Bücher mit dem Tag "theresienstadt"

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24 Bücher

  1. Cover des Buches Abschied in Prag (ISBN: 9783453359598)
    Alyson Richman

    Abschied in Prag

     (78)
    Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-Nutzer

    Prag in den 1930-er Jahren. Zwischen dem Medizinstudenten Josef und Lenka, einer Freundin seiner Schwester, bahnt sich eine zarte Liebesgeschichte an. Als die Zeiten für die jüdische Bevölkerung zunehmend unsicherer werden, heiratet das junge Paar, und bereitet mit den Eltern die Auswanderung nach Amerika vor.

    Durch unglückliche Umstände wird Josef von seiner Frau getrennt, und Lenka nach Theresienstadt deportiert. Ein ganzes Leben lang glaubt jeder der beiden Ehepartner, dass der andere den Krieg nicht überlebt hätte, bis sie sich 60 Jahre später in New York zufällig wiedersehen.


    Mit diesem Roman hat die Autorin ein wunderbares Buch über eine große Liebe in einer schrecklichen Zeit vorgelegt. Josef und Lenka sind von Anfang an die Sympathieträger, deren Schicksal sicher niemanden unberührt lässt, doch auch Eltern und Freunde werden sehr authentisch dargestellt. Als Leser nimmt man regen Anteil an den Repressalien, die das Leben der Juden in Prag immer unerträglicher macht. Berührend schreibt Alyson Richman von großen Zukunftsplänen, enttäuschten Hoffnungen, unfassbaren Grausamkeiten, aber auch von Hilfsbereitschaft, Loyalität, Durchhaltevermögen und der Macht der Liebe.

    Der Aufbau des Romans mit wechselnder Erzählperspektive hat mir sehr gut gefallen. Gefühlvoll, und doch in einer sehr eindringlichen Sprache lässt die Autorin ihre Leser am Unvorstellbaren teilhaben. Viele Details künden von intensiver Recherche, interessant auch die Rolle, die die Kunst in Theresienstadt als Zeichen des Widerstandes spielte.

    Die Handlung erschien mir von Anfang bis Ende sehr durchdacht und war logisch zu jedem Zeitpunkt gut nachvollziehbar. Packend erzählt, habe ich mich vom Strom der Ereignisse mitreißen lassen, und war vom Schicksal der hervorragend dargestellten Figuren sehr bewegt. Gerne gebe ich für diesen berührenden Roman die volle Punktezahl.

  2. Cover des Buches Im Ghetto gibt es keine Schmetterlinge (ISBN: 9783570403556)
    Matteo Corradini

    Im Ghetto gibt es keine Schmetterlinge

     (25)
    Aktuelle Rezension von: MotteEnna

    Mitten im zweiten Weltkrieg beschließen eine Gruppe Jungen, die im Ghetto Theresienstadt leben, alle anderen Kinder durch eine Zeitung über das Leben im Ghetto zu informieren und ihnen durch Geschichten auch ein wenig Hoffnung zu geben. Dabei besteht für sie immer die Gefahr entdeckt und bestraft zu werden, denn das Festhalten der Gegebenheiten im Ghetto ist verboten. Die namenlose Hauptfigur erzählt in dem Buch von ihren gemeinsamen Streifzügen durch die Straßen von Theresienstadt, um Informationen zu sammeln, ebenso von den gemeinsamen Redaktionssitzungen, auf denen beschlossen wird, welche Fakten verbreitet werden sollen. Dabei achten sie sehr auf die Genauigkeit der Daten. Aber auch immer wieder beschreibt "ich" seine Träume, die teilweise Visionen gleichen und ihm zu der einen oder anderen Geschichte leiten. "Ich" beschreibt zudem den Wandel, der in den Jahren in der Stadt vor sich geht. Wie neue Menschen kommen, wie sich die einzelnen Bewohner die Situation meistern und wie immer wieder Freunde und Fremde deportiert werden und jeder weis, dass sie sie wahrscheinlich nie wiedersehen werden.

    Fazit

    Im Ghetto gibt es keine Schmetterlinge ist ein wunderbares und absolut lesenswertes Jugendbuch, dass auf eine sehr vorsichtige aber auch deutliche weise erzählt, wie das Leben der Juden im zweiten Weltkrieg im Ghetto aussah und welchen Ängsten sie sich jeden Tag stellen mussten. Auch wenn viele Leute immer wieder sagen, dass dieses Thema doch langsam alt wird, dass unsere Generation doch gar nicht mehr direkt mit den Geschehnissen in Verbindung steht, aber ich bin da ganz anderer Meinung. Gerade heute, in der in so vielen Ländern eine negative Stimmung gegen andere Nationen herrscht und Angst vor unbekannten Religionen vorherrscht finde ich es besonders wichtig sich mal wieder vor Augen zu führen, wohin das führen kann, wenn man die Augen davor verschließt. Deswegen spreche ich heute auch eine besondere Leseempfehlung für alle Erwachsenen aus, obwohl es sich hier um ein Jugendbuch handelt. Matteo Corradini zeigt mit dieser Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit basiert, dass sich mit dieser Feindseligkeit nicht nur erwachsene Menschen auseinandersetzen müssen, die sich wehren könnten, sondern, dass vor allem die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft, darunter leiden und sich wehrlos fügen müssen. Ein MUST-READ für das kommende Jahr.

    Viel Spaß beim Schmökern!

  3. Cover des Buches Der Trick (ISBN: 9783257244007)
    Emanuel Bergmann

    Der Trick

     (161)
    Aktuelle Rezension von: nati51

    Dies ist ein bemerkenswerter Debütroman von Emanuel Bergmann, der mich gleichermaßen verzaubert, berührt und gefesselt hat.

    Mosche Goldenhirsch lebt in Prag und hat schon früh seine Mutter verloren. 1934 besucht er als fünfzehnjähriger einen Zauberzirkus mit dem berühmten Magier, dem Halbmondmann. Als ein Freiwilliger gesucht wird und Mosche auf die Bühne geht, um die reizende Assistentin zu küssen, ist es um ihn geschehen. Er läuft von zu Hause fort und schließt sich dem Zirkus an. Vom Halbmondmann lässt er sich in die Welt der Illusionen und der magischen Tricks einführen. Nach einem Brand im Zirkus flüchtet Mosche mit der Assistentin Julia Klein und tritt unter seinem neuen Namen „Der große Zabbatini“ im Berliner Wintergarten auf. Einige Zeit kann er seine jüdische Herkunft verschleiern, bis er verraten wird und nach Auschwitz kommt.

    Im Jahr 2007 erfährt Max Cohn, dass seine Eltern sich scheiden lassen wollen. Dieses belastet ihn sehr. Als sein Vater auszieht, entdeckt er eine alte Schallplatte vom Großen Zabbatini. Auf der gibt es einen Zauberspruch zur ewigen Liebe und Max hofft, dass dieser Spruch seine Eltern wieder zusammenbringen kann. Doch als Max die Platte abspielt, hat sie gerade an dieser wichtigen Stelle einen Kratzer und er kann den Spruch nicht verstehen. So macht er sich auf die Suche nach dem Großen Zabbatini.

    Die beiden Handlungsstränge werden abwechselnd erzählt. Ich bin mit Mosche Goldenhirsch auf eine Reise gegangen von der Geburt in Prag über Dresden nach Berlin, weiter nach Auschwitz und von dort in die USA, wo er allein in einem Seniorenheim auf seinen Tod wartete. Gleichzeitig habe ich Max bei der Suche nach dem Großen Zabbatini begleitet und war angetan von seiner Hoffnung und seinem Glauben an die Magie, die seine Eltern wieder zusammenbringen soll. 

    Emanuel Bergmann hat für mich einen wunderschönen Erzählstil. Es gibt in dem Buch schöne, aber auch sehr grausame Schilderungen, die sehr nahe an der Realität liegen. Vieles wird abgemildert, weil zwischen durch immer wieder ein leichter Humor aufblitzt. Zum Schluss schließt sich der Kreis mit einem für mich überraschendem Ende.

    Ein empfehlenswertes Buch, dass mich bewegt und nachdenklich gestimmt hat, vom dem aber ein ganz besonderer Zauber ausgeht.

  4. Cover des Buches Das Kind von Gleis 1 (ISBN: 9783746637860)
    Gill Thompson

    Das Kind von Gleis 1

     (20)
    Aktuelle Rezension von: shilo

    Dieser Roman spielt in der Zeit von 1933 bis 1950. Er handelt von der Judenverfolgung, Verschleppung, den Grauen des Krieges und der bedingungslosen Liebe einer Mutter zu ihrer Tochter. Selbstlos schickt sie ihr 4-jähriges Kind alleine mit einem Kindertransport von Prag nach England, in der Hoffnung auf ein sicheres Leben und ein baldiges Wiedersehen.

    Verknüpft mit wahren Begebenheiten, die genial in diese Geschichte eingeflochten sind, ist es der Autorin gelungen, die grausame Zeit der Naziherrschaft vor dem geistigen Auge des Lesers aufleben zu lassen.  Die Protagonisten hat Gill Thompson bildgewaltig und authentisch beschrieben. Der flüssige Schreibstil lässt die Seiten nur so dahin fliegen.

    Mein Fazit:

    Ein Buch, das nur ein Familienschicksal von unzähligen anderen erzählt und vor Augen hält, das so etwas niemals wieder geschehen darf. 4 Sterne und eine klare Leseempfehlung.


  5. Cover des Buches weiter leben (ISBN: 9783835321519)
    Ruth Klüger

    weiter leben

     (84)
    Aktuelle Rezension von: _sternenguckerin_

    Aber die Luft war nicht frisch, sie roch wie sonst nichts auf dieser Welt. Und ich wusste instinktiv und sofort, dass man hier nicht weinte, nicht die Aufmerksamkeit auf sich lenkte.


    Ruth Klüger erzählt ihre Kindheit und Jugend als Jüdin. Mit elf Jahren kam sie ins KZ und berichtet von dessen Grauen, Erlebnissen und Gedanken, die sie geprägt haben, vielmehr aber noch vom "weiter leben". Von dem, was danach kommt.

    ********************************************************************************Ich will so viel sagen über dieses Buch, soviel zitieren und es scheint mir als gäbe es so viel Diskussionsbedarf. Und doch bleiben mir die Worte weg. 

    Ruth Klüger erzählt mit einer solchen Klarheit und einer Ehrlichkeit, die den Leser und die Leserin gleichermassen aufwühlt und ihm/ihr das Herz aufgehen lässt. Mir persönlich scheint das Wichtigste und Zentrale dieses Werks ihre Menschlichkeit, die Gedanken, die sie sich macht und die immer wieder kommen, manchmal auch in den unpassendsten Momenten. 

