Bücher mit dem Tag "noir"
40 Bücher
- Stephen King
Frühling, Sommer, Herbst und Tod
(357)Aktuelle Rezension von: Pegasus1989Ich habe diesem Buch 3 Sterne gegeben, weil mich nicht alle 4 Geschichten angesprochen haben. Schön fand ich, dass alle unterschiedlich lang waren und verschiedene Themen beinhalteten. Spannend und gruselig wird in diesem Buch aus verschiedenen Personensichten erzählt. Manche Geschichten sind eher harmloser, andere haben mir jedoch vor schaudern die Haare zu Berge stehen lassen und waren inhaltlich besser gestaltet. Ein schöner bunter Mix, bei dem für jeden etwas dabei sein dürfte, der King mag.
- Tom Hillenbrand
Drohnenland
(116)Aktuelle Rezension von: DoschoDer Tod des Parlamentariers Vittorio Pazzi ruft den Kommissar Aart Westerhuizen auf den Plan, der dadurch einen gewaltigen Skandal aufdeckt.
Beim Lesen von „Drohnenland“ fühlte ich mich, als würde ich eine Nachrichtensendung anschauen. Und das war das Grundproblem des Buches, auf dem alles Weitere aufbaut.
Ich müsste wohl lange zurückblicken um die Frage zu beantworten, wann ich zuletzt einen derart langweiligen und emotionslosen Krimi gelesen habe. Alles wird einfach runtererzählt und steht dann so im Raum. Das führte dann dazu, dass ich zu nichts wirklich Zugang hatte.
Nicht zu den Charakteren, die leblos und blass, ohne jede Persönlichkeit wirken. Nicht zur Handlung, die entweder keine überraschenden Wendungen aufweist oder diese nicht von mir erkannt wurden. Am Besten war noch das futuristische Setting des Romans, dass man aber dennoch anderswo in ähnlicher Art und Weise besser lesen kann.
„Drohnenland“ war also leider ein Buch, bei dem ich nach der Beschreibung nicht nur wesentlich Besseres erwartet hätte, sondern das im Gegenteil absolut kein Roman für mich war. Ich kann es nicht empfehlen, auch wenn ich weiß, dass ich diese Meinung relativ exklusiv habe.
- Cormac McCarthy
Kein Land für alte Männer
(142)Aktuelle Rezension von: S_MaltEin düsterer, sprachlich reduzierter Thriller über Gewalt, Moral und den Verlust alter Werte. Die Geschichte um einen gefundenen Geldkoffer eskaliert schnell zur erbarmungslosen Jagd.
Tiefgründig, brutal und verstörend – McCarthy in Bestform.
Cormac McCarthy präsentiert hier erneut seine Stärken: düstere Prosa, knappe Dialoge und eine unerbittlich realistische Darstellung menschlicher Abgründe. “No Country for Old Men” ist ein Roman, der gleichzeitig Thriller, existenzielle Meditation und Abgesang auf eine vergangene Zeit ist.
Die Geschichte beginnt mit einem verhängnisvollen Fund: Llewelyn Moss entdeckt im texanischen Grenzland die Überreste eines Drogendeals – und eine Aktentasche voller Geld. Was wie ein klassisches Krimi-Motiv beginnt, entwickelt sich rasch zu einer brutalen Hetzjagd, in der Gewalt unausweichlich erscheint.
Im Zentrum stehen dabei Moss sowie auch der gealterte Sheriff Bell, dessen Reflexionen über Schuld, Gerechtigkeit und die verrohte Welt von heute dem Roman eine tiefergehende, philosophische Ebene verleihen. Und dann ist da noch die Figur des Anton Chigurh; ein Auftragskiller mit eiskalter Logik und erschreckender Unberechenbarkeit. Er verkörpert eine neue Weltordnung, in der Moral keinen Platz mehr hat.
Besonders beeindruckend ist McCarthys Sprache: karg, präzise, ohne Zierrat und konsequent ohne Anführungszeichen (daran musste ich mich erstmal gewöhnen). Gerade dadurch umso eindringlicher. Gewalt wird nicht stilisiert, sondern als das dargestellt, was sie ist: roh, sinnlos und endgültig.
No Country for Old Men” ist kein einfacher Roman, weder inhaltlich noch sprachlich. Dennoch ist er kraftvoll, verstörend und tiefgründig. McCarthy konfrontiert seine Leser mit der Frage, was es bedeutet, in einer Welt zu leben, in der das Böse nicht mehr zu fassen ist. Der Roman dreht sich um das Thema des Alterns, das Ende von Gewissheiten und die Erkenntnis, dass es manchmal tatsächlich kein Land mehr gibt für alte Männer.
Fazit: Ein literarisch brillanter Thriller mit philosophischem Tiefgang – kompromisslos, düster und nachhallend. Ein Muss für jeden Leser, der zeitgenössische amerikanische Erzähler schätzt. Wer Burke, Lehane, Chandler, MacDonald oder Dexter mag, der ist hier gut bedient. Zwischen Thriller und Western - eben eine gute Wahl.
- Larry Brown
Fay
(75)Aktuelle Rezension von: AlinchenFay ist 17 als sie sich mit ihrer Handtasche, einer Packung Zigaretten und zwei Dollar auf den Weg macht. Hauptsache weg von ihrem Vater, der sie missbrauchen wollte, und der Armut. Ihr Ziel ist Biloxi, eine Stadt an der Küste, wo es wärmer sein soll und daher nur besser sein könne. Aufgewachsen in Armut und Abgeschiedenheit kennt sie die einfachsten Dinge nicht. Sie trifft auf den Polizisten Sam, der sie mit zu sich nach Hause nimmt, nachdem einige Jahre zuvor seine Tochter gestorben ist. Doch auch dort ist nicht alles so rosig, wie es scheint.
Endlich vorbei! Ehrlich gesagt waren das meine ersten Gedanken nach Beenden des Buchs. Ich wollte es mehrfach abbrechen, aber irgendwas hat es mich dann doch zuende lesen lassen. Ich bin mit der Protagonistin Fay nicht warm geworden und auch der Schreibstil war nicht meins! Zu zäh. Aber wirklich gestört hat mich die Tatsache, dass jeder in diesem Buch sich jeden Tag zu betrinken scheint.
- Donald Ray Pollock
Knockemstiff
(43)Aktuelle Rezension von: NiWaKnockemstiff in Ohio ist ein Kaff im Mittleren Westen der USA und ein Sammelsurium verlorener Seelen, die zwischen dem Wunsch nach Veränderung in einem trostlosen Moloch der Hoffnungslosigkeit versinken.
„Knockemstiff“ ist das Debüt von Donald Ray Pollock, der sich daraufhin mit „Das Handwerk des Teufels“ einen Namen machte. In seinem Erstling beschreibt er die Schicksale von Außenseitern, die ineinanderfließen, auseinanderdriften und allein von einer sanften Brise über den Rand gedrängt werden.
Der Autor lädt Leserinnen und Leser nach Knockemstiff in Ohio ein. Es handelt sich dabei um einen Ort im Mittleren Westen der USA, wo sich der berüchtigte Fuchs und die berühmte Henne „Gute Nacht“ sagen. In Knockemstiff ist der Fuchs allerdings ordentlich zugedröhnt und hält das Drogenbesteck in der Hand, während die Henne schamlos rülpst und unter ihren verlotterten Federn eine Bierflasche verschwinden lässt.
Hier ist es dreckig, es ist versifft. Staub wird aufgewirbelt, worin sich schmierige Gestalten verstecken und im Dreck am Boden wälzen. In Knockemstiff ist die Hoffnung längst gestorben und der Weg zur Hölle ist gebahnt.
Bei diesem Werk handelt es sich um keinen Roman, sondern eher um Kurzgeschichten, die manchmal ineinander gehen. Jeder Geschichte liegt eine Figur zugrunde, welche in der Tristesse ihres Daseins gefangen ist. Pollock nimmt hiermit den sogenannten Whitetrash unter die Lupe. Es handelt von Sucht, Gewalt, Inzest, geistige Verwirrung und die Hoffnungslosigkeit, mit der die Charaktere ihrer Situation ausgesetzt sind.
Pollock schreibt mit einer Wucht, die wie die Faust in den Magen schlägt. Er beschönigt und verschnörkelt nicht, er setzt an, wo es weh tut, und zeigt den Leser:innen, dass der Bodensatz der Gesellschaft von vornherein keine Chance auf ein würdiges Leben hat.
