Bücher mit dem Tag "systemkritik"

Hier findest du alle Bücher, die LovelyBooks-Leser*innen mit dem Tag "systemkritik" gekennzeichnet haben.

24 Bücher

  1. Cover des Buches Die Bestimmung (ISBN: 9783570309360)
    Veronica Roth

    Die Bestimmung

     (6.466)
    Aktuelle Rezension von: Caye14

    Inhalt

    Um den Frieden zu wahren, werden die Menschen in fünf Fraktionen eingeteilt: die Selbstlosen, die Freimütigen, die Wissenden, die Friedfertigen und die Furchtlosen. Mit sechzehn Jahren wird ein Test gemacht, der über die Bestimmung der Jugendlichen eine Aussage macht, die Fraktion darf jedoch frei gewählt werden. Normalerweise ist dieser Test eindeutig, bei Beatrice ist das jedoch nicht der Fall. Sie ist eine Unbestimmte, was sie in große Gefahr bringt.


    Cover

    Sehr markant ist das Symbol in der oberen Hälfte des Covers: eine von einem Feuerring umgebene Flamme. Es ist das Zeichen der Ferox (die Furchtlosen), was sehr passend ist, da sich der Großteil des Buches bei dieser Fraktion abspielt. Am unteren Rand ist eine Stadt mit Wolkenkratzern zu sehen. Dies ist wohl die Stadt, in der die Geschichte spielt. Im Buch kann man zwar erahnen, dass es dort wirklich Hochhäuser gibt und dass die Stadt teilweise verfallen ist, aber ein ganz genaues Bild kann man sich durch die Beschreibungen nicht machen, sodass man hier nicht zwingend einen Bezug von Cover und Geschichte sieht.


    Schreibstil

    Der Schreibstil lässt sich flüssig lesen. Größtenteils ist er sehr detailliert, was auch auf die Beschreibungen von Gewalt zutrifft. Für Leser, die da recht sensibel reagieren, ist das also eher nichts. 

    Das Buch ist aus der Ich-Perspektive geschrieben und stellt die Sicht von Beatrice dar. Man erfährt daher recht viel über ihre Gedanken und weniger über die der anderen.


    Meine Meinung zur Geschichte

    Ich fand die Geschichte insgesamt spannend, jedoch hätte man einiges anders machen können. Besonders die Aufnahmeprüfung/Ausbildung ist sehr lang beschrieben, richtig spannend wird es erst im weiteren Verlauf der Geschichte.

    Es gibt viele Dinge, die eher zweifelhaft sind. Man muss sich beispielsweise ernsthaft fragen, ob die Mutproben wirklich einen Beweis für Mut darstellen. Aus meiner Sicht ist das nicht der Fall. Dies gilt auch für andere Dinge, die in der Fraktion als mutig gelten. Es wird zwar angedeutet, dass die Fraktion früher mal anders war und andere Dinge als wichtig galten, aber genauer wird das nicht ausgeführt. Auch Beatrice, die später nur noch Tris genannt wird, hinterfragt das kaum bis gar nicht.

    Gewalt und andere Grausamkeiten spielen im Buch eine große Rolle und werden oft ziemlich detailliert beschrieben. Einige Figuren haben damit stark zu kämpfen und gehen daran auch kaputt, während Beatrice maximal etwas schockiert ist, viele Geschehnisse aber schnell hinter sich lässt und teilweise kaum berührt davon wirkt. Das ist auch der Grund, warum sie mir nicht so unbedingt sympathisch ist. Ich finde sie zwar auch nicht total unsympathisch, aber sie berührt mich nicht so sehr, dass ich richtig mit ihr mitfiebern würde. Teilweise ist sie stark auf sich selbst bezogen, dann tut sie mal etwas, um anderen zu helfen und überlegt gleich, ob sie nicht doch zu den Altruan, den Selbstlosen, gehört.

    Die anderen Figuren finde ich gut ausgearbeitet. Sie sind sehr unterschiedlich und auf ihre Weise interessant. Auch gut finde ich, dass es zwar eine Liebesgeschichte gibt, diese aber nicht in den Fokus gerückt wird. die Liebesgeschichte selbst könnte aber trotzdem etwas mitreißender sein. Ich mag es, wenn man die Spannung und das Kribbeln zwischen den Figuren bemerkt, während sich die Liebe langsam aufbaut, aber hier habe ich das nicht besonders stark gespürt.

    Trotz aller Kritikpunkte nimmt die Geschichte eine spannende Richtung ein, sodass ich die beiden Folgebände auf jeden Fall noch lesen werde und auch nicht vom Buch abraten würde. Ich würde es jedoch auf keinen Fall Jugendlichen empfehlen. Das Buch wird ab 14 Jahren empfohlen, was aus meiner Sicht gar nicht geht. Eher ab 16 und dann auch nur mit der nötigen Reife, eher noch etwas älter. Dafür ist der Fokus viel zu stark auf der Gewalt und es wird auch eine ziemlich fragwürdige Sicht auf Mut vermittelt, was aber alles kaum hinterfragt wird. An sich ist es durchaus realistisch, dass es Leute gibt, die nicht hinterfragen und einfach mitmachen, daher finde ich diese Darstellung auch nicht schlimm, aber in einem Jugendbuch hat das meiner Meinung nach nichts zu suchen. Für erwachsene Leser, die mit der nötigen kritischen Sicht daran gehen, ist das dagegen in Ordnung. Sie sollten die nötige geistige Reife haben, um das zu hinterfragen, was in einem Jugendbuch eigentlich Beatrice tun sollte.

  2. Cover des Buches Schöne Neue Welt (ISBN: 9783596905737)
    Aldous Huxley

    Schöne Neue Welt

     (1.133)
    Aktuelle Rezension von: benfi

    KURZBESCHREIBUNG:
    Gott zu spielen - also Menschen ohne die natürliche Fortpflanzung zu erschaffen; dass ist in einer nahen Zukunft gelungen! Dies bringt Vorteile mit sich: in den City-Brüter und Konditionierungscenter kann man die Personen so erschaffen, wie man sie gerade benötigt: vom einfachen Arbeiter - den Epsilons - bis hin zum Führungskopf; den sogenannten Alphas. All das wird stufenweise im Reifungsprozess des künstlich hergestellten Embryos beeinflusst. Somit entsteht bei niemandem Frust und alle führen ein glückliches und sorgenfreies, koordiniertes Leben. Etwaige Gefühlsschwankungen werden direkt mit einer Art Droge, welche den Namen Soma hat, eliminiert. Bernard Marx ist jedoch anders, er möchte ebene jene andere Emotionen spüren, die der leicht verkümmerter Alpha sonst eigentlich gar nicht zu erwarten hat. Ihn reizend Dinge wie Wut, Aufregung oder auch eine gewisse Enthaltsamkeit des freigebigen Sexualverkehrs, wie er eigentlich üblich ist, was ihm alles ganz neue Gefühle offenbart. Als er eines Tages mit seiner derzeitigen Begleitung Lenina Crowne ein Eingeborenenreservat besucht und dort John sowie seine Mutter Linda kennenlernt, ändert sich sein Leben sowie seine Einstellung rapide. Linda ist nämlich keine leibhaftige Eingeborene, sondern wurde vor Jahren während eines Besuchs des Reservats in einem plötzlichen Sturm verletzt und von den Eingeborenen gesundgepflegt, während ihre Begleiter sie für tot vermuteten. Bernard erhält die Erlaubnis, die beiden zurück mit in die Zivilisation zu nehmen, was ihm als Betreuer des 'Wilden' John einen gewissen Ruhm einbringt. Allerdings rechnet er nicht mit den Gefühlen und Empfindungen von eben jenem John, dem die sogenannte Zivilisation schnell überdrüssig wird. Das scheint alles bis dahin Gut gedachte in den Abgrund zu reißen...

    KOMMENTAR:
    Selbst wenn man ihn nicht gelesen hat - der Roman 'Schöne Neue Welt' sollte so ziemlich Jedermann ein Begriff sein. Die Dystopie von dem englischen Autor Aldous Huxley aus dem Jahre 1932 wird als so wichtig angesehen, dass sie sogar im Englisch-Unterricht an den hiesigen Schulen genutzt wird. Dies war auch vor vielen Jahren mein erster Kontakt mit dem Buch, dass meine damalige Freundin im Schulunterricht beackern musste. In der englischen Sprache wurde es mir jedoch nach einigen Seiten schlicht zu anstrengend, da Huxley mit Fachbegriffen der künstlichen Fortpflanzung nur um sich wirft, dass man entnervt aufgeben mochte. Dies ist auch in der neuen Übersetzung, welche Uta Strätling im Jahre 2013 vorgenommen hatte, nicht gerade anders. Sie hat glücklicherweise den Charakteren und lokalen Stätten ihren eigentlichen Namen wiedergegeben und einige Stellen angepasst - aber Huxleys  detailverliebtes Schreiben zu den elementarsten Änderungen in seiner Zukunfts-Vision schrecken schon den einen oder anderen Leser ab. Hat man sich jedoch durch diese gelesen, schildert der Roman dem Leser schon eine schauderhafte Dystopie, welche eben nur eine oberflächliche schöne, neue Welt offenbart. Anhand der Hauptfiguren Bernard und Lenina auf der Seite der zivilisierten Menschen und John auf der Seite der Eingeborenen, welche eigentlich schlicht den Status der Zivilisation des Jetzt (oder auf den Zeitraum der Veröffentlichung bezogen) legt Huxley die jeweiligen Vor- und Nachteile auf den Tisch. Die nun nicht gerade arg verzwickte Storyline ist alsbald leicht nachvollziehbar und regt den Buchfreund doch mehr und mehr zum Nachdenken an, was sich nach Beendigung des Romans sogar noch gesteigert hat. Egal, welche Schlüsse man nun zieht, was denn letztlich eine schöne, neue Welt sei, eines ist völlig klar: die oberen Machthaber sind jene, denen es am Besten geht und wirklich alle Freiheiten haben! 

