Bücher mit dem Tag "nobelpreisträger"
21 Bücher
- José Saramago
Die Stadt der Blinden
(563)Aktuelle Rezension von: Spoky313Die Stadt der Blinden bietet grundsätzlich ein sehr interessantes und ungewöhnliches Setting. Die Idee eines plötzlichen kollektiven Erblindens und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Umbrüche ist auf den ersten Blick sehr spannend und hat ein hohes erzählerisches Potenzial.
Im Verlauf des Buches hat mich jedoch insbesondere der extrem abrupte und drastische gesellschaftliche Wandel irritiert. Dass nahezu alle Menschen plötzlich blind werden und die Gesellschaft so schnell in sich zusammenfällt, wirkte für mich stellenweise schwer nachvollziehbar.
Auch das Verhalten der Frau, die als einzige weiterhin sehen kann, hat bei mir Fragen offen gelassen. Insbesondere war für mich nicht ganz nachvollziehbar, warum sie sich nicht deutlicher sichtbar gemacht oder ihre Fähigkeit konsequenter eingesetzt hat, um die anderen zu unterstützen.
Während des gesamten Lesens habe ich mich zudem immer wieder gefragt, welche Intention der Autor mit dieser Geschichte verfolgt und was genau man als Leser am Ende mitnehmen soll. Diese Frage hat sich für mich bis zum Schluss nicht wirklich zufriedenstellend beantwortet.
Erschwerend kam hinzu, dass der Schreibstil mit sehr langen, verschachtelten Sätzen arbeitet, was den Lesefluss teilweise deutlich verlangsamt hat. Eine klarere Struktur mit kürzeren Sätzen hätte das Verständnis für mich erleichtert.
Das Ende wirkt zudem sehr abrupt und hinterlässt eher ein Gefühl der Unvollständigkeit als eine in sich runde Auflösung.
Insgesamt bleibt für mich eine eher enttäuschende Leseerfahrung, weshalb ich 2 von 5 Sternen vergebe.
- Hermann Hesse
Unterm Rad
(847)Aktuelle Rezension von: FeatherstoneInhalt:
Sein Vater, seine Lehrer, der Pfarrer und überhaupt fast alle in seinem Heimatdorf sind sich einig, dass der junge Hans Giebenrath außergewöhnlich begabt ist und Großes von ihm zu erwarten ist. Mit viel Engagement, Durchhaltevermögen und Beharrlichkeit bereitet sich Hans auf das Landexamen vor, denn wer dieses besteht zählt zu den wenigen Privilegierten, die das Seminar in der Klosterschule in Maulbronn besuchen dürfen und vor denen eine glänze Zukunft liegt. Zunächst verläuft alles nach Plan, aber nach und nach beginnt Hans unfreiwillig von diesem streng vorgezeichneten Weg abzukommen und alles verändert sich für ihn schleichend und unaufhaltsam zum Schlechteren hin…
„Über Hans Giebenraths Begabung gab es keinen Zweifel. […] Damit war seine Zukunft bestimmt und festgelegt.“ (S. 9)
Meine Meinung:
Da ich „Siddhartha“ und vor allem „Narziss und Goldmund“ sehr gemocht habe („Demian“ war leider weniger mein Fall) wollte ich nun auch „Unterm Rad“ eine Chance geben.
„Unterm Rad“ ist ein sehr berührendes und nachdenklich stimmendes Buch, das einem in Erinnerung bleibt. Diese relativ kurze, geradlinig und unaufgeregt erzählte Geschichte besitzt dafür umso größere emotionale Wucht. Das Buch macht auf ein wichtiges Thema aufmerksam, das auch in der heutigen Zeit noch aktuell ist: Psychische Erkrankungen und die Schattenseiten der Leistungsgesellschaft. Es ist bemerkenswert, dass Hermann Hesse dieses Buch schon 1905 veröffentlicht hat, denn damals waren psychische Erkrankungen noch weit weniger im Bewusstsein der Öffentlichkeit und man hatte weniger Verständnis dafür als heutzutage.
Der Einstieg in die Geschichte fällt leicht. Man kann sich sehr gut in Hans hineinversetzen, weil Hermann Hesse bei der Schilderung von dessen Gefühlen und Gedanken viel Einfühlungsvermögen und ein hohes Maß an Sensibilität beweist. Hans ist ein gutmütiger, sensibler, zurückhaltender, höflicher, intelligenter und fleißiger Junge, den man schnell ins Herz schließt. Hans ist jemand, der es jedem recht machen möchte und der seine eigenen Bedürfnisse hintenanstellt. Er will die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen und übernimmt die Pläne, die die Erwachsenen mit ihm haben als seine eigenen und verinnerlicht sie. Hans nimmt es klaglos hin als sein Vater und seine Lehrer ihm immer mehr Lernstoff aufbürden. Schon bald hat Hans fast gar keine Freizeit mehr in der er seinen Hobbys nachgehen kann.
