Bücher mit dem Tag "pubertät"
239 Bücher
- Wolfgang Herrndorf
Tschick
(2.996)Aktuelle Rezension von: ENITschick von Wolfgang Herrndorf, erschienen 2010, ist ein Jugendroman, der weit über seine eigentliche Zielgruppe hinauswirkt. Die Geschichte begleitet die beiden Jugendlichen Maik Klingenberg und Andrej „Tschick“ Tschichatschow auf einer spontanen Reise durch die deutsche Provinz und verbindet Roadmovie-Atmosphäre mit einer berührenden Erzählung über Freundschaft, Identität und das Erwachsenwerden.
Im Mittelpunkt stehen zwei Aussenseiter, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch zueinanderfinden. Was als verrückte Ferienaktion beginnt, entwickelt sich zu einem Abenteuer voller Begegnungen, Umwege und unerwarteter Erkenntnisse. Dabei erzählt Herrndorf nicht nur von jugendlicher Freiheit, sondern auch von Einsamkeit, Sehnsucht und dem Wunsch, irgendwo dazuzugehören.
Besonders beeindruckt hat mich die Sprache. Sie wirkt authentisch, lebendig und genau auf die Figuren abgestimmt, ohne jemals künstlich oder übertrieben zu erscheinen. Obwohl ich mit 45 Jahren deutlich älter bin als die Protagonisten, konnte ich mich erstaunlich gut in die beiden Jungen hineinversetzen. Gerade diese Mischung aus Leichtigkeit, Humor und leiser Melancholie hat mich sehr berührt. Vielleicht zeigt sich darin eine grosse Stärke des Romans: Er erzählt zwar von Jugendlichen, spricht aber Erfahrungen an, die viele Menschen unabhängig vom Alter nachvollziehen können.
Auch die Verfilmung hat mir gefallen. Zwar entsprachen die Darsteller nicht ganz meinen eigenen Vorstellungen der Figuren, dennoch empfand ich die Umsetzung als erstaunlich nah am Buch und seinem besonderen Ton.
Tschick ist für mich ein zeitloser Roman über Freundschaft, Freiheit und das Gefühl, seinen eigenen Weg zu suchen. Schade, dass Wolfgang Herrndorf so früh verstorben ist – von diesem Autor hätte ich sehr gerne noch weitere Bücher gelesen.
- Jenny Han
To all the boys I've loved before
(765)Aktuelle Rezension von: Lia_BookgirlLara Jeans Liebesleben verlief bisher eher unspektakulär. Genau genommen fand es gar nicht statt. Dafür war sie schon öfters hoffnungslos verliebt und um sich jemandem anzuvertrauen, schreibt sie Abschieds-Liebesbriefe, die sie in ihre Hutschachtel legt. Doch als die Briefe auf einmal zu ihren Empfängern gelangen, bricht ihr rein imaginäres Liebesleben in Chaos aus… ✉️
Es ist zwar schon eine Weile her, dass ich den Film „To all the Boys I’ve loved before“ gesehen habe, aber als ich das Buch im Buchladen gesehen habe, durfte es ganz spontan mitkommen. Da ich den Film bereits geliebt habe, hatte ich auch hohe Erwartungen an das Buch, die leider nicht ganz erfüllt wurden. 🎀
Den Schreibstil von Jenny Han finde ich relativ angenehm und ich bin dementsprechend auch recht schnell durch das Buch durchgekommen.
Den Charakteren hat es hin und wieder etwas an Tiefe gefehlt, aber da es ein Jugendbuch ist, hatte ich vielleicht einfach nur zu hohe Erwartungen.
Lara Jean war mir grundsätzlich sehr sympathisch, auch wenn ich manche ihrer Entscheidungen nicht nachvollziehen konnte.
Die Jungs waren mir beide total unsympathisch und Lara verdient definitiv jemand besseren! 🤍Das Buch war trotzdem sehr süß, auch wenn ich in diesem Fall den Film tatsächlich besser fand. 🌸
𝙁𝙖𝙯𝙞𝙩:
𝘌𝘪𝘯𝘦 𝘴𝘦𝘩𝘳 𝘴üß𝘦 𝘙𝘰𝘮𝘊𝘰𝘮 𝘶𝘯𝘥 𝘥𝘦𝘧𝘪𝘯𝘪𝘵𝘪𝘷 𝘦𝘪𝘯 𝘔𝘶𝘴𝘵-𝘙𝘦𝘢𝘥 𝘰𝘥𝘦𝘳 -𝘞𝘢𝘵𝘤𝘩 𝘧ü𝘳 𝘫𝘦𝘥𝘦𝘴 𝘔ä𝘥𝘤𝘩𝘦𝘯! 🧁💗3.5/5 ★
- J. D. Salinger
The Catcher in the Rye
(475)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerIch habe dieses Buch nicht einfach gelesen. Ich bin mit Holden durch diese Tage gegangen und habe mich dabei öfter erkannt, als mir lieb war.
Im Zentrum steht ein junger Mensch, der aus allem herausfällt. Schule, Erwartungen, Gespräche. Nichts fühlt sich für ihn wirklich echt an. Er beobachtet, urteilt, zweifelt. Und gleichzeitig sucht er etwas, das er selbst kaum benennen kann.
Was mich berührt hat, ist diese rohe Ehrlichkeit. Holden ist nicht angenehm. Er widerspricht sich, wirkt manchmal überheblich oder verloren. Genau darin liegt seine Wahrheit. Er versucht, sich nicht komplett an eine Welt anzupassen, die ihm oft leer und gespielt vorkommt.
Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl, dass hier jemand Dinge ausspricht, die viele denken, aber selten so klar formulieren. Diese Mischung aus Abwehr, Sehnsucht und stiller Verzweiflung bleibt hängen.
Nicht jede Stelle war leicht zugänglich. Manche Gedanken wirken sprunghaft oder kreisen. Trotzdem entsteht daraus ein sehr klares Bild von innerer Unruhe und Orientierungslosigkeit.
Ich habe aus dem Buch kein „Wissen“ mitgenommen, eher ein Wiedererkennen. Ein Gefühl dafür, wie früh dieser Konflikt beginnt. Zwischen dem, was ich spüre, und dem, was von mir erwartet wird.
Empfehlen würde ich es Menschen, die sich auf unbequeme, ehrliche Stimmen einlassen können. Bücher, die nicht erklären, sondern etwas freilegen.
- Joanne K. Rowling
Harry Potter and the Order of the Phoenix
(1.251)Aktuelle Rezension von: K_loves_booksHarry Potter and the Order of the Phoenix ist einer der dunkelsten Bände und markiert einen Wendepunkt in Harrys Entwicklung. Nach der Rückkehr von Lord Voldemort im vorherigen Buch sieht sich Harry mit Skepsis, Isolation und der Kontrolle des Zaubereiministeriums konfrontiert. Dolores Umbridge, eine der meistgehassten Figuren der Serie, sorgt mit ihrer tyrannischen Herrschaft in Hogwarts für Frust, während Harry und seine Freunde den Geheimbund "Dumbledore’s Army" gründen, um sich selbst zu verteidigen.
Die Geschichte bietet viele spannende Momente, darunter die Prophezeiung über Harrys Schicksal und die dramatische Schlacht im Ministerium. Allerdings zieht sich die Handlung stellenweise in die Länge, insbesondere Harrys ständiger Ärger und die Konflikte mit seinen Freunden können ermüdend wirken. Dennoch bleibt das Buch ein wichtiger Teil der Saga, auch wenn es nicht ganz mit den stärkeren Bänden mithalten kann.
- Hermann Hesse
Unterm Rad
(847)Aktuelle Rezension von: FeatherstoneInhalt:
Sein Vater, seine Lehrer, der Pfarrer und überhaupt fast alle in seinem Heimatdorf sind sich einig, dass der junge Hans Giebenrath außergewöhnlich begabt ist und Großes von ihm zu erwarten ist. Mit viel Engagement, Durchhaltevermögen und Beharrlichkeit bereitet sich Hans auf das Landexamen vor, denn wer dieses besteht zählt zu den wenigen Privilegierten, die das Seminar in der Klosterschule in Maulbronn besuchen dürfen und vor denen eine glänze Zukunft liegt. Zunächst verläuft alles nach Plan, aber nach und nach beginnt Hans unfreiwillig von diesem streng vorgezeichneten Weg abzukommen und alles verändert sich für ihn schleichend und unaufhaltsam zum Schlechteren hin…
„Über Hans Giebenraths Begabung gab es keinen Zweifel. […] Damit war seine Zukunft bestimmt und festgelegt.“ (S. 9)
Meine Meinung:
Da ich „Siddhartha“ und vor allem „Narziss und Goldmund“ sehr gemocht habe („Demian“ war leider weniger mein Fall) wollte ich nun auch „Unterm Rad“ eine Chance geben.
