Bücher mit dem Tag "stalin"

Hier findest du alle Bücher, die LovelyBooks-Leser*innen mit dem Tag "stalin" gekennzeichnet haben.

70 Bücher

  1. Cover des Buches Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand (ISBN: 9783328102366)
    Jonas Jonasson

    Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

    (5.961)
    Aktuelle Rezension von: annalog

    Wahnsinnig witzige Idee, die Umsetzung hat mir sehr gut gefallen. Hier gibt es die Geschichte des 100-jährigen, der vor seiner Geburtstagsparty flüchtet und dabei so allerhand erlebt. Es gibt immer wieder Rückblicke auf sein Leben und auch da hat er Dinge erlebt, die mich kopfschüttelnd zurückgelassen haben.
    Mir ist übel aufgestoßen, dass das N-Wort verwendet wurde. Ich hatte hoffentlich noch eine ältere Version und in den neueren ist das hoffentlich überarbeitet?

  2. Cover des Buches Das achte Leben (Für Brilka) (ISBN: 9783548289274)
    Nino Haratischwili

    Das achte Leben (Für Brilka)

    (274)
    Aktuelle Rezension von: Barbara_Nelting

    Ein Buch, was allein durch seinen Umfang schreckt und entsprechend lang bei mir lag, bevor ich mich herangewagt habe. Tja, was soll ich sagen: Ich habe nicht bereut, es gelesen zu haben und vermutlich werden mich die lebensnah geschilderten Protagonistinnen und ihre Schicksale sowie wie vor allem ihre Welt (Georgien als Teil der Sowjetunion über das 20. Jahrhundert hinweg) noch lange begleiten. Auch mochte ich den teils poetischen Schreibstil und, wie alles miteinander verwebt war.

    Mehr als 3 Sterne kann und mag ich dennoch nicht geben. Allzu sehr schimmerte durch die Geschichten aller beschriebenen Frauen ein Fatalismus, eine Tragik, eine Schicksalsergebenheit, die meines nicht ist und die ich der Autorin als Eigenschaft unterstelle. Ja, die Zeiten waren hart und schwierig. Ja, es gab Tod, Folter, Vergewaltigung, persönliches Unglück. Aber MUSS denn deshalb wirklich jede einzelne Person dieses Buches eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln, gebrochen sein und fortan unfähig zu Glück, Selbstliebe, etc.? Ich finde: nein, und hätte mir in all dem Schatten mehr Licht gewünscht. Leider war es jedoch über all die mehr als 1200 stolzen Seiten des Romans so, dass, wenn man einmal glaubte, dass es jetzt endlich mal für eine der geschilderten Frauen ganz gut liefe, man sicher sein konnte, dass das Unglück nicht fern war, oft durch eigenes Zutun. Das ermüdet und nervt sogar mit der Zeit, und schmälert die unglaubliche Leistung der Autorin, über 100 Jahre georgischer und europäischer Geschichte mit berührenden, miteinander zusammenhängenden Einzelschicksalen zu verknüpfen, leider arg.

  3. Cover des Buches 1913 (ISBN: 9783596520534)
    Florian Illies

    1913

    (304)
    Aktuelle Rezension von: Hubertus_Feldmann

    In dem es hoch her geht – vor allen Dingen in den Betten zahlreicher Kunstschaffender. Wer hätte das gedacht. Was hier allerdings vor dem staunenden Auge des Lesers entblättert wird, ist nicht nur der flotte eskapistische Tausch der Partner, sondern auch ein Wechselspiel von menschlicher Größe wie schamloser Niedertracht, von exzellenten Leistungen wie heuchlerischen Intrigen, von weitblickender Großzügigkeit wie von kleinkarierten Animositäten. Aber auch außerhalb dieser Bettgeschichten gibt es viel zu beobachten, so kurz vor Ausbruch der großen Katastrophe, in einer Zeit, in der große Namen aus dem Bereich Kultur, Politik und Wirtschaft (auch die Wissenschaft bekommt ihren Auftritt; doch davon später mehr) die Bühne betreten – vom Autor dieses Buches unterhaltsam wie kenntnisreich erzählt.

    Bei all diesen Konflikten, all dem Amourösen und all den Widersprüchen, die sich so vielfältig wie widersprüchlich in der Kunst in Szene setzen lassen, bleibt es nicht aus, dass manche Zeitgenossen an diesen teils überhitzen Abläufen verzweifeln. Und so ist es denn nicht verwunderlich, wenn sich in dieser Zeit ein neuer Begriff Bahn bricht, wenn über allem so ein Hauch von „Neurasthenie“ schwebt, „das Burn-Out-Syndrom des Jahres 1913“, ein Begriff, der in diesem Jahr „in das 11-bändige Werk ‚Spezielle Pathologie und Therapie innerer Krankheiten‘“ Aufnahme findet. Ein Lehrstück für dieses Krankheitsbild gibt Franz Kafka ab, hinter dessen literarischen Größe ein von Minderwertigkeitskomplexen (insbesondere gegenüber Frauen) geplagter Mann steht. Und so schreibt er denn in seiner Verzweiflung hunderte von Briefen und Karten an seine Geliebte Felice Bauer, um dann doch zu schlussfolgern: „Der Coitus als Bestrafung des Glücks des Beisammenseins. Möglichst asketisch leben, asketischer als ein Junggeselle, das ist die einzige Möglichkeit für mich.“

    Und Kafka ist auch eine der Personen, die uns durch das gesamte Jahr 1913 begleiten. Und damit bekommt der Leser nicht nur einen fundierten Einblick in das Schaffen und Leiden dieses an sich und der Welt leidenden Mannes, sondern wird zugleich Zeuge einer Zeit, in der vieles im Umbruch ist und viel Neues entsteht. Die Personen, die hier in ihren Stärken und Schwächen gar meisterlich porträtiert werden, bilden ein Konglomerat an Ereignissen, die je für sich betrachtet schon interessant zu lesen sind, die allerdings in ihren vielfältigen Verbindungen ein Zeitbild entstehen lassen, dass in dieser Form wohl einzigartig ist. Dabei senden die teils lapidaren Sätze zu Beginn von Abschnitten einen ersten Reiz, der in der Folge allerdings substanziell untermauert wird: „Emil Nolde hält Berlin nicht mehr aus.“ Das sich daraus eine Weltreise entwickelt, wird erst in den nächsten Passagen deutlich. Nüchterne Naturbetrachtungen wie „Piero Ginori Conti gelingt es in Larderello in der Toskana, Wasser aus dem Erdinneren für die Stromerzeugung zu nutzen. Die Geothermie ist entdeckt“ bekommen ebenso Raum wie schwärmerische Naturbeschreibungen: „Mächtig erheben sich hier die Buchen in den Ostseehimmel, der salzige Wind hat ihre Stämme ganz glatt gerieben und ihre Kronen in die Höhe geschraubt.“

    Es sind allergings die tiefen Einblicke in die Psyche der handelnden Personen, die das meist noch vorhandene eher blasse Schulwissen mit Leben erfüllen und so aus den eher „geschlechtslosen“ Künstler*innen solche mit einem prallen Leben machen, die diesem Buch die besondere Würze geben. Diese Sichtweise bringt uns den hier „auftauchenden“ Personen auf jeden Fall sehr nahe – und macht sie zugleich ein stückweit menschlicher.

    (17.2.2024)

  4. Cover des Buches Die Menschheit hat den Verstand verloren (ISBN: 9783548288697)
    Astrid Lindgren

    Die Menschheit hat den Verstand verloren

    (96)
    Aktuelle Rezension von: Philiene

    Wer dieses Buch liest muss sich darüber im klaren sein, daß es sich hier um die Tagebucheinträge der Autorin handelt. Es hat nichts mit ihren späteren Werken zu tun und es ist auch kein Roman.