    Ein Buch, dass in meinen Augen sehr wichtig ist, sehr ernst und trotzdem menschlich. Ich will nicht viel mehr darüber sagen, aus Angst es mit unangebrachten Worten zu etwas zu machen, was es eigentlich gar nicht ist. In meinen Augen ein absoluter Lesetipp für jede und jeden!


  6. Cover des Buches Aimee und Jaguar (ISBN: 9783462023350)
    Erica Fischer

    Aimee und Jaguar

     (43)
    Aktuelle Rezension von: Wortmagie

    Homosexualität war im nationalsozialistischen Deutschland strafbar. Im Dritten Reich betrachtete man schwule Männer als entartet und als eine Bedrohung für den Staat, da man fürchtete, sie versuchten, interne Strukturen zu unterwandern und diese von innen heraus zu zerstören. Seit 1934 wurden Homosexuelle verstärkt verfolgt, interniert und ermordet. Laut Paragraf 175 des Reichsstrafgesetzbuches genügten bereits „begehrliche Blicke“, um eine Verhaftung und teilweise sogar eine sofortige Deportation zu rechtfertigen.

    Die Zahl der Verurteilungen stieg bis Kriegsbeginn 1939 stetig an. Wikipedia verzeichnet für das Jahr 1935, in dem §175 in Kraft trat, 2.363 Schuldsprüche – 1938 waren es 9.536. Männer, die auf sogenannte „Umerziehungsmaßnahmen“ nicht wie gewünscht reagierten, wurden in Konzentrationslager verschleppt und gezwungen, ein Symbol zu tragen, das ihre sexuelle Orientierung für alle sichtbar machte: den rosa Winkel. Wie viele schwule Männer in den KZs umgebracht wurden, ist rückblickend schwer zu ermitteln, weil nicht klar ist, wie viele von ihnen für ihre Zugehörigkeit zu einer anderen verfolgten Bevölkerungsgruppe interniert wurden. Schätzungen zufolge wurden etwa 10.000 Schwule in die KZs gebracht, von denen circa 53% die Qualen der Lager nicht überlebten.

    Paradoxerweise richtete sich der Hass der Nazis primär auf schwule Männer, nicht auf Homosexuelle im Allgemeinen. Lesbische Frauen waren von Paragraf 175 nicht betroffen; es existieren allerdings Hinweise darauf, dass Lesben aus anderen Gründen inhaftiert und in den KZs für entsprechendes Verhalten bestraft wurden. Dennoch zweifelt der Historiker Alexander Zinn an, dass eine gezielte Verfolgung homosexueller Frauen stattfand. Seine These ist meiner Meinung nach nicht von der Hand zu weisen, was ich in der Position der Frau im Nationalsozialismus begründet sehe. Das Dritte Reich war strikt patriarchalisch. Frauen hatten sich um Küche, Kinder und Kirche zu kümmern und sollten sich sonst bevorzugt im Hintergrund halten. Ich glaube, dass die alten Säcke der Parteispitze um Hitler gar nicht auf die Idee kamen, Frauen könnten so etwas wie eine individuelle sexuelle Identität besitzen. Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr völliges Unverständnis des weiblichen Geschlechts, die vollkommene Reduzierung der Frau auf ihre Rolle als Mutter, Ehe- und Hausfrau, Lesben vor einer dem Paragrafen 175 ähnlichen Gesetzgebung schützte. Den Nazis fehlte einfach die Fantasie. Doch selbst wenn ihnen bewusst war, dass sich einige Frauen zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlten, sahen sie darin eventuell nicht dieselbe Bedrohung, die sie in schwulen Männern vermuteten.

    Woran auch immer es lag, homosexuelle Frauen konnten ihre Orientierung freier ausleben als homosexuelle Männer, obwohl Denunzierungen selbstverständlich möglich waren. Wie hoch das Risiko konkret war, hing stark davon ab, wie stabil und zuverlässig das soziale Netz der Frauen war. Wer sich in einem eingeschworenen Freundeskreis bewegte und sich sonst nichts zu Schulden kommen ließ, war vor einer Entdeckung relativ sicher. Diese Faktenlage erklärt, wieso Lilly Wust und Felice Schragenheim verhältnismäßig offen in einer lesbischen Beziehung leben konnten.

    Elisabeth Wust und Felice Rachel Schragenheim lernten einander am 27. November 1942 im Café Berlin am Bahnhof Zoo kennen. Lilly war 29 Jahre alt, Mutter von vier Söhnen und mehr oder weniger unglücklich mit Günther Wust verheiratet, der als Soldat in Bernau stationiert und im zivilen Leben Bankbeamter war. Felice war 20 Jahre alt und wollte Journalistin werden. Sie war Jüdin, was sie Lilly anfangs verschwieg. Es war für Felice längst gefährlich geworden, sich in Berlin aufzuhalten, doch ihre Ausreiseversuche waren alle fehlgeschlagen. Anfang Oktober 1942 erhielt sie einen Deportationsbescheid, fingierte ihren Selbstmord und verschwand im Untergrund. Deshalb stellte sie sich Lilly als Felice Schrader vor. Die junge Hausfrau und Mutter gefiel ihr und sie begann beinahe sofort, um Lilly zu werben. Dass diese verheiratet war, schien sie nicht zu kümmern. Lilly fühlte sich geschmeichelt und empfand wohl auch eine gewisse Neugier, wies Felices Annäherungsversuche jedoch vorerst zurück. Erst, als Lilly im März 1943 mit einer akuten Kiefernvereiterung ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wo Felice sie regelmäßig mit einem großen Strauß roter Rosen besuchte, gab sie nach und stellte sich ihren unbekannten Gefühlen. Am 29. März, Lillys neuntem Hochzeitstag, küssten sich die beiden Frauen zum ersten Mal.

    Ihre Liebe entbrannte heiß und leidenschaftlich. Sie schrieben einander glühende Liebesbriefe und Gedichte, in denen sie sich gegenseitig mit zärtlichen Spitznamen ansprachen. Lilly war Aimée, Felice war Jaguar. Schnell begannen sie, sich als Ehepaar zu verstehen. Sie wohnten zusammen bei Lilly, die sich am 12. Oktober 1943 scheiden ließ. Günther Wust war bereits im August nach Ungarn eingezogen worden. Obwohl sich die Situation in Berlin zuspitzte, Lebensmittel knapp wurden, der Strom immer häufiger ausfiel und sie die Nächte in Luftschutzbunkern verbringen mussten, lebten sie wie berauscht von ihren Emotionen. Kurz nach ihrem Einzug hatte Felice Lilly ihre jüdische Identität gestanden. Die Gefahr, in der Felice schwebte, war beiden wohl bewusst, aber wirklich ernst nahmen sie sie nicht. Die lebenslustige Felice weigerte sich, sich in ihrer gemeinsamen Wohnung zu verschanzen. Sie ging weiterhin aus und half dem jüdischen Widerstand, fand 1944 mit gefälschten Papieren sogar eine Anstellung als Stenotypistin bei der National-Zeitung und leitete alle Informationen, die sie dort sammeln konnte, an ihre Freunde im Untergrund weiter, ohne Rücksicht auf ihre eigene Sicherheit zu nehmen.

    Es kann lediglich gemutmaßt werden, wer Felice letzten Endes verriet. Sie wurde am 21. August 1944 von der Gestapo in Lillys Wohnung festgenommen. Die uniformierten Männer hatten ein Foto von Felice bei sich, von dem es angeblich nur drei Abzüge gab: einen besaß Felice selbst, der zweite wurde von einer ebenfalls jüdischen Freundin verwahrt und der dritte gehörte Lilly. Noch während der Befragung versuchte Felice, zu flüchten, wurde allerdings schnell wieder eingefangen und abgeführt. Sie wurde als Jüdin verhaftet, nicht als lesbische Frau.

    Die Gestapo brachte Felice in das Judensammellager im Jüdischen Krankenhaus. Dort besuchte Lilly ihre Geliebte mehrfach, bis Felice am 08. September 1944 in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde. Lilly war außer sich und beschloss, selbst nach Theresienstadt zu fahren, obwohl Freunde von Felice sie beschworen, die Reise zu unterlassen. Nicht nur brachte sie sich selbst in Gefahr, es bestand auch das Risiko, dass ihr Besuch Felice zusätzlich schaden könnte. Aber Lilly wollte nicht hören und bestieg am 27. September mit einem falsch ausgestellten Grenzübergangsschein, warmer Kleidung und Lebensmitteln im Gepäck den Zug nach Tschechien. Sie drang bis zur Kommandantur der deutschen Dienststelle vor, scheiterte jedoch an SS-Oberscharführer Rudolf Heindl, der sie wutentbrannt vor die Tür setzte. Resigniert machte sie sich auf die lange Heimreise.

    Felices weiterer Weg durch die Tötungsmaschinerie des Dritten Reiches ist durch Briefe und Postkarten belegt, die sie an Lilly und Freunde schickte. Am 09. Oktober 1944 transportierte man sie von Theresienstadt nach Auschwitz. Anfang November 1944 wurde sie in ein Lager bei Breslau in Polen gebracht. Ein Brief an Lillys Eltern, der am 14. November eintraf und auf den 03. November datiert war, trug den Poststempel der kleinen Stadt Trachenberg, heute Żmigród. Darin berichtete sie, dass sie aufgrund einer leichten Scharlachinfektion im Krankenhaus läge und hoffte, bis zum 09. Dezember auf der Station verbleiben zu können. In den folgenden Tagen schrieb sie einige lange Briefe an Lilly, in denen sie Neuigkeiten von Zuhause und Lebensmittel erbat. Ihre letzte Nachricht aus dem Krankenhaus schrieb sie am 14. oder 15. November 1944. Lillys Antwortschreiben kamen nicht mehr an. Felice wurde in das KZ Groß-Rosen verschleppt.

    In Berlin wurde Lilly zu einer Befragung durch die Gestapo am 13. Dezember 1944 vorgeladen. Stundenlang musste sie sich intime Fragen, kaum verhohlene Drohungen und Vorwürfe gefallen lassen. Doch sie hielt dicht. Sie behauptete steif und fest, nicht gewusst zu haben, dass Felice Jüdin war und leugnete ihre romantische Beziehung. Ihr missglückter Besuch in Theresienstadt wurde ebenfalls thematisiert, aber Lilly beharrte darauf, dass sie lediglich einer Freundin Kleidung und Lebensmittel bringen wollte. Letztendlich ließ man sie mit einer Verwarnung davonkommen. Sie musste unterschreiben, dass man sie als Mutter von vier kleinen Kindern verschonte, ihr „judenfreundliches Verhalten“ jedoch eigentlich eine Deportation ins KZ rechtfertigen und sie bei der geringsten Verfehlung inhaftiert würde.

