Bücher mit dem Tag "thomas mann"
51 Bücher
- Thomas Mann
Der Zauberberg
(576)Aktuelle Rezension von: Buchfreundin55Der Zauberberg, erstmals 1924 veröffentlicht, gilt als eines der zentralen Werke der deutschen und europäischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Thomas Mann, der den Roman in einer Zeit zunehmender politischer und kultureller Umbrüche schrieb, entfaltet auf über siebenhundert Seiten ein dichten Netz aus Philosophie, Psychologie, Politik und Geschichte. Zentrales Moment des Romans ist der Aufenthalt des jungen Ingenieurs Hans Castorp in einem Sanatorium in Davos, der sich zunächst als Besuch zu einer kurzen Zeit erweist, doch durch eine Reihe von Begegnungen, Gesprächen und inneren Bewegungen sich zu einer langen Existenz innerhalb der kurativen Welt der Bergwelt verdichtet.
Die Nacherzählung der Ereignisse erfolgt mit einer Mischung aus nüchterner Detailtreue und dichterischer Verdichtung. Der Roman verwebt multiple Ebenen: die konkrete Handlung im Sanatorium, die intellektuelle Auseinandersetzung der Figuren untereinander, und eine meta-narrative Reflexion über Zeit, Krankheit und Sterblichkeit. Die Chronik des Berg- und Sanatoriumslebens wird durch eine Vielzahl von Dialogen getragen, in denen sich philosophische, politische und medizinische Diskurse begegnen.
Hans Castorp entwickelt sich im Spannungsfeld von Begehren, Zweifel und intellektueller Neugier. Sein Wandel ist eher graduell als dramatisch: Von einem oberflächlich neugierigen, nahezu unentschlossenen Jüngling wird er zu einem Individuum, das die existenzielle Frage nach Zeitlichkeit, Krankheit und Lebensstil ernsthaft sondiert. Die übrigen Figuren fungieren als Doppelgänger und Katalysatoren für Castorps Selbstdeutung. Ihre Stimmen und Ideen stehen in Gegensatz zueinander: Humanismus versus Rationalismus, Aufklärung gegen existentielle Erkenntnis, Lebenskunst gegen asketische Askese. Der Dialog wird so zum Motor des Romans: Er dient nicht nur der Charakterisierung, sondern dient als Feld, in dem sich Ideen gegenseitig testen, widerlegen oder bestätigen.
Ein weiteres zentrales Thema ist die Krankheit als Metapher. Krankheit wird nicht bloß als medizinischer Zustand beschrieben, sondern als Zustand des Denkens und des Lebensstils. Als solcher fordert sie die Zeitgenossen heraus, die Grenzen von Gesundheit, Normalität und Freiheit neu zu definieren. Der Roman verhandelt die Frage, ob Krankheit eine Art Lehrmeister für das Bewusstsein sein kann oder vielmehr eine Bedrohung, die den Blick verengt. Manns Darstellung der Krankheiten – einschließlich der Tuberkulose, der als politische Metapher fungieren kann – bietet eine vielschichtige Perspektive auf Gesellschaft und individuelle Verantwortung. Der Zauberberg ist unauflöslich mit den politischen und philosophischen Umbrüchen seiner Epoche verbunden.
- Thomas Mann
Buddenbrooks
(2.426)Aktuelle Rezension von: HarryPlotterDie Buddenbrooks ist kein optimistischer Roman. Im Mittelpunkt stehen Johann Buddenbrook und später seine Kinder Thomas und Tony; am Ende bleibt nur noch Hanno. Man erlebt, wie die Familie nicht nur an gesellschaftlichem Ansehen verliert, sondern allmählich zerfällt.
Schon zu Beginn wird deutlich, dass alles auf einen Niedergang hinausläuft. Während sich gesellschaftliche Verhältnisse und Machtstrukturen verändern, versuchen Thomas und Tony, den Namen und die Würde der Familie zu bewahren – doch die neuen Zeiten sind unerbittlich. Viele Nebenfiguren verstärken dieses Bild einer Welt, die zunehmend überholt wirkt.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen, auch wenn einige Passagen – besonders um Hanno – etwas schwerfällig waren.
- Thomas Mann
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
(322)Aktuelle Rezension von: MelB2508Thomas Mann ist natürlich ein Autor, den man direkt mit Deutschunterricht in der Schule in Verbindung bringt. Auch ich habe ihn seit meiner Schulzeit nicht mehr gelesen. Meine mittlere Tochter macht jetzt gerade Abitur und als ich ihr den Felix Krull besorgt habe, habe ich sie gebeten, ihn nach ihr lesen zu dürfen. Okay, es braucht ein bisschen, um in die Sprache einzutauchen - die berüchtigten Kettensätze, die sich über halbe Seiten ziehen, sind wie ich es noch erinnere definitiv kein Vergnügen beim Lesen. Mir persönlich gefällt es gut, wenn die Sprache nicht allzu modern ist und ich genieße es, wenn die Wortwahl ein bisschen altmodisch ist und Wörter einschließt, die definitiv nicht in meinem aktiven Wortschatz vorkommen. Wenn man diese stilistischen Dinge bedenkt und "reingekommen" ist, wird man mit einer Geschichte belohnt, die wirklich teilweise abstrus und haarsträubend ist und auch durchaus voller Komik. Einiges ist mir sogar ein bisschen zu abgedreht gewesen - wie die ältere Dame, die sich auf einen ONS mit Felix, dem Liftboy, einlässt und sich davon erregen lässt, dass er sie bestiehlt, oder natürlich auch die ganze "Sache" zwischen Felix und Mutter und Tochter Kuckuck in Lissabon.
Auch ist zu bedenken, dass die Geschichte recht abrupt endet, da das Buch nicht fertig gestellt wurde.
Alles in allem aber auf jeden Fall ein Roman von Thomas Mann, den man durchaus zum Vergnügen lesen kann und den ich daher auch weiter empfehlen kann!