„Unterm Rad“ ist ein sehr berührendes und nachdenklich stimmendes Buch, das einem in Erinnerung bleibt. Diese relativ kurze, geradlinig und unaufgeregt erzählte Geschichte besitzt dafür umso größere emotionale Wucht. Das Buch macht auf ein wichtiges Thema aufmerksam, das auch in der heutigen Zeit noch aktuell ist: Psychische Erkrankungen und die Schattenseiten der Leistungsgesellschaft. Es ist bemerkenswert, dass Hermann Hesse dieses Buch schon 1905 veröffentlicht hat, denn damals waren psychische Erkrankungen noch weit weniger im Bewusstsein der Öffentlichkeit und man hatte weniger Verständnis dafür als heutzutage.
Der Einstieg in die Geschichte fällt leicht. Man kann sich sehr gut in Hans hineinversetzen, weil Hermann Hesse bei der Schilderung von dessen Gefühlen und Gedanken viel Einfühlungsvermögen und ein hohes Maß an Sensibilität beweist. Hans ist ein gutmütiger, sensibler, zurückhaltender, höflicher, intelligenter und fleißiger Junge, den man schnell ins Herz schließt. Hans ist jemand, der es jedem recht machen möchte und der seine eigenen Bedürfnisse hintenanstellt. Er will die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen und übernimmt die Pläne, die die Erwachsenen mit ihm haben als seine eigenen und verinnerlicht sie. Hans nimmt es klaglos hin als sein Vater und seine Lehrer ihm immer mehr Lernstoff aufbürden. Schon bald hat Hans fast gar keine Freizeit mehr in der er seinen Hobbys nachgehen kann.
Bereits zu Beginn der Geschichte (als für Hans noch alles sehr gut läuft) bereiten einem gewisse Dinge ein wenig Unbehagen und man hat zuweilen ein ungutes Gefühl. Man hat nämlich den Eindruck, dass die Personen in Hans‘ Umfeld viel zu sehr auf seine Leistungen schauen und dazu neigen den Menschen dahinter vergessen. Hans scheint vorwiegend geschätzt zu werden, weil er „der Stolz der Stadt“ ist. Ihm wird dadurch der Eindruck vermittelt, dass man ihn nicht seiner Persönlichkeit wegen mag und beachtet, sondern aufgrund seiner herausragenden schulischen Leistungen. Nicht einmal Hans‘ Vater ist in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Außerdem wird von allen Seiten sehr großer Druck auf Hans ausgeübt und jeder will ihn zu Höchstleistungen antreiben. Erschwerend kommt hinzu, dass zugleich auch nicht auf Hans‘ Sorgen und Ängste eingegangen wird und diese sogar als unbedeutend abgetan werden:
„Du weißt, dass wir alle Hoffnungen auf dich setzen. Im Latein erwarte ich eine besondere Leistung von dir.“ – „Wenn ich aber durchfalle“, meinte Hans schüchtern. „Durchfallen?!“ Der Geistliche blieb ganz erschrocken stehen. „Durchfallen ist einfach unmöglich. Einfach unmöglich! Sind das Gedanken!“ (S. 15)
Als Hans in die Klosterschule kommt hofft man sehr, dass das Internatleben guttut. Tatsächlich findet Hans in dem eher unangepassten, leicht rebellischen und impulsiven Hermann auch endlich einen Freund. Obwohl die beiden charakterlich sehr unterschiedlich sind verstehen sie sich prächtig und werden schon bald unzertrennlich. Leider gibt es aber schon bald Probleme: Hermann fällt bei den Lehrern in Ungnade woraufhin diese es allen Schülern für unbestimmte Zeit untersagen mit Hermann auch nur zu sprechen. Hans sieht sich somit gezwungen seinem Freund den Rücken zu kehren. Gewissenskonflikte und Schuldgefühle sind damit natürlich vorprogrammiert. Wie die Lehrer hier einen Schüler zum Aussätzigen erklärt haben und ihn völlig von den anderen isoliert haben hat mich fassungslos und wütend gemacht. Es handelt sich immerhin um minderjährige Schüler, die weit von Zuhause entfernt leben und die daher vor Ort außer ihren Mitschülern keinerlei Bezugspersonen haben. Auch sonst sind die pädagogischen Methoden zur damaligen Zeit aus heutiger Sicht sehr erschreckend. So droht den Schülern beispielsweise bei regelwidrigem Verhalten der Karzer.
Es ist bedrückend und traurig mitanzusehen wie es Hans dann im Laufe der Geschichte zunehmend schlechter geht. Der große Druck unter dem er steht und die Angst vor dem Scheitern machen ihm immer mehr zu schaffen. Es plagen ihn Albträume, er hat ständig Kopfschmerzen und er fühlt sich gestresst, ruhelos, gehetzt, antriebslos und niedergeschlagen. Als Leser ist man aber leider die einzige Person, der das frühzeitig bzw. der das überhaupt auffällt. Niemand bemerkt wie sehr Hans im Stillen zu leiden beginnt:
Keiner […] sah hinter dem hilflosen Lächeln des schmalen Knabengesichts eine untergehende Seele leiden und im Ertrinken angstvoll und verzweifelnd um sich blicken. (S. 111)
Erst als sich Hans‘ schulische Leistungen verschlechtern fällt ihnen auf, das etwas nicht stimmt. Es werden dann jedoch nur halbherzige bzw. gar keine Versuche unternommen um die Situation für ihn zu verbessern und ihm aus seinem Elend herauszuhelfen. Stattdessen ist man schlicht enttäuscht von ihm, grenzt ihn aus und wendet sich von ihm ab, weil er es nicht länger wert ist, dass man ihm viel Aufmerksamkeit schenkt:
Er war kein Gefäß mehr, in das man allerlei hineinstopfen konnte, kein Acker für vielerlei Samen mehr; es lohnte sich nimmer, Zeit und Sorgfalt an ihn zu wenden. (S. 116)
Hans hat mir furchtbar leidgetan und ich habe mir große Sorgen um ihn gemacht. Man wünscht es sich in vielen Momenten richtiggehend ihm eine Hand auf die Schulter legen zu können, ihm Mut zuzusprechen und ihn zu trösten. Sein Scheitern ist für Hans eine große Enttäuschung und eine demütigende Erfahrung. Manche Leute verspotten ihn auch noch deswegen. Außerdem kehren ihm viele den Rücken, weil er für sie nun nicht länger interessant ist.
Diese Geschichte ist eine ohne Happy End und das macht sie umso eindrücklicher und bewegender. Diejenigen, die zu Hans‘ Unglück beigetragen haben haben leider rein gar nichts aus dem Geschehenen gelernt und hinterfragen ihr eigenes Verhalten Hans gegenüber in keiner Weise. Nicht einmal Hans‘ Vater ist da keine Ausnahme. Einzig der Schumacher Flaig (ein weitgehend unbeteiligter Beobachter der Geschehnisse) macht sich in dieser Hinsicht Gedanken. Man hat daher den Eindruck, dass sich eine Geschichte wie die von Hans jederzeit wiederholen könnte und das hat mich ziemlich niedergeschlagen und traurig zurückgelassen. Es gab keinen Hoffnungsschimmer.
Fazit:
Dieses Buch sollte man auf keinen Fall lesen, wenn man ohnehin schon etwas traurig ist. Es ist nämlich eine Geschichte, die sehr bedrückend, dramatisch und hoffnungslos ist. Man muss hilflos mitansehen wie Hans im Stillen leidet, ihm keiner hilft und schließlich alles sehr traurig endet. Es ist eine sehr berührende Geschichte über ein ernstes Thema, die einem nicht so schnell loslässt und die einem nachdenklich stimmt. Hermann Hesses Schreibstiel ist auch in diesem Buch wunderschön.
Ich hätte mir gewünscht, dass es am Ende zumindest einen kleinen Funken Hoffnung gibt und einige der handelnden Personen ihr Verhalten Hans gegenüber überdenken. Daher nur vergebe ich nur 4 statt 5 Bewertungssterne. Vielleicht ist es aber auch etwas unfair bloß deswegen einen Stern abzuziehen.