    Das letzte persönliche Lebenszeichen von Felice traf am 05. Januar 1945 ein. Der an Lillys Eltern adressierte Umschlag enthielt zwei Briefe, einer davon richtete sich an Lilly und war auf den 26. Dezember 1944 datiert. Felice bedankte sich für das letzte Päckchen und berichtete, wie kalt es bei ihr sei. Sie schloss mit Liebesschwüren und Küssen.

    Die Rote Armee erreichte Berlin am 02. Mai 1945. Im Chaos der Befreiung schaffte es Lilly, für sich, ihre Kinder und drei jüdische Frauen, die sie seit Februar bei sich versteckte, eine Unterkunft zu organisieren, bis sie zurück in ihre Wohnung konnten. Sie schreckte nicht davor zurück, sich dafür Felices gelben Judenstern anzuheften.
    Im Juni begann sie, Felice in den Straßen der Hauptstadt zu suchen. Sie war sicher, dass ihr Jaguar unter den KZ-Heimkehrern sein würde, die Stück für Stück eintrafen. Sie ließ Felice im Radio ausrufen, erkundigte sich bei Häftlingen, die selbst in Groß-Rosen waren, schaltete die Organisation der Vereinten Nationen für Hilfe und Wiedergutmachung ein und hängte Suchanzeigen aus. Im August erfuhr sie, dass Felice Groß-Rosen mit der Auflösung des Lagers im Januar 1945 verlassen hatte und nach Bergen-Belsen geschickt wurde. Dort verliert sich ihre Spur. Die etwa 700 Frauen, die nach Bergen-Belsen transportiert wurden, erlagen laut einem Brief, den Lilly an Felices Schwester Irene schrieb, fast alle dem Fleckfieber (damals auch Hungertyphus genannt). Aber Lilly konnte nicht aufgeben. Sie hoffte und wartete, suchte die Nähe der jüdischen Gemeinde und wäre wohl konvertiert, hätte die Synagoge diesen Schritt nicht verhindert. Sie identifizierte sich mehr und mehr mit der Religion, derentwegen ihr Felice entrissen worden war und schimpfte auf „die Deutschen“. Doch ihre Geliebte fand nicht zu ihr zurück. Felice Schragenheim wurde am 14. Februar 1948 offiziell für tot erklärt. Ihr Todestag und -ort sind bis heute unbekannt. Für die Akten wurde der Zeitpunkt ihres Todes auf den 31. Dezember 1944 festgelegt.

    Lilly erholte sich nie von Felices Verlust. Sie verarmte und vereinsamte, versuchte mehrmals, sich das Leben zu nehmen. Ihre Erinnerungen verwahrte sie in ihrem sogenannten „Tränenbüchlein“, eine fein säuberliche Sammlung aller Briefe und Gedichte, die sie und Felice einander schrieben, sowie ihrer Tagebucheinträge. Am 21. September 1981 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz am Bande für „Unbesungene Helden“ verliehen – eine Ehrung, weil sie vier Jüdinnen versteckt hatte. Möglicherweise war es diese Auszeichnung, die das Interesse der jüdischen Autorin Erica Fischer weckte. Sie suchte Lilly Wust auf und führte ab Winter 1991 Gespräche mit ihr, um ihre tragische Liebesgeschichte zu rekonstruieren. Lillys „Tränenbüchlein“ war hierbei natürlich eine große Hilfe, aber auch das Gedächtnis der mittlerweile fast 80-Jährigen funktionierte tadellos. Das Buch, das durch die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit entstand und 1994 erstveröffentlicht wurde, trägt den Titel „Aimée & Jaguar: Eine Liebesgeschichte, Berlin 1943“.

    „Aimée & Jaguar“ ist eine Mischung aus faktischer und interpretativer Biografie, deren spezielle, brillante Struktur greifbare Historie erzeugt. Die Autorin Erica Fischer fungiert als ordnende Chronistin, die zuverlässig durch die Erinnerungen der Zeitzeug_innen führt und durch die Einarbeitung von Kommentaren, Aussagen, Briefen, Gedichten, Dokumenten und Fotos eine lebendige Schilderung der außergewöhnlichen Beziehung zwischen Lilly Wust und Felice Schragenheim entstehen lässt. Die Rekonstruktion gelang eindringlich, sensibel und gründlich, sodass ich an die Seiten gefesselt wurde und das Buch innerhalb eines Tages verschlang. Ich kann nachvollziehen, dass es innerhalb der LGBTQ-Community vermutlich als Meilenstein gilt, meiner Ansicht nach ist es jedoch wesentlich mehr als die historische Bestätigung lesbischer Liebe.

    „Aimée & Jaguar“ illustriert nicht nur die Romanze von Lilly Wust und Felice Schragenheim, es bietet darüber hinaus einen detaillierten Einblick in die Lebensrealität der Berlinerinnen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Ich begann zu verstehen, dass der Alltag dieser Frauen nicht nur von Essenszuteilungen, Bombenangriffen, Stromausfällen und Bunkeraufenthalten geprägt war, sondern vor allem auch von dem überaus wahrnehmbaren Männermangel. In den letzten Kriegsjahren waren Frauen in Berlin in der Überzahl, weil die meisten Männer entweder bereits eingezogen oder deportiert worden waren. Es war deshalb nicht ungewöhnlich, dass Frauen zusammenwohnten – ob als Freundinnen, die einander bei der Kindererziehung und im Haushalt halfen oder als Paar, kümmerte niemanden wirklich. Man hatte andere Sorgen und denjenigen, die sich daran störten, dass zwei Damen Zärtlichkeiten austauschten, war es mutmaßlich viel zu unangenehm, Homosexualität offen anzusprechen. Für Lesben muss es eine seltsame Zeit zwischen Tabu und trügerischer Freiheit gewesen sein.

    Lilly und Felice fürchteten sich kaum davor, dass ihre homosexuelle Beziehung auffliegen könnte. Vielmehr schreckte sie der Gedanke, dass Felice als Jüdin enttarnt werden könnte. Mir war nicht klar, dass sich Juden und Jüdinnen bis zum Kriegsende im Mai 1945 im Untergrund Berlins versteckt hielten. In anderen Städten, in anderen Ländern, ja natürlich, aber in der Reichshauptstadt? Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Ich kann mir die tödliche Gefahr, die allgegenwärtige Angst vor Entdeckung oder Denunzierung, nicht vorstellen. Ich kann mir nicht ausmalen, wie es sich anfühlte, unter diesen Bedingungen zu leben.
    Wie viele dieser sogenannten U-Boote hatte Felice jahrelang versucht, Deutschland zu verlassen und in die USA, nach Israel oder Australien auszuwandern. Ihre gescheiterte bürokratische Odyssee, die Erica Fischer in einen globalen Kontext setzt, indem sie zusätzlich beschreibt, wie andere Staaten auf Asylsuchende reagierten, stellt den Nationen dieser Welt ein Armutszeugnis aus, das unangenehm an aktuelle Entwicklungen erinnert. Es schockierte mich, wie gering die internationale Bereitschaft war, Flüchtlingshilfe zu leisten. Ich gewann den Eindruck, dass niemand die Flüchtlinge aus Deutschland mit offenen Armen empfing. Felice wurden Steine in den Weg gelegt, die letztendlich ihr Todesurteil unterschrieben. Dass sie sich überhaupt so lange der Verfolgung durch die Nazis entziehen konnte, ist ausschließlich ihrem flexiblen Einfallsreichtum und einem stabilen Netzwerk aus Freunden, Bekannten und Unterstützern zu verdanken.

    Als Felice ihre Aimée kennenlernte, war Lilly weit entfernt davon, Teil des Widerstands zu sein. Sie war eine typische Nazi-Mitläuferin, die linientreue Ehefrau eines Soldaten. Einige Zeitzeug_innen berichten, dass an einer Wand ihrer Wohnung sogar ein Hitler-Porträt prangte. Sie selbst bestreitet das und behauptet, sie hätte Hitler nie gewählt und sich ohnehin um nichts anderes als ihre vier Kinder gekümmert. Konflikte mit ihrem Ehemann Günther traten allerdings lange vor Felice zu Tage. Lilly war unzufrieden, auf einer rein privaten Ebene, politisch war sie eher desinteressiert. Deshalb erreichte sie Felices offensives Werben: die junge, hübsche Frau stillte in Lilly eine Sehnsucht, die sie seit Jahren verzehrte: das Bedürfnis nach Liebe, Zärtlichkeit, Fürsorge, Geborgenheit, Aufmerksamkeit und Führung, das ihr Mann nicht erfüllen konnte oder wollte. Sie bekam von ihr alles, was ihr Günther verwehrte. Ich glaube daher, dass Lillys Entscheidung, sich auf eine Beziehung mit Felice einzulassen, mehr mit ihr selbst als mit Felice als Individuum zu tun hatte und sie sie nicht liebte, weil sie eine Frau war, sondern für alles, was sie zu geben bereit war.

    Es ist sehr schwierig, sich in die Dynamik ihrer Beziehung hineinzuversetzen. Mir erschien ihr Verhältnis ungesund und völlig verdreht. Betrachten wir die Ausgangspositionen der beiden Frauen. Felice war eine flüchtige Jüdin, die ihren eigenen Selbstmord vortäuschen musste, um der Deportation zu entgehen. Lilly war eine gut situierte arische Hausfrau, die durch ihre vier Söhne großzügige Lebens- und Bedarfsmittelzuteilungen erhielt und deren Nazi-Ehemann die Familie angemessen versorgte. Sie hätten kaum gegensätzlicher sein können. Dennoch war Felice diejenige, die die Rolle der Beschützerin übernahm. Trotz ihrer prekären Lage war Felice eine starke Persönlichkeit, voller Mut, Verwegenheit, Lebenslust und Optimismus. Lilly hingegen neigte zur emotionalen Abhängigkeit, war nicht in sich gefestigt und inszenierte sich gern als verletzliches Fräulein in Nöten. Sie krallte sich an ihrer Geliebten mit an Verzweiflung grenzender Obsession fest und forderte Schutz von Felice, obwohl sie ihn realistisch gesehen nicht brauchte. Felice bedurfte Schutz. Felices Leben war bedroht, nicht Lillys. Sie hätte jemanden an ihrer Seite verdient gehabt, der bzw. die ihre Ängste und Sorgen verstand und darauf einging, nicht die emotional bedürftige Lilly, die in ihrem Egoismus wohl niemals begriff, dass Felice jeden Tag fürchten musste, von der Gestapo abgeholt und ins KZ gebracht zu werden.

