gerade, gewaltsam mich an die Handlung zu erinnern, aber schaffe es kaum. Das Buch ist mir völlig fremd und würde ich es erneut lesen, würde ich gar nicht merken, dass ich es gelesen habe. Wie kann man bloß so schlecht schreiben? Wie kann man bloß so ein Sticker mit gutem Gewissen auf so ein Buch kleben?

  4. Cover des Buches Der Alchimist (ISBN: 9783257261165)
    Paulo Coelho

    Der Alchimist

     (1.536)
    Aktuelle Rezension von: Karolina_B

    Zurecht ein Weltbestseller. Das Buch ist für Suchende, die ihren ganz persönlichen Lebensweg folgen möchten. Ich habe es schon öfters gelesen und liebe es immer noch. Tolle Lebenslektionen sind darin enthalten. Ich kann es jedem empfehlen. 

  5. Cover des Buches Madame Curie und die Kraft zu träumen (Ikonen ihrer Zeit 1) (ISBN: 9783548063867)
    Susanna Leonard

    Madame Curie und die Kraft zu träumen (Ikonen ihrer Zeit 1)

     (129)
    Aktuelle Rezension von: Katjuschka

    „Träume dir dein Leben schön, und mach aus diesen Träumen eine Realität.“

    Dieses Zitat von Marie Curie beschreibt ihr Leben, genau wie der Titel dieses Buches, nahezu perfekt.

    Zu Beginn der Handlung lebt die kleine Maria Skłodowska zusammen mit ihrer Familie im vom Russischen Zarenreich besetzten Teil Polens.

    Die Unterdrückung der Polen und die Beschneidung ihrer Rechte prägen Marie Curie ihr Leben lang. 

    Was sich aber nie unterdrücken lässt, das ist der Wunsch, nein der Hunger nach Wissen.

    Ihr Interesse an den Naturwissenschaften entdeckt Marie schon als kleines Kind - und lässt sie nie wieder los!

    In kurzen Zwischenkapiteln erzählt die 59jährige Marie rückblickend aus ihrem Leben und diese unterteilen das Buch in drei Abschnitte.

    Der erste Abschnitt behandelt die Kindheit der späteren Nobelpreisträgerin. Die enge Bindung der Familie, besonders der Schwestern zueinander.

    Im zweiten Teil geht es verstärkt um Maries Kampf um Bildung und die Möglichkeit studieren zu dürfen. Hier wird der brennende Ehrgeiz sich, trotz vieler Hindernisse, Wissen anzueignen immer deutlicher.

    Den dritten Teil, den ich als besonders spannend empfunden habe, legt den Fokus auf ihre Forschungen und auf ihre große Liebe, Ehemann Pierre Curie.


    Vieles ist über das berühmte Paar bekannt. Aber zumeist sind dies trockene Fakten.

    Die Autorin schafft es, den Menschen Marie hinter der Wissenschaftlerin Curie hervortreten zu lassen.

    Ihre Besessenheit ein neues Element im Periodensystem als erste zu entdecken, empfand ich manchmal als erschreckend, allerdings die tiefe Liebe zu Pierre als gleichfalls unglaublich stark und intensiv.

    Die beiden haben sich sehr geliebt, sich immer unterstützt und zu Höchstleistungen angetrieben. Ein echtes Power-Couple!

    Was mir beim lesen aber regelmäßig feuchte Hände bereitet hat, das waren die Beschreibungen der Forschung mit Uran und Pechblende oder den von den Curies entdeckten Elementen Radium und Polonium.

    Das Marie das "so schön leuchtende" Radium teilweise in einer einfachen Phiole in der Hosentasche mit sich trug, hat mich regelrecht gegruselt.

    Spätestens bei den Selbstversuchen möchte man ihnen zurufen "Lasst es sein, es tötet euch!" 

    Vieles könnte man aus diesem spannenden Buch über eine außergewöhnliche Frau hervorheben. Ihre Kraft, ihre Energie, ihr unerschütterlicher Wille ihren Lebenstraum zu erfüllen.

    Ich glaube Marie hat irgendwann gewusst, dass die Handhabung mit den radioaktiven Stoffen den Körper von ihr und Pierre irgendwann zerstören würde.

    Aber ich glaube auch, sie hat keinen Tag, keine Entscheidung bereut.

    Ein außergewöhnliches Buch über eine große Frau und eine große Wissenschaftlerin!

  6. Cover des Buches Atemschaukel (ISBN: 9783596512034)
    Herta Müller

    Atemschaukel

     (271)
    Aktuelle Rezension von: Arius

    Gibt es so etwas, wie eine kollektive Schuld? Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren viele dieser Meinung. So war es bereits ein Verbrechen deutschstämmig zu sein.

    Bei Kriegsende 1945 wurde von einem Großteil der Weltbevölkerung eine Anklage gegen das deutsche Volk erhoben. Der Vorwurf lautete, dass die Deutschen als Gesamtheit schuld an allen vor und während des Krieges geschehenen Verbrechen sei. Im Artikel 10 des Statutes für den Internationalen Militärgerichtshof vom 8. August 1945 wurde verfügt, dass Personen wegen der bloßen Zugehörigkeit zu einer der, auf Grund des Artikel 9 im gleichen Statut, für verbrecherisch erklärten Gemeinschaft der Prozess gemacht werden kann. Der verbrecherische Charakter des Angeklagten, galt dabei als bewiesen und wurde nicht in Frage gestellt. In diesem Fall musste nicht ein persönliches Verschulden einen Schuldspruch rechtfertigen, sondern die bloße Tatsache der bewiesenen Zugehörigkeit zu einer verbrecherischen Organisation oder Gemeinschaft.

    Das Tragische dabei war, dass der Begriff „verbrecherische Organisation“ praktisch auf ein ganzes Volk ausgedehnt wurde. Die Erkenntnis, dass im Dritten Reich Untaten in einem Ausmaß verübt worden waren, die undenkbar schienen, hatte zur Folge, dass ein ganzes Volk in den Anklagezustand versetzt wurde. Der Vorwurf an die Deutschen lautete: Das ist eure Schuld!

    Die Wut der Menschen nach Kriegsende war gewaltig. Dem deutschen Volk die kollektive Schuld an dem erlittenen Unrecht zu geben, war befreiend.

    Die deutschstämmigen Völker in den besetzten Gebieten sind nicht in der Lage, alle Schuld von sich zu weisen. So auch nicht in Rumänien. Trotz mehrerer Anläufe ist die wissenschaftliche und öffentliche Debatte über den SS-Einsatz und die Mitverantwortung rumäniendeutscher SS-Angehöriger an nationalsozialistischen Kriegsverbrechen bisher immer wieder versandet. Dabei bleibt der Dienst von über sechzigtausend Rumäniendeutschen in den Einheiten der Waffen-SS, den Totenkopfverbänden und den KZ-Wachmannschaften bis heute die moralisch problematischste Episode in der Geschichte der Rumäniendeutschen.