    8,0 Sterne

  3. Cover des Buches Nineteen Eighty-Four (ISBN: 9780141036144)
    George Orwell

    Nineteen Eighty-Four

     (475)
    Aktuelle Rezension von: Darcy
    "'How many fingers am I holding up, Winston?' 
    'Four.' 
    'And if the Party says that it is not four but five - then how many?' 
    'Four.' The word ended in a gasp of pain."   

    In "1984", erstmals erschienen im Jahr 1949, beschreibt der englische Autor George Orwell (1903-1950) das Leben seines Protagonisten Winston Smith in dem fiktiven totalitären Superstaat Oceania, der sich aus dem amerikanischen Kontinent, den Inseln im Atlantik, Australasien und dem südlichen Teil Afrikas zusammensetzt. Der Rest der Welt ist in die beiden Superstaaten Eurasia und Eastasia aufgeteilt, gegen die Oceania seit Jahrzehnten schon Krieg führt. Winston wurde wahrscheinlich 1944 oder 1945 geboren, sodass er zu Beginn der Geschichte wohl 39 Jahre alt ist. Ganz sicher sein kann er sich nicht, da in seiner Welt das Regime, die Partei, jegliche Fakten ständig ihren Ansichten anpasst. So werden zum Beispiel Wirtschaftsprognosen nachträglich nach unten korrigiert, falls sie sich nicht bewahrheiten, damit es hinterher so aussieht, als wären die Erwartungen übertroffen worden. Die Partei meint außerdem, dass die Welt und auch die Vergangenheit lediglich in den Köpfen der Menschen existieren. Auch die Existenz von Naturgesetzen wird bestritten. Die Partei allein entscheidet, was der Wahrheit entspricht. "Everything faded into mist. The past was erased, the erasure was forgotten, the lie became truth." Wer durch nonkonformes Verhalten auffällt, wird festgenommen, gefoltert und umgebracht, woraufhin jeder Beweis für seine Existenz ausgelöscht wird. Bei der Aussicht auf ein solches Schicksal fällt es schwer zu beurteilen, ob Winston, wie es zunächst den Anschein hat, tatsächlich der einzige Bewohner Oceanias ist, dem es irgendwie gelingt, sich der allumfassenden Gehirnwäsche durch die Partei zu entziehen, oder ob andere genauso denken wie er, sich aber nicht trauen, die Stimme zu erheben. Zudem gilt es tatsächlich bereits als schweres Verbrechen, systemkritische Gedanken zu hegen ("Thoughtcrime"). "'Do anything to me! [...] Is there anybody else you want me to give away? I don't care who it is or what you do to them. I've got a wife and three children. You can [...] cut their throats in front of my eyes [...] . But not room 101!'" Die Menschen wissen nur wenig über die Vergangenheit und die Welt, wie sie vor der Machtergreifung durch die Partei, mit Big Brother an ihrer Spitze, war. Ob es Big Brother, der in Form von riesigen Postern, die sein Gesicht zeigen, omnipräsent ist, wirklich gibt, weiß auch niemand genau. Im Sinne des Prinzips "Doublethink" wird den Menschen abverlangt, gleichzeitig mehrere einander widersprechende Aussagen im Kopf zu haben und an jede davon zu glauben. Außerdem hat die Partei "Newspeak" erfunden, welches nach und nach die traditionelle Sprache, "Old English" genannt, ersetzen soll. Seine Entwickler brüsten sich damit, dass Newspeak die einzige Sprache ist, in der es Jahr für Jahr weniger Begriffe gibt. Darüber hinaus ist es der Partei gelungen, die meisten Formen natürlichen Verhaltens, besonders Emotionen und Liebe zwischen den Menschen zu beseitigen. Zwar werden Eheschließungen zur Zeugung von Kindern zum Zweck des Fortbestands des Staates weiterhin geduldet, jedoch nur, falls keine intimen Gefühle im Spiel sind. Auch Winston ist verheiratet, allerdings haben er und Katharine sich vor zehn Jahren getrennt und seitdem keinen Kontakt mehr. Katharine wird einerseits als äußerlich schön, andererseits aber als "the most stupid, vulgar, empty mind that he had ever encountered" beschrieben; in dem Buch wird sie nur am Rande erwähnt. Alle Kinder treten im Alter von sieben Jahren der Organisation "The Spies" bei, wo sie lernen, anstelle ihrer Familie vielmehr die Partei zu lieben, weshalb sie nicht einmal vor der Denunziation ihrer Eltern zurückschrecken. Die Gesellschaft Oceanias besteht aus drei Schichten, den Mitgliedern der Inner und der Outer Party und den Proletariern. Letztere sind Winstons einzige Hoffnung, dass irgendjemand das System stürzen könnte. Leider handelt es sich bei ihnen lediglich um eine unpolitisch und von der Partei bewusst dumm gehaltene Masse. Trotzdem ist unter ihnen noch am meisten Menschlichkeit zu finden. Die Mitglieder der Outer Party, zu denen auch Winston zählt, fristen eigentlich ein ziemlich freudloses und tristes Dasein, so gibt es zum Beispiel regelmäßig Schwierigkeiten bei der Beschaffung verschiedener Grundgüter. Einzig die Mitglieder der Inner Party dürfen sich an ein bisschen Luxus erfreuen. "the object was not to stay alive but to stay human" Winston arbeitet im Ministry of Truth, wo er für die beschriebene Überarbeitung der Berichte sorgt, die der Partei nicht mehr gefallen. Obwohl er die Partei hasst, macht ihm die Arbeit Spaß, da zumindest einige Aufgaben ihn intellektuell fordern. Schon bevor er sie persönlich kennenlernt, fällt Winston Julia bei der Arbeit im Ministerium auf, zunächst löst ihr Anblick allerdings einiges Unbehagen bei ihm aus und er kann sie nicht ausstehen. Dann übergibt sie ihm eines Tages aus heiterem Himmel eine Nachricht mit dem Inhalt "Ich liebe dich". Im Folgenden beginnen die beiden damit, sich regelmäßig zu treffen, wobei sie dies stets heimlich tun müssen, da die Partei eben außereheliche Liebesbeziehungen verbietet. Die Beziehung zwischen Winston und Julia ist zu Beginn auch nicht von besonderer Emotionalität geprägt, sondern dient hauptsächlich der Befriedigung ihrer sexuellen Triebe, außerdem stellt sie einen Akt des Widerstands gegen die Partei dar. Im Laufe der Geschichte verlieben sie sich dann aber doch noch richtig ineinander. Julia ist mit 26 Jahren deutlich jünger als Winston und wird von ihm als schön bzw. körperlich anziehend empfunden. Sie ist im Fiction Department angestellt, wo sie mit den Maschinen arbeitet, die neue Bücher schreiben. Julia hasst ebenfalls die Partei, kritisiert sie, im Gegensatz zu Winston, aber nicht grundsätzlich, sondern nur, wenn durch deren Vorgehen Einfluss auf ihr persönliches Leben genommen wird und macht sich nicht so tiefgründige Gedanken über die Thematik. Ihrer Meinung nach lässt sich an der Situation ohnehin nichts ändern, weshalb sie ihre Energie nicht verschwenden möchte. Nach außen hin tarnt Julia ihre Ansichten durch vermeintlich besonders engagierte Ausführung ihrer parteilichen Pflichten. Zu Anfang der Geschichte beginnt Winston damit, einige seiner systemkritischen Gedanken in einem Tagebuch niederzuschreiben. "His pen had slid voluptuously over the smooth paper, printing in large neat capitals - DOWN WITH BIG BROTHER [...] over and over again, filling half a page." In seiner Wohnung im heruntergekommenen London gibt es einen kleinen Bereich, in dem er sich von seinem "Telescreen" unbeobachtet fühlt; es handelt sich dabei um einen Fernseher, der sich nicht ausschalten lässt und der pausenlos Sendungen ausstrahlt und jede Bewegung und jedes Geräusch der Hausbewohner aufnimmt. Über Winstons Vorgesetzten O'Brien, ein Mitglied der Inner Party, nehmen er und Julia Kontakt zu der mysteriösen "Brotherhood" auf, welche die einzige Form des organisierten Widerstands gegen die Partei darstellt. Mir hat dieses Buch äußerst gut gefallen, da ich es sehr faszinierend und spannend fand; ich wollte immer wissen, wie es (mit Winston) weitergeht und ob es ihm und eventuellen Anhängern vielleicht sogar gelingt, die Partei und das System zu stürzen. Manchmal war das ganze aber auch sehr komplex und daher anstrengend zu lesen. Am meisten hat sich für mich der Teil gezogen, in welchem ein Auszug aus "dem Buch" (THE BOOK) der Brotherhood abgedruckt ist, das Winston liest. Dieser Teil zog sich über etwa 40 Seiten, er wirkte sehr theoretisch und mit der Geschichte ging es währenddessen überhaupt nicht voran. Er enthält außerdem sehr viele Wiederholungen von Gedanken, die Winston vorher schon gehabt hatte. Als Protagonist war Winston mir sehr sympathisch. Er scheint zunächst kein Held im klassischen Sinn zu sein, sondern eher mittelmäßig, jedoch fand ich es wirklich bewundernswert, dass er seine kritischen Gedanken trotz der widrigen Umstände nicht aufgibt, was sicherlich einfacher gewesen wäre. Die Wandlung, die er gegen Ende der Geschichte mitmacht, war für mich deprimierend, dafür aber sehr realistisch. Auch sonst fand ich das Ende des Buches wirklich gut gemacht. Von Anfang an rechnet Winston jeden Moment damit, aufzufliegen und gefasst zu werden. Julia erschien mir ebenfalls als eine interessante Figur, wenngleich ich sie aufgrund ihrer eher ignoranten und weniger idealistischen bzw. prinzipientreuen Haltung weniger mochte als Winston. Weiterhin hat mir gefallen, wie sich einige Aspekte in "1984" auf die Schrecken von Orwells Zeit, der selbst entschiedener Gegner des Totalitarismus war, beziehen. Zum Beispiel erinnerten mich die Organisationen "The Spies" und "Youth League" für Kinder und Jugendliche an die Hitlerjugend im nationalsozialistischen Deutschland. Das gleiche gilt für die fehlende Bereitschaft der Bevölkerung Oceanias, sich gegen das politische System aufzulehnen aus Angst vor der schrecklichen Bestrafung. Eine starke und schaurige Dystopie, in der Orwell eine düstere und kalte Welt kreiert, die den Leser mit einem beklemmenden Gefühl zurücklässt. Wenigstens kann man davon ausgehen, dass das meiste von dem, was in Oceania geschieht, wohl zumindest praktisch niemals umsetzbar wäre. "You were the dead, theirs was the future. But you could share in that future if you kept alive the mind as they kept alive the body, and passed on the secret doctrine that two plus two make four."
  4. Cover des Buches Montecristo (ISBN: 9783257243666)
    Martin Suter

