Bücher mit dem Tag "stalinismus"
24 Bücher
- Nino Haratischwili
Das achte Leben (Für Brilka)
(271)Aktuelle Rezension von: izzy_booksEin überwältigender Generationenroman, welcher Liebe, Verlust und die Narben der Geschichte in einer georgischen Großfamilie vereint. Nino Haratischwilli erzählt mit solch einer großen emotionalen Kraft und lässt hierbei ihre Figuren noch sehr lange nachhallen. Ein Buch, welches einen nicht nur berührt, sondern sehr tief trifft – und für mich schon jetzt für immer einer meiner größten Herzensbrecher bleibt.
- Tom Rob Smith
Kind 44
(776)Aktuelle Rezension von: LidenBUCH
review
Tom Rob Smith
Autor
Genre des Buches :
Polit - & Ermittlungsthriller
Was ist das Hauptthema oder die Message des Buches?
Mordvertuschung - Angst totalitäres Regime
Würde ich es weiterempfehlen?
Nein
Datum
05.12.2025
Bewertung
Titel
Kind 44
Zusammenfassung des Buches in meinen eigenen Worten:
Leo arbeitet bei dem Geheimdienst des Staates und legte eine erfolgreiche Karriere hin - gesehen, autoritär, gedrillt. Ein grausamer Mord an einem Kind wird unter den Tisch gekehrt und Leo ermittelt heimlich und gerät dadurch selbst ins Visier. Vom Staatsheld zum Staatsfeind. Wir erfahren über die Gepflogenheiten des Staates zu Zeiten Stalins.
Mein Fazit zu diesem Buch :
Trotz der spannenden Thematik und der Verdeutlichung des Lebens in der Sowjetunion zu Zeiten Stalins konnte mich das Buch nicht packen. Es war sehr ausschweifend beschrieben. Leo seine Verwandlung war nachvollziehbar. Die Problematik rund um Stalin war für mich allerdings nichts "Neues" und mir bewusst, vllt fehlte mir dadurch der Wow Effekt.
- Eugen Ruge
Metropol
(37)Aktuelle Rezension von: Sanne54Das Cover vermittelt schon einen guten Eindruck, wo man sich befindet, wenn man zu lesen beginnt: In den 1930er Jahren. Das fand ich optisch sehr ansprechend.
Zum Inhalt, der im Kern die Geschichte von Ruges Familie erzählt: Lotte und Wilhelm Germaine, linientreue, aus Deutschland stammende Kommunisten, ausgewandert, arbeiten in Moskau für die "Komintern". Auf einer Urlaubsreise nach Jalta liest Lotte in der Zeitung von Prozessen gegen Stadtfeinde; mit einem ist das Ehepaar näher bekannt. Diese Bekanntschaft melden sie, da Verschweigen falsch interpretiert werden könnte - und Ruge führt dem Leser vor Augen, wie schwierig es war, in der damaligen Sowjetunion zwischen Freund und Feind zu unterscheiden und das selbst absolut richtiges Verhalten im Sinne des Apparats (die "Selbstanzeige") ein großer Fehler sein konnte: Das Ehepaar muss seine Wohnung aufgeben. Sie ziehen bis auf Weiteres ins Hotel Metropol in Moskau - für ca. 1,5 Jahre. Dort hoffen sie auf eine Zukunft, müssen die Ungewissheit ertragen, was aus ihnen wird, werden zunehmend misstrauischer gegenüber den anderen "Hotelgästen", spüren deren Distanziertheit, die Gedanken kreisen, erleben, wie Hotelgäste verschwinden, ...
Interessant ist auch die Darstellung des vorsitzenden Richters, machthungrig, ideologisch, obrigkeitshörig, der über das Schicksal der "Staatsfeinde" entscheidet. Durch die Schilderung des Schicksals einer anderen "Komintern"-Mitarbeiterin wird deutlich, was dem Ehepaar Germaine drohen könnte.
Eine interessante Darstellung wahrer Begebenheiten. Der Roman hat auf mich stellenweise fast wie ein Kammerspiel gewirkt. Ich empfehle das Buch durchaus, obwohl ich selbst anfangs große Probleme hatte, in die Geschichte zu kommen - zu viel "kommunistische Bürokratie". Ich habe auch ungewöhnlich lange zum Lesen gebraucht - ohne, dass ich konkret sagen kann, warum. Tatsächlich gelangweilt habe ich mich nicht.
Aber ein solches Buch muss auch nicht unbedingt leicht zu lesen sein, sondern gerade das Gefühl von Sperrigkeit trifft es ja auch irgendwie. Man klinkt sich vielleicht in die lakonische Warterei der Germaines ein und verlangsamt sein Lesetempo?
- Sofi Oksanen
Fegefeuer
(122)Aktuelle Rezension von: paulkretzschmarSofi Oksanen hat mit "Fegefeuer" einen vielfach ausgezeichneten Roman verfasst, der von einer Familientragödie in der Geschichte Estlands zwischen Mitte der dreißiger Jahre bis in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts handelt.
Das Leben auf dem Bauerngut der beiden Schwestern Aliide und Ingel in den Wirren der Zeit des zweiten Weltkrieges und den ersten Jahren der Sowjetunion wird bestimmt durch eine Spirale von Liebe, Eifersucht, Misstrauen, Schuld und insbesondere sexueller Gewalt, die während des Stalinismus unzählige Opfer mit sich bringt. Es herrscht ein permanentes Klima der Angst, in denen Menschlichkeit und und Moral durch Verleumdungen und Spitzeleien ersetzt werden. Jeder kann Täter und Opfer zugleich sein.
In einer zweiten Handlungsebene, findet die inzwischen alte Aliide, kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, das Mädchen Zara halbtot in Garten ihres Bauernhofes, den sie verwitwet und verarmt, trotz aller Widrigkeiten noch immer bewohnt.
Zara wurde von skrupellosen Menschenhändlern als Zwangsprostituierte nach Berlin verschleppt. Während einer Reise zurück nach Estland, wo Leid durch neue Freier drohte, gelang ihr die Flucht, und der einzige Ort, wo sie Sicherheit suchte, war Aliide's Bauernhof, denn sie war die Enkelin ihrer Schwester Ingel. Aber statt Hilfe stößt sie zuerst auf Misstrauen und ihre Peiniger sind ihr schon auf der Spur.
Trotz aller schmerzhafter Bilder und der beklemmenden Atmosphäre, hat mich dieses Buch nur teilweise abgeholt.
Die vielen verschiedenen Handlungsebenen der Rückblenden und der Zeitsprünge störten mitunter den Lesefluss und waren anstrengend zu lesen. Traumata wechselnden teilweise mit trivialen Handlungen und oberflächlichen Effekten. Der etwas abrupte Schluss und die überwiegend unsympathischen Protagonisten trugen ihr übriges dazu bei, dass ich dieses Buch nicht als Meisterwerk empfinden konnte.
Die Tragik der Geschehnisse wirkte irgendwie seltsam hölzern und emotionsarm.
Die Schicksalsromane von Hera Lind haben mich dagegen viel mehr berührt und begeistert, besonders in Punkto Schreibst
Aber das können andere Leser durchaus anders sehen. Dann hilft nur Selbstlesen.
Von mir gibt es eine bedingte Leseempfehlung und gute 3 Sterne!
