Bücher mit dem Tag "prager frühling"

Hier findest du alle Bücher, die LovelyBooks-Leser*innen mit dem Tag "prager frühling" gekennzeichnet haben.

22 Bücher

  1. Cover des Buches Kinder der Freiheit (ISBN: 9783404173204)
    Ken Follett

    Kinder der Freiheit

     (451)
    Aktuelle Rezension von: Monika_Brigitte

    Band III der Jahrhundertsaga

    „Wie ironisch, dachte George: Um die Türkei zu beschützen, müssen wir die Kernwaffen von dort abziehen. Außenminister Dean Rusk warnte: >>Die Sowjets können aber woanders aktiv werden, Sir, und zwar in Berlin.<< George nickte. Es war paradox, dass der amerikanische Präsident eine Karibikinsel nicht angreifen konnte, ohne die Auswirkungen zu berücksichtigen, die eine solche Entscheidung siebentausend Meilen entfernt in Mitteleuropa hätte. Die ganze Welt war für die beiden Supermächte zum Schachbrett geworden.“ (S. 362)

    Eine komplexe, vielschichtige Handlung vereint historische Eckpunkte aus 30 Jahren amerikanischer, deutscher, englischer und russischer Geschichte. Thematisch durchschreitet Ken Follett, der Stephen King des Historischen Romans, im dritten Teil seiner Jahrhunderttrilogie den Kalten Krieg von vorne bis hinten – beginnend mit dem Mauerbau 1961 (1. Kritikpunkt: Warum beginnt er nicht bei der Nachkriegszeit mit interessanten Ereignissen wie dem Aufstand vom 17. 06. 1953) über die Kubakrise und JFK, die Rassendiskriminierung in den USA und M. L. King, Ost-West-Flucht, Korruption und Intrigen im Kreml (2. Kritikpunkt: Wo bleibt die Aufarbeitung der Nazivergangenheit mit den Nürnberger Prozessen? Richtig. Nirgendwo. Auch zur Mondlandung hätte ich wenigstens eine Erwähnung erwartet) bis hin zu Glasnost & Perestroika und dem Mauerfall (3. Kritikpunkt: Bei Follett hört es sich so an, als wäre mit dem Einsturz einer betonierten Wand alles getan und alle Menschen springen in Blümchenkleidern zu >I’ve been looking for Freedom< über einen Regenbogen…Dass wir auch heute noch, zu einem Zeitpunkt, an dem die Mauer länger abgerissen ist, als sie stand, mit Ungleichheiten und Vorurteilen zwischen Ost und West zu tun haben, lässt er unbetrachtet).

    Ken Follett hat mit diesem Abschluss seiner Familiensaga des 20. Jahrhunderts wieder einen dramatischen Liebesroman kreiert. Alle Protagonisten finden wieder auf magische Weise zueinander von den USA über England und das geteilte Deutschland zur Sowjetunion. Die Stammbäume der beteiligten Familien im Anhang und in den Klappen haben wirklich geholfen mit den umfänglich vorhandenen Protagonisten umzugehen, dennoch kam ich einige Male raus. „Zu wem gehörst du jetzt? Ich dachte, du hast etwas mit dem anderen Typen am Laufen? Oh, ach ne, doch nicht.“ Nach kurzer Orientierung und vielleicht ein paar Seiten zurückblättern ging das bei mir aber wieder.

    Es muss Follett zugutegehalten werden, dass er einen komplexen historischen Zeitrahmen mit vielen politischen Strängen (mehr als in den ersten beiden Teilen der Trilogie) gut gemeistert hat. Er vereint die wichtigsten politischen Themen aus diesen 30 Jahren geschickt, immer ist ein Protagonist live im oder am Geschehen dran ganz wie bei Forest Gump – Montgomery-Bus-Boykott & Martin Luther King’s >I have a Dream<-Rede; JFK’s >Ik bin ein Berliner< -Rede & das Attentat, Vietnamkrieg, Mauerfall u.v.m.

    Die Leserinnen und Leser bekommen einen groben Überblick über politische Zusammenhänge des Ost-West-Konflikts im historischen Kontext. Die Umsetzung in Romanform erlaubt es dem Rezipienten in lockerer Atmosphäre Geschichte spannend und informativ zu erleben. Ich muss zugeben, dass ich mich mit diesem Zeitabschnitt weniger auskenne als das noch beim ersten und zweiten Teil der Fall war. Einfach, weil im Lehrplan besonderer Fokus auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mit den beiden Weltkriegen gelegt wird, da wird nach hinten heraus die Zeit knapp. Jahrgänge nach 1990 wie ich kennen sich da weniger gut aus bzw. beziehen ihre Informationen von Eltern und Großeltern. Auch gibt es mehr filmische Adaptionen über die NS-Zeit als über den Kalten Krieg. Daher bewerte ich hier besonders die Auswahl der Eckdaten, die Follett getroffen hat, und deren Zusammenspiel positiv. Gerade zur Rassendiskriminierung und der damit verbundenen Polizeigewalt in den USA konnte ich in diesem Roman etwas lernen. Leider ein immer noch hoch brisantes Thema.

    Dennoch kann ich nicht mehr als drei Sterne vergeben. Wie im Vorgängerband macht Ken Follett einen entscheidenden Fehler, über den ich nicht hinwegsehen kann. Er denkt in Schwarz-Weiß-Schemen, am Ende wird alles gut, alle Protagonisten sind glücklich, gesellschaftliche Probleme werden ignoriert. Beispielsweise sind die Stasi-Mitarbeiter so gezeichnet wie die Nazis in Teil zwei – strunz dumm. Nur einer hat es auf die Familie abgesehen und benutzt seinen Gripps komplett nur zum Schikanieren der Protagonisten. Der Roman suggeriert außerdem, dass die gesamte DDR-Bevölkerung in den Westen will, die Grenzsoldaten werden als handelnde und nicht denkende Schachfiguren bewegt. Was ist denn mit den regimetreuen intelligenten Bürgern und Funktionären? Was ist mit den Ängsten bei der Wiedervereinigung? Follett legt den Fokus besonders auf die Swinging Sixties. Das Jahrzehnt erstreckt sich auf fast 900 der 1200 Seiten, dadurch werden die anderen zwei Jahrzehnte sehr gedrängt.