    Montecristo

     (157)
    Aktuelle Rezension von: readlikejana

    Ein Journalist befindet sich im Intercity von Zürich nach Basel, als dieser aufgrund eines Personenschadens notbremsen muss. Ein Bänker hat sich das Leben genommen, er ist aus dem Zug gesprungen, zumindest scheint es so. Dies hält der Journalist mit seiner Video Kamera fest. Die Fahrgäste sind genervt, es sei eine Zumutung, sich so umzubringen.

    Bei diesem Journalisten handelt es sich um Jonas Brand, Ende dreißig, mäßig ambitionierter Videojournalist für ein Lifestyle-Magazin, der eigentlich schon immer einen eigenen Kinofilm herausbringen wollte und gerade Marina, eine Eventmanagerin, kennengelernt hat.

    Wenig später findet Brand zwei 100 Frankenscheine mit der identischen Seriennummer. Erst will ihm keiner glauben, doch plötzlich wollen ihn alle loswerden.  Er wird überfallen, seine Wohnung auf den Kopf gestellt und schließlich ist nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Freunde in Gefahr. Er muss feststellen, dass beide Begebenheiten miteinander verknüpft sind und viel größer zu sein scheinen, als er zunächst geglaubt hat. 

    Dieser spannende Finanzthriller hat mich während des Lesens sehr begeistert. Ich habe das Buch fast nicht aus der Hand gelegt, so aufregend war es. 

    Trotz weniger umschreibender Worte hatte ich das Gefühl das Buch nicht gelesen, sondern als Film gesehen zu haben. Besonders gut gefallen haben mir die Passagen mit Marina und Jonas, wie aus zwei Unbekannten in kürzester Zeit zwei Vertraute wurden, die für mein Verständnis genau die richtige Geschwindigkeit und Nähe in ihre Beziehung gelassen haben. Genau diese Einschübe haben das Buch für mich so angenehm gemacht und ich habe sie als Gegensatz zu den schaurigen Entdeckungen empfunden, die Jonas über die Finanzwirtschaft macht, von denen ich hoffe, dass sie wirklich nur in diesem Buch existieren. 

    Die Personen sind sehr authentisch, fast schon alltäglich und dadurch besonders zugänglich und nah. Die Kälte der Bänker hat mich an Personen von Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ erinnert. Professionell, zielorientiert, gefühllos und bereit jeden nötigen Schritt zu gehen. 

    Eigentlich hätte ich nicht gedacht, dass das Thema wirklich was für mich ist. Ich interessiere mich weder für Banken noch für Finanzthemen. Aber hier wurde das Thema so wunderbar eingearbeitet, dass es sowohl für Wirtschaftsliebhaber, also auch für alle anderen ein sehr lesenswertes Buch ist. 

    Lediglich das Ende hat mir nicht so gut gefallen. Das kam für mich zu abrupt und war irgendwie nicht nachvollziehbar. Irgendwie passte die beklemmende Stimmung allerdings auch zu diesem Buch und ein anderes Ende wäre vielleicht auch langweilig gewesen. Aber lest selbst und lasst mir gerne eure Meinung dazu da.

    Insgesamt dennoch eine große Leseempfehlung! Montecristo war mein erstes Buch von Martin Suter und bleibt definitiv nicht das letzte. 

  5. Cover des Buches Jenseits von Afrika (ISBN: 9783717524380)
    Tania Blixen

    Jenseits von Afrika

     (73)
    Aktuelle Rezension von: lovelines

    >>...Das wichtigste Element dieser Landschaft und des Lebens hier war die Luft. Blickt man auf einen mehrjährigen Aufenthalt im afrikanischen Hochland zurück, dann überkommt einen überraschend das Gefühl, als hätte man lange Zeit in der Luft gelebt. Der Himmel war niemals tiefblau sondern zumeist sehr blass und so hell, dass man kaum zu ihm aufschauen konnte, mit einem Reichtum an riesigen, schwerelosen, wechselnden Wolken, die sich am Horizont auftürmten und über ihn hinwegsegelten. ...<<

    ...und so führt sich es über 600 Seiten in „Jenseits von Afrika“ von Tania Blixen weiter...  und was soll ich sagen, für mich war es ein absoluter Lesegenuss mit Karen Blixen (so heißt die Autorin nämlich wirklich) Afrika zu erleben, Afrika zu atmen und zu spüren! Wenn es nach mir gegangen wäre hätte dieses Buch schier niemals geendet... Dieses Buch schien mir wie eine bedingungslose, manchmal auch melancholische Liebeserklärung für Afrikas Natur und ihre Ureinwohner. Gleichzeitig ist es eben auch die Geschichte einer ganz starken Frau, die sich innerhalb ihrer Zeit gegen die „Männerdomäne“ durchgesetzt hat und deren Leben von Tiefschlägen und auch zarten Banden gespickt war.
    Diesen Klassiker aus dem Jahr 1937 werde ich ganz sicher noch öfter zur Hand nehmen, immer dann wenn die Sehnsucht ruft – denn in Karen's Zeilen kann man wirklich versinken und Afrika aus der Ferne ganz ganz nah sein! Einfach ein unglaublich wundervolles Werk das mich mitunter durch Karen selbst sehr beeindruckt hat!

  6. Cover des Buches Sibirisch Rot (ISBN: 9783426513934)
    Sam Eastland

    Sibirisch Rot

     (20)
    Aktuelle Rezension von: Sato

    Sibirisch Rot - Pekkalas dritter Fall

    Kurz vor Beginn des zweiten Weltkrieges muss Pekalla auf Befehl Stalins zurück nach Sibirien, genauer nach Borodok, dem Arbeitslager in welchem er neun Jahre verbracht hatte. Er soll dort den Mord an einem Häftling aufklären, ungewöhnlich, das Stalin das Ende eines Häftlings interessiert - und er muss verdeckt ermitteln, was bedeutet das Pekalla als Häftling in diese Hölle zurückkehrt.

    Aber das ist nicht alles, was sich aus seiner Vergangenheit ans Licht bewegt. Der getötete Gefangene hatte während der Revolution zu den Truppen gehört, welche das Zarengold nach Sibirien in Sicherheit bringen sollten. In den Wirren der Kämpfe geriet ein Großteil des Goldes in die Hände der Roten und die Truppen wurden geschlagen, die Überlebenden landeten in den Gulags.

    Als Pekalla in Borodok eintrifft leben noch drei ehemalige Weißgardisten, noch immer hoffend, ihr ehemaliger Ko0mmandeur kommt sie befreien. Doch dieser ist eigentlich tot, erschossen vor Pekallas Augen, jedoch stellt sich heraus, das es sich dabei um einen Doppelgänger handeltet und der Oberst bereits im Lager versteckt lebt. Und sein Erscheinen gilt weniger der Befreiung seiner Leute als vielmehr jenem Teil das Zarengoldes, welchen er retten konnte und auf der Flucht versteckt hat.

    Ein von Anfang bis Ende spannendes Buch, die Erzählung ist durchsetzt von Rückblenden in die Zeiten vor und während der Revolution. Geschichtlich gut recherchiert bietet Sam Eastland einen interessanten Überblick der Ereignisse in Sibirien zwischen 1918 und 1920, insbesondere zum Zug der tschechoslowakischen Legion, eine heutzutage weithin unbekannte Partei in dem Spiel um die Macht.

