Bücher mit dem Tag "romane-challenge"

Hier findest du alle Bücher, die LovelyBooks-Leser*innen mit dem Tag "romane-challenge" gekennzeichnet haben.

101 Bücher

  1. Cover des Buches Underground Railroad (ISBN: 9783446256552)
    Colson Whitehead

    Underground Railroad

     (302)
    Aktuelle Rezension von: Orisha

    Cora lebt schon ihr ganzes Leben auf einer Baumwollplantage in Georgia. Lebt? Vielmehr schuftet, denn sie gehört Randall und seinen Söhnen. Sie ist eine unter vielen. Sie alle träumen von Flucht. Doch wagen tun es nur die wenigsten. Als Caesar Cora das erstmal auf seinen Plan anspricht, lehnt sie ihn ab. Doch das wird sich ändern. Beide begeben sich in die Hände der Underground Railroad und beginnen eine Reise ohne Wiederkehr.

     Colson Whiteheads Roman ist vieles. Ein Roman über eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte - die Sklaverei. Über Leid, Macht aber auch Mut, Dinge zu ändern und anderen zu helfen, sein eigenes Leben zu riskieren, zum Wohle einer guten Sache. Der Mythos "Underground Railroad", ein Schleusernetz und eine reale Eisenbahn zugleich. Fluchtweg, Ausweg, oft auch Tod oder der Weg in ein neues Leben.

     Whitehead erzählt uns die Geschichte von Cora. Cora, die ihr ganzes Leben auf einer Plantage verbrachte, denn schon ihre Mutter und Großmutter waren Eigentum. Verschleppt vom alten afrikanischen Kontinent, versklavt auf dem neuen amerikanischen. Es ist die Geschichte von Millionen und Cora steht stellvertretend für sie. Dass die Geschichte dabei aus Sicht einer Frau erzählt wird, ist für mich besonders spannend, denn sie bringt eine weitere Dimension hervor. Eine, in der Gewalt nicht nur von den Weißen kommt, sondern auch aus den eigenen Reihen. Wo Frauen auch unter ihresgleichen weniger Wert sind als ihre männlichen Wegbegleiter. Dass nicht alle Männer so sind, stellt Whitehead klar heraus und doch reichen diese wenigen Einblicke. 

     Doch das was verstört ist nicht das offensichtliche. Nicht die Gewalt, das Foltern, Bestrafen und Töten. Sondern die versteckten Dinge, die vermeintliche Freiheit in einigen Staaten, das Experimentieren, die Benachteiligung. Cora, die auf einmal stellvertretend für ihre "Rasse" als lebendes Diorama daherkommen muss, um die ethnologische Neugier des weißen Mannes zu befriedigen. Frauen, die zum "Wohle ihrer Gesundheit" sterilisiert werden. Menschen, die zur Belustigung, an Freitagabenden öffentlich aufgehängt werden. Und und und.

    Whitehead hat damit eine Welt aufgemacht, von der man zwar weiß, mit der man sich aber wenig auseinandersetzte. Eine Welt, die man sich nicht vorstellen mag und die so beschämend und erschreckend ist, das sie wie eine dystopische Fiktion daherkommt, nur das sie auf realen Begebenheiten beruht.

    Kurzum: Ich kann dieses Buch nicht genug loben. Lest es! Es ist wichtig. Es regt zum Denken an, es macht betroffen, es klärt und zeigt auf und das auf so vielen Ebenen. Daher unbedingt lesen!

  2. Cover des Buches Geständnisse (ISBN: 9783570102909)
    Kanae Minato

    Geständnisse

     (255)
    Aktuelle Rezension von: Quacki24

                


          Puh! Ich weiß immer noch nicht so richtig, wie ich dieses Buch fand. Die Japaner sind schon echt anders drauf.
    Ich fand den Schreibstil sehr außergewöhnlich, aber gut zugänglich. Es war mal wieder ein Buch, in dem ich eigentlich niemanden leiden konnte, aber trotzdem unbedingt wissen musste, wie es weitergeht. Gut gefallen hat mir auch, dass es hier nicht das für einen Thriller klassische "Who-done-it"-Prinzip gab (weswegen ich ja nicht gerne Thriller lese), sondern es eher um die kranke Psyche der Protagonisten ging. Und mal ehrlich - aller der Reihe nach hatte da niemand.
    Richtig toll fand ich auch, dass die Spannung wirklich bis auf die letzte Seite gezogen wurde. Durch die nacheinader wechselnde Perspektive veränderte sich auch jeweils die eigene Sicht auf das ganze Geschehen.
    Gar nicht mochte ich hingegen die durch den Perspektivwechsel hervorgerufenen Wiederholungen. Und warum ist da ein Apfel auf dem Cover?
  3. Cover des Buches Ich bleibe hier (ISBN: 9783257071214)
    Marco Balzano

    Ich bleibe hier

     (210)
    Aktuelle Rezension von: Fantasie_und_Träumerei

    In unserem diesjährigen Südtirol Urlaub reisen wir zum Reschensee. Schauplatz des Romans "Ich bleibe hier". Während mein Mann und meine Kinder fröhlich am Wasser Steine flitschen lassen, beginne ich die ersten Seiten des Bestsellers. Reise in die Vergangenheit, die ein dunklen Fleck aufweist in der Historie der Länder Italien und Deutschland und der Region Südtirol.


    Trina möchte Lehrerin werden. Schon während des Studiums weiß sie, dass sie ihre Arbeit lieben wird. Doch dann bekommt sie keine Stelle, weil sie Südtirolerin ist. Weil sie deutsch spricht, statt italienisch. Mussolinis Schergen kommen in ihr kleines Bergdorf, in dem die Bewohner:innen seit Jahrzehnten den gleichen Arbeiten nachgehen, in dem Butter gegen Wolle getauscht wird und Trina ihre erste Liebe findet und Jahre später ihr Kind verlieren wird. Nur unter der Prämisse, dass sie italienisch lernt, spricht und unterrichtet, bekommt sie eine Arbeit als Lehrerin.


    Trina ist schon immer eine Rebellin. In ihrem Herzen weiß sie, dass sie sich nicht den Machtspielchen eines Diktators beugen möchte. Heimlich unterrichtet sie. Stiftet auch ihre Freundinnen an, weiter auf deutsch zu lehren. Wer erwischt wird, landet zuerst im Gefängnis, dann im Exil. Mussolini versucht die Widerständler:innen zu brechen.


    Was ihm nicht oder nur bedingt gelingt, versucht Hitler nur wenige Zeit später. Manche spüren die Gefahr, die von ihm ausgeht, andere hoffen auf Befreiung durch seine Soldaten. Balzano schreibt die Zerrissenheit der Identität, der Südtirol ausgesetzt ist, zwischen die Zeilen. Ich kann sie greifen. 


    Trina muss fliehen. Alles zurücklassen. In den Bergen findet sie Unterschlupf, doch dem Grauen kann sie nicht entgehen. Als ob das nicht genug wäre, stehen sie und ihre Nachbar:innen seit Jahren vor der Angst, dass das kleine Bergdorf geflutet wird, um einem Stausee zu weichen. Für Trina ist weder klar, ob sie nach Hause zurückkehren kann, noch ob ihre Heimat in diesem Fall überhaupt noch existiert.


    Wie dieser Teil der Geschichte ausgeht, weiß ich. Ich stehe auf den Ruinen der Häuser, schieße fröhlich Fotos von der Landschaft, meiner Familie. Als ich "Ich bleibe hier" beende, schäme ich mich dafür. Der Reschensee ist ein Gedenkort, dem wir so begegnen sollten. Balzanos Satz "Als wären unter dem Wasser nicht die Wurzeln der alten Lärchen, die Fundamente unserer Häuser, der Platz, auf dem wir uns versammelten." hallt immer noch in mir nach.


     "Niemand kann verstehen, was sich unter den Dingen verbirgt."