- Thomas Mann
Der Tod in Venedig
(473)Aktuelle Rezension von: MeazostroMit Thomas Mann bin ich bisher eigentlich nicht warm geworden: Mit dem Zauberberg stehe ich auf argem Kriegsfuß, verschiedenen Erzählungen konnte ich daran anschließend nichts abgewinnen (Gefallen, Luischen, Der Wille zum Glück, Gladius Dei). Auch in diesem Band sind neben Der Tod in Venedig noch weitere Erzählungen zu finden die sich mir teils weder inhaltlich noch literarisch erschließen, jedoch teils auch ganz unterhaltsame Charakterstudien darstellen (etwa Der kleine Herr Friedemann). Leider verbleiben diese für meinen Geschmack dennoch oft in der kurzweiligen Belanglosigkeit. Das für die Zusammenstellung der Sammlung verbindende Element ist der Tod, der eigentlich in jeder Erzählung den Kulminationspunkt wie auch ihr Ende darstellt.
Umso überraschender war für mich dann die Lektüre der namensgebenden Novelle Der Tod in Venedig. Mann scheint hier all seine Kräfte zu mobilisieren um in ausschweifenden Sätzen mit vielen poetischen Beschreibungen und Anmerkungen die Gefühlswelt des arbeitswütigen intellektuellen Mittfünfzigers zu beschreiben, der sich im Urlaub in Venedig in einen Vierzehnjährigen verliebt, während dort im Hintergrund schleichend eine Choleraseuche ausbricht. Der Inhalt der Handlung wurde zurecht in vielen Schulstunden zur Genüge diskutiert, da er viele Motive und Ebenen miteinander vereint. Ein paar davon sind etwa: die Amoralität der Ästhetik, das die Intellektualität überschreibende Affizieren des Sinnlichen, die Absurdität der ordnungssüchtigen bürgerlichen Gesellschaft oder auch die Reflektion auf den eigenen Verfall im Alterungsprozess. Ich meine gelesen zu haben, dass Mann die Novelle selbst als "Tragödie einer Entwürdigung" bezeichnet hat, was eine sehr treffende Beschreibung darstellt. Der Aufbau der Novelle gleicht auch einer klassischen Tragödie, einige Passagen können wohl als auch als Hommage daran gelten, was mich ehrlicherweise aber nicht besonders interessiert. Die sprachliche Form hingegen überaus interessant. Die bereits erwähnten, ausufernden Beschreibungen insbesondere in der ersten Hälfte des Handlungsverlaufes sind deswegen so gut gewählt, weil erst über das ästhetische Empfinden des Protagonisten auch die Handlungsmotivationen entstehen und verständlich werden. Mit dem geistigen Abgleiten des Protagonisten in eine fast schon psychotische Richtung nehmen auch die Beschreibungen einen Spagat ein zwischen der realen Außenwelt und dem immer abstrakteren Innenleben. So verdient sich Thomas Mann hier, dass die Lesenden seiner Sprache folgen obwohl sie keine mundgerechten Sätze präsentiert bekommen (Laut lesen kann den Satz manchmal auch ins rechte Licht rücken ;-), wirkt selber poetisch).
Deswegen gibts fünf Sterne von mir, für das literarische Filetstück Manns, dass für mich einen überraschenden Tiefgang in vollendeter Form vorlegt und auch separat als Buch ist. Der Sammelband hier zeigt auch einen guten Querschnitt über die Entwicklung Manns in über 50 Jahren, wobei Der Tod in Venedig eine Ausnahme bleibt. Ich bin nach der Lektüre auf jeden Fall mehr motiviert doch noch einmal einen größeren Roman von Mann in die Hand zu nehmen.Edit: Egal wie sehr Mann auf eine Parallele mit den antiken Griechen ziehen will, die sexuelle Liebe zu einem 14 Jährigen ist Pädophilie und derartige Handlungen aus gutem Grund heute strafbar. In anderen Rezensionen habe ich aufgrund der Darstellung eines scheinbar Pädophilen eine scharfe Verurteilung Manns gelesen, ihm wird teils vorgeworfen seine homosexuellen Neigungen auszuleben (wobei die Gleichsetzung beider Neigungen zu den klassischen homophoben Mythen gehört und absolut unsinnig ist). Ich halte beide Vorwürfe für unberechtigt, da erstens nicht klar ist ob diese Liebe sexueller Natur ist oder einen ästhetizistischen Ursprung hat (ist aber strittig) und viel entscheidender zweitens ja gerade auf diese Amoralität des Sinnlichen als Entwürdigung des Liebenden abgezielt wird, also die vorgebrachte Kritik ja implizit Gegenstand des Textes ist. Von daher für mich nur ein Zeichen der tiefsitzenden gesellschaftlichen Angst allem, was nur den Anschein hat nicht ins genormte Bild zu passen, direkt mit Ablehnung und Voreingenommenheit zu begegnen.
- Thomas Mann
Doktor Faustus
(137)Aktuelle Rezension von: RattusExlibricusKategorie: Gesellschaft und Politik | Psychogramm | Tragödie [Bisher 1x gelesen]
Ich werde für diese Rezension Abstand von meinem üblichen Bewertungssystem nehmen, aber mit validem Grund. „Doktor Faustus“ ist ein sehr ungewöhnliches Buch mit ziemlich viel Anspruch. Und damit meine ich nicht den Schreibstil Thomas Manns, der einem ja auch im Zauberberg manchmal etwas abverlangen kann. Dieses Werk ist mit meinen bisherigen Erfahrungen mit diesem Schriftsteller – Buddenbrooks, Zauberberg, Felix Krull – nicht zu vergleichen.