    Für mich der bislang beste Pekalla - vorbehaltlos zu empfehlen. 

  7. Cover des Buches Pjöngjang (ISBN: 9783938511312)
    Guy Delisle

    Pjöngjang

     (28)
    Aktuelle Rezension von: annlu

    *Jedes Gebäude hat sein Spruchband, jede Wand ihr Porträt, jede Brust ihr Abzeichen...*


    Als Mitarbeiter der Trickfilmindustrie verschlägt es Guy Delisle nach Nordkorea. Sein Aufenthalt ist geprägt von Vorschriften, skurrilen Regeln und vielen Begegnungen mit dem Bildnis Kim Jong-Il´s samt seiner Errungenschaften für das Volk. In der Graphic Novel lässt er seine Zeit in Pjöngjang Revue passieren und gibt interessante Einblicke in ein Land, in dem Ausländer eine Seltenheit sind und sie nur dort Einblicke erhalten, wo es gewollt ist. 



    Eröffnung zur Pjöngjang-Reise: Szene am Flughafen, der Zöllner kontrolliert das Gepäck und findet George Orwells „1984“ - schon da wusste ich, dass ich die Sichtweise des Autors/Zeichners mag. Gleich darauf erklärt er einige der vielen Regeln, an die sich Ausländer in Nordkorea zu halten haben und macht den ersten geführten Besuch bei einem der Sehenswürdigkeiten. Im Laufe seines Aufenthalts wird es noch so manche davon zu besichtigen geben – nur wenige von ihnen sind wirklich sehenswert und keine von ihnen hat nicht Propaganda im Sinn. 


    Das Comictagebuch erlaubt einige Blicke auf die Stadt Pjöngjang (die man sich durch die Zeichnungen besser vorstellen kann). Da die Viertel, in denen sich Ausländer aufhalten dürfen begrenzt sind und ein Führer so gut wie immer mit von der Partie ist, ergibt sich kein vollständiger Einblick in die Stadt, sondern vielmehr ein Blick auf das System. Vieles in Bezug auf den Kommunismus aber auch die Armut im Land spricht Delisle direkt an – ob nun in Gedanken, sich selbst und dem Leser gegenüber, oder wirklich seinen Dolmetschern und Führern gegenüber. Obwohl hier nicht mit Kritik – und manchmal auch Ironie – gespart wird, werden manche Eindrücke nicht offen angesprochen, sondern lassen sich aus den Gesprächen und Bildern lesen. 


    Wie es sich für ein Tagebuch gehört, erlebt man hier nicht nur eine (eingeschränkte, da überwachte) Stadt-/Landführung, sondern erlebt Delisle immer wieder auch privat. Als Freizeitaktivitäten steht allerdings keine große Auswahl zur Verfügung. Die Tatsache, dass sich so gut wie alles davon nur an Ausländer (von denen es ja nicht gerade viele gibt) richtet, spricht Bände. 


    Fazit: Über das Leben in Nordkorea gibt es nicht so viele Quellen – die Sicht von Guy Delisle auf seine Tage in Pjöngjang ist humorvoll-kritisch, ohne dabei herablassend zu wirken und hat mir sehr zugesagt. 

  8. Cover des Buches Jeder Tag gehört dem Dieb (ISBN: 9783518466926)
    Teju Cole

    Jeder Tag gehört dem Dieb

     (20)
    Aktuelle Rezension von: vivreavecdeslivres
    In seinem Debut sinniert Teju Cole über sein Heimatsland Nigeria. Dabei verleiht er seine Stimme einem namenslosen Protagonisten, welcher nach 15 Jahren die Rückkehr in seine sogenannte Heimat antritt. Schnell bemerkt er allerdings, dass es sich nicht nach Heimat anfühlt, sondern nach Fremde, oder zumindest nach etwas Enttäuschendem.
    Teju Coles zweites Buch 'Open City' wurde international gefeiert und hielt auch bei mir Einzug, allerdings hat mich sein unpopuläreres erstes Buch mehr angesprochen. Dass dieses Buch nicht gleichmässig bekannt ist, hat indirekt mit dem Inhalt zu tun - Der Autor kritisiert mit seinem Schreiben Nigeria und dessen Verarmung an Kultur, gleichzeitig erschien der Roman in einem nigerianischen Verlag, wodurch er wenig Berühmtheit erfuhr, meiner Meinung nach nicht zurecht. Denn Teju Cole legt uns hiermit ein Werk vor, dass eine sogartige Wirkung hat, dass mich zum ersten Mal wirklich an den Spruch glauben lässt - Lesen ist wie Reisen. Denn wir erfahren hier eine Stadt, Lagos, in all ihren Ausmassen, wir erleben das Begeisternde und das Abstossende, allen voran das Faszinierende in dieser Fremde.

    Spannend ist ja, wie ein Nigerianer dorthin zurückkehrt. Unser Protagonist verbrachte fünfzehn Jahre in New York, ohne dazwischen je wieder in seine Heimat einzureisen. Das gibt dieser vermeintlichen 'Rückkehr' viel grösseres Gewicht. New York als unglaublich sympathischer Gegenpol, eine Stadt, welche sowohl vor neuster Technologie und Modernität strotzt, wie auch in all seiner Grösse das Detail, die Kunst und die Sinnlichkeit einer Stadt in jedem Ecken bereithält. New York durfte ich bereits selbst erleben, und selten konnte mich die Vielfältigkeit einer Metropole so beeindrucken. Dagegen scheint Lagos eintönig zu sein. Die Stadt funktioniert nach ihren eigenen Regeln, und diese sind wohl keinem aus der nordwestlichen Welt bekannt. So begegnet der Protagonist bereits an der ersten Haltestelle, dem Konsulat in New York, Korruption. Diese Begegnung macht ihn fassungslos, mehr noch, als sie vielleicht uns als Nicht-Einbezogene fassungslos machen würde, und sie besetzt ihn. Kaum gelandet, stürzen wir uns auf dieses Thema und entdecken es tatsächlich auch in jedem noch so versteckten Winkel. Das korrupte Nigeria. Dann aber beginnt er mit seinen Beobachtungen, erzählt von diesen, und sie sind so kunterbunt und fremd, wie ich kaum glauben konnte. Er trifft auf unterschiedliche Menschen, auf unterschiedliche Interessen, auf unterschiedlichen Umgang mit verschiedenen Situation. Und auch auf immer wieder sich ähnelnde Muster. 

    Und so entwirft Teju Cole ein Bild von einem Nigeria aus dem Heute, aber überlappt es mit Erinnerungsfetzen, Gedankengängen und tiefen Emotionen, von Verwunderung, Abneigung und Liebe. Dabei entsteht auch ein ganz eigenes Gefühl von Heimat, welches er mit seinen behutsam gewählten Worten so gut zu vermitteln weiss - Chapeau. Und vielen Dank, denn ich bin nun um einige Erfahrungen und irgendwie eine Reise nach Nigeria reicher.

    http://wonderful-ne-books.blogspot.ch/2017/04/jeder-tag-gehort-dem-dieb-von-teju-cole.html
  9. Cover des Buches Der Tag des Opritschniks (ISBN: 9783453406896)
    Vladimir Sorokin

    Der Tag des Opritschniks

     (28)
    Aktuelle Rezension von: Tengo
    ....
  10. Cover des Buches Zeit des Zorns (ISBN: 9783426275047)
    Jutta Ditfurth

    Zeit des Zorns

     (3)
    Aktuelle Rezension von: Sokrates
    Dieses Buch enttäuschte mich sehr: kannte man von Jutta Ditfurth - radikal-linke Öko-Vertreterin - doch knallige Thesen, so hat sich mir dieses Buch als müde Aneinanderreihung bereits bekannter Thesen dargestellt. Der einzige Unterschied zu den vielen anderen, momentan publizierten Zeitdiagnosen ist der Fokus der Autorin, politisch bedingt natürlich radikal links. Das mag an sich nichts schlechtes sein, stellt es doch eine gleichwertige Perspektive zu all den anderen dar und kann auch als Bereicherung verstanden werden. Allerdings reichen mir ehrlicherweise Zeitdiagnosen langsam nicht mehr, um gute Bücher zu werden. Wie häufig wollen wir uns noch darüber austauschen, was schief läuft, wer wann und wie andere Menschen beschissen hat, wer Klimasünder ist oder wo Demokratie durch Kapitalismus ausgehöhlt wird. Egal aus welchem Blickwinkel wir diese Zustandsbeschreibung vornehmen - an der Tatsache, dass diese missliebigen Umstände existieren und nach wie vor unbehelligt geschehen können ändern sie rein garnichts. Stattdessen reihen sich in den Buchhandlungen Buchreihe um Buchreihe mit Büchern dieser Themen - es ist nervig und langsam muss auch einmal die Frage gestellt werden, warum wir nur jammern, anstatt die Welt endlich umzugestalten. Und gerade diese schöpferische Perspektive fehlt in Ditfurths Buch völlig. Über die altbekannten Punkte, welche Veränderung erfahren müssen, plakativ stereotyp aufgezählt, kommt Ditfurth nicht hinaus und liefert mir insoweit überhaupt keinen neuen Input, geschweige denn neue Hoffnungen, dass es auch im radikal-linken Öko-Flügel [der Grünen] außer Meckern auch Utopien zur Verwirklichung gibt.
  11. Cover des Buches No Logo! (ISBN: 9783442153121)
    Naomi Klein

    No Logo!

