Bücher mit dem Tag "ss"
28 Bücher
- Jonathan Littell
Die Wohlgesinnten
(160)Aktuelle Rezension von: Tilman_SchneiderNach der großen Ankündigung und dem großen Erfolg in Frankreich konnte man sehr gespannt sein. Der Autor hat wohl die nötige Distanz um dieses >Eisen< anzupacken. Leider passiert dann sehr wenig. Lobenswert ist die genaue Recherche und das Aufarbeiten von Zahlen und Orten, aber Ereignisse werden zum Teil nur gestreift und das Buch wird bald langweilig. Es ist sehr enttäuschend, man kann fast von einem Machwerk sprechen denn von all dem angekündigten, versprochenen ist nichts übrig. Es wird soviel angepackt, aber dann plötzlich fallen gelassen und der Autor nimmt seine Erzählfäden oft nicht mehr auf und so ist es nicht interessant, nicht brisant, nicht aufklärend oder aufrüttelnd, sondern einfach nur langatmig, langweilig und überhaupt nichts sensationelles.
- Andreas Eschbach
NSA - Nationales Sicherheits-Amt
(369)Aktuelle Rezension von: BuecherhexeNSA - Andreas Eschbach
Andreas Eschbachs Roman NSA basiert auf einer ebenso faszinierenden wie beunruhigenden Grundidee: Was wäre geschehen, wenn dem nationalsozialistischen Deutschland bereits die technischen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters zur Verfügung gestanden hätten? Konkret entwirft Eschbach eine Welt, in der Computer, soziale Netzwerke und allgegenwärtige elektronische Überwachung schon während des Dritten Reiches existieren. Diese Prämisse macht NSA zunächst zu einem äußerst spannenden und beklemmenden Werk der Alternative History.
Besonders zu Beginn überzeugt der Roman durch seine konsequente Ausarbeitung des Szenarios. Eschbach gelingt es eindrucksvoll, die Mechanismen moderner digitaler Überwachung mit den totalitären Strukturen des NS-Staates zu verknüpfen. Die Vorstellung, dass Gestapo und SS nicht mehr mühsam Akten durchsuchen müssten, sondern per Mausklick auf umfassende Datensätze zugreifen könnten, entfaltet eine enorme Wirkung. Gerade weil viele der geschilderten Technologien heutigen Lesern vertraut sind, wirkt die dargestellte Dystopie erschreckend plausibel.
Auch die Figurenzeichnung ist zunächst gelungen. Die Protagonistin Helene Bodenkamp, eine talentierte Programmiererin, steht exemplarisch für Menschen, die sich in autoritären Systemen arrangieren, ohne deren Konsequenzen vollständig zu überblicken. Ihre Entwicklung verdeutlicht, wie technische Expertise und politische Verantwortung miteinander verknüpft sind – oder eben nicht. Eschbach stellt damit wichtige Fragen nach der moralischen Verantwortung von Informatikern und Technikern, die auch für die Gegenwart hochaktuell bleiben.
Dennoch weist der Roman gerade aus Sicht der Alternative History für mich erhebliche Schwächen auf. Zwar ist die Ausgangsidee originell, doch erscheint die technische Entwicklung häufig zu wenig historisch eingebettet. Die digitale Revolution wird nahezu vollständig in die 1930er- und 1940er-Jahre transplantiert, ohne dass die tiefgreifenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Voraussetzungen ausreichend berücksichtigt werden. Dadurch entsteht stellenweise der Eindruck, dass weniger eine alternative historische Entwicklung beschrieben wird als vielmehr die heutige Gegenwart mit NS-Symbolik überzogen wird. Das eigentliche Potenzial alternativer Geschichtsschreibung – nämlich nachvollziehbar zu zeigen, wie sich historische Prozesse unter veränderten Bedingungen entwickeln könnten – wird nur teilweise ausgeschöpft.
Hinzu kommt, dass der Roman im letzten Drittel zunehmend an Plausibilität verliert. Während die Handlung anfangs noch von ihrer beklemmenden Realitätsnähe lebt, steigert sich die Geschichte gegen Ende immer stärker in spektakuläre und teilweise abstrus wirkende Wendungen. Die Ereignisse überschlagen sich, Zufälle häufen sich, und einige Entwicklungen erscheinen eher konstruiert als organisch aus dem zuvor etablierten Szenario hervorgegangen. Dadurch büßt die Geschichte einen Teil jener Glaubwürdigkeit ein, die ihre größte Stärke ausmacht.
Daher mein Fazit: trotz des anfänglichen spannenden Buchs, habe ich die letzten Seiten möglichst schnell hinter mich gebracht - 3 Sterne
- Nele Neuhaus
Tiefe Wunden (Ein Bodenstein-Kirchhoff-Krimi 3)
(775)Aktuelle Rezension von: mxchellex678Tiefe Wunden ist ein solider Kriminalroman aus der Reihe um Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein. Wie gewohnt schreibt Nele Neuhaus flüssig und detailreich, wodurch sich die Geschichte angenehm lesen lässt. Der Fall selbst war spannend aufgebaut, konnte mich aber nicht vollkommen fesseln. Einige Wendungen wirkten vorhersehbar, und die emotionale Tiefe, die ich mir gewünscht hätte, blieb etwas aus.
Trotzdem überzeugt das Buch mit einer gut konstruierten Ermittlungsarbeit und authentischen Figuren. Besonders Fans der Reihe werden hier auf ihre Kosten kommen, auch wenn es für mich persönlich kein Highlight war. Insgesamt ein gutes, solides Buch – lesenswert, aber nichts, was lange im Gedächtnis bleibt.
- Claire Winter
Die geliehene Schuld
(165)Aktuelle Rezension von: Marina_ProkoppBerlin, 1949: Vera Lessing hatte es in den letzten Jahren nicht leicht: Der 2. Weltkrieg hat ihr ihren Mann und ihre Eltern genommen und jetzt liegt Deutschland in den Trümmern und ist mitten in der Nachkriegszeit. Gemeinsam mit ihrem Jugendfreund und Kollege Jonathan arbeitet sie bei einer Zeitung. Plötzlich stirbt Jonathan in Köln, er wollte dort etwas für seinen aktuellen Artikel recherchieren. Die Polizei geht von einem Unfall aus, aber Vera glaubt, dass mehr dahintersteckt. Als sie seine Unterlagen und eine Nachricht von ihm bekommt, die er kurz vor seinem Tod abgeschickt hatte, ist ihr klar, dass Jonathan an einer großen Sache dran war. Sie beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und folgt seinen Spuren, die sie in die Vergangenheit und in Gefahr bringen ...
Die Autorin Claire Winter hat mit „Die geliehene Schuld“ wieder ein sehr packendes, vielseitiges, facettenreiches und emotionales Buch geschrieben. Der Roman fesselt von der ersten Seite und lässt bis zum Schluss nicht mehr los. Die Geschichte spielt in Deutschland in der Nachkriegszeit und die Autorin hatte die Lebensumstände der Menschen greifbar dargestellt und ihr bildhafter Schreibstil erweckt das Gefühl, dass man direkt dabei ist. In dem Buch wechseln die Zeiten, mal ist man in der Gegenwart und manchmal ein paar Jahre zurück in der Vergangenheit. Das sorgt aber nicht für Verwirrung, sondern macht das Buch noch ergreifender, emotionaler und tiefgründiger, da man den Verlauf der Geschichte immer wieder aus anderen Augen und Blickwinkel betrachten kann. Die Autorin hat sehr gut recherchiert und verknüpft ihre fiktive Erzählung mit realen Geschehnissen.