Es ist allein schon schwer, eine sinnvolle Inhaltsangabe zu verfassen. Vordergründig handelt es sich um eine fiktive Biographie des ebenso fiktiven Musikers Adrian Leverkühn, erzählt seinem fast schon bis zur Nervigkeit devot ergebenen und nicht immer unparteiischen „besten Freund“ (wer das Buch gelesen hat, wird wissen, warum die Anführungszeichen da sind). Hintergründig ist es ein politischer Text, ein Psychogramm und Text über Prägung, eine Abhandlung über Geisteskrankheit, über Kunst, Kulturbegriff, Kunstproduktion und Kunstverständnis, den Begriff des Genies und seinen Preis, über Musik und über Freundschaft (im zynischen Sinne) bzw. Misanthropie und Verletzlichkeit. Dabei noch Gesellschafts-, Kriegs- und Religionskritik, dieses Buch fährt gefühlt alles auf, was die damalige (und heutige) Gesellschaft bewegt€. All diese Themen durchdringen einander die ganze Zeit und ich denke, es ist oft nicht einfach zu erkennen, welchen Hauptfokus (oder mehrere) ein Abschnitt gerade legt, gerade bei den ausschweifenden Erläuterungen zu Musiktheorie, denen auch ich trotz eines profunden Basiswissens oft nicht mehr folgen konnte (und die deshalb manchmal sehr interessant und manchmal sehr langatmig waren).
Überraschend ist, wie selbst bei wachsendem Unverständnis die Neugierde auf die erwähnten Musikstücke geweckt wird – manchmal war es fast schon enttäuschend, dass man sie nicht im echten Leben anhören konnte, um die Beschreibung der Wirkung besser zu verstehen.
Diese ständige Verarbeitung paralleler Bedeutungsebenen macht die Lektüre trotz der meist linearen Handlung manchmal zu einer ziemlichen Herausforderung, zudem das Buch unbestreitbar Längen hat (und das auf fast 700 Seiten).
Der Hauptcharakter will objektiv berichten, schafft es aber trotzdem nicht (natürlich völlige Absicht, er reflektiert sogar darüber) und holt immer wieder sehr weit aus – Dinge, die man wissen muss, um das Psychogramm „Adrian Leverkühn“ zu verstehen und die in ihrem Interessantheitsgrad aber leider schwanken. Die Charaktere sind entweder bodenlos tief oder zynische Karrikaturen, man kann sie plastisch greifen und kommt trotz sehr (!) viel Personals selten durcheinander.
Die generelle Grundaussage ist eher misanthropisch, der im Titel angekündigte Teufelspakt (eine geniale Szene) lässt lange auf sich warten, nur zur Information (ich habe zu lange gewartet, bis ich ihn hintenangestellt habe).
Die Sprache und die Sätze sind ausgeschmückt, schwer und detailreich, was je nach Absatz zwischen Eindringlichkeit und Langatmigkeit hin und her changiert. Wer Thomas Mann kennt, weiß, in welche Richtung es geht (absatzlange Sätze etc.), aber hier hat er sich selbst überboten. Respekt gezollt sei hier übrigens der immensen Recherchearbeit, die hinter diesem Buch gesteckt haben muss. Das ganze Werk ist strikt durchkomponiert, mal sehr offensichtlich, dann wieder eher versteckt. Die Leitfäden (ja, Plural!) ziehen sich durch alle Teile, mit variierender Dominanz.
Ich würde – trotz der guten Bewertung – für dieses Buch nur eine eingeschränkte Leseempfehlung geben – eingeschränkt je nach Zielgruppe und Zielaufwand. Es ist ein monumentales, umfangreiches und anstrengendes (auch für Liebhaber von Klassikern und „schwererer“ Literatur) Werk, das wohl niemand beim ersten (oder wahrscheinlich auch wiederholtem) Lesen komplett verstehen wird. Dieses Buch zu lesen, kostet deutlich Anstrengung und Zeit! Man sollte es wissen, wenn man sich darauf einlässt und muss es wollen. Ich persönlich bin mir nicht sicher, ob ich in den nächsten paar Jahren dazu aufgelegt sein werde, aber irgendwann gewiss wieder, allein schon ob des Vergleiches der Wahrnehmung willen.
- Thomas Mann
Tonio Kröger
(178)Aktuelle Rezension von: Trishen77"Siehe sie an, die guten Schüler und die von solider Mittelmäßigkeit. Sie finden die Lehrer nicht komisch, sie machen keine Verse und denken nur Dinge, die man eben denkt und die man laut aussprechen kann. Wie ordentlich und einverstanden mit allem und jedermann sie sich fühlen müssen! Das muss gut sein... Was aber ist mit mir, und wie wird dies alles ablaufen?"
Tonio Kröger spürt schon in frühster Jugend, dass er anders ist. Während andere Reiten, liest er den Don Carlos; während das Mädchen, dass er bewundert und liebt, ihn nicht einmal bemerkt, beachtet ihn nur ein scheues Mauerblümchen. Er will seine Berufung und spürt seinen Willen zur Kunst, doch sehnt er sich mehr und immer danach, dass all das von ihm abfallen möge. Die Sehnsucht, dass er nicht erkalte mit seinem Blick an der Betrachtung, sondern sich wärmen könne mit seinem Körper am Leben.
"Wie würdevoll und unberührbar Herrn Knaaks Augen blickten! Sie sahen nicht in die Dinge hinein, bis dorthin, wo sie kompliziert und traurig werden; sie wussten nichts, als das sie braun und schön seien."
Es gibt eine Anekdote, nach der einst ein junger Mann nach der Lesung zu Thomas Mann kam und sagte: "Das Wesentliche, was sie geschrieben haben, ist der Tonio Kröger - wissen sie das?!" Und Thomas Mann soll nur genickt haben.
Der Tonio Kröger gehört für mich zu den wunderbarsten Erzählungen, die je geschrieben wurden. So einfach, erzählend schön und stimmig wurde selten über das Wesen des Künstlers und über das seelische Verlangen des Menschen geschrieben. Es finden sich so viele wahre Sätze in diesem kleinen Buch ("Die Kunst ist kein Beruf, sondern ein Fluch"), so viele schöne Stellen, so viele einfache, plastische Atmosphären. Das kleine Stück, das ich Tonio Kröger schon einige Male begleitet hab, ist mir immer wieder neu und doch stets unvergessen.
Denn spätestens wenn Tonio bemerkt, "dass die Kenntnis der Seele allein unfehlbar trübsinnig machen würde, wenn nicht die Vergnügungen des Ausdrucks uns wach und munter hielten", muss jeder wahre Künstler doch eigentlich anfangen, mit Tränen in den Augen oder lächelnden Lippen zu nicken.