Bereits zu Beginn der Geschichte (als für Hans noch alles sehr gut läuft) bereiten einem gewisse Dinge ein wenig Unbehagen und man hat zuweilen ein ungutes Gefühl. Man hat nämlich den Eindruck, dass die Personen in Hans‘ Umfeld viel zu sehr auf seine Leistungen schauen und dazu neigen den Menschen dahinter vergessen. Hans scheint vorwiegend geschätzt zu werden, weil er „der Stolz der Stadt“ ist. Ihm wird dadurch der Eindruck vermittelt, dass man ihn nicht seiner Persönlichkeit wegen mag und beachtet, sondern aufgrund seiner herausragenden schulischen Leistungen. Nicht einmal Hans‘ Vater ist in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Außerdem wird von allen Seiten sehr großer Druck auf Hans ausgeübt und jeder will ihn zu Höchstleistungen antreiben. Erschwerend kommt hinzu, dass zugleich auch nicht auf Hans‘ Sorgen und Ängste eingegangen wird und diese sogar als unbedeutend abgetan werden:
„Du weißt, dass wir alle Hoffnungen auf dich setzen. Im Latein erwarte ich eine besondere Leistung von dir.“ – „Wenn ich aber durchfalle“, meinte Hans schüchtern. „Durchfallen?!“ Der Geistliche blieb ganz erschrocken stehen. „Durchfallen ist einfach unmöglich. Einfach unmöglich! Sind das Gedanken!“ (S. 15)
Als Hans in die Klosterschule kommt hofft man sehr, dass das Internatleben guttut. Tatsächlich findet Hans in dem eher unangepassten, leicht rebellischen und impulsiven Hermann auch endlich einen Freund. Obwohl die beiden charakterlich sehr unterschiedlich sind verstehen sie sich prächtig und werden schon bald unzertrennlich. Leider gibt es aber schon bald Probleme: Hermann fällt bei den Lehrern in Ungnade woraufhin diese es allen Schülern für unbestimmte Zeit untersagen mit Hermann auch nur zu sprechen. Hans sieht sich somit gezwungen seinem Freund den Rücken zu kehren. Gewissenskonflikte und Schuldgefühle sind damit natürlich vorprogrammiert. Wie die Lehrer hier einen Schüler zum Aussätzigen erklärt haben und ihn völlig von den anderen isoliert haben hat mich fassungslos und wütend gemacht. Es handelt sich immerhin um minderjährige Schüler, die weit von Zuhause entfernt leben und die daher vor Ort außer ihren Mitschülern keinerlei Bezugspersonen haben. Auch sonst sind die pädagogischen Methoden zur damaligen Zeit aus heutiger Sicht sehr erschreckend. So droht den Schülern beispielsweise bei regelwidrigem Verhalten der Karzer.
Es ist bedrückend und traurig mitanzusehen wie es Hans dann im Laufe der Geschichte zunehmend schlechter geht. Der große Druck unter dem er steht und die Angst vor dem Scheitern machen ihm immer mehr zu schaffen. Es plagen ihn Albträume, er hat ständig Kopfschmerzen und er fühlt sich gestresst, ruhelos, gehetzt, antriebslos und niedergeschlagen. Als Leser ist man aber leider die einzige Person, der das frühzeitig bzw. der das überhaupt auffällt. Niemand bemerkt wie sehr Hans im Stillen zu leiden beginnt:
Keiner […] sah hinter dem hilflosen Lächeln des schmalen Knabengesichts eine untergehende Seele leiden und im Ertrinken angstvoll und verzweifelnd um sich blicken. (S. 111)
Erst als sich Hans‘ schulische Leistungen verschlechtern fällt ihnen auf, das etwas nicht stimmt. Es werden dann jedoch nur halbherzige bzw. gar keine Versuche unternommen um die Situation für ihn zu verbessern und ihm aus seinem Elend herauszuhelfen. Stattdessen ist man schlicht enttäuscht von ihm, grenzt ihn aus und wendet sich von ihm ab, weil er es nicht länger wert ist, dass man ihm viel Aufmerksamkeit schenkt:
Er war kein Gefäß mehr, in das man allerlei hineinstopfen konnte, kein Acker für vielerlei Samen mehr; es lohnte sich nimmer, Zeit und Sorgfalt an ihn zu wenden. (S. 116)
Hans hat mir furchtbar leidgetan und ich habe mir große Sorgen um ihn gemacht. Man wünscht es sich in vielen Momenten richtiggehend ihm eine Hand auf die Schulter legen zu können, ihm Mut zuzusprechen und ihn zu trösten. Sein Scheitern ist für Hans eine große Enttäuschung und eine demütigende Erfahrung. Manche Leute verspotten ihn auch noch deswegen. Außerdem kehren ihm viele den Rücken, weil er für sie nun nicht länger interessant ist.
Diese Geschichte ist eine ohne Happy End und das macht sie umso eindrücklicher und bewegender. Diejenigen, die zu Hans‘ Unglück beigetragen haben haben leider rein gar nichts aus dem Geschehenen gelernt und hinterfragen ihr eigenes Verhalten Hans gegenüber in keiner Weise. Nicht einmal Hans‘ Vater ist da keine Ausnahme. Einzig der Schumacher Flaig (ein weitgehend unbeteiligter Beobachter der Geschehnisse) macht sich in dieser Hinsicht Gedanken. Man hat daher den Eindruck, dass sich eine Geschichte wie die von Hans jederzeit wiederholen könnte und das hat mich ziemlich niedergeschlagen und traurig zurückgelassen. Es gab keinen Hoffnungsschimmer.
Fazit:
Dieses Buch sollte man auf keinen Fall lesen, wenn man ohnehin schon etwas traurig ist. Es ist nämlich eine Geschichte, die sehr bedrückend, dramatisch und hoffnungslos ist. Man muss hilflos mitansehen wie Hans im Stillen leidet, ihm keiner hilft und schließlich alles sehr traurig endet. Es ist eine sehr berührende Geschichte über ein ernstes Thema, die einem nicht so schnell loslässt und die einem nachdenklich stimmt. Hermann Hesses Schreibstiel ist auch in diesem Buch wunderschön.