- John Boyne
Der Junge auf dem Berg
(306)Aktuelle Rezension von: AtschiBDer Autor schafft es in leichter Weise die Botschaft zu vermitteln, wie leicht Menschen, insbesondere junge Menschen, beeinflusst werden können und welche Gefahr darin liegt. Mit seiner angenehmen Schreibweise regt er zum Nachdenken an und die Seiten flogen nur so dahin. Die Dialoge wirken so unglaublich authentisch und mein Kopfkino war in vollem Gange. Die Figur Pierrot/Peter wirft bei mir Fragen auf. Ich konnte sein Verhalten nicht immer nachvollziehen. Klar, im Alter 6-7 Jahren stellt er viele Fragen und überraschender Weise hinterfragt er den „Herrn“ nicht. Vielleicht lässt es damit erklären, dass die anderen Personen, die auch im Hause leben oder arbeiten voller Respekt dem „Herrn“ gegenüber handeln und nicht widersprechen. Die Vergangenheit von Pierrot ist erschreckend, jedoch für die damalige Zeit sicherlich nicht ungewöhnlich. Es ergreift mich, wie sich das Leben von Pierrot verändert, als in das Haus auf dem Berg zieht. Ab sofort heißt er Peter. Er muss seine Herkunft, seine Freundschaft zu Anshem verleugnen und seine Lebenseinstellung verändert sich drastisch – schockierend! Die Begeisterungsfähigkeit und auch der Stolz den Pierrot zeigt als er seine erste Uniform erhält, hat mich bewegt. Ich verstehe den kleinen, liebenswerten Jungen, dennoch hätte ich ihn gern gewarnt und aufgeklärt. Das war schon aufwühlend für mich. Schockierend ist seine weitere persönliche Entwicklung und welche Wege er geht -mir fehlen die Worte.
Das Buch lässt mich nachdenklich zurück und ich freue mich auf weitere Bücher von John Boyne.
- Chris Kraus
Das kalte Blut
(29)Aktuelle Rezension von: dunkelbuchIn diesem Roman geht es um die radikale, systematische Vernichtung von Menschen während des zweiten Weltkriegs. Aus Sicht des Täters. Zwei Brüder werden als SS-Männer mit der „Säuberung“ im Osten und Westen des „Großdeutschen Reichs“ beauftragt. Beide lieben sie die Jüdin Ev, die traumatisiert aus Auschwitz zurückkehrt, wo sie zur Folterung von Häftlingen gezwungen wurde. Nach dem Krieg wechseln die Brüder Hub und Koja zu anderen Geheimdiensten, CIA und KGB, dienen als Doppelagenten mal hier mal da der „Sache“. Harte Kost, die anfangs in schönen Bildern und einem lockeren Erzählstil in das Buch zieht. 1974 beichtet der Ich-Erzähler Koja einem Hippie-Leidensgenossen in einem Krankenhaus seine Vergehen. Dabei schweift er immer wieder in melancholische Erinnerungen ab. Koja ist ein Künstler, hält alles mit Graphit auf Papier fest, lernt Heinrich Himmler kennen und beeindruckt ihn. Sein Bruder Hub möchte den „Zartbesaiteten“ beschützen. Er sorgt dafür, dass Koja versetzt wird, sobald er zu Massenhinrichtungen abkommandiert werden soll, doch eines Tages kann Hub es nicht mehr verhindern. Und Koja ballert ein ganzes Magazin auf einen Säugling.
Es gibt wunderschöne Metaphern in dem Buch, aber die will man als Leser mit zunehmender Enthüllung der Grausamkeiten nicht mehr genießen. Der Roman erinnert an die wahren Schicksale und pflanzt sie damit in die Gedächtnisse von uns Nachgeborenen ein oder besser, er ätzt sie ein. Für „Das kalte Blut“ hat er penibel in seiner eigenen Familiengeschichte recherchiert. Trotz bester Absichten zerfällt der Roman für mich als Leser aber eher in einen Bericht als in eine runde Gesamterzählung.Ein bedrückendes aber gutesBuch.
- Kristin Hannah
Die Nachtigall
(40)Aktuelle Rezension von: m_massa
Die Nachtigall ist eine wundervolle, berührende und gleichzeitig erschreckende Geschichte, die mich vollkommen überrascht hat. Ich bin normalerweise absolut nicht nah am Wasser gebaut, aber hier gab es tatsächlich zwei Stellen, die mich emotional komplett auseinandergelegt haben. Dieses Buch ist tiefsinnig, tragend und wirkt noch lange nach dem Hören nach.
Auch die Sprecherleistung ist großartig – warm, eindringlich und atmosphärisch genau passend zur Geschichte.
Ich habe das Hörbuch auf Spotify gehört und kann es wirklich jedem empfehlen, der eine ergreifende, starke und eindrucksvoll erzählte Geschichte sucht.
- B. C. Schiller
Immer wenn du tötest (Ein Fall für Targa Hendricks 2)
(88)Aktuelle Rezension von: Ellysetta_RainInhalt (dem Klappentext entnommen):
»Immer wenn du tötest, bin ich bei dir…«
In einem stillgelegten Schlachthaus findet die Berliner Polizei die Leichen von drei jungen Menschen, allesamt blond und blauäugig. Ihre Körper sind bizarr in Szene gesetzt und fast vollständig ausgeblutet. Der Verdacht fällt auf Freya von Rittberg, eine exzentrische Künstlerin, die mit dem Blut ihrer Fans Gemälde malt. Doch jemand aus Regierungskreisen scheint eine schützende Hand über Freya und ihre einflussreiche Familie zu halten.
Das BKA sieht sich gezwungen, seine beste Undercover-Ermittlerin einzusetzen: Targa Hendricks. Die furchtlose Einzelgängerin heuert bei Freya als Bodyguard an. Sie hat nichts zu verlieren, bis Freya ihre einzige Schwäche entdeckt…
Meinung:
Dies ist der zweite Teil der Reihe, mit dem man theoretisch auch starten könnte, da die wichtigsten Infos genannt werden, aber die Einhaltung der Reihenfolge bietet sich doch eher an, vor allem auch im Hinblick auf Targas Familiengeschichte, die stückweise enthüllt wird.
Der Schreibstil liest sich leicht und flüssig, die Seiten fliegen nur so dahin. Das Buch ist aus der Sicht des allwissenden Erzählers geschrieben. Dadurch erhält man zwar Einblicke bei den verschiedenen Charakteren, aber so ist die Distanz zu Targa, die sowieso schon distanziert ist und autistische Züge aufzuweisen scheint, noch größer. Die Nebencharaktere blieben für mich größtenteils blass, bis auf Targas Adoptivmutter und ihren Vorgesetzten.
Spannung erhält das Buch nicht nur durch Targas Fall, sondern auch durch die Suche nach ihrem unbekannten Vater. Targas Familiengeschichte wird Stück für Stück enthüllt, aber es bleiben noch viele Fragen offen. Sehr schön fand ich die Beziehung von Targa zu ihrem Hund namens Hund (da sich Targa Namen nicht merken kann). Zudem sorgt Targa für einige Lacher, wenn sie Anweisungen oder Sprüche zu wörtlich nimmt.
Einiges ist zwar sehr vorhersehbar, aber es gibt auch so noch ein paar Überraschungen, vor allem das Ende mit dem sehr unerwarteten Cliffhanger, so dass ich sehr neugierig auf die Fortsetzung bin.