    Astrid Lindgren kennen wir alle als die Autorin von Pipi Langstrumpf und Michel , aber natürlich war sie auch ein Mensch der in seiner Zeit gelebt hat. Sie war eine junge Frau während des zweiten Weltkrieges.  Sie war Mutter und Ehefrau und sie hat ein Tagebuch während dieser Zeit geschrieben,.

    Das besondere daran ist das sie es aus Sicht einer Frau geschrieben hat, die nicht in Deutschland, Frankreich, Polen oder einem anderen Land gelebt hat in denen dieser Krieg furchtbar wütete. Sie war nicht von den Verfolgungen der Nazies betroffen und trotzdem hat sie einen nahen Eindruck der Zeit hinterlassen. Denn sie hat in dieser Zeit gelebt.


    Ich lese sehr gerne Bericht von Augenzeugen und finde Tagebücher aus der Zeit immer sehr interessant.  Und so ging es mir auch mit Astrid Lindgrens Tagebuch. Sie erzählt von dem was sie vom Krieg mitbekommt und wie ihre Familie diese Zeit erlebt hat. 

    Mir hat das Buch sehr gut gefallen.

  5. Cover des Buches Kind 44 (ISBN: 9783442481859)
    Tom Rob Smith

    Kind 44

    (779)
    Aktuelle Rezension von: Featherstone

    Inhalt:

    Moskau, 1953: Die Welt von MGB-Offizier Leo Demidow gerät ins Wanken als er unter dramatischen Umständen damit konfrontiert wird wie schrecklich ungerecht und fehleranfällig das sowjetische Justizsystem sein kann. Leo wird in Geschehnisse hineingezogen, die ihn und seine Frau Raisa in höchste Lebensgefahr bringen und die Leos unbedingten Glauben an den sowjetischen Staat zutiefst erschüttern. Es beginnt ein Wettlauf um Leben und Tod, denn ein Serienmörder treibt seit Jahren sein Unwesen und Leo und Raisa sind die einzigen, denen es gelingen könnte der Mordserie ein Ende zu setzen…

    „Diese ganzen Morde sind entweder falsch aufgeklärt, vertuscht oder auf irgendwelche Geisteskranken, politische Gegner, Betrunkene und Herumtreiber geschoben worden. Sie sind nie miteinander in Verbindung gebracht worden.“ (S. 355)

    Meine Meinung:

    Selten hat mich ein Buch so positiv überrascht, denn es ist viel mehr als „nur“ ein spannender Thriller. Es entfaltet sich zugleich eine Geschichte mit unglaublich großer emotionaler Wucht, die in Erinnerung bleibt und die nachhallt. Neben aufregenden, spannenden und düsteren Momenten sind es vor allem die vielen dramatischen, bewegenden, berührenden, emotionalen und nachdenklich stimmenden Momente, die ich extrem mitreißend fand und die mich nicht so schnell losgelassen haben. Nebenbei lässt das Buch vergangene Zeiten und historische Ereignisse lebendig werden. Die Geschichte hat mich von der ersten Seite an in ihren Bann gezogen. 

    Die Ermittlungen zu den Serienmorden werden sehr fesselnd erzählt. Der Schlüsselmoment in dem Leo realisiert, dass eine Vielzahl von Morden einem einzigen Täter zuzurechnen ist, sorgt für ordentlich Gänsehaut. Es ist nämlich klar, dass der Täter noch immer sein Unwesen treibt und zudem für einige der Morde unschuldige Menschen verurteilt wurden, weil man auf diese Weise unerwünschte Personen wie etwa politische Gegner, Landstreicher oder Leute mit psychiatrischen Problemen loswerden konnte. Es wird sehr spannend und mitreißend erzählt wie Leo und Raisa in einem verzweifelten und gefährlichen Wettlauf gegen Zeit darum kämpfen den Mörder zu stoppen. Ich wollte unbedingt wissen wer der Mörder ist und wie ihm die beiden auf die Spur kommen. Die Enthüllung der Identität des Mörders und seines Motivs fand ich absolut gelungen und sie kam für mich vollkommen unerwartet.

    Eine ganz große Stärke dieses Buches ist der tolle und interessante Protagonist: Leo macht im Laufe der Geschichte eine bemerkenswerte persönliche Veränderung durch. Er wird sehr vielschichtig charakterisiert und man lernt sowohl seine Stärken als auch seine Schwächen kennen. Es ist sehr bewegend und interessant zu verfolgen wie er sich zum Positiven verändert. Dabei wird außergewöhnlich gut beschrieben wie einige sehr dramatische und einschneidende Erlebnisse Leos persönliche Einstellung und sein Denken über bestimmte Themen grundlegend verändern. Leo beginnt die Methoden des sowjetischen Staats zu hinterfragen und es wird ihm bewusst wie ungerecht und fehleranfällig das System sein kann und welche erschreckenden Schattenseiten es gibt. Diese Wandel in Leos Denken wird sehr glaubwürdig beschrieben. Gleichzeitig lernt man neue Seiten an Leo kennen, die beweisen, dass er ein gutes Herz hat. Leo geht große Risiken ein um für das Gute zu kämpfen und um für Gerechtigkeit zu sorgen. Das hat dafür gesorgt, dass ich ihn mit der Zeit richtig liebgewonnen habe und sehr mit ihm mitgefiebert habe.

    Die Liebesgeschichte zwischen Leo und Raisa ist wunderschöne, sehr emotional und rührend. Ihre Wiederannährung und zweite Chance werden gefühlvoller beschrieben und gehen mehr zu Herzen als in so manch anderem Buch ein erstes Kennenlernen bzw. der Anfang einer Beziehung. Die äußeren Umstände führen dazu, dass Leo und Raisa einander zum ersten Mal ebenbürtig sind und Raisa sich traut mit Leo offen über ihre Gefühle und insbesondere ihre Ängste zu sprechen. Erst als einige sehr schmerzhafte Wahrheiten zwischen den beiden ausgesprochen sind können sie beginnen nach vorne zu blicken. Bei ihren gemeinsamen Ermittlungen zu den Serienmorden geben die beiden ein richtig gutes Team ab. Die dramatischen und gefährlichen Geschehnisse, die sie gemeinsam durchmachen sorgen dafür, dass sie beginnen einander zu vertrauen und feststellen, dass sie sich auf die bedingungslose Unterstützung des anderen verlassen können. Außerdem wird sehr schön beschrieben wie die beiden im Laufe der Geschichte neue Seiten aneinander entdecken und wie eine zuvor nie dagewesene emotionale Nähe zwischen ihnen entsteht.

    Die Schattenseiten des sowjetischen Justizsystems werden einem gnadenlos und in allen schrecklichen Einzelheiten vor Augen geführt. Vieles fand ich erschreckender als so manche Horrorgeschichte, weil einem klar ist, dass es solche Zustände tatsächlich gegeben hat und nicht bloß alles der Vorstellungskraft des Autors entsprungen sind. Hier ein paar Zitate bzgl. der damals vorherrschenden Prinzipien der Polizeiarbeit, die für sich sprechen:

    BESSER, ZEHN UNSCHULDIGE LEIDEN, ALS EIN SPION ENTKOMMT. Er hatte eine eiserne Grundregel ihrer Arbeit missachtet: dass man zunächst immer einmal von der Schuld des Betreffenden ausging. (S. 53)
    EIN AGENT MUSS SEIN HERZ ZUR GRAUSAMKEIT ERZIEHEN. […] Grausamkeit war eine Tugend. Grausamkeit war etwas, wonach zu streben sich lohnte. Grausamkeit war der Schlüssel zum perfekten Staat. (S. 127)
    Nach unserem Rechtssystem werden auch sämtliche Familienmitglieder eines Verurteilten zur Rechenschaft gezogen. Die Verwandtschaft macht uns mitschuldig. (S. 151)
    Das Überleben ihres politischen Systems rechtfertigte alles. Das Versprechen eines goldenen Zeitalters, wo es solche Brutalitäten nicht mehr gab, wo alles im Überfluss vorhanden und Armut nur noch eine vage Erinnerung wäre, rechtfertigte alles. (S. 99)

