Bücher mit dem Tag "schriftstellerei"
38 Bücher
- Sol Stein
Über das Schreiben
(70)Aktuelle Rezension von: lakitaSol Steins Buch ist im Grunde genommen umfassend. Sollte es einem gelingen, alles, was er so an Möglichkeiten aufzeigt, gut zu schreiben und was er an Geboten und Verboten ausspricht, auch komplett einzuhalten, wird einfach nur gute Texte schreiben, natürlich unter der Voraussetzung, dass ihm auch die Phantasie zur Seite steht. Aber auch gute Sachtexte entstehen nach denselben Prinzipien wie Literatur und von daher ist sein Buch für alle Arten von Texten eine große Hilfe. Eigentlich benötigt man keine weiteren Schreibratgeber mehr, weil er schon so umfassend sich mit allen nur erdenklichen Themen beschäfttigt, dass aus meiner Sicht nichts fehlt. Für mich also DAS Grundwerk in Sachen "gutes Schreiben" und so wichtig wie der Duden.
- John Irving
Witwe für ein Jahr
(470)Aktuelle Rezension von: dunkelbuchEs ist Sommer 1958 auf Long Island. Der junge Eddie O'Hare wollte eigentlich nur dem berühmten Kinderbuchautor und Illustrator Ted Cole zur Hand gehen. Stattdessen landet er mitten in einem Familiendrama. Während Ted sich von einer Affäre in die nächste stürzt, droht seine Frau Marion am Tod ihrer zwei Söhne Thomas und Timothy zu zerbrechen. Nicht einmal ihre 4-jährige Tochter Ruth kann ihr über den erlittenen Verlust hinweghelfen. Nach einer kurzen und innigen Affäre mit Eddie beschließt Marion, ihre Familie zu verlassen und irgendwo allein ganz neu anzufangen. Sie taucht unter - 37 Jahre lang...
Selten wurde eine Geschichte über den Umgang mit Trauer, über die Spielarten der Liebe und das nackte Leben mit all seinen Hochs und Tiefs so spannend und intensiv erzählt wie in "Witwe für ein Jahr". Das Gefühlschaos, in dem sich alle Protagonisten befinden, ist so authentisch und ergreifend dargestellt, dass es einem oft Schauer der Rührung über den Rücken jagt.
- Julia Quinn
Bridgerton - Penelope & Colin
(297)Aktuelle Rezension von: MichelleStorytellingRezension
Im vierten Band der Bridgerton-Reihe, Bridgerton – Penelopes pikantes Geheimnis – begleiten wir Penelope Featherington und Colin Bridgerton. Die beiden kennen sich bereits seit einigen Jahren und haben eine Art Freundschaft aufgebaut. In letzter Zeit war Colin zwar viel auf Reisen und daher kaum in London, doch Penelope hat nie aufgehört, etwas für ihn zu empfinden. Ihrer besten Freundin Eloise Bridgerton konnte sie das natürlich nie eingestehen, immerhin machte diese mit ihrer unabhängigen Art nicht gerade den Eindruck, als hätte sie viel für romantische Gefühle übrig. Außerdem hat Penelope vor ein paar Jahren eine Unterhaltung zwischen den drei ältesten Bridgerton-Brüdern – Anthony, Benedict und Colin – mitbekommen, in welcher letzterer ausdrücklich betont hat, Penelope niemals um ihre Hand anzuhalten. Und trotz alledem wird Penelope das Gefühl nicht los, dass seit Colins Rückkehr zu dieser Saison irgendwas anders ist. Sie hat den Eindruck, dass Colin sie mehr beachtet und ihr häufiger Fragen stellt, sie um Rat bittet. So finden die beiden sich eines Nachmittags auf im Salon der Featheringtons wieder. Colin muss Penelope gegenüber eine Vermutung äußern, die seine Schwester Eloise betrifft. Bei einem Ball nur wenige Tage zuvor hat Lady Danbury – die sich durch ihren guten Ruf beinahe alles erlauben kann – demjenigen, der Lady Whistledown demaskiert, eine Belohnung von 1000 Pfund geboten und Colin ist der festen Überzeugung, dass seine Schwester dahintersteckt. Die beiden geraten in eine hitzige Diskussion, die damit endet, dass Colin und Penelope sich küssen. Ein Kuss, der Colin nicht mehr aus dem Kopf zu gehen scheint...
Was ich über die beiden Protagonisten denke
Penelope Featherington – ich mochte Penelope in den vorherigen Büchern bereits sehr gerne, aber in diesem Buch hat sie sich nochmal selbst übertroffen. Die Freundschaft zwischen ihr und den Bridgertons mag ich unglaublich gerne – es kommt im Buch beinahe noch deutlicher rüber als in der Serie, wie viel Penelope dieser Familie wirklich bedeutet. Es gibt vermutlich niemanden, der es mehr verdient hätte, endlich ein fester Bestandteil ihrer Leben zu werden.
Colin Bridgerton – ich fand ihn zum Großteil des Buches tatsächlich etwas anstrengend, aber ich mochte seinen Charakter definitiv lieber als in der Serie. Was mir einfach nicht so gut gefallen hat, war seine... fast schon herablassende Art Penelope gegenüber – fast so als ob sie viele seiner Probleme einfach nicht verstehen könnte, obwohl Pen definitiv mehr Rückschläge erfahren musste, als er. Aber das Ende der Geschichte, und vor allem das Selbstbewusstsein, mit dem er alles geklärt hat, hat ihm nochmal ein paar Pluspunkte eingebracht.
Das ist mein persönliches Lieblingszitat
„‘Dieses Gefühl, das man hat, wenn man einfach weiß, dass man genau die richtigen Worte gefunden hat‘, erklärte sie. ‘Und richtig würdigen kann man es erst dann, wenn man völlig erschöpft am Schreibtisch gesessen und das leere Papier vor sich angestarrt hat, weil man überhaupt keine Ahnung hatte, was man schreiben sollte.“ – Bridgerton (Penelopes pikantes Geheimnis), Seite 321
Habt ihr Bridgerton – Penelopes pikantes Geheimnis bereits gelesen oder die Serie dazu geschaut?
Wenn ja, was haltet ihr von der Geschichte und ihrer Umsetzung?
Wenn nicht, ist es schon auf eurer Lese-/Watch-Liste?
Bis bald!
Michelle :)
- Benedict Wells
Spinner
(382)Aktuelle Rezension von: WortgedankenJesper, hat seine München hinter sich gelassen und ist nach Berlin gezogen, um seinen ersten Roman zu vollenden. Doch anstatt Inspiration zu finden, gerät er in einen Strudel aus Selbstzweifeln, Orientierungslosigkeit und wilden Nächten in der Großstadt. Während er zwischen kreativer Schaffenskrise und persönlichem Chaos taumelt, verschwimmen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit. Eine Woche in Jespers Leben zeigt seine Sehnsüchte, Zweifel und das Verschwimmen von Realität und Einbildung.
Benedict Wells schreibt einfach großartig. Dieser Roman ist sein erster und er hat ihn mit 19 geschrieben, was schon einen riesigen Respekt verdient. Das ist mein drittes Buch von Wells und ich bin wieder begeistert!
Jespers Zweifel, Sehnsüchte und sein Kampf mit sich selbst haben mich sehr berührt. Die Sprache ist lebendig, ehrlich und voller Gefühl - ich habe mit ihm gehofft, gelitten und gesucht. Zwischen Melancholie und feinem Humor steckt die Wahrheit über das Leben und das Erwachsenwerden. Ein intensives Leseerlebnis, das nachklingt.
- Daniel Glattauer
In einem Zug
(309)Aktuelle Rezension von: BeautyBooksEduard Brünhofer sitzt im Zug von Wien nach München und lernt dort die Therapeutin Catrin Mayr kennen, die ihm schräg gegenüber sitzt und ebenfalls nach München fährt. Catrin ist eine sehr redselige Person und will sich mit Eduard vor allem über die Liebe unterhalten. Eduard, ehemals gefeierter Autor von Liebesromanen, gerät somit gehörig in Zugzwang. Wie unterhält man sich mit einer Person wie Catrin, die absolut nichts von Langzeitbeziehungen hält?