    Wenige Tage später besuchen wir einen Bunker, den Mussolini hat bauen lassen, um sich gegen Hitler abzusichern. Ich denke an Trinas Flucht in die Berge. Die Beklemmung, die Balzano mit seiner Sprache, die wunderschön ist, aber auch nicht schöne Emotionen lebendig werden lässt, aufgewirbelt hat, kehrt zurück. Wir haben keine Vorstellung davon wie es sein muss jeden Tag um das eigene Leben, das unserer liebsten zu bangen. Den Bunker, in dem Musik aus den 30er/40er Jahren gespielt wird, werde ich genau so wenig vergessen wie Trinas Geschichte. 

  4. Cover des Buches Die Nickel Boys (ISBN: 9783446262768)
    Colson Whitehead

    Die Nickel Boys

     (177)
    Aktuelle Rezension von: bluesjj

    Das schwarze Ghetto von Tallahassee in der 1960er-Jahren: Der sechzehnjährige Elwood Curtis ist intelligent, fleißig und sehr ehrgeizig. Sein größter Wunsch ist es, am College angenommen zu werden. Diesem Traum scheint er tatsächlich einen großen Schritt näherzurücken, als er die Erlaubnis bekommt, an College-Kursen teilnehmen zu dürfen. Doch bereits an seinem ersten Tag gerät er unverschuldet in ein gestohlenes Auto und landet in der Jugendbesserungsanstalt Nickel Academy. Alle Zukunftsträume zerplatzen wie eine Seifenblase und der Alltag im Nickel könnte nicht härter sein.

    Missbrauch, Folter, Mord, Unterdrückung, Rassismus und Korruption - verpackt im harten, erbarmungslosen Alltag einer Jugendbesserungsanstalt. Dabei trifft Colson Whitehead genau den richtigen Ton. Er bauscht nichts auf, er verschweigt nichts. Das Geschilderte spricht für sich und hallt nach. Besonders getroffen hat mich die ständige Ambivalenz, die in fast jeder Zeile spürbar ist: Denn trotz der schrecklichen Erlebnisse und der ständigen Angst, schaffen es die Kinder, sich ein Hauch Selbstachtung und wichtige Elemente wie Freundschaft, Lachen, Hoffnung und kindlichen Trotz zu bewahren. Ihre Stärke und unbändiger Lebenswille sind spürbar. Ich denke, mich hat am meisten schockiert, dass es Menschen gab und gibt, die glauben, sie hätten das Recht, andere Menschen zu brechen, über deren Daseinsberechtigung zu entscheiden und ein Leben über das andere zu stellen. Und alles ohne Skrupel bis zum Äußersten zu gehen. Allein nur, um ihre Macht und angebliche Überlegenheit zu demonstrieren. Ohne, dass sich ihr Gewissen bei ihnen meldet. 

    Was für ein unglaublich gutes Buch. Einen kleinen Abzug muss ich lediglich machen, weil mir der Schreibstil an einigen Stellen zu sprunghaft und durcheinander ist, sodass es manchmal nicht ganz leicht viel, das gerade Gelesene schnell ins große Ganze einzufügen.

  5. Cover des Buches Ein fauler Gott (ISBN: 9783518425879)
    Stephan Lohse

    Ein fauler Gott

     (93)
    Aktuelle Rezension von: gst

    Jonas ist tot. Mami und Ben sind sehr traurig. Der Elfjährige glaubt, „Gott selbst ist faul in seiner Allmacht, und es bereitet ihm Freunde, den Brüdern die Brüder zu stehlen und den Müttern ihre Kinder. Er ist unersättlich. Es gibt im Himmel immer mehr Tote als Lebende auf der Erde.“ (Seite 8)


    Der deutsche Schauspieler und Theaterregisseur Stefan Lohse ist 1964 in Hamburg geboren und veröffentlichte mit „Ein fauler Gott“ 2017 seinen ersten, mit guten Kritiken überhäuften, Roman.

    Darin nähert er sich dem Schmerz von Mutter und Bruder an und zeigt, wie sich das Leben durch den Tod verändert. Doch der Alltag fordert weiterhin seinen Tribut. Ben findet neue Freunde, die ihm beim Weiterleben helfen, was schließlich auch seiner Mutter zugute kommt. 

    Dieser Entwicklungsroman spielt zu einer Zeit, als es noch Fotoapparate mit Blitzwürfeln gab und sich Jungs zu Weihnachten noch Plattenspieler wünschten. Und Reisen in die Ostzone gab es auch noch. Dieser Rückblick hat mir persönlich sehr gefallen, da er mich in meine eigene Jugend zurückgeführt hat.

    Das Buch ist zwar oft traurig, es enthält jedoch auch zahlreiche Stellen, die zum Schmunzeln und Lachen einladen. Noch nie war ich den Gedanken eines Jungen so nah wie in diesem Buch. Was mich beim Lesen allerdings etwas überforderte, waren die Erinnerungen der Mutter an die eigene Kindheit während der Nazizeit. Sie passten in meinen Augen nicht so recht zum sonstigen Buch, weshalb ich einen Stern von der Höchstpunktzahl abziehe.

  6. Cover des Buches Die einzige Geschichte (ISBN: 9783462051544)
    Julian Barnes

    Die einzige Geschichte

     (134)
    Aktuelle Rezension von: BjoernAndBooks

    Paul ist 19, Susan 48 – und sie lieben sich. In einem Vorort von London namens „The Village“ lernt sich das ungleiche Paar in den 1960er Jahren in einem Tennisverein kennen. Nach und nach und in fast schon lakonischer Sprache lässt Barnes Paul als unzuverlässigen Ich-Erzähler sein Leben und seine Beziehung zu Susan retrospektiv wiederbeleben. Allzu beschwerlich wirken dabei gerade die ersten Jahre nicht: Die Emanzipation von seinen Eltern, der Rauswurf aus dem Tennisclub, als sich die Hinweise auf eine ungebührliche Beziehung der beiden verdichten, die stets präsente Gefahr durch Susans betrogenen und, wie sich später herausstellen soll, schon lange gewalttätigen Ehemann – all das meistern sie zunächst nahezu mühelos. Mit dem Zusammen- und Umzug nach London kehrt so etwas wie Routine ein, und die Probleme beginnen: Susan verfällt mehr und mehr dem Alkohol und verliert jeglicher Form psychischer Stabilität; die Distanz zwischen den beiden Liebenden wird größer, bis Paul sich entziehen muss und Susan an ihre Tochter „übergibt“. Er versucht, ein eigenes Leben, eine neue Realität zu beginnen, aber bis zu ihren letzten Tagen in einer psychiatrischen Anstalt bleibt Susan für Paul das, was sie von Anfang an war: seine „einzige Geschichte“.


    Julian Barnes, einer der Großmeister des zeitgenössischen britischen Romans, schaut hier ganz genau hin: Wie durch ein Brennglas, Pauls Brennglas, schauen wir auf die Alltäglichkeit einer Liebe. Paul erinnert sich oft nicht richtig oder eher an Nebensächlichkeiten, so dass das große Ganze manchmal verschwommen bleibt und eher durch die schlaglichtartig eingestreuten Details an Kontur gewinnt. Das ist wirklich meisterhaft eingesetzt, weil die Leser*innen dadurch einerseits auf Distanz gehalten werden und andererseits das Gefühl bekommen, viel besser Bescheid zu wissen als die Handelnden selber. Man will beiden ständig Ratschläge geben, sie auf andere Wege führen, ihnen einen kleinen Stups geben, damit sie sich nicht aneinander verlieren. Gleichzeitig macht es aber auch schwer, über diese Entfernung wirklich emotionale Beteiligung mit Paul oder Susan zu erhalten: Susan, die vor allem in ihrer Ehe mit Gordon Macleod wenig Freude gehabt zu haben scheint, tut einem in erster Linie leid; Paul mit seiner ungestüm-ungezwungenen Jugend am Anfang möchte man zurufen: „Bewahr dir das doch bitte!“.