Und wenn er wunderbar offen preisgiebt: "Ich liebe das Leben [...] das Leben, wie es als ewiger Gegensatz dem Geiste und der Kunst gegenübersteht", kann man lange darüber nachsinnen.
Der ewige Zwist zwischen Künstlertum, und der Liebe zum Leben und dem, was man nicht erklären kann, weil es einfach da ist, ein Teil vom Leben an sich - nie ist dies so schön und fein dargestellt worden, wie in dieser Novelle, die mit einem der wunderbarsten Schlusstakte der deutschen Literatur endet.
Dies Buch ist wundervoll. "Sehnsucht ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganz keusche Seligkeit." - Hans Pleschinski
Wiesenstein
(53)Aktuelle Rezension von: SigismundFünf Jahre nach seinem viel gelobten Roman „Königsallee“ um Nobelpreisträger Thomas Mann widmet sich Hans Pleschinski (61) nun in seiner auch für literaturwissenschaftlich Unerfahrene absolut lesenswerten Romanbiografie „Wiesenstein“, im März beim Verlag C. H. Beck erschienen, dem Leben und Wirken des Dramatikers und Lyrikers Gerhart Hauptmann (1862-1946). Während die vordergründige Romanhandlung nur Hauptmanns letzte Lebensmonate zwischen März 1945 und Juni 1946 in seiner geliebten Jugendstilvilla Wiesenstein, „der mystischen Schutzhülle meiner Seele“, im niederschlesischen Agnetendorf umfasst - also die dramatischen Wochen zwischen letzten Kriegstagen, russischer Besetzung, polnischer Rache und der Vertreibung aller Deutschen -, lässt Pleschinski in Gesprächen des Hauspersonals, in Rezitationen aus Hauptmanns Werken, in Tischgesprächen des Dichters oder in dessen Erinnerungen nicht nur das Leben des 83-Jährigen bis in dessen Kindheit als Hotelierssohn in Bad Salzbrunn vor unseren Augen ablaufen. Der Autor zeigt uns vor allem das kulturelle Vermächtnis des in seiner literarischen Vielfalt wie auch politisch schwer einzuordnenden Nobelpreisträgers. Gewiss, manche Passage hätte Pleschinski vielleicht kürzer fassen können. Dennoch bleibt der Roman auch für literaturwissenschaftliche Laien interessant und spannend zu lesen. Der Autor wertet nicht, lässt auch nichts aus. Er verdeutlicht, dass nicht nur Macht, sondern auch Ruhm korrumpiert: Hauptmann wurde zeitlebens, ungeachtet der Widersprüchlichkeit seiner Werke, von Öffentlichkeit und Machthabern wenn nicht verehrt, dann doch geehrt. Schon zu Kaisers Zeiten erhielt er 1912 den Literaturnobelpreis, wurde zum Nationaldichter erhoben. Förderte der Schriftsteller bei Ausbruch des Ersten wie des Zweiten Weltkriegs in seinem Werk die Kriegseuphorie, wandelte er sich nach ersten Verlusten plötzlich zum Pazifisten. Von den Nazis wurde der Volksdichter gebraucht, auch missbraucht. Selbst die russischen Besatzer wissen nach Kriegsende, sein Loblied zu singen. Zuletzt erscheint der ostzonale Kulturwissenschaftler Johannes R. Becher in der Villa Wiesenstein und will unter Verweis auf Hauptmanns Vorkriegsdrama „Die Finsternisse“, in dem er die immerwährende Verfolgung des jüdischen Volkes beklagt hatte, den schon Todgeweihten noch für das neue Deutschland gewinnen. Jeder findet also in der Vielfalt der Werke Hauptmanns für sich mindestens eines, das dem aktuell angesagten Zeitgeist entspricht und alle unpassenden zu vernachlässigen ermöglicht. Pleschinski zeigt die Widersprüche Hauptmanns: Zum 80. Geburtstag nahm dieser 1942 die Ehrungen der Nazis entgegen. Er bewirtete in der Villa Wiesenstein in Kriegszeiten den in Polen als Generalgouverneur eingesetzten Hans Frank ebenso wie später russische Kommandanten. Hauptmann wandelte als gefeierter Nationaldichter zwischen den Welten. Er selbst, den Hitler in die „Liste der Gottbegnadeten“ aufgenommen hatte, hielt sich im Rückblick für überparteilich, nennt sich in Pleschinskis Buch selbst einen „Kompromissler“, gesteht kurz vor seinem Tod aber dann doch mit Blick auf seinen langjährigen Rivalen um die Publikumsgunst, den frühzeitig emigrierten Thomas Mann: „Wer nur zuschaut, ist deswegen noch lange nicht unschuldig.“ Pleschinskis Roman „Wiesenstein“ ist ein wunderbares Buch, das jeder Freund deutscher Literatur lesen sollte. - Thomas Mann
Königliche Hoheit
(47)Aktuelle Rezension von: Malte_HermannDieses Buch hat mich überrascht. Ich hatte mit einer trockenen Hofgeschichte gerechnet, aber Königliche Hoheit ist viel mehr. Es ist eine kluge, charmante und oft witzige Erzählung über Macht, Liebe und das Menschsein.
Im Mittelpunkt steht Klaus Heinrich, ein junger Erbprinz. Er lebt in einer Welt voller Etikette und Erwartungen. Doch dann trifft er die reiche Amerikanerin Imma Spoelmann – und alles verändert sich. Ihre direkte Art bringt frischen Wind in sein geordnetes Leben.
Ich mochte besonders, wie Thomas Mann mit Ironie arbeitet. Er beschreibt den Adel nicht nur ernst, sondern auch mit einem Augenzwinkern. Trotzdem spürt man seinen Respekt vor den Figuren. Der Ton ist leicht, aber nie oberflächlich.
Die Sprache ist – typisch Mann – anspruchsvoll, aber gut lesbar. Manche Sätze musste ich zweimal lesen, doch das hat sich gelohnt. Zwischen den Zeilen steckt viel Feinsinn und Nachdenklichkeit.