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Schon nach den ersten Seiten fühlt es sich wie nach Hause kommen an. Endlich wieder einmal ein typischer Glattauer Roman, wie man ihn liebt und kennt. Während dem lesen hat man mit diesem Buch jede Menge Spaß. Humorvoll, zauberhaft und so unglaublich klug! Eine unterhaltsame Geschichte, die man leider im nu ausgelesen hat. Eric und Catrin sind zwei ganz unterschiedliche Charaktere und genau deswegen hat es unglaublich viel Spaß gemacht, die beiden während ihrer Zugreise und ihren Gesprächen zu begleiten. Ich habe während dem lesen ganz oft an "Gut gegen Nordwind" gedacht und finde, dass "In einem Zug" definitiv mit dem Buch mithalten kann. - Henry Miller
Wendekreis des Krebses
(117)Aktuelle Rezension von: buchwanderer„…denn die Tragödie unserer Welt besteht gerade darin, daß nichts mehr imstande ist, sie aus ihrer Lethargie aufzuscheuchen.“ (S.8)Zum Inhalt:
Zusammen mit „Wendekreis des Steinbocks“ – erschienen 1939 – stellt der Roman „Wendekreis des Krebses“ ein autobiografisches Versatzstück im Schaffen Henry Millers dar. Der Text beschreibt die Suche Millers nach seinem ganz persönlichen künstlerischen Ich in einem moralisch als verrucht zu bezeichnenden Umfeld, das ihm jedoch keineswegs die enge Freundschaft seiner ebenfalls in Paris lebenden, ähnlich gesinnten Landsleute versagt, ja sie vielmehr sogar fördert. Obwohl die Begrifflichkeit der „Biografie“ eine logische zeitliche Abfolge unterstellen ließe, so wird der Leser diese hier vermissen – oder dies als erfrischend anders empfinden. Anaïs Nin bringt es in ihrem Vorwort von 1934 prägnant auf den Punkt: „Das Buch wird allein durch Fluß und Wechsel der Ereignisse auf seiner eigenen Achse gehalten. Gerade weil es keinen Mittelpunkt gibt, ist auch keine Rede von Heldentum oder Kampf, da auch keine Rede von Willen ist, sondern nur von Hingabe an das Strömen.“ (S.7). Millers Sinn dafür, einer pragmatischen Weltsicht eine gewisse, ihm eigene Art der Komik abzugewinnen, finden sich in mehr oder weniger subtilen Wendungen, Schilderungen seiner Wegbegleiter und -begleiterinnen, sowie in der nahezu fatalistischen, jedoch keinesfalls in Selbstmitleid sich suhlenden, Sicht der Vergänglichkeit von Leben, Liebe, Wertesystemen und politischen, moralischen und wirtschaftlichen Ansichten. Ein Buch über die Suche nach dem „Zustand des Mit-sich-selbst-einig-Seins“1).
Fazit:
Millers Text „schlug die entscheidende Bresche in eine Mauer von Heuchelei und Prüderie.“, so der Klappentext und es handelt sich dabei um den sozialverträglichen Hauch eines Beschreibungversuches, mit welch ausdrucksgewaltiger, brachialer Erzählgewalt der Autor mit Tabus bricht. Ein Leben auf der scharfen Schneide zwischen künstlerischer Freiheit, der Suche nach dem nächsten Essen, der Negation bourgeoiser Normen und Rituale, der kompromisslosen Verwirklichung eigener künstlerischer Vision und die Kollision all dieser menschlichen Eisberge im sozialen Malstrom des Paris nach der Jahrhundertwende. Als eine „exstatische Befreiung“1) von den einschränkenden Normen des New Yorks der zwanziger Jahre bezeichnet es Jörg Drews. Es ist kein geschliffen feines Changieren, vielmehr ein rüder Bruch, der in jedem Absatz erneut kristallisiert, den Leser oft vor den Kopf stößt, aber auch gleichzeitig nicht aus seinem Bann entlässt. Ein Buch das definitiv Lust auf mehr Henry Miller macht.
Zum Buch:
Der rororo-Verlag liefert mit dieser Ausgabe von Henry Millers Klassiker einen kompakten Taschenbuchrahmen in solider Verarbeitung, dessen griffiger Bedruckstoff in Kombination mit einer stabilen Verleimung einen sehr positiven haptischen Gesamteindruck hinterlässt. Gesetzt aus der Aldus® in sehr kleiner Type, wirkt der Text ausgesprochen kompakt, ja beinahe gedrängt, was sich überdies ausgezeichnet mit dem Inhalt verträgt. Generell werden typografische Akzente, wenn überhaupt, nur sehr verhalten eingesetzt, was jedoch keineswegs störend wirkt. Als einziger Minuspunkt wäre die Wahl des Bedruckmaterials, welches leicht zum Vergilben neigt, zu erwähnen.
1) Kindlers Literatur Lexikon Bd.11, S. 703 - Delphine Vigan
Nach einer wahren Geschichte
(161)Aktuelle Rezension von: liceys_buecherwunderland[𝕦𝕟𝕓𝕖𝕫𝕒𝕙𝕝𝕥𝕖 𝕎𝕖𝕣𝕓𝕦𝕟𝕘]
𝔹𝕦𝕔𝕙𝕔𝕝𝕦𝕓𝕓𝕦𝕔𝕙 im #Buchclub_Buchgefluester
𝕋𝕚𝕥𝕖𝕝: Nach einer wahren Geschichte
𝔸𝕦𝕤 𝕕𝕖𝕣 𝔽𝕖𝕕𝕖𝕣 𝕧𝕠𝕟: Delphine de Vigan
𝕍𝕖𝕣𝕝𝕒𝕘: Dumont (TB) / Random House Audio (HB)
𝔾𝕖𝕤𝕡𝕣𝕠𝕔𝕙𝕖𝕟 𝕧𝕠𝕟: Martina Gedeck
𝔾𝕖𝕝𝕖𝕤𝕖𝕟/𝔾𝕖𝕙𝕠𝕖𝕣𝕥 𝕒𝕦𝕗: Deutsch
𝕌𝕖𝕓𝕖𝕣𝕤𝕖𝕥𝕫𝕥 𝕧𝕠𝕟: Doris Heinemann (aus dem Französischen)
𝔽𝕣𝕒𝕘𝕖: Mögt ihr lieber Fiktion oder Bücher nach einer wahren Begebenheit?
𝔻𝕣𝕖𝕚 𝕎𝕠𝕖𝕣𝕥𝕖𝕣 𝕫𝕦𝕞 𝔹𝕦𝕔𝕙:
Spannend - Verwirrend - Gut
𝕀𝕟𝕙𝕒𝕝𝕥:
Auf einer Party trifft Delphine auf L.
Aus gelegentlichen Treffen, wird nach und nach eine Freundschaft. Langsam nimmt L. immer mehr Raum in Delphines Leben ein. Doch was als Freundschaft beginnt nimmt bald einen Verlauf, den Delphine nicht vorausgeahnt hat.
𝕄𝕖𝕚𝕟𝕖 𝕄𝕖𝕚𝕟𝕦𝕟𝕘:
Ich wusste nicht, was mich hier erwartet und wurde positiv überrascht.
Das Buch ist spannend, auch wenn es zwischendurch ein paar verwirrende oder überflüssige Stellen gibt. 👀
Vor allem beeindruckt hat mich die Darstellung von toxischen Charakteren und Freundschaften. 🤔
Es gibt richtig viel zu interpretieren und im Laufe der Geschichte es wird immer mehr dem Leser überlassen, die Ereignisse zu interpretieren.
Das Buch hat mich auf jeden Fall gut unterhalten und war eine schöne Abwechslung.