    Man spürt richtig wie groß das gegenseitige Misstrauen in der Gesellschaft gewesen ist und wie extrem angsteinflößend der Staatsapparat für die Menschen war. Es lässt einem erschaudern wie der sowjetische Staat seine Bürger durch Angst unter Kontrolle gehalten hat und schon Kinder mit politischer Indoktrination und Einschüchterung in den Fokus genommen wurden. Schon winzige Kleinigkeiten reichten um wegen konterrevolutionärer Umtrieben und Spionage schuldig gesprochen zu werden. Manchmal genügte nur ein einziger unbedachter Satz zur falschen Person, denn Denunziation war weitverbreitet. War man erst einmal verhaftet gab es so gut wie keine Hoffnung mehr, die eigene Unschuld zu beweisen, denn oft wurden Geständnisse unter Folter erzwungen. Dementsprechend waren die Hinrichtungsraten unvorstellbar hoch. Das führt einem vor Augen wie gut man es heutzutage hat, wenn man in einer Demokratie lebt und auf Meinungsfreiheit und Rechtstaatlichkeit vertrauen kann.

    Es gibt in diesem Buch noch eine ganze Reihe weiterer Szenen, die mir unglaublich nahegegangen sind, weil Probleme aufgezeigt werden, die damals wirklich bestanden haben. So bekommt man u.a. einen Einblick in die schrecklichen Zustände die damals in vielen Waisenhäusern herrschten. Zudem fand ich es zutiefst traurig wie man damals mit homosexuellen Menschen umgegangen ist. Ganz besonders erschütternd fand ich außerdem den Rückblick in die 1930er-Jahre, der einem in die Ukraine zu Zeiten des Holodomor versetzt (= vom sowjetische Staat verursachte Hungersnot, die mehr als eine Million Ukrainer das Leben kostete). Das damalige Elend, die Verzweiflung und die Hoffnungslosigkeit werden schonungslos und sehr eindringlich geschildert. 

    Trotz vieler bedrückender und trauriger Geschehnisse, die einem betroffen machen, gibt es aber zugleich auch einige schöne und hoffnungsvolle Momente. Das gilt auch für das Ende des Buches: Nach einem dramatischen Showdown gibt es herzerwärmende Momente, die einem dann doch noch mit einem positiven Gefühl zurücklassen.

    Zudem hat das Buch eine hoffnungsvolle und zu Herzen gehende Botschaft: Es kann sich lohnen Widerstand zu leisten und für das Gute einzutreten. Außerdem findet man Verbündete und Freunde manchmal zu einer Zeit und an einem Ort an dem man es am wenigsten erwartet hätte. Man sollte den Glauben an das Gute in seinen Mitmenschen nie aufgeben.

    Vergleich mit der Verfilmung „Kind 44“ (2015):

    Es wurden mit Tom Hardy, Gary Oldman und Noomi Rapace sehr gute Schauspieler gecastet, die die Charaktere aus dem Buch auf gelungene Weise lebendig werden lassen. Der Film trifft den Kern des Buches.

    Im Vergleich mit dem Buch fällt aber auf, dass im Film ein paar Dinge verändert bzw. weggelassen wurden. So erfährt man z. B. nichts über Leos Kindheit und der Mörder ist nicht Leos Bruder. Außerdem wurden einige Dinge weit oberflächlicher behandelt. Das gilt insbesondre für Leos persönliche Veränderung, die sich im Film zu schnell vollzieht. Zudem ist der historische Hintergrund im Buch sehr viel detaillierter und man erfährt im Buch z. B. viel mehr über die Schattenseiten des sowjetischen Staatsapparats und des Justizsystems. Das kann man dem Film aber verzeihen, denn in einen etwa zweistündigen Film kann man eben nur eine begrenzte Menge an Handlung und Hintergrundinfos hineinpacken. Dieses „Problem“ haben eigentlich alle Literaturverfilmungen.

    Trotz der genannten Schwächen finde ich die Verfilmung insgesamt gelungen und empfehlenswert.

    Fazit:

    Dieses Buch war eine riesengroße positive Überraschung. In diesem Buch steckt so viel mehr als ich erwartet hatte. Die Mischung aus spannenden, dramatischen, düsteren, traurigen, emotionalen und herzerwärmenden Momente ist unglaublich mitreißend. Diese Geschichte ist sowohl unterhaltsam als auch nachdenklich stimmend und ist keine, die man so schnell vergisst. Ich werde auf jeden Fall dem zweiten Band auch noch eine Chance gaben.

    Zum Schluss noch ein besonders rührendes Zitat aus dem Buch:

    [Raisa:] „Leo? Ich habe noch ein Geheimnis. Ich habe mich in dich verliebt.“ [Leo:] „Ich habe dich immer schon geliebt.“ (S. 261)
  6. Cover des Buches Farm der Tiere (ISBN: 9783864459870)
    George Orwell

    Farm der Tiere

    (1.006)
    Aktuelle Rezension von: Kalina

    Farm der Tiere ist eine eindrucksvolle politische Fabel, die auf einfache, aber sehr wirkungsvolle Weise Machtstrukturen und gesellschaftliche Ungerechtigkeit darstellt. Die Geschichte wirkt auf den ersten Blick simpel, entfaltet aber schnell eine tiefere Bedeutung.


    Besonders beeindruckend ist, wie die Tiere auf der Farm nach und nach die Kontrolle übernehmen und dabei selbst in neue Machtstrukturen geraten. Dadurch wird deutlich, wie leicht Ideale verändert und missbraucht werden können. Die Entwicklung der Handlung ist zwar klar und verständlich, wirkt aber gerade dadurch sehr eindringlich.


    Insgesamt ist Farm der Tiere ein zeitloses Werk, das zum Nachdenken anregt und auch heute noch gesellschaftlich sehr relevant ist.


  7. Cover des Buches Atemschaukel (ISBN: 9783596512034)
    Herta Müller

    Atemschaukel

    (288)
    Aktuelle Rezension von: Tanja_Wue

    Die Jahre, nachdem man deponiert wurde und jetzt im Arbeitslager schuftet. Genau diese Gefühl wird hier sehr überzeugende dargestellt. Manchmal ein bisschen abschweifen, manchmal genau treffend.

    Ich fand das Buch wirklich gut. Auch wenn es ein schweres Thema war. Hatte nur das Gefühl, dass mich die Gefühle nicht ganz mitnehmen könnte. 

    Jedoch sehr empfehlenswert!

  8. Cover des Buches Kolyma (ISBN: 9783641111472)
    Tom Rob Smith

    Kolyma

    (290)
    Aktuelle Rezension von: die_solveig_liest

    „Kolyma“ ist die Fortsetzung des Thrillers „Kind 44“ um den ehemaligen KGB-Agenten Leo Demidow.
    Moskau 1956: Die Sowjetunion befindet sich in der sogenannten Tauwetterperiode. Stalin ist tot, und mit der Geheimrede, die Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU hält, wird die Entstalinisierung eingeleitet. Das Volk ist in Aufruhr und versucht, sich an den alten Machthabern zu rächen – es herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände.
    Auch an Leo Demidow will man Vergeltung üben. Schließlich ist er für die Denunzierung und den Tod vieler seiner Landsleute verantwortlich. Seine Tochter wird von Rebellen entführt. Um sie zurückzubekommen, soll Leo sich nach Kolyma begeben, eines der schlimmsten Gulags der Sowjetunion, um dort einen Gefangenen zum Austausch zu befreien. Als er jedoch bereits am ersten Tag erkannt wird, sitzt Leo in einer tödlichen Falle.
    Wow – was für ein Buch! Schon von „Kind 44“ war ich hellauf begeistert. Über „Kolyma“, den zweiten Band der Reihe, gab es sehr geteilte Meinungen, weshalb das Buch völlig unberechtigt eine ganze Weile auf meinem SuB verharren musste, bevor ich mich endlich daran gewagt habe.
    Mich hat das Buch von Anfang an gefesselt und nicht mehr losgelassen. Ich war entsetzt über das politische Geschehen, das hier erneut eindrucksvoll und greifbar vor Augen geführt wird. Gleichzeitig ließ mich die nervenzerreißende Geschichte um Leo Demidow immer wieder den Atem anhalten.
    Keine Frage: Ein Buch auf höchstem Niveau, ganz wie sein Vorgänger. Man kann es nicht zuklappen, ohne sich anschließend noch lange damit auseinanderzusetzen.