Insgesamt hat mir dieser Teil besser gefallen als sein Vorgänger, somit gibt es aufgrund der oben genannten Kritikpunkte 4 von 5 Sternen und ich bin gespannt auf die Fortsetzung(en), vor allem im Hinblick auf Targas Familiengeschichte.
Fazit:
Insgesamt ein sehr guter Krimi/Thriller mit einer ungewöhnlichen Ermittlerin, deren Familiengeschichte Stück für Stück enthüllt wird.
- Linus Geschke
Im Wald der Wölfe (Jan-Römer-Krimi 4)
(134)Aktuelle Rezension von: Kathrin_HermannDie Kriminalroman Reihe mit Römer und Mütze, immer mit soghafter Spannung und auch mal knisternden Gefühlen, für mich ein perfektes Gesamtpaket!
Orte und Charakteren sind lebendig und anschaulich geschrieben, lebensecht sozusagen. Römer und Mütze sind in ihrer Hingabe und Einsatzbereitschaft für ihren Job sehr ähnlich. Zwischen den beiden Protogonisten gibt es eine ganz besondere Beziehung. Linus Geschke versteht es großartig seine Akteure in interessante Fälle zu verwickeln und gleichzeitig die zwischenmenschlichen Beziehungen ihrer Charaktere spannend zu halten. Ich bin begeistert von Jan Römer, der ehrlich, engagiert, smart ist ohne zu perfekt zu sein, ein Mann der sich Fehler auch mal eingesteht.
Gerade diese alten Fälle haben ja viel Spannungspotenzial. Immer wieder tauchen neue Hinweise auf, neue Personen, Ansätze werden verfolgt oder wieder verworfen und man will dann einfach wissen warum, wieso, weshalb es so geschehen ist. Ich konnte alle Bücher der Reihe nicht aus der Hand legen und sollte dies wirklich wie angekündigt der letzte Teil der Reihe sein, vermisse ich schon jetzt Römer und Mütze sehr!!!!!
- Loel Zwecker
Vom Anfang bis heute
(19)Aktuelle Rezension von: WolfhoundLoel Zwecker komprimiert uns hier die Weltgeschichte auf unter 500 Seiten.
Dabei schafft er es durch seinen Schreibstil, aber auch durch vereinzelt eingestreute unnütze Anekdoten, den manchmal doch recht trockenen Geschichtsaspekt aufzulockern. An einigen Stellen konnte ich mir ein Schmunzeln oder auch Lachen nicht verkneifen.
Die Themen sind gut aufgearbeitet und machen auch Spaß. So bekommt man einen schönen knackig kurzen Einblick in vielen Aspekte unserer Geschichte.
Jedoch werden auch hier (unvermeidbare?!) Schwerpunkte wie z. b. die französische Revolution gesetzt und andere Bereiche werden nur angerissen. So werden Jahrhunderte der afrikanischen Geschichte nur wenige Seiten.
Auf der anderen Seite sind so schwierige Themen wie Rassismus und die Kolonialisierung meiner Meinung nach gut dargestellt und aufgearbeitet.
Leider ist der lockere, moderne Stil des Buches auch auf einigen Strecken etwas anstrengend und die Coolness und der Humor wirken zu gewollt, was mir zum Ende hin den Lesespaß etwas verhagelt hat. Dennoch ist es ein absolut lesenswertes Buch, aus dem man einiges mitnehmen kann und das mein Wissen in einigen Belangen doch wieder sehr aufgefrischt hat
- Annette Hess
Deutsches Haus
(39)Aktuelle Rezension von: Svenjas_BookChallengesFrankfurt, 1963. Hier setzt die Geschichte von Annette Hess‘ Roman „Deutsches Haus“ ein. Und auch geschichtlich ist dieser Schauplatz relevant, denn im Jahr 1963 beginnt in Frankfurt der Auschwitz-Prozess, bei dem sich 22 Angeklagte wegen ihrer Beteiligung an den in Auschwitz verübten Verbrechen verantworten müssen. Genau das ist Hauptgegenstand des Romans, dessen Protagonistin Eva Bruhns als Übersetzerin am Prozess beteiligt ist.
Eva ist zu Beginn eine relativ unbedarfte, vielleicht sogar naive junge Frau – sie freut sich auf die Verlobung mit ihrem Freund Jürgen und springt zunächst kurzfristig und unwissend bei einem Übersetzungsauftrag ein. Als sie schließlich realisiert, wobei es in dem Prozess, bei dem sie die Zeug*innen-Aussagen übersetzen soll, geht, ist sie zutiefst schockiert, setzt aber auch alles daran, um zur Aufklärung beizutragen. Eva verkörpert in dem Roman von Annette Hess die Nachkriegs-Generation. Während des Zweiten Weltkriegs war sie noch ein kleines Kind und beginnt erst jetzt, im Erwachsenenalter und mit Beginn der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen in den 1960er Jahren, das ganze Ausmaß der begangenen Verbrechen zu begreifen.
Annette Hess zeichnet dabei ein erschreckend realistisches Bild der Stimmung in der Bundesrepublik 20 Jahre nach Ende des Krieges – niemand möchte etwas über die Vergangenheit wissen, niemand ist so richtig an Aufklärung interessiert und überhaupt hat ja sowieso niemand, nicht einmal ehemalige hochrangige SS-Offiziere, etwas gewusst. Der Frankfurter Auschwitz-Prozess durchbricht dieses Schweigen, dieses konsequente Wegignorieren. Hess zeigt dabei aber auch, welchen Problemen und welcher Gegenwehr aus der Bevölkerung sich die Staatsanwaltschaft stellen musste, um die in Auschwitz begangenen Morde überhaupt zur Anklage bringen zu können.
Das alles lässt sie die junge Eva Bruhns erleben und eines ist sicher – auch ihre Welt ist nicht so heil, wie sie immer geglaubt hat. Leidenschaftlich und kompromisslos setzt sie sich für die Wahrheit ein. Ihr Konflikt mit der Vergangenheit wird dabei ebenso dargestellt wie die Folgen für die Überlebenden aus Auschwitz – Annette Hess gelingt es, ein bewegendes, einfühlsames und oftmals schonungsloses Bild eines Nachkriegs-Deutschlands zu zeichnen, in dem die Opfer des Holocaust lange keinen Platz und keine Stimme hatten.
Trotz der schweren Thematik habe ich „Deutsches Haus“, das übrigens wahnsinnig gut von Eva Meckbach gelesen wird, sehr gerne gehört. Weil die Geschichte eben auch etwas Hoffnungsvolles hat – Hoffnung auf eine neue Generation, auf Aufarbeitung und Heilung. Aber natürlich ist es alles andere als leicht, die Ausreden der Täter zu hören, ihre Rechtfertigung, ihr Schweigen – aber wichtig. Ebenso wie das Buch bzw. Hörbuch kann ich übrigens auch die gleichnamige Serie aus 2023 sehr empfehlen!
- Torunn Siegler
Machtmenschen
(10)Aktuelle Rezension von: SagittariaWas wäre wenn?
Eine Frage die man sich in vielen Situationen zu vielen Zeiten stellen kann.
Dies macht auch die Autorin Torunn Siegler in Ihrem Buch "Machtmenschen". Was wäre wenn die Nazis nie besiegt wurden wären, sondern sich weiter ausgebreitet hätten. Wie sähe unsere Welt aus?