Königliche Hoheit ist kein politischer Roman. Es ist ein liebevoller Blick auf eine untergehende Welt, geschrieben mit viel Humor und Herz. Wer intelligente, ruhige Literatur mag, sollte es unbedingt lesen. Es ist ein stilles, aber sehr besonderes Buch.
(Mehr Rezension hier: https://love-books-review.com/de/koenigliche-hoheit-thomas-mann/ ) - Tilmann Lahme
Die Manns
(21)Aktuelle Rezension von: FederfeeDa ist sie nun, die Strafe für den Verstoß gegen das Buchkaufverbot ;-)
Ich hatte mich sehr darauf gefreut, noch mehr über die Familie Thomas Manns zu erfahren, aber dieses Buch mit dem so interessanten Cover – ein Foto - habe ich abgebrochen. Normalerweise gebe ich dann keine Bewertung ab und schreibe schon gar keine Rezension. Aber da ich dem Buch zweimal eine Chance gegeben und zudem das ganze erste Kapitel 'Eine deutsche Familie' somit zweimal gelesen und immer noch keinen Zugang gefunden habe, erlaube ich mir ein Urteil und das fällt nicht gut aus.
Wie kann man über ein so interessantes, vollgepacktes Leben so ein langweiliges Buch schreiben? Schon das Vorwort – Vorspiel genannt – das über die Ausbürgerung im Dezember 1936 durch das Naziregime berichtet, macht den Einstieg ins Buch nicht verlockend. Warum gerade das aus dem Leben der Familie? Warum nicht die Meinung des Autors, Fragen oder irgendetwas, das zum Weiterlesen verlockt?
Zwar geht der Autor chronologisch vor, aber es wirkt auf mich doch zusammenhanglos und ohne Konzept aneinandergereiht, Stellen aus Briefen, Tagebüchern, Klaus Manns Autobiografie und anderen Biografien. Der Autor springt von einer Person zur anderen und für mich ist kein roter Faden erkennbar. Ein Beispiel:
'Die Manie der Familie ist nicht so sehr die des Schreibens wie die des Veröffentlichens.' (schreibt Pierre Bertaux, ein Freund von Golo). Gleich folgt der nächste Abschnitt, ohne Zeilenabstand, lediglich eingerückt: 'Erika und Klaus Mann feiern eine Party. Sie dauert neun Monate (gemeint: spontane USA-Reise).
Zwar gibt der Autor im Anhang akribisch seine Fundstellen an, aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass zwar ein Brief an sich ein Faktum ist, dass aber auch die Auswahl von Fakten wertend sein kann.
Inhaltlich fängt dieses Buch im Jahre 1922 an, wo Klaus und Erika schon etwas älter sind und wir mit ihren schulischen Schwierigkeiten konfrontiert werden. Auch wenn ich nur einen Teil des Buches gelesen habe, kann ich jetzt schon sagen, dass die Familie Thomas Mann mit ihren sechs Kindern sehr unsympathisch rüberkommt. Geradezu schockiert hat mich die Tatsache, dass sich der Vater wenig um seine Kinder kümmert, alles seiner Frau Katia überlässt, aber andererseits die älteren Kinder an seiner Verliebtheit in Klaus Heuser teilnehmen lässt. Noch schlimmer: er bevorzugt drei seiner Kinder und gibt offen zu, den Jüngsten nicht zu mögen.
Wenn ich über eine berühmte, bekannte Familie lese, möchte ich etwas über das turbulente Familienleben erfahren und nicht in Einzelheiten, was z.B. der älteste Sohn Klaus Mann – der mir übrigens zu schwerpunktmäßig vorkommt – geschrieben und wen er getroffen hat. Wo bleibt etwas über das turbulente Familienleben, der Alltag dieser achtköpfigen Familie? Aufzeichnungen darüber gäbe es genug, denn Vater Thomas Mann hat akribisch Tagebuch geführt. Dass das alles fehlt und wird auch nicht durch ein paar Fotos wettgemacht.
Ein sehr enttäuschendes Buch, das ich nicht weiter empfehlen kann.
- Lenz Koppelstätter
Die Stille der Lärchen
(91)Aktuelle Rezension von: babsi-1997Die Stille der Lärchen ist mein erstes Buch von Lenz Koppelstätter.
In einem kleinen Dorf im Südtiroler Ultental wird ein ermordetes Mädchen aufgefunden. Der Fall scheint geklärt - es gibt einen geständigen Täter. Doch die Dorfbewohner verdächtigen den Sohn des Geständigen. Er soll vom Teufel besessen sein.
Commissario Grauner zweifelt an der Schuld von Vater oder Sohn und ermittelt in alle Richtungen weiter. Könnte der Mord mit dem Mord an einem anderen Mädchen vor vielen Jahren zusammenhängen?
Die Sprache des Autors hat mir sehr gut gefallen. Die Geschichte ist spannend erzählt und man kann die Gefühle der Figuren nachvollziehen.
Sehr schöner Wohlfühlkrimi für ein paar spannende Lesestunden!
- Kerstin Holzer
Thomas Mann macht Ferien
(24)Aktuelle Rezension von: Gluexklaus„Manche Wege geht man überhaupt besser allein. Idealerweise mit Hund.“
Thomas Mann macht im Sommer 1918 mit seiner Familie Urlaub in einem gemieteten Haus am Tegernsee. Während die größeren Kinder im Wasser toben, sich Frau Katia um die Familie und vor allem das jüngste Mitglied Elisabeth kümmert, geht Thomas Mann mit dem Hund spazieren, rudert und schreibt an seiner Erzählung „Herr und Hund“. Doch ganz so unbeschwert und idyllisch wie es den Anschein haben mag, ist die Zeit freilich nicht, schließlich befindet sich die Welt im Krieg. Deutschland wird den Krieg verlieren, die Monarchie wird Vergangenheit werden und Manns jüngst verfasste Schrift konservative Schrift „Betrachtungen eines Unpolitischen“ steht in der Kritik, wird darin doch die offensichtlich gescheiterte deutsche Kriegsführung verherrlicht. Nicht zuletzt wegen seiner politischen Haltung liegt Thomas zudem im Streit mit Bruder Heinrich. Kann er sich unter diesen Umständen im Urlaub entspannen?