In das Hörbuch habe ich auch rein gehört. Die Sprecherin macht einen guten Job, auch wenn ich das Hörbuch auf jeden Fall schneller stellen musste. 🤭
𝕃𝕖𝕤𝕖𝕖𝕞𝕡𝕗𝕖𝕙𝕝𝕦𝕟𝕘?
Ja, hier kann ich eine Empfehlung aussprechen. Aber nicht für Leute, die am Ende keine offenen Fragen wollen. 😂
𝔼𝕦𝕣𝕖 𝕃𝕚𝕔𝕖𝕪 ☘️ - Peter Stamm
Agnes
(379)Aktuelle Rezension von: AlineCharlyAgnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet. – Der Einstieg klingt vielversprechend, fast schon unheilvoll. Doch leider kann der Roman dieses Versprechen für mich nicht einlösen.
Die Beziehung zwischen dem Ich-Erzähler und Agnes bleibt über weite Strecken blass und wenig greifbar. Der Erzähler wirkt distanziert und emotionslos und ihre gemeinsamen Gespräche erscheinen künstlich und ohne echte Tiefe. Der nüchterne Stil mag gewollt sein, sorgt aber eher für Langeweile als literarische Intensität. Die Vermischung von Fiktion und Realität hätte spannend sein können, verliert sich jedoch in Vorhersehbarkeit. Viele Szenen wirken austauschbar, es fehlt an echter Dynamik.
Fazit: Kühle Sprache, flache Figuren – Agnes bleibt unter seinen Möglichkeiten.
2 von 5 Sternen
- James N Frey
Wie man einem verdammt guten Roman schreibt
(53)Aktuelle Rezension von: SabWeWie schafft man runde Figuren und wie entsteht eine spannende Story? Was genau ist eine Prämisse, der sich jeder Roman zu unterwerfen hat, und wofür sollte sie gut sein? Warum ist es für geniale oder zumindest talentierte Schreiber oft viel schwieriger, einen Roman zu verfassen, als für disziplinierte Arbeitstiere? Weshalb ist es so wichtig, ehrlich zu sich selbst zu sein, wenn man einen guten Roman schreiben will?
Der amerikanische Schriftsteller und Universitätsdozent für kreatives Schreiben, James N. Frey, verfasste seinen Ratgeber, in dem er diese und weitere Themen behandelt, bereits 1987. Und ich bin unendlich froh, ihn ein paar Jahrzehnte später endlich entdeckt und gelesen zu haben.
Natürlich ist der Mann umstritten und natürlich ist seine Sicht auf die Dinge zutiefst in der amerikanischen Literatur und Dramaturgie verwurzelt. Man stelle sich einen deutschen Literaturprofessor vor, der unter Auslassung jeglicher Demutsformel behauptet, zu wissen, wie man einen verdammt guten Roman schreibt. Undenkbar, ein Skandal!
James N. Frey, geboren 1945 in New York, ist Schriftsteller und unterrichtete kreatives Schreiben an amerikanischen Universitäten, lange bevor man in Deutschland überhaupt zu glauben vermochte, dass es sich lehren und erlernen lässt, wie Literatur entsteht. Ganz ohne Geniekult und Strukturalismus-Debatten.
Und natürlich weiß der Mann sehr genau, dass es „den“ verdammt guten Roman nicht gibt, dass er im Grunde eine Anleitung verfasst hat, wie man eine prima Drehbuchvorlage für den nächsten Tatort schreibt. Denn es geht ihm, wie Volker Neuhaus es im Vorwort zusammenfasst, „um den dramatischen Roman – um nicht mehr. Den Experimentalroman, den unsere Kritiker fast ausschließlich besprechen, schließt er ausdrücklich aus.“
Man darf sich also diesem Buch nicht mit der Vorstellung nähern, eine Rezeptur für alles und jedes zu erhalten, die das eigene disziplinierte Arbeiten am Manuskript, das Schreiben und Verwerfen, Fluchen und Jauchzen, das rasche Entwerfen und langsame Überarbeiten überflüssig macht. Im Gegenteil. Wer Freys Anleitung ernst nimmt, sieht eine Menge harter Arbeit auf sich zukommen. Ganz anders, als es die zuckersüßen Ratgeber verheißen, die den kreativen Schreibfluss anregen wollen, nicht aber zum Klotzen und Ackern auffordern.
Vergiss Schreibübungen und konzentriere dich auf deine Prämisse
Zentrale Bedeutung kommt Frey zufolge der Prämisse eines Romans zu. Die Prämisse ist letzter Grund des jeweiligen Romans und bestimmt dessen Aufbau, Handlung, Konflikte und Spannungsbögen. Sie stellt eine organische Einheit der Handlung aller Figuren her, sie muss bewiesen und ins Extrem geführt werden. Ohne eine Prämisse könnte der Roman immer noch nett und lesenswert sein, würde aber bei näherem Hinsehen in seine Einzelteile zersplittern.
Dabei kann die Prämisse selbst durchaus banal sein. Sie kann beispielsweise lauten „Sex vor der Ehe führt ins Unglück“ – oder auch vom genauen Gegenteil ausgehen. Es kommt nicht darauf an, dass die Prämisse wahr ist, sondern darauf, dass der Autor sie beweisen will und die Beweisführung auf seine Figuren, deren Konflikte und Motive überträgt.
Ist die Prämisse erst gefunden, müssen alle Szenen und Handlungen daraufhin überprüft werden, ob sie in einem Zusammenhang zu ihr stehen. Das klingt nach einer starken Einschränkung und so, als dürfe sich alles nur um ein Thema drehen und winden. Und gerade die hohe Bedeutung, die Frey der Prämisse zuspricht, führte teilweise zu Verrissen und negativen Rezensionen seines Schreibratgebers. Tatsächlich nimmt sie in seiner Anleitung einen wichtigen Stellenwert ein, letztlich aber nicht den allein selig machenden.
Mir hat die Vorstellung einer solchen Prämisse enorm geholfen, zu verstehen, was mich an meinem eigenen Erstlingswerk stört: Der Roman ist schon okay, schwächelt aber, weil es ihm an einer solchen eindeutigen Prämisse fehlt, was bedeutet, er wirkt zersplittert, findet nicht zu sich selbst und zu einer überzeugenden Einheitlichkeit. Was bislang nur ein Gefühl war, an dem sich nichts ändern ließ, ist auf diese Weise zu einer Erkenntnis geworden, mit der sich arbeiten und ein neuer Versuch starten lässt. Und dafür bin ich schon heute zutiefst dankbar.
Die Frage aller Fragen: Willst du einen verdammt guten Roman schreiben oder nicht?
Freys eher knappe Anleitung war nicht der erste Schreibratgeber, den ich las. Ich wünschte, er wäre es gewesen. Denn es ist der erste, der mich wirklich voranbringt. Was ihn für mich so wertvoll macht und von anderen Ratgebern unterscheidet, ist, dass er keine gelenkten Schreibübungen enthält, deren Sinn sich niemandem erschließt und die den angehenden Autor stets nur in der Abhängigkeit von Experten halten, die es besser wissen. Frey stellt den Leser, der so gern ein Autor sein möchte, im Grunde vor eine einzige grundlegende Frage: Willst du nun einen verdammt guten Roman schreiben oder nicht?
Ob man sich dann Freys Vorstellungen von einem solch eigenwilligen Genre wie dem „verdammt guten Roman“ gänzlich unterwirft, bleibt jedem selbst überlassen. Klar ist nur: Ein guter Roman duldet keine Ausflüchte. Schreib ihn mit ganzer Kraft und Intensität oder lass die Finger davon. Sei ehrlich zu dir selbst, halte dich fern von Kritikern, die dich nicht zerpflücken und anfeuern, und opfere zur Not auch deine Lieblingsszenen dem Rotstift, denn „nur Schriftsteller wissen, wie man einen Text umschreibt. Diese Fähigkeit allein macht den Amateur zum Profi“.
Na dann: erfolgreiches Schaffen!
Die Zitate wurden der deutschen Ausgabe aus dem Jahr 2008 entnommen.