  9. Cover des Buches Stadt der Diebe (ISBN: 9783453722910)
    David Benioff

    Stadt der Diebe

    (638)
    Aktuelle Rezension von: Veezi

    Was für eine Geschichte. Ich habe sie im Rahmen unseres Buchclubs gelesen - ansonsten hätte ich dieses Buch wohl nie in die Hand genommen. Die Story ist an vielen Stellen grausam, düster und richtig schlimm - teilweise musste ich es echt weglegen. Aber es ist sooo gut geschrieben und ich finde die beiden Potas Kolja und Lew einfach super. Eine ungewöhnliche Freundschaft und mit viel schwarzem Humor, der die Situationen teilweise wirklich aufheitert. Das sollte zur Lektüre in der Schule gehören. 

  10. Cover des Buches Die Wege der Macht (ISBN: 9783453419926)
    Jeffrey Archer

    Die Wege der Macht

    (131)
    Aktuelle Rezension von: Mike_Leseratte

    Diesmal geht es weiter mit den Duellen rund um die Schaffahrts Firma. Aber auch mit neuen Gegnern die durch Missetaten versuchen der Familie Clifton/Barrington zu schaden und dabei sind ihnen fast alle Mittel recht. Aber gleichzeitig gelingt es ihnen auch viele dieser Gegner auszumanövrieren und in den Ruin zu bringen. 

    Dabei ist es besonders spannend, dass viele Situationen die schon längere Zeit her sind, in diesem Teil wieder aufgegriffen werden und eine wichtige Rolle spielen. Dabei ist es super spannend welche Zufälle alles beeinflussen, wie sich die Schicksale kreuzen und es hin und her geht, bis zum letzten Kliffhanger.

    Dabei wird gar nicht so stark auf die damaligen Historischen Umstände in der Weltgeschichte eingegangen, sondern bleibt relativ entfernt von den großen Momenten des letzten Jahrhunderts.

  11. Cover des Buches Metropol (ISBN: 9783499000973)
    Eugen Ruge

    Metropol

    (38)
    Aktuelle Rezension von: Sanne54

    Das Cover vermittelt schon einen guten Eindruck, wo man sich befindet, wenn man zu lesen beginnt: In den 1930er Jahren. Das fand ich optisch sehr ansprechend. 

    Zum Inhalt, der im Kern die Geschichte von Ruges Familie erzählt: Lotte und Wilhelm Germaine, linientreue, aus Deutschland stammende Kommunisten, ausgewandert, arbeiten in Moskau für die "Komintern". Auf einer Urlaubsreise nach Jalta liest Lotte in der Zeitung von Prozessen gegen Stadtfeinde; mit einem ist das Ehepaar näher bekannt. Diese Bekanntschaft melden sie, da Verschweigen falsch interpretiert werden könnte -  und Ruge führt dem Leser vor Augen, wie schwierig es war, in der damaligen Sowjetunion zwischen Freund und Feind zu unterscheiden und das selbst absolut richtiges Verhalten im Sinne des Apparats (die "Selbstanzeige") ein großer Fehler sein konnte:  Das Ehepaar muss seine Wohnung aufgeben. Sie ziehen bis auf Weiteres ins Hotel Metropol in Moskau - für ca. 1,5 Jahre. Dort hoffen sie auf eine Zukunft, müssen die Ungewissheit ertragen, was aus ihnen wird, werden zunehmend misstrauischer gegenüber den anderen "Hotelgästen", spüren deren Distanziertheit, die Gedanken kreisen, erleben, wie Hotelgäste verschwinden, ...

    Interessant ist auch die Darstellung des vorsitzenden Richters, machthungrig, ideologisch, obrigkeitshörig, der über das Schicksal der "Staatsfeinde" entscheidet. Durch die Schilderung des Schicksals einer anderen "Komintern"-Mitarbeiterin wird deutlich, was dem Ehepaar Germaine drohen könnte.

    Eine interessante Darstellung wahrer Begebenheiten. Der Roman hat auf mich stellenweise fast wie ein Kammerspiel gewirkt. Ich empfehle das Buch durchaus, obwohl ich selbst anfangs große Probleme hatte, in die Geschichte zu kommen - zu viel "kommunistische Bürokratie". Ich habe auch ungewöhnlich lange zum Lesen gebraucht - ohne, dass ich konkret sagen kann, warum. Tatsächlich gelangweilt habe ich mich nicht. 

    Aber ein solches Buch muss auch nicht unbedingt leicht zu lesen sein, sondern gerade das Gefühl von Sperrigkeit trifft es ja auch irgendwie. Man klinkt sich vielleicht in die lakonische Warterei der Germaines ein und verlangsamt sein Lesetempo?



  12. Cover des Buches Suleika öffnet die Augen (ISBN: 9783746634517)
    Gusel Jachina

    Suleika öffnet die Augen

    (69)
    Aktuelle Rezension von: Vanderkatz

    Ein unglaublich schöner Roman, der mich von Anfang an fasziniert hat. So tiefgründig, erschreckend, erschütternd, spannend und gleichzeitig unheimlich warm und rührend. Der Schreibstil der Autorin ist einzigartig,  sehr authentisch und lässt fantastische Bilder vor dem inneren Auge entstehen, die für sich genommen schon Meisterwerke sind. Auch die Nebenfiguren sind meisterhaft dargestellt. Kulturen, Traditionen, Geschichte, Schicksalsschläge, Volksmärchen, Natur und unglaublicher Mut sind kunstvoll ineinander verwoben. Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, das mich so begeistert hat. 

  13. Cover des Buches Der Zweite Weltkrieg (ISBN: 9783596161133)
    Sir Winston Churchill

    Der Zweite Weltkrieg

    (17)
    Aktuelle Rezension von: Tobias_Damaschke
    Dieses Buch verbindet zwei meiner absoluten Lieblingshobbys: Lesen und Geschichte.
    Der Zweite Weltkrieg ist der Urknall der modernen Weltordnung, der folgenschwerste Konflikt des 20. Jahrhunderts, dessen Folgen bis heute überall zu spüren sind. Es gibt wohl kaum ein geschichtliches Thema, das so oft in Filmen, dem Fernsehen oder Büchern verwendet wird. Doch kaum ein Werk reicht an das von dem Mann heran, der 1940 durch seine unerschütterliche Unbeugsamkeit vielleicht das zivilisierte Europa vor den Nazis rettete.

    Winston Churchill ist eine absolut faszinierende Persönlichkeit. Sicherlich kann man ewige Diskussionen über ihn führen, viele sehen ihn kritisch und dieser Text hier soll jetzt bestimmt nicht ins geschichtswissenschafftliche abdriften. Hier gehts nämlich um eine Fähigkeit dieses Briten, die man ihm nicht absprechen kann: Er konnte verdammt gut schreiben.