    Das ist ein wenig schade, freut man sich doch gleichzeitig darüber, hier einmal einer Liebe durch die Jahrzehnte folgen zu dürfen, die einerseits durch die Paarkonstellation, aber andererseits auch durch ihren eigentlich so liebevollen Umgang charakterisiert ist. Gerade auf den letzten siebzig Seiten, die fast zu so etwas wie einem Schlussplädoyer werden, gerät mir der Tonfall zu nüchtern und unpersönlich. Nichtsdestotrotz ist die Lektüre mehr als lohnend: eine wundervolle Sprachmacht und zwei vielschichtige Hauptcharaktere, die man durch ihr Leben begleiten darf!


    Weitere Rezensionen auf Instagram @bjoernandbooks

  7. Cover des Buches Der letzte Satz (ISBN: 9783446267886)
    Robert Seethaler

    Der letzte Satz

     (188)
    Aktuelle Rezension von: buecherhaii

    Das Cover, der Klappentext und der Titel hören sich ja generell schon irgendwo traurig an. Das stellt sich in dem Buch auch nicht als Problem dar, da es auch traurig sein soll. Zumindest kommt mir der Inhalt sehr traurig vor.


    Das Problem in dem Buch ist auch nicht der Schreibstil, das Problem verbirgt sich eher in dem Buch. Die Kürze ist etwas was mich beunruhigt hat und diese Beunruhigung hat sich auch gehalten. 

    Warum? Ganz einfach, es war zu kurz für diese ganze Story. Man hätte das alles viel mehr ausreizen können, das Gewisse etwas hat mir einfach gefehlt das dieses Buch gebraucht hat.


    Man lernt klar den Menschen gut kennen, trotz der Kürze, aber es ist als ob etwas fehlt. Als ob das nicht alles hätte gewesen sein. Als ob man mitten in der Geschichte irgendwie das Ende herbei führt.

    Vielleicht soll die kürze aber auch Zeigen wie schnell das Leben vorbei sein kann... das Buch lässt mich leider unbeeindruckt zurück..

  8. Cover des Buches Die Bagage (ISBN: 9783446265622)
    Monika Helfer

    Die Bagage

     (166)
    Aktuelle Rezension von: Elenchen_h

    "Lieber Hunger als kalt. Das war die Devise von der Bagage und ist die Devise bis heute herauf zu mir." - Monika Helfer, "Die Bagage"


    Österreich, zur Zeit des ersten Weltkriegs: Maria und Josef Brugger wohnen mit ihren Kindern am Rand eines Bergdorfs. Von allen werden sie nur die "Bagage" genannt, sie sind arm und leben abseits der Gesellschaft. Über Maria lästert man gern, denn sie ist mit Abstand die schönste Frau im Dorf - den Josef beneidet man um sie, außerdem heißt es, er betreibe krumme Geschäfte. Als Josef eingezogen wird, bleibt Maria mit den Kindern zurück. Zuvor wird noch eine Absprache zwischen Josef und dem Bürgermeister getroffen: Er solle sich um Maria kümmern und ein Auge auf sie haben. Doch bringt diese Abhängigkeit Kummer über die Familie - und ein gutaussehender Deutscher lässt Gerüchte über das Kind in Marias Bauch - Monika Helfers Mutter - aufkommen...


    In "Die Bagage" teilt Monika Helfer einen Teil ihrer Verganhenheit mit den Lesenden. Unter anderem aus Gesprächen mit ihrer Tante Kate rekonstruiert sie, was vor über 100 Jahren war - und bringt eigene Geschichten und die Erzählungen ihrer anderen Tanten und Onkel in Zusammenhang. Entstanden ist eine wirklich schöne und interessant zu lesende Mischung aus Fantasie und Wirklichkeit.


    Die Autorin springt in ihrem Buch immer wieder zwischen den verschiedenen Zeiten hin und her, mal spielt die Geschichte in der Vergangenheit, dann wieder kurz vor der Gegenwart. Diese Sprünge waren mir an einigen Stellen zu viel, ich habe so den Geschichtsfaden immer wieder von neuem aufnehmen müssen. In Kombination mit der außergewöhnlichen Erzählstimme der Autorin haben die Hüpfer in der Zeit aber dann doch eine sehr individuelle Darstellungsweise einer Familienchronik ergeben.


    Insgesamt hätte ich mir hier und da mehr Informationen und mehr Tiefe gewünscht. Trotzdem habe ich das Lesen von "Die Bagage" sehr genossen. Der autofiktionale Roman porträtiert eine faszinierende Familie und erinnert vor allem an Monika Helfers Großmutter, die bereits mit 32 Jahren verstorben ist. Empfehlen kann ich den Roman besonders allen, die gerne Familiengeschichten lesen, die auf wahren Begebenheiten beruhen - außerdem Liebhaber*innen von Romanen, die im ländlichen Raum spielen.

  9. Cover des Buches Eine allgemeine Theorie des Vergessens (ISBN: 9783406713408)
    José Eduardo Agualusa

    Eine allgemeine Theorie des Vergessens

     (79)
    Aktuelle Rezension von: jenvo82

    „Gott wiegt die Seelen auf einer Goldwaage ab. Auf der einen Seite die Seelen, auf der anderen alle Tränen derjenigen, die um sie weinen. Weint niemand, geht die Seele hinab in die Hölle. Wenn genügend und ausreichend aufrichtige Tränen da sind. Kommt sie in den Himmel. Daran glaubte Ludo fest. Oder wollte zumindest daran glauben.“

    Inhalt

    Das Buch beginnt mit dem Tod von Ludovica Fernandes Mano, die tatsächlich 85 Jahre alt geworden ist und im Oktober 2010 in einer Klinik in Luanda gestorben ist. Doch zuvor führte sie ein äußerst ungewöhnliches Leben, überschattet von den politischen Unruhen in Angola. Als eines Tages ein Einbrecher vor Ludos Wohnung steht, die sie sich mit ihrer Schwester und dem Schwager teilt, sieht sie sich gezwungen, den jungen Mann zu erschießen. Seine Leiche nimmt sie mit in das geräumige Appartement und vergräbt sie auf der Dachterrasse. Doch mit der Schuld kann sie nicht gut leben, sie beschließt sich selbst einzumauern und von dem zu leben, was ihren Weg kreuzt. Und in der Zwischenzeit geht das Leben einfach weiter, das Land wird nach wie vor von politischen Unruhen gebeutelt, die Täter und Opfer sind zahlreich und Korruption gibt es in allen Bereichen. Als nach 30 Jahren ein kleiner Junge namens Sabolo zu Ludo in ihr selbstgewähltes Gefängnis klettert, beschließt sie sich dem Schicksal anzuvertrauen und gibt ihre Einsamkeit auf …

    Meinung

    Der angolanische Autor José Eduardo Agualusa stand mit diesem Roman auf der Shortlist des International Man Booker Prize 2016 und erhielt für sein literarisches Werk bereits einige Auszeichnungen. Und Erzählen kann er wirklich, denn so abstrakt und ungewöhnlich, wie diese Geschichte anmutet, so selbstverständlich fügt sie sich doch in die Gedankenwelt des Lesers ein, was sicherlich auf die Qualität der Erzählung im sprachlichen wie empathischen Bereich schließen lässt. So tragisch und grotesk Ludos Entscheidung auch anmutet, sich selbst einzumauern, so logisch wirkt sie dennoch.

     Mein allergrößter Kritikpunkt an diesem Roman ist einerseits sein scheinbar willkürlicher Aufbau, andererseits seine unübersichtliche Entwicklung und letztlich das Fehlen einer greifbaren, aussagekräftigen Handlung. Möglicherweise mag das an meiner Unkenntnis über die politische Situation in Angola zur damaligen Zeit liegen, denn ich konnte den Text nur schwer interpretieren. Es werden eine Vielzahl an Nebenprotagonisten eingeführt, deren jeweilige Motivation ausführlich geschildert wird, die aber immer genau dann verschwinden, wenn ich ihr Wirken im Gesamtkontext einordnen konnte. Wenige Seiten später tauchen sie erneut auf, nur aus einer vollkommen anderen Perspektive, die meine bisherigen Annahmen sogleich zunichte machte. Tatsächlich ist es dieses unendliche Auf und Ab, was mir die Lesefreude genommen hat. 