    Selbstverständlich bleibt ein Risiko in dem Ausmaß, das Felice und Lilly erlebten, immer abstrakt, bis es zu spät ist, doch Lilly hätte ihre Geliebte in ihren vielen wagemutigen Unternehmungen, wie zum Beispiel auch der Arbeit für die National-Zeitung, bremsen müssen. Sie hätte sie nicht einfach machen lassen dürfen, sondern hinterfragen müssen, dass Felice ihr Leben aufs Spiel setzte. Doch dazu war Lilly nicht fähig, weil sie sich lieber leiten ließ, statt selbst Initiative zu ergreifen. All ihre Bemühungen waren darauf ausgerichtet, eine Opferrolle einzunehmen und Felice darüber an sich zu binden, statt sich als Partnerin gleichberechtigt zu begreifen und entsprechend zu handeln. Sie genoss es, sich als schwach darzustellen. Selbst nachdem Felice inhaftiert wurde, gelang es ihr nicht, über sich hinauszuwachsen und die Farce des zerbrechlichen Frauchens fallenzulassen. In vielen ihrer Briefe und Tagebucheinträge aus dieser Zeit finden sich Formulierungen, die ihre Schwäche betonen und ihren eigenen Zustand in den Vordergrund rücken. Ich kann nachvollziehen, dass es für Lilly schwer war, Felice im KZ zu wissen, doch meiner Meinung nach hätte sie ihre Geliebte nicht mit jammervollen Beschreibungen belasten dürfen.

    Alle Briefe von Felice in „Aimée & Jaguar“ vermitteln einen grundlegend positiven Tenor, können die Wahrheit jedoch nicht vertuschen: Felice litt. Es ging ihr nicht gut, weder in Theresienstadt noch bei Breslau oder später in Groß-Rosen. Zwischen den Zeilen steht überdeutlich, welch furchtbaren Umständen sie ausgeliefert war und allein die Tatsache, dass sie eine ernste Erkrankung wie Scharlach und den daraus resultierenden Krankenhausaufenthalt dem Alltag im Lager vorzog, spricht Bände. In ihren Antwortschreiben ging Lilly dennoch kaum auf Felices Leiden ein. Sie schrieb von sich und ihrem Schmerz, zeigte keine Empathie für die Tortur, der ihre Geliebte ausgesetzt war und drängte immer wieder darauf, Felice müsse zu ihr zurückkehren, weil sie ohne sie nicht leben könne. Ich glaube nicht, dass das hilfreich war. Wieso konnte sie Felice nicht emotional unterstützen, statt Druck aufzubauen? Wieso schrieb sie nicht „Wir kommen zurecht. Wir vermissen dich und warten auf dich“? Wieso musste sie den Qualen ihrer Partnerin weitere hinzufügen? Aus meiner Sicht gibt es nur eine Antwort auf diese Fragen: weil Lilly zu egoistisch war, um zu erkennen, was Felice brauchte und ihre Gefühle über Felices reales Elend stellte.

    Ihr Besuch in Theresienstadt lässt ebenfalls kaum eine andere Interpretation zu. Das war kein romantisches Abenteuer. Das war Wahnsinn. Lilly glaubte, sie könne einfach in das Ghetto hineinspazieren, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was ihr Auftauchen für Felice oder ihre Kinder bedeuten könnte. Sie hatte großes Glück, dass sie sie nicht gleich dabehalten haben. Niemand weiß, welche Konsequenzen Felice erleiden musste. Vielleicht wurde sie deshalb nach Auschwitz gebracht, doch Lilly schien nicht klar zu sein, dass da ein Zusammenhang bestehen könnte. Im Gegenteil, bei ihrer Heimkehr rühmte sie sich noch damit, wie standhaft sie in der Kommandantur gewesen sei.

    Ich denke, dass Lilly Felice deshalb mit aller Macht vereinnahmte, weil sie tief in ihrem Inneren ahnte, dass sie den jungen, gebildeten, lebhaften Wirbelwind auf Dauer nicht würde halten können. Hätten sie den Krieg beide überlebt, Felice hätte Lilly irgendwann verlassen, davon bin ich genau wie die Autorin Erica Fischer fest überzeugt. Ihre Beziehung war ein Produkt extremer Umstände, die, wären diese Umstände weggefallen, vermutlich nicht überdauert hätte. Ich glaube, Lilly wusste das. Immer wieder flehte sie Felice in ihren Briefen an, bei ihr zu bleiben. Deshalb finde ich die Theorie, dass Lilly diejenige war, die Felice an die Gestapo verriet, gar nicht so abwegig. Wie bereits erwähnt gab es von dem Foto, das die Uniformierten bei sich hatten, als sie Felice am 21. August 1944 abholten, lediglich drei bekannte Abzüge. Felice hätte ihren eigenen natürlich niemals an die Gestapo weitergegeben; ebenso ist es unwahrscheinlich, dass ihre jüdische Freundin in Österreich sie den Nazis ausgeliefert hätte. Bleibt Lilly, die in einem Gedicht vom 03. August 1945 schrieb „Du wirst mich lebend nie verlassen!“. Vielleicht sah sie Felice tatsächlich lieber tot, als von ihr verlassen zu werden. Obsessive Liebe nimmt manchmal beängstigende Formen an.

    Ein weiteres Argument, das angeführt wird, um diese Theorie zu untermauern, sind Felices Testament und die Schenkungen, die jeweils zu Lillys Gunsten ausfielen. Felice vermachte ihrer Geliebten ihren gesamten Besitz und mehrere Zeug_innen berichten in „Aimée & Jaguar“, dass Lilly beinahe wahnhaft versuchte, ihr Hab und Gut an sich zu bringen, sowohl vor als auch nach Felices Deportation. Ich kann mich der Schlussfolgerung, dass Lilly somit die unter Nazis typische Gier zeigte, jedoch nicht anschließen. Ich glaube nicht, dass sie Felices Besitztümer aus Habsucht an sich bringen wollte. Ich denke, dass sie vor Felices Inhaftierung einfach dafür sorgen wollte, dass alle Güter, die Felice bei Freunden versteckt hatte, an einem Ort waren. Nach ihrer Inhaftierung hingegen ging es ihr meiner Ansicht nach darum, Erinnerungsstücke zu haben und ihrer Hilflosigkeit etwas Aktivismus entgegenzustellen, denn trotz der fragwürdigen Natur ihrer Beziehung muss es für Lilly schrecklich gewesen sein, nichts unternehmen zu können, um Felice zu helfen oder sie ausfindig zu machen.

    Der Charakter ihres Verhältnisses wurde ebenfalls nachträglich in Frage gestellt. Während Lilly ihre Romanze mit Felice stets als die große Liebe beschrieb, bezweifeln einige Stimmen, dass Felices Motive für ihr Anbändeln mit Lilly vollkommen unschuldig waren. Vielmehr hätte da die Pragmatikerin aus ihr gesprochen. Für Felice stellte Lilly den perfekten Unterschlupf dar: eine Nazi-Mitläuferin, die weder Razzien noch Unterstellungen zu befürchten hatte. Gefühle hin oder her, es war clever, bei einer gutdeutschen, biederen Hausfrau und Mutter unterzukommen. Wer hätte sie dort schon vermutet? Problematisch wurde die Situation laut dieser Meinungsfraktion erst, als Felice gezwungen war, Lilly ihre jüdische Identität zu beichten, weil sie sich Lilly damit auslieferte. Sie legte ihr Schicksal in Lillys Hände und war gänzlich von ihrem Wohlwollen abhängig. Sie prostituierte sich, um ihr Leben zu schützen – das einzige, was sie noch zu verlieren hatte. Diese Interpretation behauptet, dass Felice Lilly niemals geliebt habe, sondern in ihr nur das Mittel zum Zweck sah. Ich denke, dass Felices spätere Briefe, die sie schrieb, als sie bereits in die tödlichen Mühlen der Konzentrationslager geraten war, dem widersprechen. Besonders die Schriftstücke, die aus ihrer Zeit im Krankenhaus bei Breslau erhalten sind, vermitteln eine Bandbreite an Gefühlen für Lilly, die meines Erachtens nach nicht vorgetäuscht sind. Seitenweise hielt Felice ihre Gedanken und Emotionen fest, was unnötig gewesen wäre, hätte sie Lilly lediglich motivieren wollen, ihr weitere Päckchen mit Lebensmitteln und Kleidung zu schicken.

    Ich weiß nicht, warum Felice ausgerechnet mit einer Nazi-Ehefrau eine Beziehung einging. Vermutlich gibt es darauf keine simple Antwort. Sie lockte die Sicherheit, die Lilly versprach; es reizte sie, „so eine“ zu verführen; sie fühlte sich zu ihr hingezogen – was immer sie antrieb, ob Liebe oder praktische Überlegungen, ich glaube, irgendwann verliebte sie sich wirklich in Lilly. Letztendlich muss die Frage danach, wie Felice für Lilly empfand, was sie in ihr sah, jedoch immer unbeantwortet bleiben. Das ist die wahre Tragik vom „Aimée & Jaguar“. Felice konnte sich niemals äußern. Alle Theorien müssen Mutmaßungen bleiben.

    Für mich war „Aimée & Jaguar“ eine einzigartige, intensive Annäherung an die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland auf einem sehr privaten, greifbaren Level. Trotz Jahren der erzwungenen schulischen Auseinandersetzung mit diesem Thema sind es erst Bücher wie dieses, die mir helfen, die wahrhafte Lebensrealität der Menschen über die reine Faktenlage hinaus zu begreifen. Einzelschicksale sind für die Erinnerungskultur sowie für die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit unverzichtbar, weil sie der Historie Leben einhauchen und sie aus der Abstraktion herausheben. Anhand von Felices und Lillys Geschichte konnte ich mir wirklich vorstellen, was es einerseits bedeutete, in den letzten Kriegsjahren eine Frau und andererseits eine untergetauchte Jüdin in Berlin zu sein. Sie waren echte Menschen, echte Persönlichkeiten, mehr als Kapitel in einem Geschichtslehrbuch oder anonyme Zahlen auf Papier. Auch habe ich dank der gründlichen Aufbereitung der Autorin Erica Fischer einige Wissenslücken schließen können. Für mich war „Aimée & Jaguar“ eine äußerst lohnende Leseerfahrung.