- Anne Freytag
Den Mund voll ungesagter Dinge
(700)Aktuelle Rezension von: bibliophilaraDas Motto für die Lesechallenge im Mai lautet: „Lies eine queere Geschichte.“ Es ist ein großartiges Motto, denn hier kann man frei wählen, welche queere Repräsentation man bei der Lektüre wählen möchte. Mir ist sofort ein Buch in den Sinn gekommen, das ich im August 2021 während meines Urlaubs im Dussmann Berlin gekauft habe: „Den Mund voll ungesagter Dinge“ von Anne Freytag. Bereits vor zwei Jahren habe ich „Mein bester letzter Sommer“ von der Autorin gelesen, was ich sehr mochte. Nun ist also ein weiteres Jugendbuch von ihr an der Reihe. Es erschien 2017 und handelt von einer Teenagerin, die schleichend erkennt, dass sie vielleicht gar nicht heterosexuell ist. Warum das Buch mit dem Thema aber manchmal nicht gut umgeht, verrate ich euch in dieser Rezension.
Die 17-jährige Sophie Richter zieht 2016 mit ihrem alleinerziehenden Vater Christian von Hamburg nach München, um mit seiner Freundin Lena und ihren beiden Söhnen Valentin und Leon eine Patchwork-Familie zu gründen. Obwohl sie von ihren neuen Familienmitgliedern liebevoll empfangen wird und ein riesiges Zimmer für sich bekommt, fühlt sie sich nicht heimisch und vermisst ihr Leben in Hamburg mit ihrem besten Freund Lukas. Doch dann beobachtet sie durch ihr Fenster das blonde Nachbarmädchen mit der Zahnlücke und fühlt sich auf merkwürdige Weise zu ihr hingezogen. Als sie erfährt, dass sie mit ihr in dieselbe Jahrgangsstufe des Gymnasiums geht, gibt es für Sophie vielleicht doch einen Grund, sich auf ihr neues Leben in München zu freuen.
„Es schüttet.“, ist der erste, knappe Satz des Prologs „Und vor mir das Nichts“. Der starke Regen soll hier die Gefühlslage der Protagonistin Sophie widerspiegeln, die ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive im Präsens erzählt. Spannend ist: Dieser Prolog ist auch ein späteres Kapitel. Auf Seite 362 steht exakt derselbe Text. Nur die letzten vier Sätze des Prologs sind anders, während später noch zwei Absätze folgen. In der Erzähltheorie ist das ein ganz typischer Einsteig: Im Prolog wird ein kleiner Schnipsel präsentiert, der zukünftige Ereignisse im linearen Handlungsverlauf vorzeitig präsentiert. Germanisten nennen das eine Prolepse, falls ihr mal ein bisschen angeben möchtet. Auf fast 400 Seiten arbeitet sich die Leserschaft also kontinuierlich in kleinen Schritten auf den Handlungszeitpunkt im Prolog hin. Sophies Geschichte beginnt dabei im März 2016 und endet im September desselben Jahres.
Protagonistin ist die 17-jährige Sophie, die dunkle Haare hat, schlank und laut ihres besten Freundes Lukas „fast schon absurd schön“ (S. 184) ist. Innerlich ist sie aber unsicher und verletzlich. Ihre Mutter hat sie nach ihrer Geburt verlassen, und so wuchs Sophie bei ihrem alleinerziehenden Vater auf. Sie ist nachdenklich und authentisch. In vielerlei Hinsicht habe ich mich bei ihr selbst zurückversetzt gefühlt in die Zeit meiner Teenager-Jahre. Womit ich jedoch meine Schwierigkeiten hatte, war dass sie mit ihren jungen 17 Jahren schon mehrfach betrunken Sex auf Partys hatte. Sie war noch nie in einen Jungen verliebt, hatte noch keinen festen Freund, aber hat sich im Suff dann doch einfach mal flachlegen lassen. Schlimmer noch, ihr bester Freund Lukas nennt sie ständig bei ihrem Spitznamen „Flittchen“ (S. 22), der daher rühren soll, dass Sophie mal eine Phase gehabt haben soll, in der sie roten Lippenstift getragen hat und in Kombination mit ihren dunklen Haaren wie Schneewittchen ausgesehen haben soll. Und natürlich, dass sie in Hamburg den Schlampenruf weg hatte. Grundsätzlich fand ich die Dynamik zwischen Lukas und Sophie schwierig. Sie sind zwar Kindheitsfreunde, aber dass sie sich auf die Wange küssen, gemeinsam kuschelnd in einem Bett schlafen oder auf einer Party so tun, als hätten sie im Badezimmer Sex gehabt, fand ich absolut schräg. Gerade weil Lukas eine feste Freundin hat, die wohl nicht ganz grundlos eifersüchtig ist. Auf mich wirkte Lukas grenzüberschreitend, wie er jeden verzweifelten Versuch unternimmt, aus der Friendzone zu kommen. Auch wenn ich Sophie meistens sympathisch finde, merkt man, dass sie noch in einer Selbstfindungsphase steckt und sich für Anerkennung zu sehr an Typen anbiedert, die es eigentlich nicht gut mit ihr meinen. Sie muss noch lernen, Grenzen zu setzen und sich nicht zu sehr als Pick me-Girl zu inszenieren.
Freytags Schreibstil ist modern, direkt und stellenweise metaphorisch. Dabei ist die Sprache jugendlich, intensiv und trotzdem unaufgeregt. Das Tempo ist perfekt ausgewogen und man kommt schnell in einen Lesefluss. Der Schreibstil ist wirklich die größte Stärke des Jugendbuchs: Er wirkt mühelos atmosphärisch und wunderschön. Schon bei „Mein bester letzter Sommer“ war ich von der zarten und warmen Atmosphäre begeistert, und auch hier gibt es trotz Streitigkeiten ein wunderbar wohliges Gefühl, das Anne Freytags Bücher zu etwas ganz Besonderem macht. Die Konflikte wirken nachvollziehbar und nicht aufgesetzt. Außerdem gibt es keine Längen, sondern jedes Kapitel ist sprachlich rund und bereitet große Freunde beim Lesen. Auf stilistischer Ebene habe ich also absolut nichts zu kritisieren.
Dennoch gibt es auch zwei unübersehbare Schwachpunkte in „Den Mund voll ungesagter Dinge“. Einmal sind das medizinische Ungenauigkeiten, die mir bereits bei „Mein bester letzter Sommer“ aufgefallen sind. Hier ist die Protagonistin zwar nicht sterbenskrank, doch sie hat einmalig starkes Fieber und liegt mehrere Tage flach. Laut Lena hat Sophie bis zu 41,8°C Fieber. Einmal zur Einordnung: ab etwa 41°C spricht man von einem lebensgefährlichen Zustand, 42°C sind mit dem Leben kaum noch vereinbar. Bei extrem hohem Fieber steigt das Risiko für Kreislaufversagen, neurologische Schäden oder Krampfanfälle. Sophie beschreibt sogar tagelange Bewusstlosigkeit. Dennoch bringen weder Christian noch Lena sie ins Krankenhaus, um Laborwerte messen, Infusionen geben oder lebensbedrohliche Erkrankungen wie Sepsis oder eine Hirnhautentzündung ausschließen zu lassen. Und das alles, obwohl beide Ärzte sind und ihnen die zwingend notwendige Einweisung bewusst sein sollte. Stattdessen duschen sie Sophie fälschlicherweise kalt ab und lassen sie im Bett liegen. Ich verstehe, dass Sophies Erkrankung auch eine symbolische Bedeutung hat und mit einem inneren Konflikt einhergeht. Aber man hätte sie wenigstens realistischer schreiben können, z.B. mit 39,8°C Fieber. Besonders weil sie mit Ärzten zusammen lebt, fällt diese Szene auseinander wie morsches Holz. Ausreichende Recherchen im medizinischem Bereich sind definitiv Freytags Kryptonit.