    Sehr gelungen empfand ich hingegen die inneren Dialoge, die Ludo mit sich selbst führt, ihr Unvermögen der Situation zu entkommen, ihr schwindendes Augenlicht und die Angst vor vollkommener Erblindung aber auch ihr Einfallsreichtum in Sachen Lebensmittelerwerb – all das habe ich gerne und mit viel Neugier gelesen, nur sind das leider nur Bruchteile dieses ohnehin dünnen Buches. 

    Fazit

    Es werden leider nur 2 Lesesterne für diesen Roman, der auf mich wie eine Art Experiment wirkt. Er lenkt das Augenmerk auf die Politik, schwenkt dann hin zu Menschen, die dem System entfliehen und anderen, die sich ihm unterordnen, damit verschmelzen oder es aus den Angeln heben wollen. Sie alle teilen sich ein kleines Fleckchen Erde, und ihre Lebenswege berühren einander, jedoch ist schwer nachvollziehbar, wer hier profitiert und wer mit dem Leben bezahlt. Dadurch das der Text immer nur kurze Episoden aus Sicht diverser Figuren bietet, bleibt für mich der Sinn des Buches im Verborgenen. Vielleicht kann man damit mehr anfangen, wenn man die Hintergründe kennt und bestenfalls den ein oder anderen Namen. Mich hat die Geschichte zunächst verwirrt, später nur kurz unterhalten und letztlich gelangweilt. Also eher verschwendete Lesezeit. Allerdings findet man hier wunderbare Sätze, über die ich gerne nachdenke, wie z.B. „Es gibt Leute, die regelrecht Angst haben vor dem Vergessenwerden. Bei ihm war es umgekehrt: Er litt unter der schrecklichen Vorstellung, dass man ihn niemals vergessen würde.“ 

  10. Cover des Buches Die Ladenhüterin (ISBN: 9783746636061)
    Sayaka Murata

    Die Ladenhüterin

     (236)
    Aktuelle Rezension von: reading_bumble_bee

    >>Normalität setzt sich gewaltsam durch, Fremdkörper werden entfernt<<

    Keiko eine Außenseiterin kommt mit den Anforderungen der Außenwelt an sie nicht klar. Schon seit ihrer Kindheit ist sie anders, scheint keine Gefühle zu haben und kann ihre Mitmenschen nicht deuten. Sie findet einen Job in einem Konbini und erst hier scheint sie ihren Platz gefunden zu haben...

     

    Das Buch ist schnell durchgelesen, die Handlung einfach und schnörkellos. Interessant fand ich die Weltanschauung von Keiko. Die Handlung an sich ist weniger spannend, da es hauptsächlich um einen Supermarkt geht. Das Ende ist ziemlich abrupt. Als Gesellschaftskritik ordne ich es nicht ein, dazu müsste man mehr über die Hauptcharaktere wissen. Insgesamt bekommt man den Eindruck das viel fehlt um diesen Roman abzurunden. Probleme der Japanischen Gesellschaft lassen sich eher erahnen, als das sie hier näher beschrieben werden.

     

    Habe mir "Das Seidenraupenzimmer" von dieser Autorin bestellt. Die Ladenhüterin hat mich nicht so ganz überzeugt.

     

    Das Cover aber ist echt ein Hingucker. Ein richtiges Kunstwerk!

  11. Cover des Buches Nordwasser (ISBN: 9783866482678)
    Ian McGuire

    Nordwasser

     (78)
    Aktuelle Rezension von: Amilyn

    Der Arzt Patrick Sumner heuert auf der Volunteer an, einem Walfänger, der von Hull aus in nördliche Gewässer sticht. Das raue Schiffsleben und die grausame Arbeit an und über Bord prägen den Alltag, bis sich die Crew zu weit nach Norden wagt.

    Als Serie verfilmt, beschaffte ich mir "Nordwasser" doch noch, um den Roman zuerst zu lesen, der mir nach der Veröffentlichung zwar aufgefallen war, mich aber nicht so sehr reizte, dass ich ihn auch lesen wollte. Da der Schreibstil eher sachlich-neutral gehalten ist, was ich nicht so gerne lese, kam ich zu Beginn auch eher schleppend in die Geschichte und hatte sie schon als mittelmäßig eingestuft, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. War für mich aber ok, ich wollte ja eigentlich nur die Serie gucken.

    Doch ohne es richtig zu merken, war ich plötzlich drin in der Story, die mich wie ein Sog immer weiter mit sich riss und ich überhaupt nicht mehr aufhören konnte zu lesen. Hatte ich anfangs noch das Gefühl, der Autor hake eine Liste ab mit Dingen, die passieren müssen (Dann taten sie das, dann fuhr das Schiff weiter da lang, dann trafen sie auf eine Robbenkolonie ...), bekam die Geschichte immer mehr Substanz und das nicht erst, nachdem sich kurz vor der Mitte des Buches eine Art "Kriminalhandlung" entspinnt.

    Die Grausamkeiten, die der Beruf der Walfänger mit sich bringt, wird nicht ausgelassen, und die, die unter den Schiffsleuten unter Deck passieren, auch nicht. Da der Schreibstil die ganze Zeit über sehr sachlich bleibt, kam das aber nicht nahe genug an mich ran, worüber ich sehr dankbar war. Ich las eher mit einem gewissen Interesse als mich zu ekeln oder (zu viel) Mitleid zu haben, gleichzeitig hat der Autor es trotzdem geschafft, dass ich mich gefreut habe, wenn das ein oder andere Tier aus dem Dunstkreis der Harpunierer fliehen konnte.

    Fazit: Ein sachlich-unromantischer Schreibstil, der es trotzdem schafft, einen mitzureißen, großartig ausgearbeitete Figuren mit kaum nennenswerten Sympathiewerten, mit denen man trotzdem mitgeht, und eine Geschichte, die wie ein Sog wirkt erhalten von mir 4,5****

  12. Cover des Buches Ein mögliches Leben (ISBN: 9783550081859)
    Hannes Köhler

    Ein mögliches Leben

     (85)
    Aktuelle Rezension von: Simi159

    Martins Großvater Franz hat einen letzten großen Wunsch. Er will eine letzte Reise machen, an den Ort, den er seit 1944 nicht mehr gesehen hat. Es ist ein verlassener Ort in Texas, Amerika, in dem Franz Kriegsgefangener war.

    Martin, der Enkel, hat keine enge Bindung an Franz, kennt ihn nur aus den Erzählungen seiner Mutter, doch er läßt sich auf die Reise ein. 

    Stück für Stück nähern sich Enkel & Großvater an. Auch weil Martin begreift, wie es für Franz in  der Fremde als Kriegsgefangener gewesen sein muss und warum er wieder zu Hause in Deutschland so schweigsam und gefühlskalt gegenüber seiner Frau und Martins Mutter war.


    Als Leser ist man gefordert, den ersten Teil durchzuhalten, denn es braucht etwas bis sich der Sog dieser Geschichte entwickelt, bis man nicht mehr aufhören kann zu lesen. Es ist spannend wie auch berührend, selbst wenn man weiß, dass Franz überlebt. 

    Hannes Köhler wird die Geschichte vieler Familien hier aufgeschrieben haben, auch wenn unsere Großväter nicht in den USA in Gefangenschaft waren, so waren sie doch vom Krieg gezeichnet und ebenso schweigsam und abweisend wie Franz. Viele fehlten wohl die Worte, das erlebte, das Grauen zu teilen. Nur selten blitzten diese Dinge bei meinen Großeltern auf. Doch nach der Lektüre dieses Buches habe ich das Gefühl sie ein bisschen besser zu verstehen, auch wenn ich nicht mehr fragen kann….



