Bücher mit dem Tag "stadtplanung"
7 Bücher
- Caroline Criado-Perez
Unsichtbare Frauen
(123)Aktuelle Rezension von: Trishen77Der Großteil der Menschheitsgeschichte ist eine einzige Datenlücke. Beginnend mit der Theorie vom Mann als Jäger räumten die Chronisten der Vergangenheit der Frau in der Entwicklung der Menschheit weder in kultureller noch in biologischer Hinsicht viel Platz ein. Stattdessen galten männliche Lebensläufe als repräsentativ für alle Menschen. […] Doch das Problem ist nicht nur, dass etwas verschwiegen wird. Die Leerstellen und das Schweigen haben ganz alltägliche Folgen für das Leben von Frauen. […] Die von Männern nicht berücksichtigten frauenspezifischen Faktoren betreffen die verschiedensten Bereiche. Dieses Buch wird jedoch zeigen, dass drei Themen wieder und wieder auftauchen: Der weibliche Körper, die von Frauen geleistete, unbezahlte Care-Arbeit und Gewalt von Männern gegen Frauen.
Wenn es um die Sicherheit bei Autounfällen geht, werden die dazugehörigen Vorrichtungen abgestimmt auf Körpertypen, die auf männlichen Modellen beruhen; ebenso ist es bei verschiedenen besonderen Kleidungsstücken wie etwa schusssicheren Westen. Regale werden so konstruiert, dass ein durchschnittlicher männlicher Körper das oberste Brett erreichen kann. Räumdienste in Städten räumen priorisiert die Straßen frei, statt die Fußgänger- und Fahrradwege, die sehr viel öfter von Frauen frequentiert werden.
Dies sind nur einige anschauliche Beispiele, fast noch harmlos. Zu ihnen gesellen sich die großen Ungleichheiten bei der Bezahlung, die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Reaktionen auf männliche und weibliche Körper in der Öffentlichkeit und, auf einer abstrakten Ebene, das generelle Fehlen eines weiblichen Faktors in den Erhebungen von Daten zu jeglichem Thema. Dabei wird nicht nur die unbezahlte Care-Arbeit von Frauen systematisch unterschlagen, sondern elementare und nachweislich feststellbare Bedürfnisse von Frauen bleiben unberücksichtigt. So kommt es zu der Welt in der wir leben – einer Welt, die für Frauen ein wesentlich problematischerer und unzureichend eingerichteter Ort ist als für Männer. Und auch das allgemeine Narrative dieser Welt, mit allen darin zusammengeführten Geschichten von Erfolg, Glück, etc. ist meist männlich.
Die Folge dieser zutiefst männlich dominierten Kultur ist, dass männliche Erfahrungen und Perspektiven als universell angesehen werden, während weibliche Erfahrungen – also die Erfahrungen der Hälfte der Weltbevölkerung – als, nun ja, Randerscheinung wahrgenommen werden. […] Deshalb auch ergab 2015 eine Studie über Wikipedia-Einträge in mehreren Sprachen, dass Artikel über Frauen Wörter wie »Frau«, »weiblich« oder »Dame« enthalten, während Artikel über Männer nicht »Mann«, »männlich« oder »Herr« umfassen (weil das männliche Geschlecht stets unausgesprochen unterstellt wird).
Gerade was die Entwicklungsgeschichte der Menschheit betrifft, haben wir meist die männliche Geschichte und die Errungenschaften für die Männer vor Augen – Frauen haben von der Athener Demokratie ebenso wenig profitiert wie von Renaissance und Aufklärung, trotzdem werden sie als übergreifende Errungenschaften gefeiert (die emanzipatorischen Bewegungen gelten dagegen dezidiert als Errungenschaften nur für Frauen). Diese aufs Männliche fixierte Weltsicht wird, wie Criado-Perez sehr umfassend darlegt, für universell gehalten, während eine weibliche Perspektive meist als ideologisch (!) aufgeladen gilt und mit diesem Argumente auch oft beiseitegeschoben wird.
»Unsichtbare Frauen« erzählt, was geschieht, wenn wir die Hälfte der Menschheit einfach vergessen. Es zeigt, wie die geschlechtsbezogene Datenlücke Frauen im Lauf eines mehr oder weniger normalen Lebens schadet – hinsichtlich der Stadtplanung, der Politik oder der Arbeitsplätze.
Es ist in der Tat ein Mammutwerk, das die Autorin hier vorgelegt hat, und das mit jeder vorgebrachten Statistik, mit jedem neuen Themengebiet, auf das Criado-Perez zu sprechen kommt, fundamentaler wird. Man kann es, so behaupte ich, nicht ohne teilweises Entsetzen und Erschrecken lesen. Dass die Macht- und Bezahlstrukturen in unseren Gesellschaften ungerecht sind, ist bereits in einer breiteren Öffentlichkeit angekommen. Dieses Buch aber zeigt, wie tief die Wurzeln, Vorstellungen und Mechaniken, die diese Strukturen stützen und von ihnen hervorgebracht wurden, in alle Winkel des Alltags reichen. Von den einfachsten Wahrheiten bis zu den komplexesten Diskriminierungen ist dabei alles enthalten – viele Geschichten über die repräsentative Abwesenheit von Frauen in allen (für sie) wichtigen Bereichen.