    Doch für die Verbrechen einzelner, das gesamte Volk der Rumäniendeutschen, eine Bevölkerungsgruppe von damals etwa 700.000 Personen, kollektiv zu bestrafen, war dasselbe Unrecht, wie es das Naziregime gehandhabt hat. Ein Unrecht wurde mit einem weiteren Unrecht vergolten. In der Folge wurden vom Januar 1945 bis Dezember 1949 zwischen siebzig- und achtzigtausend Rumäniendeutsche auf Grund ihrer ethnischen Zugehörigkeit zu Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt. 

    Die Nobelpreisträgerin Herta Müller, selbst Rumäniendeutsche hat sich des Stoffes angenommen. Herta Müller stützt sich auf Schilderungen ihrer Mutter, die ebenfalls verschleppt wurde und anderer Augenzeugen, vor allem aber auf die Lagererfahrung ihres Schriftstellerkollegen und Freundes Oskar Pastior. Ursprünglich war geplant gemeinsam mit Oskar Pastior ein Werk über diese Zeit zu verfassen. Doch dann starb Pastior 2006, und Herta Müller beschloss, den Roman allein zu schreiben. Nach dem Erscheinen des Romans 2009 erhielt Herta Müller den Literaturnobelpreis.

    „Atemschaukel“ ist ein Lager-Buch. Rumänien, dessen König unter dem Druck der Sowjets im August 1944 den faschistischen Diktator Jon Antonescu abgesetzt und dem bis dahin mit Rumänien verbündeten Deutschland den Krieg erklärt hatte, wurde Anfang 1945 von den Russen gezwungen, sämtliche rumänischen Deutschen zwischen siebzehn und fünfundvierzig Jahren, Männer wie Frauen, zur Zwangsarbeit in sowjetischen Internierungslagern auszuliefern. Brutale Reparationsleistungen in Menschenform zum Wiederaufbau in der kriegszerstörten Ukraine wurden von den Rumäniendeutschen gefordert. Diese politischen Hintergründe spielen in diesem Buch jedoch kaum eine Rolle. Vielmehr handelt es von den Herren des Lagers, den Russen, und deren Arbeitssklaven, zu denen auch der Ich-Erzähler dieses Buches gehört.

    Im Januar 1945 wird der siebzehnjährige Rumäniendeutsche Leo Auberg in ein sowjetisches Arbeitslager deportiert. Als Häftling und Zwangsarbeiter durchlebt er quälenden Hunger, Willkür und Entbehrungen. Allmählich passt er sich dem Lagerleben an. Als er fünf Jahre später entlassen wird, sind ihm die Welt und die alte Heimat fremd geworden. Kurz zusammengefasst, ist dies der Inhalt von Atemschaukel.

    Die Motive der Erzählung beziehen sich vor allem auf das übergeorderte Thema - dem Kampf ums Überleben. Eng damit verknüpft ist die Deportation und die Machtlosigkeit gegenüber einem ungnädigen Schicksal.

    Herta Müller verwendet eine sehr nüchterne Sprache. Dialektale Besonderheiten des Siebenbürger-sächsischen lassen die Erzählung authentischer wirken. Genauso wie das russische Vokabular des Lagerlebens. Der Protagonist, aus dessen Perspektive die Erzählung wiedergegeben wird, erfindet zusätzlich komplett neue Wörter, um seine Situation seinem Empfinden getreu so gut wie möglich darstellen zu können. 

    Oft werden detailliert Abläufe des Lagerlebens beschrieben. Aus dem Wenigen, das Leopold umgibt, schafft er wortreiche Beschreibungen. Beispielsweise personifiziert er den Hunger, einen einfachen Zustand, als Hungerengel, der die Hungernden auf Schritt und Tritt begleitet. 

    Das Fehlen von Frage- und Ausrufezeichen unterstreichet das Fehlen jeglicher Freude oder Euphorie. Es gibt keine emotionalen Höhenflüge, da es im Deportationslager auch kaum Grund dafür gibt. Die Menschen befinden sich in einer Zwangssituation, ihrer Heimat und Familie entrissen.

    Die kurzen und einfachen Sätze passen exakt zur Atmosphäre in einem Arbeitslager, wo der Betroffene bei der schweren Arbeit keine Zeit, keine Lust und keine Kraft hat, ausschweifend zu reden.

    Obwohl die Sätze kurz und einfach sind, wird dadurch dennoch mehr ausgedrückt. Dem Leser bleibt so mehr Raum, selbst das Gefühl des Ich-Erzählers und anderer Figuren zu spüren und über den Sinn nachzudenken.

    Herta Müller beschreibt das Unbeschreibliche in poetischen Worten. Die enorme Poetisierung der Ereignisse, zahlreiche Beschreibungen und Erklärungen der Kleidung, der verschiedenen Materialien, welche die Gefangenen auf der Baustelle benötigen, der Unterkünfte und auch dem Befinden der Internierten, führt dazu, dass das Werk kaum über Handlung verfügt. Zusätzlich erschwert wird das Ganze dadurch, dass die einzelnen Episoden nicht direkt zusammenhängen und es daher schwer fällt einen roten Faden zu erkennen. Es handelt sich um ein kleines Werk, gerade einmal 297 Seiten, auf denen kein Blatt vor den Mund genommen wird. Es wird nicht beim Morden zugeschaut, nur beim leisen Sterben. 

    „Atemschaukel“ ist eine absolut beeindruckende Erzählung, in der die Grenzerfahrungen seines Protagonisten in der Extremsituation eines Lageralltags in poetischer Sprache dargestellt wird. 

    Es ist ein Buch, das langsam gelesen werden muss. Eine Erzählung, die nicht gleich auf Anhieb verstanden wird. Ein Werk, das mehrmals gelesen werden muss. Eine Geschichte, getragen von dem einzigartigen Erzählton und der unverwechselbaren Stimme Herta Müllers, die uns nur so das eigentlich Unsagbare ertragen lassen. So herzlos und grausam der Inhalt, so schön die Sprache. Ein Buch über den menschlichen Überlebenswillen und darüber, wie reich das Leben selbst unter entsetzlichsten Umständen noch sein kann.

    Es ist gar keine Katze, sagte ich mir, nur die Verpelzung der graugestreiften Langeweile, die Geduld der Angst in einer schmalen Straße.“ (S. 280)

    Definitiv kein Buch für Zwischendurch, aber nach dem Lesen ein persönlicher Gewinn. Ein wichtiges Buch gegen das Vergessen und für die Kraft der Sprache.