     (36)
    Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer
    Wer das gelesen hat, sieht "Disney", "Nike" und Konsorten mit anderen Augen.
  12. Cover des Buches Noir (ISBN: 9783453675223)
    Olivier Pauvert

    Noir

     (13)
    Aktuelle Rezension von: WolffRump
    Genre:
    Mystery-Thriller.

    Umfang:
    Ca. 303 Seiten (TBPrint).

    Serie:
    Nein.

    Inhalt:
    Der (namenlose) Protagonist erwacht nach einer Party aus seinem Rausch und findet die grausam verstümmelte Leiche einer jungen Frau. Die Polizei nimmt ihn wegen Mordverdachts fest, doch als der Polizeiwagen von der Straße abkommt und verunglückt, kann er fliehen. Auf seiner Flucht begegnet der Protagonist einem mongoliden Mann, der seltsame Andeutungen über seine Existenz macht. Der Protagonist flüchtet weiter und kann den Nachstellungen der Polizei mit Hilfe einer Gruppe Schwarzer entkommen. Er erfährt, dass seit dem Vorfall am Rande der Party zwölf Jahre vergangen sind. Mittlerweile hat eine Gruppe die Herrschaft im Land übernommen, die alle Andersartigen (z. B. Schwarze) ausgrenzt. Bis auf wenige Widerstandsgruppen fügt sich die Bevölkerung willenlos den Anordnungen des Systems. Der Protagonist stellt fest, dass er sich in einer Art Zwischenstufe von Leben und Tod zu befinden scheint. Er hat kein Spiegelbild und sein Blick kann töten. Außerdem hat er selbst mongolide Züge angenommen, die jedoch mit keiner geistigen Behinderung verbunden sind. Während die Polizeikräfte versuchen, ihn auszuschalten, macht er sich auf die Suche nach den Hintermännern des Regimes und versucht seiner eigenen Bestimmung auf die Spur zu kommen.

    Perspektive:
    Ich Erzähler. Der Roman profitiert von der Unmittelbarkeit der Perspektive. Trotz der surrealen Züge des Plots kann sich der Leser mit der Hauptfigur identifizieren.

    Erzählzeit:
    Präsenz. Die Erzählzeit korrespondiert gut mit der hohen Geschwindigkeit des Plots und unterstützt die apokalyptische Gehetztheit des Protagonisten, der einerseits vor dem System und seinen Häschern flieht, aber gleichzeitig auch Jäger der Hintermänner des Regimes ist. Der Protagonist rast seinem Schicksal entgegen und reißt den Leser mit sich.

    Setting:
    Unterschiedliche Orte in Frankreich, u. a. Nizza und Paris – zwei Städte, die besonders mit der Integration von Zuwanderern zu kämpfen haben. Das Setting wird bildlich gut erfahrbar gemacht.

    Struktur und Spannungsbogen:
    Ausgegehend vom auslösenden Ereignis (Auffinden der ermordeten Frau) hetzt der Protagonist seinem Schicksal entgegen, das sich in einem fulminanten Finale entlädt. Die schnellen Reaktionen der Polizei und die Begegnungen mit Gegnern und Anhängern des Systems sorgen immer wieder für Zwischenhöhepunkte.

    Charaktere:
    Der Protagonist ist die überragende Figur der Story. Der Antagonist bleibt bewusst diffus - das Regime als Ganzes besetzt diese Rolle. Weitere Figuren nehmen unterstützende Nebenrollen ein. Sie haben eher den Charakter von ‚Begegnungen auf dem Weg’ des Protagonisten. Es gibt insgesamt vier Typen von Akteuren: die willenlose Masse, die Polizei/Regimevertreter, Abtrünnige, die das Regime bekämpfen und die Mongoliden, die eine Art mystische Zwischenwesen darstellen. Der Protagonist irrt durch das Spannungsfeld, das die Reibung zwischen diesen Gruppen und ihren divergierenden Interessen erzeugt.

    Sprache/Duktus:
    NOIR ist als literarischer Mystery-Thriller einzuordnen, der sich sprachlich wie inhaltlich deutlich von der Masse der Genre-Literatur abhebt. Trotzdem ist die Sprache einfach und fokussiert – mit einer Ausnahme: Der Autor bedient sich zahlreicher, zT sehr ausgefallener Metaphern. Mitunter übertreibt Pauvert sein Bildfeuerwerk. In der Masse der Metaphern gehen die für das Verständnis der Story wirklich bedeutenden Bilder manchmal verloren. Etwas weniger wäre hier mehr gewesen. Dass Pauvert sich sprachlicher Hilfsmittel bedienen muss, um den surrealen Plot für den Leser nachvollziehbar zu machen, ist andererseits veständlich.

    Fazit:
    NOIR ist ein experimenteller Mystery-Thriller, der mit Hilfe der Verfremdung eine neue Perspektive auf drängende gesellschaftliche Fragen der Gegenwart geben will. Zu diesem Zweck lässt uns Pauvert seinen Protagonisten in die Zukunft begleiten und gewährt uns einen Blick in die Welt, die wir uns schaffen, wenn wir eingeschlagene Wege fortsetzen. Der politische Rechtsruck in Frankreich (aber genauso in Ostdeutschland oder in Italien), der Fremdenfeindlichkeit schürt und Andersartigkeit ausgrenzt, ist sicher der zentrale Auslöser für Pauverts Roman gewesen. Jean-Marie Le Pen und seine rechtspopulistische Front National sind Beispiele dieser Entwicklung in Frankreich.
    Pauvert kleidet seine Gesellschaftskritik in einen klugen und spannenden Plot und vermeidet politische Plattitüden. Für Freunde experimenteller Literatur, die dem ‚Roman Noir’ zugänglich sind, ist das Buch absolut zu empfehlen. Gewarnt sei jedoch vor den zT ausgesprochen brutalen Szenen, die an Tarantinos Filme erinnern. Die surreale Überhöhung des Romans entschärft mE seine visuelle Brutalität jedoch auf ein akzeptables Maß.

  13. Cover des Buches Deutschland (ISBN: 9783835333130)
    Heinrich Heine

    Deutschland

     (254)
    Aktuelle Rezension von: GersBea

    Inhalt (Klappentext)

    »Denk ich an Deutschland in der Nacht,
    Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
    Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
    Und meine heißen Tränen fließen. «

    So beginnt Heimes Gedicht ›Nachtgedanken‹, das im Sommer 1843 entstand. Die Sorge um die politische Entwicklung in der Heimat, die ihm den Schlaf raubte, und  die Sehnsucht, seine 72 Jahre alte Mutter wiederzusehen, waren die Gründe, die ihn veranlassten, wenige Monate später seinen Aufenthalt im selbstgewählten französischen Exil zu unterbrechen und nach Deutschland zu reisen. Aus den Eindrücken dieser reise, die über Brüssel, Amsterdam und Bremen nach Hamburg und auf der Rückfahrt nach Hannover, Minden, Paderborn, Köln und Aachen führte, entstand ›Deutschland. Ein Wintermärchen‹, eine der bedeutendsten politischen Dichtungen in deutscher Sprache. Heine verflocht hier nicht nur mit großer Kunst Komik und Pathos, Elegisches und Humor miteinander, er übte vor allem ätzende Kritik an den politischen und gesellschaftlichen Zuständen Deutschlands, das, wie er ahnte, am Vorabend einer politischen Erhebung stand.

    Dieter Klieschs vielschichtige Farbbilder (Crayon und Aquarell) betonen die Aktualität von Heines Dichtung. Der Maler hat aus der Perspektive unserer Zeit Heines Reise nachempfunden und im Bild festgehalten, was ihm auffiel, ihn in Rage, in Wut versetzte, seine Kritik herausforderte; denn wenn sich auch manches nach 140 Jahren verändert hat, die Verhältnisse sind längst nicht so, wie sie sein sollten.

    Ausgabe

    Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M.,
    1989.
    203 S.
    mit zahlreichen Bildern von Dieter Kiesch
     - Mit einem Essay von Walter Grab. -
    ISBN  3 763235574

    Meine Meinung

    Obwohl ich ein solides Grundwissen über deutsche Geschichte habe, fand ich das Lesen oft mühsam. Meine Ausgabe enthält viele Anmerkungen zum Text, Farbbilder von Dieter Klietsch sowie einen Essay von Walter Grab zum Wintermärchen.

    So kann ich nachvollziehen, warum das Spottgedicht zu den bedeutendsten politischen Dichtungen deutscher Sprache gehört.

    Im Rahmen der Klassiker Lesegruppe habe ich das Buch gelesen. Sicherlich ist es als Quellendokument über die Zeit aufschlussreich.

    Fazit

    Ich vergebe 3 Sterne und eine Empfehlung nur für Leser, die an der geschichtlichen Dimension der Zeit interessiert sind.

    Tipp: Laut lesen!