Gleichermaßen hebt er mahnend den Zeigefinger, und verdeutlicht, dass man selbst auf einem guten Weg durch einen falschen Schritt im Abgrund landet, aus dem es kein Entkommen gibt.
Pollock urteilt nicht und überlässt es den Leser:innen ihre Schlüsse zu ziehen. Für mich ist „Knockemstiff“ ein Gemälde sozialer Verwahrlosung und Verrohung, welche sich durch den Sumpf der amerikanischen Gesellschaft ziehen. Das Kaff steht meiner Meinung als Appell an die Menschlichkeit, dass man keinesfalls über Existenzen urteilen darf, weil sie häufig niemals die Chance auf das Streben nach Glück hatten.
Erneut hat mir Donald Ray Pollock ins Gewissen geredet, meine Seele aufgewühlt und mein Weltbild durch den Schmutz gezogen. Meiner Meinung nach ist es ein äußerst düsteres, brutales und grausames Werk, das vor Dreck steht und sicherlich für zarte Gemüter ungeeignet ist. Wem vor den nach Jauche stinkenden Seiten nicht graust, dem lege ich dieses Werk nahe.
- Jenny-Mai Nuyen
Noir
(211)Aktuelle Rezension von: LizaLeeDer Schreibstil ist einzigartig in diesem Buch. Sehr blumige, ausgefallene Art, die Atmosphäre einzufangen. Daher auch schwer zu lesen, was die stark verworrene Storyline nicht einfacher macht.
Allgemein ein interessantes Buch, jedoch bin ich froh, dass es nur etwa 350 Seiten hat.
Alles in allem ein spannendes Buch mit einem etwas abrupten Ende, das viel Raum für Interpretation lässt.
- Carmen Capiti
Maschinenwahn: Teil 1 der Maschinen-Trilogie
(16)Aktuelle Rezension von: puppetgirl„Maschinenwahn“ ist der erste Teil der „Maschinen-Trilogie“ und bieten einen tollen, spannenden Einstieg in die Reihe. Das Cover hat mich als erstes aufmerksam gemacht, denn irgendwas stimmt bei der Frau mit dem roten Haar nicht, deren Gesicht groß auf dem Cover zu sehen ist. Nicht nur, dass sie so blass ist und alles so bläulich scheint, sondern irgendwas ist um ihre Augen. Das Wort Maschinenwahn, welches sich links von unten nach oben streckt, lässt dann eine Idee aufkeimen. Ist sie vielleicht ein Roboter? Oder hat man etwas bei ihr gemacht? Die Neugier stieg und der Klappentext hatte mich dann endgültig!
Denn es geht um Sam, er betreibt eine illegale Arztpraxis und scheinbar kann er Cyperprothesen bei Menschen einpflanzen. Was soll ich mir darunter vorstellen? Wird es ein Bein? Ein Arm? Oder kann man hier schon einiges mehr machen? Nun beginnt es damit, dass der arme Kerl doch wirklich mal wieder etwas Geld gebrauchen könnte. Und so ist er nicht ganz abgeneigt, als er einen großen Auftrag bekommt. Er nimmt an, denn wer ist schon so dämlich und lässt sich so viel Geld durch die Lappen gehen? So wirklich geheuer ist ihm das Ganze aber schon bald nicht mehr, denn da liegt eine Frau auf seinem Tisch und er soll zahlreiche Prothesen bei ihr einbauen. Was soll aus dieser Frau werden? Klar, in der Zeit ist es normal, dass man seinen Körper etwas aufbaut und verbessert, aber so viel mit einem Mal? Was ist sie von Beruf, dass sie solche Prothesen braucht? Während der OP erwacht die Patientin aus der Narkose und flüchtet. Nun hat Sam ein riesiges Problem, denn sein Auftraggeber scheint nicht gerade der nette Kerl von nebenan zu sein und setzt ihm ein Ultimatum. Entweder bringt er die Frau wieder und sorgt dafür, dass seine Arbeit vollständig beendet wird oder er hat nicht mehr lange zu leben. In was Sam dann schlittert, dass müsst ihr selbst erleben, denn mir hat es richtig viel Spaß gemacht. Nicht etwa, weil es lustig zu ging, sondern weil ich die Idee wirklich gut umgesetzt finde. Die Charaktere hier etwas aufdecken, was sich irgendwo da draußen auch abspielen könnte. Dieses Buch zählt hier, so glaube ich, ganz stark gewisse Missstände auf und lässt einen nachdenken. Darum bin ich auch sehr darauf gespannt, was in den beiden anderen Teilen denn noch so kommen wird.
Ich würde mich wohl nicht gerade wohl fühlen, wenn man soweit in der Technik ist! Klar, man könnte vielen Menschen helfen, aber zu welchem Preis? Dies stelle ich mir heute schon so oft, ob wir das Leben für viele Menschen wirklich so viel lebenswerter machen, wenn sie am Ende vielleicht nur noch von Maschinen am Leben erhalten werden, wenn sie sonst vielleicht ihren wohlverdienten Für-immer-Schlaf hätten. Aber dann kann ich auch wieder die Leute verstehen, die an diesen Menschen so sehr hängen und sie nicht gehen lassen wollen.
Es ist eine unglaublich schwere Frage und sie wird hier mit Spannung beleuchtet. Was dürfen wir mit unserer Technologie alles machen? Wie weit dürfen wir einen Menschen verändern und was bedeutet das für uns?
Ich bin auf die beiden anderen Teile gespannt, die es gerade als Ebook recht günstig zu erhalten gibt! Von mir könnt ihr auch die Rezensionen zu den anderen Teilen erwarten, denn ich habe zugeschlagen, da ich wissen will, was noch passiert in Sams nun doch wilder Reise! - Jérôme Leroy
Der Block
(5)Aktuelle Rezension von: RichardZietzWie redet, denkt und handelt man »fascho«? Jérôme Leroy wagt mit »Der Block« einen Innenblick in die Mentalitäten des Front National und seiner diversen Helfershelfer – und lässt die Szenerie folgerichtig crashen. Die (politische) Macht mag zwar alles sein, doch auf dem Weg dahin haben sich Mentalitäten angesammelt. Mentalitäten, die zu Eigenmächtigkeiten führen.
Das Bild, dass Jérome Leroy zeichnet, ist verstörend. Ich gebe zu, dass einige aus meinem Bekanntenkreis das Buch »krass«, fanden, bedenklich und ähnliches. Andere teilen meine Begeisterung. Im Grunde beschreibt Jérôme Leroy eine Versuchsanordnung: das, was passieren könnte, wenn Faschisten die Macht in einem westlichen Staat übernehmen. Sicher ließe sich dieses Bild auch »politisch korrekter« zeichnen, weniger explizit und vor allem weniger durch die Blickwarte eines Faschisten. Das Problem nur: eine »korrekte« Zeichnung wäre zwar »korrekt« – würde allerdings der (brutalen) Mentalität, der diese Leute (oder jedenfalls ihr Fußvolk) leitet, nicht so gerecht.
Fazit: ein aufklärerischer Thriller in bester Tradition
- James Sallis
Willnot
(8)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerDa lese ich den ersten Staz und bin begeistert, den zweiten und schon sind dreißig Seiten um. Ich fühle mich den Figuren nah, kenne sie schon nach wenigen Momenten und fühl mich rundum wohl und am Ende denke ich: was war denn das für eine Story- und was wurde da denn verhandelt? James sallis satnd mit diese Roman einige Zeit auf der Krimibestenliste und als noch Hardboiled und Noir das Buch charakterisierten, war ich gespannt. Vielleicht habe ich auch in der Leichengrube etwas nicht mitbekommen. Das kleine Buch ist schnell verschlungen und ich habe für mich keine Lösung erfahren oder gefunden. Um was ging es ? Nur, um den Arzt Lamda? Ich werde mich nun mal auf anderen Rezensionen zu deise Buch tummeln, vielleicht erlebe ich ein Erkennen...
Sprachlich sitzt jedes Wort, die Gedanken sind tief und ich empfand Glück beim Lesen. Trotzdem gebe ich einen Stern Abzug für das große Fragezeichen, als ich es weggelegt habe.
