Bücher mit dem Tag "spanische literatur"
6 Bücher
- Pascal Mercier
Nachtzug nach Lissabon
(1.390)Aktuelle Rezension von: LuliaIm Zentrum der Handlung steht der introvertierte Altphilologe Raimund Gregorius dessen Alltag aus Ritualen, Büchern und seiner Tätigkeit als Lehrer besteht. Ein zufälliges Treffen mit einer geheimnisvollen Frau auf dem Weg zur Schule und ein portugiesisches Buch voller existenzieller Gedanken, die er zufällig in einer Buchhandlung entdeckt, reißen ihn aus dieser Ordnung heraus und er begibt sich auf die Spuren des Autors ebendieses Buches, was ihn nach Lissabon führt. Die Handlung liest sich wie eine Reise durch Lissabon mit seinen Stationen, die einzeln für sich eine weitere neue Facette sowohl des Autos Prado als auch Gregorius‘ freilegen. Hierbei wechseln sich Passagen mit Schilderungen Nahestehender Prados über ebendiesen, Passagen seines Buches und innerer Empfindungen und Gedanken Gregorius‘ ab. Die stille und langsame Handlung lebt vor allem von der Atmosphäre, den inneren Bewegungen und den Begegnungen.
Bei den Protagonisten stehen sowohl Gregorius als auch Prado klar im Mittelpunkt. Besonders hervorzuheben ist die Entwicklung, die die beiden im Verlauf des Buches vollziehen. Aber auch relevante Nebenprotagonisten erleben eine nachvollziehbare und schöne Entwicklung, die der Geschichte eine zusätzliche Facette und Tiefe verleiht. Wer stille und tiefgründige Romane mit philosophischem Tiefgang und existenziellen Fragestellungen mag, wird hier fündig.
Der Schreibstil ist philosophisch, klar und teils anspruchsvoll, was gut zur Handlung passt.
Minuspunkte: Das bereits erwähnte langsame Handlungstempo war an einigen Stellen sehr zäh und der philosophische Einschlag war mancherorts ein wenig zu anspruchsvoll.
Insgesamt kann ich das Buch empfehlen. - Dolores Redondo
Alles was ich dir geben will
(146)Aktuelle Rezension von: MikeyDer Buchtitel bezieht sich auf ein Zitat der Bibel: "Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest."
Als der Schriftsteller Manuel Ortigosa durch die Polizei erfährt, dass sein Mann Alvaro bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist, ist es ein Schock, umso mehr, als er erfährt, dass sein Mann offensichtlich ein Doppelleben führte. Erbe eines galizischen Weingutes macht er in seinem letzten Willen selbst Manuel zum Alleinerbe seines Besitzes, dem Besitz einer Adelsfamilie, die von vorn herein Manuel zu verstehen gibt, dass er nie zur Familie gehören wird. Je tiefer er mit der Hilfe eines pensionierten Polizisten, der überzeugt ist, der Unfall war Mord und der offensichtlich mit dieser Familie noch eine offene Rechnung hat, in die Tragödie der Familie einsteigt, umso mehr verstärkt sich das Gefühl, dass er seinen Mann nie richtig gekannt hat.
Und dann ist da noch der mysteriöse Tod des jüngsten Bruders vor wenigen Jahren, der wohl auch noch eine Rolle spielt."Alles was ich dir geben will" habe ich als 6-Teiler im Fernsehen gesehen und die Geschichte hatte mich tief berührt. Umso mehr habe ich mich gefreut, dass Buch zu bekommen, bin aber leider sehr enttäuscht. Während ich für die Fernsehserie eine klare Empfehlung zum Anschauen gebe, kann ich hier keine Leseempfehlung aussprechen.
Leider zieht sich die Geschichte sehr stark. Ausführlich wird berichtet, wie Manuel an der Weinlese teilnimmt, einen Straßenhund aufnimmt oder mit dem Polizisten Bordelle besucht, ohne dass es erkennbar zu etwas führt. Vielleicht habe ich auch zu schnell aufgeben, aber teilweise liest sich das Buch wie ein galizischer Kulturführer. Dabei wollte ich wirklich durchhalten, weil die Geschichte an sich wirklich nah geht, aber die Umsetzung ist der Autorin nicht geglückt und wenn ich ein Buch tage- bis wochenlang nicht weiterlese, bringt es nichts und so habe ich bei Seite 350 der gebundenen Ausgabe, also bei knapp 2/3 des Buches abgebrochen. Bis dahin ist wohlgemerkt nichts Erhellendes passiert, was erkennen lässt, wohin das ganze führen soll.Also ich werde mir definitiv die Miniserie nochmal ansehen. Hier widerstrebend (weil, hätte gern mehr gegeben) nur 3 Sterne.