  14. Cover des Buches Rummelplatz (ISBN: 9783746628882)
    Werner Bräunig

    Rummelplatz

     (30)
    Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer
    Bewegt zum Kauf hat mich der Hinweis, dass dies Buch nie in der DDR erscheinen durfte. Das fand ich einfach spannend und ich wollte der Sache auf den Grund gehen. Nun ging doch einige Zeit ins Land, aber nun ist die Geschichte gelesen: Ein ... ja, was eigentlich? Viele kleine Lebensgeschichten irgendwie miteinander verwoben unter dem Mantel einer großen Rahmenbedingung? Also ein Gesellschaftsroman? Ein eindeutiges Ja! Das an sich ist ja nicht schlimm, warum war das Buch verboten? Es gibt immer wieder kleine Kritik am System "DDR", interessanterweise aber auch am "System BRD". Ob es wirklich so war, kann ich nicht beurteilen. Zum Einen spielt der Roman "vor meiner Zeit", zum Anderen lebe ich im Westen. Aber es scheint so, dass es die Realität war, da deutet ja nun auch das Verbot drauf hin. Die Schreibweise ist relativ kühl, neutral. Ein Sympathie für die Personen wird nie "erzwungen", wie in manch anderen Büchern. Es wird viel in Gedanken und in indirekter Sprache erzählt. Gedanken zur Politik, zum System, zum Kollektiv werden immer wieder eingeflochten. Fazit: Ein gutes Buch mit vielen kleinen Geschichten/einer großen Geschichte. Wer Gesellschaftsromane mag, muss zugreifen! Schade, dass es die große Geschichte nie weiterging, da nur dies Buch, also nur Teil 1, erschienen ist.
  15. Cover des Buches Horns Ende (ISBN: 9783518399798)
    Christoph Hein

    Horns Ende

     (24)
    Aktuelle Rezension von: Nadezhda

    Ich habe diesen Roman gern gelesen und bin sehr froh, durch die Leserundenvorschläge auf dieses Stück DDR-Literatur gestoßen worden zu sein, das mir ansonsten möglicherweise entgangen wäre.


    "Horns Ende" ist kein Buch, das man mal eben geschmeidig wegschmökern kann. Dafür sorgen zum einen die unterschiedlichen und ständig wechselnden Erzählperspektiven, in die man sich erst ein einmal hineinversetzen und aus deren Berichten man sich scheibchenweise das Geschehen und seine ProtagonistInnen zusammensetzen muss. Zum anderen bleibt auch vieles in diesem Roman ungesagt, nur angedeutet oder gänzlich offen - für meinen persönlichen Geschmack zu viele lose Fäden.


    Fasziniert hat mich die Darstellung des Gefangenseins der Figuren in Zwängen verschiedener Art; allen voran natürlich durch die politisch-gesellschaftliche Situation in der DDR, wo der Druck, sich anzupassen, und das Denunziantentum der Nazizeit nur unter anderen Vorzeichen munter weiter "gepflegt" wurden. Unter diesem Aspekt bietet der Roman scharfsichtige Einblicke in ein beklemmendes Stück Zeitgeschichte. Insbesondere das Geschehen um den abgesägten Historiker Horn, wenn auch nicht alles offengelegt wird, zeigt den Irrsinn des Überwachungs- und angestrebten Gleichschaltungssystems der DDR auf.


    Eine kritischere Sicht der erzählenden Figuren auf das Geschehen vor 30 Jahren hat mir gefehlt, v.a. bei Thomas, dessen Perspektive ja die eines Kindes war und von dem man nun wirklich ein wenig Reflexion hätte erwarten können. Die Kapitel um Kruschkatz und Dr. Spodeck hätten auch gern zugunsten von Marlene und Gertrude Fischlinger gekürzt werden können, deren Lebensumstände und -perspektiven mich viel mehr interessiert hätten, als der Roman hier Einblick gewährt.


    Insgesamt kann ich die Lektüre des Romans allen LeserInnen, die an den Lebenswelten in einem totalitären Regime interessiert sind, nur empfehlen, auch wenn insbesondere das weitgehend offene Ende des Romans mich ein wenig unzufrieden hinterlässt.


    Interessant ist bei diesem Buch auf jeden Fall die Veröffentlichungsgeschichte, war es doch offenbar der einzige systemkritische Roman, der trotz ausdrücklichen Verbotes noch zu DDR-Zeiten (1985) bei Volk und Wissen aufgelegt wurde. Mir war bisher nicht bekannt, dass so etwas überhaupt möglich war. Auch dies wirft ein eindrückliches Licht auf die beinahe alles erfassenden Kontrollmechanismen in der DDR.

  16. Cover des Buches Nacht in Havanna (ISBN: 9783442554959)
    Martin Cruz Smith

    Nacht in Havanna

     (27)
    Aktuelle Rezension von: addicted3books

    Havanna ist der vierte Renko-Roman von Martin Cruz Smith (1981 Gorky Park, 1989 Polar Star, 1991 Red Square, 1999 Havanna, 2004 Wolves eat Dogs, 2007 Stalin's Ghost, 2010 Three Stations, 2013 Tatiana, 2019 The Seberian Delemma). 

    Von den neun Romanen ist dieser meiner Meinung nach der beste. Arkadi Renko ist in Havanna, Kuba unterwegs, Dort soll er das Verschwinden seines FreundFeindes Sergej Pribluda aufklären. Er kommt gerade zurecht, um beim Auffinden einer Leiche aus der Bucht von Havanna dabeizusein, die möglicherweise jene von Pribluda ist. An den Herzinfarkt glaubt er nicht und beginnt zu ermitteln. Ohne jede Rücksicht, so wie immer. Und macht sich natürlich wieder mal mächtige Feinde.

    Für mich eine gelungene und interessante Mischung aus Russland und Kuba, die zwar lange dicke Freunde waren, aber so gar nicht zusammenpassen. Detailreich beschreibt Cruz die schwierigen Ermittlungen in einer Welt, die so gar nicht Arkadis ist. 

    Kann ich nur empfehlen!

  17. Cover des Buches Stoppt das Euro-Desaster! (ISBN: 9783550088964)
    Max Otte

    Stoppt das Euro-Desaster!

     (9)
    Aktuelle Rezension von: Dr_M
    Diese Aussage stammt von Prof. Hans-Werner Sinn (SZ, 3.4.2011) und beschreibt die auf den Steuerzahler zukommenden Belastungen, falls - was zu erwarten ist - die irrwitzigen "Rettungsversuche" für die der Bevölkerung vieler EU-Länder aufgezwungene Kunstwährung scheitern.

    Prof. Sinn meint damit nicht nur den immer größer werdenden sogenannten Rettungsschirm, sondern die Summe aller anderen von der Öffentlichkeit nicht so einfach zu durchschauenden Wohlstandsvernichtungsorgien in diesem Zusammenhang. Zum Beispiel Kontokorrentkredite der EZB an europäische Südländer oder den Aufkauf von Ramschanleihen dieser Staaten.

    Prof. Max Otte versucht in dieser kleinen Broschüre die deutsche Bevölkerung mit einer Streitschrift wachzurütteln. Doch selbst wenn ihm das gelingen würde, hätte es wahrscheinlich kaum Auswirkungen. Zu sehr sind Politik und das, was Otte "Finanzoligarchie" nennt miteinander verbunden. Der Autor fordert in seiner Schrift nichts Geringeres als eine wirkliche Revolution, auch wenn er dies abstreitet. Eine politische Führung mit Rückgrat, die dem deutschen Volk wirklich dient, ist weit und breit nicht auszumachen. Im Gegenteil, die Absetzbewegungen sind auch dort unübersehbar.

    Der Autor erklärt zu Recht, dass die sogenannte Finanzindustrie, die nichts produziert, aber in vielen westlichen Industriestaaten schon einen sehr großen Anteil des Bruttosozialproduktes erzeugt, den Staat bereits vollständig gekapert hat. Deshalb scheint es höchst unwahrscheinlich, dass die riesigen und nach 2008 noch mächtiger gewordenen Großbanken auf Normalgröße zurückgestutzt und wieder marktwirtschaftlichen Regeln unterworfen werden. Das aber fordert der Autor.

    Doch dazu bedarf es wohl erst einer Katastrophe, die schrecklich genug ist, um die politischen und wirtschaftlichen Strukturen aufzubrechen, die uns von einer Schwierigkeit in die nächste befördern.

    Leider vermischt der Text zwei verschiedene Aspekte der "Eurokrise". Der Autor geht im Wesentlichen nur auf die desaströse Rolle der sogenannten Finanzindustrie ein, nicht jedoch auf die grundlegenden Geburtsfehler unserer ungeliebten Einheitswährung. Dementsprechend enthält sein Text zwar sehr vernünftige Reformvorschläge für den Finanzsektor, jedoch kaum Aussagen, wie er sich die Zukunft der inzwischen ohne vertragliche Grundlage existierenden EU-Währung vorstellt.
  18. Cover des Buches Gorki Park (ISBN: 9783442749980)
    Martin Cruz Smith

    Gorki Park

     (86)
    Aktuelle Rezension von: miss_mesmerized
    Im Moskauer Gorki Park werden 1980 drei Leichen gefunden. Zwei Männer und eine Frau wurden erschossen, aber niemand hatte etwas gehört und vermisst wurden sie ebenfalls nicht. Arkadi Renko muss den Fall übernehmen, da sie schnell herausstellt, dass auch ein Ausländer unter den Opfern ist, erwartete er, dass der KGB recht schnell übernimmt. Dieser mischt sich zwar immer wieder in die Ermittlungen ein, zieht sie aber nicht an sich. Je mehr Renko herausfindet, desto mehr gerät auch er in Gefahr. Offenbar spielen zwei in der Sowjetunion bekannte Amerikaner eine nicht unwesentliche Rolle, aber auch der russische Polizeiapparat scheint nicht wirklich an einer restlosen Aufklärung interessiert zu sein.