- Sasha Filipenko
Rote Kreuze
(184)Aktuelle Rezension von: petraellenAutor
Sasha Filipenko
Inhalt
Der junge Alexander ist gerade nach Minsk gezogen. Vor kurzem hat er seine Frau verloren und muss sein Leben mit seiner kleinen Tochter neu ordnen.
Auf dem Stockwerk seiner Wohnung lebt noch eine neunzig Jahre alte Frau, alleinstehend und an Alzheimer erkrankt. Nach einer kleinen Stadterkundung kommt er zu seiner Wohnung zurück und stellt mit Erstaunen fest, dass jemand ein rotes Kreuz auf seine Wohnungstür gemalt hat. Es stellt sich heraus, dass seine Nachbarin Tatjana Alexejewna es war. Alexander hält es zunächst für einen Scherz, doch Tatjana Alexejewna erklärt ihm, dass sie das Rote Kreuz braucht, um den Weg nach Hause zu finden. Sie erklärt Alexander, dass bei ihr kürzlich Alzheimer diagnostiziert wurde. Sie weiß, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis die Krankheit ihr Gedächtnis zerstört und ihre Erinnerungen ausgelöscht hat. Tatjana bittet Alexander in ihre Wohnung und will ihm ihre Geschichte erzählen. Eigentlich möchte er nicht auf einen Plausch zu ihr kommen, doch dann fesselt ihn die Lebensgeschichte.
„»… Ich würde Ihnen gern eine unglaubliche Geschichte erzählen. Eigentlich keine Geschichte, sondern eine Biographie der Angst. Ich möchte Ihnen erzählen, wie das Grauen den Menschen unvermittelt packt und sein ganzes Leben verändert.«“ (S. 15)
Sie erzählt von ihrer Vergangenheit, an die sie sich noch gut erinnern kann. Sie erzählt von dem Zweiten Weltkrieg, ihrer Arbeit im Außenministerium. Ihr Mann Ljoscha wurde vermisst und ihre Tochter Assja entriss man ihr, als sie wegen Volksverrat ins Lager kam.
Sie erzählt ein schockierendes Kapitel der russischen Geschichte, wie die Sowjetunion die russischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg im Stich ließ, wie ihre Familien als Verräter verfolgt wurden.
Sprache und Stil
Tatjana Alexejewna wird in London geboren. Anfang 1920 zieht sie mit ihrer Familie nach Moskau. Ihr Vater Alexej Alexejewitsch Bely sieht in dem Regierungswechsel „eine Revolution des Geistes! Petersburg und Moskau sind jetzt Städte des kleinen Mannes!“ (S. 23)
Tatjana begeistert sich für den Kommunismus. Sie dient ihrem Land und wird doch verhaftet.
Sie arbeitet als Fremdsprachensekretärin im Außenministerium, als sie einen Brief bekommt, den sie übersetzen soll. Es ist eine Liste mit Namen russischer Kriegsgefangener in Rumänien, auf der sie den Namen ihres Mannes entdeckt. Sie weiß, dass Kriegsgefangene und ihre Familien als Verräter verfolgt und in den Gulag geschickt werden. Sie nimmt den Namen aus der Liste und setzt einen anderen Namen, der bereits schon auf der Liste steht, dazu.
Die gefährliche Einmischung zum Schutz ihres Mannes hat nicht die Wirkung, die sie sich vorstellt. Sie wird als Verräterin bestraft und verbringt fast zehn Jahre voller psychischer und körperlicher Misshandlungen in einem weit entfernten, entsetzlichen Lager, ohne zu wissen, was mit ihrem Mann und Kind geieht. Erst nach der Haftentlassung erfährt sie, dass beide nicht mehr leben. Zudem plagt sie das schlechte Gewissen, einen Betrug vorgenommen zu haben, von dem sie sich eine Rettung erhoffte.
Sie ist am Ende ihres Lebens angekommen. Sechzig Jahre später erzählt sie ihre Lebensgeschichte ihrem jungen Nachbarn. Ihre Geschichte beginnt in Moskau 1941, als Russland schon im Krieg gegen das Nazideutschland steht. Sie erzählt von dem Wahnsinn der wütenden, stalinistischen Säuberungen.
Trotz alledem hat sie ihren Kampfgeist bewahrt und kämpft dafür, dass nichts vergessen wird.
Das Band zwischen Tatjana und Alexander
Tatjana hat Mann und Tochter verloren.
Alexander musste eine schwierige Entscheidung treffen. Er konnte wenigstens seine Tochter retten.
Beide sind verlassenen und beide werden mit dem Vergessen, Erinnern konfrontiert. Alexander hat kein Alzheimer und muss trotzdem gegen das Vergessen kämpfen.
Die Metapher „Alzheimer“ ist im Roman „Rote Kreuze“ allgegenwärtig.
Die Alzheimer-Krankheit als Schlüsselrolle
Tatjana hat Alzheimerkrankheit. Alzheimer beginnt mit leichten Gedächtnisstörungen und dem Betroffenen fällt es zunehmend schwer, sich in fremder Umgebung zu orientieren.
Es folgen deutliche Ausfälle bis zum Kontrollverlust. Das weiß Tatjana und kokettiert damit. „Ihr fällt der Vatername nicht mehr ein“ (S. 12).
Der Autor setzt die Alzheimerkrankheit als Metapher ein. Als Mahnung der Erinnerung und gegen das Vergessen. Es ist ein Aufschrei gegen das Vergessen. Hier insbesondere gegen das kollektive gesellschaftliche Vergessen, der Repressionen in den sowjetischen Republiken.
Die „Roten Kreuze“ stehen ebenfalls für „Alzheimer.“ Sie zeigen den Weg, dieses Vergessen zu verhindern. Die zahlreichen Dokumente geben Aufschluss darüber, was geschehen ist. Menschen, die davon betroffen waren, bekommen Namen, sie werden namentlich genannt. Die Schicksale werden sichtbar.
Denn nicht nur die Alzheimerkrankheit lässt vergessen, sondern auch eine Generation, die dies miterlebt hat, wird eines Tages nicht mehr da sein und darüber reden können. Und daher ist es wichtig, dass nichts in Vergessenheit gerät.
„Aber jetzt, wo in meinem Leben alles vorbei ist…jetzt denkt sich Gott, dieser von mir erdachte Gott, für mich Alzheimer aus, weil er Angst hat! Er hat Angst, mir in die Augen zu schauen! Er will, dass ich alles vergesse.“ (S. 197)
Historische Fakten, die überprüfbar sind
Sasha Flilipenko verwendet in seinem Roman „Rote Kreuze“ Dokumente, die er in Genf recherchiert hat, denn in Moskau werden diese Dokumente unter Verschluss gehalten. Das alleine ist schon sehr wertvoll, die Dokumente zu lesen. Sie bilden letztendlich auch die historische Grundlage für seinen Roman. Oftmals kann man aus den Dokumenten entnehmen, dass auf Briefe oder Telegramme keine Antwort kam „unbeantwortet geblieben“.