Dieses Szenario kommt schon in dem Buch/Serie "The Man in the High Castle." vor. Jedoch spielt diese Idee in Amerika und in einer anderen Zeit. Nun sind wir in unseren Zeit, mit Smartphones, Sozial Media und mehr. Halt nur alles anders.Eingeteilt ist das Buch in 5 Abschnitte, wobei Teil 1 und 2 und Teil 3 und 4 zusammen gehören. Viele Begriffe die Torunn Siegler erfunden bzw. recherschiert hat werden in einem Glosar erläutert.
Der Anfang des Buches fiel mir schwer, da ich doch einige Zeit brauchte in die Geschichte rein zukommen und ich konnte auch schwer einen emotionallen Kontakt zu den Figuren aufbauen, etwas, das für mich doch wichtig ist in einer Geschichte.
Die zweite Geschichte hat mich hierbei doch am meisten berührt, da sie nicht so realitätsfern ist. Leider.
3 1/2Punkte
- Heike van Hoorn
Deichfürst
(72)Aktuelle Rezension von: sebastian_leseorbitDeichfürst ist der erste Band einer Ostfriesland-Krimi-Reihe rund um den Hauptkommissar Stephan Möhlenkamp und der Lokalreporterin Gertrud Boekhoff. Beim Aufschlagen des Buches war ich im ersten Moment etwas irritiert: Die Handlung spielt im Jahr 1999, obwohl das Buch 2022 erschienen ist. Das ist erstmal ungewohnt, es gibt noch keine Smartphones und noch nicht den Euro als Währung. Schnell wird aber klar, dass in dem Fall der Bau des Emssperrwerks eine Rolle spielt, der 1999 stattfand. Neben diesem Handlungsstrang gibt es auch immer wieder eine Handlung, die in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg spielt. Diese beiden Handlungsstränge werden gut miteinander verbunden und sorgen dafür, dass man das Buch zügig lesen möchte.
In die Handlung wird auch immer wieder Historisches aus der Geschichte Ostfrieslands und der deutschen Geschichte eingebaut. Mir hat das besonders gut gefallen, gerade die Ausführungen zu Ostfriesland. Durch den Ort der Handlung, Leer und Umgebung, lernt man auch nochmal eine Region von Ostfriesland kennen: das Rheiderland. Die Charaktere im Buch bleiben an der einen oder anderen Stelle etwas blass, hier hoffe ich auf die weiteren Bände in der Reihe. Sie sind aber durchweg sympathisch und ergänzen sich gut.
Die Spannung im Buch steigt zum Ende etwas an, aber es ist klar kein spannungsgeladener Thriller. Aber eine allzu große Spannung braucht es auch nicht, da die Handlung, die Erzählweise und auch die Charaktere überzeugen und das Buch zu einem sehr guten Ostfriesland-Krimi macht, der schnell gelesen ist. Der erste Band macht Lust auf die nächsten Bände in der Reihe!
- Uwe Timm
Am Beispiel meines Bruders
(116)Aktuelle Rezension von: Lunacat"Es ist schwer verständlich und nicht nachvollziehbar, wie Teilnahme und Mitgefühl im Angesicht des Leids ausgeblendet wurden, wie es zu dieser Trennung von human zu Hause und human hier, in Russland, kommt.
Die Tötung von Zivilisten hier normaler Alltag, nicht einmal erwähnenswert, dort hingegen Mord."
Diesen Roman musste ich als Schullektüre lesen, und ich bin mit positiver Einstellung hineingegangen, nämlich dass das Thema grundsätzlich interessiert. Leider wurde ich maßlos enttäuscht. Die fehlende Chronologie trug dem Lesefluss nichts Gutes bei und machte alles einfach nur zäh und langweilig. Ich musste mich zwingen, das Buch zu lesen, und leider konnte ich beim Lesen auch nicht aufpassen und habe es teilweise überflogen. Der Bruder kam fast nie vor, dafür gab es Gründe, die einem normalen Leser aber erst nach Besprechung mit einem Deutschlehrer auffallen. Der Vater war eigentlich im Vordergrund, und für mich war es nicht interessant.
Dieser Roman ist für mich eine Auseinandersetzung des Autors mit seinem Bruder, damit er selbst damit abschließen und sein Leben verstehen kann, auch wenn er auf keine Lösung kommt, bzw. sich selbst vielleicht sogar belügt.
Das ist kein Werk, das was Ausenstehenden irgendwas bringt und hätte nicht veröffentlicht werden müssen. Für sich selbst schön und gut, doch alles andere ist unnötig. Dies ist weder ein literarisches Meisterwerk noch ein lesenswertes Buch.
Der Schreibstil war langweilig und typisch alter Mann.
Ja, es hat Missstände erläutert, die damalige Situation gezeigt und mich teilweise auch schockiert stehen lassen, doch es war langweilig. Das Buch hatte großes Potenzial, das nicht genutzt wurde.
- Hardy Krüger
Was das Leben sich erlaubt
(6)Aktuelle Rezension von: WaschbaerinWer kennt ihn nicht, den Schauspieler und Weltenbummler Hardy Krüger, der sich schon seit Jahren auch als Schriftsteller einen Namen macht. In dem vorliegenden Buch "Was das Leben sich erlaubt" lässt er den Leser an seinen Jugendjahren teilhaben.
Eberhard Krüger wurde im Jahre 1928 geboren und ist in Berlin aufgewachsen. Sein Vater verlor in der Zeit der Weltwirtschaftskrise seine Arbeit und die ganze Familie hatte darunter zu leiden. Zum Glück gab es aber einen sehr wohlhabenden Onkel in Afrika, der ein Mehrfamilienhaus kaufte und der Familie Krüger über die Runden half. Wie Hardy Krüger schreibt, waren seine Eltern Anhänger von Adolf Hitler, der den Deutschen nach dem verlorenen 1. Weltkrieg wieder Ansehen in der Welt, das Blaue vom Himmel und ein besseres Leben versprach. Die markigen Sprüche taten ihre Wirkung. Von seinem überzeugten Vater wurde Eberhard Krüger schon im Alter von 5 Jahren in die braune Uniform gesteckt.
Offensichtlich war Eberhard äußerlich ein richtiger "Arier", weshalb er ausgesucht wurde, in Sonthofen auf der Karderschmiede des Führers zu einem richtigen deutschen Jungen ausgebildet zu werden. Vielleicht hätte es geklappt, wenn nicht der Film dazwischen gekommen wäre. Für die Produktion "Junger Adler" wurde ein Hauptdarsteller gesucht und in ihm gefunden. Also wurde Eberhard in Sonthofen beurlaubt und nach Berlin zu den Dreharbeiten geschickt. Dort lernt er u. a. Hans Söhnker kennen und sein Leben nahm einen anderen Verlauf als geplant.
Eberhard bekam verbotene Filme zu sehen, die nur deshalb verboten waren, weil diese von Juden gedreht wurden. Dazu noch ganz persönliche Gespräche mit Hans Söhnker und er fing an selbständig zu denken, zu hinterfragen, was man ihm in Sonthofen eintrichterte. Von dem Moment an war er für die dortige Ideologie verloren. Ich muss gestehen, dass mir diese Seite von Hans Söhnker bisher verborgen war. Alle Achtung, dass er den Mut hatte seinem Gewissen zu folgen, obwohl er sich bewusst war, dass ihm, falls er auffliegen würde, die Verhaftung drohte.
Eberhard führte 2 Leben. Ein angepasstes nach außen und ein verantworltlich denkendes weit ab der Öffentlichkeit. Trotzdem blieb es ihm nicht erspart, noch als Junge von 16 Jahren in einen sinnlosen Krieg geschickt zu werden. Was er beschreibt klingt furchtbar. Seine damalige Todesangst kommt auch nach so vielen Jahren in all seinen Sätzen durch. Aber wie wir alle wissen, er hat es überlebt. Gott sei Dank!