    Dieses Buch ist mehr als eine bloße Zusammenfassung des Krieges aus britischer Sicht. Teilweise liest es sich wie eine Autobiographie oder Churchills Memoiren. Es gibt tiefe Einblicke in das britische Regierungs- und Parteiensystem, Einzelschicksale werden eörtert, große Borgen gespannt und Details ans Licht gebracht, die zumindest mich beim ersten Mal Lesen sehr überraschen konnten. Zudem, bedingt durch den Autoren und die Zeit, aus der das Buch stammt, ist dies hier auch ein Zeugnis des Denkens eines Menschen aus der Zeit des Imperialismus. Sobald Churchill von der "britischen Rasse" spricht, sollte man nicht den Fehler machen, aus rein modernen Augen auf das Buch zu schauen - wie jeder Mensch war Churchill ein Kind seiner Zeit und da damals andere Ansichten vorgeherrscht hatten, sollte dieser Sprachgebrauch niemanden verwundern.

    Am Ende ist dieses Buch einfach nur hochinteressant und - obwohl man ja natürlich weiß, wie alles ausgeht - stellenweise sehr spannend. Ich lege dieses Buch jedem ans Herzen, der sich für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs interessiert und auch mal einen Blick hinter die Kulissen der britischen/allierten Seite wagen will. es lohnt sich - den Nobelpreis für Literatur hat das Buch schließlich nicht aus purem Zufall gewonnen.
  14. Cover des Buches Die Liebenden von Leningrad (ISBN: 9783453422322)
    Paullina Simons

    Die Liebenden von Leningrad

    (257)
    Aktuelle Rezension von: luckytimmi

    Die 17jährige Tatiana und der Soldat Alexander begegnen sich eines Tages während des 2. Weltkrieges in Leningrad. Sie bemerken schnell, dass sie große Gefühle füreinander haben, doch Tatianas ältere Schwester Dascha hat Alexander schon vor ihr kennengelernt und sich in ihn verliebt, so dass die Märtyrerin Tatiana ihre Gefühle verbergen muss.
    Tatianas Familie harrt lange in Leningrad aus, obwohl die Stadt angegriffen wird und das Essen immer knapper wird.
    Ich will nicht zu viel verraten, aber Dascha und Tatiana schaffen es nach einem harten Winter, aus Leningrad wegzukommen....
    Danach beginnt für kurze Zeit für Tatiana ein besseres Leben...
    Mit dem Ende des Buches bin ich gar nicht einverstanden!!!!

    Das Buch hat mich total gepackt und bewegt, vor allem die Kriegssituationen und ihre Folgen, die geschildert wurden. Eigentlich wollte ich dem Buch 5 Sterne geben, aber im Nachhinein haben mich doch einige Dinge gestört: manche Gespräche zwischen Tatiana und Alexander, dass Tatiana ihre Liebe nicht ausleben wollte wg ihrer Schwester und die Wutausbrüche Alexanders..

  15. Cover des Buches Wolgakinder (ISBN: 9783746638065)
    Gusel Jachina

    Wolgakinder

    (37)
    Aktuelle Rezension von: Pongokater

    Wegen des Titels hatte ich zuerst russlanddeutsche Sentimentalitäten erwartet. Als ich erfuhr, dass die Autorin tatarische Russländerin ist, habe ich sozialen Realismus erwartet. Bekommen habe ich die Art magischer Realismus, in der die Magie nur manchmal in den Text hineinweht, um sich dann wieder auf und davon zu machen. Der Text ist anti-stalinistisch und pro-individualistisch durch und durch, auch in der Übersetzung von großer Sprachkraft. Anti-stalinistisch heißt auch anti-putinistisch, oder mit den Worten der Autorin von Ende Februar: "Das ist nicht mein Krieg".

  16. Cover des Buches Winterschwestern (ISBN: 9783746638188)
    Kristin Hannah

    Winterschwestern

    (55)
    Aktuelle Rezension von: lili_1302

    Winterschwestern von Kristin Hannah ist für mich so ein Roman, der sich leise anschleicht – und einen am Ende völlig überwältigt zurücklässt. Es geht um zwei Schwestern, die ihren Vater verlieren. Vor seinem Tod geben sie ihm das Versprechen, sich um ihre Mutter zu kümmern – obwohl diese in ihrer Kindheit nie besonders liebevoll war. Sie war kühl, distanziert, fast unnahbar. Doch da war immer dieses eine Märchen, das sie ihnen erzählt hat. Ein Märchen ohne Ende. Und genau dieses fehlende Ende spielt eine größere Rolle, als man anfangs ahnt.

    Der Einstieg wirkt zunächst etwas in die Länge gezogen, man fragt sich, worauf alles hinauslaufen soll. Aber langweilig ist es nie – der Schreibstil ist einfach wunderschön und trägt einen durch jede Seite. Nach und nach wird klar, dass die Mutter ihr eigenes Leben in dieses Märchen verpackt hat. Stück für Stück begreifen die Schwestern, was sie durchmachen musste, welche Scham, welche Schicksalsschläge sie geprägt haben. Und während die Wahrheit ans Licht kommt, wachsen Mutter und Töchter langsam zusammen.

    Dieses Buch handelt vom Verzeihen – anderen und sich selbst. Davon, wie wichtig es ist, seine Geschichte zu teilen, um heilen zu können. Und dann dieses Ende… es ist schön und gleichzeitig so unfassbar traurig, dass es einen regelrecht zerreißt. Sprachlos ist gar kein Ausdruck. Es war mein zweites Buch der Autorin – und wieder hatte ich Gänsehaut bis zur letzten Seite. Das passiert wirklich selten.


  17. Cover des Buches Das Antiquariat am alten Friedhof (ISBN: 9783426293980)
    Kai Meyer

    Das Antiquariat am alten Friedhof

    (120)
    Aktuelle Rezension von: mimitati_555

    In der Bücherstadt Leipzig schwänzen die vier Freunde Felix, Vadim, Julius und Eddie, alle Söhne aus gutem Hause, ihr Studium, und gründen lieber den »Club Casaubon«, um ihrer Leidenschaft für Literatur nachzugehen. Hierzu gehören auch Diebestouren, bei denen sie okkulte Bücher stehlen, um diese zu verkaufen. Als die rätselhafte Eva zu ihnen stößt, bekommen sie ein Angebot, das sie nicht ausschlagen können. Diesmal aber geht alles schief und kurz darauf sind die Freunde auf der Flucht. Fünfzehn Jahre später, im Jahr 1945, arbeitet Felix als Bibliothekar für die Amerikaner. Diese Arbeit führt ihn nun auch nach Leipzig, wo er einen geheimnisvollen Mann verhören soll, der nur mit ihm sprechen will. Bald findet sich Felix mitten in einem Machtkampf, der seinen Ursprung in den Geschehnissen vor fünfzehn Jahren hat.

    Der vierte Teil der Buchreihe über die Geheimnisse des Graphischen Viertels in Leipzig lässt mich begeistert zurück. Auf zwei Zeitebenen erzählt Kai Meyer, was geschehen ist, dabei verflechtet er Wirklichkeit und Fiktion, erschafft vor meinen Augen ganze Welten, wie dies sonst nur ein Film zu tun vermag. Das Wiedersehen mit einigen Figuren aus den vorherigen Bänden tut ihr übriges, um mein Entzücken zu steigern. Mein dritter Ausflug ins Leipzig der Vor- und Nachkriegsjahre hat damit meine Erwartungen weit übertroffen. Die Geschichte der Bücherdiebe nebst der einer großen, aber unerfüllten Liebe konnte mich von der ersten Seite an fesseln, mir spannende Lesestunden schenken und die Vorfreude auf den nächsten Teil der unterhaltsamen Reihe mehr als steigern. Dies ist eine Form der Erzählkunst, die einfach meisterlich ist. Ich liebe es!

  18. Cover des Buches Höllensturz (ISBN: 9783570555217)
    Ian Kershaw

    Höllensturz

    (22)
    Aktuelle Rezension von: dunkelbuch

    Will man sich über die historische Entwicklung Europas im letzten Jahrhundert bzw. von 1914 - 1949 ein Bild machen, dann ist wohl kein Buch besser als dieses dafür geeignet!                            