Jede/r sollte zumindest einen Blick in dieses Buch werfen. Vor allem Männer und besonders die, die glauben, sie lebten nicht in einer sexistischen Welt und hätten einen objektiven Blick auf die Dinge (oder ein objektiver Blick würde ihnen täglich präsentiert).
Studien haben gezeigt, dass die Überzeugung, man selbst sei objektiv oder nicht sexistisch, zu weniger Objektivität und mehr sexistischem Verhalten führt.
- Jonathan Lee
Der große Fehler
(185)Aktuelle Rezension von: mabo63Er gilt als der Vater des Central Parks in New York und Initiant des Museum of Modern Art in New York. Andrew Haswell Green.
Eine allseits anerkannte Persönlichkeit die am Freitag dem 13. November 1903 im Alter von 83 vor seiner Haustüre erschossen wird.
Aus ärmlichen Verhältnissen stammend arbeitete er sich stetig hoch, wird unter anderem zum Anwaltspartner von Samuel Tilden, einem zukünftigen US Präsidentschaftskandidaten.
Beleuchtet wird in diesem Roman von Jonathan Lee die schwierige Beziehung zwischen Green und Tilden. Green musste in jener Zeit unter allen Umständen seine Homosexualität verheimlichen was ihn natürlich sehr belastete.
Ein anderer Strang leuchtet zurück in die Kindheit von Green und ebenfalls erfährt der Leser wie Inspector McClusky versucht dem Hintergrund des Mordes auf die Spur zu kommen.
Was wäre das für ein Plot!
Leider wurde ich enttäuscht, was nicht zuletzt dem Schreibstl geschuldet ist. Seltsam emotionslos kommt es aus der Feder, zu viele, in meinen Augen unbedeutende Nebenschauplätze zerstören den zwischenzeitlich aufblitzenden sprachlichen Fluss.
Ich hätte allzu gerne mehr erfahren wie es denn genau z.B. zur Planung und Ausführung des Central Parks kam, was für Hindernisse es zu überwinden gab.
'Der beste amerikanische Roman des Jahres' schreibt The Guardian.
Kann ich nicht nachvollziehen.
- Richard Sennett
Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens
(4)Aktuelle Rezension von: WinfriedStanzickDer Zug von Millionen Menschen weltweit vom Land in die immer größer werdenden Städte ist ein seit langer Zeit zu beobachtendes Phänomen, mit dem sich auch Stadtplaner und Politiker hierzulande herumschlagen. Denn dieser Sog hat Folgen, nicht nur für die Stadt selbst mit steigenden Mieten und drohendem Verkehrskollaps, sondern auch für die absterbenden ländlichen Regionen im Vorfeld der Stadt. Hier gegenzusteuern, indem man die ländlichen Regionen unterstützt und fördert, wie das Christian Lindner etwa gestern bei einer Wahlveranstaltung in Darmstadt im Rahmen des hessischen Wahlkampfs forderte, schein ebenso richtig wie wirkungslos.
Richard Sennett hat sich als weltbekannter Soziologe sein Leben lang schon Gedanken gemacht über die Stadt und eine angemessene Stadtpolitik. Nun legt er mit „Die offene Stadt“ eine „Ethik des Bauens und Bewohnens“ vor, ein Buch, indem er seine lebenslangen Arbeiten über Stadtpolitik resümiert.
Wie kann eine offene Stadt aussehen, die geprägt ist von Vielfalt und Veränderung – und in der Bewohner Fähigkeiten zum Umgang mit Unsicherheiten entwickeln? Richard Sennett zeigt, warum wir eine Urbanistik brauchen, die eine enge Zusammenarbeit von Planern und Bewohnern einschließt und voraussetzt – und dass eine Stadt voller Widersprüche urbanes Erleben nicht einengt, sondern bereichert.
Sennett bietet viele Beispiele für offene Räume in einer Stadt. Der beschreibt etwa Plätze, die unterschiedlichen sozialen Gruppen Raum bieten, wie es sie überall auf der Welt gibt. Der Autor denkt darüber nach, wie Städte im Sinne der Bewohner jenseits von Immobilienspekulation und Gentrifizierung funktionieren können.
Die Stadt als ein funktionierender Körper, so stellt sich Sennett eine neue Stadtpolitik vor. Für alle, die sich mit Stadtpolitik beschäftigen oder sich dafür interessieren ist sein neues Buch eine unterhaltsame und sehr lehrreiche Lektüre.
Wie man aber dem ungebrochenen Trieb der Menschen vom Land in die Stadt und dem dort drohenden Kollaps einerseits und der Ausdünnung aller sozialen Einrichtungen auf dem Land entgegenwirken könnte, darüber habe ich nichts gefunden in diesem Buch. Aber das war ja auch nicht sein Thema. Ein Thema aber, das bleiben wird, das wurde gestern Abend bei der erwähnten Wahlveranstaltung mehr als deutlich.