Außerdem ist der Umgang mit Homo- bzw. Bisexualität und dem Coming Out hier stellenweise schwierig. Aus dem Klappentext geht bereits hervor, dass Sophie und Alex anfangen, sich sexuell näher zu kommen. Allerdings hat Alex bereits einen festen Freund: Clemens. Und den verlässt Alex auch nicht, sondern betrügt ihn mit Sophie. Das wird zwar auch thematisiert, aber viel zu lange wird einfach ignoriert, dass eine von ihnen nicht single ist. Außerdem hätte ich mir gewünscht, dass das Coming Out von einem der beiden und dessen Folgen näher beleuchtet werden. Zwar erfährt Sophie teilweise Unverständnis, aber die Folgen scheinen für sie banal und tendenziell positiv zu sein, obwohl negative Reaktionen wie Ablehnung, Mobbing oder Kontaktabbrüche für viele Jugendliche leider sehr real sind. Da hätte ich mir eine differenziertere Auseinandersetzung gewünscht.
Das Ende hat mir dagegen sehr gut gefallen. Konflikte schaukeln hier noch einmal hoch, und auch, wenn Freytag in der Danksagung geschrieben hat, dass ihr die Streitdialoge sehr schwer gefallen sind, finde ich sie doch gelungen. Beide Positionen sind irgendwo nachvollziehbar, auch wenn Alex für mich unsympathisch bleibt. Lena habe ich dagegen sehr ins Herz geschlossen und sie wird mir als liebste Figur in diesem Buch in Erinnerung bleiben. Auch die Playlists, die im hinteren Buchdeckel zu finden sind, sind typisch für Freytags Jugendbücher. Ich habe sie leicht abgewandelt auf Spotify gehört, und sie war wirklich der perfekte Soundtrack zur Lektüre und ein kleiner, süßer Bonus. Insgesamt kann ich euch „Den Mund voll ungesagter Dinge“ also ans Herz legen.
Anne Freytags atmosphärischer, wunderschöner und müheloser Schreibstil trägt „Den Mund voll ungesagter Dinge“ und macht die Geschichte über weite Strecken zu einem echten Lesevergnügen. Alle Figuren wirken glaubwürdig und Sophie ist eine authentische Jugendliche in einer Selbstfindungsphase. Kritisch ist dagegen mal wieder die unrealistische medizinische Darstellung, hier von Sophies Fieber, sowie die etwas oberflächliche Behandlung von Fremdgehen, einem Coming Out und den Folgen. Trotz dieser Schwächen habe ich das Jugendbuch aus dem Jahr 2017 sehr gerne gelesen, weshalb ich ihm vier von fünf Federn gebe. Von Freytag habe ich noch den Thriller „Aus schwarzem Wasser“ auf dem SuB, den ich gerne nächstes Jahr lesen möchte.
- Jenny Han
P.S. I still love you
(412)Aktuelle Rezension von: kruemel_keks_Kurzum: Wieder ziemlich kindlich geschrieben. Peter & Lara Jean beide irgendwie weiterhin ziemlich eitel. Mittlerweile habe ich mich zumindest an die Kapitelkürze gewöhnt.
Oh und was ich bei Band 1 vergessen habe: Kitty ist ja richtig garstig. Krass, sie ist auch ganz schön ich-bezogen.
Bisher sträube ich mich noch davor Band 2 zu lesen. Vielleicht liegt es eben daran, dass ich weiß, dass die Filme es bisher besser gemacht haben.
- Tonio Schachinger
Echtzeitalter
(146)Aktuelle Rezension von: Trishen77
Ich bin immer wieder verblüfft, dass Bücher, obwohl sie im Gegensatz zu anderen Medien keinen unserer Sinne direkt stimulieren, in der Lage sind, eine ganze Welt, ein Erleben wieder gegenwärtig/erfahrbar zu machen – und auch das Empfinden, das damit einherging (und -geht).
Ich habe Tonio Schachingers zweiten Roman innerhalb von zwei Tagen gelesen – und würde dennoch behaupten, dass es ein Buch ist, auf das man sich einlassen muss. Das klingt wie ein Widerspruch und ist vielleicht auch einer; aber dann einer, der für mich unterstreicht, wie gut das Buch ist.
Es erzählt die Geschichte eines Schülers (Till) an einem alteingesessenen Wiener Gymnasium und sein Erwachsenwerden im Kontext von Schikane, Verlieben, Ängsten, Wünschen, etc. (Pubertät, könnte man sagen) und Age of Empires 2. Aber es ist mehr als das. Nicht nur eine Coming-of-Age-Story, sondern auch eine gekonnt inszenierte education sentimentale.
Das zeigt sich schon im Stil, im Satzbau. Der wechselt zwischen einem gewöhnlichen Erzählduktus und einer differenzierten Ausformulierung, die auch schon mal zu verschachtelten, längeren Satzgebilden tendiert.
Das klingt mühsam, ist es aber nicht, weil diese unterschiedlichen Tempi und Intensitäten sehr gut die Gedanken- und Gefühlswelt von Till einfangen, sie in die jeweiligen Situationen und Zustände einbetten. So wird sie nahbar, eindrücklich, ruft vergleichbare Erinnerungen wach.
Man liest die Geschichte von Till und liest zugleich über Gefühle und Erlebnisse, die den Rahmen der Geschichte sprengen, so prägend ist das ihnen Zugrundeliegende. So grundlegend ist das Erleben, bevor es Erinnerung wird und doch wieder Erleben sein will.
"Echtzeitalter" ist beides, ein Buch der Gegenwart und ein Buch der Wehmut. Es erzählt von einer Zeit, von der man wenig begreift, während man sie durchlebt. Und die gerade deswegen etwas Echtes hat. Wenn es denn etwas Echtes gibt, ein wahres Leben im falschen. Ein Glück, das nicht nur eine Pause-Taste ist, sondern gespielt wird, wenn man Play drückt. - Tana French
Geheimer Ort
(285)Aktuelle Rezension von: P_GandalfDer Roman spielt auf zwei Zeitebenen.
Ebene 1 behandelt in einem langen Zeitstrahl Ereignisse, die sich vor der Ermordung von Chris Harper abgespielt haben.
Ebene 2 spielt ein Jahr nach der Ermordung und beginnt damit, dass Holly McKay - Tochter des hinlänglich bekannten Frank McKay - eine Karte zur Polizei bringt, auf der steht "ich weiß, wer ihn getötet hat". Der junge Detective Stephen Moran kann die toughe Ermittlungsleiterin Antoinette Conway beginnen erneut in St. Kildas zu ermitteln. Zwei verfeindete Mädchencliquen stehen im Verdacht, aber welches der Mädchen möglicherweise die Täterin ist, gilt es herauszufinden.Ebene 2 spielt durchgängig an einem einzigen Tag, was ich als ein interessantes Konzept angesehen habe. In der Ausführung jedoch bin ich in den unsäglichen Beziehungskonflikten zwischen den Cliquen und den einzelnen Mädchen untereinander verloren gegangen. Tana French schreibt gekonnt und souverän und versucht die Untiefen Heranwachsender Mädchen bis ins Letzte auszuloten ... und geht manches Mal zu tief hinab, bis in eine Ebene, wo ich als Leser eigentlich nur noch die Auflösung will und nichts anderes mehr.
Eindeutig nicht der beste Roman von Tana French und meiner Meinung nach nicht unbedingt lesenswert.
- Jeffrey Eugenides
Middlesex
(523)Aktuelle Rezension von: DeboKIn Middlesex begleiten wir Cal, der als Calliope geboren wird und in einer griechisch-amerikanischen Familie in Detroit aufwächst. Die Erzählung verknüpft die Flucht der Großeltern aus Kleinasien, das harte Leben als Einwanderer in den USA und Cals eigene Jugend. Themen wie Herkunft, Migration und das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen greifen dabei direkt in die Suche nach der eigenen Geschlechtsidentität über.
Der Roman ist dicht, detailreich und voller Atmosphäre. Die Familiengeschichte nimmt viel Raum ein, manchmal vielleicht etwas zu ausführlich, doch genau diese Fülle macht die Figuren und ihre Schicksale so greifbar. Cals Stimme ist nah, offen und klar, und gerade dadurch wird die Verbindung von Privatem und Gesellschaftlichem so stark spürbar.
Fazit:
Eine vielschichtige, intensive Geschichte über Zugehörigkeit, Veränderung und Identität. Kleine Längen gibt es, aber sie ändern nichts daran, dass dieser Roman lange nachklingt. 4,5 Sterne. - Michael Robotham
Sag, es tut dir leid
(358)Aktuelle Rezension von: Lisi_WirthZwei Freundinnen verschwinden im der kleinen Ortschaft Bingham spurlos. Piper Hadley stammt aus einer tollen Familie und Tash McBain stammt aus einer zweifelhaften Familie Was verbindet diese beiden Madchen? Das Ermittlerteam findet keine Spur der Beiden. Nach drei Jahren gelingt Tash die Flucht. Sie wird erfrohren in einem See aufgefunden - wo ist Piper? Die Suche wird erneut aufgenommen. Wird Piper lebend gefunden? Diese Buch war spannend bis zum Schluß!