    Man fühlt sich inzwischen weit in die Vergangenheit versetzt, wenn man Martin Cruz Smith Roman liest. Die Ermittlungen werden weitgehen ohne technische Unterstützung geführt, lediglich Fingerabdrücke und Haaranalysen werden vorgenommen und die Rekonstruktion eines Gesichts wird schon zur höchsten Kunst erkoren. Schmunzeln musste ich auch, als der Protagonist zum Telegrafenamt fährt, um die Telefonzellen rund um die Wohnung einer Verdächtigen abhören zu lassen, denn über einen eigenen Telefonapparat verfügte sie noch nicht. In vielerlei Hinsicht ist der Roman ein Zeichen seiner Zeit, vor allem natürlich des Kalten Krieges und der Geheimdienste der beiden Großmächte.

    Die Handlung selbst verstrickt typische Elemente der Sowjetzeit, insbesondere die Not der Menschen und ihr kreativer Umgang mit dieser mit wirtschaftlichen und politischen Interessen einzelner. So entwickelt sich der Fall von einem durchaus schon spektakulären Dreifachmord in eine internationale Verschwörung. Der Protagonist wird nicht nur durch seine Ermittlungstätigkeit charakterisiert, sondern auch durch sein Privatleben, das zwar nur eine untergeordnete Rolle spielt, aber durchaus zeigt, wie fragil Partnerschaften sein konnten, wenn sich Chancen zum Aufstieg boten.

    Interessant in diesem Fall auch das Nachwort. Bekannter als das Buch dürfte die Verfilmung sein, die ich zwar nicht gelesen habe, aber nachdem ich neulich die Drehorte in Finnland besuchte, Anlass zum Lesen des Buchs waren. Offenbar hat man das letzte Drittel modifiziert, um das Ansehen und die Verstrickung der amerikanischen Geheimdienste in einem anderen Licht erscheinen zu lassen als dies im Buch der Fall ist. Offenbar war dies 1983 etwas zu heikel, was das Buch aber umso interessanter macht.
  19. Cover des Buches Wohlfühlen. Der Megatrend (ISBN: 9783935436021)
    Jürgen Hunke

    Wohlfühlen. Der Megatrend

     (0)
    Noch keine Rezension vorhanden
  20. Cover des Buches Whiskey, Tränen und die Onkelz (ISBN: 9783740713379)
    Torsten Gränzer

    Whiskey, Tränen und die Onkelz

     (2)
    Aktuelle Rezension von: BRB-Jörg
    „Fauxpas war immer (m) ein Seelenstrip und dieses Buch ist vermutlich auch einer. Es ist selbstdarstellerische Lektüre, ein Ego-Trip, Erinnerungen, die manchmal nicht einfach niederzuschreiben waren“. Schon diese ersten beiden Sätze im Vorwort fassen den Inhalt von Torstens im Januar 2010 erschienenen zweiten Buch perfekt zusammen, denn es erzählt wesentlich mehr als „über zwölf Jahre in einer Rockband“, wie es im Untertitel heißt. Torsten nimmt uns mit auf die Reise durch seine eigene Geschichte. Die Musik war dabei stets eine der Konstanten, aus denen er schier unendliche Kräfte schöpfte und bittere Erfahrungen machte. Ebenso kommen aber auch Frauen, das Berufsleben, seine Depressionen und selbst mein geliebter FC Stahl Brandenburg in allen Phasen seines Lebens vor, und so auch in diesem Buch. Die Entwicklung der Band Fauxpas ist dabei der rote Faden, wirkt aber zuweilen wie ein Nebenkriegsschauplatz, wenn Torsten über seinen persönlichen Werdegang erzählt: Vom scheinbaren Asozialen, dessen Lebenssinn neben der Musik irgendwo zwischen ständigem Suff und nicht minder häufigen Ficks zu liegen schien. Der irgendwann den Absprung vom Alkohol schaffte, dadurch seine immer häufiger auftretenden Selbstzweifel und Depressionen aber auch nicht mehr zu betäuben wusste. Und der beruflich seinen Platz zwischen dem finanziell notwendigen Scheißjob und brotloser Selbstverwirklichung suchte, aber seinen ersten wirklichen Halt erst in einer Psychotherapie in der Brandenburger Landesklinik fand, als er es schaffte, seine Ängste und Depressionen aufzuarbeiten, um mit neuem Selbstbewusstsein in ein anderes Leben zu starten, das nichtsdestotrotz nie frei von Rückschlägen – psychisch und physisch - war. Stets blieb Torsten dabei ein rastloser Zweifler, immer wieder die Gesellschaft und die Menschlichkeit der heutigen Zeit in Frage stellend, der auch im Schoße seiner Frau und Tochter nie vollends glücklich wurde. Und der am Ende trotz ansteigendem Erfolg auch unter seine geliebte Band einen Schlussstrich zog, um sich auch aus künstlerischen Grenzen zu befreien und mit Puls-T neue Wege zu gehen… Alles in allem ist "Whiskey, Tränen und die Onkelz" weitaus mehr als eine Bandbiografie. Und ebenso, wie das Niederschreiben Torsten nicht immer leicht gefallen ist, war auch das Lesen meist alles andere als einfach. Wenn man den Protagonisten und einige andere handelnde Personen dann auch noch persönlich kennt, erscheint das Ganze in einem zusätzlich dramatischen Blickwinkel. Zudem habe ich beim Lesen eine Menge gelernt. Vor allem vom kursiv gedruckten Text auf Seite 258 verspreche ich mir auch für mein eigenes Leben etwas. Und nicht zuletzt sehe ich durch dieses Buch auch die Musik von Fauxpas anders. Ja, ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass ich das Album "Therapie" erst jetzt richtig verstehe... Klasse Buch, JEDEM zu empfehlen!!!
  21. Cover des Buches Das Kapitalismus-Komplott (ISBN: 9783898795777)
    Oliver Janich

    Das Kapitalismus-Komplott

     (2)
    Aktuelle Rezension von: Dr_M
    Der Titel ist geschickt gewählt, denn er verführt möglicherweise Leute dazu sich dieses Buch zu kaufen, die es nicht tun würden, wenn sie genau wüssten, was sie erwartet. Statt der gegenwärtig sehr populären Kapitalismus-Schelte zu folgen, hat Oliver Janich ein Buch geschrieben, in dem er Lesern, die das zulassen, ein ganz anderes Bild der Wirklichkeit präsentiert als das, von dem sie wohl gewöhnlich ausgehen oder ausgehen sollen.

    Der Autor versucht nachzuweisen, dass wir auf dem besten Weg in eine unangenehme Zukunft sind, in der es zur Weltherrschaft einer relativ kleinen Gruppe von Leuten kommt, die den Kapitalismus völlig abschaffen und die Freiheit der Individuen erheblich beschneiden wollen. Natürlich kann man eine solche Prognose weder beweisen noch widerlegen, und natürlich klingt sie zunächst für viele wie eine Verschwörungstheorie. Doch wenn man dieses Buch gelesen hat und Janichs Argumente vorurteilsfrei durchdenkt, dann gewinnt seine Sicht der Dinge meistens an Überzeugungskraft. Es passt einfach zu viel zu gut zusammen, um völlig falsch zu sein.

    Nach dem Ende des Kalten Krieges kam zunächst eine recht euphorische Stimmung in der Welt auf. Die Gefahr eines Atomkrieges schien gebannt. Doch diese kurze angstfreie Zeit hielt nicht lange an. Auf einmal entstanden neue globale Ängste. Der internationale Terrorismus und die angeblich unheilvoll auf uns zu rasende Klimakatastrophe ersetzten den Kalten Krieg. Und obwohl das eigentlich schon reichen sollte, haben wir nun auch noch eine globale Finanzkrise und jedes Jahr den immer neuen Versuch, der Menschheit eine Pandemie einzureden, die dann irgendwie nicht stattfinden will. Der Autor sieht darin eine Strategie, denn globale Probleme und Ängste erfordern eine globale Erlösung, zum Beispiel in Form einer wie auch immer gearteten Weltregierung.

    Nach einer kurzen und für manche sicher etwas verwirrenden Einleitung erklärt der Autor im ersten Teil seines Buches wie der Kapitalismus in natürlicher Weise funktionieren sollte, es aber nicht tut, weil er durch Einschränkungen der Freiheit des Individuums daran gehindert wird. Dabei stützt sich Janich auf die so genannte österreichische Schule der Nationalökonomie um den Nobelpreisträger Hayek. Kapitalismus ist für Janich vor allem Vertragsfreiheit. Doch in diese Vertragsfreiheit zwischen zwei Individuen greift stets mehr oder weniger massiv eine dritte Partei ein, der Staat. Welche verhängnisvollen und vor allem teuren Auswirkungen dies hat, erklärt der Autor an vielen Beispielen.