- Hervé Le Corre
Durch die dunkelste Nacht
(9)Aktuelle Rezension von: Gwhynwhyfar«Der Mörder ist nicht in der Kartei. Vielleicht schläft er gerade seelenruhig neben seiner Frau oder wälzt sich irgendwo in einem Hauseingang im Schlafsack herum.»
Noir pur – ein Krimi für starke Nerven, der in drei Perspektiven geteilt ist, die sich begegnen werden. Jourdan, ein desillusionierter Polizeikommandant, kann den ganzen Dreck, der ihm täglich auf Bordeaux Straßen begegnet, nicht mehr sehen. Die alleinerziehende Louise, die sich nach dem Unfalltod ihrer Eltern und Jahren in der Drogenszene mühsam ein neues Leben mit ihrem kleinen Sohn aufgebaut hat, wird immer wieder von ihrem Ex bedroht, der ihr auflauert, sie verprügelt. Ein Killer - von zerstörerischer Wut getrieben - ermordet in den Straßen von Bordeaux Frauen. Jede der drei Protagonist:innen durchlebt ihre eigene, ihre dunkelste Nacht …
«Jourdan hatte mitbekommen, wie die Kollegen von der zivilen Einsatzgruppe sich für einen Einsatz auf den Demos fertig machten, Witze rissen und Radau veranstalteten wie ein paar Kleinkriminelle,die gegen eine verfeindete Bande in den Kampf ziehen. Er hatte gehofft, dass sie auf Prügeleien hofften, dass sie ein paar dieser gelben Schweine die Fresse polieren würden. … Jourdan war angewidert. Sie entsprachen dem Bild des Staates, der sie beschäftigte: gefährlich und dumm, wie Kampfhunde ließ man sie auf die Straße los.»
Jeder von den dreien hat seine eigene Geschichte, und es dauert ein wenig, bis Hervé Le Corre Schnittmengen zieht. Jourdan hat die Nase voll von Gewalt, als er zu einem Mord gerufen wird: Ein Mann hatte Frau und Kinder getötet. Bald darauf sucht einen Killer, der anscheinend mehrere Frauen ermordet hat und begegnet im Laufe seiner Ermittlung Louise. Auf verschiedenen Ebenen wir hier Gewalt gegen Frauen angesprochen, Misogynie als gesellschaftliches Problem. Ein harter Krimi, Noir, Hardboiled, doch ein literarisch ausgefeilter Kriminalroman. Die Sprache begeistert, die Tiefe der Figuren. Es geht aber nicht nur um Gewalt gegen Frauen, die systematisch auch in der Polizei ausgeübt wird, indem man wegschaut, alles herunterredet, die Frauen nicht ernst nimmt, wie mit Kolleginnen umgegangen wird, wie Prostituierte wie Dreck behandelt werden. Gewalt innerhalb der Polizei ist das Thema, Polizisten, ein Haufen von gewaltbereiten Machos, hormongesteuert, misogyn, rassistisch. Wir erleben Louise, die sich für ihren Sohn ein besseres Leben wünscht, die als Haushaltshilfe bei Senioren jobbt, von einem Haushalt zum nächsten hetzt, so manches aushalten muss. Und wir sind im Kopf von einem Killer. Durch die drei Perspektiven ist Hervé Le Corre immer dicht dran an seinen Protagonist:innen, dringt in ihre Gedanken ein. Harter Noir, sicher nichts für jedes Gemüt, aber klasse geschrieben. Jeder dieser Figuren hat Gewalterfahrung, die etwas aus ihnen macht. Das ist realistisch beschrieben, ohne voyeuristisch daherzukommen. Meine Empfehlung für diesen Gesellschaftsroman.
„Die Toten der letzten Tage. Er weiß nicht, warum er derartig besessen davon ist, gerade er, der geglaubt hatte, sich damit abgefunden, sich ein dickes Fell zugelegt zu haben, den Kampf ohne große Verletzungen auszutragen, manchmal zwar benommen von dem Höllenlärm, der dabei entstand, der ihn aber nicht weiter störte und vielleicht jedes Mal ein bisschen mehr abstumpfen ließ.“
Hervé Le Corre, geboren 1955 in Bordeaux, ist ein französischer Kriminalromanautor. Hervé Le Corre, geboren 1955 in Bordeaux, ist eine der großen Stimmen des zeitgenössischen französischen Kriminalromans. Er hat zahlreiche Preise für Kriminalliteratur gewonnen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Für Durch die dunkelste Nacht wurde er mit dem Prix des Lecteurs Quais du Polar / 20 Minutes 2022 ausgezeichnet und stand auf der Shortlist des Prix France Bleu du Polar 2021.
- Leveret Pale
Noir Anthologie 1
(13)Aktuelle Rezension von: AngstgeschichtenFür gewöhnlich lese ich keine Kurzgeschichtensammlungen, wurde durch das Marketing des Verlags allerdings aufmerksam auf dieses Schmuckstück. Abgesehen davon, dass das Noir-Genre an sich mit seiner Tiefgründigkeit und Ernsthaftigkeit heraussticht, hat mich auch das Cover und der Klappentext sehr angesprochen. Dann fing ich an zu lesen ... und konnte nicht mehr aufhören. Obwohl es sich hierbei um eine Anthologie und keinen Roman handelt, in der folglich eine gewisse Kontinuität vorhanden ist, waren die abwechslungsreichen Geschichten immer wieder erfrischend und aufregend. Denn es wird Noir mit Fantasy, Science-Fiction, History, Contemporary, Crime und Thriller vermischt, doch wird dabei immer an dem Noir-Anteil festgehalten und gleichzeitig subtile Gesellschaftskritik ausgeübt, die sich auf mehrere Spektren ausbreitet. Immer, wenn eine neue Geschichte beginnt, fand ich recht schnell in der Geschichte zurecht. Teilweise wird in den Geschichten geschickt durch nur einzelne Worte oder Einsatzzeilen eine Andeutung gemacht, die für das Verständnis unabdingbar sind. Das ist also kein Buch, das man nebenbei mal einfach lesen kann/sollte. Bei jedem der Geschichten wird das Erlebnis um ein Vielfaches intensiviert, wenn man mit ganzem Kopf dabei ist, da sie intellektuel recht herausfordernd sein können. Ich drücke es mal so aus: Wenn man mit der Noir-Literatur noch nicht vertraut ist und einem eine abgehackte Definition auf Google nicht ausreicht, dann ist mit diesen Kurzgeschichten ausgesorgt. Jede Geschichte war für sich besonders und interessant und bei keiner verspürte ich Langeweile beim Lesen oder Desinteresse. Jede hat mich auf ihre eigene Weise gepackt und fasziniert, und jedes Mal, wenn ich eine Kurzgeschichte abgeschlossen und den letzten Satz gelesen hatte, musste ich erst einmal intensiv über die Gesellschaftskritik und Bedeutung dahinter nachdenken und philosophieren, da diese Themen ansprechen, die von der Allgemeinheit wohl als "Tabu-Themen" bezeichnet werden. Rassismus, Depressionen, Suizid und Furcht vor der Realität sind nur ein paar, um sie zu nennen. Nach all diesen positiven Punkten fällt mir kein negativer ein. Ich hätte eigentlich nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber unter meinen Jahreshighlights ist jetzt eine Anthologie.
Empfehlen kann ich die Noir-Anthologie 1 vom SadWolf Verlag also jedem, der sich für düstere, gesellschaftskritische, abwechslungsreiche und clevere Noir-Geschichten interessiert.
Klare Empfehlung!