- Jenny Han
To All the Boys I've Loved Before
(245)Aktuelle Rezension von: AnsonsternSelten ist es mir passiert, dass ich ein Buch zufällig aus dem Regal in der Buchhandlung gezogen, über den Klappentext geschmunzelt und mich dann direkt auf der ersten Seite verliebt habe. (Der Klappentext ist übrigens super - das kann man nicht von jedem Buch behaupten, aber dieses macht gleich neugierig, ohne zu viel zu verraten.)
Lara Jean bleibt freitagabends zu Hause und ordnet ihren Schuhschrank. Ich liebe sie jetzt schon. Und sie schreibt Briefe. Dieser Roman hätte kitschig und klischeehaft werden können, wäre er von jemand anderem geschrieben worden, aber er ist fantastisch. Die Autorin Jenny Han kennt man auch durch "Der Sommer, als ich schön wurde", allerdings war die Reihe leider so gar nicht meins. Aber auch da ist mir schon der Schreibstil der Autorin aufgefallen. Eine Protagonistin wird natürlich nicht automatisch dadurch liebenswert, dass sie ihren Schuhschrank ordnet und ich mich selbst in vielen Aspekten wiedererkenne. Es kommt darauf an, wie das Ganze erzählt wird.
Mit Lara Jean hat die Autorin eine der liebenswertesten Protagonistin geschaffen, der ich jemals beim Lesen begegnen durfte. Ich habe geseufzt, gelacht und gegrinst wie eine Verrückte. Mein Herz ist abwechselnd aufgegangen und hat sich zusammengezogen, und an der Gefühlsachterbahn, die ich beim Lesen durchgemacht habe, habe ich gemerkt: Das ist ein Buch, das ich so schnell nicht vergessen werde.
Diese Geschichte enthält keine besonders abenteuerlichen oder übernatürlichen Elemente, sondern handelt einfach von einem Mädchen und ihrem alltäglichen Leben, einer überschaubaren Welt mit einer überschaubaren Handlung. Und doch: Diesen Roman habe ich sieben Jahre nach dem ersten Lesen immer noch nicht vergessen. Ist es der beste Roman, den ich jemals gelesen habe? Nein, das ist er nicht. Aber: er kommt ziemlich nah dran.
- André Aciman
Call Me by Your Name Ruf mich bei deinem Namen
(274)Aktuelle Rezension von: AukjeFür den 17jährigen Elio ist es eigentlich nichts neues das diesen Sommer wieder ein Gast für sechs Wochen in ihrem Haus in Norditalien wohnt. Jedes Jahr kommt ein Gast der seinem Vater bei seinen akademischen Dokumenten hilft und selber an seinem Manuskript arbeitet. Dieses Jahr ist es der 24jährige Amerikaner Oliver. Elio ist sofort von ihm begeistert und fühlt sich körperlich zu ihm hingezogen und das obwohl er bisher nur auf Mädchen stand. Doch er kann Oliver nicht immer richtig einschätzen und so ist er sich unsicher ob er sich auch zu ihm hingezogen fühlt oder ihn einfach nur mag, denn obwohl Elio ihn für selbstbewusst hält da ihn alle immer mögen und jeder mit ihm klar kommt ist Oliver aber eher schüchtern und ein wenig unsicher.
Ein wunderschönes Buch. Es ist aus der Sicht von Elio und geschrieben und so weiß man natürlich immer wie er die Dinge war nimmt und wie es sich fühlt. Ich hatte im Vorfeld gelesen das die Beziehung zwischen Elio und Oliver etwas toxisch beschrieben wäre. Dem kann ich aber nicht zustimmen da ich es eher so empfunden habe das da zwei junge Männer sind die sich anziehend finden und aus Schüchternheit und Unsicherheit sich nicht richtig trauen auf den anderen zu zugehen oder auf manche Situationen falsch zu reagieren oder sie falsch zu interpretieren. Man wird selber daran erinnert wie es war als man sich selber das erste Mal verliebte. Einen minus Stern bekommt das Buch da mir persönlich der dritte Teil nicht so gut gefallen hat und ich ihn eher unnötig fand. Dennoch ist es ein Buch das einen nicht sofort wieder los lässt. Auch der Film zum Buch ist zu empfehlen.
- Elena Fischer
Paradise Garden
(344)Aktuelle Rezension von: estherDie Teenagerin Billie lebt mit ihrer Mutter Marika am Rande der Stadt in einer Hochhaussiedlung. Das Geld ist knapp, die Wohnverhältnisse sind beengt und ärmlich. Trotz aller Entbehrungen führen die beiden ein glückliches und selbstbestimmtes Leben. Mit viel Fantasie und Kreativität verwandeln sie den Alltag immer wieder in kleine Abenteuer, die ihr Leben bereichern. Billie liebt ihre Mutter über alles und genießt das harmonische Zusammenleben.
Diese vertraute Zweisamkeit gerät ins Wanken, als überraschend Billies kranke Großmutter aus Ungarn anreist. Ihre Anwesenheit bringt alte Wunden und tiefe Konflikte zwischen Marika und ihrer Mutter an die Oberfläche. Die Stimmung in der engen Wohnung verschlechtert sich von Tag zu Tag, bis es schließlich zum großen Streit zwischen den dreien kommt.
Danach ist nichts mehr wie vorher. Billie sieht sich gezwungen, mit gerade einmal 14 Jahren einen Roadtrip Richtung Nordsee zu unternehmen. Sie will endlich das Geheimnis um ihren Vater lüften, über den ihre Mutter beharrlich schweigt. Am Ende ihrer Reise stellt sich die Wahrheit allerdings anders dar, als Billie es vermutet hätte – doch vielleicht liegt genau darin die Chance für einen echten Neuanfang.
Paradise Garden ist ein wunderschön geschriebenes Buch über bemerkenswert starke Persönlichkeiten. Besonders beeindruckt hat mich der tiefe Zusammenhalt und der liebevolle Umgang zwischen Billie und Marika. An vielen Stellen wird deutlich, wie glücklich und stolz Billie auf ihr Leben in der Siedlung ist. Sie kann es nicht nachvollziehen, warum andere sie deswegen bemitleiden. Solche falschen Vorurteile tragen sicherlich viele von uns in sich. Genau deshalb hat mir der erste Teil, der das Leben in der Hochhaussiedlung beleuchtet, ganz besonders gut gefallen.
Der flüssige Schreibstil von Elena Fischer lässt einen durch das Buch gleiten und in das Leben von Billie eintauchen. Auch wenn mir einige Passagen des Riadtrips zu langatmig waren, habe ich das Buch mit großer Freude gelesen.
- Jenny Han
Der Sommer, als ich schön wurde
(516)Aktuelle Rezension von: Puschel1304Fazit: Ich habe mich rundum wohl gefühlt in diesem Roman und mich selbst nochmal in die Zeit zurück versetzen können, als ich zarte 16 war und viele Dinge sich in meinem jungen Leben änderten. Die Protagonistin verbringt jeden Sommer mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in einem Strandhaus, bei dem ebenfalls die Söhne der besten Freundin ihrer Mutter anwesend sind. Die Jugendlichen verbringen von klein auf eine schöne Zeit miteinander und sehen sich die meiste Zeit als Geschwister. Doch was passiert, wenn die Hormone auf einmal in den Körper sprießen und wenn aus Freundschaft mehr werden könnte? Die Autorin beschreibt einen unvergesslichen Sommer, ohne großes Tamtam und mit vielen ruhigen Szenen und doch mochte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Eine Geschichte, die sich warm anfühlt und die dazu einlädt herausfinden zu wollen, ob in Band 2 die Gefühle Bestand haben könnten. Ich bin auf alle Fälle bereit den Wachstum der Charaktere weiter zu verfolgen!