  7. Cover des Buches Die Stadt der Blinden (ISBN: 9783442745296)
    José Saramago

    Die Stadt der Blinden

     (548)
    Aktuelle Rezension von: Fee04

    Ein Mann steht an einer Ampel. Von einer Sekunde auf die nächste, ohne erklärbaren Grund, erblindet er. Wie ihm ergeht es immer mehr Menschen in seiner Heimatstadt. Wie eine Seuche greift die Blindheit um sich. Die Regierenden wissen sich nicht anders zu helfen, als die Betroffenen in einer verlassenen Irrenanstalt einzuquartieren – unter der Bewachung von Soldaten, die auf jeden schießen, der fliehen will. Je mehr Blinde dort zusammengepfercht werden, desto schlimmer, desto unmenschlicher wird die Situation. Inmitten dieses grausamen Chaos befindet sich ein Augenarzt mit seiner Frau – die als Einzige noch sehen kann …


    Ein unglaublich erschreckendes  Buch; eine Epidemie schlimmer als jede bisher da gewesene Epidemie oder Pandemie. 


    Der ungewöhnliche Schreibstil ist anfangs schwer zu lesen, jedoch gewöhnt man sich schnell daran. Der fesselnde Roman ist flüssig und anspruchsvoll geschrieben. Der Autor hat mit diesem Werk ein sehr erschreckendes und düsteres Szenario dargestellt. 


    Außergewöhnlich ist in dem Buch, dass die Protagonisten nicht mit Namen genannt, dafür mit Eigenschaften beschrieben werden. 


    Sehr detailreich, emotional und erschreckend wird ausgeführt, wie es den Blinden in einer abgeriegelten Irrenanstalt ergeht! Die erblindeten Menschen werden komplett von der Außenwelt isoliert. Sie sind alleine, verängstigt und hilflos, angewiesen auf gestellte Nahrung durch die Sehenden. 

    Wie jedoch immer wieder die Gier und Macht selbst  in größter Not bei  einigen Menschen durchschlägt ist verabscheuungswürdig. In der Anstalt kommt es zu Übergriffen, Missbrauch und Erpressung. 

    Eine schier unbeschreibliche Epidemie in der Stadt lässt den Ausnahmezustand, das Chaos, die Verwüstung erahnen. Es wird ein authentisches Szenario beschrieben, in welchem die Welt nur noch aus Sodom und Gomorra bestehen würde. 


    Ein literarisches Meisterwerk, welches inhaltlich so außergewöhnlich und tiefgründig ist und in seiner -  teilweise philosophischen - Sprache begeistert. Sehr empfehlenswert!

  8. Cover des Buches Buddenbrooks (ISBN: 9783596521487)
    Thomas Mann

    Buddenbrooks

     (2.378)
    Aktuelle Rezension von: Julia250916

    Dies ist das bisher einzige Buch, welches ich nach der Hälfte abbrechen musste. Es hat sich so gezogen und hat mich leider nur gelangweilt. Es wird viel zu viel erklärt und ein immer wiederkehrender Wechsel von Dialekten. Leider hat es mir nicht gefallen...

  9. Cover des Buches Tschernobyl (ISBN: 9783492306256)
    Swetlana Alexijewitsch

    Tschernobyl

     (43)
    Aktuelle Rezension von: TheCoon

    Swetlana Alexijewitsch hat Überlebende interviewt, die die Tragödie in und um Tschernobyl hautnah miterlebt haben. Dabei handelt es sich um Rückkehrer, Geflohene und Helfer im Katastrophengebiet. Ihre Schicksale sind so unterschiedlich wie die Menschen dahinter aber allesamt gleich berührend und verstörend. Die Hintergründe, etwa wie es zu dem Reaktorunglück kam, werden hier nicht beleuchtet, sondern ausschließlich das Schicksal der Menschen.

    Es handelt sich hier definitiv um keine leichte Kost, weder was das Erzählte noch was den Schreibstil betrifft. Es ist unglaublich, was die Menschen dort ertragen musste und wie lange ihr Leid durch die Verstrahlung noch anhält.
    Die Texte stammen aus Interviews mit den betreffenden Personen und werden „Monolog über...“ genannt. Genauso lesen sie sich auch, als Monologe. Einige der Passagen waren dadurch sehr mühsam zu lesen, da die Sätze teilweise lose enden oder unzusammenhängend sind. Ich habe deswegen auch manchmal Abschnitte übersprungen, da ich nicht wusste worum es überhaupt geht.

    Trotzdem ist es ein sehr wichtiges Werk, das Menschen meiner und späterer Generationen (die also erst nach dem Unglück geboren wurden) näherbringt, was für ein Ausmaß die Katastrophe wirklich hatte und wie Menschen immer noch unter den Folgen leiden müssen.

  10. Cover des Buches Hundert Jahre Einsamkeit (ISBN: 9783462050219)
    Gabriel García Márquez

    Hundert Jahre Einsamkeit

     (544)
    Aktuelle Rezension von: mabo63

    Hundert Jahre Einsamkeit" ist die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang einer kolumbianischen Familie und des von ihr gegründeten Dorfes Macondo, eine Familiensaga über sieben Generationen. Die Bewohner von Macondo, die anfangs durch den Regenwald von der Umwelt isoliert sind, nur durch vagabundierende Zigeuner von technischen Errungenschaften erfahren und ohne Kirche, staatliche Verwaltung und Wirtschaftsbeziehungen auskommen, erleben schließlich, wie ihr Dorf durch eine Bahnlinie erschlossen wird. Amerikaner legen eine Bananenplantage an, und ein Europäer träumt von einem Flugplatz in Macondo. Auch von den Bürgerkriegen zwischen den Liberalen und den zentralistischen Konservativen wird das Dorf heimgesucht.

    Realistisches verschmilzt in diesem Roman mit Volksgeschichten, Mythen und grotesken Fantasievorstellungen. 

    Gabriel García Márquez verzichtet in "Hundert Jahre Einsamkeit" auf eine durchgängige Handlung und reiht stattdessen aktionsbetonte Episoden aneinander, die er ausgesprochen bildhaft schildert und ausschmückt. Neugierde wird dadurch kaum geweckt und Spannung entsteht auf diese Weise auch nicht. Spätestens nach der Hälfte der knapp 500 Seiten hat man den Überblick verloren, zumal die meisten Nachfahren des Stammvaters der Familie Buendía José Arcadio oder Aureliano heißen. Allein während des Bürgerkriegs zeugt Oberst Aureliano Buendías 17 gleichnamige Söhne, und die Zwillinge Aureliano und Juan Arcadio sind vielleicht miteinander vertauscht worden.

  11. Cover des Buches Ein so junger Hund (ISBN: 9783351036096)
    Patrick Modiano

    Ein so junger Hund

     (36)
    Aktuelle Rezension von: alasca
    Die Dinge der Welt zärtlich umwehen
    (Klappentext) Paris im Frühling 1992: Der Erzähler stößt auf ein altes Foto, und seine Erinnerung setzt sich in Gang. Das Bild stammt von Francis Jansen, dem Fotografen mit der Rolleiflex, der bald darauf für immer verschwand. Das war 1964, es war Frühling in Paris, und der Erzähler ein so junger Hund.