- Declan Burke
Eight Ball Boogie
(2)Aktuelle Rezension von: GwhynwhyfarDer erste Satz: »Wenn es um fünf Uhr morgens an der Tür klingelt, bedeutet das schlechte Nachrichten: Jemand ist tot oder stirbt gerade.«
Wer kann sich an die uralten Dark-Krimiserien erinnern? Ein Detektiv, meistens schlecht bei Kasse, wenig gebucht, zerknitterter Anzug, er besitzt ja nur einen, schmuddeliges Büro in übler Wohngegend, unaufgeräumt, manchmal schläft er auch dort, Sprücheklopfer als Zweitberuf, die Bullen haben ihn auf dem Kieker, er ist dem Alkohol zugetan, bekommt öfter was aufs Maul, weil er seine Nase in Dinge steckt, die ihn nichts angehen. So einer ist Harry Rigby. USA? Nein, dieser Detektiv wohnt in einer nicht benannten Stadt mit Fluss, am Meer, im Old Quarter «ein angenehmer Ort zum Leben … wenn man eine blinde Freundin hatte und die Klienten noch verzweifelter waren als man selbst». Die meisten Aufträge beziehen sich auf das Auffinden von Haustieren, hin und wieder muss er das Fremdgehen von Ehepartnern beweisen. Der Icherzähler Harry hat Ärger mit seiner Lebenspartnerin, die ihn vor die Tür gesetzt hat. So ganz akzeptiert er den Rauswurf nicht, denn es ist seine Wohnung. Nebenbei arbeitet Harry als Journalist, im Team mit Herbie, seinem Kumpel, der als Fotograf agiert. Die beiden recherchieren in einem Mordfall, ahnen, dass hinter der Ermordung einer Politikergattin eine brisante Story stecken könnte. Parallel erhält Harry den Auftrag, die Ehefrau eines Geschäftsmanns zu observieren. Harry braucht Geld, doch dieser Auftrag stinkt gewaltig, es gibt keinen Grund zu vermuten, die Frau würde fremdgehen, dem Ehemann wäre es auch egal.
»Es war Montagmorgen, drei Tage vor Weihnachten, so ein Montag, der gut in der Lage war, für sich selbst zu sorgen. Ich schob mir ein Kissen hinter den Rücken, drehte mir eine Fluppe mit einer Prise Dope und verzwirbelten Ende, um ihr die Schärfe zu nehmen. Meine Augen waren verklebt, mein Magen verkorkst, mein Schädel vibrierte wie ein straff gespanntes Seil. Im Zimmer stank es nach Mundgeruch, gelangweiltem Sex und kaltem Zigarettenrauch.«
Eigentlich will Harry lediglich seine zwei Jobs erledigen, doch plötzlich steht er selbst unter Beschuss. Detective Sergeant Ronan Brady und Detective Inspector Senan Galway drehen sein Büro auf den Kopf, jemand bricht bei Harry ein, zerlegt das Büro in Einzelteile. Harry selbst wird zerlegt, mehrfach. Der Detektiv reagiert nur noch, wie eine Billardkugel, er wird gestoßen, touchiert und die ganze Story nimmt eine neue Wendung, steuert auf etwas zu, der Aufprall auf die Bande ändert die Richtung. Was geht ab, wie hängt das zusammen?, fragt sich Harry, mit ihm der Leser, der dem Icherzähler folgt. Korrupte Cops, Drogenbanden, Korruption, falsche Freunde, wem kann der Antiheld trauen? Alkohol, Fluppen Kaffee, zynische Sprüche halten ihn am Leben.
»›Du willst das wirklich tun?‹
›Ich tu nichts, es tut mich. Ich bin bloß der Beifahrer.‹«
Ein Hardboiled-Privatdetektivroman mit einem Helden, der auf dem Seil tanzt, sich selbst nichts gibt, sich selbstkritisch beobachtet. Harry ist chaotisch, wie der Plot, auf den ersten Blick. Man muss ihn gernhaben, den Mann, der jeden Tag sein Hemd wechselt. Bis beide gelb sind. Der eine Knarre in der Schublade liegen hat, die lediglich ein Modell ist. Wenn allerdings seine Familie bedroht wird, dreht er auf, dann mutiert er zum Helden. Sprachlich bewegt sich Declan Burke im Millieubereich, passend zum Klientel. Harry ist schlagfertig und sarkastisch, resümierend im eigenen Leben, ein typischer Noir-Krimi. Als Leser fasst man sich an den Kopf, blickt kaum durch, beruhigt am Ende, es löst sich alles auf. An einer Stelle konnte ich nicht mitgehen. Der Roman wurde 2012 veröffentlicht. Und ich frage mich, wie jemand kurz vor Schneefall mehrere Minuten in der Flussmündung schwimmend, schwer verletzt, überlebt, sich im eiskalten Wasser bewegen kann, klitschnass eine Weile durch die Gegend rennt und dann auch noch nach dem Bad das Handy in der Jackentasche klingelt … Wenn man über diese Szene hinwegschaut, ist es ein guter Krimi, ein Lesevergnügen.
»›Ich bin die Managerin.‹
›Dann machen Sie Ihren Job.‹
Sie schob die Brille erneut nach oben, aber diesmal war sie gar nicht nach unten gerutscht.
›Entschuldigung?‹
›Entschuldigung angenommen. …« - Matthew F. Jones
Ein einziger Schuss
(5)Aktuelle Rezension von: GulanJohn sichert die Flinte und rennt auf das Distelfeld zu, aber bevor er dort ankommt, hält er an, weil er eine längliche Vertiefung auf dem von Kiefernnadeln bedeckten Boden bemerkt hat. Er kniet sich hin, berührt mit der Hand die Mitte der Kuhle und spürt die Wärme, die das entflohene Wild zurückgelassen hat. Sogar ein paar Fetzen von seinem Fell sind zu sehen. Johns Herz schlägt schneller, er atmet schwer. Er kann den Hirsch riechen. Den Adrenalinschub des Tiers, heftig und stechend wie sein eigener. (S. 9)John Moons Leben befindet sich auf Talfahrt. Er lebt in einem Trailer auf dem ehemaligen Land seiner Familie, seine Frau hat ihn mit dem kleinen Sohn verlassen. Sein Essen erwildert sich John regelmäßig in den Wäldern. Eines Tages schießt er einen Hirsch an und verfolgt das verwundete Tier über eine lange Strecke bis zu einem alten Steinbruch. Dort wird John von einem Geräusch überrascht. Er schießt. Doch statt des Hirschen hat er versehentlich eine junge Frau, eine Ausreißerin, erschossen.
John steckt in einer absoluten Zwickmühle. Es war ein Unfall, aber würde man ihm glauben? Als John die Habseligkeiten der Toten begutachtet, findet er eine Kiste voller Geldscheine. Geld, das er verdammt gut gebrauchen kann, vielleicht kann er sogar seine Ehe retten. Er nimmt das Geld an sich, versteckt die Leiche und kehrt nach Hause zurück. John hofft, dass sich alles zum Guten wendet, doch insgeheim ahnt er, dass er die Büchse der Pandora geöffnet hat.
Normalerweise recherchiere ich zu einem Buch auch vorab ein wenig. Hier habe ich das aber versäumt und war dementsprechend überrascht, dass das Original bereits aus dem Jahr 1996 stammt und erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde. Außerdem wurde es sogar schon verfilmt. „A Single Shot“ feierte Weltpremiere bei der Berlinale 2013. Autor Matthew F. Jones durfte auch das Filmdrehbuch schreiben. „Ein einziger Schuss“ ist ein waschechter „country noir“ und spielt im ländlichen, waldreichen Norden des Bundesstaates New York. Die erzählte Zeit beträgt genau eine Woche. Jones erzählt die Geschichte im Präsens und bleibt als Erzähler die ganze Zeit bei seinem Protagonisten.
Ein absoluter Verlierer, dieser John Moon. Die elterliche Farm wurde schon vor Jahren von der Bank zwangsversteigert, seine Eltern sind unter anderem daran krank geworden und schon verstorben. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs mehr schlecht als recht über Wasser. Auch seine Frau Moira sieht keine Perspektive und ist mit dem gemeinsamen Sohn Nolan ausgezogen. Und nun dieser verhängnisvolle Schuss, der ihm endgültig den Boden unter den Füßen wegzieht. John treffen die Schuldgefühle mit voller Wucht. Gleichzeitig aber meint er voller Naivität mit dem gefundenen Geld seine Familie zurückgewinnen zu können. Aber natürlich gibt es noch jemanden, der seine Kohle wiederhaben will und selbstverständlich ist mit dem nicht zu spaßen. Zuerst wird Johns Hund erschossen, danach wird bei ihm der Trailer verwüstet und die von ihm versteckte Leiche in seinem Bett platziert. John deponiert die Leiche in seinem Gefrierschrank und wird danach panisch bis paranoid. Doch John nimmt – auch mangels Alternativen - den Kampf um Leben und Tod an.
„Ein einziger Schuss“ ist spannendes, dramatisches Werk, in dem vor allem die intensiven Erfahrungen von Schuld, Reue, Hoffnung und Verzweiflung der Hauptfigur im Vordergrund stehen. Die Ereignisse nehmen an Intensität stetig zu. Und obwohl klar ist, dass dem tragischen Held kein Happy End vergönnt sein wird, fiebert man ein Stück weit mit ihm mit – und wird von der Gnadenlosigkeit des Autors am Ende brutal geerdet.