Jedes Dokument und jedes Telegramm stellt einen „Stolperstein" dar. Die Aussagen sind gewaltig. Wie wenig war man an Menschen interessiert, diese zurückzuholen. „Wir sind immer davon ausgegangen, dass sich in jeder Regierung und in jeder Organisation ein Mensch finden lässt, der sich zurückmeldet. Neun werden nicht antworten, aber der Zehnte wird das lesen und was unternehmen." (S. 266)
Jedes Dokument hat eine eigene Aussagekraft, ein anderes Schicksal. Es geht um Reden des Volkskommissars, Erklärungen des deutschen Botschafters von Schulenburg, Amnestie-Erlass aus der Prada, Einlieferungsschein in die Krankenstation des Gulag, vieles mehr. Eindrucksvoller kann man diese Zeit 1941/42 in diesem Zusammenhang nicht wiedergeben.
Erzählstrategie
Sasha Filipenko baut seinen Roman auf zwei Erzählsträngen auf. Einmal erzählt Tatjana und dann wieder Alexander. Bei beiden wechselt er zwischendurch die Perspektive mit dem Effekt, dass der Leser direkt das Geschehen verfolgen kann. Diese Strategie erzeugt einen Sog in das Geschehen, dem man sich nicht entziehen kann.
Der Text wird zudem durch Gedichte und Liedtexte aufgelockert.
Fazit
Sasha Filipenko ist ein außerordentlicher Roman gegen das Vergessen der geschichtlichen Verbrechen gelungen.
Tatjanas Schicksal wird in einem erschütternden, mitreißenden Lebensverlauf erzählt.
Dieser Lebenslauf steht stellvertretend für Millionen anderer Menschen, ist aber nicht fiktiv, sondern real. Genau das macht diesen Roman aus.
- Julian Barnes
Der Lärm der Zeit
(90)Aktuelle Rezension von: Trishen77Julian Barnes beste Romane, zu denen auch “Der Lärm der Zeit” zählt, sind oft eigenwillige Kompositionen. Man merkt ihnen aber an, dass es Barnes dabei nicht um Formexperimente geht, sondern darum eine Geschichte genau auf die Art und Weise zu erzählen, die die wesentlichen Motive und Stimmungen, die hervorgehoben werden sollen, am besten trägt und für die Lesenden greifbar macht.
In “Der Lärm der Zeit” ist diese Form ein Gedankenstrom, ein Monolog, der einen sprunghaften, anknüpfenden und wabernden Erinnerungsprozesses simuliert. Der sich da erinnert, war einer der größten Komponisten des 20. Jahrhunderts: Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch. Von drei Zeitpunkten ausgehend, werden seine Lebens- und Gedankenwelten vor uns ausgebreitet, immer wieder von wiederkehrenden, variierten Motiven durchzogen, wie bei einem Musikstück.
Das erste Mal: 1936 – gerade ist Schostakowitsch beim Regime um Stalin in Ungnade gefallen und rechnet jeden Moment mit seiner Verhaftung, weshalb er mit gepackten Koffern beim Fahrstuhl auf die Beamten wartet, Nacht für Nacht. Es geht um seine erste Oper, die in der größten russischen Zeitung verhöhnt und als westlich-dekadent gebrandmarkt wurde. Er droht dem Wahn der Denunziation und den großen Säuberungen Stalins zum Opfer zu fallen
Das zweite Mal: 1948 – nach dem großen Krieg und seiner Etablierung in der UdSSR kehrt er gerade aus den USA von einer Friedenskonferenz zurück. Er ist wiederum teilweise in Ungnade gefallen, sein Name ist von der Partei und dem Regime nie gänzlich reingewaschen worden. Er fürchtet, dass alles wieder von vorne beginnt, weiß immer noch nicht, wie er sich gegen das Regime wehren soll.
Das dritte Kapitel erstreckt sich dann nicht wie die vorangegangen hauptsächlich rückwärts, sondern von 1960 bis zu seinem Tod.In allen Kapiteln sind die gewählten Momente und die räumlichen Festlegungen (das erste Kapitel heißt “Auf der Treppe”, das zweite “Im Flugzeug”, das dritte “Im Auto”) nur Ausgangspunkte für die Rückschau auf die vor den Kapiteln liegenden Jahre und die Schilderungen der Verstrickungen und Auseinandersetzungen zwischen Schostakowitsch und dem jeweiligen sowjetischen Regime. Er will vor allem Musik machen, muss sich aber immer vor den jeweiligen Herrschenden verantworten, wird von ihnen gefordert, bedroht, gehätschelt oder getadelt. Ständig lebt er mit dem Rücken zum Abgrund.
Barnes Roman ist das meisterhafte Porträt eines Künstlers in den schwierigen Wassern des 20. Jahrhunderts. Mit Schostakowitsch hat er sich dabei einen Charakter, einen Menschen ausgesucht, der weder ein großer Dissident, noch Anhänger einer Ideologie oder Politik war. Er war auch kein klassischer Mitläufer und kein unbequemer Geist im eigenen Haus. Das Buch zeigt auf, wie die jeweilige politische Macht sein Leben bestimmt und wie er versucht, zumindest seine Liebsten, zumindest seine Integrität und am Ende zumindest seine Musik zu retten. Er wird nicht ermordet, nicht eingesperrt, nie wirklich angegangen. Aber Stück für Stück zermürbt das System auch ihn, begleitet ihn zumindest immer, egal wo er hingeht. Er, der als Mensch gern der Musik gehören würde, seinen eigenen Gefühlen, den Menschen, denen er sich anvertrauen, mit denen er zusammen sein will, gehört doch letztlich immer dem Staat, in dem er lebt.
Das Großartige an diesem Buch ist, dass es den Menschen Schostakowitsch nicht nur darstellt, nicht nur seine Biographie einfühlsam wiedergibt. Sondern dass es eines dieser Bücher ist, denen es gelingt, den Lärm der Zeit, die profanen Kräfte der Politik und des Weltgeschehens spürbar zu machen, aber währenddessen vor allem über das menschliche Wesen, das menschliche Glück, die menschliche Würde zu sprechen, davon Zeugnis abzulegen. Barnes Schostakowitsch ist keine historische Figur, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut und bleibt es von der ersten bis zur letzten Seite; er wird nicht als tragisches Beispiel inszeniert – Barnes verleiht seinem Leben wirklich eine Stimme, eine unverwechselbare. Diese große Leistung, die man leicht als etwas Selbstverständliches hinnehmen könnte, macht das Buch zu etwas Besonderem.
- Ilja Ilf
Das goldene Kalb oder die Jagd nach der Million
(5)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerWie wird man Millionär in einer Gesellschaft, die dem individuellen Reichtum abgeschworen und das kollektive Glück an dessen Stelle gesetzt hat? Dieser Frage geht das russische Autorenduo Ilf/Petrow in seinem 1931 erschienenen Roman Das goldene Kalb nach. Der in Deutschland angefügte Untertitel „Ein Millionär in Sowjetrussland“ gibt die Richtung der Geschichte gleichsam vor.