Flüssig und klar verständlich erzählt Kerstin Holzer aus der Sicht von Thomas Mann von einem besonderen Sommerurlaub. Stilistisch ist ihre Sprache dabei dem Protagonisten angepasst, ein stimmiger, atmosphärischer Schreibstil.
Bisher war mir Thomas Mann wenig sympathisch, wird er doch oft als eitle und komplizierte Persönlichkeit dargestellt. Hier erlebte ich Thomas Mann aber einmal völlig anders, als Privatperson im Alltag, als Familienvater einer siebenköpfigen Familie. Nicht als verkopften, hochgelobten Schriftsteller, der sich seiner Fähigkeiten und seines Könnens nur allzu bewusst ist, sondern als einen von ständigen Zahnschmerzen geplagten Mann, der sich schwer mit dem Leben und seinem Anderssein tut, der mit seinem Werk hadert, aber auch als Hundeliebhaber und als einen toleranten Vater, der sich nicht zu schade ist, sich für seine Kinder als Zauberer zu verkleiden und der für sein Nesthäkchen alles tun würde. Thomas Mann fühlt, was es heißt, Kinder in die Welt zu setzen und „Leiden außer sich zu schaffen“. Die Autorin fasst treffend zusammen: „Thomas Mann ist eben nicht nur Stararchitekt stilistisch makelloser Wendeltreppensätze. Er weiß um die Qualen der Ambivalenz, und zwar schmerzlich genau. Diese Einsicht in das Menschliche macht sein Werk so groß und zeitlos.“
Auch Katia wird hier überaus positiv dargestellt, als zupackende, fürsorgliche Frau, die sich nicht zu fein ist, zweimal die Woche mit dem Fahrrad ins benachbarte Gmund zu fahren, um Lebensmittel für alle zu organisieren.
Der Roman gibt Einblick in das Familienleben einer besonderen Familie, auch die historischen, gesellschaftlichen und politischen Zustände werden eindrücklich dargestellt. Thomas Mann zeigt sich von einer ganz anderen Seite. Nicht nur sein Außenleben, auch sein Innenleben, seine Gedanken, seine Gefühle, seine Zweifel werden offengelegt. Leicht, amüsant mit Humor, und dennoch fein und mit Tiefe erzählt die Autorin ihre Geschichte. Ein kurzweiliges, interessantes, bereicherndes und „bildendes“ Buch über eine große Persönlichkeit, die hier sehr nahbar präsentiert wird. Sehr lesenswert!
- Heidi Rehn
Die Tochter des Zauberers - Erika Mann und ihre Flucht ins Leben
(46)Aktuelle Rezension von: Kat.JaSie war Tochter von, Schwester von, Ehefrau von.
Wann immer man von Erika Mann liest, geschieht dies im Zusammenhang mit einem der Männer in ihrem Leben.
Aber wer war Erika Mann wirklich? Was für ein Typ Mensch war sie?
Heidi Rehn versucht hier, diese außergewöhnlich Frau, anhand von nur 15 Monaten ihres Lebens, aus dem Schatten zu holen.
Und das gelingt ihr ausgesprochen gut!
Der Zeitraum der Handlung von "Die Tochter des Zauberers" umfasst die ersten Monate nach ihrer Flucht aus Europa in die USA.
Man erlebt eine charismatische, willensstarke, aber auch empfindsame Frau, die politisch weitsichtiger war als so mancher männliche Zeitgenosse.
Und zeitgleich kommt einem auch die private Seite sehr nah.
Sie hatte Liebschaften mit Männern und Frauen, war mit Gustaf Gründgens verheiratet, hatte eine langjährige Beziehung zu Therese Giehse, heiratet erneut.
Queer würde man es heute nennen.
Der wichtigste "Herzensmensch" war aber zeitlebens ihr Bruder Klaus Mann. Ihm war sie Schwester, Freundin, Managerin, Seelenverwandte!
Erika war es auch, die die ganze Familie Mann zusammengehalten hat. "Sie hat für uns alle die Suppe gesalzen" wird ihr Bruder Golo Mann später über sie sagen.
Und als "Tochter-Adjudantin" kümmert sie sich um Werk und Nachlass des Übervaters Thomas Mann. So wie sie sich immer zuerst um andere gekümmert und gesorgt hat.
Ich habe seit der Lektüre des Buches ein ganz neues Bild von Erika Mann. Das, einer selbstbewussten, engagierten, leider nie genügend gewürdigten Frau, die ihrer Zeit in mancherlei Weise voraus war.
Das auch im Titel dieses Buches die Worte "Tochter des Zauberers" deutlich größer geschrieben sind als ihr Name, zeigt die Tragik ihres Lebens. Denn man weiß sofort um wen es sich handelt, noch bevor man das deutlich kleinere "Erika Mann und ihre Flucht ins Leben" gelesen hat...
- Nora Bossong
Reichskanzlerplatz
(78)Aktuelle Rezension von: sabatayn76'Sie saß so allein, als habe sich die ganze Welt von ihr abgewandt, und ich hätte mich gern zu ihr gesetzt, meine Hand auf ihren Arm gelegt, aber sie war sie sieben Jahre älter als ich, und auch wenn sie in diesem Moment verletzlich wirkte, sie hätte meine große Schwester sein können, und sie war bereits verheiratet.' (Seite 31)
Der Reichskanzlerplatz in Berlin wurde 1904 angelegt und wurde 1933 in Adolf‑Hitler‑Platz umbenannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wählte man vorerst den alten Namen Reichskanzlerplatz, doch 1963 wurde der Ort nach dem ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland benannt: Theodor‑Heuss‑Platz. Seitdem trägt er diesen Namen.
Der fast 13-jährige Ich‑Erzähler Hans Kesselbach, ein fiktionaler Charakter, lernt in der Schule Hellmut Quant kennen, spürt eine besondere Anziehung und Faszination für dessen Stiefmutter Magda Quandt, die nur wenige Jahre älter als Hans und Hellmut ist. Später werden Magda und Hans ein Liebespaar, bevor Magda die Beziehung beendet und schließlich Joseph Goebbels heiratet.