    Dennoch sehe ich mich außer Stande, die Höchstwertung von 5 Sternen zu vergeben. Ich habe ein großes Problem mit diesem Buch, das die Lektüre für mich prägte. Dieses Problem heißt Lilly. „Aimée & Jaguar“ ist aus naheliegenden Gründen stark auf Lillys Perspektive ausgerichtet. Erica Fischer bemühte sich zwar, Felices Biografie überzeugend nachzuzeichnen und ein präzises Porträt ihrer Persönlichkeit zu vermitteln, aber Gespräche führte sie mit Lilly, der Überlebenden. Obwohl sie Lillys subjektive Ansichten und Erinnerungen in einen realistischen Kontext zu setzen versuchte, konnte sie nicht verhindern, dass die alte Dame dem Buch ihren Stempel aufdrückte. Dadurch wurde ich zwangsläufig mit ihrer Wahrnehmung konfrontiert, die ich oft einfach nicht nachvollziehen konnte. Es fiel mir schwer, Lilly zu verstehen. Ihre Entscheidungen und ihr Verhalten blieben mir fremd, was die emotionale Wirkung von „Aimée & Jaguar“ schmälerte. Allen leidenschaftlichen Liebesbriefen und Gedichten zum Trotz kann ich in dieser Geschichte keine tragische Romantik erkennen, sondern nur die Chronik einer zutiefst ungesunden Beziehung, in der Lilly eine Rolle an sich riss, die den Fakten widersprach. Ich begreife nicht, wie sie von Felice verlangen konnte, sie vor meiner Ansicht nach eingebildeten, künstlich aufgeblasenen Gefahren zu beschützen, sie zu retten, während Felice selbst tatsächlich um ihr Leben fürchten musste. Lilly war blind für die Bedürfnisse ihrer angeblich ach so geliebten Partnerin. Das war keine Liebe, das war mutwillig herbeigeführte Abhängigkeit. Sie saugte Felice emotional aus und hätte sie mit ihrer Bedürftigkeit erdrückt, wäre Felice nicht ermordet worden. Meiner Meinung nach war Lilly Wust ein Gefühlsparasit. Sie brauchte stets einen Wirt, um zu überleben. Sie war allein kaum lebensfähig, was ihre spätere Unfähigkeit, für ein besseres Leben zu kämpfen, zweifellos belegt. Es wundert mich nicht, dass sie nach Felices Tod nur noch ein Schatten ihrer selbst war.

    Außerdem fand ich es abstoßend, dass Lilly sich offenbar nie mit ihrer eigenen Schuld auseinandersetzte. Selbst wenn sie Felice nicht persönlich an die Gestapo verriet, war sie doch Teil eines Systems, das Millionen Menschen entführte, folterte und tötete. Sie ist nicht aufgestanden. Sie hat sich nicht gewehrt. Sie verbarg sich hinter ihrer Fassade einer tumben Hausfrau und Mutter, die mit Politik nichts am Hut hatte, während direkt vor ihrer Tür Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurden. Das macht sie in meinen Augen durchaus zur stillen Mittäterin. Hitler war bereits seit 10 Jahren an der Macht, als sie zur Komplizin des jüdischen Untergrunds wurde. Was war in den Jahren zuvor? Sie sah zu. Tatenlos. Man sollte ihre Bereitschaft, Felice bei sich aufzunehmen, auch keinesfalls mit Widerstand verwechseln. Für Lilly hatte ihre Beziehung keine politische Dimension. Sie wollte mit Felice zusammen sein, das war der einzige Grund, warum sie sie bei sich einziehen ließ. Nachdem Felice deportiert worden war, versteckte sie zwar noch einmal drei Jüdinnen unter ihrem Dach, aber ich glaube nicht, dass sie das tat, weil Felice ihr Gewissen geweckt hatte. Sie tat das, weil sie sich ihrer verschleppten Geliebten dadurch näher fühlte und wusste, dass es in Felices Sinne gewesen wäre, zu helfen. Ihre Tagebucheinträge beweisen, dass diese Wohngemeinschaft auch nicht ganz so verlief, wie sie es sich vorgestellt hatte.

    Lilly sah niemals ein, dass ihre Tatenlosigkeit die Tötungsmaschinerie der Nazis unterstützte. Stattdessen vereinnahmte sie Felices Schicksal und das ihres Volkes für sich. Lilly begann, sich als Vertraute des jüdischen Leides zu verstehen und identifizierte sich damit. Sie benahm sich, als wäre sie durch Felice selbst zur Jüdin geworden. Sie verteufelte „die Deutschen“ und meldete sogar ihre Söhne als Juden in der Schule an. Ihr wurde nie gestattet zu konvertieren, das hinderte sie jedoch nicht daran, die Synagoge zu besuchen und jüdische Feiertage zu zelebrieren. Meiner Ansicht nach schlägt das dem Fass den Boden aus. Diese Unverfrorenheit. Was bildete sie sich ein? Wie konnte sie glauben, ein Anrecht auf den Schmerz des jüdischen Volkes zu haben? Ich verstehe, welche psychologischen Prozesse und Strategien sich darin abzeichnen, aber ich kann wirklich nur entsetzt den Kopf schütteln. Erneut zeigte Lilly Wust, dass Empathie nicht zu ihren Stärken zählte. Vollkommen egal, wie oft sie es leugnete, sie war eine Deutsche. Eine arische Deutsche, die durch ihr jahrelanges Schweigen eine Mitschuld am Holocaust trug und der es in dem System, das diesen ermöglichte, gut ging. Ich denke, sie konnte froh sein, dass sie von der jüdischen Gemeinschaft nicht mit Schimpf und Schande davongejagt wurde.

    Abschließend kann ich resümieren, dass „Aimée & Jaguar“ für mich nicht die zauberhafte Geschichte einer mutigen Liebe war, mit der ich gerechnet hatte. Vielleicht lag ich mit dieser Erwartungshaltung allerdings von Beginn an daneben. Je länger ich über das Buch nachdenke, desto mehr ziehe ich in Zweifel, dass Erica Fischer Romantik vermitteln wollte. Natürlich war Lillys und Felices Beziehung durch die historischen Umstände und ihre jeweilige Herkunft außergewöhnlich, aber ich denke nicht, dass die Autorin die Gefühlsebene ihres Verhältnisses in den Vordergrund stellen wollte. Dafür schildert sie alle Ereignisse zu nüchtern, ohne sentimentale Verklärung. Zwischen den Zeilen schwingt häufig Kritik an Lilly mit, während Fischers Sympathie für Felice unmissverständlich ist. Daher denke ich, dass sie im Verlauf der Rekonstruktion demselben Problem begegnete, das auch für mich die Lektüre prägte: sie musste einen Weg finden, mit Lilly Wust umzugehen, obwohl sich herausstellte, dass diese nicht die makellose unbesungene Heldin war, die das Bundesverdienstkreuz am Bande erhielt. Meiner Meinung nach gelang es ihr dennoch, ihre eigene Antipathie zu kontrollieren. Da sich Felice tragischerweise nie äußern konnte, kann „Aimée & Jaguar“ nicht die ganze Geschichte erzählen, doch ich hatte den Eindruck, dass Erica Fischer sich erfolgreich bemühte, die vielen, komplexen und teilweise widersprüchlichen Dimensionen ihrer Affäre wahrheitsgetreu abzubilden. Deshalb möchte ich betonen, dass mein Unvermögen, 5 Sterne zu vergeben, weder eine negative Beurteilung ihrer Leistung als Autorin noch der Geschichte selbst ist, sondern ausschließlich Ausdruck meiner emotionalen Distanz gegenüber Lilly.

    Wenn ihr euch dem Nationalsozialismus aus einer ungewöhnlichen Perspektive nähern und lebendige, greifbare Historie erfahren wollt, kann ich euch „Aimée & Jaguar“ guten Gewissens empfehlen. Ich halte das Buch für eine einzigartige, zeitgeschichtliche Chronik, die die komplizierte Liebe zweier realer Frauen beschreibt, die allem widersprach, was die Nazis propagierten. Trotz dessen möchte ich noch einmal unterstreichen, dass ihr darin keine kitschige Liebesschnulze vorfinden werdet. Das Buch handelt von echten Menschen, echten Erlebnissen, echter Tragik und ist somit auch zu echt für theatralisches Melodram. In der Realität sind Tränen nass, Verzweiflung niederschmetternd und der Tod nicht immer gerecht. „Aimée & Jaguar“ ist keine Gay Romance. Es ist keine Fiktion. Es ist authentisch.

  7. Cover des Buches Die Kinder aus Theresienstadt (ISBN: 9783473581887)
    Kathy Kacer

    Die Kinder aus Theresienstadt

     (38)
    Aktuelle Rezension von: buchfeemelanie
    Das Cover sowie der Titel sind passend. Der Schreibsitl ist okay und die Kapitel sind eher kurz. Ergänzt wird das Ganze durch eine Hand voll Zeichnungen.

    Die erste Hälfte, bis zur Ankunft im Ghetto, fand ich deutlich besser.
    Danach wurde es leider etwas langatmiger. Alles war mit den Proben und den Autritt zu tun hat war dann doch leider langatmiger zu lesen. dIE Flucht war spannend. Das Ende hat mir auch gut gefallen.

    Clara ist ein mutiges und nettes Mädchen als sie ihre Heimat verlassen muss.  Sie findet sich schnell im Ghetto zurecht und hilft bald anderen sich an das neue Leben zu gewöhnen.

    Die Thematik ist altersgerecht dargestellt
  8. Cover des Buches Geborgen im Schatten deiner Flügel (ISBN: 9783957344977)
    Anita Dittman

    Geborgen im Schatten deiner Flügel

     (14)
    Aktuelle Rezension von: mabuerele

    „...Es waren die Tränen eines Kindes, das noch zu klein war, um die Bedeutung des Wortes Antisemitismus zu begreifen. Ich verstand nur, dass mein Traum, die beste Balletttänzerin der Welt zu werden, zerbrochen war. Und das es keine Rolle spielte, warum man uns verfolgte...“


    Anita ist sechs Jahre alt, als in der Zeitung ihr Balletttanz lobend erwähnt wird. Gleichzeitig wird allerdings darauf hingewiesen, dass man nicht auf jüdische Tänzerinnen angewiesen ist. Das Eingangszitat ist die Reaktion des Kindes auf den Zeitungsartikel.

    Anita lebte in Breslau. Ihr Vater ist Deutscher, die Mutter deutsche Jüdin. 1933 verlässt der Vater die Familie.