- Dominique Manotti
Marseille.73
(6)Aktuelle Rezension von: walli007Anfang der 1970er wird in Marseille ein Busfahrer von einem Einwanderer umgebracht. Und in der Stadt, in der nach der Unabhängigkeit Algeriens viele Übersiedler leben, führt dies zu rassistisch motivierten Angriffen. Doch auch in den Polizeieinheiten, die Sachverhalte eigentlich aufklären sollen, gibt es rassistische Resentments. Commissaire Daquin, der neu in der Einheit eingesetzt ist, nimmt die Aufgabe jedoch in die Hand. Dabei muss er ausgesprochen vorsichtig vorgehen, damit er niemanden vor den Kopf stößt und doch die Wahrheit herausfindet. Unter seinen Kollegen hat er einige wenige Verbündete. Die öffentliche Meinung wird allerdings von Vorurteilen bestimmt.
Dieser Band schließt an den Roman „Schwarzes Gold“ an, Verständnisschwierigkeiten gibt es nicht. Commissaire Daquin wirkt wie ein Einzelkämpfer, der sich doch auf einige Leute verlassen kann. Nach der Unabhängigkeit Algeriens sind viele auch Nordafrikaner nach Frankreich eingewandert und etliche von ihnen sind an die selben Orte gezogen. Treten sie in größeren Gruppen auf, können sie möglicherweise wie eine Bedrohung wirken. So sieht es zumindest ein Teil der Bevölkerung, welcher dann mit Parolen um sich wirft, die auch heute wohlbekannt sind. Dass auch einige Polizisten, diese eigenartige Meinung vertreten, ist für Daquin ein schlechtes Zeichen und auch kaum zu ertragen.
Als Crime Noir wird dieser Kriminalroman beschrieben und er verbreitet tatsächlich eine düstere Stimmung, die wahrscheinlich nicht weit von der Wahrheit entfernt ist. Doch ist die Art der Beschreibung der Ereignisse etwas sehr trocken und teilweise berichtartig geraten. Dadurch vermisst man teilweise die Spannung, auch wenn der Roman inhaltlich und geschichtlich sehr interessant ist. Sehr gelungen erscheint die Beschreibung von Commissaire Daquins Hartnäckigkeit den Fall ordentlich zu bearbeiten und auch auf welche Widerstände er dabei trifft. Auch seine Pfiffigkeit und unkonventionelle Denkweise, die ihn im Fall voranführen, machen ihn zu einem sympathischen Ermittler.
3,5 Sterne
- John Steele
Ravenhill
(3)Aktuelle Rezension von: GulanJackie Shaw kehrt nach zwanzig Jahren nach Belfast zurück, um am Begräbnis seines verstorbenen Vaters teilzunehmen. 1993 war Jackie Mitglied der loyalistischen Paramilitärs der UDA – und ein verdeckter Ermittler der Polizei. Nach einem Vorfall mit drei Toten wurde auch er für tot erklärt und aus der Schusslinie gebracht. Nun erwartet Jackie bei seiner Rückkehr nicht nur der MI5, sondern auch Rab Simpsons und Billy Tyrie, Jackies ehemalige Chefs der UDA-Sektion. Beide sind inzwischen zu Gangstergrößen aufgestiegen und verlangen von Jackie, den jeweils anderen zu töten.
Belfast oder Nordirland bieten mit den gesellschaftlichen Konflikten ein unglaublich interessantes, intensives und auch vielseitiges Setting. In Ravenhill erzählt der gebürtige Belfaster John Steele die Geschichte auf zwei Zeitebenen. Einmal einige Jahre vor und dann deutlich nach dem Karfreitagsabkommen, das die Situation oberflächlich natürlich erheblich befriedet hat. Allerdings stellt Steele auch unmissverständlich klar, dass die damaligen Protagonisten zwar mit dem Terrorismus aufgehört haben, aber weiterhin Schurken sind, die sich nun in Schutzgelderpressung oder Drogenhandel verdingen. Und die auch kaum angetastet werden, um den Frieden nicht zu stören. Allerdings verlaufen die Fronten nun auch mal innerhalb der ehemaligen Organisationen, was Rückkehrer Jackie Shaw bald feststellt.
Ravenhill ist ein komplexer Noir über Loyalität und Verrat, außerdem eine Hommage an Belfast. Der Autor schreibt hart und realistisch und zeigt auf, wie brüchig der Frieden in Nordirland immer noch ist.
- John Burnside
Glister
(27)Aktuelle Rezension von: AnnaChiEin kleiner Ort, gelegen im Irgendwo. Der Boden ist vergiftet durch die ehemalige Chemiefabrik, die stillgelegt worden ist, aber auch die Körper und Seelen der Menschen, die dort leben. Auf einmal verschwinden Jungen - ihren Familien wird vorgegaukelt, sie wären einfach abgehauen. Keiner fragt, was tatsächlich geschehen ist. Der Polizist, der den ersten der verschwundenen Jungen an einem Baum erhängt gefunden hat, ist nur eine Marionette des eigentlichen Machthabers in der Stadt und schweigt aus Angst. Aber schließlich machen sich die Jugendlichen des Ortes auf den Weg, das Schicksal ihrer Altersgenossen zu erforschen ...
Trotz aller Tristesse bewirkt die Geschichte eine Faszination, der man sich nur schwerlich entziehen kann. Ich habe mich ein wenig gefühlt wie jemand, der im Alptraum eines anderen spazieren geht. Vieles bleibt auch nach dem Ende der Lektüre mysteriös, besonders der rätselhafte Schluss.
- Ottessa Moshfegh
Eileen
(38)Aktuelle Rezension von: jadi. Magst du „Wierd Girl Fiction“?
Sind eigensinnige Protagonistinnen dein Ding?
Magst du Geschichte bei denen du dich immer
wieder fragst…
was kommt jetzt bitte wieder?
Dann sollst du „Eileen“ unbedingt lesen! 5/5 ⭐️
. Worum geht es genau…
Eileen Dunlop hasst sich und die Welt. Verantwortlich für ihren alkoholkranken Vater, arbeitet sie in einer Vollzugsanstalt für jugendliche Straftäter.
Eines Tages entwickelt sich eine Freundschaft zur neuen aufgeschlossenen Kollegin, doch diese Freundschaft entwickelt sich anders als erwartet.
. In „Eileen“ folgen wir Eileen als Ich- Erzählerin, die ein Blick auf ihre Vergangenheit wirft.
Ihre Mutter ist verstorben und so lebt sie alleine mit ihrem Alkoholabhängigen Vater in einem vernachlässigten Haus.
Lethargisch nimmt uns Eileen mit auf eine Reise durch Tagträume,Spirituosengeschäfte, der Vollzugsanstalt, ungewaschener Kleidung, Ausdünstungen und ihrem täglichen Chaos. Ihr Leben ist nicht einfach zu verdauen. Doch schnell blickt man hinter die Fassade aus Langeweile und Gleichgültigkeit und erkennt eine zutiefst traumatisierte Frau, die es viel zu lange nicht aus ihrem alltäglichen Trott schafft.
Mosfegh versteht es interessante Protagonisten zu erschaffen, die sich auf ihre eigene Art und Weise aus ihrer Melancholie, ihrem Schwermut und ihrem Leben retten.
„Eileen“ ist eine ungemütliche Geschichte, die mich gefesselt und in ihren Bann gezogen hat.
Mosfeghs Schreibstil ist sehr klar, rau und augenöffend und dadurch vermute ich ist diese Buch höchstwahrscheinlich nicht jedermanns Geschmack.
Für mich persönlich war es ein bizarres kleines Highlight! 🖤
- Ulf Miehe
Krimi-Noir - Puma
(2)Aktuelle Rezension von: Gulan„Der Puma“, sagte der Korse hitzig, „daß ich nicht lache! Der hat doch schon längst wacklige Zähne und stumpfe Krallen!“ [...]