- Andreas Steinhöfel
Die Mitte der Welt
(724)Aktuelle Rezension von: Fynn_AugustusMir hat es wirklich super gefallen, da das Thema Sexualität und vor allem sexuelle Orientierung normal behandelt werden, wie es eben sein sollte. Ich finde die Charaktere spannend, nach und nach taucht man in die Welt der verschiedenen Charaktere ein, man lernt sie alle kennen und lieben. Der Hauptcharakter und Ich-Erzähler legt eine tolle emotionale Entwicklung hin. Diese Selbstfindung ist toll 😊 und auch bei einem Buch schön mit anzusehen. Man fühlt mit!
- Robert Musil
Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
(288)Aktuelle Rezension von: hufflepup_kafka„Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ von Rubert Musil aus dem Anaconda Verlag zeichnet sich durch eine düstere und intellektuell anspruchsvolle Atmosphäre aus. Törleß erkundet moralische und militärische Themen im Kontext einer Eliteschule und behandelt die dunklen Seiten der menschlichen Psyche. Musils Erstlingswerk könnte man demnach dem Dark Academia Genre zuordnen und es handelt sich hierbei um einen klassischen Entwicklungsroman aus dem Jahre 1906.
Törleß, zunächst motiviert und voller Tatendrang, wird mit der Zeit von Heimweh und Einsamkeit geplagt. Trost sucht er in den Briefen an und von seinen Eltern, doch dieser Trost weicht einer Depression aus Leere und Langeweile sozusagen, die er mit seinen neuen „Freunden“ Reiting und Beineberg zu kompensieren versucht. Als die drei Jungen ihren Mitschüler Basini als Dieb entlarven, der aus Geldnot seine Klassenkamerad*innen bestiehlt, sehen sie von einer Anzeige bei der Schulleitung ab und sehen stattdessen in ihm ein Ventil für ein Machtspiel aus Gewalt, Selbstjustiz und Bestrafung.
Während Beineberg und Reiting Basini vor allem körperlich wie sexuell misshandeln, beteiligt sich Törleß selbst am Machtspiel aber eigentlich nur wenig und ist viel mehr der in sich gekehrte Beobachter, in dem homoerotische Neigungen wach werden. Von dieser plötzlichen auftretenden sexuellen Begierde beschämt, flüchtet er sich zuerst in die Natur- und Geisteswissenschaften wie Mathematik, Philosophie und Psychologie, und als er darin keine Lösung findet, in das Spirituelle und Esoterische.
Bei diesem Übergang begibt sich Törleß zwischen Identitätssuche und Internatleben und verliert sich dabei in pseudo-poetischen Gedanken, die für mich als Leser einfach nur wirr und zäh waren. Einzig vom allgemein anspruchsvollen Schreibstil und zum Teil auch von den Dialogen war ich etwas angetan. Trotzdem hatte ich nicht den Eindruck, dass ich es hier mit pubertierenden Heranwachsenden zu tun habe, sondern mit Akademikern im ermüdenden, sich im Kreis drehenden und nimmer endenden Diskurs.
Alles in allem ist die Geschichte und die Figur um Törleß ein Konstrukt aus Egozentrik und Voyeurismus, mit dem ich einfach nicht warm wurde und von dem ich auch Klassiker liebenden und lesenden abrate. 2 von 5 Sternen. - Emma Cline
The Girls
(299)Aktuelle Rezension von: Pascal_MaessThe Girls ist für mich eines dieser Bücher, dessen Stärke nicht in seiner Handlung, sondern in der Art liegt, wie sie erzählt wird.
Relativ früh wird deutlich, von welchen historischen Ereignissen sich Emma Cline inspirieren ließ. Genau hier liegt für mich auch der größte Kritikpunkt des Romans. Die Parallelen waren so offensichtlich, dass sie für mich keinen wirklichen erzählerischen Mehrwert geschaffen haben. Da die eigentliche Stärke des Buches ohnehin in seiner Figurenzeichnung, seiner Sprache und seiner Atmosphäre liegt, hätte dieselbe Geschichte für mich auch mit einer vollständig fiktiven Sekte hervorragend funktioniert – vielleicht sogar eigenständiger.
Denn Cline gelingt etwas, das ich nur selten so intensiv erlebt habe: Sie lässt einen vollständig in Evies Innenleben eintauchen. Man erlebt ihre Unsicherheit, ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit, ihre Verwirrung und ihre Faszination für eine Welt, die gleichzeitig anziehend und bedrohlich wirkt. Man schwitzt mit ihr, fühlt ihre Unsicherheit, ihre Anziehung und ihre Orientierungslosigkeit und merkt gemeinsam mit ihr, dass alles unausweichlich auf eine Katastrophe zusteuert.
Besonders gelungen fand ich die Gegenüberstellung der jungen und der erwachsenen Evie. Ihre Entwicklung wird nie erklärt oder kommentiert, sondern ausschließlich über Situationen, Beobachtungen und Atmosphäre vermittelt. Während die Vergangenheit von Hitze, Staub, Schweiß und einer beinahe greifbaren Sinnlichkeit geprägt ist, wirkt die Gegenwart kühl, geordnet und fast schon klinisch. Gerade diese leisen Kontraste erzählen oft mehr über Evies Entwicklung als jede direkte Erklärung es könnte.
Auch sprachlich hat mich Emma Cline überzeugt. Immer wieder findet sie ungewöhnliche, einprägsame Bilder und Vergleiche, die lange nachwirken, ohne jemals gekünstelt zu wirken. Ihr Stil ist literarisch, bleibt dabei aber angenehm flüssig und zugänglich.
Fazit:
The Girls überzeugt nicht durch eine außergewöhnlich neue Geschichte, sondern durch die außergewöhnliche Art, sie zu erzählen. Emma Clines Stärke liegt in ihrer Figurenzeichnung, ihrer Atmosphäre und ihrer Sprache. Genau deshalb hätte der Roman für mich auch ohne die sehr deutliche historische Vorlage funktioniert. Trotzdem bleibt ein intensiver, atmosphärischer und psychologisch kluger Roman, der vor allem wegen seiner Hauptfigur lange im Gedächtnis bleibt.
- Karen Köhler
Miroloi
(195)Aktuelle Rezension von: bibliophilaraDas zweite Buch, das ich für mein Literaturseminar in diesem Semester gelesen habe, ist „Miroloi“ von Karen Köhler. Der 2019 veröffentlichte feministische Roman sagte mir bisher gar nichts, obwohl er definitiv nicht erfolglos war. Schaut man sich die Rezensionen aus gängigen Feuilletons von Köhlers Debütroman genauer an, fällt auf: „Miroloi“ ist teilweise heftigst zerrissen worden, insbesondere von Männern. Egal ob Deutschlandfunk, Die Zeit oder die Welt; in vielen Kritiken wird kaum ein gutes Haar an dem Werk gelassen. Weibliche Rezensentinnen lobten den Roman hingegen meist für seine kraftvolle Sprache und sein Female Empowerment. Bei solch ambivalenten Kritiken war ich natürlich gespannt, wie gut oder schlecht „Miroloi“ in Wahrheit ist.
Die namenlose weibliche Hauptfigur ist 16 Jahre alt und lebt auf einer kleinen Insel in Griechenland, die alle nur die schöne Insel nennen. Obwohl die junge Frau mindestens in den 1980ern auf der Insel lebt, ist diese doch massiv archaisch. Es gibt keinen Strom, keine Autos und kein fließend Wasser. Die Gesetze, die vom Ältestenrat gemacht werden, sind stark religiös geprägt. Die junge Frau ist auf der Insel eine Außenseiterin, denn sie war ein Findelkind, das ursprünglich nicht von der Insel kommt. Weil ihre Eltern unbekannt sind, bekommt sie nach den Inselgesetzen keinen Namen. Sie wird von den meisten im Dorf wie eine Aussätzige behandelt. Als ihr Fluchtversuch vor einigen Jahren scheiterte, band man sie zur Strafe an einen Pfahl auf dem Dorfplatz und brach ihr anschließend das Bein. Da es keinen Arzt auf der Insel gibt, ist das Bein nicht sauber zusammengewachsen, weshalb sie seitdem das Bein leicht nachzieht. Ihren Alltag verbringt sie damit, die Haushälterin des Bethaus-Vaters zu sein und den Glockenturm zu läuten. Doch dann begegnet sie Yael, einem Betschüler aus der Siedelei auf der anderen Seite der Insel. Sie verliebt sich auf den ersten Blick, doch sie gilt als Missgeburt und wird niemals einen Mann heiraten dürfen. Schon gar nicht einen, den sie selbst gewählt hat.