Ich interessiere mich sehr für Magda Goebbels und für die Zeit des Nationalsozialismus und habe trotzdem etwas Zeit gebraucht, um mich in diesen Roman einzulesen.
Der Roman spielt zwar an historischen Schauplätzen und gibt historische Fakten wieder, doch die Handlung selbst und einige der Figuren sind fiktional, sodass ‚Reichskanzlerplatz‘ eine Mischung aus Fakt und Fiktion ist. Ich fand diese Mischung sehr gelungen, und nachdem ich mich eingelesen hatte, hat mir das Buch sehr gut gefallen.
Nora Bossong zeigt nicht nur den Wandel der Zeiten von der Weimarer Republik bis zum Dritten Reich auf, sondern bietet auch Einblicke ins Leben von Magda Goebbels, in ihre Biografie und in den historischen Hintergrund. Etwas schwierig fand ich dabei genau das, was mir auch gefallen hat, nämlich die Vermischung von Fakten und Fiktion, sodass man nie so genau weiß, ob man jetzt etwas liest, was historisch bestätigt ist oder der Fantasie Bossongs entsprungen.
Wer diese Ambiguität aushält, der wird hier perfekt unterhalten und erhält Einblicke in deutsche Geschichte und das Leben von Magda Goebbels. - Hermann Kurzke
Thomas Mann, Sonderausg.
(2)Aktuelle Rezension von: FederfeeVorausgeschickt: Wer sich nur mal kurz über Leben und Werk von Thomas Mann informieren möchte, tut das besser mit einem dünneren, einfacher zu lesenden Bändchen, z.B. mit Hans Wißkirchens 'Die Familie Mann':
https://www.lovelybooks.de/autor/Hans-Wi%C3%9Fkirchen/Die-Familie-Mann-143941680-w/rezension/2932246448/
Dieses Werk von Prof. Dr. Kurzke ist nichts, um es mal eben von vorne nach hinten durchzulesen. Das hat gleichermaßen inhaltliche und sprachliche Gründe. Man kann einiges nicht verstehen, wenn man die entsprechenden Werke nicht gelesen hat und auch Kurzkes Sprache ist nicht gerade einfach. Es ist sicher ein Buch, dass man immer wieder zur Hand nehmen wird, zum Nachschlagen, wenn man einen Roman oder eine Erzählung von Thomas Mann liest. Dabei hilft ein ausführliches Stichwort- und Personenregister. Es versteht sich von selbst, dass der Autor ausführliche Anmerkungen zu den Quellen angefügt hat.
Jedem Zeitabschnitt vorausgeschickt ist eine kurze Chronologie; innerhalb der Lebensabschnitte geht der Autor thematisch vor. Zwar habe ich nicht alles verstanden (Gründe s.o.), aber dennoch habe ich Einsichten in Leben und Werk von Thomas Mann gewonnen. Deshalb vergebe ich 5 Sterne.
In den thematischen Abschnitten findet man eine Mischung aus Fakten, Meinung des Autors mit den entsprechenden Belegen aus Thomas Manns Romanen, Erzählungen, vor allem aber aus den sehr aufschlussreichen Briefen und Tagebucheinträgen.
So gewinnt man auch als nicht sehr kundiger Leser von Thomas Manns Werken eine tiefe Einsicht in das, was sein Leben bestimmt hat: der ständige Konflikt zwischen Bürgerlichem (vom Vater) und Künstlerischem (von der Mutter), die Entscheidung zum streng Bürgerlichem bis hin zur immer korrekten Kleidung und die lebenslange Unterdrückung seiner homosexuellen Neigungen, was ihn bis zum Lebensende gequält und was er in seinen Werken und anderen schriftlichen Zeugnissen verarbeitet hat. Dabei zog es ihn besonders zu schönen jungen Männern, was bei mir zwar ein etwas ungutes Gefühl hervorgerufen hat, aber auch Hochachtung, dass er sich nie etwas hat zu Schulden kommen lassen.
Thomas Mann hat sich auch hier für das Bürgerliche entschieden, hat eine Familie gegründet und sich lebenslang um seine Kinder gekümmert, zusammen mit seiner hochintelligenten Frau Katia, die ihm ihr eigenes Leben geopfert hat. So finde ich es hervorragend von Kurzke, wie er die Biografie enden lässt:
'Ohne ihren stillen Dienst, ohne die Liebe, mit der sie sein Dasein behütet hat, hätte sein Leben nicht gelingen können.' - "So lange Menschen meiner gedenken, wird ihrer gedacht sein." (Thomas Mann zu Katias 70. Geburtstag)
- Thomas Mann
Über mich selbst
(6)Aktuelle Rezension von: cosima73"Vielleicht liebe ich mein Leben nicht genug, um zum Autobiographen zu taugen." Diese Worte stammen von dem Mann, der eigentlich nichts anderes tat, als über sein Schaffen und sein Leben zu schreiben, wenn auch meist in einem literarischen Werk oder Essay verpackt. Das vorliegende Buch enthält Reden, Lebensläufe und Aufsätze Thomas Manns, welche einen unverhüllten Blick auf sein Wirken zulassen. Sie zeigen einen Menschen, der sein Leben ganz dem Schreiben unterordnet. Sie zeigen aber auch einen Menschen, der trotz seines Erfolgs an sich zweifelt, getrieben ist vom Wunsch und der Sehnsucht nach Achtung und Anerkennung. "Denn selten wohl ist die Hervorbringung eines Lebens – auch wenn sie spielerisch, skeptisch, artistisch und humoristisch schien – so ganz und gar vom Anfang bis zum sich nähernden Ende, eben diesem bangen Bedürfnis nach Gutmaching, Reinigung und Rechtfertigung entsprungen, wie mein persönlicher und so wenig vorbildlicher Versuch, die Kunst zu üben." Thomas Mann zeigt seinen Zuhörern und Lesern seine Zeit, seinen Werdegang, seinen Tagesablauf und sein Schreiben. Dabei ist immer zu bedenken, dass er ein Bild von sich darlegt, welches er darlegen will, dass