  19. Cover des Buches Rote Kreuze (ISBN: 9783257246131)
    Sasha Filipenko

    Rote Kreuze

    (184)
    Aktuelle Rezension von: petraellen

    Autor

    Sasha Filipenko

     

    Inhalt

    Der junge Alexander ist gerade nach Minsk gezogen. Vor kurzem hat er seine Frau verloren und muss sein Leben mit seiner kleinen Tochter neu ordnen. 

    Auf dem Stockwerk seiner Wohnung lebt noch eine neunzig Jahre alte Frau, alleinstehend und an Alzheimer erkrankt. Nach einer kleinen Stadterkundung kommt er zu seiner Wohnung zurück und stellt mit Erstaunen fest, dass jemand ein rotes Kreuz auf seine Wohnungstür gemalt hat. Es stellt sich heraus, dass seine Nachbarin Tatjana Alexejewna es war. Alexander hält es zunächst für einen Scherz, doch Tatjana Alexejewna erklärt ihm, dass sie das Rote Kreuz braucht, um den Weg nach Hause zu finden. Sie erklärt Alexander, dass bei ihr kürzlich Alzheimer diagnostiziert wurde. Sie weiß, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis die Krankheit ihr Gedächtnis zerstört und ihre Erinnerungen ausgelöscht hat. Tatjana bittet Alexander in ihre Wohnung und will ihm ihre Geschichte erzählen. Eigentlich möchte er nicht auf einen Plausch zu ihr kommen, doch dann fesselt ihn die Lebensgeschichte. 

     

    „»… Ich würde Ihnen gern eine unglaubliche Geschichte erzählen. Eigentlich keine Geschichte, sondern eine Biographie der Angst. Ich möchte Ihnen erzählen, wie das Grauen den Menschen unvermittelt packt und sein ganzes Leben verändert.«“  (S. 15)

     

    Sie erzählt von ihrer Vergangenheit, an die sie sich noch gut erinnern kann. Sie erzählt von dem Zweiten Weltkrieg, ihrer Arbeit im Außenministerium. Ihr Mann Ljoscha wurde vermisst und ihre Tochter Assja entriss man ihr, als sie wegen Volksverrat ins Lager kam.

    Sie erzählt ein schockierendes Kapitel der russischen Geschichte, wie die Sowjetunion die russischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg im Stich ließ, wie ihre Familien als Verräter verfolgt wurden.

     

    Sprache und Stil

    Tatjana Alexejewna wird in London geboren. Anfang 1920 zieht sie mit ihrer Familie nach Moskau. Ihr Vater Alexej Alexejewitsch Bely sieht in dem Regierungswechsel „eine Revolution des Geistes! Petersburg und Moskau sind jetzt Städte des kleinen Mannes!“ (S. 23) 

    Tatjana begeistert sich für den Kommunismus. Sie dient ihrem Land und wird doch verhaftet.

    Sie arbeitet als Fremdsprachensekretärin im Außenministerium, als sie einen Brief bekommt, den sie übersetzen soll. Es ist eine Liste mit Namen russischer Kriegsgefangener in Rumänien, auf der sie den Namen ihres Mannes entdeckt. Sie weiß, dass Kriegsgefangene und ihre Familien als Verräter verfolgt und in den Gulag geschickt werden. Sie nimmt den Namen aus der Liste und setzt einen anderen Namen, der bereits schon auf der Liste steht, dazu.

    Die gefährliche Einmischung zum Schutz ihres Mannes hat nicht die Wirkung, die sie sich vorstellt. Sie wird als Verräterin bestraft und verbringt fast zehn Jahre voller psychischer und körperlicher Misshandlungen in einem weit entfernten, entsetzlichen Lager, ohne zu wissen, was mit ihrem Mann und Kind geieht. Erst nach der Haftentlassung erfährt sie, dass beide nicht mehr leben. Zudem plagt sie das schlechte Gewissen, einen Betrug vorgenommen zu haben, von dem sie sich eine Rettung erhoffte. 

     

    Sie ist am Ende ihres Lebens angekommen. Sechzig Jahre später erzählt sie ihre Lebensgeschichte ihrem jungen Nachbarn. Ihre Geschichte beginnt in Moskau 1941, als Russland schon im Krieg gegen das Nazideutschland steht. Sie erzählt von dem Wahnsinn der wütenden, stalinistischen Säuberungen.

     

    Trotz alledem hat sie ihren Kampfgeist bewahrt und kämpft dafür, dass nichts vergessen wird. 

     

    Das Band zwischen Tatjana und Alexander

    Tatjana hat Mann und Tochter verloren.

    Alexander musste eine schwierige Entscheidung treffen. Er konnte wenigstens seine Tochter retten. 

    Beide sind verlassenen und beide werden mit dem Vergessen, Erinnern konfrontiert. Alexander hat kein Alzheimer und muss trotzdem gegen das Vergessen kämpfen.

    Die Metapher „Alzheimer“ ist im Roman „Rote Kreuze“ allgegenwärtig.

     

    Die Alzheimer-Krankheit als Schlüsselrolle 

    Tatjana hat Alzheimerkrankheit. Alzheimer beginnt mit leichten Gedächtnisstörungen und dem Betroffenen fällt es zunehmend schwer, sich in fremder Umgebung zu orientieren.

    Es folgen deutliche Ausfälle bis zum Kontrollverlust. Das weiß Tatjana und kokettiert damit. „Ihr fällt der Vatername nicht mehr ein“ (S. 12).

    Der Autor setzt die Alzheimerkrankheit als Metapher ein. Als Mahnung der Erinnerung und gegen das Vergessen. Es ist ein Aufschrei gegen das Vergessen. Hier insbesondere gegen das kollektive gesellschaftliche Vergessen, der Repressionen in den sowjetischen Republiken.

    Die „Roten Kreuze“ stehen ebenfalls für „Alzheimer.“ Sie zeigen den Weg, dieses Vergessen zu verhindern. Die zahlreichen Dokumente geben Aufschluss darüber, was geschehen ist. Menschen, die davon betroffen waren, bekommen Namen, sie werden namentlich genannt. Die Schicksale werden sichtbar.

    Denn nicht nur die Alzheimerkrankheit lässt vergessen, sondern auch eine Generation, die dies miterlebt hat, wird eines Tages nicht mehr da sein und darüber reden können. Und daher ist es wichtig, dass nichts in Vergessenheit gerät. 

     

    „Aber jetzt, wo in meinem Leben alles vorbei ist…jetzt denkt sich Gott, dieser von mir erdachte Gott, für mich Alzheimer aus, weil er Angst hat! Er hat Angst, mir in die Augen zu schauen! Er will, dass ich alles vergesse.“ (S. 197)

     

    Historische Fakten, die überprüfbar sind  

    Sasha Flilipenko verwendet in seinem Roman „Rote Kreuze“ Dokumente, die er in Genf recherchiert hat, denn in Moskau werden diese Dokumente unter Verschluss gehalten. Das alleine ist schon sehr wertvoll, die Dokumente zu lesen. Sie bilden letztendlich auch die historische Grundlage für seinen Roman. Oftmals kann man aus den Dokumenten entnehmen, dass auf Briefe oder Telegramme keine Antwort kam „unbeantwortet geblieben“.

    Jedes Dokument und jedes Telegramm stellt einen „Stolperstein" dar. Die Aussagen sind gewaltig. Wie wenig war man an Menschen interessiert, diese zurückzuholen. „Wir sind immer davon ausgegangen, dass sich in jeder Regierung und in jeder Organisation ein Mensch finden lässt, der sich zurückmeldet. Neun werden nicht antworten, aber der Zehnte wird das lesen und was unternehmen." (S. 266) 

    Jedes Dokument hat eine eigene Aussagekraft, ein anderes Schicksal. Es geht um Reden des Volkskommissars, Erklärungen des deutschen Botschafters von Schulenburg, Amnestie-Erlass aus der Prada, Einlieferungsschein in die Krankenstation des Gulag, vieles mehr. Eindrucksvoller kann man diese Zeit 1941/42 in diesem Zusammenhang nicht wiedergeben.