Die Hauptfigur, der Überlebenskünstler und Hochstapler Ostap Bender, schwingt sich zum Anführer einer kleinen Schar von Betrügern und Galgenbrüdern auf, die alle versuchen, dem vorgeplanten Lebensweg des sowjetischen Bürgers, dessen Alltag aus Arbeit und Kollektivismus besteht, aus dem Weg zu gehen. Mit Witz, Bauernschläue und dem nötigen Quentchen Glück begibt sich die Gruppe auf die Jagd nach einem nicht minder schweren Ganoven, der in mühevoller Arbeit ein immenses Vermögen angehäuft hat. Dieser unscheinbare Angestellte, Alexander Iwanowitsch Korejko, wählt für sich das Leben eines Parasiten, der innerhalb der kommunistischen Gesellschaft agiert und sie in den Jahren des industriellen Aufschwungs und der sozialen Unsicherheit zu seinen Gunsten manipuliert bzw. ausplündert. Auf die Rückkehr des Kapitalismus hoffend, hortet Korejko seine Millionen eifersüchtig. Als er merkt, dass Bender und seine Kumpanen ihm auf der Spur sind, nimmt eine wilde Verfolgungsjagd ihren Lauf, die schließlich in den tiefsten Tiefen der kasachischen Steppe ihren Höhepunkt findet.
Neben diesen komischen, satirischen Momenten beinhaltet Das goldene Kalb aber auch verschiedene Kritiken. So etwa wird der sowjetische Beamte an den Pranger gestellt, der, weit entfernt von den Direktiven der kommunistischen Propaganda, lieber seinem persönlichen Glück nachjagt, und unangenehmen Fragen und Verpflichtungen lieber aus dem Weg geht. Gleiches gilt für deren Vorgesetzte, die ebenfalls wenig Motivation zeigen, die angestrebten Ziele des ersten Fünf-Jahres-Plans umzusetzen. Die in den frühen Zeiten der Stalin-Ära noch existierenden Spannungen zwischen Individualismus und Gemeinschaftswohl, zwischen Kapitalismus und Planwirtschaft sowie zwischen Reichtum und materieller Gleichheit sind im Text sehr präsent und geben einen wunderbaren Einblick in die Welt der noch jungen Sowjetunion.
Darüber hinaus aber ist es auch das Anliegen der Autoren, der Frage nachzugehen, ob Reichtum wirklich glücklich macht. Denn selbst als Bender sich am Ziel seiner Wünsche sieht, fühlt er eine innere Leere, die der materielle Konsum nicht auszufüllen vermag. Ilf/Petrow haben sich selbst stets zu den Werten der sowjetischen Gesellschaft bekannt. Aber sie haben auch die Notwendigkeit gesehen, die Schwächen und Untiefen dieses Systems mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln aufzudecken. Dies ist sicher der Grund dafür, dass der Text in der UdSSR zuerst verboten werden sollte. Nur auf Intervention Maxim Gorkis hin erlangte Das goldene Kalb seine Veröffentlichung.
Der Text hat, wenn überhaupt, nur die Schwäche seiner Länge. In knapp fünfhundert Seiten werden eine Unmenge von Personen in ebenso vielen Episoden und Anekdoten durch die Geschichte gejagt, sodass die Lektüre an der einen oder anderen Stelle etwas langatmig erscheint. Demgegenüber stehen aber der flüssige Stil sowie der Mut, sich dieser Thematik anzunehmen und auf humoristisch-satirische Weise der sowjetischen Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Daher ist Das goldene Kalb ein absolut lesenswerter Text und eine klare Empfehlung.
- Tim Tichatzki
Roter Herbst in Chortitza
(18)Aktuelle Rezension von: vielleser18Was für ein bewegender Roman !
Erzählt wird die Geschichte von Willi und seinem Freund Maxim. Willi gehört zu der Mennonitengemeinde von Osterwick, einem kleinen Ort in der Ukraine. Ihre Vorfahren kamen auf Einladung von Katharina der Großen aus Deutschland und besiedelten die Gebiete. Von den Menschen, die 1919, als die Geschichte beginnt, in Osterwick lebten, hat kaum einer Deutschland je gesehen, dennoch werden Sprache und Traditonen von Generation zu Generation weitergegeben. Genauso wie das Rechts der Mennoniten auf Kriegsdienstverweigerung.
1919 herrscht Bürgerkrieg. Der erste Weltkrieg ist zu Ende, der Zar gestürzt. Es herrst Gewalt und Willkür, Kämpfe zwischen den "Roten und den "Weißen" - und mittendrin Willi und sein Freund Maxim. Maxim und sein Vater konnten nach Osterwick flüchten, während seine Mutter und seine zwei Schwestern gefangen genommen wurden. Die kommende Zeit wird eine Zerreißprobe, nicht nur für die Freunde, sondern auch für die Dorfbevölkerung.
Repressalien, Konfizierungen und hohe Abgabequoten, die erfüllt werden sollen. Sollte man sich wehren ? Wie lang kann alles ertragen und erduldet werden?Hier beginnt die Geschichte von Willi und Maxim und führt uns durch die bitteren Jahre bis 1947. Am Ende des Buches rundet noch ein Ausblick auf 70 Jahre später die Geschichte ab.
Es ist keine reine fiktive Geschichte, es sind die Erinnerungen und Erlebnisse seiner Schwiegermutter, die der Autor Tim Tachatzki zu diesem Roman verarbeitet hat. Damit sie nie in Vergessenheit geraten. Ihre Geschichte ist die von vielen. Es sind die Erinnerungen an Zeiten des Umbruchs, der Willkür, der Diktatur und Krieg, geprägt von Gewalt und Hungersnöten, Zeiten, in denen es ums reine Überleben, aber auch um das Festhalten am Glauben ging. Es geht um die Opfer und ihr Leid, aber auch die Täter werden beschrieben.
Die Sichtweisen verändern sich im Buch, die Grausamkeiten werden so ziemlich deutlich beschrieben. Keine leicht Lektüre, man fühlt und leidet mit. Nicht alles ist leicht zu ertragen. Dennoch ist es wichtig, dass es erzählt wird, damit es nicht in Vergessenheit gerät.
Von mir bekommt "Roter Herbst in Chortitza" volle Leseempfehlung. Wichtiges Thema, fesselnd erzählt - die Geschichte einer Russlanddeutschen Familie, aber auch die einer dunklen Zeit.
- Natascha Wodin
Sie kam aus Mariupol
(5)Aktuelle Rezension von: PongokaterTief bewegend ist diese Spurensuche der Autorin nach ihrer Mutter. Sie führt dazu, dass sie beginnt, mehr in ihrer Mutter zu sehen als die verbitterte Zwangsarbeiterin aus Russland, die im Nachkriegsdeutschland leben muss. Eine der ersten Erkenntniss -für heutige Leser besonders wichtig- ist, dass die Mutter eben nicht aus den Tiefen Russland stammt, sondern im warmen und sonnigen Mariupol in der Ukraine aufgewachen ist. Wodin schildert nicht nur die Ergebnisse ihrer Recherchen, sondern auch, wie sie zu diesen Ergebnissen kommt und was diese bei ihr, der Autorin, auslösen in Hinblick auf das Mutterbild und das Bild von Welt. Die etwas monotone, traurig wirkende Stimme von Dagmar Manzel, die ich normalerweise nicht sehr mag, passt hier absolut. Ein wirklich großes Buch!
- Ilija Trojanow
Macht und Widerstand
(18)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerINHALT: Der Roman spielt in Bulgarien zur Zeit des Kalten Krieges und den Jahren nach der Wende, und Metodi Popow und Konstantin Scheitanow sind die gegensätzlichen Pole um die sich die Geschichte dreht. Popow, ein Lebemann und erfolgreicher Offizier der Staatssicherheit mit engen Beziehungen zur Regierung, und auch nach 1990 noch eine feste Größe im Staatsapparat; Scheitanow dagegen ein Querulant, der der Stasi schon zu Schulzeiten auffällt und sein Leben Kampf widmet, ein Dorn im Fleisch, einer, der nie locker lässt.