er dieses mit dem Werkzeug zeichnet, welches er meisterhaft beherrscht: der Sprache. Und es ist ein Bild, das all die stilistischen Mittel auch trägt, die sein Werk ausmachen: Ironie, Humor, Prägnanz, Detailtreue – alles auf die Wirkung ausgerichtet, die beim Empfänger gewünscht ist. So mag das Bild vielleicht nicht immer ganz realistisch sein, es fehlen die Seiten, die verschwiegen werden wollen und glänzen die, welche präsentiert werden sollen, trotzdem spricht gerade das für die Authentizität des Berichts, denn genau so war er: ein Zauberer mit der Sprache, welcher immer die Worte aus dem Hut zaubert, die das Gegenüber erstaunen lassen. Thomas Mann lebte zum grossen Teil für sein Schreiben und er sah dieses Schreiben als eine Form von Dankbarkeit: "Wir werden daran gewahr, dass Produktivität aktiv gewordene Empfänglichkeit ist, Dankbarkeit für das Leben, für das Glück und das Leiden, das es dem schöpferischen Menschen reichlicher spendet als anderen." Fazit: Thomas Mann beleuchtet sein Leben, sein Schaffen, einzelne Werke und gibt dem Leser somit Einblicke in sein Schaffen und die Motivationen, die hinter diesem stehen. Absolut lesenswert. - Dirk Hempel
Die Manns
(2)Aktuelle Rezension von: FederfeeBiografien machen Vergangenheit lebendig: Keine andere literarische Gattung verbindet so anschaulich den Menschen mit seiner Zeit, das Besondere mit dem Allgemeinen …' (4)
Was für ein schöner Satz im Vorwort, aber das war's dann auch mehr oder weniger, was ich lobend erwähnen könnte. Ich habe die Biografie dennoch zu Ende gelesen, muss aber zugeben, einige Stellen nur überflogen zu haben. Aber ich denke, man muss im Groben über Thomas Manns Leben Bescheid wissen, wenn man seine Werke verstehen will. Und zumindest den 'Zauberberg' werde ich lesen.
Thomas Mann hatte nicht nur einen berühmten Bruder, Heinrich, sondern auch viele Kinder, die sich ebenfalls schriftstellerisch betätigt haben. Aber dennoch hätte ich mir etwas mehr Konzentration auf Thomas Mann gewünscht. Statt dessen drehte sich das Karussell von Namen und Orten gegen Ende des Buches immer schneller, so dass mir beim Lesen fast schwindelig wurde. Aufgelockert wurde das nur durch einige Fotos.
Ich hoffe, es gibt bessere Biografien und werde es mit einer anderen noch einmal versuchen.
- Colm Tóibín
Der Zauberer
(6)Aktuelle Rezension von: GucciniIn diesem Romans gibt es auf mehr als 550 Seiten ungeheuer viel zu erzählen. Colm Tóibín will sich offensichtlich nicht darauf verlassen, dass diese deutsche Literatenfamilie seinen Lesern vertraut ist. So muss er mit dem Lübecker Kaufmannssohn "Thomas" beginnen, dessen Begabung im Schatten seine Bruders Heinrich lange nicht auffällt. Der lernt, hinter großsprecherischen Auftritten seine literarische Seite genauso zu verstecken wie seine unausgelebte Homosexualität. Katia wird als immense Stütze dargestellt,ohne die Thomas Mann in seinem Leben wohl verloren gewesen wäre.
- Christoph Schreier
Auf eigene Art: Das neue Thomas Mann-Haus im Münchener Herzogpark
(0)Noch keine Rezension vorhanden - Martin Doerry
Wen liebte Goethes "Faust"?
(3)Aktuelle Rezension von: seschatMartin Doerrys neuester SPIEGEL-Wissenstest zum Thema "Literatur" wartet mit einem bunten Fragenpotpourri auf. Darunter findet man u.a. die Kategorien Bestseller, Klassiker, verfilmte Literatur oder Science Fiction. Und die Fragen haben es derart in sich, dass selbst der belesenste Quizzer an der ein oder anderen Stelle kapitulieren muss. Kurzum, für die insgesamt 150 Fragen ist oftmals literarisches Spezial- statt Allgemeinwissen gefragt. Hinzu kommt, dass der Lösungsteil nicht leserfreundlich konzipiert wurde. Denn statt der standardisierten Lösung, wie z. B. 1c oder 2b, wird lediglich die richtige Lösung in Worten ausgeschrieben, so dass man immer wieder zur jeweiligen Frage zurückblättern muss. Das ist mühsam. Vielleicht wäre es hier sinnvoller gewesen, man hätte nach jedem Fragenkapitel sofort die richtigen Lösungen angeschlossen.
Mein Highlight waren die Interviews im Anschluss ans Quiz. Hier kamen namenhafte Literaturkritiker (Volker Hage und Volker Weidermann) und Autoren (Eva und Robert Menasse) zu Wort und fachsimpelten über deren Tätigkeit und Wirkmacht.
FAZITEin solides Quizbuch, das aber nicht an Doerrys Quiz-Erstling heranreicht. - Helmut Koopmann
Thomas-Mann-Handbuch
(5)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerDas Thomas Mann Handbuch, herausgegeben von Helmut Koopmann, Professor für Neuere deutsche Litaraturgeschichte und bekannter Thomas Mann-Forscher, informiert umfassend und kompakt über Leben, Werk und Wirkung des berühmten Schriftstellers. Über 40 Essays der renommiertesten Kenner Manns sind in dem Handbuch vertreten. Auf insgesamt über 1000 Seiten werden Zeitgeschichte, literatur- und kulturgeschichtliche Bezüge, sämtliche Werke, Ästhetik, literarische Kritik und Forschungsgeschichte behandelt. Der umfangreiche Personen- und Werkregister, Sachregister, sowie ein Register der Werke Manns ermöglichen ein schnelles und gezieltes Nachschlagen. Absolut empfehlensert!