Ich hätte mir gewünscht, dass es am Ende zumindest einen kleinen Funken Hoffnung gibt und einige der handelnden Personen ihr Verhalten Hans gegenüber überdenken. Daher nur vergebe ich nur 4 statt 5 Bewertungssterne. Vielleicht ist es aber auch etwas unfair bloß deswegen einen Stern abzuziehen.
- Ernest Hemingway
Der alte Mann und das Meer
(1.078)Aktuelle Rezension von: Bigsale3In diesem äussert kurzen Buch handelt es sich von einem alten Mann, der ein Fischer ist, aber nie mit besonders grosser Menge an Fischen heimkehrt. Er lebt in einer bescheidenen kleinen Hütte am Rande des Meeres in einem Dorf und wird ab und zu von einem Jungen besucht, der ihm ziemlich ans Herz gewachsen ist. Dieser Junge hatte ihn früher oft beim Fischen begleitet, aber seine Eltern haben ihm verboten, mit dem alten Mann zu arbeiten, weil der Mann von Unglück verfolgt sei. Er finge nicht genügend Fische bei ihm, sagten sie. Und da sie in ärmlichen Verhältnissen leben, solle er sich einen anderen Fischer suchen, mit dem er auf die See fährt.
Also fährt der alte Mann selbst aufs Meer hinaus und tut alles so, wie immer.
Doch als plötzlich ein riesiger Fisch an seinem Angelhaken anbeisst, beginnt ein Kampf, der den Mann an seine Grenzen bringt.
Meine persönliche Meinung dazu:
Während ich das Buch gelesen habe, fand ich es nicht besonders spektakulär und habe mich immer wieder gefragt, wohin das wohl führen möge.
Doch als ich schliesslich am Ende angelangt war und es zugeklappt hatte, war ich überrascht.
Dieses Buch hat mich Nachdenken lassen, denn eigentlich ist es sehr tiefgründig und enthält eine Lehre.
Deswegen blicke ich mit positiver Rezension auf dieses Buch zurück, da es eigentlich genial geschrieben und durchdacht wurde.
- Gabriel García Márquez
Die Liebe in den Zeiten der Cholera
(503)Aktuelle Rezension von: Steve91Marquez weltberühmter Liebesroman wurde 1985 veröffentlicht und beschreibt die Jahrzehnte währende Liebesgeschichte zwischen Florentino Ariza und Fermina Daza auf einer nicht näher genannten karibischen Hafenstadt um 1900. Während sich Ariza schon als Jugendlicher unsterblich in Daza verliebt, angefangen bei Liebesbriefen bis hin dazu, dass er auch in Erwachsenenjahren versucht, so viel wie möglich in ihrer Nähe zu sein, so heiratet Daza im Verlauf den wohlhabenden Arzt Juvenal Urbino. Dennoch hört Ariza nicht auf, Daza zu lieben und als Urbino stirbt, steht er, auch wenn mittlerweile über 50 Jahre vergangen sind, wieder auf Dazas Matte. Das ist auch der Zeitpunkt, an dem der Roman einsetzt.
In Rückblenden wird dann die Liebesgeschichte in all ihren Facetten erzählt: von der Schwärmerei in den jungen Erwachsenenjahren über vor allem Arizas Affären über den "sicheren Hafen" der Ehe zwischen Daza und Urbino mit all den Konventionen und alltäglichen Herausforderungen bis hin zur Zuneigung von Daza und Ariza im Alter.
Garcias Erzählstil ist dabei blumig und poetisch, es finden sich zahlreiche Wendungen und allgemeine Betrachtungen zum Leben selbst und zur Liebe. Die Charakterisierung der Figuren ist dabei ausführlich und teilweise extrem ausschweifend. Dies trifft auch auf die Beschreibungen der Handlungen und der Orte zu.
Marquez Buch ist ein Meisterwerk, aber um es zu lesen braucht man Durchhaltevermögen. Teilweise war es mir zu langatmig und entsprechend schwer zu lesen. Dennoch, empfehlenswert!
- Herta Müller
Atemschaukel
(288)Aktuelle Rezension von: Tanja_WueDie Jahre, nachdem man deponiert wurde und jetzt im Arbeitslager schuftet. Genau diese Gefühl wird hier sehr überzeugende dargestellt. Manchmal ein bisschen abschweifen, manchmal genau treffend.
Ich fand das Buch wirklich gut. Auch wenn es ein schweres Thema war. Hatte nur das Gefühl, dass mich die Gefühle nicht ganz mitnehmen könnte.
Jedoch sehr empfehlenswert!
- Klaus-Peter Wolf
Ostfriesenfalle
(178)Aktuelle Rezension von: julestodoIch hatte einige Zeit mit dieser Serie pausiert und bin jetzt wieder eingestiegen. Das Buch ist so spannend, dass die nächsten Bücher schon parat liegen um gelesen zu werden.
Ann Kathrin und Frank haben so manche Nuss zu knacken, beruflich als auch privat. Frank muss einen richtigen Spagat hinlegen zwischen den verunglückten Töchtern und den daraus resultierenden Neuigkeiten, die er erst einmal verarbeiten muss und den beruflichen, die auch nicht ohne sind. Ganz im Gegenteil! Ein sehr verzwickter Fall liegt vor ihnen.
Ann Kathrin und Frank sind mir sehr sympathisch. Rupert dagegen..... nun ja, ich will keine bösen Worte hier verwenden! Mit dem kann ich mich so gar nicht anfreunden, der geht mir richtig gegen den Strich!
Eine spannende Lektüre wartet in diesem Buch auf den Leser, absolute Leseempfehlung!