- Julio Llamazares
Der gelbe Regen
(1)Aktuelle Rezension von: Gwhynwhyfar«Vorher, als Julio und seine Familie noch da waren (und davor, als Tomás noch nicht gestorben war und hartnäckig ganz allein das alte Haus und die Erinnerung an Gavín erhielt), versammelten wir uns alle in einem der Häuser am Kamin und verbrachten dort, während Schnee und Wind auf dem Dach winselten, die langen Winternächte damit, uns Geschichten zu erzählen und uns an Personen und Ereignisse aus einer Zeit zu erinnern, die fast immer weit zurücklag. Das Feuer einte uns damals mehr als die Freundschaft und das Blut. Die Worte dienten wie immer dazu, die Kälte und Trostlosigkeit des Winters zu verscheuchen. Jetzt dagegen wurden Sabina und ich uns durch das Feuer und die Worte noch fremder, die Erinnerungen machten uns immer schweigsamer und verschlossener. Und so war der Schnee, als er dann kam, schon seit langem in unseren Herzen.»
Ein Klassiker. Der Protagonist, Andrés de Casa Sosa, ist der letzte Einwohner des verlassenen Dorfes Ainielle, das in den aragonesischen Pyrenäen liegt. Die Verbliebenen sind inzwischen verstorben, andere schon lange weiter hinunter in die Täler gezogen oder ins Ausland, auf der Suche nach Arbeit. Nur Andrés, schon sterbensalt, harrt aus. Er verteidigt sein Dorf gegen vermeintliche Eindringlinge der Natur; er ist den Menschen, die Menschen sind ihm fremd geworden. Erinnerungen an die Zeit, als sie noch ein paar wenige waren, seine Nachbarn, Sabina, seine Frau.
«Ich habe jedoch Tag um Tag seinen langsam fortschreitenden Niedergang miterlebt. Ich habe Haus um Haus einstürzen gesehen und habe vergeblich versucht zu verhindern, dass dieses hier vorzeitig zu meinem eigenen Grab wird. Während all dieser Jahre habe ich ohnmächtig einem langen, grausamen Todeskampf bei-gewohnt. Während all dieser Jahre war ich der einzige Zeuge des endgültigen Zerfalls eines Dorfes, das vielleicht sogar schon tot war, bevor ich zur Welt kam. Und auch heute, an der Schwelle zu Tod und Vergessen, hallt in meinen Ohren noch das Schreien der unter dem Moos begrabenen Steine und das endlose Klagen der vermodernden Balken und Türen.»
Der Sohn ging fort im Streit – wenn er geht, dann möge er niemals wieder kommen, hatte Andrés ihm als Bedingung gestellt. Sein Erinnern selbst ist vom Rost der Zeit angefressen, ist ein letztes Aufbäumen gegen den immer spürbarer werdenden tödlichen Schleier. Die Häuser um ihn herum fallen zusammen. Zuerst weichen die Balken durch die Feuchtigkeit auf, zerbrechen, und dann rutschen die Steine. Am Anfang, als sie noch mehr als eine Hand voll waren, haben sie die Gärten aller Häuser bestellt, sich selbst versorgt, mit dem, was die Erde hergegeben hat, Kühe, Hühner. Sie haben die Nachbarhäuser in Ordnung gehalten, die Straßen, die Natur, die eindringen wollte, weggeschnitten. Irgendwann waren sie nur noch zu zweit, zwei alte Männer. Sie haben es nicht mehr geschafft.
«Doch in jener Nacht in der Mühle, während in der Casa Julio die letzten Vorbereitungen für die Abreise getroffen wurden und der gelbe Regen sanft auf den Fluss niederging, merkte ich plötzlich, dass mein Herz auch schon vollständig von diesem Regen durchweicht war. Dann geschah das mit Sabina. Und von diesem Tag an zwang mich die Einsamkeit dazu, ständig und unweigerlich Zeuge meines eigenen Verfalls unter der Last der bereits gelebten Jahre zu sein.»
Der Zerfall des Dorfs, des Körpers, des Geistes. Julio Llamazares ist ein wundervoller Erzähler der alten Schule. Verlust, das Verdörren der einen Wurzeln, begraben ist das, was man liebte; ein inneren Monolog in der Einsamkeit. Irgendwann gehen die Nahrungsmittel aus und er stellt sich die Frage, ob Andrés eines natürlichen Todes sterben wird oder wird er von seinem eignen Haus erschlagen? Wer wird ihn finden? Wann wird man ihn finden? Der Trost ist der Hund, ist die Natur. Alles um ihn herum ist gelb. Die Steine, der Schnee, der Regen. Man fröstelt förmlich mit Andrés mit, wenn der Schnee das Dorf einschließt, die Kälte in die Gemäuer zieht. Eigentlich ein deprimierender Stoff; doch die Novelle entwickelt einen Sog, weil sie so eindringlich, dicht und atmosphärisch geschrieben ist. Ein spanischer Klassiker – Empfehlung!
