Bücher mit dem Tag "totalitarismus"
19 Bücher
- George Orwell
1984
(4.327)Aktuelle Rezension von: Karandi
Ich muss sagen, 1984 hat mich wirklich umgehauen. Anfangs habe ich das Buch allerdings missverstanden, weil ich den ersten Teil als recht langweilig empfand. Ich konnte mich in die Hauptfigur Winston Smith überhaupt nicht hineinversetzen. Er wirkte auf mich eher distanziert und schwer greifbar, sodass ich keine Bindung zu ihm aufbauen konnte.
Der Fehler lag aber nicht an der Erzählweise, sondern bei mir. Ab dem zweiten Teil begann ich, das Buch besser zu verstehen, und im dritten Teil wurde mir dann endgültig klar, warum es einen beinahe makellosen Ruf hat – daher auch meine Bewertung von fünf Sternen.
Im ersten Teil lernen wir die Partei kennen: ein System mit einer völlig eigenen Denkweise, eine Diktatur mit monotoner, strikt vorgegebener Lebensweise. Selbst die Sprache wird kontrolliert – durch „Neusprech“, das gezielt Wörter aus dem Wortschatz entfernt, um das Denken zu beeinflussen und kritische Gedanken unmöglich zu machen. Diese Idee wirkt deshalb so eindringlich, weil sie nicht rein fiktiv erscheint. Formen von Kontrolle, Propaganda und gelenktem Denken gab es schon lange vor unserer Zeit. Betrachtet man etwa das Römische Reich, das vor rund zweitausend Jahren seine Blütezeit erlebte, oder das Achämenidenreich, das bereits etwa 550 v. Chr. entstand, sowie das noch ältere Altes Ägypten, dessen Geschichte über drei Jahrtausende zurückreicht, erkennt man, dass Machtstrukturen und der Einfluss auf Denken und Gesellschaft keine neuen Phänomene sind.
Im zweiten Teil kommt die menschliche Komponente hinzu: Winston verliebt sich in Julia. Die Beziehung ist verboten, und beide erkennen, wie sehr sie das vorgeschriebene Leben hassen. Sie lehnen sich innerlich gegen die Partei auf und träumen davon, Teil einer „Bruderschaft“ zu werden – eines möglichen Widerstands, von dem niemand sicher weiß, ob es ihn überhaupt gibt. Wir erleben hier andere Werte, den Drang nach Freiheit, nach Selbstbestimmung und danach, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen. Gleichzeitig zeigt der Roman aber auch, wie viel Kraft es einem Menschen geben kann, nicht mehr allein zu sein, sondern zu zweit, und was Liebe bewirken kann, aber auch, wie blind sie machen kann. Der Übergang vom nüchternen ersten Teil zur emotionalen Tiefe im zweiten ist ein äußerst geschickter erzählerischer Schachzug.
Auch O’Brien tritt hier stärker in Erscheinung und ist für mich einer der gefährlichsten Charaktere des Buches. Ohne zu viel vorwegzunehmen, lässt sich sagen, dass er eine Position vertritt, die die Ideologie der Partei in ihrer reinsten und zugleich erschreckendsten Form widerspiegelt.
Im dritten Teil erleben wir schließlich kein Happy End, sondern eine schonungslose Konsequenz. Winston und Julia werden gefangen genommen und „umerzogen“, und diese Umerziehung funktioniert. Winston wird gebrochen. Er wird zu dem Menschen, den die Partei aus ihm machen will, bis er am Ende sogar den Big Brother liebt.
Für mich ist dieses Buch ein absolutes Meisterwerk, das zeitlos ist und unabhängig von der Epoche, auf die man blickt, immer eine beklemmende Aktualität besitzt.
Zum Abschluss noch mein Lieblingszitat aus dem Buch:
„Man errichtet keine Diktatur, um eine Revolution zu verhindern. Man macht die Revolution, um die Diktatur zu errichten. Das Ziel von Verfolgung ist Verfolgung. Das Ziel von Folter ist Folter. Das Ziel von Macht ist Macht.“
- Margaret Atwood
Der Report der Magd
(905)Aktuelle Rezension von: Barbara_LandwehrIch habe Der Bericht der Magd beendet – und das Buch lässt mich nicht los.