    Ein großer Kritikpunkt in den Vorgängerbänden war die Häufigkeit von romantischen Bettgeschichten. Hier hat sich das etwas gelegt, Follett lässt vieles nur angedeutet. Es gibt zwar ein kleines Durcheinander, wer mit wem und wann, aber der historische Rahmen mit den Ereignissen überwiegt.

    Fazit

    KINDER DER FREIHEIT ist der Abschluss der Familiensage über das 20. Jahrhundert von Ken Follett. 30 Jahre Weltgeschichte drängen sich auf 1200 Seiten, da können nicht alle Details abgebildet werden. Als dramatische Liebesromane im historischen Setting ist die Reihe gut zu lesen. Ich empfehle, die Erwartungen nicht zu hoch zulegen. Die Leserinnen und Leser finden in diesem dritten Band einen soliden, zufriedenstellenden Abschluss.

     

    KINDER DER FREIHEIT| Ken Follett| Bastei Lübbe| 2014| 1208 Seiten| 29,99€ (Hardcover nicht mehr erhältlich; als Taschenbuch für 17,00€

  2. Cover des Buches Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (ISBN: 9783596510979)
    Milan Kundera

    Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

     (1.139)
    Aktuelle Rezension von: apirateslifef0rme

    Und diese Verwirrung habe ich in diesem Fall absolut nicht als etwas negatives wahrgenommen. Den Figuren als Außenstehende*r dabei zu verfolgen, wie sie sich und die Menschen um sich herum verletzen, geht unter die Haut. 

    Das Buch verlangt einem viel ab. Immer wieder erkennt man Charakterzüge an den Figuren, die einem seltsam bekannt vorkommen, und im nächsten Moment verflucht man die Figuren für ihre Handlungen (bei mir jedenfalls war es so). Ehe man sich versieht landet man so in der selben Ambivalenz und Verwirrung, in der auch die Figuren stecken.

    Ich habe diese unerträgliche Leichtigkeit beim Lesen gespürt, es war schlimm und faszinierend zugleich und hat mich lange nicht losgelassen.

  3. Cover des Buches Das hungrige Krokodil (ISBN: 9783865326089)
    Sandra Brökel

    Das hungrige Krokodil

     (33)
    Aktuelle Rezension von: krimielse

    Sandra Bröckel hat mit ihrem Roman „Das hungrige Krokodil“ ein historisches Kleinod geschaffen, das sich auf berührende Weise dem Prager Frühling annähert und völlig kitschfrei auf literarischem Niveau die Lebensgeschichte von Pavel Vodák erzählt. Es ist eine wahre Geschichte, was das Buch umso beachtenswerter macht.


    August 1968 rollen Panzer der damaligen Bruderländer in das sozialistische Prag, um die Reform zu zerschlagen. Das bedeutet das Ende für den Prager Frühling und damit auch für den tschechischen Arzt Pavel Vodák, der zur Gruppe der oppositionellen Reformsozialisten in Prag gehört. Auch wenn er nicht das berühmte Manifest der 2000 Worte unterzeichnete war er Teilnehmer der konspirativen Treffen und hat viele Schriftstücke verfasst.

    Die Panzer zerstören alle Hoffnungen auf Veränderung und schleudern Pavel, seine Familie und die Tschechoslowakei zurück in eine finstere und misstrauische sozialistische Ära, die für den Chef der Prager Kinderpsychiatrie äußerst gefährlich wird. Aus Sorge um sich und seine Familie wagt Pavel die Flucht über Jugoslawien, mit seiner Frau Vera, seiner Tochter Pavli und seiner Schwiegermutter.


    Eine Arzttasche gefüllt mit Dokumenten sind der Schatz, den die Autorin Sandra Bröckel für ihr Buch als Basis benutzt hat. Die Tasche voller Lebenserinnerungen des Prager Arztes Pavel Vodák bekam sie von ihrer Freundin Paula alias Pavli, der Tochter von Pavel. Das hungrige Krokodil als gefährliches Symbol, das man nicht füttern darf und das nur scheinbar träge schläft, stammt aus den Aufzeichnungen Pavels und wird im Roman als kraftvolles Bild verwendet.


    Schon als Kind erlebt Pavel die Schrecken der Diktatur der Nazizeit. Später unmittelbar nach dem Krieg, als Student der Medizin in Prag, arbeitet er als ärztlicher Helfer in Theresienstadt, dem ehemaligen Konzentrationslager nahe Prag, wo er seine Frau Vera kennenlernt. Das Schwert kehrt sich nun um für den jungen deutschstämmigen Pavel, der noch völlig paralysiert von den Schrecken, wozu Menschen fähig sein können, in Prag erleben muss, wie Tschechen Deutsche umbringen. Als mit den Sowjets kommen muss Pavel sich vor dem Russischen Bären und seinem Uniformismus in Acht nehmen, bis unter Alexander Dubček im Frühling 1968 vorsichtige Reformen möglich zu sein scheinen. Pavel schließt sich begeistert der Gruppe Oppositioneller in Prag an und unterstützt durch seine Arbeit das „Manifest der 2000 Worte“, unter den ängstlich-besorgten Blicken seiner Frau Vera, die unter den Russen nicht weiter Medizin studieren durfte.

    Nur zufällig gehört Pavel nicht zu den Unterzeichnern des Manifests, und er wird in den nachfolgenden Jahren vielfach von der nunmehr strengeren Diktatur bedroht und reglementiert. Schließlich sieht er in der Flucht die einzige Möglichkeit, der drohenden Verhaftung zu entkommen und seiner Tochter Pavli ein Studium zu ermöglichen.