    4 STERNE

  13. Cover des Buches Das Buch Ana (ISBN: 9783442759033)
    Sue Monk Kidd

    Das Buch Ana

     (84)
    Aktuelle Rezension von: Laralina

    Ich habe noch nie zuvor ein Buch aus dieser Zeit gelesen, war aber total begeistert davon.

    Die Charaktäre sind gut gezeichnet. Viele davon sind symphatisch und man kann sich gut in die jeweiligen Situationen hineinfühlen. 

    Die Handlung hat mich total mitgerissen. ich konnte das Buch fast nicht zur Seite nehmen. Ein spannedes Leben, das Ana da hat.

  14. Cover des Buches Dunkelgrün fast schwarz (ISBN: 9783328104841)
    Mareike Fallwickl

    Dunkelgrün fast schwarz

     (247)
    Aktuelle Rezension von: katis_readings

    Wie ein Pflaster, dass man abziehen muss, ob langsam oder schnell, es tut beides weh.

    - so erging es mir zumindest teilweise in dem Buch.

    Hier geht es um eine klassische Dreiecksfreundschaft.

    Moritz, ruhig, freundlich, harmoniebedürftig. 

    Raffael, der typische Draufgänger, der „Coole", der immer alle mitzieht, zu allem eine kecke Antwort parat hat und sowieso über allem steht.

    Johanna, die unantastbare, kühle und emotionslose,die keine Gefühle zeigt. 

    Wir begleiten die drei von Kindheitheit an bis ins Erwachsenenalter und werden Zeuge davon, wie der Keim der Freundschaft heranwächst, verwächst und Früchte trägt oder verrottet.

    Die ersten 100 Seiten waren für mich ein „Durchhalten“. Vom gesamten Aufbau und Schreibstil befand sich #dunkelgrünfastschwarz etwas außerhalb meiner „Komfortzone“, da ich sonst eher leichte Romane mit einer zügigen Handlung undweniger Tiefgang, weniger atmosphärischen Beschreibung lesen.

    Dieses Buch allerdings lebt größtenteils genau davon. Nach diesen 100 Seiten bin ich dann auch tief in die Story, in die einzelnen Rollen eingetaucht. Die Tiefe der Geschichte, so viele Ebenen, die man durchdringt, Freundschaft, Liebe, Ehrlichkeit, Mut, Courage, (richtige) Erziehung ...

    In diesem Buch ist man der stille Beobachter, der nicht einschreiten kann, auch wenn es noch so weh tut- und grade das machte bei mir diesen Sog so aus - hoffentlich bekommt er noch die Kurve, das kann doch nicht wahr sein.

    Interessant finde ich aber auch die doch recht obligatorische Rollenverteilung im Buch, vor allem die der Kinder. So, dass sich jeder meist in einer gewissen Art und Weise wiederfindet und angesprochen fühlt.

    Das Buch bekommt aufgrund der Message, der Art und Weise, wie es mich berührt hat, als Mahnmal einen festen Platz in meinem Bücherregal.

    Klare Empfehlung!

  15. Cover des Buches Mercy Seat (ISBN: 9783406719042)
    Elizabeth H. Winthrop

    Mercy Seat

     (53)
    Aktuelle Rezension von: Woerterkatze

    Als “Mercy Seat” wird der transportierbare elektrische Stuhl bezeichnet, der von Ort zu Ort zur Vollstreckung des Todesurteils am jeweiligen Tatort des Verbrechens gebracht wird, damit die Ortsansässigen der Hinrichtung beiwohnen können.

    Der Titel passt eindeutig zur Handlung des Werkes. Winthrop erzählt in vier Teilen den Tag der Vollstreckung des skandalösen Urteils an dem jungen Schwarzen Will. Jedes einzelne Kapitel wird aus der Sicht eines Charakters erzählt, damit man nicht durcheinander kommt,  wird der Name in der Kapitelüberschrift erwähnt. So erlebt man den ganzen Tag mit, sei es durch Wills Vater und Polly, dem Staatsanwalt, die direkt mit der Situation von Will zu tun haben, aber auch durch eigentlich unbeteiligte Personen, wie Lane oder Ora. Gerade bei diesen Charakteren fragt man sich, was sie mit Will zu tun haben und im Laufe der Handlung fügen sich diese losen Fäden, die nebenbei laufen, zusammen.

    “Mercy Seat” hat mich von der ersten Seite gefesselt und auch wenn die Handlung im Jahr 1943 in Louisiana spielt, ist sie mit ihren Grundthemen Rassismus, Trauer, Verlust, Todesstrafe so aktuell wie nie.  Denn Rassismus existiert auch heute noch nicht nur in den Südstaaten, mit seinem Ku-Klux-Clan, sondern auch in den anderen Bundesstaaten und in der restlichen Welt. Rassismus ist allgegenwärtig und gipfelt heute in der Black Lives Matter Bewegung und der Polizeigewalt gegen Schwarze.

    “Mercy Seat” ist heftig und mir liefen immer wieder die Tränen übers Gesicht. Es gab Szenen da musste ich innehalten und das Buch zur Seite legen. Es ist erschreckend, nicht nur die Szene mit “Mercy Seat”, sondern auch die Rahmenhandlung drum herum. Die Einschüchterung, die Verzweiflung über den Verlust eines Sohnes, die unausgesprochenen Worte zwischen den Menschen und das Gefühl eines jeden, dass es falsch ist.

    Meine Stimmung während des Lesens schwang immer wieder zwischen unheimlicher Wut, wer das Buch gelesen hat, kann sich die betreffenden Szenen denken, und zwischen tiefer Traurigkeit.

    Winthrop gelingt es mit ihren Worten ein Bild einer gespaltenen Gesellschaft zu zeigen, die auf der einen Seite Gerechtigkeit will, aber auf der anderen Seite in ihren Strukturen und Dogmen so gefangen ist, dass sie diese nicht überwinden können.

    “Mercy Seat” zeigt immer wieder die Atmosphäre in den Südstaaten auf, das Zusammenleben zwischen Schwarzen und Weißen, den endlosen Baumwollfeldern, den Alligatoren und das Misstrauen untereinander. Man hat immer noch das Gefühl, dass die Zeit stillsteht und sich nichts in den Jahrzehnten danach verändert hat, wenn man heute die Nachrichten aus den Vereinigten Staaten hört.

    Die meisten Charaktere sind mir während des Lesens ans Herz gewachsen und man merkte oft, dass sie mit ihrer Entscheidung nicht einverstanden sind, aber es Situationen gab, in denen sie nicht anders entscheiden konnten. Sehr oft habe ich mich gefragt, wie ich mich entschieden hätte, in dieser Situation, in dieser Zeit, mit diesem Hintergrund und ich bin auch jetzt eine Woche noch zwiegespalten. Ich wünschte, dass ich heute sagen könnte, so ein wahrer Fall würde heute nicht mehr so passieren, aber das Leben lehrte mich schon anderes.

    Denn der Rassismus, Ressentiments und Hass sind immer noch nicht überwunden und auch nicht die Fehlurteile durch Jurys. In einer Welt, in der immer noch Unterschiede nach der Hautfarbe gemacht werden, kann es keine absolute Gerechtigkeit geben.

    Fazit

    “Mercy Seat” ist ein packender Roman, der auf dem Fall Willie Francis, von 1946, aufbaut.  Ein Buch gegen Rassismus, gegen die Todesstrafe mit einer ungeheuren Sprachgewalt, dass einen emotional abholt und noch sehr sehr lange nachklingt.

  16. Cover des Buches Herr Katō spielt Familie (ISBN: 9783803132925)
    Milena M. Flašar

    Herr Katō spielt Familie

     (56)
    Aktuelle Rezension von: literaturfreund

    Die Geschichte dreht sich um einen Namenlosen Ich-Erzähler, der vor kurzem das Rentenalter erreicht hat und nun eine neue „Aufgabe“ im Leben sucht. Die Ehe ist schon lange abgekühlt und die Frau möchte ihrem Mann aus dem Haus haben. So läuft er durch die Gegend und pflegt auf dieses Spaziergängen seinen Selbstmitleid. Man kann schon fast sagen, dass er auf eine Depression zusteuert. Aber da trifft er eine junge Frau auf einem Friedhof, die ihm einen Job in ihrer Agentur anbietet. Dort soll der, ab da von ihr nur noch Herr Katō genannte, Mann ein Familienmitglied für andere Menschen spielen. 