    Anita erzählt ihr Leben von 1933 bis 1945. Das Besondere daran ist, dass sie schon als Kind den Weg zum christlichen Glauben gefunden hat, wie das folgende Zitat belegt:


    „...In diesem Moment in der Kirche hatte einfach der Geist Gottes ein kleines sechsjähriges Mädchen berührt, das wenige Jahre später sein Kreuz aufnehmen und Jesu nachfolgen sollte...“


    Der Schriftstil ist abwechslungsreich. Sachlich werden an vielen Stellen die politischen Zustände geschildert. Bewegend dagegen lesen sich die persönlichen Erlebnisse. Den Staat interessierte nicht, dass Anita und ihre Mutter getauft waren und der christlichen Kirche angehörten. Im Sinne des Nationalsozialmus waren sie Juden. Das bedeutete Diskriminierungen in der Schule und die Pflicht zu Zwangsarbeit für die Mutter. Gut wird dargestellt, wie Pastor Hornig sich um die Familie kümmert, obwohl er sich damit selbst in Gefahr brachte.

    Mit dem Umzug ins Getto endet für Anita die Kindheit. Sie erlebt, wie nach und nach die Nachbarn verschwinden und nie wieder erscheinen. Da sie bewusst ihren Glauben lebt, kommt es zu Spannungen. Viele Juden geben den Christen die Schuld für ihre Probleme. Gleichzeitig vermittelt die Autorin, dass man versucht, ein normales Leben aufrecht zu erhalten. Es werden Freundschaften geschlossen und man hilft sich gegenseitig.

    Immer wieder werden geschickt Informationen um Kriegsverlauf in das Geschehen eingebunden.

    Der nächste Einschnitt kommt, als Anitas Mutter ins KZ Theresienstadt gebracht wird. Nun ist die 16jährige auf sich gestellt. Auf wunderbare Weise erlebt sie dabei Bewahrung und Schutz, sei es beim Überstehen schwerer Krankheit oder bei der Lastenverteilung auf der Arbeit.


    „...Ich sah dem Mann, der mir zuvor seinen mitleidigen Blick geschenkt hatte, tief in die Augen...“


    Das Zitat bezieht sich auf einen der Gestapo-Männer, der ihr ein letztes Beisammensein mit der Mutter vor deren Deportation ermöglicht hat. Es zeigt außerdem, dass Anita eine gute Beobachterin war und die feinen Unterschiede im Verhalten der Menschen wahrgenommen hat.

    Nicht immer kann sie nachvollziehen, warum manche Dinge so geschehen, wie sie geschehen. Doch sie erlebt Menschen, die für sie wie Engel sind, weil sie an einer entscheidenden Stelle den Weg ebnen. Dass sie die Bombardierung Dresdens auf offener Straße unbeschadet übersteht, ist ein Wunder.

    In jeder Situation versucht sie, ihren Glauben weiterzutragen. Gleichzeitig betet sie um Vergebung und Einsicht bei den Tätern.

    Etwa ab Mitte des Buches endet jedes Kapitel mit einem Bibelzitat.

    Persönliche Bilder schließen das Buch ab.

    Die Geschichte hat mir ausgezeichnet gefallen, weil sie sehr persönlich gehalten ist und die Kraft thematisiert, die ein fester Glaube bringt.

  9. Cover des Buches Ich bin ein Stern (ISBN: 9783407789495)
    Inge Auerbacher

    Ich bin ein Stern

     (20)
    Aktuelle Rezension von: Monika58097
    Inge Auerbacher wurde mit ihren Eltern als Siebenjährige ins KZ Theresienstadt deportiert. Das junge Mädchen trotzt allen Schikanen. Sie überlebt Krankheiten und unermesslichen Hunger. Mit dabei hat sie immer ihre Puppe, das einzige Spielzeug, was ihr aus ihrem früheren Leben geblieben ist. Auf ihre Puppe achtet sie, wie auf ihren Augapfel. Inge hat als eine der wenigen Menschen dort überlebt.

    "Ich bin ein Stern" - ein großartiges kleines Buch aus der Sicht der damals jungen Inge Auerbacher geschrieben. Ein autobiographisches Zeitzeugnis für Kinder ab ca. 11 Jahren. Ein Buch, das unheimlich berührt. 

    Die Errichtung eines solchen Lagers überhaupt macht schon sprachlos, doch wenn man liest, dass es für wenige Tausend Menschen gebaut wurde und dass sich dann zeitweise über 40.000 Menschen gleichzeitig dort aufhielten, dann ist man auch als erwachsener Mensch ergriffen, schockiert und fragt sich immer wieder, wie konnte das geschehen? Wieso hat man das zugelassen?

    Das KZ Theresienstadt galt als "jüdische Mustersiedlung" und wurde sogar ausländischen Besuchern präsentiert. Theresienstadt, das Zwischenlager auf dem Weg in die großen Vernichtungslager Richtung Auschwitz. Ich frage mich immer wieder, haben die "Besucher" tatsächlich die Wahrheit nicht sehen können oder haben sie die Wahrheit nicht sehen wollen?

    Ein beeindruckendes Buch, eine Geschichte, die einen so schnell nicht los lässt. Ein Buch für ältere Kinder, für Jugendliche, aber auch für Erwachsene. 
  10. Cover des Buches Gerron (ISBN: 9783423142502)
    Charles Lewinsky

    Gerron

     (17)
    Noch keine Rezension vorhanden
  11. Cover des Buches Die Hoffnung erhielt mich am Leben (ISBN: 9783492212861)
    Ruth Elias

    Die Hoffnung erhielt mich am Leben

     (6)
    Aktuelle Rezension von: jackdeck
    In Vorbereitung auf eine längere Studienfahrt nach Auschwitz habe ich unter anderem dieses Buch gelesen. Die Hitler-Zeit. Die Autorin erzählt von ihrer recht glücklichen Kindheit, von dem Aufenthalt in verschiedenen Konzentrationslagern bis hin zur Befreiung. Diese ganzen Jahre, die sie in den KZ verbracht und ÜBERLEBT hat sind ihr unvergesslich geblieben. Die Angst zu sterben (sie stand mehrere Male kurz davor) und die starke Hoffnung macht dieses Buch so real. Frau Elias ist eine Überlebende des Holocaust. Sie hat die Hölle auf Erden erlebt! Anhand ihres Schicksals, und das anderer Einzelschicksale wird deutlich, zu welchen Gräueltaten die Deutschen fähig waren. Aber das
    unvorstellbare Leid das den KZ-Insassen widerfahren ist, kann man nur sehr
    schwer nachempfinden, wenn man es nicht selbst miterlebt hat. Zum Glück hat Fr. Elias überlebt und war somit in der Lage, dass Ihr zugefügte Grauen und Unmenschliche der Welt mitzuteilen. Also nutzt die Chance und hört auch zu!
  12. Cover des Buches "Versuche, dein Leben zu machen" (ISBN: 9783499623042)
    Margot Friedlander

    "Versuche, dein Leben zu machen"

     (11)
    Aktuelle Rezension von: FabAusten
    “Versuche, dein Leben zu machen.“

    Diese Worte hinterlässt Margot Friedlanders Mutter ihrer Tochter bevor sie dem von der Gestapo verhafteten Sohn folgt und beide deportiert werden. Margot, zurückgelassen und allein, fragt sich, ob sie ihrer Familie folgen oder sich von nun an alleine durchschlagen soll. Margot entscheidet sich, ihre Chance zu nutzen und geht in den Untergrund. Deutsche helfen ihr bis sie schließlich doch festgenommen und nach Theresienstadt geschickt wird. Tatsächlich schafft es die junge Frau, zu überleben und verlässt nach dem Krieg Deutschland in Richtung USA. 

    In dem biografischen Roman, den Malin Schwerdtfeger aus der Sicht Margot Friedlanders verfaßt hat, folgt der Leser dieser auf all ihren Stationen, begleitet sie in die unterschiedlichen Wohnungen und Leben ihrer Helfer. Er kann ihr Gefühl der Verlassenheit ebenso nachvollziehen wie ihren ungebrochenen Willen, den
    allgegenwärtigen Gefahren der nationalsozialistischen Verfolgung zu trotzen. Die prägnanten Sätze, welche die Charaktere und Umstände treffend beschreiben, ermöglichen eine sehr gute Lesbarkeit und einen Lesefluss. Doch wünscht man sich
    manchmal, es wäre alles noch ein wenig eingehender und länger erörtert worden. Möglicherweise gab es aber zu manchen Helfern einfach nicht mehr zu sagen, da beide Seiten eine gewisse
    Anonymität wahren mussten. Falls ein Verhör durchgestanden werden musste, konnte der Betreffende andere nicht belasten.
    Sehr berührend sind die beigefügten Fotos, die M. Friedländer retten konnte. Manchmal wird über eine Person geschrieben, dann schlägt man die Seite um und sie schaut einen an. Sehr eindrucksvoll und es führt einmal mehr vor Augen, dass es sich um tatsächliche Geschehnisse handelt.

    Margot Friedländer, die nicht nur die Erfahrung der Verfolgung machen musste, sondern durch hilfsbereite Menschen auch erleben konnte, dass nicht alle Hitler unterstützten, ist nach dem Tod ihres Mannes aus den USA nach Deutschland zurückgekehrt. Anfangs besuchte sie ihre Heimatstadt Berlin, inzwischen hat sie ihren Lebensmittelpunkt wieder dorthin zurückverlegt. Sie engagiert sich, indem sie als Zeitzeugin über ihre Erfahrungen berichtet. Ergebnisse dieses Engagements sind auch die Dokumentarfilme “Don’t call it Heimweh“ und “Späte Rückkehr“, die sich mit ihrer Lebensgeschichte beschäftigen.
  13. Cover des Buches Zwei lange Unterhosen der Marke Hering (ISBN: 9783462044607)
    Ariel Magnus

    Zwei lange Unterhosen der Marke Hering

     (35)
    Aktuelle Rezension von: lesemaus

    Über eine Leserunde gewann ich das Buch. Der Inhalt hatte mich bewogen, mich für dieses Buch zu bewerben. So fing ich mit viel Freude an zu lesen und musste schon nach wenigen Seiten mit dem Kampf anfangen. Die Erzählstruktur ist hektisch, unkontrolliert und mit keinem Inhalt. In dem Buch geht es um eine alte Frau, die nach der Suche ihrer Mutter sich in die Konzentrationslager einweisen ließ, um sie so zu finden.

    Der Autor, der auch gleich der Enkel dieser Frau ist, möchte mehr von ihr erfahren, und beginnt somit Fragen über die Vergangenheit zu stellen. Leider kam mir überhaupt nix von diesem Inhalt an. Ich hatte von diesem Buch etwas anderes erwartet, mehr zu erfahren, wie sie die Suche nach ihrer Mutter überlebt hat. Aber man bleibt dauernd in Berlin hängen, wo sie gerade auf Besuch ist. Auch wurde nicht detailliert über die Ereignisse gesprochen, so dass man immer dunklen blieb. Auch übermittelte mir das Buch keine Lebensfreude oder Komik. Für mich war dieses Buch eine Aneinandersetzung von Wörtern.