    Das Verlassen der Heimat als einzigen Weg, ein freies Leben ohne Angst zu führen, ist ein zeitlos aktuelles Thema. Leise und sehr eindringlich erzählt Sandra Bröckel die Geschichte Pavel Vodáks und seiner Familie, die Geschichte des Prager Frühlings und dessen Zerschlagung. Spannend und dramatisch, gut lesbar jedoch völlig ohne Kitsch und Rührseligkeit konnte ich das Buch kaum weglegen. Die Geschichte macht nachdenklich und regt zu weiterer Recherche an, Das Buch damit ist ein wertvolles Steinchen im historischen Puzzle des vergangenen Jahrhunderts, das einen sehr persönlichen und authentischen Blick auf die Entwicklung der Tschechoslowakei vom zweiten Weltkrieg bis zur Öffnung der Grenze 1989 wirft und dabei historische Geschehnisse wie die Entstalinisierung mit der Sprengung des monströsen Stalinmonuments in Prag oder die Selbstverbrennung des Studenten Jan Perlach am Ende des Prager Frühlings einbezieht. Lebensechte Charaktere geben der Geschichte großes Gewicht, die persönliche Sicht Pavel Vodáks auf die Ereignisse funktionieren für dieses Buch ebenso hervorragend wie das Bild des hungrigen Krokodils, das sich wie ein Faden als Ausdruck für schlummernde immer anwesende Gefahr durch den Roman zieht.


    Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, und von mir gibt es großen Applaus für die spannende, authentische, interessante, komplexe tatsachenbezogenen und hervorragend recherchierte Umsetzung der Thematik, die es schafft, sehr zu berühren ohne kitschig zu werden. Ich wünsche dem Buch viele Leser und vergebe begeistert volle fünf Lesesterne.


    Danke an den Pendragon-Verlag für die Möglichkeit, an einer Leserunde mit der Autorin teilzunehmen, das war für mich ein äußerst erhellendes und sehr bereicherndes Erlebnis.


  4. Cover des Buches Himmel über London (ISBN: 9783442743810)
    Hakan Nesser

    Himmel über London

     (75)
    Aktuelle Rezension von: patrick2804

    Leonard Vernim ist todkrank und lädt zu einem letzten Abendessen. Der Tisch ist für sechs Personen gedeckt, nur wer sind die zwei Personen, die bis auf den Gastgeber nach keiner kennt. Gleichzeitig macht ein Serienmörder die Stadt unsicher.

    Bisher kannte ich Hakan Nesser als Autor von Krimis, die mal Spitze, mal nur Durchschnitt waren. Deshalb habe ich Himmel über London irgendwann als Schnäppchen mit nach Hause gebracht. Nach einiger Zeit auf dem SUB war es jetzt soweit. Vor dem Lesen dann die Erkenntnis, dass Roman und eben nicht Krimi auf dem Umschlag steht. Egal? Ja, egal! Denn die Reise, auf die Hakan Nesser mich mitgenommen hat, war sehr unterhaltsam, sehr spannend und sehr doppelbödig. Da musste ich auch mal um die Ecke denken. Die Menschen sind allesamt gefangen in ihrer eigenen Welt; machen ihre Pläne, ohne daran zu denken, dass der Erzähler die Erzählung lenkt, oder lenkt doch die Erzählung den Erzähler? Am Ende sieht man sie alle vom Leben geschlagen und der Autor steht daneben und lacht sich eins.

    Ein eigenwilliger Roman, der zeigt, wie gut der Autor Hakan Nesser eigentlich ist. 

    Achso, fast vergessen: Der oben genannte Serienmörder verschwindet in einem Nebenstrang und trotzdem ist er ungeheuer wichtig für das Ende des Romans.

  5. Cover des Buches Pavel und ich (ISBN: 9783865326737)
    Sandra Brökel

    Pavel und ich

     (14)
    Aktuelle Rezension von: parden

    EIN ERSTAUNLCH PERSÖNLICHES BUCH...

    Zwei Länder, zwei Generationen und zwei völlig verschiedene Menschen. Die Autorin Sandra Brökel ist ein Adoptivkind, auf der Suche nach ihren Wurzeln. Bei ihren Recherchen zum Thema stößt sie schließlich auf ein Buch aus den 1960ern. Autor ist der Prager Kinderarzt und Psychiater Dr. Pavel Vodák. In ihrer Kollegin und Freundin Paula entdeckt sie viele Jahre später überraschend Pavel Vodáks Tochter. Und nicht nur das: Paula hütet das Lebenswerk ihres Vaters, ein umfangreiches Manuskript. - Sandra Brökel zeigt eindrucksvoll, auf welch außergewöhnliche Weise zwei Menschenleben miteinander verbunden sein können. Ein bewegendes Buch über die Suche nach der Bedeutung von Heimat und dem eigenen Seelenfrieden. 

    Dieses Buch entstand nach dem erfolgreichen Roman "Das hungrige Krokodil" und erzählt von den Hintergründen der Entstehung besagten Romans. Erwartet hatte ich, von Begegnungen zu lesen, von einer umfassenden Recherchearbeit, vom Schreibprozess. Nun ja, diese Erwartungen wurden durchaus erfüllt - aber anders als vermutet.

    Sandra Brökel scheut sich nicht, sich als Autorin und vor allem als Mensch mit in die Erzählung einzubeziehen. So erfährt der Leser einiges aus ihrem aktuellenLeben,  aber auch manches aus ihrer Vergangenheit - als adoptiertes Kind hat sie sich spät auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern gemacht und sie auch gefunden. Diese Begegnungen verliefen teilweise erfreulich, z.T. aber auch enttäuschend - und haben doch allesamt dafür gesorgt, dass die Autorin ihre Wurzeln fand und dadurch im Leben mehr zur Ruhe kam.

    Auf den Arzt Pavel Vodák stieß Sandra Brökel erstmals im Rahmen ihrer Suche nach Literatur über adoptierte Kinder und deren Eltern. Leider waren die Bücher, die der Prager Arzt zu diesem Thema verfasst hatte, ausschließlich auf Tschechisch, so dass sich Sandra Brökel anderen Arbeiten zuwandte. Durch einen großen Zufall erfuhr sie Jahre später, dass ihre beste Freundin und Kollegin die Tochter ausgerechnet dieses Arztes war. 

    Auch die Freundin, Pavli, Paula, Paulchen genannt, hatte mit dem Thema "Entwurzelung" zu kämpfen und alte Verletzungen aufzuarbeiten - schließlich floh Pavel Vodák 1970 mit seiner Familie aus der Tschechoslowakai nach Deutschland und entriss das Kind dem, was es bis dahin selbstverständlich als Heimat angesehen hatte. Und im Rahmen der gemeinsamen Aufarbeitung von Pavlis nicht einfacher Lebensgeschichte überließ diese der Autorin schließlich einen Koffer voller Dokumente: die Aufzeichnungen Pavel Vodáks über sein Leben. 