    Aus der Begegnung, bei der Jansen den Erzähler fotografiert hat, entsteht eine nähere Bekanntschaft; der Erzähler ist fasziniert von Jansen und dessen Lebensstil. Jansen jedoch ist klar geworden, dass er mit seiner Arbeit Erinnerung nicht konservieren kann und entscheidet, sich bewusst dem Vergessen anheimzugeben. Der Erzähler wird Zeuge dieses Rückzugsprozesses, in dessen Verlauf Jansen auch alle Freundschaftsbande auflöst, und er versucht, dagegen anzukämpfen, „… weil ich mich weigerte, Personen und Dinge einfach verschwinden zu lassen.“ Er beginnt, Jansens Fotos zu katalogisieren, die dieser lose in drei Koffern aufbewahrt, doch eines Tages ist Jansen mitsamt seinen Koffern verschwunden. Der Fund eines einzelnen Fotos von damals in der erzählerischen Gegenwart von 1992 bewegt den Erzähler, der Vergangenheit nachzuspüren, indem er die damaligen Stätten der Begegnung aufsucht und die wenigen ehemaligen Freunde Jansens ausfindig zu machen sucht, was ihm nicht gelingt.

    Das Minimum an Handlung tritt zurück hinter die eigentlichen Themen des Romans. Die Welt des Erzählers, die Welt von Modiano, ist eine Welt ohne feste Grenzen in der Zeit. Verschwimmende Grenzen („Es ist leicht, auf die andere Seite zu gelangen.“) sind überhaupt das Thema des Romans; sei es die zwischen Traum und Wachheit, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Fiktion und Realität, Umgebung und Selbst („mit dem Dekor verschmelzen“) oder den Lebenden und den Toten. Auf seiner Suche gerät der Erzähler in einen Zustand von Unwirklichkeit, so dass er „noch einmal das Datum und die Schlagzeilen der Zeitung [las], die ich in der Hand hielt, um mich der äußeren Welt zu vergewissern.“ Ein weiteres Thema ist das Licht: Das Licht in den Straßen von Paris; das Licht „in dem wir in meiner Erinnerung spazieren gehen, …“; das natürliche Licht, das Jansen auf seinen Fotos einzufangen sucht und das so schwer zu fassen ist. Oft glaubt er zu träumen, oder Erinnerungsfetzen von Träumen drängen sich in sein Bewusstsein, und einmal widerfährt ihm im Traum die Erkenntnis, er selbst sei Francis Jansen, so dass sich in die Liste der Entgrenzungen auch die zwischen den Identitäten reiht, die in völlige Auflösung übergehen: „Es war zu Ende. Ich war nichts mehr.“

    Die Melancholie des Textes, der die wehmütige Empfindung eines Déja vu vermittelt, nimmt unweigerlich gefangen und versetzt in eine wie schwebende Stimmung. Dazu tragen auch die atmosphärischen Beschreibungen des Pariser Frühlings bei, den man mit dem Erzähler zu erleben meint. Wie sein deutscher Verleger Jo Lendle sagt, besteht Modianos Kunst darin, „die Dinge der Welt auf eine zärtliche Weise zu umwehen“.

    Modianos Text ist keiner, der zur Identifikation einlädt oder (zumindest mir) persönliche Aufschlüsse verschafft. Ich hätte mir mehr Substanz, Biss, ein Ziel gewünscht. Und doch ist er auf unverkennbare Art besonders.
  12. Cover des Buches Solar (ISBN: 9783257241747)
    Ian McEwan

    Solar

     (137)
    Aktuelle Rezension von: MaternaKuhn

    Nicht, dass ich ein Anhänger irgendwelcher Kategorisierungen wäre. Nein, im Gegenteil. Schon immer empfinde ich diese zwanghafte Penetranz der Verlage, jedem Buch einen Genre-Stempel aufzudrücken, eher als Ausdruck ihrer eigenen anachronistischen Rigidität. Aber bei Ian McEwans „Solar“ fragt man sich dann doch schon mal, was ist das eigentlich?

    Obwohl der Autor sich profunde Kenntnisse in Wind- und Solarenergie erworben hat und diese auch zielsicher und kompetent einfliessen lässt, ist es sicher kein Sachbuch. Es geht um ein (Liebes)Paar, eine Schwangerschaft und um fünf gescheiterte Ehen, aber es ist sicher kein Liebesroman. Es geht um einen Frauenheld mit einigen amourösen Eskapaden, aber ein erotischer Roman ist es auch nicht. Obwohl das Ableben eines Protagonisten durch stumpfe Gewalteinwirkung mit Todesfolge eine zentrale Rolle spielt, ist es sicher kein Kriminalroman. Ich verzichte auf weitere Analogien. 


    Eigentlich geht es in erster Linie um Michael Beard. Er ist die zentrale Romanfigur, um die sich die gesamte Handlung rankt und die McEwan mit erzählerischer Leichtigkeit und viel Humor aufbaut. Aber dennoch reisst der Autor diesem hochgelobten Physiker Beard als stereotypem Inbegriff eines karrieresüchtigen Akademikers - stellvertretend für alle (vor allem männliche) Vertreter seiner Gattung - die schnöde Maske der Ehrenhaftigkeit vom Gesicht. Einmal in seinem Leben hat er eine wissenschaftlich herausragende Leistung vollbracht und zehrt den Rest seines Lebens vom Beard-Einstein-Theorem. Weil das Nobelpreis-Komitee in Schweden sich nicht zwischen zwei anderen Kandidaten entscheiden konnte, wurde Beard der Preis sozusagen als Notlösung verliehen, was als unaufhaltsamer Karriere-Impuls für den Rest des Lebens genügte. Einladungen zu Kongressen aller Art waren garantiert, hoch dotierte Vorträge waren willkommen, die Zugehörigkeiten zu Expertengremien schier unüberschaubar. Wie so viele reale promovierte und habilitierte Akademiker nutzt die Romanfigur Beard das Prestige, um als evolutionäres Alpha-Tier in rascher Folge wahllose und flüchtige Bekanntschaften in seinem weiblichen Umfeld zu erobern, scheinbar als Zeichen seiner maskulinen Größe, aber de facto eigentlich zur immer wiederkehrenden Therapie seines schwachen Selbstwertgefühls. Und als sich die Chance ergibt, schmückt man sich skrupellos mit fremden Lorbeeren. Willkommen im Sumpf der Krokodile.

    Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass der Literaturwissenschaftler Ian McEwan dank seines universitären Lebenslaufs und ganz viel literarischem Talent nicht nur einen absolut lesenswerten Schreibstil hat, sondern - wie auch der Rezensent - mit den soziologischen Verhaltensweisen in akademischen Kreisen bestens vertraut ist.

    Somit ist „Solar“ am ehesten zeitgenössische Literatur mit einem ganz hervorragenden Stil und mit vielen gesellschaftlichen Einblicken, präsentiert am Prototyp Michel Beard, einem Wissenschaftler, Menschen und Mann. 