    Mein Fazit lautet: Ich habe schon bessere Bücher über dieses Thema gelesen.

  14. Cover des Buches Austerlitz (ISBN: 9783866155435)
    Winfried G Sebald

    Austerlitz

     (11)
    Noch keine Rezension vorhanden
  15. Cover des Buches Gerron (ISBN: B005ER48WU)
    Charles Lewinsky

    Gerron

     (12)
    Aktuelle Rezension von: Linnhe72
    Inhalt
    «Wenn ich diesen Film mache, werde ich mich für den Rest meines Lebens dafür schämen.» «Und wie lange wird der Rest deines Lebens dauern, wenn du dich weigerst?» Charles Lewinsky erzählt in seinem Buch die (zum grössten Teil fiktive) Lebensgeschichte des deutsch-jüdischen Schauspielers und Regisseurs Kurt Gerron. Die Grundhandlung spielt in Theresienstadt, wo Gerron nach der Besetzung Hollands gelandet ist. Der Lagerkommandant verlangt von ihm, dass er einen Propagandafilm darüber dreht, wie wunderschön und idyllisch das Leben in Theresienstadt doch ist. Er erhählt drei Tage Zeit um sich zu entscheiden. Daraufhin beginnt Gerron zu grübeln. Ist es für ihn moralisch vertretbar so einen Film zu machen? Was ist die Alternative dazu? Hat er überhaupt eine Wahl?

    Meine Meinung
    «
    Gerron» ist kein leichtes Buch. Auch die Erzählweise ist am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig. Aber nachdem ich mich erst einmal eingelesen hatte, konnte ich das Buch fast nicht mehr aus der Hand legen. Ich fand die Geschichte sehr spannend, auch wenn ich mich mit keiner Figur richtig identifizieren konnte. Bei manchen Szenen ist mir das Lachen regelrecht im Hals stecken geblieben und das Ende… Naja, ist halt die Realität.

  16. Cover des Buches Austerlitz (ISBN: 9783867178426)
    Winfried Georg Sebald

    Austerlitz

     (2)
    Aktuelle Rezension von: parden
    BESSER LESEN ALS HÖREN!

    Antwerpen, Hauptbahnhof, Salle des pas perdus im Jahr 1967. Dem Erzähler fällt ein Mann auf, der eingehend die Architektur des Gebäudes betrachtet. Die beiden Herren kommen ins Gespräch und verabreden sich für den nächsten Tag. Aus dem zufälligen Zusammentreffen wird ein über 30 Jahre andauerndes Gespräch an verschiedensten Orten Europas. Zwischen London, Paris und Prag erzählt der Kunsthistoriker Austerlitz seine Geschichte: die Geschichte einer verlorenen Kindheit, die sich bruchstückhaft und nach und nach zu der eines Überlebenden einer der schlimmsten Katastrophen der Menschheit zusammensetzt.

    Jacques Austerlitz  ist ein Überlebender - über den sog. 'Kindertransport' (Refugee Children Movement) wurde er im Sommer 1939 quer durch Europa bis nach Wales gebracht, ohne seine Eltern und ohne überhaupt jemanden zu kennen. Fünf Jahre war er da gerade alt und wurde von einem strengen Methodisten und seiner Frau in Obhut genommen, die ihm einen anderen Namen gaben und ihm nie auch nur ein Wort von seiner Vergangenheit erzählten. So vergaß der kleine Junge allmählich seine Herkunft sowie seine Sprache und wuchs als jemand anderes heran - und hatte doch nie das Gefühl, wirklich irgendwo zu Hause oder auch nur er selbst zu sein...

    Als er als Jugendlicher plötzlich im Internat mit seinem früheren Namen konfrontiert wurde, kam Austerlitz eine Ahnung von seiner Herkunft, doch es sollten noch Jahre vergehen, bis er eine mögliche Spur seiner wirklichen Familie fand. Er begab sich daraufhin auf eine Reise quer durch Europa, um der Geschichte seiner Eltern und von sich selbst nachzuspüren...

    Die Geschichte von Jacques Austerlitz wird in diesem Roman über den Zeitraum von 30 Jahren erzählt und tatsächlich entpuppt sich dieser dramatische Hintergrund erst spät. Der häufig reisende namenlose Ich-Erzähler trifft den belesenen Kunsthistoriker im Verlauf dieser 30 Jahre immer wieder unversehens an verschiedenen Plätzen in Europa, oftmals an Bahnhöfen, und ist fasziniert von den Themen, über die Austerlitz aus dem Handgelenk schüttelnd druckreife Essays zu dozieren vermag. Die Architektur von Bahnhöfen beispielsweise ist solch ein Sujet, militärische Befestigungsanlagen, staatliche Gebäude, aber auch Insekten, andere Tiere und Pflanzen, Sternbilder, Kunstwerke, die Städte London, Paris und Prag - kaum ein Bereich, zu dem Austerlitz kein lexikalisches Wissen angehäuft hat.

    Doch zwischen all diesen nahezu wissenschaftlich anmutenden Exkursen entspinnt sich die eigene Geschichte von Jacques Austerlitz, seine Suche nach seienr Identität, der Kampf um seine Erinnerungen, die auch durch das Trauma der Entwurzelung verschüttet wurden. Die Geschichte eines Entwurzelten, der keine Heimat mehr finden kann...


    "Ich sah wieder die mächtigen Quader zu meinen Füßen, den Glimmer im Stein, das graubraue Wasser im Hafenbecken, die schräg aufwärts laufenden Taue und Ankerketten, den mehr als haushohen Bug des Schiffes, die Möwen, die wild kreischend über unseren Köpfen herumflatterten, die durch die Wolken brechenden Sonnenstrahlen und das rothaarige Mädchen mit dem Schottencape und dem Samtbarett, das sich während der Fahrt durch das dunkle Land um die kleineren Kinder gekümmert hatte in unserem Abteil, dieses Mädchen, von dem ich Jahre später noch, wie ich mich jetzt entsann, wiederholt träumte, daß es für mich in einer von einem bläulichen Nachtlicht erleucheten Kammer ein lustiges Lied spielte auf einer Art von Bandoneon." (S. 208 f.)


    Wer jetzt staunt über diesen Bandwurmsatz im Zitat, dem sei gesagt: genau das ist das Problem dieses Buches. Jeder einzelne Satz ist ein Kunstwerk für sich, fein geschliffen, jedes Wort herauspoliert, das Konstrukt fein verschachtelt. Doch in der Summe weigerte sich mein Hirn von Beginn an, viel mehr als einen Satz auf einmal wirklich aufzunehmen. Endlose Aufzählungen ermüden, der ständige Wechsel derThemen verwirrt, die essayartige Ausarbeitung verschiedener Aspekte von Architektur und Natur ist anstrengend zu hören, der monotone Vortrag Michael Krügers ebenso, so dass ich mich dabei ertappte, dass meine Gedanken ständig abschweiften. Immer wieder begann ich mit dem Hörbuch von vorne, so dass ich auch nach Wochen nicht wirklich weiterkam.

    So beschloss ich, mir das gedruckte Buch dazu auszuleihen, und nach jeder beendeten CD im Buch noch einmal querzulesen, was mir zuvor vorgelesen wurde, um sicherzugehen, wirklich nichts zu verpassen. Bei 421 engbedruckten Seiten ohne jeglichen Absatz, ohne eine hilfreiche Einteilung in Kapitel oder auch nur Anführungszeichen bei der häufig verwendeten direkten Rede, immer verdeutlicht durch ein eingefügtes 'sagte Austerlitz' - oder, ganz abstrus, auf dritter Ebene durch ein 'sagte Vera, sagte Austerlitz' - ebenfalls kein wirkliches Vergnügen. Allein die eingestreuten in schwarz-weiß gehaltenen Fotos sorgen gelegentlich für eine angenehme Pause für die Augen.

    Dieses Buch ist keine (Auto)biographie, es ist auch kein Roman, kein Bericht, kein Essay - es ist von allem etwas, eine kunstvoll hochstilisierte Dichtung mit einer eng gedrängten Fülle von Themen, Erinnerungsfetzen und Gedankengängen. Kunstvoll. Aber anstrengend. Als Hörbuchversion (hier in der vollständigen Lesung mit 9 Audio-CDs und einer Gesamtspieldauer von 11 Stunden und 20 Minuten) ist die Erzählung meiner Meinung nach nicht wirklich geeignet, da: viel zu komplex, verschachtelt, überfrachtet.

    Alles in allem ein ambitioniertes Werk mit einer feinen, ausgefeilten Sprache, das aber droht, den Leser / Hörer zu überfordern und mit Themen zu erschlagen. Die eigentliche Geschichte gerät teilweise stark in den Hintergrund, dafür geraten immer wieder andere Themen in den Fokus, die als einzelne Vorträge oder Essays von Interesse sein mögen, in diesem Zusammenhang aber doch einfach ein Zuviel darstellen...

    Sebald mag sich mit diesem Buch ein Denkmal gesetzt haben - mich sprach es trotz des bedrückenden Hintergrundes in dieser Darreichungsform leider nicht an.


    © Parden
  17. Cover des Buches Aimée und Jaguar (ISBN: 9783462307634)
    Erica Fischer

    Aimée und Jaguar

     (91)
    Aktuelle Rezension von: dot
    Im Roman " Aimée und Jaguar" von Erica Fischer geht es um die 29-jährige Lilly Wust. Lilly ist verheiratet, Mutter von vier Kindern und lebt zur Zeit des zweiten Weltkriegs in Deutschland die Rolle der Nazifrau. Als sie der 21-jährigen Felice Schragenheim begegnet, verändert sich ihr Leben. Schnell fühlen sich die zwei Frauen unergründlich zueinander hingezogen und als Lilly ("Aimée") erfährt, dass Felice ("Jaguar") Jüdin ist, bindet sie das nur noch stärker aneinander. Aimée und Jaguar leben ihre Liebe aus, solange sie können. Sie tauschen sogar Ringe und schließen einen Ehevertrag, doch sie leben auch in ständiger Angst davor entdeckt zu werden. [...] 1991 lernt die bereits 78-jährige Lilly Wust die Autorin Erica Fischer kennen. Sie veröffentlicht mit Hilfe von Lilly's Erinnerungen und Andenken an Felice das Buch " Aimée und Jaguar".