    "Oft frage ich mich: Sind es meine Gedanken oder Pavels? Es war sein Leben. Auf gewisse Weise verschmelzen wir in dem Buch, seine Gedanken tragen jetzt meine Handschrift." (S. 121)


    In einfacher Sprache aber dennoch eindringlich und stellenweise auch sehr berührend schildert Sandra Brökel ihre Verbundenheit mit dem Prager Arzt Pavel Vodák sowie mit seiner Tochter Pavli bis zu deren plötzlichem Tod. Sie schildert Episoden gemeinsamer Vergangenheitsrecherche, die Spurensuche in Prag, Begegnungen mit Menschen und vor allem Empfindungen. Die Stimmung in einem bestimmten Café in Prag, die Kreativität und Hartnäckigkeit bei der Suche nach Originaldokumenten, die Verbundenheit der Autorin auch zu der Stadt Prag selbst - all dies fließt wie nebenher ein.

    Die Verquickung der Erzählung rund um den Entstehungsprozess des Romans mit persönlichen Anteilen der Autorin hat mir sehr gut gefallen. Keine Nabelschau, glücklicherweise, sondern gerade die richtige Dosis, um deutlich zu machen, wie hilfreich und notwendig es für Sandra Brökel war, genau diesen Roman "Das hungrige Krokodil" zu schreiben - und wie anstrengend. Nach gerade einmal zehn Wochen war der gesamte Roman beim Verlag, eine unglaubliche Leistung.


    "Pavel Vodák träumte zu Lebzeiten von einem Buch über sein Leben, hautnah erlebte europäische Geschichte. Nicht, um sich als Schriftsteller zu profilieren, sondern um eine Botschaft zu verbreiten. (...) Ich lernte viel über Mut und Geduld, über Schuld und Verzeihen." (S. 128)


    Wer den Roman "Das hungrige Krokodil" liest (unbedingt empfehlenswert!), der sollte sich im Anschluss mit diesem ergänzenden Buch belohnen. Hier erfährt der Leser wissenswerte Hintergründe, taucht tiefer in einige Details des Romans ein und gibt der Perspektive der Tochter von Pavel Vodák Raum, was das Bild letztlich rund macht.

    Für mich eine lohnenswerte Lektüre...


    © Parden

  6. Cover des Buches Der Scherz (ISBN: 9783423125215)
    Milan Kundera

    Der Scherz

     (77)
    Aktuelle Rezension von: Beust

    Am 28. November 2019 wurde Milan Kundera wieder tschechischer Staatsbürger – 40 Jahre, nachdem ihn die Staats- und Parteiführung der CSSR ausgebürgert hatte, weil sich der Schriftsteller des wiederholten antikommunistischen Dissidententums schuldig gemacht hatte. Mit einem völlig ahnungslosen Gespür für den richtigen Zeitpunkt war dies genau der Tag, an dem ich den „Scherz“ von Kundera ausgelesen hatte – sein Erstling, für den ihn die Parteiführung aber wahrscheinlich auch schon hätte aus dem Land werfen mögen.

    „Der Scherz“ ist eine aus der Laune heraus abgesendete Postkarte des aktivistischen Studenten Ludvik, der damit eigentlich die Hundertfünzigprozentige Markéta provozieren wollte, aber eigentlich nur sein eigenes Leben zerstörte: Von der Uni, aus der Partei und ins Arbeitslager geworfen, landet Ludvik sogar im Gefängnis, weil er nicht begriffen hatte, dass der kommunistische Aufbruch der tschechoslowakischen Gesellschaft etwas Totalitäres hatte. Und Fanatiker wie Totalitaristen haben eines gemeinsam: Sie verstehen absolut keinen Spaß. Ludvik kann sich damit nicht abfinden und hegt einen Hass auf jene, die ihn weiland verstießen. Um diesen Hass in Rache zu verwandeln, verabredet er sich mit Helena in seiner Geburtsstadt, wo er sich an ihr stellevertretend für ihren Gatten rächen will. Kein schöner Zug – wie überhaupt Ludvik kein Sympath ist. Einerseits erregt sein Schicksal in der kommunistischen Unterdrückungswelt der 1950er Jahre das Mitleid des Lesers, immerhin fühlt man seine Machtlosigkeit angesichts des Apparats, den andere besser bedienen können. Anderseits ist Ludvik ein gnadenloser Egoist – was ironischerweise sogar einer der Parteivorwürfe gegen ihn ist.

    Von den letzten zwanzig Jahren zwischen Ludviks „Scherz“ und der Handlung in seiner Geburtsstadt erzählen sieben Kapitel, die aus der Sicht von Ludvik, Helena, Jaroslaw und Kostka geschrieben sind. Geschickt komponiert Kundera die Sichtweisen der handelnden zusammen – oder besser: gegeneinander. Man versteht, dass Jaroslaw, der idealistische Volksmusiker, der nach dem Urgrund der tschechoslowakischen Seele tauchen will, und Ludvik Gegenpole ein und desselben individuellen Scheiterns im falsch aufgezogenen Kommunismus sind. Helena und Kostka hingegen finden ihre Nischen und dort so etwas wie Glück: in Naivität oder festem Christenglauben.

    Kunderas Roman erschlägt einen fast mit seiner Dichtigkeit: Man hat das Gefühl, zwischen den Zeilen und Worten sei gar kein Platz mehr für etwas anderes. Wie eine feste Walze überfährt einen die Erzählung bunt, gnadenlos, empathisch, gefühlvoll und klug. Nach der „Unerträglichen Leichtigkeit des Seins“ ist dies meine zweite Kundera-Erfahrung, die ich noch weitaus intensiver empfand.

    Dennoch ziehe ich einen Stern von der Wertung ab, weil mir die Frauenfiguren nicht gefallen. Alle – Lucie, Helena, Jaroslaws Frau Vlasta – sind schwach und dienen den handelnden Männern stets dazu, sich als Beschützer, Retter oder Gestalter ihrer eignen, männlichen Welt aufzuspielen. Möglicherweise schimmert hier die virile Welt der Altvorderen noch hindurch?