„Eselshure. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle.“, sind die ersten drei Sätze des ersten Kapitels. Hier gewinnt man schon den ersten Eindruck von den stakkatohaften Sätzen und der Tatsache, dass vor Vulgärsprache nicht zurückgeschreckt wird. Diese Schimpfworte hört die namenlose Protagonistin fast täglich. Es wird ihr von Kindern und anderen Dorfbewohnern hinterher gerufen. Denn sie wurde nicht auf der schönen Insel geboren. Sie kommt aus einer unbekannten Welt, die man auf der Insel nur als „Drüben“ bezeichnet. Weil man ihre Eltern nicht kennt, trägt sie als einzige im Dorf keinen Namen. Auf über 450 Seiten und 128 Kapiteln, die hier als Strophen bezeichnet werden, verfolgt man ihren Kampf um Selbstermächtigung und Auflehnung gegen patriarchale Systeme. Dass die Kapitel hier Strophen sind, ist kein Wunder. Denn der nichtssagende Titel „Miroloi“ ist ein Klage- oder Totenlied aus dem griechisch-orthodoxen Glauben. Da die Namenlose nicht zur Gemeinschaft gehört, keinen Besitz haben darf und sie als Unglücksbringerin gilt, wird sie nach ihrem Tod jedoch niemand besingen: „Mein Miroloi muss ich mir selber singen, damit kann ich nicht warten, bis ich gestorben bin, sonst wird es mich nie gegeben haben“ (S. 10).
Die namenlose Ich-Erzählerin arbeitet als Haushälterin für den Bethaus-Vater, der sie gefunden und aufgezogen hat. Er ist die höchste religiöse Figur des Dorfes und damit eine Respektsperson. Er hält seine schützende Hand über sie. In seiner Nähe traut sich niemand, sie zu beleidigen oder anzuspucken. Insgesamt ist er für sie wie ein Vater. Und auch, wenn es kleinere Konflikte zwischen ihnen gibt, ist das Verhältnis dennoch gut. Außerdem ist sie die Glöcknerin des Dorfes, was ironisch ist, weil sie ein Bein nachzieht. Anfangs ist die Protagonistin naiv, dümmlich und ungebildet, denn Frauen in ihrem Dorf ist es nicht gestattet, lesen und schreiben zu lernen. Jedoch bringt der Bethaus-Vater es ihr heimlich bei. Es ist etwas, das sie teilen und miteinander verbindet. Damit offenbaren sich ihr Geheimnisse, die ihr sonst verborgen geblieben wären. Und schrittweise beginnt sie zu begreifen, in was für einem unterdrückerischen und ungerechtem System sie lebt. Ich fand sie nicht immer sympathisch und auch nicht immer nachvollziehbar, z.B. als sie aus reiner Wut heraus ihre Katze treten wollte. Aber ich bewundere doch ihren Mut, sich gegen die zahllosen Ungerechtigkeiten zur Wehr zu setzen.
Köhlers Schreibstil ist stark an die Ich-Perspektive angepasst und anfangs schlicht und wiederholend. Die Namenlose hat zu Beginn eine sehr kindliche Perspektive auf die Welt und mit ihrem limitierten Vokabular sowie den schrägen Neologismen wird ihre eingeschränkte Wahrnehmung gut unterstrichen. Später lernt sie aber bspw. den Konjunktiv zu nutzen und sich sprachlich zu entfalten. Hinzu kommen viele Begriffe, die von der fiktiven Religion der Insel geprägt sind, wie Pujachatt (Gottesdienst), Kanah oder Satvastan. Auch die Atmosphäre der kleinen griechischen Insel mit ihrer Natur, Architektur und Esskultur wird wunderbar eingefangen. Wenn von Schafskäse mit Oliven und summenden Bienen im sonnigen Gemüsegarten geschrieben wird, entsteht das Bild eines trügerischen Paradieses, das für Frauen aber zur Hölle auf Erden wird. Das Tempo ist überwiegend langsam, denn die alltäglichen Rituale werden ausführlich geschildert. Trotzdem ist es nicht langweilig und ab der zweiten Hälfte spitzen sich die Konflikte deutlich zu. Köhlers experimenteller Stil funktioniert aber leider nicht immer gut. Als die zwölfte Strophe bspw. aus einer Auflistung aus Substantiven besteht, die die Namenlose kennt, und sie sich stellenweise wiederholt, habe ich mich unironisch gefragt: Was ist das für ein Scheiß? Ein anderes Kapitel besteht nur aus der Wiederholung des Namens ihres Angebeteten mit alternierenden Satzzeichen. Kostprobe gefällig? „Yael Yael Yael Yael Yael Yael. Yael Yael Yael Yael, Yael Yael Yael Yael Yael Yael Yael Yael.“ (S. 213) Und das Veröffentlichen leerer Seiten als Kapitel, um die innere Leere der Protagonistin wiederzugeben, das gab’s schon bei Stephenie Meyers „Bis(s) zur Mittagsstunde“. Und das ist gewiss auch kein literarischer Geniestreich. Nicht zu vergessen: Die Dialoge sind wie Stichpunkte aufgelistet, sodass stellenweise nicht klar ist, wer gerade redet. Anführungszeichen gibt es im gesamten Buch nicht. Stilistisch finde ich den Roman also gleichermaßen außergewöhnlich wie abgedreht.
Religiosität spielt auf der schönen Insel eine besonders große Rolle. Der Glaube ist zwar fiktiv, hat aber starke Parallelen zur griechisch-orthodoxen Kirche. Das Glaubensbuch, die Khorabel, ist ein Wortspiel mit Koran, Thora und Bibel. Allerdings ist der Glaube auf der Insel nicht monotheistisch, sondern polytheistisch. Sie glauben an drei männliche Götter: den Schöpfer, den Bewahrer und den Zerstörer. Der Ältestenrat, der aus 13 Männern besteht, bestimmt die Gesetze auf der Insel, die von der Außenwelt völlig abgeschnitten ist. Sobald Mädchen menstruieren, werden sie verheiratet, wobei der Rat jedes Jahr die Bräutigame auswählt. Die Mädchen haben kein Mitspracherecht. Fluchtversuche von der Insel stehen unter Strafe, sie ist also ein Gefängnis für die Bewohner. Mit dem Glaubensbuch wird die Unterdrückung von Frauen legitimiert. Die Religion ist hier also ein missbräuchliches Mittel zum Zweck. Grundsätzlich ist dieser Roman inhaltlich harter Tobak. Es geht um häusliche und sexuelle Gewalt inklusive Vergewaltigung, Folter, Tierquälerei, Mobbing und Hinrichtungen. Solltet ihr für einen dieser Trigger anfällig sein, seid bei der Lektüre bitte vorsichtig! „Miroloi“ ist also nicht nur feministisch, sondern auch religionskritisch.
Der Plot ist stellenweise wirklich harter Tobak, umso weniger verwunderlich ist es, dass auch das Finale brutal und grausam ist. Das Ende bleibt leider enttäuschend offen. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, bspw. wer die Eltern der Protagonistin sind. Und auch ein weiterer Aspekt hat mich gestört: Die Namenlose verliebt sich in den Betschüler Yael. Eigentlich nur, weil er ein hübsches Gesicht und Locken hat. Dann trifft sie ihn in einem unbeobachteten Moment wieder, und sie fallen übereinander her wie Tiere. Es gibt keinen starken Dialog, keine Chemie zwischen den beiden. Beim zweiten Treffen schlafen sie sofort miteinander, dabei ist Yael rücksichtslos, tut ihr weh und scheint nur auf seine eigene Befriedigung zu achten. Und trotzdem himmelt sie ihn weiter an? Ich erwarte keine starke Romantik von diesem Roman, aber ein bisschen mehr Tiefe hätte ich von der Beziehung zwischen den beiden doch erwartet. Das ist für mich der größte Schwachpunkt an „Miroloi“.
Es fällt mir schwer, ein faires Urteil über „Miroloi“ zu fällen, wo meine Eindrücke doch so ambivalent sind.