    " Aimée und Jaguar" ist eine tragische Geschichte einer Liebe zweier Frauen, die in ständiger Angst aber auch Hoffnung existierte, den Krieg letztendlich aber nicht überstehen durfte.
  18. Cover des Buches Brundibar (ISBN: 9783806750737)
    Maurice Sendak

    Brundibar

     (2)
    Noch keine Rezension vorhanden
  19. Cover des Buches Ein Buch für Hanna (ISBN: 9783407743299)
    Mirjam Pressler

    Ein Buch für Hanna

     (27)
    Aktuelle Rezension von: MalaikaSanddoller
    Eine wirklich schöne Geschichte.
    Mann kann sich wirklich sehr gut in Hanna's Situation einfühlen.
    Da hat Pressler mich wieder einmal nicht enttäuscht!
  20. Cover des Buches Überleben (ISBN: 9783218011297)
    Gerhard Zeillinger

    Überleben

     (22)
    Aktuelle Rezension von: monerl

    Meine Meinung
    Dies wird keine Rezension im üblichen Sinne! Dies sind emotionale Zeilen zu einem Buch, einem Zeitzeugenbericht, der mich in vielerlei Hinsicht schmerzt!

    Nachdem ich nun gestern (27. Oktober 2019) das Buch beendet habe und auf der Suche nach weiteren Informationen zum Autor und dem Zeitzeugen Walter Fantl war, stolperte ich über das Todesdatum von Walter Fantl. Gestorben ist er am 24. Oktober 2019. Das war letzten Donnerstag und das war während ich noch das Buch gelesen habe. Es überkommt mich Gänsehaut! Während ich über die Kindheit und den familiären Verlust von Walter Fantl und all den anderen Juden lese, während ich froh bin, dass er und einige andere den Holocaust in den Konzentrationslagern, wie z. B. Auschwitz, überlebt haben, stirbt Herr Walter Fantl im Alter von 95 Jahren. Und genau gestern in der Früh, das wusste ich gestern noch nicht, wurde er in Wien beerdigt.  

    Beide Gefühle, Freude und Trauer, werden überlagert. Und dennoch bin ich von Herzen froh, dass Herrn Fantl noch so viele Jahre Frieden geschenkt wurden.

    Und während ich gestern Abend die Buchdeckel zuklappte und so durchs Internet surfte, sah ich die Hochrechnungen der Thüringer Landtagswalen 2019! Ich sah, wie die AfD in Thüringen mit einem Plus von 12,8% auf ein Ergebnis von 23,4% gekommen war!

    Ein EKEL stieg in mir hoch, ich kann es kaum besser in Worte fassen. Ich fühlte mich benebelt, traurig und furchtbar wütend! Ja, ich bin immer noch richtiggehend wütend, weil ich nicht glauben kann, dass so viele Menschen, jeglichen wahlberechtigten Alters, einen Faschisten und sein rechtes Gedankengut gutheißen!

    Ich kann nicht fassen, dass das Leid Walter Fantls und das von millionen anderer Juden, Sinti und Roma, behinderter und kranker Menschen und anderer Minderheiten vergessen und weggewischt werden konnte! Wer solche Bücher liest, wie ich sie lese, Videos, Filme und Berichte von Zeitzeugen gesehen hat, kann nicht die AfD wählen und kann nicht wollen, dass wir erneut ein NAZI-Deutschland bekommen! Jedem Menschen, mit einem Minimum an Empathie und Menschlichkeit, weden solche Berichte, Fotos und Filme das Herz zusammendrücken und sie werden wissen, dass so eine Partei unter KEINEN UMSTÄNDEN gewählt werden darf, auch nicht aus Protest!

    Gerhard Zeillinger schreibt über Walter Fantl und berichtet über andere Wiener Juden, wie sie nach und nach entrechtet wurden und wie ihr Weg langsam aber sicher ins Konzentrationslager geführt hat.

    Dass Theresienstadt, wo Walter Fantl lange Zeit gelebt hat, ein Juden Ghetto, ein Durchgangslager war, war mir bis zu diesem Buch nicht so richtig klar. Viele prominente Juden aus dem Theater- und Künstler-Milieu waren in Theresienstadt. Daher gab es dort ein ungewöhnliches “kulturelles Leben”, wie in keinem anderen KZ, Lager oder Ghetto. Die Texte, die zu dieser Zeit dort entstanden, berichten über das damalige Leben, über das “Als-ob”-Leben.

    “Vieles im Ghetto wird nun anders, zumindest nach außen hin, seit der Besuch der “Kommission” angesagt ist. Schon im Jahr davor haben deutsche Pressevertreter und eine Delegation des Deutschen Roten Kreuzes Theresienstadt besucht und es war icht schwer, ihnen für wenige Stunden eine heile Welt vorzuspielen. Diesesmal sind es Vertreter des Internationalen Komitees und dänische Delegierte, die sich ein Bild vom Leben im Ghetto machen wollten.” (S. 139f)

    “Die SS lässt kurz darauf Filmoperateure aus Prag kommen, um das schöne Leben in Theresienstadt zu dokumentieren. Ein “Kulturfilm” wird gedreht, von der Prager Wochenschau-Gesellschaft. Sie filmen einen Alltag, den es nicht gibt, mit Hunterten Häftlingen als Statisten.” (S. 142)

                                

    Und immer wieder schwanken meine Gedanken zu der Frage, wie es sein kann, dass all das Grauen heute scheinbar vergessen wurde. Und dann erinnere ich mich, wie Gerhard Zeillinger in der Nachlese des Buches schreibt:

    “Im Gegensatz zu den anderen europäischen Regierungen, die sich bemühten, ihre Überlebenden so schnell wie möglich nach Hause zu holen, hatte die österreichische Bundesregierung keinerlei Anstalten zur Repatriierung der österreichischen Juden unternommen.” (S. 227)

    “Der österreichische Bundespräsident Karl Renner bekundete im Jahr 1946, dass er einer Wiederansiedlung von Juden in Wien mit allen Mitteln entgegentreten werde.” (S. 230)

    “Zwei Jahre später [1963] begannen in Deutschland die Auschwitzprozesse. Aber nur wenige wurden zur Rechenschaft gezogen. Von den SS-Männern der Wachmannschaft in Gleiwitz und den berüchtigten Kapos im Lager wurde kein einziger angeklagt.” (S. 230)

     

    Aus heutiger Sicht kommt deshalb das Gefühl in mir auf, dass damals nicht genug getan wurde. Viel zu viele Nazi-Verbrecher hatten überlebt und durften nach dem Krieg ein neues Leben anfangen, ganz unbescholten und frei. Und wer weiß, wie viele der Nachkommen mit der NS-Ideologie aufgewachsen sind und sie weiter verbreiten konnten. Eventuelle ernten wir gerade, was damals gesät wurde…  

                        

    Fazit                            

    Dieses und viele andere solcher Bücher sollten m.M.n. als Pflichtlektüre im Unterricht gelesen werden! Bildung bildet und öffnet Augen und auch Herz. Das Wissen über den Holocaust muss weiter verbreitet werden, da die letzten Zeitzeugen demnächst aussterben werden. Viele von ihnen, wie auch Walter Fantl, haben in der Öffentlichkeit und auch in Schulen darüber gesprochen. Wenn sie es nicht mehr können, müssen wir da weitermachen, wo sie aufgehört haben.


    Mehr Berichte und Videos auf:

    --> MonerlS-bunte-Welt


  21. Cover des Buches Grosse, kleine Schwester (ISBN: 9783462300840)
    Peter Härtling

    Grosse, kleine Schwester

     (11)
    Aktuelle Rezension von: sommerlese

    Den Schicksalsroman "*Große, kleine Schwester*" schrieb Autor "*Peter Härtling*" 1998. Meine Ausgabe ist die 7. Auflage aus dem dtv von 2011. 

    Härtling erzählt das Leben der Schwestern Ruth Böhmer, geboren 1907, und Lea Popischil, geboren 1908. Aufgewachsen sind sie im Ort Brünn in Mähren und erleben eine behütete Kindheit.
    Ruth ist mehr der intellektuelle und strenge, Lea eher der sportliche und lebensfrohere Typ.
    Doch zwei Weltkriege beeinflussen ihr Leben und sie erleben politische Wechsel, ohne sie genau zu verstehen. Schließlich leben sie mit ihrer Familie friedlich im engen Kontakt mit Tschechen, Deutschen und Juden zusammen.

     

    Die Erzählweise dieses Romans ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, das liegt an langen Schachtelsätzen und einer fast berichtartigen Schilderung.

    Die abwechselnden Kapitel verknüpfen jedoch gekonnt Zeitgeschichte und individuelles Familienschicksal miteinander. Es entsteht der Eindruck eines Ganzen, wenngleich die Zeitsprünge nicht inhaltlich verbinden.

    Hier wird Geschichte "vorgelebt" und nachfolgende Generationen erfahren mehr über diese Zeit. Sicherlich das Hauptanliegen Peter Härtlings, der den zweiten Weltkrieg ebenfalls miterlebt hat.
    Mir persönlich wird durch diesen Roman deutlich, dass die Nazizeit  nicht nur bedauernswerte Tote hinterlassen hat. Auch die "Überlebenden" hatten häufig wenig Chancen auf ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben.

    Die Schwestern bilden im Alter ein eigenartiges Gespann! Jede kennt die Schwächen und Fehler der anderen und sie machen sich teilweise gehässig darauf aufmerksam. Aber es ist eine Hassliebe und sie brauchen einander wie in einer Symbiose. Die gemeinsamen Erlebnisse verbinden ebenso wie die starken familiären Bande. Nur gemeinsam sind sie stark!

     

    Ein wahrhaftig eindringliches Werk über Zeitgeschichte und nachdenklich machende kriegsbestimmte Einzelschicksale! Wie viele Schicksale dieser Art hat das vergangene Jahrhundert wohl durch Kriege hinterlassen?
    Dieses Buch rührt auf und mahnt! Sehr lesenswert!
  22. Cover des Buches Holocaust (ISBN: 9780553118773)
    Gerald Green

    Holocaust

     (1)
    Noch keine Rezension vorhanden
  23. Cover des Buches Mich hat man vergessen (ISBN: 9783407787477)
    Eva Erben

    Mich hat man vergessen

     (5)
    Aktuelle Rezension von: cecilyherondale9
    In ihrer Biografie erzählt Eva Erben von ihrer Zeit im Konzentrationslager und von der Zeit danach.
    Wenn man das Buch liest fühlt man sich wie in diese schreckliche Zeit zurückversetzt. Man kann vieles besser nach vollziehen und erfährt viel neues. Ich finde es wichtig, dass solche Bücher und Geschichten aufgeschrieben werden, damit alle wissen, was damals passiert ist.
  24. Cover des Buches Stille Hilfe für braune Kameraden (ISBN: 9783746670546)
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