     

    Erzählstrategie

    Sasha Filipenko baut seinen Roman auf zwei Erzählsträngen auf. Einmal erzählt Tatjana und dann wieder Alexander. Bei beiden wechselt er zwischendurch die Perspektive mit dem Effekt, dass der Leser direkt das Geschehen verfolgen kann. Diese Strategie erzeugt einen Sog in das Geschehen, dem man sich nicht entziehen kann. 

    Der Text wird zudem durch Gedichte und Liedtexte aufgelockert.

     

    Fazit 

    Sasha Filipenko ist ein außerordentlicher Roman gegen das Vergessen der geschichtlichen Verbrechen gelungen. 

    Tatjanas Schicksal wird in einem erschütternden, mitreißenden Lebensverlauf erzählt.

    Dieser Lebenslauf steht stellvertretend für Millionen anderer Menschen, ist aber nicht fiktiv, sondern real. Genau das macht diesen Roman aus.

  20. Cover des Buches Funkenflug (ISBN: 9783746638034)
    Hauke Friederichs

    Funkenflug

    (41)
    Aktuelle Rezension von: Christin87

    Die letzten 31 Tage vor dem Ausbruch des 2. Weltkrieges werden chronologisch in 31 Kapiteln anschaulich aus den Blickwinkeln der verschiedensten Protagonisten nacherzählt. Zwischen dem 1. August und 31. August 1939 hatten die Diplomaten Europas alle Hände voll zu tun, um nichts unversucht zu lassen, der Welt den Frieden zu erhalten. Neville Henderson für die Briten, Agnia Maiski für die Russen, Birger Dahlerus, eigentlich schwedischer Geschäftsmann, als privater Diplomat und einer Art Vertrautem von Hermann Göring. Sie reisten unermüdlich von A nach B und wieder zurück um Angebote zu vermitteln und hatten im Grunde doch nie eine Chance. Damit der Krieg kommen konnte, haben die Deutschen mit ihren perfiden Betrügereien am Ende selbst gesorgt.

    Und dann kommt Kapitel Nr. 32 - der 1. September 1939 . . .

    Zwischen den politischen Vorgängen, bekommen wir immer kurze Sequenzen in das Leben: Thomas und Katia Mann sowie ihre Kinder Klaus, Golo und Erika sind über die Welt verstreut, betrachten erschüttert, was in Deutschland geschieht und bangen um die jüdischen (Groß-)Eltern. Sophie Scholl verbringt einen letzten unbeschwerten Sommer mit ihrem Freund Fritz Hartnagel. Ernst von Weizsäcker, Staatssekretär von Außenminister Ribbentrop und Vater von Richard von Weizsäcker versucht aus seiner hohen Position heraus, zusammen mit einigen hochrangigen Militärs, Hitler vom Schlimmsten abzuhalten - während Unity Mitford, Cousine von Winston Churchills Ehefrau, als passionierte Verehrerin "des Führers" alles tut, um möglichst viel Zeit in seiner Nähe zu verbringen.  

    Wir bekommen einen Einblick in die Propagandamaschinerie von Goebbels und begleiten den noch jungen John F. Kennedy auf seiner Europareise.

    Dies ist nur ein Bruchteil der "zu Wort kommenden" Personen. Diese Masse an Menschen und Vorgängen hätte in einem heillosen Durcheinander enden können. Doch der Autor hat es geschafft mit seiner klaren Struktur ein sehr gut lesbares Buch über den Beginn des Grauens abzuliefern. Es hat keine Längen, ist kein angestaubtes trockenes Geschichtsbuch sondern abwechslungsreich und zugleich lehrreich.

    Kenner des Themas werden vieles davon vielleicht schon wissen. Mir haben die 376 Seiten viele neue Einblicke und Zusammenhänge geliefert, sodass ich am Ende sehr viel schlauer bin als zuvor.


  21. Cover des Buches Der Tag X (ISBN: 9783453439306)
    Titus Müller

    Der Tag X

    (43)
    Aktuelle Rezension von: Lilo79

    Lebendiger kann Geschichte nicht erzählt werden. Exzellent recherchiert, liebevoll ausgearbeitet, menschliche Figuren, die sich in diktatorischen Regimen irgendwie zurecht finden müssen, dabei zugleich Opfer des Regimes werden...wer die Geschichte des 17.06.1953 verstehen will, wer nachfühlen will, wie es sich für die Menschen da gelebt hat, liest dieses Buch. Mit Titus Müller als Autor kann nichts schiefgehen.

  22. Cover des Buches Verbrannte Erde (ISBN: 9783406799747)
    Jörg Baberowski

    Verbrannte Erde

    (3)
    Aktuelle Rezension von: M.Lehmann-Pape
    Systematischer Terror „Und wir sollten auch nicht das Naheliegende übersehen – dass Stalin es getan hat, weil es ihm gefallen hat“. In dieser Gefahr, dieses Naheliegende zu übersehen, steht Jörg Baberowski nicht. Auf den gut 500 Seiten des Buches arbeitet er nicht nur dezidiert die grausame und opferreiche innere Geschichte der Stalin Herrschaft hervorragend heraus, sondern versäumt es ebenso nicht, die Psychologie Stalins, die Person eines „bösartigen Psychopathen“, von vielfachen Seiten her zu beleuchten und klar konturiert vor die Augen des Lesers zu stellen. Ungeheure Verbrechen gegen das eigene Volk, gegen alles und jeden, der teilweise auch nur den leichten, persönlichen Missfallen Stalins erregt hat, Säuberungen, denen Millionen zum Opfer fielen, Straflager und Gulags, Hunger und Not, ein perfides, perfektes, reibungslos funktionierendes Terrorregime in ganz großem Maßstab ist es, welches Baberowski in hervorragender Sprache darstellt. Auch der Blick auf das ausführliche und in Teilen kleinteilige Literaturverzeichnis zeigt unmissverständlich, dass hier ein Autor seine Hausaufgaben gemacht hat, weiß, wovon er schreibt und dies zudem klar und prägnant auf den Punkt zu bringen versteht. In der Verbindung zwischen der Person Stalins und dem vordergründigen Anspruch des Sozialismus verdeutlichen die Einlassungen Baberowskis, dass der Stalinismus nichts anders war als eine pure Herrschaft der Gewalt. Eine Gewalt (und das ist interessant), die sich nach Baberowskis Einschätzung aus dem eigenen Versagen an hohen Ansprüchen, aus der eigenen Schwäche heraus motiviert hat. Eine Gewallt, die sich schon früh entwickelt hat und immer breitere Kreise um sich zog. Gewalt, die von Beginn an zunächst als reines Machtinstrument zum tragen kam, bis sie sich nach kurzer Zeit fast verselbstständigt hat, in den Händen Stalins. Eine Gewalt, auch das arbeitet Baberowski detailliert heraus, die ihre Wurzel schon zu Zeiten der Oktoberrevolution zeigte, die eigentlich bereits zur Zarenzeit gängiges Machtinstrument der Bevölkerung gegenüber war. Eine Gewalt, die dann aber vollständig schrankenlos und oft rein willkürlich das gesamte russische Leben der damaligen Zeit bestimmte. Ein Terror, der perfide perfektioniert den gesamten Einflussbereich der Sowjetunion überzog. Und der in der Darstellung im Buch manches Mal aufrüttelt. In dieser deutlichen Darstellung auch der Wurzeln und der Motive der Gewaltherrschaft Stalins zeigt Baberowski im Übrigen Linien auf, die durchaus über das konkret Feld Stalin hinausreichen. Auch das dritte Reich oder Terrorregime moderner Prägung (wie in Libyen oder Syrien) zeigen in den inneren Entwicklungen strukturelle Ähnlichkeiten, was die Nutzung von nackter Gewalt aus Schwäche oder Ohnmacht (und nachher aus reinem Selbstzweck) heraus angeht. Ein Psychopath an der Macht, der sich diese Macht bereits durch reine Gewalt und Netzwerke von Getreuen sicherte, ein auf (willkürliche) Gewalt bereits aufgebautes System und ein behaupteter „Ausnahmezustand“ der Revolution und des Kampfes gegen Außen führten zu einem millionenfachen inneren Massenmord sondergleichen, der bei näherer Betrachtung durch kein politisches System und keine Ideologie auch nur annähernd inhaltlich gerechtfertigt werden konnte und kann. Ein höchst wertvolles Buch zur Geschichte Stalins, des Stalinismus und weit darüber hinaus.
  23. Cover des Buches Aurora (ISBN: 9783641108298)
    Robert Harris