    Ein sehr ruhig erzählter, teilweise mit ganz viel Humor geschriebener Roman, der mich nicht nur zum Nachdenken gebracht hat, sondern auch Mut macht. Herr Katō ist eine sehr sympathische Figur, die ich gerne in diesem kleinen Stück seines Lebens begleitet habe. Ein Roman über das Leben nach der Arbeit und über das Glück im Leben. 

    Einziger kleiner Kritikpunk war für mich, die machmal etwas zu langsame und ruhige Erzählweise, so dass ich doch etwas länger für dieses dünne Büchlein gebraucht habe als erwartet. 

    Zusammengefasst ein schöner Roman zum entspannen und entschleunigen.

  17. Cover des Buches Hingabe (ISBN: 9783103900040)
    Bénédicte Belpois

    Hingabe

     (62)
    Aktuelle Rezension von: Sheyla

    Hingabe habe ich mir hauptsächlich wegen der vielen emotionalen und extrem gespaltenen Rezensionen hier auf lovelybooks gekauft. Ich musste mir einfach meine eigene Meinung dazu bilden.

    Tatsächlich sind die meisten „erotischen“ Szenen in diesem Buch Gewaltszenen. Obwohl der Bauer Tomas die geistig zurückgebliebene Suiza sexuell misshandelt und sie regelrecht entführt, bleibt sie gerne bei ihm, weil er, verglichen mit den anderen Männern im Dorf, das geringere Übel ist. Sie hinterfragt nicht, was ihr passiert ist, sondern blüht in ihrer Rolle als ihn umsorgende Hausfrau komplett auf. Dass das viele Leser*innen empört, kann ich absolut nachvollziehen.

    In meinen Augen ist das aber kein angemessener Grund für eine schlechte Bewertung! Hingabe ist nun einmal kein herzergreifender, locker zu lesender Liebesroman mit einer selbstbestimmten, schlagfertigen Protagonistin. Wer dieses Genre mag, ist hier ganz einfach an der falschen Adresse.

    Dennoch ist Liebe in diesem Roman ein starkes Motiv: Für mich ist Tomas ein erschreckend reales Portrait eines Mannes, der so emotional verkrüppelt und patriarchal geprägt ist, dass er nicht mehr anders kann, als in zerstörerischer, besitzergreifender Art und Weise zu lieben.
    Unterscheidet ihn das in irgendeiner Form von den Protagonisten moderner Dark Romance Literatur, die von der weiblichen Leserschaft begeistert verschlungen werden? Tomas ist eben kein stinkreicher sexy Mafiaboss, sondern ein krebskranker, gealterter Bauer. Leserinnen, die sich von einer romantisierten Vergewaltigungsszene mit Mr. Mafiaboss erotisch angezogen fühlen, finden Tomas abstoßend und schreien ganz laut: Vergewaltigung ist gar nicht erotisch!
    Ich persönlich finde Tomas als Charakter viel, viel realistischer als einen vom Kaliber Mr. Grey. Hingabe wagt es, toxischer Maskulinität wirklich den Spiegel vorzuhalten, anstatt sie zu verniedlichen.


    Die wütenden Reaktionen auf den Charakter Suiza, die von Männnern ausgebeutet wird und es noch nicht einmal merkt, sind in meinen Augen vor allem der Versuch, sich von diesem Frauenbild abzugrenzen. Jemand wie Suiza ist nicht mehr politisch korrekt, nur noch bemitleidenswürdig. Nochmal: Für mich ist das kein Grund für eine schlechte Bewertung.

    Nach dieser Logik müssten wir sämtliche Meisterwerke der Weltliteratur mit einer vernichtenden Kritik abstrafen, weil die Protagonist*innen sich darin nicht wie kultivierte, emanzipierte, aufgeklärte Bildungsbürger verhalten.

    Benedicte Belpois hat Suizas Wirkung auf die Leserschaft noch intensiviert, indem sie die junge Frau als geistig stark zurückgeblieben dargestellt hat: mit Absicht, nicht aus Versehen!

    Handwerklich finde ich das Buch beachtlich, den Schreibstil hypnotisierend, noch dazu für einen Debüt Roman. Einen Stern habe ich abgezogen, weil es erzählerische Längen gibt und ich gern mehr aus Suizas Perspektive gelesen hätte. Sie ist meinem Empfinden nach nich genug zu Wort gekommen, was es ein bisschen schwieriger macht, sich in sie hineinzuversetzen und ihre Handlungsmotive nachvollziehen zu können.


    Mein Fazit: Ich glaube, es war nie Benedicte Belpois‘ Absicht, eine zuckersüße Liebesgeschichte zum Wohlfühlen zu schreiben. Gute Geschichten sind nun einmal kontrovers und müssen den Mut besitzen, an manchen Stellen abstoßend und anstößig zu sein. Für mich ist Hingabe gute Literatur, auch wenn ich viele Szenen erschreckend und das Ende traurig und alarmierend fand. Wenn wir anfangen, von Büchern immer die Bestätigung unserer Meinung, ein striktes Gut-Böse-Schema und ein Happy End zu verlangen, sind wir verloren.

  18. Cover des Buches Shuggie Bain (ISBN: 9783446271081)
    Douglas Stuart

    Shuggie Bain

     (113)
    Aktuelle Rezension von: christine_tarot

    Klappentext: ''Ein großer Roman über das Elend der Armut und die Beharrlichkeit der Liebe, tieftraurig und zugleich von ergreifender Zärtlichkeit.''

    Shuggie Bain von Douglas Stuart ist ein preisgekröntes Buch über das andere Leben auf dem englischen Kontinent, das fernab von dem royalen Glanz... das der Arbeiter... denjenigen, die daran beteiligt waren, dem Land zu wirtschaftlichem Aufstieg und Wohlstand zu verhelfen.
    Es wird beschrieben, so wie das Cover es auch anmuten lässr, die Tristesse und Armut einer Arbeiterfamilie im Glasgow, im Norden Großbritanniens. Auch heute noch kann man die Geschichte in dieser Stadt förmlich fühlen.

    Das Cover ist auf jeden fall sehr stark und besonders, so wie die Geschichte mit starken Charakteren, auf die man teils beängstigt, aber auch teils mitfühlend schaut. Ich empfehle das Buch

  19. Cover des Buches Die Erfindung des Countdowns (ISBN: 9783423282383)
    Daniel Mellem

    Die Erfindung des Countdowns

     (52)
    Aktuelle Rezension von: hannelore259

    Daniel Mellem ht mit seinem Roman Die Erfinung des Countdowns versucht das Leben Hermann Oberths zu beleuchten, dabei aber durch das Fehlen eines roten Fadens bei mir eher viel Verwirrung gestiftet.

    Hermann Oberth lebt vor dem ersten Weltkriegs als Siebenbürgener Sachse in Siebenbürgen und sieht sich als Deutscher. Doch die Folgen des ersten Weltkriegs machen ihn offiziell zu einem Rumänen und damit auch für die Deutschen zwischen den beiden Weltkriegen zu einem Ausländer, den sie nicht zwingend in ihrem Land wollen.
    Hermann hat seit Kindertagen erstaunliche Ideen und einen brillianten Kopf, mit dem er aber immer wieder gegen Wände läuft.
    Er ist eine streitbare Person, die sich im Laufe seines Lebens von einem neugierigen, sonderbaren Wissenschaftler zu einem nationalistisch, rassistischen, verblendeten Mann entwickelt, den noch nicht mal seine lebensfrohe Frau wieder erkennt. 