Beide kommen aus derselben Stadt, sind ungefähr im gleichen Alter und geraten ihr Leben lang aneinander, als ob sie zur Symbiose bestimmt seien. Während Popow sich im Wohlwollen der Obrigkeiten sonnt, durchlebt Scheitanow alle Höllen in den bulgarischen Gefängnissen und Arbeitslagern. Nach seiner Rehabilitierung und dem Fall des Eisernen Vorhangs sucht er in den Akten nach Hinweisen: Wer hat ihn bespitzelt? Wer waren seine Freunde, wer seine Verräter? Doch es bleibt ein Kampf, denn die Mächtigen von damals sitzen auch heute noch am längeren Hebel.
FORM: Die zahlreichen Kapitel springen abwechselnd zwischen den Perspektiven Popows und Scheitanows hin und her, die aus heutiger Sicht die Ereignisse von damals schildern. Popows Sprache ist die eines gutmütigen Onkels, bauernschlau, hemdsärmelig und lebensbejahend. Scheitanow dagegen spricht ohne Humor, voller Bitterkeit und Sarkasmus.
Unterbrochen wird dieses Erinnerungspingpong zum einen durch Auszüge aus den Akten Scheitanows und zum anderen – und das ist stilistisch der größte Kniff des Romans – durch Wortmeldungen der vergangenen Jahre. Trojanow hat versucht, jedem Jahr einen Charakter, eine Stimme zu verleihen. 1958 spricht anders als 1990 oder 2007; die Themen sind andere, so auch die Zuhörer.
Auch außerhalb der eigentlichen Geschichte kann der Roman viel zur Erweiterung des Horizonts beitragen. Zum Beispiel schreibt Trojanow den Fund des Thrakischen Goldes seinen Figuren zu, und auch über Kyrill und Method wusste ich vor der Lektüre nichts. Ganz abgesehen von der jüngeren bulgarischen Geschichte, ein Land, gar nicht weit weg und doch so fern, das wohl noch so einiges aufzuarbeiten hat.
FAZIT: Mir ist bei der Lektüre etwas ganz merkwürdiges passiert: Mir war der Protagonist unsympathisch und der Antagonist sympathisch! Das geht doch so nicht! Was ist denn hier los? Aber es geht. Und es ist wohl auch nicht ganz ungewollt. Durch diese Verdrehung umgeht Trojanow geschickt die Klischees von Gut und Böse.
Ich hatte die große Befürchtung, auch MACHT UND WIDERSTAND sei in dieser für politische Romane typischen Nüchternheit und Humorlosigkeit geschrieben, was sich aber dankenswerter Weise nicht bestätigte. Im Gegenteil: Zwischendurch musste ich sogar laut lachen. (Popows siebzigster Geburtstag oder die Frage, wer denn das KOMMUNISTISCHE MANIFEST geschrieben habe sind großartig humorvolle Szenen.) Ganz klare Abstriche muss ich jedoch bei den Dialogen machen, die mir oft sehr gestelzt und zähflüssig vorkamen. Ansonsten kann ich sagen: Ein wichtiges Buch – vier Sterne.
*** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich über Euren Besuch ***
- Eric Ambler
Der Fall Deltschev
(3)Aktuelle Rezension von: GulanDie Wahrheit über meine Rolle im Fall Deltschev ist nicht erfreulich. Ich bin nicht einmal in die Gefahr hineingestolpert, ich bin hineinspaziert. Ich bin dahingeschlendert, so wie man durch das faszinierende Gewirr von Straßen und Gassen der Altstadt schlendert. Man hatte mich gewarnt, mir gesagt, dass sie gefährlich seien, gewiss: aber ich hatte gedacht, sie seinen gefährlich für die Warner, nicht für mich. Und als ich sah, dass ich mich verirrt hatte, und herauszukommen versuchte, sah ich auch, dass ich verloren war. So ungefähr empfand ich es. (S.217-218)
In einem sowjetisch beeinflussten Balkanstaat kurz nach dem zweiten Weltkrieg wird der ehemalige Regierungschef und Oppositionspolitiker Jordan Deltschev angeklagt, ein Verräter und Verschwörer zu sein, der in Attentatspläne gegen den amtierenden Staatschef Vukaschin der kommunistischen Volkspartei verwickelt ist. Der Schauprozess wird auch von der ausländischen Presse verfolgt. Der britische Dramatiker Foster soll für eine amerikanische Zeitung Beiträge zum Prozess liefern. Doch Foster ist mit der ihm zugedachten Beobachterrolle nicht einverstanden und begibt sich in gefährliche Hintergrundrecherchen.
Für Foster und die westlichen Beobachter ist schon von vornherein klar, dass Deltschevs Verurteilung längst beschlossene Sache ist und die Prozessführung dementsprechend manipuliert wird. Umso erstaunter ist er, als die Anklage merkwürdigerweise offenbar tatsächliche Beweise für eine Beteiligung Deltschevs an einer reaktionären, terroristischen „Bruderschaft“ vorlegen kann. Obwohl Foster von seinem Kontaktmann vor Ort, Paschik, und dem Propagandaministerium gebremst wird, geht er den Dingen (auch mit einer Portion Naivität) auf den Grund, kontaktiert die Familie Deltschevs und gerät schließlich in ein echtes Mordkomplott.
Mit „Der Fall Deltschev“ beendete Eric Ambler eine elfjährige Schreibpause und gleichzeitig markiert es den Bruch des Autors mit Kommunismus und Stalinismus. War Ambler vor dem Krieg noch ein eindeutig linker Autor mit Sympathien für die kommunistische Seite, so hatte sich diese Sympathie mit den Auswüchsen des Stalinismus erledigt. Die sowjetisch-beeinflussten Schauprozesse in diversen osteuropäischen Staaten (als maßgebliches Vorbild für den Roman diente u.a. der Prozess gegen Nikola Petkow) nach Kriegsende boten für Ambler Gelegenheit für eine Abrechnung in Thrillerform. Ambler verschreckte damit einige alte Fans, aber in seiner Biografie „Here lies Eric Ambler“ registrierte er mit Wohlwollen, dass „Der Fall Deltschev“ „als antistalinistischer, sozialistischer Roman bezeichnet worden [ist], eine durchaus schmeichelhafte Beschreibung“. Im Roman beschreibt Ambler wie eine stalinistische Volkspartei in einem totalitären Führungsanspruch sich der Opposition entledigen will und dabei selbst in brutale Machtkämpfe zerfällt. Und wie bei ihm so üblich, installiert Ambler eine Person von außerhalb, in diesem Fall den Theaterautor Foster, bislang völlig unbeleckt auf dem Gebiet des politischen Journalismus, um die Zusammenhänge aufzudecken und sich darin zu verheddern.
Wer einen Ambler liest, muss sich darauf einlassen, dass die heute so gepflogene Thrillermaxime „Show, don't tell!“ außer Kraft gesetzt ist. Ambler erklärt durchaus einiges, dies aber durchaus clever verpackt in Dialogen, Selbstreflexionen, Briefen oder Dossiers. Er verzichtet dabei aber keineswegs auf einige Thriller-Spannungsmomente, dennoch sind diese Elemente in diesem Roman schon etwas spärlich gesät. Wenn man aber dem Stil gewogen ist, wird man auch bei „Der Fall Deltschev“ mit intelligenter, aber auch durchaus komplexer Thrillerkost belohnt.