  13. Cover des Buches Secondhand-Zeit (ISBN: 9783518465721)
    Swetlana Alexijewitsch

    Secondhand-Zeit

     (24)
    Aktuelle Rezension von: Bibliomania
    Ich muss zugeben, dass ich in dieses Buch nur reingelesen habe, aber es zeigt ein ziemlich verrücktes und auch trauriges Bild, dass die Russen von ihrem eigenen Land haben. Es hilft wirklich das ehemalige Sowjetimperium, wie Swetlana Alexijewitsch es nennt, besser zu verstehen. So viel Leid und Schmerz musste die Bürger dieses Landes erfahren. Ein wirklich lohnendes Buch!
  14. Cover des Buches Die Pest (ISBN: 9783499006166)
    Albert Camus

    Die Pest

     (497)
    Aktuelle Rezension von: mabo63

    [..Ach wenn es doch ein Erdbeben wäre! Ein ordentlicher Stoss, und damit hat es sich.... Man zählt die Toten, die Lebenden, und dann ist die Sache erledigt. Aber diese Saukrankheit! Selbst die, die sie nicht haben, tragen sie im Herzen...]


    In der Hafenstadt Oran in Algerien sterben zuerst die Ratten auf den Strassen. Die Pest bricht aus, niemand will es zuerst wahrhaben.

  15. Cover des Buches Die Straße der Ölsardinen (ISBN: 9783423191357)
    John Steinbeck

    Die Straße der Ölsardinen

     (118)
    Aktuelle Rezension von: Arbutus

    Frühmorgens in Cannery Row - das ist die Stunde ihrer Verzauberung. Die Straße schwebt zeitlos in silbrigem Licht. [...] Wie stille Perlen glänzen die Wellblechdächer. [...] Katzen schlüpfen zwischen Lattenzäunen hindurch, gleiten wie Sirup am Boden und halten nach Fischköpfen Ausschau.

    Doc ist ein relativ erfolgreicher Kleinunternehmer, der in Cannery Row - der „Straße der Ölsardinen“ - mit Meerestieren aller Art handelt, und noch mit einer Menge mehr. Seine Ware holt er sich meist direkt aus dem Meer, oder lässt sich beim Fang von einer der armseligen, aber doch liebenswerten Gestalten aus seiner Nachbarschaft helfen. Um diese Nachbarschaft geht es John Steinbeck in seinem Roman:

    Huren, Hurensöhne, Kuppler, Stromer und Spieler, mit einem Wort: Menschen; man könnte mit gleichem Recht sagen: Heilige, Engel, Gläubige, Märtyrer - es kommt nur auf den Standpunkt an.

    Docs Standpunkt ist pragmatisch: er reagiert zurückhaltend, wenn Mack, der Kopf einer herumgammelnden Mafia-ähnlichen Clique, mal wieder bei ihm im „Western Biological“ auftaucht, weil man bei Mack nie wissen kann, aber Doc hat im Grunde genommen nichts gegen diese Leute. Das spüren die Menschen vom Rande der Gesellschaft, daher mögen sie Doc und versuchen, ihm alles erdenkliche Gute zu tun (was Doc nicht immer kapiert). Da man natürlich stets abgebrannt ist, heuert man dann auch schon mal als Froschfänger bei Doc an, um von dem verdienten Geld später für ihn eine Überraschungsparty zu schmeißen ...

    Doch, wirklich, so waren die Menschen in Cannery Row, und man glaubt es John Steinbeck, der diesen Roman 1945 zu Papier brachte. Tatsächlich schienen die Uhren damals noch ein bisschen anders zu ticken, und wir staunen über die naive Liebenswürdigkeit all dieser mehr oder weniger gescheiterten Existenzen. Die Beschreibungen der Bewohner von Cannery Row haben eine Leichtigkeit, die das Buch zu einer wunderbar entspannenden Lektüre macht.

    Und dann ist plötzlich alles so traurig. Es schlägt um. Das Komische ist immer wilder geworden, und ich dachte schon die ganze Zeit, halt, halt, moment, nicht so - wie in dem Räuber Hotzenplotz-Film, wo Kaspar durch die ganzen verbotenen Türen geht und ich (5-jährig) kurz den Kino-Saal verließ, weil ich es nicht aushielt...

    Irgendwie scheint Steinbeck es zu lieben, die Idyllen, die er gerade noch mit Hingabe geschaffen hat, im nächsten Augenblick zu entzaubern und bloßzustellen. Ich finde das brutal, und ich finde es schwierig, auf diese Weise eine besondere Beziehung zu den Charakteren aufzubauen. Traurig finde ich auch, dass die durchaus sympathischen schrägen Jungs immer in bester Absicht agieren, aber durch ihr Scheitern immer wieder beweisen, dass sie genau das sind, was alle in ihnen sehen.

    Aber dann - stehen mir plötzlich schon wieder die Lachtränen in den Augen. Dies ist ein extremes Buch, atmosphärisch dicht und intensiv - und so liebevoll beschrieben. Von der Bildhaftigkeit her ist es außergewöhnlich. Hier muss man auch einmal die Wortkunst des Übersetzers Rudolf Frank erwähnen, der‘s einfach kann.

    Etwas gestört hat mich, dass das weibliche Geschlecht vom Autor fast ausnahmslos auf nervige Ehefrauen oder ethisch korrekte Freudenmädchen reduziert wird. Davon abgesehen war John Steinbeck, dessen erster Roman dies für mich war, in jedem Fall die Entdeckung wert.


  16. Cover des Buches Früchte des Zorns (ISBN: 9783552051911)
    John Steinbeck

    Früchte des Zorns

     (155)
    Aktuelle Rezension von: Nickmeh

    Sehr harter Tobak, über eine Familie die fast alles verliert. Trotzdem hält sie zusammen und sieht in allem, auch etwas Lebenswertes. Eine wunderbare Kapitalismuskritik. Als das Neugeborne nicht überlebt hat, hat mir das mein Herz gebrochen! 

  17. Cover des Buches Der Tod in Venedig (ISBN: 9783596904075)
    Thomas Mann

    Der Tod in Venedig

     (450)
    Aktuelle Rezension von: Der_Buchklub

    Zur vollständigen Buchbesprechung geht es hier:

    https://www.podbean.com/media/share/pb-3wa9m-f72663

    Vorsicht, Spoiler!

  18. Cover des Buches Tanz der seligen Geister (ISBN: 9783596512195)
    Alice Munro

    Tanz der seligen Geister

     (45)
    Aktuelle Rezension von: parden
    VOM ERWACHSENWERDEN...

    Schon lange befindet sich dieser Band von 15 Erzählungen in meinem Regal - zufällig sogar das Debüt der kanadischen Schriftstellerin (Erstveröffentlichung 1968) -, und spätestens seit Alice Munro 2013 den Nobelpreis für Literatur erhielt, war ich neugierig auf dieses Buch. Doch erst jetzt nahm ich mir die Zeit für die Lektüre und kann schon so viel vorweg verraten: es wird für mich nicht das letzte Buch der 1931 geborenen Preisträgerin gewesen sein.