Obwohl er als Junge auf die Frage; "Was willst du einmal werden?" antwortete Flieger und Schriftsteller, geht er zuerst andere Wege. Nach dem Krieg begann seine Karriere als Schauspieler beim Theater, Rundfunk und dann auch beim Film. Dazu gehörte, dass er seinen Vornamen von Eberhard in Hardy änderte.
Seine beiden Jugendwünsche haben sich allerdings auch erfüllt. Heute zieht er mit diesem Buch "Was das Leben sich erlaubt" durch die Schulen und sein Bestreben ist es, die Jugendlichen aufzurütteln und sensibel für markige Sprüche und Heilsversprechen zu machen.
Aus Interviews weiß ich, das ist ihm ein wichtiges Anliegen.
Das Buch "Was das Leben sich erlaubt" kann ich nur wärmstens empfehlen. Hardy Krüger hat einen sehr guten Schreibstil, der sich flüssig liest. Zwischen dem Verlag und ihm gab es die Vereinbarung, dass wichtige historische Daten und Ereignisse an den entsprechenden Stellen in seinem Buch eingefügt werden sollen, was auch geschah. Diese Absätze in kursiver Schrift vervollständigen seinen Rückblick auf sein Leben und die politischen Ereignisse in dieser Zeit.
- Uwe Klausner
Odessa-Komplott
(14)Aktuelle Rezension von: Stefan83„Odessa-Komplott“ ist nach „Walhalla-Code“ das nun schon zweite Buch um den Hauptkommissar Tom von Sydow von der Kripo Berlin. Und wie schon im Vorgänger schickt Autor Uwe Klausner seinen „Helden“ erneut mitten auf die große Bühne der Weltgeschichte. Doch Vorsicht! Auch wenn das Cover vielleicht diesbezüglich Hoffnungen bzw. Erinnerungen weckt, so hat „Odessa-Komplott“ nur wenig mit den Werken Volker Kutschers gemein. Der „historische Kriminalroman“ entpuppt sich stattdessen einmal mehr als ein waschechter Agententhriller, bei dem der geschichtliche Rahmen der gewünschten Handlung angepasst wird, und nicht umgekehrt. Diese sei kurz angerissen: Berlin, Ende August des Jahres 1948. Ein Großteil der Stadt ist immer noch ein riesiges Trümmerfeld. Viele Berliner haben kein Dach über dem Kopf. Seit gut zwei Monaten besteht die sowjetische Blockade und die Angst vor dem Winter und der damit drohenden Nahrungsknappheit wächst. Doch Stalins Plan, die Einwohner zur Aufgabe und die Alliierten zum Abzug zu bewegen, ist nicht aufgegangen. Auf Befehl von General Lucius D. Clay, dem Militärgouverneur der US-amerikanischen Besatzungszone in Deutschland, wurde eine alliierte Luftbrücke ins Leben gerufen, die Berlin mittels der so genannten „Rosinenbomber“ bisher am Leben 34hält. Unter ihnen ist auch Tom von Sydow, welcher nach dem Tod seiner Verlobten durch eine V2-Rakete in den letzten Kriegstagen, aus London zurückgekehrt ist und seinen Dienst bei der Kripo wieder aufgenommen hat. In der Routine seiner Arbeit versucht er die nötige Ablenkung von all den Schrecken der Vergangenheit zu finden. Eine Vergangenheit, die ihn jedoch schon bald einzuholen scheint, denn nicht alle in Deutschland haben sich mit der Kriegsniederlage abgefunden. Als Sydow an die Gleise des Lehrter Bahnhofs gerufen wird, kann er noch nicht ahnen, dass die dort aufgefundene Frauenleiche mit einer Verschwörung in Verbindung steht, welche die Gefahr eines Dritten Weltkriegs um einiges größer werden lässt. Bei der Toten handelt es sich um die stadtbekannte Prostituierte „Lili Marleen“, die augenscheinlich das Opfers eines gezielten Mordes geworden ist. Und was Sydow zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Lili Marleen hieß im wahren Leben eigentlich Lilian Matuschek und war die ehemalige Bedienstete von Hitlers Privatsekretär Martin Bormann. Kurz vor der Kapitulation in Berlin war sie in den Besitz von Akten gelangt, welche hochbrisante Informationen und Details zu einer bestimmten Gruppierung der SS enthielten: Die so genannten „Werwölfe“. Diese sollten, im Untergrund agierend, auch nach dem Ende des Krieges den Kampf zum Feind bringen und mit gezielten Anschlägen die alliierten Truppen schwächen. Sydow muss allzu bald erfahren, dass die „Werwölfe“ nicht nur noch aktiv, sondern auch zu allem entschlossen sind. Ein Fememord bringt ihn schließlich auf die richtige Spur und lässt seine Wege mit denen der britischen Agentin Gladys McCoy kreuzen. Gemeinsam versuchen sie den Plan der Werwölfe zu vereiteln, der einen Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion entfesseln und damit dem Dritten Reich zur Wiederauferstehung verhelfen soll... Back in Berlin. Nachdem Uwe Klausner es bereits im Vorgänger vor dem Hintergrund der Wannsee-Konferenz in der deutschen Hauptstadt ordentlich krachen und unter anderem dort einen Moskito-Jäger inmitten des Flak-Feuers landen ließ, fährt er auch in „Odessa-Komplott“ große Geschütze auf. Diesmal hat er sich als Aufhänger seiner Handlung die „Werwölfe“ auserwählt. Eine SS-Organisation, die es zwar durchaus gegeben hat, allerdings laut dem Buch von Volker Koop, auf das sich Klausner auch per Fußnote bezieht, kaum erfolgreiche Aktionen gegen die von ihnen so verhassten Besatzer ausführen konnte und im Jahr 1948 bereits als zerschlagen galt. Ihre Mitglieder setzten sich dabei vor allem aus alten oder frontunerfahrenen Soldaten zusammen. Sicherlich keine perfekte Besetzung für die Rolle des Bösewichts in einem Thriller, der letztendlich die Welt an den Rand des Dritten Weltkriegs bringen soll. Das hat auch Klausner erkannt und die „Werwölfe“ kurzerhand in eine gut ausgebildete blauäugige, blonde Elite-Truppe mit Schmiss und Treue zum Führer umfunktioniert, die Befehle ohne wenn und aber ausführt. Es ist nur einer der vielen Punkte, in dem „Odessa-Komplott“ der historischen Realität zugunsten des Plots zuwiderläuft. Ganz im Stile Ian Flemings und Alistair MacLeans werden auch die restlichen Figuren des Buches skizziert. Vom unbequemen Russen und dem überheblichen Amerikaner bis hin zum kühlen Briten. Klausner nutzt bei seiner Besetzung jegliches Klischee weidlich aus, um die moralischen Fronten von Beginn an abzustecken. Wer böse ist, wer gut, selten ist das so klar definiert wie hier. (…) „Liegt Sowjetrussland dank unserer Waffenhilfe erst am Boden, knöpfen wir uns die Amerikaner vor. Dekadent, wie diese nun einmal sind, werden sie nicht imstande sein, uns ernsthaft Paroli zu bieten. Schon gar nicht die Briten, auf dem besten Wege, ihr Empire für immer zu verlieren. Und darum, Kameraden, seid guten Mutes, dass unser darbendes, am Boden liegendes und auf das Widerwärtigste geschundenes Vaterland dereinst zu alter Macht und Größe aufsteigen wird. Mit eurer Hilfe, Kameraden der SS, wird dies nicht nur möglich, sondern vom morgigen Tage an Realität werden. Noch irgendwelche Fragen?