- Fritz Gesing
Kreativ Schreiben
(40)Aktuelle Rezension von: Ruth_TuescherDieser Schreibratgeber ist weniger als Inspiration für Menschen geeignet, die davon träumen, einmal ein Buch zu schreiben. Dafür ist er etwas zu nüchtern. Wer es aber ernst meint und das Handwerk gründlich erlernen will, ist hier gut bedient.
Zahlreiche Beispiele aus der Literatur machen verständlich, worum es geht.
Positiv hebt sich für mich die Auswahl der Beispiele ab: Von Goethe über Hemingway und Proust bis hin zum unvermeidlichen Harry Potter ist alles dabei.
Ich habe das Buch mit Interesse und Gewinn gelesen und werde sicher immer wieder darin nachschlagen.
- Hanns-Josef Ortheil
Mit dem Schreiben anfangen
(14)Aktuelle Rezension von: quatsprecheWas macht ein Blogger/eine Bloggerin außer recherchieren und Ideen ausformen? Genau: schreiben. Deswegen landen auf meinem Tisch auch immer wieder Bücher, die sich damit beschäftigen. Kreatives Schreiben gehört zu meinem Leben, wie Wasser oder Essen, doch es ist manchmal nicht so einfach sich zu motivieren oder die Inspiration zu greifen. Jeder Schriftsteller hat da so seine eigenen Tipps und Tricks, es schadet jedoch nicht diese zu kennen, denn vielleicht funktionieren sie bei mir auch.
Die Reihe „Kreatives Schreiben“ von Duden hilft Autoren, Journalisten oder Bloggern ihre Finger zu trainieren, den Kopf frisch zu halten und durch neue Übungen evtl. auch neue Ideen zu fördern.Im Vorwort wird klar, dass dieses schmale Büchlein nicht nur für Profis geeignet ist. Und auch nicht nur für Anfänger. Das Vorwort erzählt eine kleine Geschichte von Nora. Die junge Frau schreibt gerne in ihrer Freizeit, sammelt alles, manchmal dürfen Freunde und Familie etwas lesen. Doch eigentlich ist das Schreiben für Nora gar kein Hobby, sondern so wichtig wie es für mich ist, denn es geht kaum ohne. Doch Nora hat das gleiche Problem wie ich: wir betreiben das Schreiben wie ein Hobby und stehen uns somit selbst im Weg.
Der Autor, Hanns-Josef Ortheil, fordert den ambitionierten Nachwuchsautor dazu auf über seinen Schatten zu springen und gibt in fünf Kapiteln strukturierte Anleitung, wie aus einem Hobby Ernst wird. Jedes Kapitel enthält kleine verschiedenste Aufgaben, die jeweils mit ‚Schreibaufgaben‘ abgeschlossen werden. Sozusagen kleine Hausaufgaben, die dabei helfen sich zu konzentrieren, sich zu fokussieren und evtl. auch zu entdecken, welche Fähigkeiten in einem Stecken.
Orhteil erklärt auch, und das finde ich auch immer wieder spannend, wie wichtig es ist die richtige Schreibumgebung zu schaffen. Und wenn ich mich auf meinem Schreibtisch so umsehe, habe ich diese Aufgabe auf jeden Fall nicht gemeistert (wieso ist mein Schreibtisch eher eine Ablage, als alles andere??). Ich weiß immer gar nicht welche Aufgaben ich zuerst bearbeiten soll, alles stapelt sich und ich bin sehr oft überfordert. Und dabei sollte der Schreibtisch, an dem ich kreativ arbeite, meine Inspiration fördern. Das sollte ich auf jeden Fall ändern….
Ich denke dieses Buch ist eine tolle Hilfe zur Selbsthilfe, aber auch ein gutes Geschenk für Menschen, die sich selbst nicht trauen den Schritt zu gehen. Diese Gabe, Gedanken in geschriebene Worte zu formen, ist selten und sollte auf jeden Fall genutzt und ausgebaut werden. Traut euch! Mit diesem Buch könnt ihr einen wirklich guten Anfang finden.
Originalbeitrag: Mit dem Schreiben beginnen
- Haruki Murakami
Von Beruf Schriftsteller
(61)Aktuelle Rezension von: patriciahornHaruki Murakamis Werk hat mich sehr beeinflusst - das Abgleiten ins märchenhaft Surreale, der Trott des Alltags. Was mich "Von Beruf Schriftsteller" gelehrt hat, ist den Geschichten, die meinem Herzen entspringen, ungeachtet von Trends und Markt, zu vertrauen, denn wenn es mir nichts bedeutet, weil ich mich in ein Korsett zwänge, wie soll es dann andere berühren?
Murakami entdeckte seinen Stil, indem er auf Englisch schrieb und den Text auf Japanisch zurückübersetzte. Eine ungewöhnliche Herangehensweise in der traditionsbewussten japanischen Buchwelt. Er schrieb nachts, nach getaner Arbeit müde geworden, am Küchentisch. „Wenn der Wind singt" gewann sogleich einen Preis. Dies zeigt, dass das Dasein eines Autors ein gewisses Selbstvertrauen bedarf, Beharrlichkeit und in seinem Fall den Mut, Neues zu wagen.
Das Buch ist keinesfalls eine Autobiografie. Der Leser bekommt Einblicke in seinen Schriftstelleralltag, ohne dass der zurückgezogene Autor belehrt, es ihm gleich zutun. Er erzählt von seiner Karriere, ohne Skandale und mit Bescheidenheit. Und ich gönne ihm die Privatsphäre. Murakami gibt uns mit seinen Geschichten, die mit viel Fleiß und Disziplin sowie einer gehörigen Portion Fantasie entstehen, genug.
Zum Ausgleich treibt Murakami eine Menge Sport und ernährt sich gesund. Nach dem Motto: ein fitter Körper ist das Gefäß eines fitten Geistes. Durchaus etwas, das man sich zum Vorbild nehmen kann.
Disziplin sei laut Murakami der Schlüssel zum Erfolg. Auf diese Weise könne jeder von Beruf Schriftsteller sein.
- Virginia Woolf
Orlando
(109)Aktuelle Rezension von: claudiaZFür mich war es ein absolut gelungener Einstieg in das Werk von Virginia Woolf. Augenscheinlich geht es um das Leben einer einzelnen Person. Jedoch umfasst die Zeitspanne der Handlung mehrere hundert Jahre. Die Idee, gesellschaftliche Veränderungen über so einen langen Zeitraum mit einem einzigen Lebenslauf zu verbinden, finde ich außergewöhnlich.
- David Foenkinos
Das geheime Leben des Monsieur Pick
(117)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerRichard Brautigan erzählte in „Die Abtreibung: Eine historische Romanze 1966“ von einer Bibliothek, die die abgelehnten Manuskripte erfolgloser Autoren beherbergte. Eine ebenso rührende wie originelle Idee. Jeder der schreibt, weiß wie tragisch es ist, wenn man für den Mülleimer produziert, weil sich niemand findet, der die eigene Leistung zu würdigen vermag. David Foenkinos verfasst in „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ eine Hommage an Brautigans geniale Idee, indem er einen seiner Protagonisten, in einem kleinen abgelegenen Dorf in der Bretagne, ebenfalls solch eine Bibliothek eröffnen lässt. Hier müssen die Autoren persönlich erscheinen und ihr Werk einreihen, quasi auf den Friedhof der Geschichte. Der Weg in das bretonische Dorf wird so zur Wallfahrt des Eingestehens des Versagens, aber auch des Loslassens und der Erneuerung.
Doch was wäre wenn sich unter den zahllosen Manuskripten ein epochales Werk verbergen würde? Was, wenn einige Lektoren nicht richtig hingeschaut hätten? Was, wenn der Zeitgeist einfach gerade ein anderer war? Und was wäre, wenn der Literaturbetrieb weniger auf die Inhalte als auf das Image, die Show und die verkaufszahlen achtet? Könnten dann nicht Meisterwerke einfach so unter den Tisch fallen – bzw. in einer Bibliothek der abgelehnten Bücher landen?