- Kazuo Ishiguro
Der begrabene Riese
(90)Aktuelle Rezension von: Trishen77Raymond Queneau hat einmal angemerkt, dass jedes Buch letztlich eine Ilias oder eine Odyssee sei – die Geschichte eines Konflikts oder die Geschichte einer Reise. Man sollte solche Verallgemeinerungen natürlich nicht unhinterfragt übernehmen, sonst fängt man bald an, alle Realien so zu verdrehen, dass sie zu diesen Verallgemeinerungen passen; was auf einem Gebiet wie der Literatur meist auf Polemiken und vereinfachte Darstellungen hinauslaufen würde.
Trotzdem entsann ich mich dieses Ausspruchs von Queneau, als ich nach der Lektüre von „The buried giant“ darüber nachdachte, wie ich die Struktur des Buches veranschaulichen könnte. Denn letztlich hat Kazuo Ishiguro hier ein Buch geschrieben, das ganz und gar eine Odyssee ist. Nicht nur, weil eine Reise im Zentrum steht, sondern weil dahinter der Schatten einer Ilias lauert; einer Ilias, deren Auflösung erst in dieser Odyssee erzählt wird (was viele nicht wissen: das trojanische Pferd kommt in der Ilias nicht vor, sondern erst in einer in die Odyssee eingeflochtenen Rückschau). Auch in der Verquickung von phantastischen, metaphysischen, mythischen und realistischen Vorgängen und Ereignissen, gleichen sich die Odyssee und „The buried giant“.
Das Buch spielt in den Dark Ages der Britischen Insel, als mehrere Volksstämme nach dem Abzug der Römer und in Zeiten der Völkerwanderungen um die Vorherrschaft und die Siedlungsräume auf der Inseln konkurrierten. Bevor Angeln und Sachsen schließlich fast die ganze Region des heutigen „England“ eroberten, leisteten die ansässigen Britannier wohl eine Weile ernsthaft Widerstand – in diesem Konflikt liegen auch die Wurzeln der Sagengestalt König Artus, der in den frühsten Geschichten ein britannischer König ist, der den Angelsachsen die Stirn bietet.
Es gibt keine Chroniken und nur wenige gesicherte Fakten und Aufzeichnungen über diese Zeit, die dem groben Rahmen der Völkerkonflikte klarere Dimensionen verleihen könnten. Hier setzt Ishigruo mit seinem Mix aus Imagination, historischem Anstrich und Mythenkosmos an.Im Zentrum steht das Ehepaar Axl und Beatrice, Britannier, die aus ihrem Heimatdort aufbrechen, um ihren vor langer Zeit verlorenen Sohn zu besuchen. Oder zu finden. Haben sie überhaupt einen Sohn? Warum fällt es ihnen so schwer sich an einfachste Dinge zu erinnern? Was ist damals geschehen, in dieser Zeit, an die niemand sicher erinnern kann.
Von Anfang an liegt ein undurchdringlicher, unbehaglicher Nebel auf dem Geschehen und man ist als Leser*in fast versucht, verärgert zu sein über die Unklarheiten in den Gedanken der Protagonist*innen, ihre scheinbare Einfalt, ihre vagen Aussagen und Erinnerungen.
Mit der Zeit begreift man (oder: muss akzeptieren), dass das Ganze Methode hat. Es kann einen natürlich immer noch nerven, in dieser Hinsicht lässt sich nichts beschönigen: Ishiguros Roman verlangt von seinen Leser*innen, dass sie dranbleiben, dass sie sich in denselben Nebel und dieselbe Unklarheit wie seine Figuren hüllen, nur langsam vorankommen und den (fast immer ungemein höflichen) Gesprächen lauschen, um hier und dort einen Blick auf eine mögliche, vielleicht auch vermeintliche Erkenntnis zu erhaschen, Stück für Stück in die Hintergründe vordringend, die sich nicht mit einem mal, sondern mit vollendeter Behutsamkeit entfalten. Diese Behutsamkeit und ihre letztendliche Entfaltung erinnern am Ende an die unterschwellig elektrisierende Behutsamkeit der Geschichte von „Never let me go“, die sich ebenso langsam offenbart, allerdings weniger mühsam voranschreitet, weniger mühsam zu lesen ist.
Axl und Beatrices Reise führt sie mit einigen wenigen Gestalten zusammen, die meist dem festen Figurenensemble angehören, in dem sich alle Konflikte abspielen und das die Reise, mal getrennt, mal vereint, bestreitet. Gemeinsam und jeder für sich werden sie, scheinbar in Bestimmungen verwoben, immer wieder neu zueinander positioniert. In einer Welt, die voller übernatürlicher Gefahren ist, Menschenfresser, Kobolde und Drachen, deren essentiellste Bedrohung aber trotz allen mystischen Schrecken immer noch von der menschlichen Verworfenheit ausgeht.
Daniel Kehlmann hat in seiner Rezension in der FAZ darauf hingewiesen, dass Ishiguros Buch letztlich ein Roman über das Vergessen ist, für und wider abwägend. Ich behaupte (ohne Kehlmann, dessen Rezension ich für gelungen und kompakt halte und deren Eingangspassage ich nachdrücklich unterstreichen will, zu widersprechen), dass es ein Roman über sehr viel ist, Unzähliges. Gerade weil dieser Roman so langsam voranschreitet und so wenig Zeit und Raum auf offensichtliche Handlungen, Aussagen und Ansichten verwendet, dahinfließt in fast schon unverfänglich anmutenden, mitunter leicht willkürlich erscheinenden Episoden, gelingt es ihm, so viele Motive unterzubringen, die sonst nicht gleichberechtigt nebeneinander existieren könnten, weil sie nach einer Forcierung verlangen oder um Aufmerksamkeit und ihren Platz als Spannungselement konkurrieren würden.