    „Der Scherz“ jedenfalls meint es ernst und geht unter die Haut.

  7. Cover des Buches Sag, dass es dir gut geht (ISBN: 9783957712042)
    Barbara Bišický- Ehrlich

    Sag, dass es dir gut geht

     (5)
    Aktuelle Rezension von: Anni121

    Durch eine Dokumentation im Fernsehen bin ich auf dieses Buch aufmerksam geworden und wollte es danach unbedingt lesen.

    Die Familiengeschichte von Barbara Bisicky-Ehrlich empfand ich als sehr eindrucksvoll, aber auch als sehr bedrückend, denn gerade die Schilderungen der Erlebnisse ihrer Familienangehörigen in den verschiedenen Konzentrationslagern sind unvorstellbar.

    Der Einblick, den uns die Autorin in ihre Geschichte und die Erlebnisse, die mehrere Generationen ihrer Familie nachhaltig geprägt haben, gewährt hat emfpand ich als sehr bemerkenswert.

    Besonders die letzten Kapitel waren sehr ergreifend und haben mich auch sehr berührt. Es steckte sehr viel Gefühl in diesen Zeilen und das hat man auch gespürt.

    Der Schreibstil der Autorin war sehr angenehm und flüssig zu lesen.
    Am Anfang des Buches ist ein Stammbaum der Familie abgebildet, sodass man die genannten Personen gut zuordnen kann.
    Auch sind sehr viele Familienfotos und Dokumente enthalten, die im eBook leider nicht so gut zu erkennen sind, weshalb ich hier das gebundene Buch als sehr gute Investition ansehen würde.

    Für mich eine sehr bewegende und berührende Familienchronik.


  8. Cover des Buches Vanek-Trilogie (ISBN: 9783499127373)
    Václav Havel

    Vanek-Trilogie

     (1)
    Noch keine Rezension vorhanden
  9. Cover des Buches Der Tangospieler (ISBN: 9783518745526)
    Christoph Hein

    Der Tangospieler

     (18)
    Aktuelle Rezension von: rose7474

    Der Schreibstil hat mir gut gefallen und die Geschichte war wirklich interessant. Doch leider gab es Längen und das Ende war sehr abrupt. Ich fand es war nicht der beste Roman von Christoph Hein. 

    Daher vergebe ich 3 1/2 Sterne. 

  10. Cover des Buches Richter in eigener Sache (ISBN: 9783552048317)
    Ivan Klíma

    Richter in eigener Sache

     (2)
    Aktuelle Rezension von: Beagle
    Der Richter Adam Kindl steht vor einem schwerwiegenden Problem – er soll das Verfahren gegen den Doppelmörder Karel Kozlik leiten, der in der Wohnung, in der er zur Untermiete gewohnt hat, das Gas aufdrehte und somit seine Vermieterin und deren Enkelin tötete. Ein umfassendes Geständnis liegt vor, wodurch von Adam stillschweigend die Todesstrafe für den jungen Mann gefordert wird. Dieser ist der Richter aber abgeneigt, hat er doch schon vor ein paar Jahren Artikel für eine Zeitschrift verfasst, in der er sich entschieden gegen die Todesstrafe in der Tschechoslowakei aussprach. Und seit dieser Zeit hat er auch Probleme, sein Amt zu halten, was ihm nur noch mit Hilfe von wohlmeinenden, einflussreichen Freunden gelingt, denn den Kommunisten ist er dadurch ein Dorn im Auge. Mit dem Verlangen soll er nun wieder gutmachen, was er sich damals mit den Artikeln eingebrockt hat. Adams Abneigung gegen die Todesstrafe führt daher, dass er als Jude seine frühe Kindheit im KZ verbringen und zusehen musste, wie dort seine Freunde und Mitgefangene nach der Reihe in die Gaskammer geführt wurden. Und wieder ist es Gas! Aber, kann man Gerechtigkeit schaffen, wenn man die selbsternannten Henker ebenfalls zum Tode verurteilt? Mit diesen schweren, beruflichen Konflikten belastet, flüchtet er sich privat in eine andere Welt. Zwar sind seine denunzierten Freunde „kein Umgang“ mehr für ihn, denn immer wieder wird er von der Staatssicherheit dazu angehalten, sich nicht mehr mit diesen Quertreibern zu umgeben, was einem hohen Richter nicht zustößt, der das Volk vertritt, aber Adam verzichtet doch nicht darauf. Im Gegenteil, immer wieder hilft er seinen Freunden, wo er nur kann. So auch seiner ersten Geliebten Magdalena, deren Ehemann nun aus dem Schuldienst entlassen werden soll. Um die Bestechungsgelder beschaffen zu können, muss Magdalena die wertvollen, von ihrem Vater geerbten Bücher hergeben, wofür Alexandra, die Frau von Adams Freund Oldrich, einen Käufer findet. Alexandra ist dabei so anders als Adams Ehefrau Alena, sie ist lebensfroh und überhaupt nicht häuslich, ihre Sprache und Vorstellungen sind nicht so steif und intellektuell, sie ist Künstlerin, und zieht Adam schon bald in ihren Bann, eine wilde Affäre beginnt. Aber, während Adam die leidenschaftliche Alexandra genießt, hat Alena ein kurzes, irgendwie ungewolltes Abenteuer mit einem Studenten, den sie auf einem Kongress der Bibliothekare kennenlernte. In regelmäßigen Abständen zeichnet Ivan Klima in seinem Roman „Richter in eigener Sache“ die Abgründe und verzwickten Verwicklungen der einzelnen Protagonisten auf, deren Leben sich in gewisser Weise zu gleichen scheint, aber jeder lebt es anders aus. Es ist Resignation, Angst vor dem Verschwinden, vor dem gesellschaftlichen Abstieg und dem über allem wachenden kommunistischen Regime. Geschickt führt er die einzelnen Personen zusammen, um sie sich dann doch wieder entfremden zu lassen. Ein brillantes Buch über die Situation in der damaligen Tschechoslowakei und auch eine gut beschriebene, verworrene Geschichte über Liebe, Leid, Eifersucht und Machtspielen. Die Figur des Richters wird immer wieder mit Selbstzweifeln und der Moral konfrontiert, während andere ihren Alltag scheinbar im Griff zu haben scheinen. Sehr gut ist auch die Einteilung der verschiedenen Kapitel, denn es wird immer wieder abwechselnd aus der Gegenwart und (mit Adam als Ich-Erzähler) die Vergangenheit aufgearbeitet. Langsam führt Ivan Klima das Vergangene und das Jetzt zusammen und Vieles wird erst zum Ende des Buches wirklich klar. Leider ist es nur noch antiquarisch erhältlich.
  11. Cover des Buches Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (ISBN: 9783866043978)
  12. Cover des Buches Wo die Würfel fallen (ISBN: 9783423400862)
    Wolfgang Seidel