Genau das geschieht im geheimen Leben des Monsieur Pick. Eine junge Lektorin entdeckt in den zahllosen Manuskripten ein geniale, wie emotionale Geschichte von Liebe, Trennung und einer historischen Reminiszenz an den Todeskampf des russischen Nationaldichters Puschkin. Jeder, der das Werk liest, ist begeistert und so bahnt sich die Sensation des Jahrhunderts im Literaturbetrieb an. Ein mehrfach abgelehntes Manuskript eines unbekannten Autors, wird zum Bestseller und zum Hauptthema der Feuilletons. Wer war dieser ominöse Monsieur Pick, der diesen außergewöhnlichen Roman geschrieben hat?
Der Meister der Nebensächlichkeiten
Das geheime Leben des Monsieur Pick ist dabei nicht nur eine wundervolle Geschichte über das Verlagswesen und die Literaturszene, es ist zugleich eine Erzählung über die Macht des geschriebenen Wortes und manchmal auch einfach nur über die Wirkung des Zufalls – oder zumindest die Veränderungen die das Leben manchmal braucht, um es zum Besseren zu wenden. Die einfach nur schöne Geschichte ist dabei durchweg spannend, ist doch bis zum Schluss nicht klar, was es nun mit Monsieur Pick und seinem Jahrhundertroman auf sich hat.
David Foenkinos ist ein Meister der vermeintlichen Nebensächlichkeiten. Man muss schon aufmerksam lesen und vielleicht auch mal ein klein wenig recherchieren, um die Anspielungen und tieferen Bedeutungen zu erkennen und sie nicht einfach als schlechten Stil abzutun, wie es in mancher Rezension geschieht. Ein wundervolles Beispiel ist das Barabara-Album „La Mal de vivre“, das eine kleine aber bedeutende Rolle spielt. Foenkinos hätte jedes andere Chanson nehmen können, aber er bezieht sich auf das Lied „Göttingen“.
Es ist eine wunderschöne, geradezu philanthropische Anspielung auf aktuelle Entwicklungen in Frankreich, Europa und auch weltweit. Die Liebe ist nicht nur wesentliche Triebfeder des Romans, sie ist auch wesentliche Triebfeder des Autors. Und das kann man an zahlreichen Stellen spüren, so man sich denn auf Belletristik einlassen kann.
„Er tat so, als hätte ihn das überraschende Weidersehen entzückt, und ging davon, ohne sich weiter nach ihr zu erkundigen. Sie dachte sich, er hat sich nicht verändert, alles dreht sich immer nur um ihn. Sie konnte ja nicht wissen, wie weh sie ihm getan hatte.“
Es sind diese Kleinigkeiten, die natürlich nicht immer so bedeutend sind wie bei „Göttingen“, aber sie sind auch mehr als nur eine sprachlichere Spielerei, die den Roman, den Schreibstil von Foenkinos so wundervoll machen. Diese Vorliebe für Details, für die Gedanken der Protagonisten auch abseits der Haupthandlungsstränge, das Nachreichen von Erklärungen oder Zusatzinformationen für eigentlich bereits beendete Szenen, entwickeln eine Sogkraft, die einem ein permanentes Lächeln, ob der Liebe Foenkinos für seine eigene Erzählung, ins Gesicht zaubert. Dadurch sieht man beim Lesen allerdings eventuell leicht debil aus. Das sollte man bedenken, wenn man es gewohnt ist, in der Öffentlichkeit zu lesen.
Ein leicht debiles Lächeln
Auch ist dem Buch ein sehr spezifischer Humor zu eigen. Dies gilt es ebenfalls zu beachten, sollte man gerne in einem Kaffee lesen. Denn wer bei der Lektüre laut lacht, gerät natürlich schnell in den Verdacht man würde Trivialliteratur lesen. Oder noch schlimmer irgendein Buch eines geghostwriteten Comedian. Gott bewahre. Foenkinos ist Unterhaltung. Selbstverständlich. Aber Monsieur Pick ist wundervolle Unterhaltung. Unterhaltung mit fantastischen Sprachbildern und herausragenden Formulierungen. Ich neige fast dazu, dies für eine Spezialität der französischen Literatur zu halten. Sie „schminkte sich ab, schwermütig wie eine alternde Schauspielerin nach der letzten Vorstellung.“ Den Satz kann man ruhig länger auf sich wirken lassen.
Dieser wunderschöne Roman hat jedoch auch einen gravierenden Nachteil. Zumindest für mich. Wenn in Romanen andere Bücher erwähnt werden, kann ich nicht anders, als mir eben diese Bücher zu kaufen. Es muss doch schließlich einen Grund geben, dass der Autor eben diese Werke erwähnt. Foenkinos benennt allerdings so einige Romane, was meinen SuB (Stapel ungelesener Bücher) mal wieder unter die Decke wachsen lässt. Das Schicksal der Bibliomanen und Bibliophilen.
- Knut Hamsun
Hunger
(157)Aktuelle Rezension von: MaseliKlappentext der Anaconda Ausgabe von 2023:
Es war in jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, eher er von ihr gezeichnet worden ist ….
Mit diesen Worten beginnt der große Roman des norwegischen Literaturnobelpreisträgers Knut Hamsun, mit dem ihm 1880 der Durchbruch gelang. Atemlos verfolgt der Leser, wie ein namenloser, erfolgloser Journalist und Schriftsteller durch Kristiania, das heutige Oslo, treibt und dabei mehr und mehr in Elend gerät. Obdachlos hungert, friert, fantasiert er durch die Straßen. Die Außenwelt, Scham und Stolz verstellen ihm den Weg in ein gesichertes Leben.
"Hunger" ist ein radikaler Roman und Meilenstein modernen Erzählens, der bis heute seine Leser zeichnet.
Nun hatte der Hunger begonnen mich anzugreifen.
Meine persönlichen Leseeindrücke
Lieblingsbücher sind Bücher, die einen finden. Das sind nicht unbedingt die besten oder Lesehighlights, sondern jene, die für einen geschrieben sind. Ich habe nur wenige Lieblingsbücher: Radetzkymarsch – Deutschstunde – Leinsee und ab nun auch Hunger.
Hamsun, sagt Roger Willemsen, kann etwas, was nur große Schriftsteller zustande bringen: Er hat die große Fähigkeit die Geschichte zu erzählen, die er nicht erzählt. So ist es in „Hunger: Er schreibt über den namenlosen Protagonisten und seine Schwierigkeiten, mit seinem Können Geld zu verdienen und in diese Erzählung schleicht sich eine zweite ein, mit dem Hunger in der Hauptrolle. Wie Hamsun die Veränderung des Protagonisten schonungslos offenlegt, sein Innerstes entblößt und die Anstrengungen, die der Protagonist unternimmt, um den damaligen gesellschaftlichen Regeln zu genügen, ist erschütternd. Der Protagonist verfällt in den Wahnwitz des Hungers, wird leer und schmerzfrei. Sein Wahnsinn wird ein Delirium der Schwäche und der Erschöpfung und die Sorge wahnsinnig zu werden, verstört ihn zutiefst. Zu der geistigen Auswirkung kommt die körperliche hinzu, die ihn entstellt, sodass die Leute auf der Straße bei seinem Anblick erschrecken.
Ich hatte mich so viele Jahre oben gehalten, war in so harten Stunden aufrecht gestanden, und nun war ich mit einem Mal bis zur brutalen Bettelei herabgesunken.
Der Protagonist ist sich seiner Situation durchaus bewusst. Diese Selbstreflexion der Demütigung und Entehrung, die der verarmte Journalist erfährt, wird von Hamsun nicht expressiv erzählt, sondern aus den Zwischenräumen herausgearbeitet. Das macht die Größe aus und das ist das Radikale an Hamsuns Erzählkunst, mit welcher er die Moderne einläutet.
Du guter Gott, wie schlecht war es um mich bestellt. Ich war meines ganzen elenden Lebens so herzlich müde, dass ich es nicht mehr der Mühe wert fand, weiterhin darum zu kämpfen.