- Andrej Platonow
Die Baugrube
(5)Aktuelle Rezension von: sKnaerzleSowjetunion, 1929/30. Eine kleine Baubrigade soll die Baugrube für das gemeinproletarische Haus für die lichte Zukunft bauen. Sie alle können die Formeln nachbeten, mit denen in der stalinistischen Bürokratensprache die lichte kommunistische Zukunft beschrieben wird, aber sie alle sind bedrückt und traurig, weil sie ahnen, dass sie diese Zukunft nie erreichen werden. Allerdings merkt man beim Lesen, dass sie einfach brutal ausgebeutet werden, sie erhalten weder eine gute Unterkunft noch ausreichend zu essen.
Die Szene wechselt aufs Dorf, wo in apokalyptischen Bildern die Kollektivierung derLandwirtschaft vorgeführt wird.
Das Buch schildert die Sowjetunion in den Anfangsjahren der Stalinära, aber der historische Hintergrund wird in symbolische Bilder umgesetzt, die man nur versteht, wenn man die Ereignisse kennt.
Die Sprache mischt Versatzstücke aus kommunistischen Utopien und Bürokratensprache, die von den Protagonisten nur schlecht und falsch verwendet wird. Daran vor allem wird ihre Unterdrückung deutlich.
Die Lektüre ist nicht einfach. Manchmal wird es zu wuchtig, manchmal zu verzweifelt und immer muss man sich beim Lesen sehr konzentrieren, weil jeder Satz voller Bedeutung steckt.
Worterklärungen, eine Kurzbiographie und ein Nachwort helfen aber, den Roman zu verstehen. - Timothy Snyder
Bloodlands
(8)Aktuelle Rezension von: mapefueC.H.BECK Verlagsinformation
Mit zahlreichen Karten. Aus dem Englischen von Martin Richter. Timothy Snyder erzählt in seinem Buch drei miteinander verknüpfte Geschichten - Stalins Terrorkampagnen, Hitlers Holocaust und den Hungerkrieg gegen die Kriegsgefangenen und die nichtjüdische Bevölkerung - so wie sie sich tatsächlich zugetragen haben: zur gleichen Zeit und am gleichen Ort. "Bloodlands" gehört zu den historischen Büchern, die einen anderen Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts eröffnen. Noch bevor der Zweite Weltkrieg begann, hatte Hitlers zeitweiliger Partner und späterer Gegner Stalin bereits Millionen von Menschen umgebracht - und setzte dieses Morden während des Krieges fort. Bevor Hitler besiegt war, hatte er sechs Millionen Juden ermorden lassen - und ließ Millionen andere Menschen gezielt verhungern. All dies geschah auf einem einzigen Gebiet: den "Bloodlands" zwischen Russland und Deutschland. Doch als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, verschwand die Erinnerung an diesen millionenfachen Mord in der Dunkelheit hinter dem Eisernen Vorhang. Nicht nur unser Bild vom Holocaust erweist sich jedoch mit dem Blick auf die "Bloodlands" als unvollständig und westlich verzerrt. Auch die Geschichte Europas gewinnt ein verlorenes Terrain im Osten zurück: die gemeinsame Erinnerung an 14 Millionen Tote und die größte Tragödie der modernen Geschichte.Nationalsozialistische und stalinistische Verbrechen reihen sich im Osten Polens, in Weißrussland und der Ukraine aneinander, erst die von Stalin herbeigeführte Hungersnot, der Terror und das Massaker von Katyn, dann die Erschießungen hunderttausender Juden durch die Wehrmacht und die Vergeltungsmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung. Keine andere Bevölkerung hat im Zweiten Weltkrieg einen solch hohen Blutzoll zahlen müssen wie die in der Ukraine und Weißrussland, wo erst die sowjetische Geheimpolizei wütete, dann die nationalsozialistischen Divisionen von SS, Wehrmacht und Polizei. Snyder rückt die allgemeine Meinung des Konzentrationslagers als Zentrum des Holocaust zurecht, wurden die meisten Juden in Osteuropa erschossen.
Snyder beweist mit diesem Meisterwerk sein erzählerisches Können. Mit umfangreichem Anhang: Zusammenfassung, Quellennachweis und Bibliographie.
Timothy Snyder
Timothy Snyder ist Professor für Geschichte an der Yale-University und Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaft vom Menschen (IWM) in Wien. Seine Bücher "Bloodlands", "Black Earth", "Der Weg in die Unfreiheit" und "Über Tyrannei" sind auf Deutsch alle im Verlag C.H.Beck erschienen sind. Für seine Arbeiten hat er u.a. den Hannah-Arendt-Preis und den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung erhalten. Er gehört zu den führenden Intellektuellen in den Vereinigten Staaten. - Travis Holland
By Travis Holland - The Archivist's Story (Reprint) (2008-05-14) [Paperback]
(1)Noch keine Rezension vorhanden - Lydia Tschukowskaja
Untertauchen
(9)Aktuelle Rezension von: Christian_FisIn nüchterner und unpathetischer Sprache beschreibt die Ich-Erzählerin ihren Aufenthalt in einem Sanatorium für Schriftsteller im Winter 1949. Sie verbringt die Zeit, indem sie in ihren Erinnerungen untertaucht - ihr Mann wurde während des grossen Terrors 1937 deportiert. Während ihres Aufenthalt beginnt eine neue Verhaftungswelle gegen die «Kosmopoliten» in der Sowjetunion. Die Opportunisten des Sanatoriums passen sich an, tauchen in einer angepasste Sprache und Verhaltensweise unter. Ein beindruckendes Buch über Selbstbehauptung in einem totalitären System. Scharf beobachtet mit teilweise sehr komische Passagen eines Sanatoriumromans. Weniger begeistert haben mich die lyrischen Einschübe.
- Karl Schlögel
Der Duft der Imperien
(5)Aktuelle Rezension von: ClariAnhand von Düften Zeitgeschichte darzustellen, das ist eine originelle Idee.
Karl Schlögel hat sich dieser Aufgabe unterzogen.
Er beschreibt die Jahrhundertwende vom 19. bis weit ins zwanzigste Jahrhundert.
Es geht um die Düfte von Chanel Nr. 5 in Frankreich und Rotes Moskau in Russland.
Noch herrschen in Russland die Zaren. Karl Schlögel bemüht eine Vielzahl der Namen von Personen, die an der Entwicklung der beiden Düfte maßgeblich beteiligt waren.
In Wirklichkeit geht es um die Zuordnung der Düfte, die unweigerlich mit Orten und mit Geschichte verbunden waren. Karl Schlögel erinnert an das berühmte Beispiel von M. Proust, dem bei dem Duft von Madeleines Erinnerungen an seine Urlaube mit seiner Großmutter kamen.
Sehr entscheidend bei der Namensgebung und Etablierung der beiden Düfte waren Polina Shemtschushina Molotowa in Russland und Coco Chanel in Frankreich. Molotowa war die Frau des späteren Außenministers der Sowjetunion, Molotow.
Coco Chanel ist die berühmte Modedame in Paris. Beide waren in die jeweiligen politischen Verhältnisse mit verwickelt.