Mayonne antwortete langsam und überlegt: „Ich möchte mich mal so ausdrücken: Dieser Mann hat schon Munitionszüge in die Luft gesprengt und sich mit den Deutschen rumgeschlagen, da hast du noch in die Windeln geschissen und dich an die Titten deiner Mama gehängt. Der ist immer noch gefährlicher als jeder Ganove, mit dem du es bis jetzt zu tun gehabt hast. Der klingelt nicht an deiner Tür, wenn er kommt. Und jetzt gib mir meinen Mantel, es wird Zeit:“ (S.74-75)Der Elsässer Franz Morgenroth, der Puma, sitzt wegen Bankraubs seit neun Jahren im Knast. Doch nun ist der Tag der Entlassung gekommen und Franz macht sich direkt auf den Weg, bei seinen damaligen Kompagnons, die er nicht verpfiffen hat, seinen Anteil an der Beute einzufordern – nicht ohne Widerstände. Direkt anschließend begibt er sich nach München, zu seinem nächsten Coup: Die Entführung von Billie Kammerloh, die Tochter eines reichen Waffenfabrikanten.
Franz plant die Entführung minutiös. Er engagiert über Mittelsmänner zwei weitere Profis: Den New Yorker Killer Robert Tomcik und den Engländer John Maugham, Spezialist für Autos. Franz beobachtet Billie Kammerloh und kommt ungeplant vor einem Nachtclub mit ihr ins Gespräch. Im Laufe des Abends kommt es zum Sex zwischen den beiden. Ein Fehler? Zunächst läuft aber alles wie am Schürchen, die Entführung gelingt ohne Zwischenfälle. Doch Franz hat in seinen Planungen eines übersehen: Das äußerst angespannte Verhältnis zwischen der rebellischen Billie und ihrem Vater.
Das ist nicht gestellt, murmelte er, nie und nimmer ist das gestellt. Das läßt niemand freiwillig mit sich machen, und sie ist keine, die Spaß daran hat, sich fesseln zu lassen. Er ließ das Foto auf den Tisch fallen und setzte sein Selbstgespräch fort. Wieso ist Kammerloh so sicher, daß er recht hat? Und wenn er nicht recht hat und es weiß? Wenn er nur Zeit gewinnen will? Schwiefka steckte Brief und Foto wieder in den Umschlag und sagte laut: „Dann ist er das größte Schwein, das auf Gottes Erdboden herumläuft, yes, Sir!“. (S.265)
Denn Kammerloh und seine Tochter sind tief zerstritten. Sie ist erst vor kurzem aus der elterlichen Villa ausgezogen. So hält der Vater die Entführung denn auch für fingiert, damit Billie an sein Geld kommt. Auch der hinzugezogene Vermittler und Ex-Agent Schwiefka kann den Vater nicht umstimmen. Kammerloh nimmt weiterhin seine Termine wahr, lässt sich nicht auf die Forderungen ein, Schwiefka soll die Entführer hinhalten. Für diese scheint der todsichere Plan nicht aufzugehen – bis plötzlich eine unerwartete Wendung eintritt.
Autor Ulf Miehe begann seine berufliche Karriere Anfang der 1960er Jahre als Lektor, später arbeitete er als Schauspieler, Schriftsteller, Übersetzer, Drehbuchautor und Regisseur. Vorher hatte ich bereits Miehes Roman „Ich hab noch einen Toten in Berlin“ aus dem Jahr 1973 gelesen. „Puma“ ist wohl sein bekanntestes Werk und erschien drei Jahre später.
Namensgeber ist Romans und Hauptfigur dieses Romans ist Franz Morgenroth. Aufgrund einer Tätowierung wird er nur „der Puma“ genannt. Franz ist im Elsass geboren, hat es im zweiten Weltkrieg verlassen, um sich der Résistance anzuschließen. Nach dem Krieg war er zunächst bei der Fremdenlegion und dann Berufsverbrecher. Er ist ein absoluter Profi, intelligent, selbstbewusst, nur schwer aus der Ruhe zu bringen. Gewalt ist für ihn nur Mittel zum Zweck, er setzt sie daher nicht wahllos ein. Doch obwohl der Roman seinen Namen trägt, ist er nicht nur aus seiner Perspektive verfasst. Und das eigentliche Herzstück dieses Romans ist 'das Mädchen': Wilhelmine-Therese, genannt Billie, Kammerloh.
Sie ist gefangen im goldenen Käfig. Die Mutter ist früh verstorben, der Vater ein gefühlskalter Mann, Inhaber einer Waffenfabrik, offensichtlich auch in politischen Deals verwickelt. Seine Dosis Zweisamkeit holt er sich bei der Ehefrau seines wichtigsten Mitarbeiters. Billie rebelliert gegen ihn, verabscheut seine berechnende Art, ist jedoch finanziell von ihrem Vater abhängig. Dieser traut ihr dann auch zu, ihre Entführung inszeniert zu haben, selbst als sein Privatermittler Schwiefka dies in Zweifel zieht, will Kammerloh die Entführer hinhalten, den Tod seiner Tochter riskierend. Billie selbst ist auf der Suche nach Zuneigung und Liebe und nimmt durch ihre einerseits verletzliche andererseits auch offene, unerschrockene Art die Männer für sich ein, auch Franz und Tomcik.
„Puma“ ist für mich ein ungewöhnlicher, aber dennoch herausragender Roman des Genres. Obwohl ein Gangsterroman, der eine Entführung thematisiert, sind die actionlastigen Passagen äußerst rar gesät. Stattdessen spielt Miehe virtuos mit den verschiedenen Figurenkonstellationen. Neben den Wendungen im Plot sind auch die Sympathien des Lesers äußerst volatil. Allerdings wird am Ende klar, dass niemand unbeschadet – physisch oder psychisch – aus dieser Geschichte hervorgeht.
- Ted Lewis
Schwere Körperverletzung
(4)Aktuelle Rezension von: GulanIch betrachtete Mals Gesicht, dessen Züge bereits ins Unvertraute glitten, das der Tod mit sich bringt.
„Wer hätte das gedacht?“, meinte Mickey. „Ein stabiler Typ wie Mal. Man kann eben nie wissen.“
Mickey langte nach oben und entfernte die Kabel aus der Lampenfassung, fing an, sie aufzuwickeln.
„Das ist unerfreulich“, sagte ich.
„Wieso das, Boss?“, fragte Mickey.
„Ich glaube nicht, dass er es war.“ (Auszug S.102-103)
Der Typ, der so eben den Tod eines Mitarbeiters in Folge einer Befragung unter Folter ein wenig achselzuckend hinnimmt, ist George Fowler. Fowler ist eine Unterweltgröße Ende der 1970er in England, ein Pornokönig. Pornographie war damals in Großbritannien verboten und damit auch ein äußerst lukratives Geschäft. Fowler hat sich ein kleines Imperium aufgebaut, dass sowohl Produktion als auch Vertrieb umfasst. Dabei bietet Fowler eine große Bandbreite vor allem im Hardcorebereich an – bis hin zu Snuff-Videos. Fowler und seine Gattin Jean mischen auch gerne selbst bei der Produktion mit.
Doch sein Imperium ist stets bedroht – sowohl von Konkurrenten als auch von der Polizei, bei der er sich allerdings einige Beamten als Augen und Ohren hält. Allerdings gibt es nun Ärger von innen: Seine Frau Jean macht auch das Controlling und in den Büchern fallen verschwundene Beträge auf. Nichts, was seinen Reichtum in Gefahr bringen würde, aber etwas, was man natürlich nicht tolerieren darf. Fowler beginnt mit dem Verhör einiger direkter Untergebener. Dabei fallen allerdings Kollateralschäden an (siehe oben). Fowler wird zunehmend paranoid, kann sich nur noch auf die Loyalität einiger weniger (zurecht?) verlassen und so beginnt das Imperium immer schneller zu erodieren.
In Mablethorpe öffnet man vormttags um zehn, während und außerhalb der Saison.
Meine gelegentlichen Ausflüge in die Stadt bleiben von dieser Tatsache unberührt, weil ich immer dabei habe, was ich benötige. Es ist oben so, dass die Fahrt in die Stadt und das Umherwandern mir die Illusion verschaffen, die Zeit verfieße, stehe nicht stillwie die immerwährende Leere, worin mein Verstand verharrt. (Auszug S.69)
Das Ganze erzählt uns George Fowler selbst, aufgeteilt auf zwei Zeitebenen. Die Kapitel sind abwechselnd mit „Die See“ und „Der Rauch“. „Die See“ wird im Präsens erzählt, Fowler ist offenbar untergetaucht, hält sich im kleinen Seebad Mablethorpe an der Ostküste Englands auf, hat dort einen Bungalow in den Dünen. Fowler grübelt viel, trinkt viel Scotch und pflegt seine Paranoia. In einer jungen Frau, die ihm in einer Kneipe und einer Spielothek begegnet, glaubt er, einen Lockvogel zu erkennen. In den Abschnitten „Der Rauch“ wird rückblickend erzählt, wie es dazu kam, dass Fowler in diesem trübseligen Seebad abtauchen musste.