    Leider war dieses Buch weitesgehend eine Enttäuschung für mich. Konnte ich anfangs noch Sympathie für  Hermann Oberth empfinden, so wandelte sich das Gefühl immer weiter in Unverständnis und Antipathie um. Die Ansichten des Wissenschaftlers wurden immer egozentrischer. Teilweise konnte ich aber auch durch sprunghafte Erzählweise nicht wirklich nachvollziehen was die verschiedenen Protagonisten antreibt. Vor allem die Beweggründe seiner Frau blieben mir unlogisch. Da wäre etwas mehr Tiefe von Vorteil gewesen. 

    Interessant sind natürlich die Denkanstösse, wie weit darf man im Sinne der Wissenschaft gehen, wann wird es unethisch. War Hermann Oberth das? Diese Frage wird nicht beantwortet. Man muß sich seine eigene Meinung bilden. Dazu kann man das Buch lesen, aber ein großer Wurf ist es aus literarischer Sicht für mich nicht.

  20. Cover des Buches Der Wald (ISBN: 9783961610525)
    Nell Leyshon

    Der Wald

     (55)
    Aktuelle Rezension von: Elenchen_h

    "»Ein Roman ist ein Buch. Eine Geschichte über erfundene Dinge.«

    »Also lauter Lügen?«

    Sie lächelt. »Nein. Lauter Geschichten. Geschichten sind wichtig. Mit ihrer Hilfe versuchen die Menschen zu verstehen, warum es die Welt gibt, und warum es uns gibt.«" - Nell Leyshon, "Der Wald"


    Pawel lebt mit seiner Mutter Zofia und der Familie in einem Stadthaus in Warschau. Seine frühe Kindheit ist wohlbehütet, seine Familie ist wohlhabend und sie leben ein gutes Leben - bis der 2. Weltkrieg über sie hereinbricht. Von nun an sind sie in Gefahr. Als Pawels Vater Karol eines Tages einen verwundeten englischen Soldaten mit nach Hause bringt, um ihn von der Großmutter verarzten zu lassen, gerät alles aus den Fugen und Zofia muss mit Pawel in den Wald abseits der Zivilisation flüchten...


    "Der Wald" von Nell Leyshon ist Vieles: eine Erzählung über den zweiten Weltkrieg, eine Familiengeschichte, eine Natur-Beschreibung, eine Reflexion über das Mutter- und Frau-Sein,  eine Erzählung von schleichender Toleranz und ein Bericht über das Erwachsen-Werden. Genau diese Vielfalt hat den Roman für mich zu etwas Besonderem gemacht. Ich fand es sehr fesselnd, mich durch das Innenleben von Pawel und Zofia zu bewegen, ihre widerstreitenden Gefühle füreinander zu beobachten und nachzuvollziehen und sie durch Warschau, die Scheune im Wald und London beziehungsweise Glastonbury zu begleiten.


    Nell Leyshons Art, zu erzählen, beschwört die buntesten und ausgefallensten Bilder vor dem inneren Auge. Sie versteht es, mit Worten zu spielen und so bei den Lesenden verschiedenste Gefühle hervorzurufen - viel Traurigkeit und Leid, aber auch Freude und Wärme. Ich mochte tatsächlich jeden Schauplatz des Romans und fand die Geschichte auf allen Seiten fesselnd. Es ist immer wieder bemerkenswert für mich, wenn so ruhige Bücher dann doch mit dieser krassen Wucht daher kommen.


    "Der Wald" ist ein Roman - eine Sammlung von Geschichten, um es mit den Worten von Pawels Großmutter zu sagen - der wirklich lesenswert ist: still und doch gewaltig, facettenreich aber trotzdem nicht überladen und sprachlich so herausragend, dass man ihn gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Große Empfehlung!

  21. Cover des Buches Die Zeuginnen (ISBN: 9783492316651)
    Margaret Atwood

    Die Zeuginnen

     (166)
    Aktuelle Rezension von: Darryl1208

    Das Buch setzt eine nicht näher definierte Zahl von Jahren nach "Der Report der Magd" ein und beschreibt die Geschichte Gileads sowohl aus der Sicht Tante Lydias, die in Rückblenden immer wieder erzählt, wie sie zu Tante Lydia wurde, als auch eines Teenagers die in Gilead verheiratet werden soll. Parallel dazu wird noch die Geschichte eines anderen jungen Mädchens beschrieben, die in Kanada lebt und deren Leben sich radikal verändert, als ihre Eltern von Terroristen aus Gilead getötet werden.
    Im Laufe des Romans vermischen sich die Geschichten dieser drei Pwersonen zu einer einzigen und es wird die Entwicklung beschrieben, die zum Zusammenbruch Gileads führte.


    Sowohl sprachlich als auch inhaltlich hat mir das Buch sehr gut gefallen.

    Bei der Geschichte um Tante Lydia fand ich richtig gut, das man wunderbar hinter die Kulissen des Tanten Systems schauen kann und speziell bei Tante Lydia merkt, wie sehr sie wen in der Hand hat und das es den Kommandanten, die angeblich die eigentlichen Herrscher Gileads sind, nicht ohne weiteres möglich wäre hochrangige Tanten wie zB Lydia aus dem Verkehr zu ziehen.
    Lydia hat von Anfang an in Gilead gemerkt, das sie um selber überleben zu können, möglichst viel über möglichst viele Mitmenschen wissen muß und dieses Wissen zum richtigen Zeitpunkt gegen andere einsetzen muß ohne zu unverschämt in ihren Forderungen zu sein.
    Der Erzählstrang um Agnes beschreibt sehr gut wie Mädchen in Gilead aufwachsen und das die einzige Aufgabe von jungen Mädchen der Oberschicht darin besteht, so zu verheiratet werden, das es für ihre "Eltern" vorteilhaft ist. Die einzige Möglichkeit dem zu entkommen ist zur Tante berufen zu werden. Da wird schaurig deutlich beschrieben, wie langweilig das Leben eines Mädchens ist, deren Lebensinhalt darin besteht Heiratsware zu sein. Eine deutliche Homage an die Lebensgeschichte von Adelstöchtern im Europa bis Anfang des 20. JHDs
    Daisy wiederum ist eigentlich ein normaler sechzehnjähriger Teenager, deren Eltern in Kanada einen Gebrauchtkleidungsladen haben - denkt sie. Ihr Leben ändert sich schlagartig, als ihre Eltern von Terroristen aus Gilead ermordet werden. Wie sich ihr Leben ändert und was in ihr vorgeht als sie einige Hintergründe erfährt liest sich auch sehr gut.

    Als Agnes und Daisy im Laufe des Romans aufeinander treffen merkt man als Leser sehr genau wie unterschiedlich die beiden aufgewachsen sind und wie unterschiedlich die Kulturen in Gilead und Kanada sind. Da hat sich die Autorin sehr viel Mühe gegeben genau dadrüber nach zu denken, wie sich jemand fühlen muß, die in eine Kultur gerät wo das Frauenbild ein völlig anderes ist, als da wo sie aufgewachsen  ist.
    Besonders in den Aufzeichnungen von Tante Lydia sind auch immer wieder Gedanken eingesponnen, die eine glaubwürdige Kritik an Theokratien, korrukten Politikern und multinationalen Konzernen sind, sei es im Umfeld von Gilead oder auch gut auf das hier und jetzt übertragbar.

    Genau wie der "Report der Magd" hat auch "Die Zeuginnen ein Ende, das einerseits die Handlungsstränge des Buches abschließt, andererseits die Möglichkeit einer Fortsetzung offen läßt. Speziell die Entwicklung von Agnes und Daisy nach diesem Buch würde mich durchaus interessieren.