    Wo die Würfel fallen

     (1)
    Noch keine Rezension vorhanden
  13. Cover des Buches Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag (ISBN: 9783596189762)
    Jan Faktor

    Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag

     (22)
    Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer

    INHALT: Dieser Apparat, von dem gleich zu Beginn und auch später immer wieder die Rede ist, gehört Georg, der inmitten einer bunten Schar von Tanten und Großmüttern im Prag der 1950er und 60er aufwächst. In dieser östrogengeschwängerten Atmosphäre voller unbehandelter Kriegstraumata und verqueren Regeln tut er sich mit dem Erwachsenwerden sichtlich schwer. Hinzu kommt der gesellschaftliche und politische Zerfall der Tschechoslowakei in den wirren Zeiten des Prager Frühlings, der ihm zusätzlich die Illusionen nimmt. Georg weiß nicht so recht, wohin im Leben. Er weiß nur eins: Er muss raus aus der Prager Enge. Als er alt genug ist, flieht Georg in die slowakischen Berge und führt dort eine Art Einsiedlerexistenz, doch die familiären Bande reichen auch bis in den letzten Winkel der Republik und ziehen ihn nach einer kurzen Zeit der Freiheit zurück in den Sippensumpf.

    FORM: Jan Faktor (*1951) versammelt in diesem Erinnerungsroman eine nicht enden wollende Zahl von Anekdoten und Charakteren, schreibt mit ungebremster Fabulierwut und würzt alles mit einem gehörigen Schuss Humor. Die Spanne der Gefühlsregungen beim Leser reicht dabei weit: Wenn man sich über die brutalen Sitten unter den Müllmännern von Prag noch vor Lachen auf die Schenkel klopft, vergeht einem Spaß bei den überaus genauen und zahlreichen Beschreibungen diverser Körperöffnungen. (Man liest aber doch begierig – es ist wie ein Unfall.) Spätestens jedoch bei den Erinnerungen der Frauen an das KZ Groß-Rosen entsteht zwischen all den saftigen Zoten eine unerwartete Tiefe, die betroffen macht. Im letzten Viertel zieht der Autor bei einer Reise Georgs mit seiner Mutter zu ihren alten Leidensorten und durch das sächsische Hinterland nochmal alle Register der Schreibkunst – meines Erachtens der stärkste Teil des Romans.

    Faktor deckt also alle Ansprüche an einen Roman ab, den man gemeinhin als gelungen bezeichnen möchte, verzettelt sich aber in der puren Masse, die er seinem Leser zumutet – nach der letzten Seite ist man so voll, dass einem beim bloßen Gedanken an einen Nachschlag schlecht werden kann. Das Ende ist dann auch eher ein Abbruch der Anekdoten als ein klassisches Beenden irgendeines Handlungsbogens, worüber ich, erschöpft und satt, nicht traurig war.

    Eins jedoch ist unbestreitbar: Jan Faktor ist ein stilsicherer Satiriker, der auf hohem Niveau ein Sittengemälde einer ganzen Epoche einfangen kann. Ein Blick in die Bibliografie Faktors verrät, dass ihn sein Alter Ego Georg schon seit mehreren Jahr(zehnt)en begleitet. Vielleicht folgt ja irgendwann eine Fortsetzung über die Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs; ich würde, auch mit dem Ausblick auf schmerzendes Völlegefühl, wieder zugreifen.

    FAZIT: Dies war meine zweite Lektüre dieses Brockens von einem Roman und ich gestehe: Ich hatte im Vorfeld gehörigen Bammel, gepaart mit einer gewissen Unlust, weil ich wusste, was mich erwartet. Beim ersten Durchgang vor etwa fünf Jahren war ich ähnlich begeistert, aber auch ähnlich gemästet. Ich wollte für meine dbp-Shortlist-Challenge aber keine Rezension aus der Erinnerung zaubern, also nochmal ran den Schinken. Mein Urteil lautet somit (damals wie heute): Schwer verdaulich aber lesenswert – 4 Sterne.

    *** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich über Euren Besuch ***

  14. Cover des Buches Böhmen ist der Ozean (ISBN: 9783218011051)
    Rhea Krčmářová

    Böhmen ist der Ozean

     (11)
    Aktuelle Rezension von: Corsicana
    Es gibt sie. Diese Bücher, die besonders sind. Und einen besonderen Platz im Bücherregal verdienen. Und in die man immer wieder einmal reinschaut. Und eine Geschichte noch einmal  liest. Um sie vielleicht noch etwas besser - oder anders - zu verstehen. 

    Solch ein Buch ist  "Böhmen ist der Ozean".
    Erzählt wird von Böhmen und vom Exil. Von Wasserwesen und Irrlichtern. Von Dissidenten und vom Fall des Eisernen Vorhangs. Poetisch, voller Bilder und Mythen.

    Das verbindende Element ist das Wasser.
    Weitere Verbindungen sind schwerer zu erkennen. Vielleicht würden tiefere  Kenntnisse  der böhmischen Mythologie helfen? Aber genießen kann man die Sprache auch einfach so. 
  15. Cover des Buches Ich dachte an die goldenen Zeiten (ISBN: 9783866155268)
    Bohumil Hrabal

    Ich dachte an die goldenen Zeiten

     (10)
    Noch keine Rezension vorhanden
  16. Cover des Buches Der Friede im Osten : Viertes Buch: Nahe der Grenze. (ISBN: 9783354001572)
    Erik Neutsch

    Der Friede im Osten : Viertes Buch: Nahe der Grenze.