Hamsun gilt in Norwegen noch heute als größter Erzähler. Im deutschen Sprachraum hingegen ist er vergessen worden. Es wäre schön, wenn ich mit diesem Beitrag den einen oder anderen Literaturliebhabenden hiermit wieder auf ihn aufmerksam machen könnte.
Fazit
In seinem großen Roman „Hunger“ beschreibt Hamsun was es bedeutet, nichts zum Essen zu haben und was dieser Zustand mit dem namenlosen Protagonisten macht. Das Buch ist eine radikale Darstellung eines selbstzerstörerischen Psychogramms dieses modernen Antihelden.
Wie wunderbar schmeckte es, wieder ein ehrlicher Mensch zu sein!
- Elizabeth George
Wort für Wort
(41)Aktuelle Rezension von: Tigerlilly94"Wort für Wort" von Elisabeth George war mein erster Schreibratgeber. Normalerweise tue ich mich mit Sachbücher schwer, da sie mich einfach nicht packen können und ich mich durchquälen muss. Das war hier überhaupt nicht der Fall. Ich bin positiv überrascht, wie "spannend" ich das Buch fand. Ich wollte einfach nur weiterlesen und die Infos aufsaugen, obwohl mir inhaltlich das meiste nicht neu war Das spricht für mich eindeutig dafür, dass die Autorin ihr Handwerk versteht :D
Da die Autorin selbst Krimis schreibt, sind viele Beispiele entsprechend Krimi-lastig. Sie lassen sich aber auch auf andere Genres adaptieren. Manchmal fand ich die Beispiele auch etwas zu lang, die Passagen hätte an der ein oder anderen Stelle gerne gekürzt werden dürfen. Das ist aber Geschmackssache.
Themen in dem Buch sind u.a. Figuren erfinden, Wahl des Schauplatzes, Erzählperspektive/-sprache, Dialog, wie baue ich eine Szene auf, Spannungsbogen, Plot-Varianten.
Im Ganzen hat mich das Buch positiv überrascht. Ein paar neue Erkenntnisse konnte ich gewinnen. Ich werde immer mal wieder reinschauen, von mir gibt es eine Leseempfehlung. Einen Vergleich zu anderen Schreibratgebern habe ich (noch) nicht.
- Dorothea Brande
Schriftsteller werden
(28)Aktuelle Rezension von: ScriptumFelicisInhalt:
Das Buch ist in 17 einzelne Kapitel aufgeteilt und jedes davon behandelt ein gewisses Thema, die ich zur Veranschaulichung kurz beleuchten werde.
Vorwort: Die Autorin berichtet von ihrer eigenen Tätigkeit in dieser Branche und ihren Erfahrungen mit anderen Schriftstellern. Zum umstrittenen Thema „Genie/Talent kann nicht gelehrt werden“ nimmt sie klar Stellung und glaubt sehr wohl daran, dass man Schreiben lernen kann. Die Zauberformel, wie Brande es in ihrem Buch nennt, möchte sie dem Schüler gerne näher bringen und ihm lehren diese Formel zu entdecken und für sich zu nutzen.
Kapitel 1: Behandelt die meistgefürchtete und meistgehasste Blockade aller Schriftsteller – Die Schreibblockade. Anhand Brandes Ausführungen gibt es insgesamt 4 davon, zum einen „Die Schwierigkeit überhaupt zu schreiben“, „Der Einzelbuchautor“, „Der Gelegenheitsschreiber“ und „Der uneinheitliche Schreiber“.
Kapitel 2: Handelt vom Schriftsteller und seinem Charakter. Es wird zwischen echten und unechten Künstlern unterschieden und beleuchtet die beiden Seelen in der Brust eines Schriftstellers.
Kapitel 3: Nennt die Vorteile zweier Seelen in einem Körper und gibt Ratschläge, wie man am besten damit umgeht. Zum Beispiel werden folgende Fragen beleuchtet: In welcher Situation ist der Künstler am Werk und wann das Alltags-Ich und in welchem Augenblick soll man wen in den Vordergrund schicken? Am Ende dieses Kapitels gibt es eine Übung, welche einem dabei hilft sich selbst und andere objektiv zu betrachten.
Kapitel 4: Gibt Ratschläge zum Thema Kräfte sparen, Vorstellungskraft und der richtigen Grundhaltung. Auch das Thema Gewohnheiten wird kurz angeschnitten, aber erst im nächsten Kapitel ausführlicher behandelt. Das letzte Unterkapitel wendet sich an Lehrende und macht darauf aufmerksam das, wenn Schüler ihre Werke vorlesen müssen, es eher schadet, als hilft.
Kapitel 5: Beleuchtet das Unbewusste und wie man es anhand einiger Übungen bewusst steuert. Zudem kann man anhand einer Übung lernen flüssig und leicht zu schreiben.
Kapitel 6: Zeigt einem wie man das Schreiben mithilfe fester Schreibzeiten zur Gewohnheit macht.
Kapitel 7 und 8: Dreht es sich um die eigenen Texte, welche man kritisch betrachten und seine eigenen Stärken und Schwächen analysieren soll. Dorothea Brande rät zusätzlich, weitere Dinge zu finden, die einem guttun und beim Schreiben unterstützend wirken.
Kapitel 10: Beschäftigt sich mit der Nachahmung anderer Autoren und was man durchaus nachahmen kann und soll aber auch damit, was man unbedingt unterlassen soll.
Kapitel 11: Hier dreht sich alles um das kindliche Interesse an der Welt. Anhand vorgeschlagener Übungen, lernt man wieder richtig zu sehen und alles als „Neu und noch nie da gewesen“ aufzunehmen.
Kapitel 12: Anhand Kapitel 12 geht man besonders auf die Originalität und Einzigartigkeit jedes Menschen ein. Hier wird dem Leser bewusst gemacht, dass eine einzige Idee in hunderten verschiedenen Geschichten enden kann.
Kapitel 13: Beschäftigt sich besonders mit der Freizeitgestaltung.
Mithilfe von Kapitel 14 wird schließlich eine Übungsgeschichte erstellt und in Kapitel 15-17 wird das „große Geheimnis“ der Schriftsteller aufgedeckt.
Meinung:
Dieser Schreibratgeber behandelt nicht das Thema „Wie schreibt man“ sondern „Wie wird man Schriftsteller“. Es stützt sich daher mehr auf das Innenleben eines Schriftstellers, als auf Schreibtechniken. Eigentlich sehr spannend, doch trotzdem konnte mich das Buch nicht wirklich überzeugen.
Es wird sehr viel um den „heißen Brei“ herumgeredet, sprich, die Autorin kommt nicht zum Punkt. Einige Kapitel sind sehr oberflächlich und vage gehalten, was mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Ein gutes Beispiel ist das Kapitel mit den Schreibblockaden. Diese 4 Arten werden zwar kurz beleuchtet aber nirgends steht geschrieben, wie man am besten damit umgeht. Es steht zwar geschrieben, dass man diese Blockaden bzw. innere Hemmung überwinden muss, aber wo bleibt das Wie?
Zudem findet man im Buch einige Stellen, in denen man sich wiedererkennt und mit dem Kopf nickt, wobei sich dies durch die fehlende Tiefe eher ernüchternd auswirkt.
Die Arbeit zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein, welches im Buch eingehend thematisiert wird, ist hingegen sehr spannend und aufschlussreich. Zudem macht Brande dem angehenden Schriftsteller Mut, sagt aber auch klipp und klar, wann man seinen Traum begraben sollte.
Die Untertitel finde ich, zumindest zum Teil, sehr schlecht gewählt. Beispiel: „Wie Sie sich zum Schriftsteller entwickeln“. Wenn ich den Titel lese, erwarte ich, dass man mir auch sagt, wie ich mich am besten zum Schriftsteller entwickle und nicht nur „In erster Linie geht es darum, das Temperament eines Schriftstellers in sich zu entwickeln.“. Ja, was ist denn damit genau gemeint? Die Liebe zum Schreiben? Die Fantasie? Die Impulse zu Schreiben? Was genau ist mit Temperament gemeint?