    Das verbindende Glied der 15 Erzählungen ist im weiteren Sinne der Abschied von der Kindheit, das Finden eines eigenen Weges. Angesiedelt sind die Geschichten etwa in den 40er und 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der kanadischen Provinz, und wie ich gelesen habe, beinhalten sie zahlreiche autobiografische Erlebnisse der Schriftstellerin. Dies lässt die meist zwischen 20 und 30 Seiten langen Erzählungen in einem besonderen Licht erscheinen.


    "Es gibt nichts, was du im Augenblick tun kannst, außer die Hände in die Taschen zu stecken und dir ein unvoreingenommenes Herz zu bewahren." (S. 55)


    Aber auch ohne dieses Wissen konnte mich Alice Munros Schreibstil beeindrucken: präzise, unsentimental und intensiv, dabei oftmals poetisch und melancholisch, zeitweise ironisch, immer aber durchzogen von einer tiefen Ernsthaftigkeit. Die Unausweichlichkeit der geschilderten Situationen wird dem Leser vor Augen geführt, nur gelegentlich begleitet von einem leisen Bedauern, stets aber mit der immensen Bedeutung des Geschilderten für das Schicksal der jeweiligen Hauptperson im Fokus. In wenigen Sätzen skizziert Munro den oftmals eher tristen Ort, die Situation, das Geschehen und schafft so ein scharfes Bild, das ein Wegschauen unmöglich macht.


    "Wie die Kinder im Märchen, die gesehen haben, dass ihre Eltern mit furchterregenden Fremden einen Pakt schlossen, die entdeckt haben, dass unsere Ängste auf nichts als der Wahrheit beruhen, die aber nach wundersamer Rettung aus Gefahr heil nach Hause kehren, artig und wohlerzogen zu Messer und Gabel greifen und vergnügt bis an ihr seliges Ende leben - wie sie, von den Geheimnissen benommen und mit Macht begabt, sagte ich nie auch nur ein Wort." (S.79)


    Die einzelnen Geschichten hier vorzustellen, würde m.E. den Rahmen sprengen, und so schließe ich die Rezension mit der Erwähnung meines anfänglichen Erstaunens und der mit dem Lesen wachsenden Erkenntnis, dass auch und gerade das Schreiben von Kurzgeschichten eine Kunst ist - eine so hohe, dass Alice Munro, die 13 Erzählbände und nur einen einzigen Roman geschrieben hat, den Nobelpreis für Literatur in meinen Augen zu Recht gewonnen hat. Eben als "Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte". Chapeau.

    Für mich mit Sicherheit nicht das letzte Buch dieser Schriftstellerin!


    © Parden

  19. Cover des Buches Selma Lagerlöf - Die Liebe und der Traum vom Fliegen (ISBN: 9783878001355)
    Maria Regina Kaiser

    Selma Lagerlöf - Die Liebe und der Traum vom Fliegen

     (25)
    Aktuelle Rezension von: yaraa-fransam

    ...denn Selma Lagerlöf war auch eine Frau, die sich für andere Menschen sehr einsetzte, eng mit ihren nordischen Wurzeln verbunden war und das Leben liebte. 

    Ein Blick auf das wunderschöne Cover schafft bereits Interesse, einmal genauer hinzusehen. Beim Durchblättern fällt sofort auf, mit wie viel Liebe zum Detail hier gearbeitet wurde. Im Anhang finden sich zahlreiche Bilder, die Selma Lagerlöf in verschiedenen Phasen ihres Lebens zeigen. Dazu kommen ausführliche Angaben zu Personen, Orten und Zeiten. Damit schließt sich der Kreis zu den einzelnen Kapiteln, die einen bemerkenswerten Eindruck ermöglichen. 


    Die ersten Jahre waren nicht leicht, denn nach einer Lähmung und einer Spontanheilung bleibt ein Hüftleiden zurück. Doch schon früh begeistert sich Selma Lagerlöf für Literatur. Sie liest Romane und schreibt Gedichte. Später kommen sogar Theaterstücke hinzu. Ihr Betätigungsfeld ist und bleibt auch während ihres gesamten Lebens vielfältig.

    Prägend war ihre jahrelange Freundschaft zu Sophie Elkan. Mit ihr durchlebte sie die Höhen und Tiefen des Lebens. as Band der Verbundenheit reichte bis zu Sophies Tod.

    Als freie Schriftstellerin veröffentlichte Selma Lagerlöf viele beeindruckende Werke. Sie erhielt sogar den Nobelpreis für Literatur. Gleichzeitig engagierte sie sich ihr Leben lang für Menschen in Not und die Rechte von Frauen.


    Die Romanbiografie gibt in Episoden das Leben der Schriftstellerin wieder. Es handelt sich um verschiedene Jahre, die Unterteilung der Kapitel zeichnet jedoch ein rundes, stimmiges Bild.








  20. Cover des Buches Schnee auf dem Kilimandscharo (ISBN: 9783499272868)
    Ernest Hemingway

    Schnee auf dem Kilimandscharo

     (97)
    Aktuelle Rezension von: Julia92

    Cover: In Blautönen gehalten, sieht nett aus. Aber wenn ich nicht auf der Suche nach diesem Buch gewesen wäre, wäre es mir wohl kaum aufgefallen.


    Klappentext: Ein alter Mann flüchtet vor der Einsamkeit in ein Café. In einem Kinderzimmer wartet ein kleiner Junge einen ganzen Tag lang auf den Tod. In einem Krankenhaus wird ein Radio zum Tor der Welt, und in der afrikanischen Steppe kämpft ein Mann gegen die Angst vor dem Löwen - und um seine Ehre.


    Meinung: Sehr gespannt begann ich, Hemingways Kurzgeschichten zu lesen. Die ersten waren ja noch ganz okay, wobei sie mich auch nicht vom Hocker gerissen hatten. "Väter und Söhne" hat mir am besten gefallen, diese Geschichte fand ich tatsächlich unterhaltsam. In den darauffolgenden tat ich mir schwer, mich auf die Erzählungen einzulassen, weil sie mir vom Thema und von der Schreibweise überhaupt nicht zusagten. Entweder ging es um den Krieg, ums Kämpfen oder Jagen. Stets waren körperlich starke, jedoch emotional schwache und überaus unsympathische Protagonisten im Vordergrund, die mit ihren (für meinen Geschmack) seltsamen Dialogen die Geschichte auch nicht gerade besser machten.

    Was mich noch sehr gestört hat, waren die wechselnden Zeitformen in "Fünfzigtausend". Der Autor sprang ständig vom Präsens ins Präteritum und umgekehrt. Auch das gehäufte Vorkommen des Wortes "sagt" war sehr auffällig. Wahrscheinlich beabsichtigt, aber nicht mein Fall. Hier ein Beispiel:

    "Jetzt wirst du schlafen, Jack", sagte ich.