Autor Ted Lewis ist eine feste Größe in der britischen Noir-Szene. Seinen Durchbruch erlangte er 1970 mit dem Roman „Get Carter“, bekannt unter anderem auch durch die Verfilmung mit Michael Caine in der Hauptrolle (es gibt auch eine Neuverfilmung mit Sylvester Stallone). Lewis verstarb 1982 im Alter von nur 42 Jahren. Heutzutage ist er im deutschsprachigen Raum nur noch eingefleischten Krimifans ein Begriff, auch ich konnte auch erst im Zusammenhang mit „Get Carter“ etwas mit ihm anfangen. Somit ist es durchaus erfreulich, dass Verleger Frank Nowatzki „GBH“ („grievous bodily harm“) eine Neuauflage spendiert, nachdem er den Roman bereits 1990 in seiner Reihe „Black Lizard Bücher“ herausgegeben hatte. Im Vorwort gibt es übrigens noch eine Würdigung durch den auch nicht unbekannten Derek Raymond.
„Schwere Körperverletzung“ ist ein klassischer Noir über Macht, Gewalt und Verrat mit einem Ich-Erzähler, der dem Leser einen tiefen Einblick in seine seelische Verfassung bietet. In der Gegenwart der einsame Wolf, der sich in den schmerzenden Erinnerungen suhlt, seine Paranoia pflegt und langsam in den Wahnsinn gleitet. In den Rückblicken der omnipotente Gangsterboss, der mit brutaler Rücksichtslosigkeit seine Macht zu erhalten versucht und nur schwer bemerkt, wie ihm alles entgleitet. Am Ende kommt es dann doch zum Showdown im sonst so abhängtem Mabelthorpe. Alles in allem eine durchaus anregende Reise in den britischen Noir der 1970er.
- Dave Zeltserman
Small Crimes
(5)Aktuelle Rezension von: SchurkenblogJoe Denton hätte wohl nie gedacht, dass er mal die Seiten wechselt. Nach seiner Heirat mit seiner College-Liebe fängt er bei der Polizei an. Doch dieser Kleinort Bradley ist bevölkert von korrupten Bullen und in den Fängen eines Mannes, der sich mit Drogen, Wetten, Prostitution, Abzocke und Erpressung über Wasser hält. Und seinem Psychosohn. Und so landet auch Joe auf der anderen Seite der Gitterstäbe, denn seine Drogen-, Trink- und Spielsucht bleibt nicht ohne Folgen.
Bradley ist ansteckend.
Der Ex-Cop Joe Denton kommt nach 7 Jahren Gefängnis wieder frei. Er hat viele guten Vorsätze. Keine Drogen, keine Wetten, sondern ein ganz normales Leben führen und ein Vorbild für seine Töchter sein. Das wünscht er sich.
Bradley bringt Optimisten wieder auf den Boden der Tatsachen.
Nichts läuft so wie er sich vorstellt. Ein bisschen tut er dem Leser leid. So gute Vorsätze, so ein bösen Leben! Schon seine Eltern behandeln ihn wie einen gefallen Engel. Dem sie noch die Flügel stutzen müssen. Seine Opfer von damals sind auf Rache aus. Seine Frau hat sich längst auf und davon gemacht und seine Töchter kennen ihn nicht.
Erbarmungslos wird hier eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt. Erbarmungslos wird das Leben so böse gezeigt, wie es für manche Menschen wirklich sein kann. Wenn man denkt, noch schlimmer kann es nicht kommen. Es kann! Und wie!
Joe Denton ist chancenlos.
Noir vom Feinsten! Keine Hoffnungen, kein Wunder, schon gar kein Happy-End. Sondern ein hoffnungsloser Kampf um ein kleines Stück normales Leben, das einfach keine Chance bekommt. Seitenweise dunkle, böse Seiten erwartet den Leser, in denen es richtig ungemütlich zugeht. Absoluter Buchtipp für Noir-Fans! - Matthias Bieling
Der Kelch der Wiederkehr
(15)Aktuelle Rezension von: LuiseLotteWäre mir Matthias Bielings Roman „Der Kelch der Wiederkehr“ nicht im Rahmen einer Leserunde begegnet, hätte er mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nie den Weg zu mir gefunden, die ich mich zugegebenermaßen bei der Auswahl meiner Lektüre oft genug auch durch das Cover inspirieren lasse. Die für den komplex-kompliziert-verwundenen Roman, den ich auch nach beendeter, streckenweise recht mühevoller Lektüre weder dem Genre Krimi noch Thriller eindeutig zuordnen konnte, gewählte Umschlagsgestaltung empfinde ich als verunglückt und was immer darauf zu erkennen sein soll stellte, und stellt mich nach wie vor, vor ein Rätsel, lässt mich jedoch darüber nachsinnen, wie viele wirklich gute Bücher ungelesen bleiben, weil sie in einem so wenig ansprechenden Kleid daherkommen.
Nun, man sollte besser also auch den unansehnlichen Büchern einen zweiten Blick widmen, sie womöglich gerade dann zur Hand nehmen, den Covertext sorgfältig lesen, der im Übrigen den Ausschlag gab, dass ich mich näher mit Matthias Bielings Erstling beschäftigt habe, denn er ist so vollgepackt, dass ich ihn zweimal lesen musste, um eine Ahnung zu bekommen, was da auf mich als Leserin warten würde. Und genau das weckte natürlich meine Neugierde, denn der schwachen und oft irreführenden Covertexte gibt es genug!
Eine intelligente, aber nicht einfach zu lesende Geschichte, wie ich alsbald feststellte, die von mannigfachen Personen, seien es Handlungsträger oder bloße Nebenfiguren, bevölkert wird, die man erst einmal sortieren musste, um sie schließlich, nach und nach freilich, manche davon erst am Ende des Buches, einordnen zu können. Das gilt übrigens auch für die Handlung selbst! Da so viele Schauplätze aufgemacht wurden, war über weite Strecken so klar nicht, worum es eigentlich geht in dem 'Fall' – der ebenso wenig klar umrissen ist -, in den sich der Dortmunder Privatdetektiv Jupp Koslowski verbeißt, der zufällig des Weges kommt, als die Polizei einen, wie bald klar wird, ermordeten Krankenwagenfahrer auffindet, was allerdings nur der Beginn einer ungeheuerlichen Geschichte sein sollte, bei der nicht nur Jupp die Haare zu Berge stehen würden. Aus irgendeinem Grunde, vielleicht aus echtem Interesse, vielleicht wegen der schönen Augen der Witwe des Opfers, vielleicht auch nur deswegen, weil gerade Flaute herrscht in seiner Detektei, verfolgt er Spuren, die so vage sind, dass er sich eher blind vorantastet als ziel- und planvoll zu Werke zu gehen.
Ziel- und Planlosigkeit scheinen dem Detektiv, aus dessen Blickwinkel die gesamte Geschichte erzählt wird, eigen zu sein. Doch kann man dies nur mutmaßen, denn Jupp hält zwar unendlich viele und lange innere Monologe, mit denen er die Leser an seinen vielfältigen Beobachtungen teilhaben lässt, die sich zu großen Teilen auf die Physiognomie derjenigen beschränken, die ihm während seiner eher intuitiven als zielgerichteten und von handfesten Verdachtsmomenten untermauerten Ermittlungen über den Weg laufen und die vollkommen subjektiv sind, aber er selbst, seine Person und Persönlichkeit bleiben im Dunkeln. Nur scheinbar freilich, denn bei genauem Lesen – und ohne dieses würde man sich hoffnungslos verirren in dem vielschichtigen Plot mit hohem Informationswert zu den unterschiedlichsten Themen – kann man sich aus den vielen, nicht auf den ersten Blick ersichtlichen, über die Handlung verstreuten Versatzstücken ein recht schlüssiges Bild des Privatdetektivs machen, das dann aber, wie Jupps eigene Beobachtungen, natürlich subjektiv bleibt. Halten wir ihm also der Einfachheit halber zugute, dass er geschult oder sehr talentiert ist in der spontanen Einschätzung seines Gegenübers, zumal er am Ende des Romans, an dem er endlich einmal Klartext redet und sämtliche Handlungsstränge logisch zusammenführt, tatsächlich in Vielem rechtbehalten soll.