Julio Llamazares wurde 1955 als Sohn des Dorfschullehrers in Vegamián, in der nordspanischen Provinz León, geboren. Mit 12 Jahren wurde er in ein Internat nach Madrid geschickt. Er studierte zunächst Jura, arbeitete jedoch nur kurze Zeit als Rechtsanwalt. Statt dessen begann er in Madrid für verschiedene Medien journalistisch tätig zu werden. Seine erste literarische Veröffentlichung war der Gedichtband La lentitud des los bueyes von 1979, der den «Premio de Poesía Antonio G. de Lama» erhielt. Eine Essay-Sammlung El entierro de Genarín. Evangelio apócrifo del último heterodoxo español folgte 1981 und ein Jahr später weitere Gedichte unter dem Titel Memoria de la nieve, die mit dem «Premio Jorge Guillén» ausgezeichnet wurden. Neben den drei Romanen, Luna de lobos (1985, dt.Wolfsmond, 1991), La lluvia amarilla (1988, dt. Der gelbe Regen, 1991) und Escenas de cine mudo(1994, dt. Stummfilmszenen, 1998) sind von Llamazares auch journalistische Arbeiten und Reiseberichte in Buchform erschienen. Luna de lobos, der erste Roman, war in Spanien ein großer literarischer Erfolg und wurde zwei Jahre später unter demselben Titel, nach einem von Llamazares verfaßten Drehbuch, verfilmt. Die Erfahrung des Verlustes seines Geburtsortes - 1968 mußte das Dorf einem Stausee weichen - war prägend für das literarische Schaffen von Julio Llamazares. Die verlassene, vom Aussterben bedrohte ländliche Bergregion Leóns und Asturiens bildet immer wieder den Hintergrund seiner Werke. Im Zentrum steht das Verschwinden von Traditionen und eine Sensibilität, die die Natur als vom Menschen unabhängige Einheit betrachtet. In der Gegenüberstellung von ländlichem und städtischem Leben wird jedoch die Natur nicht idyllisch verklärt - sie ist vielmehr bestimmt von Einsamkeit, Überlebenskampf und Sterben.
- Carmen de Burgos
Die Unergründliche / La incomprensible
(1)Aktuelle Rezension von: JordanbakerCarmen de Burgos: für mich war das eine echte literarische Entdeckung. Zu Unrecht ist diese spanische Pionierin, eine der ersten Redakteurinnen ihres Landes und frühe Vorkämpferin der Frauenrechte, im deutschsprachigen Raum kaum bekannt. Die Unergründliche (im Original La incomprensible) hat mich sofort gepackt und nicht mehr losgelassen.
Auf knapp zwanzig Seiten erzählt de Burgos von Isabel, einer Frau, die vor der Liebe flieht, nicht weil sie sie nicht will, sondern weil sie sie perfekt haben möchte und die Angst vor dem „Verlöschen“ der Leidenschaft sie in eine Spirale aus Annäherung und Rückzug treibt. Sie reist durch Italien, Frankreich, England, schreibt Briefe, widerruft sie, erträumt ein Ideal und zerbricht fast daran.
Was diese Novelle so groß macht: Ja, es ist eine weibliche Perspektive, die hier spricht, und de Burgos schildert mit feinem Gespür die gesellschaftlichen Zwänge, unter denen Frauen ihrer Zeit litten. Aber Isabel ist nicht nur eine Heldin des frühen 20. Jahrhunderts. Ihre Ängste, die Angst vor Enttäuschung, die Unfähigkeit, sich dem Glück anzuvertrauen, der Perfektionismus in der Liebe, das ist zeitlos und universell. Jeder Mensch, unabhängig vom Geschlecht, kennt diese Momente, in denen man sich selbst im Weg steht.
Die Sprache ist elegant und präzise, die Atmosphäre dicht. Dass die Autorin in so wenigen Seiten eine so komplexe Figur erschafft und ihr Innerstes nach außen kehrt, ist meisterhaft. Für mich ist dieses Werk nicht nur eine Wiederentdeckung einer vergessenen Autorin, sondern ein kleines Juwel, das zeigt, dass große Literatur keine tausend Seiten braucht.
Absolute Leseempfehlung, für alle, die kluge, psychologisch feine Erzählungen lieben, die weit über ihr Entstehungsjahr hinaus wirken.