Es geht um Katastrophen, es geht um das Alter, es geht um die Gewissheit der Liebe, es geht um Rache, es geht um das Elend, es geht um das Schicksal, um die Frage nach Gut und Böse, um neuerzählte/-gedeutete Mythen, um Gerechtigkeit und Willkür. Und immer mehr Worte will ich anreihen, belasse es aber bei diesen, die mir zuerst eingefallen sind. Und habe schon Angst, zu große Erwartungen zu wecken, die ja der Feind jeder unverstellten Lektüre sind.
Also: warum ist dieses Buch so lesenswert?
Die einfache und für manche (ganz gleich, ob sie es (an)gelesen haben oder noch nicht gelesen haben) wohl unbefriedigende Antwort ist: Weil es großartige, feinmaschige Literatur ist. Ich behaupte, dass es keine einzige überflüssige Szene, keinen einzigen überflüssigen Dialog gibt; ja, dass, sobald man eine Szene streichen wollen würde, erkennen würde, wie viel die karge Handlung, die jovialen und sich dann doch zuspitzenden Gespräche, über die Figuren und die Themen, um die alles kreist, aussagen – vor allem, wenn man sie im Zusammenhang betrachtet, als Teil des Kosmos, den das ganze Buch webt. Diese Bedeutungsebenen nimmt man zunächst nicht wahr, während man – auf einen deutlichen Fingerzeig, das Eintreten einer klar ausgerichteten Narration wartend – die Szenen an sich vorbeiziehen lässt. Aber im Nachhinein fällt einem auf, wie noch in der kleinsten Szene vieles nachhallt und aufblitzt, das Große und das Kleine, die Weltgeschicke und das Individuum betreffend.
Diese Erfahrung macht man nicht häufig, behaupte ich. Natürlich wird es deswegen nicht zum Buch für jede/n Leser*in. Wem also schön (und darin manchmal auch umständlich) arrangierte und sich nur langsam offenbarende Prosa eher nicht zusagt, der sollte vielleicht die Finger von diesem Buch lassen. Er bringt sich aber, dies auch als Warnung, letztlich um eine Erfahrung, die an der Oberfläche nicht immer bestechen mag, letztlich aber unverhältnismäßig tiefe Abdrücke in einem zurücklässt, ohne dass man sagen kann, wann sie Gelegenheit hatte, in diesen Winkeln der eigenen Seele herumzuwandern.
Liebesgeschichten, Geschichten von Krieg und Schuld, von Mythen und Monstern, sie sind oft episch, lodernd, heischend. Ishiguro gelingt mit „The buried giant“ das Kunststück, all dies zu vermeiden und trotzdem über jedes dieser Themen zu schreiben, leibhaftig, innig, und ihre Dimensionen anzudeuten, aufzurufen. Der anfängliche Vergleich mit Homers großer Dichtung mag vermessen sein und letztlich greift er auch im Detail nicht. Denn Ishiguros Roman ist vielleicht eine Saga, die ihre stärksten Momente aber nicht in großen Geschichten und Ereignissen bündelt, sondern in Gesten, Erwähnungen und Unwägbarkeiten aufbewahrt. Dort also, wo alles Menschliche und Zwischenmenschliche letztendlich sitzt und entspringt – auch wenn es oft von dort aufbricht, um Weltgeschichte zu schreiben, zu errichten und vernichten. Letztlich liegt es dort und nirgendwo anders.
- Knut Hamsun
Hunger
(161)Aktuelle Rezension von: AnnaLovesBooksIch wollte dieses Buch wirklich mögen. Eigentlich bringt Hunger alles mit, was ich normalerweise liebe. Ein kaputter Protagonist, psychischer Zerfall, verschwimmende Grenzen zwischen Realität und Wahn und dieses Gefühl, nie genau zu wissen, was gerade wirklich passiert und was nur in seinem Kopf entsteht. Und trotzdem hat mich dieses Buch komplett verloren.
Schon relativ früh hatte ich das Gefühl, dass Realität, Fantasie und Gedankengänge permanent ineinanderlaufen. Der namenlose Protagonist zieht hungrig und völlig rastlos durch Kristiania, schreibt, lügt, steigert sich in Dinge hinein und schwankt die ganze Zeit zwischen Größenwahn, Scham und Verzweiflung. Genau solche Figuren mag ich normalerweise sehr gerne. Aber hier war es mir irgendwann einfach zu viel.
Der Schreibstil war dabei eigentlich wirklich gut. Sehr trocken, nüchtern und distanziert. Man braucht gerade am Anfang einen Moment, um reinzukommen, vor allem in dieser älteren Sprache. Aber trotzdem merkt man total, warum dieses Buch so bedeutend geworden ist. Manche Szenen von Hunger, Scham und menschlicher Demütigung waren wirklich heftig und dafür, wann dieses Buch erschienen ist, auch ziemlich krass geschrieben.
Gleichzeitig war genau dieser distanzierte Stil aber auch mein größtes Problem. Ich konnte den Protagonisten beobachten, aber nie wirklich fühlen. Und irgendwann war es mir ehrlich gesagt fast egal, was mit ihm passiert. Das klingt hart, aber genau dadurch wurde das Buch für mich irgendwann eher anstrengend als emotional intensiv.
Die letzten hundert Seiten waren deshalb teilweise wirklich ein Kampf. Nicht mal unbedingt, weil das Buch schlecht ist, sondern weil mich dieses fiebrige, wirre und rastlose Erzählen irgendwann einfach nur noch erschöpft hat. Ich habe ganz oft gedacht: Hoffentlich ist es bald vorbei.