  22. Cover des Buches Neujahr (ISBN: 9783442770540)
    Juli Zeh

    Neujahr

     (281)
    Aktuelle Rezension von: schnaeppchenjaegerin

    Henning verbringt die Weihnachtsferien mit seiner Familie auf Lanzarote. Mit seiner Frau Theresa hat er sich auf ein modernes Familienmodell geeinigt, bei dem überwiegend er sich um die beiden kleinen Kinder Jonas und Bibbi kümmert, da Theresa als Steuerberaterin mehr zum Familieneinkommen beiträgt. Henning fühlt sich mit der Situation zu Hause überfordert. Er hat Versagensängste und leidet seit der Geburt von Bibbi unter Panikattacken, die Theresa lästig sind, weshalb Henning versucht, sie vor ihr zu unterdrücken. 

    Seinen guten Vorsätzen folgend, begibt sich Henning am Neujahrsmorgen auf eine Radtour zum Bergdorf Femés. Auf dem anstrengenden Weg nach oben erlebt er wieder eine Panikattacke und hat am Zielort ein Déjà-vu. Auf der Suche nach etwas zu essen und zu trinken, holen  ihn Erinnerungen aus seiner Kindheit ein, die er verdrängt und nicht verarbeitet hat. 


    "Neujahr" ist eine Mischung aus Familiendrama und Psychothriller, eine knapp 200 Seiten umfassende Novelle, die sich inhaltlich in drei Abschnitte gliedern lässt. Zunächst werden die Lebenssituation von Henning und der Familienalltag dargestellt, in welchem er sich als berufstätiger Vater überfordert fühlt. Eindringlich ist geschildert, wie sich Henning fühlt - sein schlechtes Gewissen darüber, dass er dankbar sein sollte, mit einer starken Frau verheiratet zu sein, zwei gesunde Kinder und finanziell keine größeren Sorgen zu haben - er aber dennoch nicht glücklich ist und massive Angst hat, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein. 

    Im Bergdorf Femés angekommen, verschwimmen Gegenwart und Vergangenheit. Henning wird von Erinnerungen aus frühester Kindheit eingeholt, die er verdrängt hatte und die seinen Ausgang auf der Ferieninsel Lanzarote haben, wo er als Sechsjähriger mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Luna einen Urlaub verbracht hat. Danach war für die Familie nichts mehr wie es war. 

    Die Anfahrt zum Bergdorf ist so steil wie die Spannungskurve des Romans, denn was am Ende über Hennings Kindheit offenbart wird, ist erschütternd und ursächlich für Hennings Panikattacken. 

    Im dritten Teil, als Henning wieder bei sich und in der Gegenwart angekommen ist, besteht Hoffnung, dass er durch die erlebten Flashbacks die Möglichkeit hat, sein Kindheitstrauma aufzuarbeiten und damit die Panikattacken überwinden kann. 

    Der kurze Roman ist im Wesentlichen auf da Innenleben, die Gedanken und Erinnerungen Hennings beschränkt, die so authentisch geschildert sind, dass die innere Zerrissenheit des Familienvaters für den Leser leicht nachzuempfinden ist. Die Situation, in der er sich befindet, ist zwar alltäglich, bereitet ihm aber große Sorgen. Sein innerer Monolog auf dem Weg nach Femés ist dabei so einfühlsam dargestellt, dass man auf dem Weg nach oben mitleidet und an der Spitze dann noch viel Schlimmeres erfahren muss. Die Erinnerungen an den letzten Urlaub mit seinen Eltern sind grausam und mitleiderregend und nichts, was man zu Beginn des Romans erwartet hätte. Die Art der Erzählweise und der Inhalt der Erzählung passen dabei so perfekt zusammen, dass die Geschichte am Ende rund ist. 

  23. Cover des Buches Ada (ISBN: 9783550200465)
    Christian Berkel

    Ada

     (117)
    Aktuelle Rezension von: HEIDIZ

    "Ada" erzählt vom Wirtschaftswunder, Mauerbau (gerade jetzt interessant zum Jubiläum)  sowie von der 68er-Bewegung und einer jungen Frau, die aus dem Schweigen der Elterngeneration heraustritt.

     

    Christian Berkel berichtet in seinem zweiten Buch eindrucksvoll und fesselnd spannend sowie aufschlussreich zu lesen von Ada, die mit ihrer jüdischen Mutter aus Deutschland nach Argentinien floh - ohne Vater aufwuchs. 1954 gehen  ihre Mutter und sie zurück nach Deutschland, wo es noch immer alles extrem engstirnig ist, für Ada keine Heimat, für sie Fremde - auch die Sprache ist ihr fremd. Sie lernt endlich ihren Vater Otto kennen, aber alles gestaltet sich schwieriger, als gedacht. Ada möchte frei und unabhängig leben, aber kann sie das in diesem autoritären Deutschland?

     

    Deutschland in den 50er und 60er Jahren wird wieder lebendig. Buenos Aires, Berlin, Paris und Woodstock - Ada und die Studentenbewegung ....

    Ein wahrhaft spannend lebendiges Buch - extrem lesenwert, wie ich finde. Sehr detailliert wird Adas Lebensweg beschrieben, aber auch lebendig der Hintergrund, das, wo Ada lebt, was ihr gefällt und was nicht, was sie anders machen möchte, als ihre Eltern ...

     

    Das Buch ist mit einem edlen Lesebändchen versehen.

     

    Leseprobe:
     ========

     

    In der Bibliothek

     

    In meiner Familie nannte man die Wohnung meines Großvaters die Bibliothek. Glaubte ich im Vergleich zu anderen Familien in einem Haus voller Bücher zu leben, ersetzten sie bei ihm die tragenden Wände, obwohl hier, wie er  mir versicherte, nicht annährend so viele Bände kreuz und quer über Tische und Stühle verstreut waren, auf dem Boden oder in den Regalen standen und lagen wie in seiner Sammlung, die bei einem der schwersten Luftangriffe auf Berlin kurz vor Kriegsende, im Februar 1945, vor seinen Augen in Flammen aufginge. ...

     

    Rundherum gelungene Publikation, die einen perfekten Spannungsbogen bietet und lebendige Schilderungen beinhaltet, die detailliert berichten und kurzweilig zu lesen sind.

  24. Cover des Buches Die zehn Lieben des Nishino (ISBN: 9783446261693)
    Hiromi Kawakami

    Die zehn Lieben des Nishino

     (89)
    Aktuelle Rezension von: Kirschbluete

    Der Roman erzählt auf ungewöhnliche Weise vom Charakter Nishino. Nishino hat während seines Lebens unterschiedliche Liebschaften, kann aber an keiner längere Zeit festhalten. Manche von ihnen laufen sogar parallel.

    Im Roman werden zehn Liebschaften von Nishino näher beleuchtet. Dabei werden die zehn Kurzgeschichten jeweils aus der Perspektive der jeweiligen Geliebten erzählt. Dadurch erhält man nur ein vages Bild von Nishino und seinen Beweggründen, warum keine Beziehung bei ihm von langer Dauer ist. Denn alles was man erfährt, sind nur Interpretationen seiner Geliebten. Es ist nicht klar, ob er sie anlügt oder sie etwas falsch interpretieren.

    Die zehn Kurzgeschichten sind zudem nicht in chronologischer Reihen geordnet. Trotzdem lassen sich die meisten Geschichten zeitlich einordnen. Manche Kurzgeschichten verlaufen zeitlich parallel, sodass man manchmal einen anderen Blickwinkel auf dieselbe Situation erhält. Dadurch wird deutlich wie subjektiv der Eindruck ist, den wir von Nishino erhalten.

    Das Buch ist einer klaren, einfachen Sprache formuliert. Es gibt Einblicke in japanische Lebens- und Denkweisen. An einigen Stellen ist es möglicherweise nicht einfach zu verstehen, wenn man bestimmte japanische Begriffe, wie z.B. Ryokan, nicht kennt.

    Fazit: „Die zehn Lieben des Herrn Nishinos“ ist ein Roman, der den Leser sehr stark dazu auffordert sich sein eigenes Bild von seinem Protagonisten zu formen. Wenn man sich drauf einlässt, bekommt man eine außergewöhnlichen Roman, der keine geradlinige und klare Geschichte erzählt.

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