     (3)
    Aktuelle Rezension von: Heike110566
    Dieser bislang letzte Teil der Roman-Serie erschien 1987. An der Grenze der DDR zur CSSR liegen die Bataillione der NVA. Die Truppen des Warschauer Paktes sind in die CSSR eingerückt, nachdem dort der Sozialismus ins Wanken kam. Es ist das Jahr 1968 - Achim Steinhauer, der inzwischen als Gleisbauer, Fernfahrer und Vogelbeobachter gearbeitet hat, hatte eine Erzählung erfolgreich verlegt und war nun zu Lesungen bei der NVA eingeladen worden. Als Fernfahrer war er auch viel in der Tschechoslowakei und ihn interessiert, was dort vor sich geht. - Die Stimmung im Lager ist gespannt. Selbst unter den Offizieren ist der Einmarsch in das Nachbarland umstritten. Achim beobachtet die Situation genau. - Aber: ihm beschäftigen auch andere Sachen. Zuhause sitzt Ulrike, seine Frau, mit vier Kindern. Den beiden eigenen und den zwei von Frank und Ilse Lutter. - Ilse war kurz vor Achims Abreise plötzlich gestorben und Frank hat seine Kinder bei dem alten Freund untergebracht. Der Roman unterscheidet sich im Aufbau von den Vorgängern. Die Ereignisse im NVA-Camp bilden einen Rahmen, das erste und das letzte Kapitel aowie eines in der Mitte. Dazwischen werden die letzten Jahre, die Jahre zwischen Mauerbau und diesem Prager Frühling 1968, rückbetrachtet. Dabei insbesondere die Entwicklung von Frank Lutter. Franks Entwicklung war konstant auf der Karriereleiter nach oben gegangen. Dafür stieg er aber auch über alles hinweg, was ihn behinderte und nahm keine Rücksichten. Auch nicht gegenüber der Familie. Inzwischen war er in der SED-Bezirksleitung Halle stellvertretender Wirtschaftssekretär, seine Frau kümmerte sich um den Haushalt und die Kinder. Nur wenn es Probleme mit den Kindern gab, dann wurde er familiär. Aber nicht durch Liebe und Zuwendung, sondern Schläge. Für ihn war es selbstverständlich: die Kinder müssen so toll werden wie er. - Aber: es kam zunehmend anders. Der heranwachsende, inzwischen pubertierende Robert schließt sich einer Clique Rowdys an, wird kriminell und findet den Sozialismus Mist. Prügelt sich bei Fussballspielen, klaut ein Motorrad, lamdet schließlich vor Gericht mit der Clique.. Auch Franks kleinere Tochter beginnt zu stehlen, wird in der Kaufhalle dabei erwischt und klaut sogar der Mutter Geld aus der Handtasche. - Frank sieht die Schuld einzig bei Ilse, seiner Frau. Sie habe als Mutter versagt. Es sei ihr Job gewesen alles in Ordnung zu halten, während er für die Partei alles tat. Schuld bei sich suchen, das kennt Frank nicht. Selbst dass er fremd geht, mit Lina Bonk, seiner ehemaligen Kommilitonin, sieht er als richtig und normal. Doch dann kommt es zum Knick. Frank hatte spekuliert Wirtschaftssekretär der SED-Bezirksleitung zu werden. Er wird übergangen und ihm wird eine Frau auf diesen Posten vor die Nase gesetzt. Er ist erbost, macht das Verhalten seines Sohnes dafür verantwortlich und seine Frau, die versagt habe. Fehlverhalten bei sich sieht er nicht. Seine Frau begeht Selbstmord. Aber: statt nun Frank aufwacht, zieht er auch noch über sie nach dem Tode her. Was sie sich bloß dabei gedacht habe sich zu töten? Hat sie denn gar nicht an ihn gedacht und seine Funktion und Stellung in der Partei? Was der Autor in diesem Band zur Sprache bringt, ist die wachsende Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Funktionsträger und der SED auch selber. Deutlich wird: Kommunisten sind nicht bessere Menschen, nur weil sie sich Kommunisten nennen. Dabei gerät die These, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, der Mensch Produkt seines Daseins, auch ins Wanken. Auf den ersten Blick zumindest. Die Kinder von Lutter werden nicht automatisch passgerechte Vorzeigekinder, nur weil Papa SED-Funktionär ist. Und deutlich wird auch in diesem Roman: die moralische Verlogenheit der SED-Bürokraten. Frank ist da das Paradebeispiel: öffentlich moralisch top, privat ein Kinderschläger und Ehe-Fremdgeher. Hier wird dann doch, bei genauerer Betrachtung, wieder klar: Marx hatte doch recht! - Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Der Mensch wird entscheidend mitgeformt durch seine Daseinsbedingungen. - Die Kinder von Frank und Ilse entwickeln sich so, wie sie es tun, weil sie genau in dem Setting leben, wie sie leben. - Auch der Selbstmord von Ilse ist folgerichtig. - Der karrieregeile Frank Lutter hat für diese Bedingungen gesorgt, die zu dem Geschehenen führten. Und auch er ist Produkt seiner Umwelt. Ihm wurden nie Grenzen gesetzt. Seine Karrierestrebsamkeit, besser gesagt: sein der SED-Führung sich anpassendes Wendehals-Verhalten, immer wieder mit neuen Posten bedacht. Neutschs Handlung spielt zwar in den 1960er Jahren, aber was er in diesem Buch darstellte bezüglich den Werten, war auch für 1987, dem Erscheinungsjahr des Romans, zutreffend. - Ein sehr interessantes Buch.
  17. Cover des Buches Der Mann, der Hunde liebte (ISBN: 9783293404830)
    Leonardo Padura