Trotzdem verstehe ich total, warum viele dieses Buch lieben. Gerade dieses Widersprüchliche und dieses permanente Schwanken zwischen Stolz, Selbsthass, Größenfantasien und völliger Erniedrigung fühlt sich teilweise erschreckend modern an.
Am meisten überrascht hat mich tatsächlich das Nachwort von Daniel Kehlmann. Das mochte ich fast am liebsten am ganzen Buch. Viele Gedanken, die ich während des Lesens hatte, wurden dort nochmal aufgegriffen und irgendwie verständlicher gemacht.
Am Ende bleibt für mich ein literarisch wichtiges Buch mit wirklich starken Momenten, das mich persönlich aber leider nie ganz erreicht hat.
- Marc Elsberg
GIER - Wie weit würdest du gehen?
(211)Aktuelle Rezension von: mattderDas Geld und die sucht danach treib den Menschen um. Wenn man wenig hat versucht man mehr zu haben. Aber auch Getriebe was an man anpflanzt und wen man mehr rauskriegen nicht teil sondern den gewimmten zu mehren oder für sich zu behaltet. Ist ok das Buch liest sich recht zügig durch. Ninja Buch halt.
- Swetlana Alexijewitsch
Tschernobyl
(43)Aktuelle Rezension von: TheCoonSwetlana Alexijewitsch hat Überlebende interviewt, die die Tragödie in und um Tschernobyl hautnah miterlebt haben. Dabei handelt es sich um Rückkehrer, Geflohene und Helfer im Katastrophengebiet. Ihre Schicksale sind so unterschiedlich wie die Menschen dahinter aber allesamt gleich berührend und verstörend. Die Hintergründe, etwa wie es zu dem Reaktorunglück kam, werden hier nicht beleuchtet, sondern ausschließlich das Schicksal der Menschen.
Es handelt sich hier definitiv um keine leichte Kost, weder was das Erzählte noch was den Schreibstil betrifft. Es ist unglaublich, was die Menschen dort ertragen musste und wie lange ihr Leid durch die Verstrahlung noch anhält.
Die Texte stammen aus Interviews mit den betreffenden Personen und werden „Monolog über...“ genannt. Genauso lesen sie sich auch, als Monologe. Einige der Passagen waren dadurch sehr mühsam zu lesen, da die Sätze teilweise lose enden oder unzusammenhängend sind. Ich habe deswegen auch manchmal Abschnitte übersprungen, da ich nicht wusste worum es überhaupt geht.Trotzdem ist es ein sehr wichtiges Werk, das Menschen meiner und späterer Generationen (die also erst nach dem Unglück geboren wurden) näherbringt, was für ein Ausmaß die Katastrophe wirklich hatte und wie Menschen immer noch unter den Folgen leiden müssen.
- Tilo Eckardt
Gefährliche Betrachtungen
(91)Aktuelle Rezension von: Ian_GudeEine vergnügliche und historisch gut recherchierte literarische Spielerei, die Thomas Mann als Hobby-Detektiv in der Idylle von Nidden (Litauen) auftreten lässt. Der Roman ist weniger ein klassischer Kriminalfall als vielmehr eine atmosphärische Hommage an Thomas Mann. Angesiedelt im Sommer 1930, verwebt Eckardt das Private mit dem Politischen: Während die Schatten der Diktatur länger werden, verliert sich der „Dichter im Bademantel“ in einem Geflecht aus Intrigen in der Künstlerkolonie Nidden.
Eckardts Stil besticht durch eine sanfte Ironie und die Liebe zum Detail. Das gemächliche Tempo mag Krimi-Puristen herausfordern, doch die dichte Atmosphäre und die lebendige Figurenzeichnung entschädigen für den Verzicht auf reißerische Effekte. Ein kluges, literarisches Vergnügen über die Macht des Wortes in unsicheren Zeiten.
- Volker Weidermann
Mann vom Meer
(25)Aktuelle Rezension von: Hubertus_FeldmannWas für eine großartige Idee sich dem Leben und Werk von Thomas Mann quasi monothematisch zu nähern. Und was für eine Freude, wenn man das Ergebnis sieht und sich mit neuem Blick dem Schaffen eines der größten (des größten?) Erzähler des vergangenen Jahrhunderts widmet. In keiner Sekunde kommt hier Langeweile auf. Das liegt im Wesentlichen daran, dass der Autor es versteht, Literaturfragmente aus dem Werk von Thomas Mann, so gekonnt mit dem Fließtext zu verbinden, dass damit ein Lebensgefühl entstehen kann, das den Leser, die Leserin davonzutragen vermag. Man wird Teil der Erzählung und wundert sich immer wieder, wie dieses Leben, von Leidenschaft und Zwängen jener Zeit gefesselt, doch in der Literatur von Thomas Mann die entscheidende Befreiung bringen kann.
Lesend wird man nicht nur Teil der Lebensgeschichte dieser Familie Mann, sondern auch Teil jener Zeit, die von so vielen Umbrüchen gekennzeichnet war und dessen literarische Verarbeitung seinesgleichen sucht. Man muss schon stark an sich arbeiten, um seinen Gefühlen beim Lesen irgendwie passend (was ist schon im Anblick dieser Geschichten passend?) Paroli zu bieten, ihnen so zu begegnen, dass man weiterhin auch den feinen Nuancen des Dargestellten nachspüren kann.