Chanel hatte sich aus armen Verhältnissen stammend in die Welt der high society hochgearbeitet und verkehrte mit allen Großen von Rang und Namen der dreißiger Jahre. Sie war im Grunde unpolitisch wechselte aber gelegentlich die Seiten.
Ihre Kontakte pflegte sie in England ebenso wie in Frankreich und Deutschland. Unter ihnen gab es Künstler, Politiker und hoch gebildete Schichten aus Intellektuellen und Schriftstellern. Auf diese Weise konnte sie auch ihren Einfluss geltend machen, um ihren Landsleuten in prekären Situationen zu helfen.
In Russland ist es die russische Revolution, die das gesellschaftlichen Leben veränderte. Nicht aber die Sehnsucht nach den gepflegten Düften!
Molotowa agiert politisch und tritt 1918 der Partei der Bolschewiki bei. Nach langen Jahren politischer Arbeit wurde sie als Jüdin 1949 zu fünf Jahren Verbannung verurteilt.
Ihr Weg durch zahlreiche hohe Ämter in Politik und Wirtschaft findet ausführlich Erwähnung in den Darstellungen von Karl Schlögel. U.a. war sie auch für die Kosmetikindustrie tätig, daher ihre Verbindung zu dem russischen Parfum Rotes Moskau.
Im Mittelpunkt der beschriebenen Ereignisse stehen die dreißiger Jahre, in denen Nationalsozialismus, die Folgen der russischen Revolution, Verfolgung und Krieg zu den zentralen Ereignissen des Jahrhunderts wurden.
Viele interessante Einzelheiten zum Regime unter Stalin machen immer wieder Staunen, wie die Anhänger Stalins jede noch so infame Strafe hinnahmen, ohne von ihm abzufallen.
Der Autor hat zahlreiche Einzelheiten zu den gesellschaftlichen Verbindungen der beiden Frauen in ihrer Zeit parat. Er hat für seine Ausführungen alles gründlich recherchiert.
In der Gegenüberstellung der beiden Frauen Coco Chanel und Polina Molotowa ersteht ein ganzes Jahrhundert mit den unterschiedlichen Tendenzen: Luxus, Reichtum, Bürgertum (Chanel) gegen Funktionärsmacht, Intrigen, politische Dominanz in allen gesellschaftlichen Bereichen ( Molotowa).
Ein hoch gelungenes aber dank der unzähligen Namensnennungen nicht ganz leicht zu lesendes Werk. Für Geschichtsinteressierte eine ganz neue Art, die Entwicklungen des vergangenen Jahrhunderts zu betrachten.
Eine lange Reihe von Anmerkungen vervollständigen das Werk zu einem ausgezeichneten Zeitdokument auf dem Weg über die „Düfte“!
- Julian Barnes
Der Lärm der Zeit
(13)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerEr trainierte seinen Körper nicht, er bewohnte ihn. Eines von so vielen wunderbaren Zitaten. Leider kann man sie bei einem Hörbuch nicht anstreichen. Es wären auch zu viele. Auch, wenn mich die Story nicht wirklich gefesselt hat, habe ich jeden Satz genossen, weil hier jedes Wort genau getroffen wird und platziert sitzt.
Eine wirkliche Neuentdeckung für mich. J
ulian Barnes werde ich mir merken.
- Daphne Kalotay
Die Tänzerin im Schnee
(31)Aktuelle Rezension von: Tilman_SchneiderNina Rewskaja war eine gefeierte Primaballerina und sitzt nun im Alter von 80 Jahren im Rollstuhl. Ihre Heimat Russland hat sie schon längst hinter sich gelassen und auch viele Erinnerungen und Menschen. Sie möchte ihre umfangreiche Schmucksammlung verkaufen und den Erlös an die Bostoner Ballett Schule spenden. Drew Brooks kennt sich mit Schmuck und Edelsteinen perfekt aus und sie soll Nina helfen alles zu verkaufen. Grigori Solodin versucht seit Jahren zu Nina Rewskaja vorzudringen, aber sie wehrt alle Anrufe oder gar Besuche ab. Mit der Zeit aber bröckelt ihre harte Fassade und es kommen Details und Ereignisse aus ihrer Vergangenheit ans Tageslicht. Intensive Tanzszenen wechseln mit spannenden menschlichen Dragödien und russischer Geschichte.
Daphne Kalotay ist ein großes Buch gelungen dem man Zeit geben muss, um alles intensiv erleben zu können. Tiefe Einblicke in die russische Geschichte und ein faszinierender Blick in die Welt des Bolschoi Theaters. Manche Begriffe oder Gegebenheiten lohnt es sich nachzuschlagen um die Gewalt des Buches zu begreifen und zu verstehen.
- Sam Eastland
Roter Zar
(49)Aktuelle Rezension von: ArmilleeDie Geschichte beginnt 1929, 10 Jahre nach der Ermordung des letzten Zaren und seiner Frau, den 4 Töchtern, sowie Alexei, der einzige Sohn.
Pekkala war ein enger Vertrauter des Zaren und nach der Revolution wurde er als Zwangsarbeiter in die sibirische Taiga geschickt. Er ist dort Baummarkierer, lebt völlig isoliert in einer selbstgebauten Erdhöhle und eigentlich überlebt man in dieser unwirtlichen Gegend in diesem Beruf im Schnitt nur 6 Monate.
1929 ist Stalin an der Macht und die Gerüchte um den Goldschatz des Zaren sind nie verstummt.
Nun wird Pekkala begnadigt, aber nur, wenn er die Ermittlungen aufnimmt um den oder die Mörder der Zarenfamilie zu finden. Sollte ihm das gelingen, ist er frei.
Ich sage es mal vorweg : ich bin kein Fan von diesem ganzen Spionagekram, Gulag, Kommunisten, Kalter Krieg, Bomben + andere Waffen u.s.w.
Aber ich habe mich schon auf den ersten Seiten festgelesen. Obwohl hier alles versammelt ist, was ich nicht mag, konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Und das sagt eine Menge über die Qualität aus. Mein erstes Buch von Sam Eastland.
Es gibt zwei Handlungsstränge :
-> die Gegenwart, wie Pekkala wieder gefunden und rekrutiert wird. Dann begleitet ihn der Leser auf der Suche nach der (gefährlichen) Wahrheit bis zur Aufklärung.
-> der Rückblick, der bei Pekkalas Elternhaus und seinem älteren Bruder beginnt. Seit Vater ist Bestatter und Pekkala hilft ihm schon in jungen Jahren bei der Arbeit, denn später soll er alles übernehmen. Aber das Schicksal will es anders. Pekkala bewirbt sich für die Ausbildung als Kadett, um dem Zaren zu dienen / beschützen. Ich werde als Leser zur ersten Begegnung mitgenommen, lerne viel über den Tagesablauf der Zarenfamilie, wie es politisch sehr gefährlich wurde, das Exil und schließlich der scheußliche Mord an sechs Menschen..
Und auch ich will wissen -> wer war das ?
Und ich will wissen, ob es den Zarenschatz wirklich gibt !
Die fiktive Geschichte wirkt absolut real. Ich war dabei.
Am Ende des Buches hat der Autor die wahre Abfolge aufgelistet.