    Der Mann, der Hunde liebte

     (12)
    Aktuelle Rezension von: Jossip

    Ein episches Werk, das mit Geschichte satt lockt. Spanischer Bürgerkrieg, Stalins Moskau, Trotzki im Exil quer durch die Welt.
    Und doch ist es im Zentrum eine große Auseinandersetzung mit den Irrungen des Kommunismus. Wohin führt das unbedingte Wollen, wenn alle "Ketten gesprengt" sind. Die beiden Hauptpersonen, Trotzki und sein Mörder, müssen sich immer wieder fragen, welche Grenzen sie überschritten haben, ob ihr Handeln noch mit ihren Zielen und Hoffnungen übereinstimmt. Wie die Diktatur des Proletariats bei beiden ihre Kreise zieht, beschreibt Padura mit großer Tiefe.
    Der Spannungsbogen - alles läuft auf das Grande Finale mit der Ermordung Trotzkis hinaus - gerät dabei manchmal etwas flach. Doch dann halten die großartig und empathisch gezeichneten Darsteller die Leselust oben.
    Man hält die 700 Seiten aber nur durch, wenn man Interesse an den historischen und politischen Ereignissen der beschriebenen Zeit mitbringt.
  18. Cover des Buches Aus dem Sinn (ISBN: 9783548608129)
    Emma Braslavsky

    Aus dem Sinn

     (9)
    Aktuelle Rezension von: Ruth_liest
    Wofür eine Stadtbibliothek gut ist? In die Stadtbibliothek ziehen über die verschlungenen Wege der Bürokratie auch Werke ein, die in den Feuilletons selten wahrgenommen werden. Hierzu gehört der Roman "Aus dem Sinn" von Emma Braslavsky. Die junge Autorin erzählt die Geschichte einer Gruppe von Sudetendeutschen in Erfurt, die im Jahr 1969 nach den Sternen der Freiheit greifen und von den Mühlen des Sozialismus zerrieben werden. Am Ende stehen Selbstmord, Lagerhaft oder der Verlust des Gedächtnisses in Folge von psychiatrischen Experimenten auf Befehl der Staatsmacht. Ein trauriges Buch? Sicher, aber auch eine Erzählung voller Humor und Empathie für die Heimatlosen, für die Möchtegern-Helden, die Mitläufer, die Ohnmächtigen, die Zweifler und die Verzweifelten. Ich freue mich schon auf das nächste Buch "Das blaue vom Himmel über dem Atlantik“.
  19. Cover des Buches Die Kinder von Odessa (ISBN: 9783404921669)
    Irina Ratuschinskaja

    Die Kinder von Odessa

     (2)
    Noch keine Rezension vorhanden
  20. Cover des Buches Wie der Milchmann uns vor dem Verderben rettete (ISBN: 9783453351578)
  21. Cover des Buches Deutsche Legenden (ISBN: 9783862842216)
    Lars-Broder Keil

    Deutsche Legenden

     (1)
    Noch keine Rezension vorhanden
  22. Cover des Buches Karambolagen (ISBN: 9783548364940)
    Hellmuth Karasek

    Karambolagen

     (6)
    Aktuelle Rezension von: Peter_Waldbauer

    Das ideenärmste Buch, das man sich vorstellen kann. Karasek zählt einfach alle prominenten Namen auf, die er in seinem Journalistenleben kurz gestreift hatte. Billy Wilder, über den er eine Biographie geschrieben hatte, gleich dreimal. Steven Spielberg, Günter Grass (zweimal), Peter Handke, Friedrich Dürrenmatt, Heinz Rühmann, Romy Schneider, Marlene Dietrich, Wolf Biermann, Helmut Kohl und andere.

    Aggressives Namedropping, getragen von Geltungsbedürfnis, denn die kurzen Essays von zwei, drei Seiten sind an Banalität kaum zu überbieten. Zwei Fälle seien hierfür exemplarisch gewählt.

    Seine Begegnung mit Brigitte Bardot beschränkte sich darauf, dass er sie, den Wunschtraum seiner Jugend, beim Urlaub in St. Tropez einmal am Strand von weitem gesehen habe. Von weitem!

    Laut Karasek habe B.B. ihm zugenickt und gelächelt. Oder hat Karasek sich dies nur eingebildet? Haben zwanzig Jahre die Erinnerung womöglich verklärt?

    Karasek schlief auch nicht im Bett von Marilyn Monroe, wie er in der Kapitelüberschrift suggeriert. (Schon gar nicht gleichzeitig mit ihr, wie mancher Leser vielleicht vermuten könnte.)

    Karasek übernachtete in einer luxuriösen Bungalowsuite des Beverly Hills Hotel. Die Monroe „soll“ dort vor sechsundzwanzig Jahre auch übernachtet haben. Ob es genau die gleiche Suite-Nummer war, ist ebenso wenig bewiesen, wie die Frage, ob Maryiln Monroe in demselben Bett schlief wie Karasek.

    Die Monroe könnte zwar im Hotel abgestiegen sein, aber woanders geschlafen haben. Oder das Bett könnte in den sechsundzwanzig Jahren ausgetauscht worden sein.

    Zum Thema Bett berichtet Karasek noch stolz, er habe beim Dreh von Regisseur Woody Allen zusehen dürfen. Natürlich „eine sehr intime Szene, wo eine Frau und ein Mann miteinander ins Bett gingen“. Besagte Szene habe Woody Allen dann aber später aus dem fertigen Film herausgeschnitten, bedauert Karasek.

    Und erst sein Schreibstil. Kein verrissener Autor des Literarischen Quartetts könnte jemals so schlecht formulieren wie Karasek. Sehen Sie sich einmal diesen Satz an (Seite 91, im Kapitel über Peter Handke, es ging um eine Tagung der Gruppe 47):

    „Ich war erst zum zweiten Mal dabei und noch nicht so eingeschliffen in den Chor des als Regen über die Autoren nach der Lesung niederprasselnden Kritiker-Parlandos.“

    Wo war bloß der Lekor?

    „...in den Chor des als Regen über die Autoren nach der Lesung...“

    Wieviele Substantive (nur durch Präpositionen getrennt) will Karasek denn noch aneinanderreihen?

     Schließen wir mit den Worten von Elke Heidenreich. Die frühere Moderatorin der ZDF-Büchersendung Lesen wurde im Focus gefragt, ob sie sich vorstellen könne, Hellmuth Karasek in ihre Sendung einzuladen.
    „Nee“, antwortete sie.
    Focus: „Warum nicht?“
    Heidenreich: „Da hatten wir ja nun genug davon, all die Jahre. Das reicht erst mal.“

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