    Aurora

    (66)
    Aktuelle Rezension von: Lulia

    Mein erstes Buch des berühmten Autors, auf das ich zufällig beim Stöbern gestoßen bin.
    Die Schauplätze von den grauen Straßen Moskaus bis zu den abgelegenen Weiten des Nordens sind atmosphärisch dicht beschrieben und werden vom Leser regelrecht durchlebt. Die Ausführungen sind detailliert und bildhaft. Russland erscheint hier nicht als Kulisse sondern als Charakter: korrupt, geheimnisvoll und zerrissen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Dies wird an vielen Stellen durch diverse Dialoge der Romanfiguren verdeutlicht und nachvollziehbar gemacht. Auch ist der Roman historisch gut recherchiert, mit Fokus auf den Menschen und die Gesellschaft dahinter. Trotz der Düsternis gibt es auch kleine Funken der Ironie und subtilen Witzes, was die Stimmung nicht zu sehr ins Dunkle abgleiten lässt.
    Der Hauptprotagonist wirkt auf den ersten Satz sehr menschlich und nahbar. Er ist getrieben, manchmal naiv und oft überfordert. Manchmal macht es den Eindruck, dass er unschuldig durch die Ereignisse stolpert.Gerade deshalb ist er so glaubwürdig und auch sehr symphatisch. Die Frage, ob Geschichte jemals wirklich abgeschlossen ist, zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman.
    Es wird genug Platz sowohl für Geschichte als auch Figurenentwicklung gelassen mit einem Schreibstil, der nie überbordend oder schwafelig langweilig wird. Bis zum Schluss bleibt der Spannungsbogen äußerst gespannt, sodass man das Buch kaum weglegen mag.
    Es ist ein stiller und intensiver Thriller, der seine Spannung aus der Tiefe seiner Fragen zieht. Es geht um Wahrheit, Macht, Erinnerung und darum wie weit ein Mensch gehen kann, um das zu finden, was vielleicht besser verborgen geblieben wäre.

    Ich kann das Buch sehr empfehlen und werde mir künftig weitere Bücher des Autors gönnen.

  24. Cover des Buches Der Lärm der Zeit (ISBN: 9783462055412)
    Julian Barnes

    Der Lärm der Zeit

    (91)
    Aktuelle Rezension von: Trishen77

    Julian Barnes beste Romane, zu denen auch “Der Lärm der Zeit” zählt, sind oft eigenwillige Kompositionen. Man merkt ihnen aber an, dass es Barnes dabei nicht um Formexperimente geht, sondern darum eine Geschichte genau auf die Art und Weise zu erzählen, die die wesentlichen Motive und Stimmungen, die hervorgehoben werden sollen, am besten trägt und für die Lesenden greifbar macht.

    In “Der Lärm der Zeit” ist diese Form ein Gedankenstrom, ein Monolog, der einen sprunghaften, anknüpfenden und wabernden Erinnerungsprozesses simuliert. Der sich da erinnert, war einer der größten Komponisten des 20. Jahrhunderts: Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch. Von drei Zeitpunkten ausgehend, werden seine Lebens- und Gedankenwelten vor uns ausgebreitet, immer wieder von wiederkehrenden, variierten Motiven durchzogen, wie bei einem Musikstück.

    Das erste Mal: 1936 – gerade ist Schostakowitsch beim Regime um Stalin in Ungnade gefallen und rechnet jeden Moment mit seiner Verhaftung, weshalb er mit gepackten Koffern beim Fahrstuhl auf die Beamten wartet, Nacht für Nacht. Es geht um seine erste Oper, die in der größten russischen Zeitung verhöhnt und als westlich-dekadent gebrandmarkt wurde. Er droht dem Wahn der Denunziation und den großen Säuberungen Stalins zum Opfer zu fallen
    Das zweite Mal: 1948 – nach dem großen Krieg und seiner Etablierung in der UdSSR kehrt er gerade aus den USA von einer Friedenskonferenz zurück. Er ist wiederum teilweise in Ungnade gefallen, sein Name ist von der Partei und dem Regime nie gänzlich reingewaschen worden. Er fürchtet, dass alles wieder von vorne beginnt, weiß immer noch nicht, wie er sich gegen das Regime wehren soll.
    Das dritte Kapitel erstreckt sich dann nicht wie die vorangegangen hauptsächlich rückwärts, sondern von 1960 bis zu seinem Tod.

    In allen Kapiteln sind die gewählten Momente und die räumlichen Festlegungen (das erste Kapitel heißt “Auf der Treppe”, das zweite “Im Flugzeug”, das dritte “Im Auto”) nur Ausgangspunkte für die Rückschau auf die vor den Kapiteln liegenden Jahre und die Schilderungen der Verstrickungen und Auseinandersetzungen zwischen Schostakowitsch und dem jeweiligen sowjetischen Regime. Er will vor allem Musik machen, muss sich aber immer vor den jeweiligen Herrschenden verantworten, wird von ihnen gefordert, bedroht, gehätschelt oder getadelt. Ständig lebt er mit dem Rücken zum Abgrund.

    Barnes Roman ist das meisterhafte Porträt eines Künstlers in den schwierigen Wassern des 20. Jahrhunderts. Mit Schostakowitsch hat er sich dabei einen Charakter, einen Menschen ausgesucht, der weder ein großer Dissident, noch Anhänger einer Ideologie oder Politik war. Er war auch kein klassischer Mitläufer und kein unbequemer Geist im eigenen Haus. Das Buch zeigt auf, wie die jeweilige politische Macht sein Leben bestimmt und wie er versucht, zumindest seine Liebsten, zumindest seine Integrität und am Ende zumindest seine Musik zu retten. Er wird nicht ermordet, nicht eingesperrt, nie wirklich angegangen. Aber Stück für Stück zermürbt das System auch ihn, begleitet ihn zumindest immer, egal wo er hingeht. Er, der als Mensch gern der Musik gehören würde, seinen eigenen Gefühlen, den Menschen, denen er sich anvertrauen, mit denen er zusammen sein will, gehört doch letztlich immer dem Staat, in dem er lebt.

    Das Großartige an diesem Buch ist, dass es den Menschen Schostakowitsch nicht nur darstellt, nicht nur seine Biographie einfühlsam wiedergibt. Sondern dass es eines dieser Bücher ist, denen es gelingt, den Lärm der Zeit, die profanen Kräfte der Politik und des Weltgeschehens spürbar zu machen, aber währenddessen vor allem über das menschliche Wesen, das menschliche Glück, die menschliche Würde zu sprechen, davon Zeugnis abzulegen. Barnes Schostakowitsch ist keine historische Figur, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut und bleibt es von der ersten bis zur letzten Seite; er wird nicht als tragisches Beispiel inszeniert – Barnes verleiht seinem Leben wirklich eine Stimme, eine unverwechselbare. Diese große Leistung, die man leicht als etwas Selbstverständliches hinnehmen könnte, macht das Buch zu etwas Besonderem.

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