Einerseits bewundere ich Karen Köhlers Mut, formal und sprachlich neue Wege zu gehen, und schätze die eindringliche Auseinandersetzung mit patriarchaler Unterdrückung, religiösem Machtmissbrauch und weiblicher Selbstermächtigung. Andererseits schießt der experimentelle Stil immer wieder übers Ziel hinaus, einige formale Spielereien wirken eher prätentiös als gewinnbringend, und vor allem die Liebesgeschichte konnte mich überhaupt nicht überzeugen. Auch das offene Ende hinterlässt mehr Frust als Nachhall. Dennoch hat Karen Köhlers Debütroman diese literaturkritische Zerfleischung absolut nicht verdient. Der Rezensent von Deutschlandfunk geht so weit zu behaupten, der Roman sei in Wahrheit ein Jugendbuch und er würde nur deshalb wohlwollend kritisiert werden, weil er Feminismus behandle. Es ist spannend, wie substanzlos die Verrisse männlicher Rezensenten sind. Vielleicht, weil die Welt eines ungebildeten, religiös indoktrinierten und hinterwäldlerisch lebenden Mädchens zu weit weg von ihrer eigenen Biografie ist. „Miroloi“ aus dem Jahr 2019 ist zweifellos ein außergewöhnlicher und diskussionswürdiger Roman, der viel wagt und ebenso viel polarisiert. Mich hat er nicht restlos überzeugt, aber ich kann ihn vor allem jenen empfehlen, die offen für experimentelle Literatur mit feministischen und religionskritischen Themen sind. Deswegen erhält diese ungewöhnliche Lektüre von mir gute drei von fünf Federn. - Eric Stehfest
9 Tage wach
(81)Aktuelle Rezension von: HoldenE.S.s (wie "Es" bei Stephen King) Crystal-Meth-Beichte, ein Meth-Diener mit Meth-ode. Schonungslos berichtet Eric über Drogenaussetzer, dem Versagen des Schließmuskels und wie er sein Meerschweinchen auf dem Gewissen hat. Gelegentlich verwickelt, wenn auf die Geschichte der Urgroßväter umgeblendet wird, die im Pervitin-Rausch für das "Dritte Reich" flogen und mordeten. Lianes unendliche Geduld hat mich im Film etwas verwundert, in der Buchvorlage zeigt sie an zumindest einer Stelle eine wachsende Ungeduld gegenüber dem eigenen mißratenen Nachwuchs. Und Richter und Staatsanwalt am Amtsgericht Pirna (und in der Verfilmung) habe ich auch nicht ganz ernst genommen.
- Lize Spit
Und es schmilzt
(266)Aktuelle Rezension von: fitreadDa ich keine Triggerwarnungen im Buch finden konnte, nennen wir die schlimmsten Themen, die Kernthemen des Romans, doch mal beim Namen: Es geht um (sexuellen) Missbrauch bzw. Übergriffe und um Suizid. Wer damit keine Probleme hat, findet eine sehr ausgeklügelt konstruierte Handlung mit unterschiedlichen Strängen vor, die schlussendlich ineinander fußen. In seiner Düsternis ist dieser Roman ein Meisterwerk. Ich glaube, man kann die Details des Dorflebens, der Umgebung, der Verhaltensweisen der Menschen nur so genau beschreiben, wenn man selbst Teil davon gewesen ist. Und das beängstigt mich, so sehr geht mir das Buch unter die Haut. Zugleich bin ich angeekelt, fasziniert, erschüttert. Es wird mich noch ein paar Tage lang nachdenklich zurücklassen.
- Jan Weiler
Der Markisenmann
(236)Aktuelle Rezension von: Majandra25Kim ist ein wütender Teenager und fühlt sich unbestimmt unwillkommen in ihrer Familie mit Mutter, Stiefvater und Halbbruder. Also rebelliert Kim, wo es nur geht. Das ausgerechnet das ihr ermöglicht, endlich ihren Vater kennenzulernen, kommt nicht nur für sie unerwartet. Ebenfalls unerwartet, jedoch für die Leser:innen, kommt dann auf einem alten Gewerbehof mitten im tiefsten Ruhrgebiet eine Geschichte aus der DDR-Vergangenheit – inklusive Puhdys, Manfred Krug und Stasi-Bespitzelung. Unerhört, würde Kims Vater wohl sagen. Und das ist es tatsächlich, mit all den skurrilen, liebevoll überzeichneten Charakteren, den wilden Haustürgeschäften und absurden Imbissbuden-Tourismus, den Kim in den Sommerferien bei ihrem Vater erlebt. Das mildert letztlich die Tragik hinter dieser Geschichte, die am Ende so nachhaltig ist, dass sie mich über die Längen im Mittelteil hinwegsehen lässt.
- Christoph Kramer
Das Leben fing im Sommer an
(294)Aktuelle Rezension von: eastChris ist 15 und träumt vom Fussball und davon, endlich eine Freundin zu finden. In der Realität traut er sich aber kaum, das Mädchen, in das er verliebt ist, überhaupt anzusehen und glaubt nicht daran, eine Chance zu haben, so zu sein wie die anderen. Doch es ist der Sommer der unbegrenzten Möglichkeiten im Jahr 2006 und während der Welt vom Sommermärchen träumt, scheint plötzlich auch für Chris alles möglich zu sein…
Mit seinem autobiographisch angehauchten Roman schreibt der Fußballer Christoph Kramer eine Hommage an das Gefühl des endlosen Sommers, voller verbotener Ausflüge und gestohlener Momente. So manch ein Leser wird bei der Lektüre nostalgisch werden, denn die Atmosphäre der Zeit hat der Autor sehr gut eingefangen, Jugendsprache inbegriffen. Das kann natürlich auch etwas anstrengend sein, passt aber gut zu der Geschichte, die er erzählt.
Diese ist klassisches Coming of Age, die Story von ein paar Tagen, an denen alles Dünger und drüber geht, in einem legendären Sommer, an den man sich für immer erinnern wird und der einen nachhaltig beeinflusst hat. Allerdings sollte man auch keine allzu tiefgründige Handlung oder Botschaft erwarten. Hier geht es wirklich vorrangig um das Gefühl jung und frei und verliebt zu sein, weniger darum, sich groß Gedanken um das Leben zu machen oder große Fragen zu stellen, wie in manchen anderen Coming of Age Büchern. Chris und seine Freunde erleben hier ihr erstes großes, verrücktes Abenteuer, haben mehr Glück als Verstand und nicht immer die besten Absichten. Wenn dieses Buch also eines ist, dann realistisch.
Ein literarisches Meisterwerk erwartet den neugierigen Leser auf den Seiten dieses Buches auch nicht, der Schreibstil kann auf Dauer etwas anstrengend sein. Die Sätze sind häufig eher kurz und abgehackt, dann wieder voller rückblickender Erklärungen, im Großen und Ganzen eher nicht flüssig. Das passt vielleicht ganz gut zum Protagonisten, der immerhin ein verirrter Teenager ist, zeugt aber auch nicht von großer Kunstfertigkeit. Wenn man diese nicht erwartet, hält man aber trotzdem ein flott lesbares, wenn auch immer mal wieder etwas klischeehaftes Sommerbuch in der Hand, in dem sich bestimmt viele Leute auf die eine oder andere Weise wiederfinden werden, weil es dennoch das einzigartige Sommergefühl ganz gut einfängt. Ansonsten rührt die Faszination vermutlich auch daher, dass man sich fragt, wie viel von dieser Geschichte tatsächlich wahr ist. Das Ende jedenfalls stimmt: Sein eigenes Sommermärchen hat der Autor schließlich 2014 erleben dürfen.
- Felix Lobrecht
Sonne und Beton
(133)Aktuelle Rezension von: RabenprinzessinDer Roman ist inzwischen längst Schullektüre und meine Klasse hat sich diese Lektüre gewünscht. Für mich hat die Sprache es sehr anstrengend gemacht, da das ganze "Dings" etc. mich beim Lesen ganz aggressiv gemacht hat. Aber natürlich weiß ich, dass Jugendlich lieber so sprechen und sie dafür bei der Lektüre älterer Texte wie z.B. Faust leiden.
Also ausgleichende Gerechtigkeit. Die Hauptfigur Lukas wird zwar beschrieben, war für mich aber keine richtige Identifikationsfigur. Dafür enthält der Roman sehr viele Themen wie Rassismus, Jugendkriminalität, Armut, Gewalt und Perspektivlosigkeit. Damit werde ich auf jeden Fall viele Anknüpfungspunkte finden, um im Unterricht sinnvoll zu dem Buch zu arbeiten. Ich bin gespannt auf das Feedback der Klasse, denn natürlich ist mir klar, dass ich nicht die Zielgruppe des Buches bin.