Die Übungen, die einem im Buch zur Verfügung gestellt werden sind sehr hilfreich, aber auch hier fehlt zum Teil eine genaue Anleitung.
Was ich hingegen toll finde, ist die Tatsache, dass Brande dem Schüler zeigen will, dass man mit einer positiven Grundhaltung mehr erreichen kann, als wenn man ständig behauptet „das kann ich nicht“.
Die Übungsgeschichte ist das Highlight im Buch, weswegen ich jedem, der sich das Buch zulegen will, rate, diese Übung mit bestem Wissen und Gewissen auszuführen.
Fazit/Empfehlung:
Es hat einige gute Ansätze und trotzdem bleibt es oft oberflächlich und schwammig. Ich hätte mir da mehr Tiefgang gewünscht.
Daher empfehle ich dieses Buch wirklich nur blutigen Anfängern und niemandem, der sich bereits intensiver mit dem Thema „Schreiben“ auseinandergesetzt hat. Dorothea Brande sagt selbst, dass es sich an Anfänger richtet und es deshalb vor dem eigentlichen Schreibprozess gelesen werden soll.
- Meg Wolitzer
Die Ehefrau
(52)Aktuelle Rezension von: LydisBooks„Die Ehefrau“ von Meg Wolitzer hat mir als Taschenbuch leider kaum gefallen.
Eine Frau, die voll und ganz für ihren Mann liebt und dessen Leben begleitet ganz egal wie belanglos ihr eigenes Leben ist. Als Aufopferung getarnte Abhängigkeit.
Ich habe das Buch auf einem Bücherbazar gekauft, weil ich den Klappentext interessant fand. Hier liegt jedoch ein klassischer Fall von „Klappentext stimmt kaum mit Inhalt überein“ vor.
Die Geschichte ist belanglos geschrieben, das Schicksal von Joan zu 100% vom Erfolg des Ehemannes abhängig, dessen Launen und Zweifel und Karriere.
Leider ist es mir schwer gefallen echte Sympathie für Joan aufzubringen.
Solide geschrieben, aber leider eher langweilig.
- Ulla Lenze
Das Wohlbefinden
(72)Aktuelle Rezension von: RadagastDie Lebensgeschichten der Hauptfiguren in Ulla Lenze Buch beginnt vielversprechend. Der Spannungsbogen hält sich bis etwas zur Hälfte des Buches. Danach fällt das Gerüst an Erzählungen aus einander. Es wird nicht verwirrend, aber die jeweiligen Situationen wo die verschiedenen Figuren in dieser Geschichte enden, lässt mich etwas unzufrieden zurück. Ich kann es durchaus ab wenn Geschichten kein Ende haben, da ist dann Platz für mein eigenes erfundene Ende.
Dieser Roman hätte durchaus Potenzial echt gut zu sein, aber das schwammigen Ende der jeweiligen Darsteller gefällt mir nicht. Stellenweise war die Erzählung sehr detailverliebt. Da hat man sich gut in die jeweilige Situation hineinversetzen können und daraus wurde man her raus gerissen und in die nächste Situation geworfen. War nicht schlecht, da der rote Faden erhalten blieb. Es hat den Eindruck erweckt als hätte die Autorin einen dringenden Termin gehabt und muss das Buch abrupt beenden. - Christiane Lind
Geheimnisse der Gaukler: Historischer Roman
(37)Aktuelle Rezension von: Cari2000London im 16. Jahrhundert lebt in diesem Buch: Der Lärm der Gassen, das wilde Treiben in den Theatern und Tavernen von Southwark. Wer sich für das Elizabethanische England und die Zeit Shakespeares interessiert, findet hier die passende Zeitmaschine.
Im Zentrum steht Alice, eine junge Frau, die ihrem brutalen Ehemann entkommt, indem sie sich als Mann verkleidet. Sie schlägt sich durch, landet in der Welt der Gaukler und Schauspieler, und begegnet niemand geringerem als Christopher Marlowe, der sie in seine Theatertruppe aufnimmt. Ab da entfaltet sich ein fesselndes Spiel aus Maskerade, Leidenschaft und Gefahr.
Was mir gefallen hat ist die Mischung aus Spannung und Atmosphäre. Lind schreibt lebendig und mit spürbarer Liebe zum Detail. Man merkt, dass sie sich in der Zeit auskennt. Das Theaterspiel, die gesellschaftlichen Zwänge, das Leben der einfachen Leute. Besonders gelungen fand ich, wie sie starke Frauenfiguren zeichnet, die sich in einer Männerwelt behaupten müssen, ohne dabei unrealistisch modern zu wirken.
Die Story ist an einigen Stellen etwas vorhersehbar und der Mittelteil hat auch ein paar Längen, für mich war das aber verschmerzbar. Die Geschichte hat Herz, Tempo und eine bildhafte Sprache, die einen bis zum Schluss mitnimmt. Ein Roman für alle, die historische Stoffe mit Emotion und einer Prise Theaterzauber lieben.
- Claire Fuller
Eine englische Ehe
(62)Aktuelle Rezension von: kaelleWas geschah mit Ingrid? Das ist die Frage, um die dieser Roman kreist. Ingrid ist die Frau des Schriftstellers Gil und die Mutter von Nan und Flora. Sie verschwand eines Tages, als die Töchter noch Kinder waren. Hat sie irgendwo ein neues Leben angefangen? Ist sie im Meer ertrunken? Hat sie Selbstmord begangen? Der Roman beginnt damit, dass der inzwischen recht alte Gil sie zu sehen glaubt. Daraufhin hat er einen Unfall, sodass seine Töchter zu ihm kommen und sich um ihn kümmern. Aus der Sicht von Flora wird all das erzählt. Sie ist es auch, die noch immer fest daran glaubt, dass ihre Mutter eines Tages zurückkommen würde.
Neben dieser Gegenwartsebene gibt es aber noch eine weitere Erzählebene: Vor ihrem "Verschwinden" hat Ingrid die Geschichte ihrer Beziehung zu Gil in Form von Briefen an ihn zu Papier gebracht. Diese Briefe steckt sie - scheinbar wahllos - in seine unzähligen Bücher, weiß also nicht, ob sie ihn tatsächlich erreichen werden. Die Briefe werfen kein gutes Bild auf Gil: Als Ingrids ehemaliger Englischprofessor schwängert er sie, sodass sie keinen Abschluss machen kann und er seinen Job verliert. Fortan schlägt er sich als schlechter Schriftsteller durch, der Frauen ebenso sammelt wie Bücher. Seinen einzigen literarischen Erfolg verdankt er Ingrid, die ihm das Buch mehr oder weniger diktiert hat. Sie hadert mit ihrem Leben als betrogene Ehefrau und Mutter - eine Rolle, die sie nie wirklich gerne ausfüllt.
Obwohl es eigentlich keine wirklichen Sympathieträger in diesem Roman gibt, bin ich von Seite zu Seite immer lieber in die Geschichte eingetaucht, war richtig dabei. Das liegt sicherlich auch an den zwei Erzählebenen, die kunstvoll miteinander verbunden wurden. So beschuldigt Gil Ingrid eines Tages, sie würde in seinem Schreibzimmer herumspionieren und seine Manuskripte mit ihren nassen Haaren volltropfen. Viele, viele Seiten später erfährt man aber, dass es Flora war, die sich heimlich in das Zimmer ihres Vaters geschlichen hat. So klären sich durch das Zusammenspiel beider Ebenen viele Dinge auf, sodass man als Leser*in den Figuren an Wissen überlegen ist.
Interessant wäre es sicher noch gewesen, auch Gils Sicht der Dinge kennenzulernen, zumindest ab und zu. Man kann ihn aber auch so recht gut lesen und seine Taten, zumindest gegen Romanende, ziemlich eindeutig einordnen.