Da jede Rezension die Meinung des Rezensierenden widerspiegelt und nicht darin bestehen sollte, das zu besprechende Werk nachzuerzählen, verweise ich an dieser Stelle auf die so aussagekräftige wie aber auch verwirrende Inhaltsbeschreibung auf dem Cover, die ich wiederum als sehr geglückt betrachte, gaukelt sie dem potentiellen Leser doch, wie – und hier wiederhole ich mich – das leider nur allzu oft zu erleben ist, nichts vor, was er in dem Roman dann vergeblich sucht! Hoffnungen, die sie erweckt, werden erfüllt, freilich auf lange undurchsichtigen und labyrinthartigen Pfaden, was zum einen der Komplexität der Handlung geschuldet ist, aber zum anderen der Art und Weise, auf der der Autor seine Geschichte erzählt und die sich durchaus abhebt von der üblichen Roman- oder Krimi- oder Thrillerkost - und die ich als gewöhnungsbedürftig bezeichnen möchte. Im positiven Sinne, denn der Autor traut seinem Leser etwas zu, fordert ihn zum Mit- und Andersdenken auf, setzt seine Spannungselemente auf seine Art, ist auch, wie man in den äußerst befriedigenden Schlusssequenzen erfahren kann, immer fair dem Leser gegenüber. Keine Blindfährten und - außer Jupps langatmigen Beobachtungs- und Bewertungsmonologen – kein Wort zu viel, was bedeutet, dass auch die beim ersten Lesen unwichtig und zu vernachlässigen erscheinenden Kleinigkeiten am Rande und fast beiläufig gegebene Informationen von Bedeutung sind und sich während des Fortgangs des Geschehens nahtlos einfügen, gar wie zufällig auf den ihnen gebührenden Platz in dem großen Mosaik fallen, das der Autor durchaus genial entworfen hat, und das zu enträtseln ich zunehmend als spannende und anspruchsvolle Herausforderung betrachtet habe. Bleiben wir also neugierig auf Jupp Koslowskis nächsten Einsatz!
- John Galligan
Bad Axe County
(6)Aktuelle Rezension von: sunny-girlDas Buch spielt in einer trostlosen , abgehängten Region in Wisconsin. Alkohol und Baseball, sowie die berüchtigten Männerpartys sind die einzigen Freizeitbeschäftigungen. Interimssheriff Heidi Kick will mit dem Klüngel um den alten Sheriff aufräumen. Besonders ist ihr die Prostitution von Jugendlichen ein Dorn im Auge.
Das Buch ist spannend geschrieben. Die Trost- und Perspektivlosigkeit der Protagonisten sticht ins Auge. Nur lässt sich das Buch schwer lesen. Es gibt innerhalb der Kapitel Perspektivwechsel, die nicht mal mit einen Absatz gekennzeichnet sind. Möglicherweise liegt es aber auch an der schlechten Formatierung des e-books. Dadurch muss man aufpassen den Faden nicht zu verlieren. Auch größere Lesepausen sind kontraproduktiv. Die Sprache ist derb. Gewaltszenen und Vergewaltigungen werden detailliert beschrieben. Diese Beschreibungen erfolgen aber im Kontext der Handlung und sind kein Selbstzweck.
Nach holprigen Beginn konnte mich das Buch immer mehr fesseln, so dass ich 4 Sterne vergebe. - Sophia Verena
All die kleinen Sünden. Ein Fall für Felix Cain
(4)Aktuelle Rezension von: Eliza08Ein klassischer Noir-Krimi im Stil der 50iger Jahre sorgt für kurzweilige Unterhaltung beim Lesen. Ich bin gut unterhalten worden. In der Story es um den Privatdetektiv Felix Cain, welcher von seinem Kunden Norman Campbell beauftragt wird dessen Ehefrau nach einigen Jahren ausfindig zu machen. Nach kurzer Zeit findet er diese mysteriöse Ehefrau namens Mary und erhält alsbald einen neuen Auftrag von dieser ihre verschwundene Schwester Nora ausfindig zu machen. Cain gerät in einen äußerst verwirrenden Fall, welcher sich nicht so klar darstellt, wie er zuerst gedacht hat. Irgendetwas stimmt nicht mit seinen Auftraggebern oder hat er sich gar ganz verrannt?
Eine intensive Such nach der Wahrheit beginnt. Cain ist ein typischer Detektiv wie sich Leser einen Privatermittler aus den 50iger Jahren vorstellt. Mit Ecken und Kanten in seinem Charakter versehen agiert er manchmal am Rand der Grauzone bei seinen Ermittlungen was mir gut gefallen hat. Allerdings hätte ich mir noch ein wenig mehr charakterliche Tiefe bei ihm gewünscht. Vielleicht ist dieser Umstand auch Teil einer Strategie der Autorin um dieser Figur eine gewisse „mysteriöse Aura zu verleihen“. Als wesentliche Nebendarsteller sind neben Norman Campbell, seine Ehefrau Mary sowie Gerda zu nennen. Gerade Mary hat mir dabei am besten gefallen weiß sie doch Felix auf ihre Art zu beeinflussen und dem Roman so einen gewissen Spannungsbogen zu verleiten. Der Roman spielt im Boston der 50iger Jahre und ist für den Leser sehr gut einordbar. Der Schreibstil der Autorin ist flüssig, dialogorientiert und gut lesbar. Als Zielgruppe des Romans kommen Krimifreunde sowie Anhänger der 50iger Jahre in Betracht. Kurzweilig und spannend ist dieser Krimi durchaus empfehlenswert und sorgt für nahezu verfliegende Lesestunden.
- Antonin Varenne
Die Treibjagd
(23)Aktuelle Rezension von: GersBeaInhalt (Klappentext)
Zwei rivalisierende Familien kämpfen seit Generationen um die Herrschaft über ein gottverlassenes Nest im Massif Central. Der Revierjäger Rémi Parrot geht als einsamer Held gegen die verkrusteten Clanstrukturen vor und wirbt um die Liebe der schönen Michèle Messenet. Als er einem Umweltskandal auf der Spur ist, beginnt eine mörderische Treibjagd durch düstere Wälder und unterirdische Tunnelsysteme.
Meine Meinung
Die Courbiers und die Messenets führen ihre Provinzimperien mit harter Hand und unter rücksichtsloser Ausbeutung von Mensch und Natur. HHHhier in dem einsamen gebirgigen Gelände in Zentralfrankreich scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.
Nur wenige Menschen wagen es die beiden Familien nicht zu hofieren und Abstand zu halten.
Rémi Parrot, der Revierjäger, eine Art Aufpasser für die Wälder für die Polizei, ist wegen seiner Eigenständigkeit nicht gut gelitten bei diesen Provinzfürsten.
Als erst ein Freund verschwindet und tot aufgefunden wird und kurz darauf ein weiterer, geht Rémi der Sache auf den Grund. Die Polizei und die Gendarmerie ermitteln eher lasch.
Die fast archaischen Charaktere werden nach und nach entwickelt.
Die Geschichte wird aus Rémis Sicht geschildert.
Auf das Buch muss man sich einlassen. Wie in einem Puzzle erkennt man – wie Rémi – erst nach und nach die Zusammenhänge. Oft wird man in die Irre geleitet, weil die Dinge nicht so sind wie sie auf den ersten Blick erscheinen.
Die Überschriften der 22 Kapitel erschließen sich erst nach und nach.
Beispiele: Kapitel 1
„Zwanzig Jahre nach dem Unfall,
neun Tage nach der Entdeckung der ersten Leiche,
zwölf Stunden nach der Schießerei“Kapitel 8
„Zwanzig Jahre nach dem Unfall,
Abhängigkeit, zweiter Tag der Nachforschungen,
zweiter ZusammenstoߓTitelbild
Das düstere Titelbild mit einem Blick auf ein Flüsschen in einem Bergtal unter bedrohlich verhangenem Himmel passt genau zum Inhalt.
Fazit
5 Sterne. Lesenswerte spannende Geschichte, sehr gut geschrieben, originell.
Tipp: Anfangs über Ereignis mit Datum Buch führen, erleichert den Einstieg in das Buch.