    "Klar", sagt Jack. "Jetzt schlaf ich."

    "Gute Nacht, Jack", sagte ich.

    "Gute Nacht, Jerry", sagt Jack. "Du bist mein einziger Freund."

    "Oh, Mist", sagte ich.

    "Du bist mein einziger Freund", sagt Jack. "mein einziger Freund."

    "Schlaf jetzt", sagte ich.

    "Mach ich", sagt Jack.


    Spätestens nach dieser Geschichte wurde mir klar, dass dieses Buch mein letztes von Hemingway war. Es traf leider überhaupt nicht meinen Geschmack. Da ich aber eine Erzählung ganz gut fand, vergebe ich 2 von 5 Sternen.

  21. Cover des Buches Roman eines Schicksallosen (ISBN: 9783499253690)
    Imre Kertész

    Roman eines Schicksallosen

     (232)
    Aktuelle Rezension von: Jossele

    Der Roman des Nobelpreisträgers von 2002 erschien erstmals 1975 unter dem Originaltitel „Sorstalanság“, was mit Leid, Schmerz, Trauer übersetzt werden kann.  Er ist Teil einer Tetralogie der „Schicksallosigkeit“. Erzählt wird die Geschichte eines jüdischen Jungen, der in Budapest aufgewachsen ist und in den 1940-er Jahren in die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald gesteckt wird. Kertész ist als 14-jähriger nach Auschwitz und Buchenwald, Außenstelle Wille in Zeitz deportiert worden. Insofern kann man davon ausgehen, dass der Text autobiografisch motiviert und geprägt ist, zumal der Text aus der Sicht eines 14-jährigen, naiven und gutgläubigen Ich-Erzählers geschrieben ist.

    Das geradezu Unglaubliche an diesem Text ist, dass es der Autor fertigbringt, nicht aus einer empörten und moralisch anklagenden, sondern aus einer anpassungswilligen, gutgläubigen Perspektive zu erzählen, die jede Schikane, jedes Verbrechen noch ordentlich zu begründen versucht, nach einer logischen Erklärung dafür sucht. Es ist ein Roman über die grenzenlose Anpassungsfähigkeit des Menschen. Ich möchte diesmal zur Beschreibung weitestgehend die Worte des Autors benutzen. Sie sprechen für sich.

    „Von diesen war dann in der Ziegelei die Rede, nämlich dass sie mehr Einsehen hätten als die Gendarmen und auch ganz gern zu Menschlichkeit neigten, und zwar nach vorheriger Vereinbarung, sei es in Form von Geld oder sonst irgendeiner Wertsache.“ (Rowohlt Tb Großdruck, Januar 2004, S. 98)

    Den Zweck des Lagers in Auschwitz verdrängt der Jugendliche erfolgreich: „Die Langeweile, zusammen mit diesem merkwürdigen Warten: das, ungefähr dieser Eindruck, glaube ich, ja, mag in Wirklichkeit Auschwitz bedeuten – zumindest in meinen Augen.“ (ebd., S. 191)

    Erst allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Situation, die Lage, in der sich die Insassen befinden, etwas anstellt mit ihnen: „Ich hätte zum Beispiel nie gedacht, dass aus mir so schnell ein verschrumpelter Greis werden könnte. Zu Hause braucht das Zeit, mindestens fünfzig bis sechzig Jahre: hier hatten schon drei Monate genügt, bis mich mein eigener Körper im Stich ließ.“ (ebd., S. 261)

    Doch selbst im allerschlimmsten Leiden, wenn die Vernunft den Tod als Erlösung herbeidenkt, bleibt ein bisschen Lebenswille dem Menschen immanent: „Und alles Abwägen, alle Vernunft, alle Einsicht, alles Verstandesnüchternheit half da nichts – in mir war die verstohlene, sich ihrer Unsinnigkeit gewissermaßen selbst schämende und doch immer hartnäckiger werdende Stimme einer leisen Sehnsucht nicht zu überhören: ein bisschen möchte ich noch leben in diesem schönen Konzentrationslager.“ (ebd., S. 300)

    Im Krankenlager der Versuch, den Realitäten zu entfliehen: „Auf dem Rückweg sah ich flüchtig, wie aus der grauen Baracke jenseits unserer Drahthecke gerade so etwas wie ein größerer, gummibereifter Anhänger, wohl der eines Lastwagens, von ein paar Sträflingen herausgezogen, herausgeschleppt wurde, und in der vollen Ladung erblickte ich gelbe Gliedmaßen, die erfroren herausragten, verdorrte Körperteile: ich zog die Decke enger zusammen, um mich ja nicht irgendwie zu erkälten, und bemühte mich, so schnell wie möglich in mein warmes Zimmer zurückzuhumpeln, mir anstandshalber noch ein wenig die Füße zu putzen und dann schleunigst unter der Decke zu verschwinden, mich in mein Bett zu kuscheln.“ (ebd., S. 356)

    Als ein Bett für einen Neuankömmling im Lazarett gebraucht wird und an seiner Stelle ein anderer das Lazarett verlassen muss: „Aber ja nun, schließlich hatte sich alles nach den Regeln der Gerechtigkeit abgespielt – zumindest war das meine Meinung -, denn ich war ja vor dem Jungen dagewesen, und dann war er auch besser bei Kräften, und so bestand kein Zweifel, dass er da draußen mehr Chancen hatte; und außerdem fiel es mir offensichtlich leichter, mich in das Unglück eines anderen zu schicken als in das eigene: diesen Schluss zu ziehen, diese Lehre anzunehmen blieb mir, wie immer ich es sehen, abwägen, umkreisen mochte, nicht erspart.“ (ebd., S. 367)

    Wieder in Budapest, auf dem Weg zur Wohnung seiner Mutter, zieht Kertész eine Art Fazit: „Es wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch so werden, wie sie es wünscht; es gibt keine Absurdität, die man nicht ganz natürlich leben würde, und auf meinem Weg, das weiß ich schon jetzt, lauert wie eine unvermeidliche Falle das Glück auf mich. Denn sogar dort, bei den Schornsteinen, gab es in der Pause zwischen den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich war.“ (ebd., S. 413) 

    In meinen Augen ist das ohne Zweifel neben Rohinton Mistrys „ Das Gleichgewicht der Welt“ und Wassili Grossmans „Leben und Schicksal“ eines der beeindruckendsten Bücher, die ich jemals gelesen habe. Für die drei, also inklusive des hier rezensierten, würde ich gerne 6 Sterne vergeben. Daher: fette fünf Sterne.