Ein Buch ist auch dann für mich super, wenn mich das Gelesene so bewegt, dass ich weiter im Internet recherchiere und noch mehr wissen will. Ich schau mir die Bilder und Fotos an und habe das Gefühl : dieser Autor hat mich 100% abgeholt.
- Simon Montefiore
One Night in Winter
(1)Aktuelle Rezension von: halo123Die Strenge und Brutalität von Stalins Regime kommt gut rüber und man merkt, dass selbst die Männer oben in der Hierarchie Russlands und ihre Familien nicht sicher sind.
Jedoch haben mich beide Liebesbeziehungen im Buch etwas genervt. Die einen waren zu naiv und die anderen schlichtweg eine Affäre die ich einfach nur zum verabscheuen fand auch wenn der Autor versucht diese Gefühle zu rechtfertigen und oh wie schlecht sich der Charakter fühlt...
Die Verhöre fand ich am meisten schockierend. Wie mit Kindern umgegangen wird.
- Claudia Weber
Der Pakt
(4)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer"Nach wie vor wird die historische Bedeutung, die der Hitler-Stalin-Pakt für die ersten Jahre des Zweiten Weltkriegs besitzt, unterschätzt". So beschreibt die Autorin Claudia Weber auf der Seite 12 ihrer Studie "Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz" offensichtlich ein Movens, dass zu ihrer Auseinandersetzung mit diesem verbrecherischen Vertrag bildete. Darüber ließe sich trefflich und wahrscheinlich fruchtlos streiten, denn eigentlich ist mir kaum ein ernst zu nehmender Historiker bekannt, der das Gewicht dieser Vereinbarung zwischen zwei der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte verkennt. Sie stellt eben nicht nur den Auftakt zum Zweiten Weltkrieg, sondern auch zu einer gewaltigen und dauerhaften Veränderung Südosteuropas dar, verbunden mit den denkbar fürchterlichsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Doch Frau Weber gebührt das Verdienst, mit ihrer Studie die Vorgeschichte und die Dauer dieses zynischen Paktes ausführlich und gut lesbar darzustellen. Dabei wird deutlich, dass in diesem Pokerspiel offensichtlich Stalin der "bessere" war, denn er nutzte Hitlers Zwangslage des öfteren aus. Dieser wollte den Krieg gegen Polen, fürchtete aber den Zweifrontenkrieg. So schenkte er Stalin im geheimen Zusatzprotokoll, dessen Existenz vom Unterzeichner Molotow noch vor dessen Tod 1980 stets geleugnet wurde, all das, was ihm die England und Frankreich, die sich ebenfalls um die Sowjetunion als Verbündetem bemühten, verweigerten/verweigern mussten, nämlich die Vorherrschaft in Osteuropa. Diese war aus seiner Sicht notwendig, um ein Glacis gegen den durch das Abkommen nur mühsam kaschierten Antibolschewismus der Nationalsozialisten. Auch wenn der Reichsaußenminister Ribbentrop, Architekt des Pakts auf deutscher Seite, in seinem antibritischen Affekt ernsthaft an eine Dauerhaftigkeit des Vertrags setzte, war diese aufgrund der ideologischen Gegensätze utopisch. Es hätte eines völlig anderen Hitlers bedurft, um sich darauf einzulassen. Interessant ist, dass Stalin mit dem verzögerten Einmarsch seiner Truppen in "seinen" Teil Polens dem Odium des Aggressors entging. Die folgenden zwei Jahre waren geprägt durch das Nebeneinander von Zusammenarbeit und Misstrauen: Einerseits kamen die Sowjets ihren Verpflichtungen zur Lieferung von Wirtschaftsgütern nach, was sicherlich nicht unerheblich zu den Erfolgen der Deutschen Wehrmacht in den folgenden Blitzkriegen beitrug, andererseits taten sich die Deutschen naturgemäß schwer, die zugesagten Kompensationen in Form von Maschinen und modernem Kriegsgerät einzuhalten, denn dies stärkte ja den eigentlichen Gegener, den es für die Erweiterung des Lebensraums im Osten zu überwinden galt. Ebenso ambivalent war die Zusammenarbeit auf einem anderen Gebiet. Durch die Aufteilung der gegenseitigen Interessenspären wurden gigantische Bevölkerungsverschiebungen nötig, so sollten sogenannte Volksdeutsche aus dem nunmehr sowjetischen Machtbereich heim ins Reich geholt werden, Weißrussen und Ukrainer aus den nun deutsch kontrollierten Bereichen Polens in die Sowjetunion abgeschoben werden. Stalin nutzte die Chance, die für ihn potentiell unzuverlässige deutschen Minderheiten loszuwerden, an den aus ideologischen Gründen abgelehnten eigenen Volksangehörigen hatte er dagegen wenig Interesse. So kam es dazu, dass Volksdeutsche in nennenswerter Zahl in den Westen gingen, die Gegenbewegung blieb dagenn gering, zumal auch wenige Menschen ernsthaft ein Interesse daran hatten, in Stalins Machtbereich zu leben. Die für die Vorbereitung dieses Bevölkerungsaustausches im jeweils anderen Machtbereich eingesetzten Kommissionen wurden argwöhnisch beobachtet, waren sie doch auch potentielle Spionage-Einrichtungen. Ganz schlimm traf es allerdings die Völker, an denen keiner der beiden Diktatoren ein Interesse hatte.Polen aus den Gebieten, die nun dem Deutschen Reich angegliedert wurden, wurden ins Generalgouvernement abgeschoben, für die Esten, Letten und Litaueer bedeutete der Pakt das Ende ihrer Unabhängigkeit und den Beginn jahrzehntelanger Unterdrückung. Und die Juden wollte keiner, so kam es zu Situationen, bei denen sie von den deutschen Besatzern - der Holocaust war noch in Vorbereitung - Richtung sowjetische Grenze getrieben wurden, wo sie mit Maschinengewehrfeuer vom Grenzübertritt abehalten wurden. Kleine, beinahe zynische Begebenheit am Rande: einige Juden entkamen der Vernichtung, weil sie als Ukrainer oder Weißrussen zu denen gehörten, die in der Sowjetunion aufgenommen wurden, allerdings begann mit der Aufnahme auch der Weg in den Gulag.
Immer wieder geht Frau Weber auch auf den Spagat ein, der den kommunistischen Parteien durch diesen Pakt abverlangt wurde. Gesteuert durch die Internationale mit Sitz in Moskau, also von Stalin, mussten etwa deutsche Kommunisten, die ersten Opfer Hitlers, dessen angeblich positive Aspekte anpreisen, die französichen Kommunisten sollten sich sogar zur Kollaboration mit den deutschen Besatzern bereit erklären. Dies führte zu Verrenkungen, die nach dem Krieg nur all zu gern verschwiegen wurden.
Alles in allem eine interessante und lehrreiche Studie über den Zynismus der Macht, die, nebenbei gesagt, zumindest in Nordrhein-Westfalen zu einem kleinen Preis (Zwei Euro Anteil an den Versandkosten) über die Landeszentrale für politische Bildung zu beziehen ist.
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![By Travis Holland - The Archivist's Story (Reprint) (2008-05-14) [Paperback] Cover des Buches By Travis Holland - The Archivist's Story (Reprint) (2008-05-14) [Paperback] (ISBN: 8601422175806)](https://images.lovelybooks.de/img/90x/lb-cover/8601422175806_1491557533643_xxl.jpg)