Das Meer als Sehnsuchtsort, als Heimat, als Möglichkeit, seinen inneren Befindlichkeiten Raum zu geben, den Zwängen des Tagtäglichen und der damaligen Zeit zumindest für gewisse Zeit zu entkommen, darüber nicht nur zu schreiben, sondern schreibend nach Lösungen zu suchen. Die Erzählung „handelt von diesem verführerischen Zauber. Sie handelt von der Liebe Thomas Manns zum Meer und wie er sie sich ein Leben lang bewahrte, aber auch davon, wie er in der Mitte seines Lebens einen Romanhelden erfand, der beinahe in den Tiefen des Schnees, in den Tiefen des Meeres verloren gegangen wäre [„Der Zauberberg“], […].“
Besser kann man diese Liebe nicht darstellen; dieses Buch ist ein Juwel der deutschsprachigen Literatur.
- Hagar Peeters
Malva
(15)Aktuelle Rezension von: balamEs ist kaum bekannt, dass der chilenische Dichter Pablo Neruda eine Tochter namens Malva hatte. In Hagar Peeters Roman geht es um Nerudas einziges Kind und die Frage, wie ein Vater sein Kind verleugnen kann. Für Fans von Nerudas Dichtung bietet die Geschichte einen unerwartet entglorifizierenden Blickwinkel auf die lateinamerikanische Dichterikone.;Kurz nach der Geburt seiner Tochter, die mit einem Wasserkopf auf die Welt kommt, verlässt Neruda Frau und Kind. Notgedrungen emigrieren beide in die Niederlande. Während des Zweiten Weltkriegs kommt die kranke Malva in Gouda bei einer Pflegefamilie unter, während ihre Mutter versucht das finanzielle Auskommen zu sichern.;Der Öffentlichkeit verschweigt Neruda seine erste Frau und vor allem sein behindertes Kind, um eine andere heiraten zu können. Er wird sie nie wiedersehen. Mit acht Jahren stirbt Malva (1934-1942). Erst über ein halbes Jahrhundert später wird ihr Grab 2004 in den Niederlanden entdeckt.
;In ihrem Debütroman mischt Hagar Peeters (*1972) auf originelle Weise Fakten mit Fiktion. Gleichzeitig ist das Buch ein poetisches Kunstwerk. Malva erzählt ihr Leben posthum der Autorin Hagar Peeters, die selbst Teil des Romans ist. Auch ihr Vater, ein internationaler Journalist und Soziologe, hat jahrelang keinen Kontakt zu ihr.;Wie kann es sein, dass die Dichterikone Neruda weltweit beachtete Liebesgedichte schrieb, sich für Benachteiligte einsetzte und gleichzeitig die eigene Tochter verstieß?;Die im Leben vom Vater verleugnete Malva ist im Tod eine Art allwissender Geist, der auf sich aufmerksam machen möchte. Sie hadert damit, dass ihr Vater sie nicht geliebt hat. Um loslassen zu können muss sie Abschied nehmen, und dazu ist ihr Geist noch nicht bereit. Aus dem Jenseits beobachtet Malva das Leben ihres Vaters. Sie versucht zu verstehen, warum ihr Vater sich nicht für sie interessiert. Malva bringt sogar Verständnis auf. Doch lässt sich Nerudas Haltung überhaupt moralisch rechtfertigen?;Peeters verweist auf weitere berühmte Väter, die wie Neruda persönliches Glück und künstlerischen Erfolg ihren Kindern vorzogen. Im Jenseitshimmel trifft Malva auf verwandte Geister mit ähnlichen Schicksalen. Die gesundheitlich benachteiligten und vernachlässigten Kindern der Literaten James Joyce und Arthur Miller stehen ihr zur Seite. Gauguins und Rousseaus Kinder, die zugunsten der Kunst von ihrem Vater verlassen wurden, sowie Einsteins schizophrener Sohn Eduard diskutieren im Himmel mit Malva. Auch die literarische Figur des Oskar Matzerath aus Günther Grass „Die Blechtrommel“ gehört mit zur Kindergruppe um Malva.;Neben den Kindern trösten und beraten sie literarische und philosophische Größen wie Sokrates, Goethe, Dahl und die polnische Dichterin Szymborska. Die traumhaft erscheinende Erzählung Peeters erinnert an surrealistische Techniken, die verdrängte Gefühle hervorholen sollen.;Ungebunden an literarische Gattungen experimentiert die Autorin mit Sprache. Mal erzählerisch und dann wieder lyrisch, erfrischend und melancholisch, wechselt sie spielerisch zwischen Fakten und Anekdoten. Ihre magische Vorstellungskraft erinnert sowohl an lateinamerikanische Literatur als auch an die europäischer Surrealisten.;Wer sich für Kunst und philosophische Fragestellungen interessiert und offen ist für einen wilden Genremix, der sollte unbedingt Peeters Kunstwerk lesen. Mit ihrem Debüt setzt sie Nerudas vergessener Tochter Malva ein würdiges Denkmal. Irgendwann werde ich nach Gouda fahren und Malvas Grab besuchen; - Patrick Modiano
Unsichtbare Tinte
(23)Aktuelle Rezension von: mabo63In 'Unsichtbare Tinte' sucht Jean Eyben, ein junger Mann und Ich-Erzähler in diesem Roman, für eine Detektei in Paris nach einer angeblich verschwunden Frau. Die spärlichen Hinweise führen aber des öftern in die Irre oder sie wiedersprechen sich und Jean Eyben längst nicht mehr tätig für die Agentur, wird über Jahre an an die Existenz dieser Frau erinnert und dennoch oder gerade desshalb macht er sich wiederholt auf die Spur nach Hinweisen, Fährten nach Ihr.