Schon beim Lesen musste ich immer wieder an 1984 denken: Überwachung, Kontrolle der Sprache, Manipulation der Vergangenheit und ein System, das den Menschen immer weniger Raum lässt, selbst zu bestimmen, wer er sein möchte.
Bei Atwood kommt für mich aber etwas besonders Beklemmendes hinzu: Gilead wirkt erschreckend real. Vieles von dem, was Frauen dort widerfährt, ist keine wilde dystopische Fantasie, sondern hat historische Vorbilder.
Besonders beschäftigt haben mich Serena Joy und der Commander. Serena unterstützt eine Ordnung, die Frauen Schutz, Sicherheit und einen festen Platz verspricht – und wird am Ende selbst zu ihrer Gefangenen. Der Commander dagegen profitiert vom System und nimmt sich gleichzeitig Freiheiten heraus, die er anderen verweigert.
Und genau hier liegt für mich ein zentraler Gedanke des Buches: Es ist ein Unterschied, ob mir jemand eine Freiheit großzügig erlaubt oder ob ich ein Recht darauf habe.
Selbst das Ende spendet nur bedingt Trost. Gilead ist irgendwann Geschichte. Aber sind damit auch die Vorstellungen und gesellschaftlichen Strukturen verschwunden, die Gilead überhaupt erst möglich gemacht haben?
Der Bericht der Magd hat mich deshalb nicht nur erschüttert, sondern zum Nachdenken gebracht – über Frauen und Männer, über Abhängigkeit und Schutz, über Sicherheit und Selbstbestimmung und vor allem darüber, wie selbstverständlich wir unsere Freiheit manchmal nehmen.
Die Antwort auf die Schwierigkeiten, die Freiheit mit sich bringt, kann niemals weniger Freiheit sein. Für mich kann sie nur in gelebter Gleichberechtigung und gelebter Demokratie liegen.
Ein Buch, das ich zu Ende gelesen habe, mit dem ich aber noch lange nicht fertig bin.
- George Orwell
1984
(505)Aktuelle Rezension von: sozicu1984 von George Orwell ist allgemein als dystopischer Klassiker bekannt. Jetzt, da ich ihn auch gelesen habe, kann ich überzeugt sagen: verdient!
Der Schreibstil ist erstmal gewöhnungsbedürftig, was aber einfach dem Alter des Buchs geschuldet ist. Es hat ein wenig gedauert bis ich wirklich drin war. Außerdem sind Slurs enthalten. Meiner Meinung nach hätte man die in dieser Neuauflage ersetzen können, ohne dass es etwas verändert hätte.
Der Fokus liegt ganz klar in der Beschreibung der Welt, wie sie funktioniert und welche Grausamkeiten sie birgt. Der Plot ist eher ein Werkzeug, um alle Aspekte beleuchten zu können. Auf jeden Fall mal was anderes als das, was ich sonst so lese.
Das funktioniert auch echt gut. Dieses Fiktive London bietet genug Stoff in seinen Eigenschaften, der Gesellschaft, der Politik, um interessant zu sein.
Die Hauptfigur ist einfach ein Mann der Mittelschicht. Niemand besonderes. Nicht zwingend ein Sympathieträger, aber realistisch. Vielleicht ein wenig naiv an manchen Stellen. Aber Hoffnung lässt dich eben an jedem Strohhalm festhalten.
Ist auf jeden Fall harter Tobak und sollte mit ordentlich Selbstfürsorge gelesen werden. Dennoch ist es ein wichtiges Werk, das jede*r mal lesen sollte.
Es ist wirklich erschreckend wie aktuell ein Buch aus 1949 sein kann!
- George Orwell
Farm der Tiere
(1.043)Aktuelle Rezension von: Karandi
Ich würde es zwar nicht als Jahrhundert-Bollwerk bezeichnen, aber Farm der Tiere ist sicherlich eines der aussagekräftigsten Bücher der jüngeren Zeit. Es zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie Macht Menschen verändern kann und was passiert, wenn man ihnen zu viel davon gibt. Außerdem wird deutlich, wie Macht ausgenutzt wird und wie sie spaltet.