“ (…) Nun ja, höchstens die eine, ob Klausner solche Passagen vollkommen ernst meint oder lediglich die blinde Führertreue der ganz Fanatischen karikieren will. Immer wieder überraschen Handlungen und Dialoge mit einer unfreiwilligen Komik, wobei besonders letztere einfach nicht zu der demoralisierten Grundstimmung der zertrümmerten Hauptstadt passen will. Bestes Beispiel ist hier die Hauptfigur Tom Sydow, dem lediglich noch die obligatorische Bruyere-Pfeife fehlt, um die arrogante Unnahbarkeit komplett zu machen. Im Gegensatz zu seinem Auftritt im Vorgänger hat der Berliner Kripo-Beamte viel an Profil verloren. Da helfen auch die arg konstruierten Wortgefechte zwischen ihm und der Agentin McCoy nicht, die eher in ein Drehbuch, denn in einen Thriller passen. Oder wie sagte Harrison Ford einst so schön zu Star Wars-Regisseur George Lucas: "Du kannst vielleicht diesen Mist schreiben, aber ich bin sicher, Du kannst ihn nicht sprechen." Auch der Plot scheint, getragen von den Gastauftritten der politischen Größen der damaligen Zeit (Stalin, Clay, Truman u.v.m.), weitestgehend an Sydow vorbeizulaufen. Die auf dem Klappentext angekündigten Ermittlungen erweisen sich bei näherem Blick als ein unkoordiniertes Stolpern über Zufälle (der Leser ist dem Kripo-Beamten dank zahlreicher Schauplatzwechsel stets voraus), das Klausner immer wieder mit kleineren Action-Einlagen zu garnieren weiß. Angriffe mit Panzerfäuste übersteht dabei Sydow jedoch genauso unbeschadet wie der Agent mit der Lizenz zum Töten. Das trotzdem ab Mitte des Buches die Geschichte eine packende Eigendynamik entwickelt, liegt in erster Linie an den sich zuspitzenden Ereignissen. Obwohl der Leser (in der Regel) weiß, dass es einen Dritten Weltkrieg nicht gegeben hat, fiebert er dem Ausgang des Ganzen entgegen, der natürlich vor allem dazu dient, Sydows großen Auftritt vorzubereiten. Zu großen Überraschungen kommt es, trotz logischer Auflösung, deswegen natürlich nicht. Wer den historischen Hintergrund jedoch bis hierhin ausblenden und über die sehr künstliche Atmosphäre hinwegsehen konnte, wird dennoch seinen Spaß an „Odessa-Komplott“ gefunden haben. Insgesamt kann Sydows zweiter Auftritt das Niveau des Vorgängers nicht auf ganzer Länge halten. Überzeichnete Figuren, unpassender Pathos und allgegenwärtiges Helden-Gefasel verhindern eine höhere Wertung dieses Thrillers, der Freunde von gradlinigen Agenten-Geschichten aber gut unterhalten wird. Wer darüber hinaus mehr historischen Hintergrund erwartet, sollte lieber zum bereits genannten Kutscher oder den Romanen des Duos Birkefeld/Hachmeister greifen. - Nora Berger
Sturmwind über Auprèsmont
(14)Aktuelle Rezension von: WildponySturmwind über Auprèsmont - Nora Berger
Kurzbeschreibung Amazon:
Sophie genießt ihr Studium in Paris. Das Leben ist leicht und der Zweite Weltkrieg weit weg. Noch. Doch plötzlich stirbt ihre Mutter und was vorher sicher schien, wird auf einmal ungewiss.
Was hat ihre Mutter Sophie verschwiegen? Welches Geheimnis liegt über der Familie? Sophie macht sich auf nach München. Auf die Suche nach ihrem eigenen Leben und mitten in die Wirren des bevorstehenden Krieges. Es wird eine Reise, begleitet von Liebe, Tod und Freundschaft. Eine Reise, die Sophies Leben verändert, vor allem als sie den jüdischen Maler David trifft und eine atemberaubende Flucht beginnt.
Mein Leseeindruck:
Ein ergreifendes Buch über eine Familiengeschichte im Wandel der Zeiten. Aber auch ein Buch in das man ganz abtauchen kann, sich aber dafür Zeit nehmen muss.
Von der Autorin hatte ich bereits: Der Fluch der Zuckerinsel gelesen und war neugierig auf dieses Buch, das mich bereits mit der Beschreibung sehr neugierig gemacht hat.
Und wie es kommen sollte.... Ich war begeistert! Das liegt aber nicht nur an diesem Genre, das ich sowieso wahnsinnig gerne lese, sondern auch an der faszinierenden Story und den Schreibstil, der mir dieses Mal noch viel mehr zugesagt hat wie bei dem anderen gelesenen Buch der Autorin.
Ich konnte in die Vergangenheit eintauchen und die Charaktere waren für mich nicht nur Personen auf dem Papier, sondern tatsächlich greifbar, wie wenn ich direkt daneben gestanden hätte.
Sophie habe ich schnell in mein Herz geschlossen. Das geht bei mir sehr schnell wenn die Protagonisten "Herz" haben. Und da das Buch auch super gefühlvoll war und emotional teils eine Achterbahnfahrt war ich fast traurig als ich das Buch am Ende zugeklappt habe.
Fazit:
Für Fans von historischen, gefühlvollen Romanen mit Familiengeschichten ein richtiges Highlight.
Wunderschön ist auch das Cover, das mich sofort angesprochen hat. Denn das ist ein Hingucker.
Ich kann das Buch nur unbedingt weiter empfehlen und vergebe gern von Herzen 5 Sterne *****
- Mechtild Borrmann
Wer das Schweigen bricht
(125)Aktuelle Rezension von: Ulf_BorkowskiMechtild Borrmanns Roman beginnt mit einem Fund im Nachlass: ein Foto einer fremden Frau, ein unbekannter Wehrpass und ein Sohn, der plötzlich merkt, dass er seinen Vater nie wirklich kannte. Was folgt, ist keine Krimihandlung im klassischen Sinne, sondern eine behutsame Ausgrabung — Schicht um Schicht — einer Familiengeschichte, die zugleich eine deutsche ist. Die Handlung pendelt zwischen 1939 und 1997, zwischen einem Freundschaftsversprechen unter sechs jungen Menschen kurz vor Kriegsbeginn und den langen Schatten, die Verrat und Schweigen über Jahrzehnte werfen.
Borrmann schreibt reduziert und bildhaft, ohne je gestelzt zu wirken. Der Roman ist schlank — kaum 224 Seiten —, trägt sein Gewicht aber mit Würde. Wer einen lauten Thriller erwartet, wird enttäuscht; wer sich auf ein stilles, klug konstruiertes Buch einlässt, findet einen Text, der nachwirkt. Zu Recht 2012 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, auch wenn "Krimi" das Falsche verspricht.
- Jesper Bugge Kold
Wintermänner
(2)Aktuelle Rezension von: NiWaDeutschland in den 1930er-Jahren. Die Brüder Karl und Gerhard haben ein gutes Leben. Doch dann reisst sie die Nazibewegung mit. Sie geraten in einen Strudel aus Systemtreue, Faschismus und Krieg, der ihnen den Boden unter den Füßen wegzieht.