Der Literatur-Nobelpreisträger Patrick Modiano schreibt in diesem Roman derart reduziert dass es den Anschein macht dass er seinem eigenen Vergessen zum Opfer gefallen ist. Mit diesem Kalkül fordert er den Leser und zwingt ihn jedem kleinsten Anhaltspunkt nachzugehen, auch wenn es meist eine Sackgasse ist.
["Es gibt Lehrstellen in einem Leben, manchmal aber auch das, was man einen Refrain nennt. Während mehr oder weniger langen Zeitspannen hörst du ihn nicht, und man könnte schon glauben, du hättest diesen Refrain vergessen. Und dann, eines Tages, ist der plötzlich wieder da, wenn du allein bist und nichts ringsum dich ablenken kann. Er ist wieder da, gleich den Worten eines Kinderlieds, das immer noch seinen Zauber ausübt."]
- Jon Fosse
Morgen und Abend
(63)Aktuelle Rezension von: mariameerhabaMorgen und Abend ist ein Buch, das auf Punkte verzichtet, auf Absätze genauso und auch auf die lieben Gänsefüßchen, die einen Dialog zu einem Dialog machen. Stattdessen ist es eine wurstige Katastrophe, die seinen Lesern keine Pause gönnt und so oft das Wort "Ja" wiederholt, als wäre das Buch selbst ein riesiges Experiment gewesen. In meinen Augen ist dieses Experiment gescheitert.
Auch wenn der Stil so anders ist, das Buch auch irgendeinen Preis gewonnen hat, die Kritiker es lieben - für mich funktioniert das Buch nicht. Es fühlt sich viel mehr wie ein riesiger Facebookeintrag an, den der Autor mit endlosen Wiederholungen formuliert hat und der es nicht schafft, seine Figuren sympathisch zu machen. Im Durcheinander von Wörtern und fehlenden Satzzeichen bildet sich zwar eine Geschichte, aber er wird so uninteressant geschrieben, dass mir die Figuren schon nach wenigen Seiten egal wurden.
Es gibt keinen Spannungsbogen, so ein Buch ist es nicht, das verlange ich auch nicht, aber etwas davon hätte das Buch nicht zu sehr in die Alltagsnische gerückt, aus der es sich nicht befreien konnte.
Sobald ich mich durch das erste Kapitel gekämpft habe, macht das Buch einen gewaltigen Zeitsprung, der den Johannes (oder seinen Opa, das habe ich nicht herausfinden können, weil ich eingenickt bin) als alten Mann zeigt, der die Geschichte abbremst und das so hart, dass ich mich unmöglich dazu zwingen konnte, das Buch weiterzulesen zu lesen.
Ich glaube, dass man das Buch lesen und irgendetwas hineininterpretieren muss, aber ich habe nicht die Geduld, mich zu einer Interpretation durchzukämpfen. Nein, danke.
- Marc Elsberg
GIER - Wie weit würdest du gehen?
(13)Aktuelle Rezension von: TWDFanSTInhalt
Herbert Thompson soll bei einem wichtigen Kongress in Berlin eine Rede halten. Dort soll er über seine bahnbrechende Entdeckung berichten. Doch bevor es soweit kommt, sterben Thompson und sein Assistent bei einem Autounfall. Jan Wutte beobachtet das Geschehen..Dummerweise wird auch er bemerkt und wird dadurch zum Gejagten...
Bewertung
"Gier - Wie weit würdest du gehen" ist das vierte Hörbuch von Marc Elsberg, das ich gehört habe. Und es ist leider auch das Hörbuch, das mich am wenigsten fesseln konnte. Gelesen wird das Hörbuch von Dietmar Wunder, der nicht umsonst einer von Deutschlands besten Synchron- und Hörbuchsprechern ist. Das hilft in diesem Fall leider auch nicht viel. Die Story war mir persönlich zu wirtschaftlich, als dass ich gepackt worden wäre. Und auch mit Jan Wutte hatte ich so meine Probleme. Ich habe eindeutig länger gebraucht, bis ich das Hörbuch zu Ende gehört hatte und deshalb erhält Gier auch nur knappe 3 Sterne von mir.
- Ludger Abeln
Populäre Niedersachsen-Irrtümer
(2)Aktuelle Rezension von: HoldenL.A. liegt in Niedersachsen, und der bekannteste Bokeloher seit Otto Pankok klärt uns über alles Wichtige aus dem "schönsten BUndesland der Welt" (ffn) auf, eher Nachschlagewerk als so ruhig runterlesen. "Klootschießen" heißt bei uns "Klootschieben", und Boßeln machte man früher mit fast jeder Schulklasse. Eigentlich schon lang nicht mehr gemacht, und das Wetter ist auch entsprechend. Im Film "23" sagt übrigens jemand: "Moskau? Moskau ist ja noch schlimmer als Hannover!", worauf im Kino in Braunschweig angeblich lautstark gejubelt wurde. Und in Braunschweig sagt man zu Leuten, die was nicht raffen: "Ach geh doch nach Meppen!"
- Patrick Modiano
Eine Jugend
(28)Aktuelle Rezension von: renateliestgerneDie Kritiken sind durchweg gut und ein Nobelpreis sollte eine Empfehlung sein. Reicht nicht. Ich habe mich durch ca. ¼ des Buches gequält und war sowohl gelangweilt als auch abgestoßen. Das Ehepaar lässt sich in der Jugendzeit treiben, ohne Ziel und ohne ersichtliche Menschlichkeit und sieht die Zeit aus der Sicht einiger Jahre später ebenfalls völlig unkritisch. Nichts gelernt und nichts weiter zu geben.
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