  22. Cover des Buches Siddhartha (ISBN: 9783518463543)
    Hermann Hesse

    Siddhartha

     (898)
    Aktuelle Rezension von: Cadness

    Wir erleben die Geschichte Siddharthas, seine Suche zum Glück, seiner Selbst und zu der Erleuchtung. Eine Geschichte voller Höhen und Tiefen, voller Erkenntnisse. 'Siddhartha' zählt zu der Kategorie von Büchern, die man immer wieder lesen und dabei auch immer wieder neue Erkenntnisse sammeln kann. Ich freue mich schon auf die nächste Begegnung!

  23. Cover des Buches Hunger (ISBN: 9783548291093)
    Knut Hamsun

    Hunger

     (127)
    Aktuelle Rezension von: dunkelbuch

    Der handlungsarme Roman ist geprägt von assoziativen Beobachtungen und Gedanken des Ich-Erzählers. Ein anonymer, junger und gebildeter Mann. Er versucht dem Hungertod zu entkommen. Schafft es mehr schlecht, als recht, einzig durch gelegentlich veröffentlichte Artikel und Versetzen seiner gesamten Habseligkeiten. Der Hunger beherrscht bald sein gesamtes Denken. Im Hunger entwickelt er Wahnvorstellungen und eine gesteigerte Beobachtungsgabe. Die Not bringt ihn immer wieder in moralische Zwickmühlen. So versetzt er seine Weste um einem Mann zu helfen, den er selbst beinah nach Geld gefragt hätte. Er stürzt sich auf die Kuchen einer armen Kuchenfrau, der er vor mehreren Tagen Geld geschenkt hatte, da er die Schuld es ungerecht erhalten zu haben, nicht ertragen konnte. Er lehnt jede ihm angebotene Hilfe aus Stolz ab. Wäre die gesamte Situation nicht so tragisch, würde er in seiner unangemessenen Eitelkeit lächerlich wirken. 

    Es ist nicht immer angenehm oder leicht dieses Buch zu lesen, aber es ist ein wichtiges und aufschlussreiches Werk.

  24. Cover des Buches Die Jakobsbücher (ISBN: 9783311100140)
    Olga Tokarczuk

    Die Jakobsbücher

     (8)
    Aktuelle Rezension von: evaczyk

    Um es gleich mal vorwegzunehmen: "Die Jakobsbücher", Olga Tokarczuks kurz vor der Nobelpreisverleihung auf Deutsch erschienener Roman, ist kein Buch, dass man mal eben so nebenbei liest. Das liegt zum einem am Umfang - fast 1200 Seiten. Es liegt aber auch am Inhalt, der den Lesern Zeit, Konzentration und mitunter Geduld für viele Erzählstränge und Handlungsträger abverlangt.

    Wer sich darauf einlässt, wird belohnt. "Die Jakobsbücher" ist episch, ein gewaltiger historischer Roman voll mit Reflektionen über Nationen und Grenzen, über Religion und Mystik, über enge Welten und große Geister. Von Rohatyn in der heutigen Westukraine bis nach Offenbach führt dieser große Roman über Jakob Frank, der als "Luther der Juden" galt - für die einen ein Ketzer und Scharlatan, für die anderen ein Messias, ein Mann, der Religionen und Nationalität wechselte, der faszinierte und abstieß.

    Nur wenige Tage nach Bekanntgabe des Nobelpreises sagte Tokarczuk, am meisten sei sie durch die multikulturelle Tradition ihrer polnischen Heimat geprägt, berief sich auf Bruno Schulz, dessen Buch "Die Zimtläden" als eines der Meisterwerke der polnischen Literatur des frühen 20. Jahrhunnderts gilt. Schulz war Jude, doch im Unterschied etwa zu Isaak Bashevi Singer, seinem literarischen Zeitgenossen, schrieb er seine Bücher nicht in jiddischer, sondern in polnischer Sprache, begriff sich vor allem als polnischen Schriftsteller. Schulz stammte aus Drohobicz, einem ostpolnischen Städtchen im heutigen Dreiländereck von Polen, Weißrussland und der Ukraine.

    Damals war das alles Polen, jenes im Zweiten Weltkrieg untergegangene Polen der vielen ethnischen Minderheiten, der unterschiedlichen Sprachen und Religionen. In einer ähnlichen Region spielt auch ein großer Teil der Handlung von "Die Jakobsbücher". Rohatyn, wo die Erzählung ihren Anfang nimmt, liegt unweit von Lemberg - auf Polnisch Lwow, auf Ukrainisch Lviv. Im 18. Jahrhundert, in der Schlussphase der polnisch-litauischen Adelsrepublik, war dies gewissermaßen ein provinzieller Außenposten, fernab de großstädtischen Lebens in Warschau, Wilna oder Krakau. Es war die Welt der Stetl mit ihren überwiegend jüdischen Handwerkern und Händlern, den unfreien ruthenischen oder ukrainischen Bauern, der polnischen Magnaten und Angehörigen des Kleinadels, der Szlachta. Das osmanische Reich, gewissermaßen ein politisch-religiöser Gegenpol, war nicht weit.

    Olga Tokarczuk zeichnet diese Welt wie ein Monumentalgemälde, gewissermaßen auf der literarischen Großleinwand. Voller Wucht bereits die Beschreibung eines Markttags in Rohatyn auf den ersten Buchseiten, von strohbedeckten Katen, von Kirchen und Synagogen, vom Alltag und der Armut der kleinen Leute. "Je tiefer der Blick in die Seitengassen dringt, desto schärfer springt die Armut ins Auge, wie eine ungewaschene Zehe im löchrigen Stiefel", schreibt sie etwa. "An den Lumpen ist nicht zu erkennen, ob es jüdisches, orthodoxes oder katholisches Elend ist. Die Armut kennt weder Konfession noch Staatspapiere."

    Diese Welt im heutigen Südostpolen und der heutigen Westukraine ist auch die Region, in der der Chassidismus seinen Ursprung hatte, aber auch Mystiker. So eben auch Frank, der im Osmanischen Reich zum Islam, später in Polen mit seinen Anhängern zum Christentum konverierte. Für ihn waren Grenzen in Tokarczuks Buch fließend - ob es sich nun um Grenzen zwischen Staaten oder zwischen Religionen handelte. Wien und Warschau, Offenbach und Lemberg, Adels- und Bischofspaläste wie auch die Welt der Gassen und der Strohhütten sind die Handlungsorte der "Jakobsbücher" und auch wenn es um die Lebensgeschichte Jakob Franks geht, handelt es sich doch eigentlich um das Porträt einer ganzen Epoche.

    Eine Klammer in dieser monumentalen Erzählung, wenn es sie denn gibt, bilden die Geschichte und die Gedanken der alten Jenta, Franks Großmutter, die gewissermaßen zwischen Leben und Tod über dem Geschehen schwebt, beobachtet und denkt, fast wie eine der schwebenden Figuren eines Chagall-Gemäldes, bis hinein ins Zwanzigste Jahrhundert, wenn Jakob Frank längst nur noch Geschichte ist.

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Hol dir mehr von LovelyBooks