    Ein ganz entscheidendes Kapitel im ersten Teil des Buches befasst sich mit unserem Geldsystem. Wenn man das Wesen unseres Geldes einmal verstanden hat, kann man die Welt nicht mehr durch die offizielle Brille sehen. Janich erklärt sehr gut, wie unser auf Schulden beruhendes Papiergeld einfach aus dem Nichts entsteht und welche katastrophalen Folgen dies hat. Allein dafür lohnt es sich das Buch zu lesen. Der Autor beschreibt danach eine wesentlich effektivere und sorgenfreiere Welt, in der niemand allen anderen ein eigentlich wertloses Zahlungsmittel als alleingültiges Tauschobjekt aufzwingen kann. Die meisten der gegenwärtigen ökonomischen Probleme wären in einer solchen, wirklich kapitalistischen Welt nicht vorhanden.

    Da wir uns dies nicht vorstellen können, weil es nie so war, ist zu befürchten, dass der Autor damit wie mit vielen anderen seiner der offiziellen Sichtweise nicht entsprechenden Aussagen bei den meisten Menschen ins Leere läuft, obwohl sie entweder der Wahrheit entsprechen oder ihr auf die eine oder andere Weise sehr nahe kommen.

    Der zweite Teil des Buches befasst sich mit den folgenschweren Ereignissen am 11. September 2001 in New York, der angebliche Klimakatastrophe und effektiven Manipulationsmethoden. Janich fasst zunächst einige der Hauptargumente gegen die offizielle Version von 9/11 zusammen. Immer vorausgesetzt, in den Gegendarstellungen (Videos vom Einsturz der Türme, Tondokumente, die mehrere Explosionen unmittelbar vor diesen Einstürzen anzeigen usw.) wird nicht mit Fälschungen gearbeitet, lassen diese Aufzeichnungen eigentlich nur noch den Schluss zu, dass 9/11 nicht so abgelaufen sein kann, wie der offizielle Bericht behauptet. Kürzlich lief im deutschen Fernsehen der Film "9/11 Mysteries", der dies mit besonderer Überzeugungskraft verdeutlicht.

    Dass eine große Mehrheit unabhängiger und hochrangiger Wissenschaftler das Märchen von der kommenden Klimakatastrophe nicht glaubt, wird von den meisten Medien verschwiegen. Janich fasst die Argumente gegen die inzwischen schon zur Hysterie aufgestiegenen Klima-Ideologie gut zusammen. Dieser Teil des Buches endet mit Ausführungen darüber, wie man erfolgreich sowohl große Menschenmassen als auch einzelne Diskussionspartner manipuliert. Janich zeigt, wie diese Methoden auch tatsächlich täglich angewendet werden.

    Im letzten und nach meiner Ansicht schwächsten Teil geht es um die angebliche Macht-Elite. Janich stellt dem Leser zahlreiche mehr oder wenige geheime oder elitäre Organisationen vor, über die das Weltgeschehen stark beeinflusst wird. Durch zahlreiche Zitate belegt er, dass es immer darum geht, eine neue Weltordnung zu installieren. Verfolgt man die einzelnen Fäden zurück, so gelangt man früher oder später immer zum Rockefeller-Clan oder anderen Figuren des amerikanischen Geldadels. Wenn die neue Weltordnung wie in diesem Buch in bedrohlicher Form beschrieben wird, dann vergessen die entsprechenden Autoren allerdings immer gerne, dass diese Bestrebungen bereits in einer Zeit entstanden, in der die ganze Welt noch westlich dominiert war. Diese Zeit ist jedoch vorbei.

    Das Buch endet mit einigen Ausführungen zu namhaften deutschen Politikern und ihren vermuteten Verbindungen zu den vorher vorgestellten Organisationen oder Institutionen und zu kommunistischen Vereinigungen. Vielleicht bin ich naiv, aber in der vom Autor dargelegten Schlichtheit stellen sich die wirklichen Zusammenhänge bestimmt nicht dar. Während der Autor in den ersten zwei Dritteln seines Buches noch tatsächliche Zusammenhänge diskutiert, geht am Ende seines Werkes der Enthüllungsjournalist in ihm durch, der gerne auch einmal seine eigenen Konstruktionen für die Realität hält.

    Fazit.
    Dies ist ein Buch, das eine völlig andere Sichtweise auf die Welt präsentiert. Es beinhaltet keine absurden Verschwörungstheorien, sondern in der Mehrzahl gut begründete Ausführungen über ökonomische und politische Zusammenhänge, die der offiziellen Lesart diametral entgegenstehen. Der Text liest sich meistens gut. Nur manchmal schweift der Autor zu sehr ab. Die Welt wird dieses Buch nicht verändern, vielleicht aber den Blickwinkel einiger seiner Leser.
  22. Cover des Buches Der geduldete Klassenfeind (ISBN: 9783940731098)
    Peter Pragal

    Der geduldete Klassenfeind

     (2)
    Aktuelle Rezension von: Jens65
    Peter Pragal ( geduldeter Klassenfeind ) war von 1974-1979 und 1983 - 1990 als akkreditierter West- Korrespondent der süddeutschen Zeitung in der Hauptstadt der DDR ( Ost-Berlin ) tätig. Selbst seinen Hauptwohnsitz verlegte er zumindest zeitweise zusammen mit Ehefrau und 2 Kindern nach Ostberlin. Pragal und seine Familie waren bemüht, wie DDR-Bürger zu leben und zu denken, nur so konnte es ihm gelingen hinter die Fassaden der DDR- Diktatur zu schauen. Über seine Geschichten ( Anekdoten ) musste ich als gelernter DDR-Bürger :-) mehr als einmal schmunzeln, da sie trotz ihres damaligen ernsten Hintergrundes aus heutiger Sicht mehr als irreal und unwirklich erscheinen, besonders die Überwachungsberichte der Stasi. Natürlich wurde er von Horch und Guck auf Schritt und Tritt überwacht und kontrolliert, schliesslich konnten ja die DDR-Machthaber einen potentiellen Klassenfeind nicht ungehindert agieren lassen ohne ihrer ungezügelten Sammelwut von Daten und Informationen nachzukommen, genauso wie es heute auch wieder andere Institutionen der BRD nur mit anderer Begründung betreiben . Heute heisst es Datenvorratsspeicherung und biometrische Passdaten um die Bürger Deutschlands vor den angeblichen Gefahren des islamistischen Terrorismus zu schützen. Wer es glaubt soll seelig werden. Nun bin ich unbewusst von der eigentlichen Thematik des vorliegenden Buches abgewichen. Abschliessend möchte ich dieses Buch von P. als Tatsachenbericht besonders den jüngeren Lesern, welche die Geschichte der DDR nur noch aus dem Geschichtsunterricht oder Erzählungen der Eltern oder Grosseltern kennen als Zeitzeugenbericht besonders empfehlen. Fazit : sehr lesenswert , besonders für Leser die sich u.a. für deutsche Zeitgeschichte interessieren.
  23. Cover des Buches Warum die Sache schiefgeht (ISBN: 9783869711003)
    Karen Duve

    Warum die Sache schiefgeht

     (14)
    Aktuelle Rezension von: Holden
    Karen Duve schreibt sich dir ganze Wut von der Seele, wie wir von engstirnigen und machtbesessenen MÄNNERN in die globale Krise getrieben wurden, von den gleichen Typen, die seit 5000 Jahren das Sagen haben und wegen denen es jetzt 2 vor 12 auf der Weltuntergangsuhr ist. Sie nennt die Probleme beim Namen (gefühllose, dressierte Entscheidungsträger, die beratungsreistent sind und selbst jetzt vor dem abzusehenden Untergang nicht bereit sind, zu tun, was jetzt unbedingt getan werden muß. Allen Entscheidungsträgern landauf landab sei das Buch vor die Stirn getackert, aber Frau Duve sieht die Rettung ja auch nur in einer Revolution, selbst die Vereinten Nationen scheinen eine Nummer zu klein für das Anliegen zu sein. Das Buch zur rechten Zeit.
  24. Cover des Buches Dauerfeuer (ISBN: 9783518458211)
    Klaus Ratheiser

    Dauerfeuer

     (2)
    Aktuelle Rezension von: Coco206
    Und wieder einmal bin ich zwigespalten, was ein Buch angeht. Klaus Ratheiser beschreibt in seinem Buch in kurzen Artikeln Episoden seiner Erfahrungen und Erfahrungen von Kollegen im Krankenhausalltag, vor allem auf Intensivstation. Fremdwörter werden im Glossar erklärt, 83 an der Zahl. Medizinisches Personal wird ohne Hilfe des Glossars auskommen, Laien werden wohl des Öfteren darauf zurückgreifen müssen, was eventuell den Lesefluss stören könnte. Der Autor beschreibt typische Alltagssituationen eines Arztes, die Arbeit mit schwerstkranken und sterbenden Patienten, ihren Angehörigen und den Anforderungen, die Ober- und Chefärzte an ihn stellen. Zusätzlich werden auch immer wieder die Probleme beschrieben, die ein Arzt mit seinen vielen Diensten im Privatleben mit Freundin/Frau und Familie bekommen kann. Es geht um Sterbehilfe, die Frage der Maximaltherapie bei Sterbenden und den ethischen und moralischen Vorstellungen der Ärzte. Bis zur Hälfte des Buches fand ich es wirklich lesenswert, danach kam ein Bruch, den ich nicht wirklich erklären kann. Zudem gibt es Redewendungen, die den Nicht-Österreichern nicht geläufig sein werden, die man aber gut versteht. Für medizinisches Personal sicherlich für zwischendurch lesenswert, für Laien auch, wenn sie sich dafür interessieren und mit den oft sehr traurigen und auch erschütternden Patientenschicksalen klarkommen.
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