"Wintermänner" ist ein zeitgeschichtlicher Roman über ein ungleiches Brüderpaar, das durch den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg einen ähnlichen Weg einschlägt. Eindrucksvoll, bedrückend und verstörend schildert Autor Jesper Bugge Kold die Lebenswege von Karl und Gerhard, die als Söhne reicher Eltern, zu stolzen Männern und später SS-Offizieren werden, und auf der Flucht vor ihrem eigenen Dasein sind.
Es gibt viele Romane über den Zweiten Weltkrieg. Meistens beschäftigen sie sich mit den offensichtlichen Opfern der Kriegsjahre. Egal ob es nun Juden, die Zivilbevölkerung oder einfache Soldaten sind - sie und ihr Schicksal werden oft in Erzählungen thematisiert.
Dieser Roman widmet sich zwei Brüdern, die auf den ersten Blick eindeutig Täter sind. Karl und Gerhard, beide SS-Offiziere, haben den Krieg aus einer anderen Perspektive erlebt. Diese Geschichte zeigt, dass auch sie Opfer der Zeit, der Widerlichkeiten und der Umstände sind.
Die Protagonisten lernt man im erwachsenen Alter kennen, genau zu der Zeit, als die Nazibewegung Fahne schwingend durch Deutschland zieht. Karl hat die Textilfabrik der Eltern übernommen, und grämt sich ein bisschen, weil er gegen Hugo Boss den Kürzeren gezogen hat. Wenigstens hat ihm das Regime mit der Produktion der regulären Wehrmachtsuniformen betraut. Hingegen geht Gerhard in seiner Mathematik-Professur auf. Er hat sein Ziel erreicht, und darf an der Universität die Freuden der Zahlen lehren. Allerdings werden die Studierenden weniger, und sein Vorgänger ist in die USA emigriert.
Daraufhin werden die Brüder in den Sog des Nationalsozialismus gezogen. Einer steht voller Stolz an der Front und kämpft für sein Vaterland. Der andere darf die Mobilmachung überwachen, und addiert im Hintergrund. Auch wenn das Schicksal die beiden Brüder auseinanderreißt, so erleben sie die Schrecken des Krieges gleichermaßen, was aus moralisch einwandfreien Menschen Kriegsverbrecher macht.
Anfangs wusste ich nicht so recht, worauf ich mich bei diesem Roman eingelassen habe. Soll dieses Werk eine Entschuldigung für die verbrecherischen Machenschaften von SS-Offizieren sein? Ich war schon skeptisch, weil von Vornherein klar ist, auf wessen Seite man während des Lesens steht.
Doch Jesper Bugge Kold zeigt grandioses Gespür für Grauschattierungen. Er zeichnet die Lebenswege von Karl und Gerhard, ihre Hoffnungen, Ängste und die Beweggründe, warum sie überhaupt in diese Position gekommen sind.
Ich habe mit den Brüdern und ihrer Familie mitgefühlt. Manches Mal hielt ich den Atem an, weil ich den Gestank der Soldatenleiber nicht mehr ertragen habe. Dann musste ich mit den Protagonisten die Augen schließen, weil ihre Taten so grausam waren. Zum Ende hin waren sie und ich wie betäubt, weil wir uns dem Leben und der Rolle darin gefügt hatten.
Für mich ist "Wintermänner" ein unheimlich ergreifender Roman, der die Täter zu Menschen macht. Es gibt kein Pardon für ihre Taten. Trotzdem zeigt der Autor, wie rasch eine falsche Entscheidung den dunklen Weg zum Kriegsverbrecher bereiten kann.
Meiner Meinung nach ist "Wintermänner" ein schonungsloser Kriegs-Roman, der authentisch und absolut glaubwürdig wirkt, und den Leser mit der abscheulichen Realität des Zweiten Weltkriegs in seinen Grauschattierungen konfrontiert. - Sebastian Thiel
Sei ganz still
(41)Aktuelle Rezension von: TanteGhostEine Handlung, so wahr und so gruselig und doch ein Stück Aufklärung und Läuterung. – Ein Roman, wie er besser nicht unterhalten kann.
Inhalt: Wolf, einstmals Polizist und recht erfolgreich, sitzt in einem Arbeitslager. Doch er kommt frei, weil er für einen Naziarzt Ermittlungen anstellen soll.
Wolf stürzt sich wieder ins Nachtleben, trifft alte Feinde und macht neue. Aber er scheint mit seinen Ermittlungen nach der ehemaligen Verlobten des Arztes voranzukommen. Sie wurde gesehen und er verfolgt die Spur.
Wolf ermittelt allerdings in Kreisen, die gefährlich für ihn werden können. Nicht die Prostitution, die eigentlich verboten ist, soll ihm das Genick brechen, sondern vielmehr das Geheimnis, welches die verschollene Verlobte aufgedeckt hat und verhindern will.
Die Nazis haben, während Wolf im Lager saß, das Projekt T4 angeleiert und geplant. Es sind erste Feldversuche mit den angeblich schwachsinnigen Kinder geplant und Wolf gerät unversehens zwischen die Fronten derer, die diese Kräuel verhinder wollen und lernt gleichzeitig die Wahrheit über seinen Retter.
Fazit: Ein weiteres Werk von Sebastian Thiel. Viel zu lang liegen seine Bücher schon auf der Wunschliste bei meinem Buchhändler des Vertrauens. – Dabei kann ich nicht mal sagen, was den Reiz seiner frühen Werke ausmacht. Ich habe einfach ein starkes Bedüfnis, sie zu lesen.
Dieses Buch ist im Jahr 2015 erschienen, macht in Disclaimer klar, dass sie Story frei erfunden ist, aber historisch verbürgte Personen vorkommen. Da fällt es mir sicher wieder schwer, das Erfundne zu glauben. Schauen wir also mal ...
Die Situation ist von Anfang an hochgradig beklemmend. Der Leser beginnt seine Reise hier in einem kleinen Arbeitslager und wird gleich mit der Situation eines ganz bestimmten Inhaftierten konfrontiert. Schnell wird klar, dass er kein Jude ist, sondern inhaftiert wurde, weil er eben nicht ins politische Bild gepasst hat. – Es war gleich klar, dass wir hier mitten in der Nazizeit angesiedelt sind. Was gerade nicht passt, wird passend gemacht oder verschwindet auf Nimmerwiedersehen.
Ich muss sagen, dass ich am Anfang wirklich noch an ein gutes Ende für den Polizisten geglaubt habe, als er die Verlobte eines Naziarztes suchen soll. Zwar habe ich mich gefragt, was die Frau zur Flucht bewogen haben mag, aber zunächst war das unwichtig. Sie war weg und sollte gesucht werden.
Der böse Wolf, wie sich der Polizist nennt, beginnt also gut ausgestattet mit Geld und Klamotten seine Ermittlungen. Und schnell wird klar, dass die auffällig rothaarige Frau gesehen wurde. Er schnüffelt ihr also hinterher, gerät an alte Feinde und macht sich neue. Auch sein Leben nach dem Lager ist alles andere als langweilig.
Während den Ermittlungen lernt der Leser viel von dem kennen, wie es in Nazideutschland zuging und was alles für schräge Dinger abgelaufen sind. Man lernt menschliche Abgründe kennen, wird nach und nach mit diesem Rassenreinheitsgesetz vertraut gemacht und wirklich vorsichtig daran herangeführt, was das für Kinder bedeutete, die nicht ins Schema passen. – Diese Szenen in den Kliniken haben mir wirklich eiskalte Schauer über den Rücken gejagt und ich habe mich mehr als einmal gefragt, wie Eltern bei dieser Sache einfach so mitgemacht haben.