- Paul Theroux
BLINDING LIGHT
(1)Aktuelle Rezension von: AlaisLong ago, Slade Steadman wrote his bestselling travel book "Trespassing" that made him a rich man. However, he does not know how to follow up on his success and his relationship with his girlfriend Ava is coming to an end. Together, they go for a trip to Ecuador where he discovers a mysterious drug that unlocks his creativity, apparently providing him astonishing insights into himself and other people, their innermost feelings and even their past... with the side effect of making him blind.
Thus an astonishing inward journey starts that inspires Steadman to write another book - but is far more dangerous and leaves him with more blind spots than he thought...
A spellbinding read, beautifully composed, though I was a bit disappointed by the main character. Slade Steadman seems to be only interested in himself and does not use his new talent for anything good other than living out his own erotic fantasies and writing a new book. However, he soon discovers that there are more than one form of blindness and not all are as glorious... - Markus Orths
Mary & Claire
(51)Aktuelle Rezension von: FederfeeWer kennt ‘Frankenstein’ nicht, den immer noch beliebten und gerne gelesenen Klassiker oder die Verfilmung dieses Meisterwerks der Schauerliteratur! Aber: Mary Shelley nur deswegen zu schätzen, wäre zu kurz gegriffen. Das sieht anscheinend auch der Autor Markus Orths so, denn er setzt in diesem Buch andere Schwerpunkte. Das erkennt man schon am Titel.
Ist Sichtermanns Buch (Rezension https://www.lovelybooks.de/autor/Barbara-Sichtermann/Mary-Shelley-3745963609-w/rezension/19373835124/) eine Biografie mit Romanelementen, ist es hier umgekehrt: ein Roman auf der Grundlage biografischer Daten, poetisch und bildhaft in der Sprache und voller interessanter Gedanken zum Lesen, zum Schreiben und zum Leben. Liegt sonst der Schwerpunkt auf Mary Shelley, wird hier gleichwertig über ihre Stiefschwester Claire Clairmont geschrieben, die beide so eng miteinander verbunden waren und beide den gleichen Mann liebten und von Percy Bysshe Shelley wiedergeliebt wurden. - Sie waren sehr unterschiedlich: Mary melancholisch und immer wieder an die verstorbene Mutter denkend, Claire (Jane) dagegen lebenslustig und ein wenig schrill.
‘Jane & ich sind wie Sonne und Schatten’. Percy fragt: ‘Wer ist der Dritte? Bei Sonne und Schatten muss es doch jemanden geben, der in der Mitte steht und den Schatten wirft?’ (60) - Ein einprägsames Bild, um diese Dreierbeziehung zu verdeutlichen. Obwohl wahrscheinlich die meisten die sog. Poyamorie nicht verstehen und obwohl Percy sich finanziell sehr verantwortungslos gebärdet hat, wird er als liebevoller und sympathischer Mensch geschildert, jemand, der nach eigener Aussage gegen ‘Engstirnigkeit, Verbohrtheit, Eingrenzung des Denkens’ kämpft (61). Sie alle drei waren gegen die überlieferten weiblichen Rollenbilder und versuchten, ihr eigenes Leben nach ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen zu gestalten.
Orths arbeitet klar heraus, dass beide Schriftstellerinnen sein wollten, aber heute kennt man wegen ihres ‘Frankensteins’ nur noch Mary W. Shelley und Claire Clairmont leider nur als ruhelose Gouvernante, in verschiedenen Ländern arbeitend und Mutter von Byrons Tochter Allegra, die als Kind verstarb.
Marys Schicksal war allerdings ebenfalls schwer: nicht nur, dass ihre Mutter früh gestorben war, sondern auch ihre Kinder starben bis auf eines und dann auch noch Percy durch einen Schiffsunfall.
Natürlich erfahren wir auch einiges über den Dichter Percy Bysshe Shelley und den Vierten im Bunde: Lord Byron, der eine Zeitlang eine Beziehung zu Claire hatte, die aber einseitig von ihr ausging.
Mir gefallen die kleinen Geschichten sehr, die Orths einwebt: z.B. die Erklärung der Finger der Hand in Bezug auf Frauen (41) - wie Mary zum Schreiben kommt, als sie sich die Schicksale längst Verstorbener anhand von Grabsteinen ausdenkt - wie ihre Handschrift beschrieben wird (46), dass das ‘t’ ein Dach für die anderen Buchstaben bildet - die Episode mit der Spinne im Keller - u.v.m.
Markus Orths versteht es hervorragend, Vorkommnisse in ergreifende emotionale Szenen zu verwandeln, z.B. die tieftraurige und enttäuschende Szene, als Percy & Mary vor den Vater treten, um ihm ihre Liebe zu gestehen (85). Marys Mutter Mary Wollstonecraft Godwin war Frauenrechtlerin gewesen, selten in der damaligen Zeit, und auch der Vater, Sozialphilosoph Godwin, vertrat theoretisch freiheitliche Ansichten, lehnte aber diese ‘wilde Ehe’ und erst recht die Dreierbeziehung aus gesellschaftlichen Gründen ab. Percy war noch verheiratet und hatte zwei Kinder.
Mir gefallen auch die vielen Abschnitte und Gedanken über das Schreiben und Lesen, über die Liebe und das Leben, über Einsamkeit und Alleinsein, aber nicht nur, WAS Markus Orths schreibt, sondern auch WIE: bildhaft und poetisch.
War das mächtigste Pulver der Welt nicht die Sprachkraft? 68
Fazit
Markus Orths, mir schon durch die Romanbiografie zu Max Ernst (Rezension https://www.lovelybooks.de/autor/Markus-Orths/Max-1447305490-w/rezension/1527903945/) bekannt, hat mit dieser Romanbiografie zwei starken bemerkenswerten Frauen ein literarisches Denkmal gesetzt und das auf kurzweilige, poetische Art und Weise und dennoch auf korrekten Tatsachen beruhend. (Hinten gibt es ein kurzes Nachwort des Autors mit Quellen- und Seitenangaben.)
Und endlich einmal kann ich dem Klappentext (Schutzumschlag hinten) einmal voll zustimmen: mitreißend, elegant, ‘eine sprudelnde, schwärmerische Geschichte über die Literatur, das Leben und die Liebe’. Leseempfehlung!
- Stefanie Zurek
With Love, Mary Sue - Das Phänomen Fanfiction
(12)Aktuelle Rezension von: MiiiIch habe schon so einiges über FanFiction gelesen und da wurden selten ein gutes Auge dran gelassen.
In der Regel wurde sich immer darüber ausgelassen, dass FanFiction zum Großteil von kleinen pubertierenden Mädchen geschrieben wird, die ihre heimlichen Wünsche und Träume so ausleben. An diesen Artikeln hab dann widerrum ich kein gutes Auge drangelassen, weil ich es unfair gegenüber den angehenden Autoren fand.
Klar, FanFiction hat auch einige Schattenseiten, aber ich hab nie verstanden, wieso es bei Music "Cover" oder bei Filmen "Parodien" akzeptiert, ja sogar willkommen geheißen werden aber bei
"FanFiction" man nur traurig belächelt wird.
Dieses Buch war für mich eine echt willkommene Abwechslung! In lockerem, freudigem aber dennoch sachlichem Tonfall wird alles erklärt/erzählt, was man zu FanFiction wissen muss. Man wird nicht in den Himmel gelobt, aber auch nicht ohne Ende kritisiert. Es werden sowohl die positiven als auch negativen Aspekte aufgezählt, Dinge aufgeführt, die man zu beachten hat, Probleme erwähnt, mit denen FanFiction Autoren zu kämpfen haben und und und.
Was mir auch persönlich sehr gefallen hat, waren die Zitate von verschiedenen FanFiction Autoren, die am Fuße jeder Seite zu finden wird.
Einige Seiten hab ich mehr überflogen, als gelesen, weil sie für mich Wissen beinhaltet haben, das mir nicht neu war.
Alles in allem aber ein tolles Buch, das sich meiner Meinung nach jeder, der sich eine objektive und vernünftige Ansicht über FanFiction aneignen will, anschauen sollte!