Wolf schnallt jedenfalls sehr spät, um was es hier eigentlich ging und dass die Verlobte in keiner Weise schmerzlich vermisst wird. In einem wirklich großartigen und spannenden Finale geben sämtliche Charaktere noch einmal alles und wechseln stellenweise sogar noch die Seiten.
Mit dem Ende bin ich nicht so wirklich zu zufrieden. – Zunächst scheint ja erst einmal alles im Lack zu sein, aber was genau aus den Kinder wurde und aus der verschollenen Verlobten, bleibt leider offen.
Die ganze Zeit hatte ich ein das pure Kopfkino vor meinem geistigen Auge. Da waren Bilder, die authentischer nicht hätten sein können. Und dann habe ich auch noch alles unter einem wirklich drüben und tristen Herbstschleier gesehen. Fast so, als würde ich einen Film in Schwarz Weiß zu diesem Thema sehen.
Von den Gefühlen her, war ich dabei. Fast so, als wäre ich an der Seite des Protagonisten und habe alles selber durchlebt und gesehen. Das hat mir bei den Beschreibungen der Heilanstalten wirklich eiskalte Schauer über den ganzen Rücken gejagt und dies Kaltschnäuzigkeit der Ärzte hat mich auf die Palme gebracht. – Und wieder muss ich feststellen, dass ich die damaligen Eltern nicht verstehen kann. Nur weil das Kind in irgendeiner Sache nicht so schnell wie andere ist, haben sie es wirklich diesen Quacksalbern ausgeliefert. Dieses Gefühl hat Herr Thiel hier wirklich großartig rübergebracht. Diese absolute Zwiespältigkeit.
Das Buch war jetzt nicht besonders lang, aber trotzdem waren, aufgrund von realem Leben, Leseunterbrechungen notwendig. Diese waren höchst unwillkommen, da mich die Story wirklich komplett in sich aufgesogen hat. Aber wenn ich nach so einer Unterbrechung das Lesen dann fortgesetzt habe, bin ich schnell und ohne Probleme wieder in die Story hineingekommen.
Das Lesen und Verstehen ist mir leicht gefallen, da alles in einem authentischen, aber nicht bertriebenem Stil be- und geschrieben war.
In jedem Fall war das Buch interessant und lehrreich. Auch wenn die Story frei erfunden ist, habe ich mich sehr gut in die damalige Zeit und die Behandlung der Kinder hineinversetzen können.
Ich kann dieses Buch empfehlen. Ich bin wirklich sehr gut unterhalten worden, habe einige Denkanstöße bekommen und wirklich selber die komplette Gefühlspalette durchgemacht. Auch wenn die Story selber frei erfunden ist, hat sie doch erschreckend viel wahres im Hintergrund.
- Takis Würger
Stella
(342)Aktuelle Rezension von: DankeAnke⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️ 5/5 Sterne
Stella ist eines dieser Bücher, das man beendet – und das trotzdem noch lange nachhallt.
Es ist schon eine Weile her, seit ich es gelesen habe, aber bis heute gehört es zu meinen absoluten Lieblingsbüchern.
Die Geschichte spielt im Jahr 1942 – mitten in einer der dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte. Zwischen dem Verbot, dass Juden keine Haustiere halten dürfen, der Schließung der letzten jüdischen Schulen, den ersten Deportationen nach Auschwitz und dem Erlass von Heinrich Himmler, dass in Auschwitz nun Menschen und Tiere zu Versuchszwecken freigegeben sind, lesen wir über eine junge Liebe.
Das Buch ist so intensiv.
Während man liest, vergisst man nie, in welcher Zeit man sich befindet. Dieses bedrückende Gefühl zieht sich durch jede Seite. Gleichzeitig schafft Würger es mit seinem einzigartigen Schreibstil, eine Geschichte zu erzählen, die emotional komplett mitreißt.
Nach dem Buch habe ich direkt eine Dokumentation über Stella gesucht, weil mich die Geschichte und vor allem die reale Person dahinter nicht mehr losgelassen haben.
Ganz wichtig:
Lest unbedingt den Epilog‼️
Ich verstehe absolut, warum dieses Buch damals eine große Debatte ausgelöst hat. Die Frage, wer über diese Zeit schreiben „darf“ und wie man mit realen Personen aus dieser Epoche literarisch umgeht, ist sicher diskutabel. Aber ich persönlich finde solche Bücher unglaublich wichtig. Diese Zeit darf niemals vergessen werden. Und sie darf NIE WIEDER passieren.
Für mich war Takis Würger damals eine völlige Neuentdeckung. „Stella“ war mein erstes Buch von ihm – und danach mussten sofort alle anderen folgen, weil mich sein Schreibstil so überzeugt hat.
- Alan Judd
The Kaiser's Last Kiss
(1)Aktuelle Rezension von: ShannonAlan Judd nähert sich mit diesem Buch dem Zweiten Weltkrieg auf eine sehr unkonventionelle Weise: er beschreibt das Lebensende des letzten Kaisers von Deutschland.
Wilhelm II lebt in Haus Doorn in den Niederlanden als es von den Nazis okkupiert wird. Der Untersturmführer Martin Krebbs wird ihm zur Seite gestellt - vordergründig um ihn zu beschützen (vor den Holländern - unter denen er schon jahrzehntelang in Ruhe lebte), tatsächlich aber um ihn und seine Loyalen zu observieren. Es wird dezidiert versucht herauszufinden, wie er den Nazis und der neuen Führung unter Hitler gegenübersteht. Als schließlich auch die Gegenwart eines britischen Spions nachgewiesen wird und Himmler höchstpersönlich seinen Besuch ankündigt, überschlagen sich die Ereignisse.
Dieses Buch ist ein echter Gewinn! Am meisten gefällt mir, dass Judd aus der Sicht eines Nazi-Soldaten erzählt, der nur dem Nationalsozialismus seinen sozialen Aufstieg verdankt und trotzdem durch die Ereignisse im Laufe seines Aufenthalts lernt, die Dinge kritischer zu hinterfragen. Untersturmführer Krebbs verliebt sich in ein holländisches Dienstmädchen - Akki - die das Handeln der Nazis nicht einfach nur hinnimmt, sondern auch kritisiert. Selbst der Kaiser der Deutschen ist informiert über Massaker an britischen Gefangenen und hält mit seiner Kritik nicht hinter dem Berg. Gleichzeitig hat er immer noch die eigene Vergangenheit abzuarbeiten. Der Erste Weltkrieg und sein Ausgang liegen ihm noch schwer auf dem Gewissen. Seine Gattin lässt einstweilen nichts unversucht, den ehemaligen Status des Kaisers im Nazireich wieder aufleben zu lassen - allein um es ihrer Schwester zu zeigen.
So hat jede Figur einen schlüssigen, hintergründigen Antrieb - es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Judd nimmt Anleihen an der Geschichte und lässt so einige Szenen, die tatsächlich stattfanden, wieder aufleben. Am Ende geht es jedoch darum, nach der eigenen Moral zu handeln. Was ist gut und richtig? Was ist Dogmatismus?
Das Buch habe ich aufgrund einer Filmempfehlung entdeckt. Nun habe ich den Film gesehen und das Buch gelesen - es gibt markante Unterschiede zwischen den beiden. Gut ist beides. Soweit ich weiß, ist das Buch nie auf Deutsch erschienen, dürfte jedoch für Leute mit vernünftigen Englischkenntnissen kein Problem darstellen.
Die Dialoge sind stimmig. Der Stoff genial. Ein feines, sinniges Werk.