Der Autor stellt dies sehr anschaulich durch die Schweine dar, die die Position der Menschen einnehmen und am Ende sogar beginnen, auf zwei Beinen zu laufen. Auch darin steckt ein starkes Gleichnis: Ein Mensch aus der sozialen Unterschicht, der ursprünglich nie so werden wollte wie die Oberschicht, verwandelt sich nach und nach selbst in sie.
Durch die gewonnene Macht werden anfänglich hochgehaltene Prinzipien über Bord geworfen. Gier nach Geld und Macht sowie die damit einhergehende Veränderung des eigenen Charakters stehen im Mittelpunkt. Das ist die zentrale Botschaft von Farm der Tiere, und sie ist außergewöhnlich gut umgesetzt.
- Karen Köhler
Miroloi
(195)Aktuelle Rezension von: bibliophilaraDas zweite Buch, das ich für mein Literaturseminar in diesem Semester gelesen habe, ist „Miroloi“ von Karen Köhler. Der 2019 veröffentlichte feministische Roman sagte mir bisher gar nichts, obwohl er definitiv nicht erfolglos war. Schaut man sich die Rezensionen aus gängigen Feuilletons von Köhlers Debütroman genauer an, fällt auf: „Miroloi“ ist teilweise heftigst zerrissen worden, insbesondere von Männern. Egal ob Deutschlandfunk, Die Zeit oder die Welt; in vielen Kritiken wird kaum ein gutes Haar an dem Werk gelassen. Weibliche Rezensentinnen lobten den Roman hingegen meist für seine kraftvolle Sprache und sein Female Empowerment. Bei solch ambivalenten Kritiken war ich natürlich gespannt, wie gut oder schlecht „Miroloi“ in Wahrheit ist.
Die namenlose weibliche Hauptfigur ist 16 Jahre alt und lebt auf einer kleinen Insel in Griechenland, die alle nur die schöne Insel nennen. Obwohl die junge Frau mindestens in den 1980ern auf der Insel lebt, ist diese doch massiv archaisch. Es gibt keinen Strom, keine Autos und kein fließend Wasser. Die Gesetze, die vom Ältestenrat gemacht werden, sind stark religiös geprägt. Die junge Frau ist auf der Insel eine Außenseiterin, denn sie war ein Findelkind, das ursprünglich nicht von der Insel kommt. Weil ihre Eltern unbekannt sind, bekommt sie nach den Inselgesetzen keinen Namen. Sie wird von den meisten im Dorf wie eine Aussätzige behandelt. Als ihr Fluchtversuch vor einigen Jahren scheiterte, band man sie zur Strafe an einen Pfahl auf dem Dorfplatz und brach ihr anschließend das Bein. Da es keinen Arzt auf der Insel gibt, ist das Bein nicht sauber zusammengewachsen, weshalb sie seitdem das Bein leicht nachzieht. Ihren Alltag verbringt sie damit, die Haushälterin des Bethaus-Vaters zu sein und den Glockenturm zu läuten. Doch dann begegnet sie Yael, einem Betschüler aus der Siedelei auf der anderen Seite der Insel. Sie verliebt sich auf den ersten Blick, doch sie gilt als Missgeburt und wird niemals einen Mann heiraten dürfen. Schon gar nicht einen, den sie selbst gewählt hat.
„Eselshure. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle.“, sind die ersten drei Sätze des ersten Kapitels. Hier gewinnt man schon den ersten Eindruck von den stakkatohaften Sätzen und der Tatsache, dass vor Vulgärsprache nicht zurückgeschreckt wird. Diese Schimpfworte hört die namenlose Protagonistin fast täglich. Es wird ihr von Kindern und anderen Dorfbewohnern hinterher gerufen. Denn sie wurde nicht auf der schönen Insel geboren. Sie kommt aus einer unbekannten Welt, die man auf der Insel nur als „Drüben“ bezeichnet. Weil man ihre Eltern nicht kennt, trägt sie als einzige im Dorf keinen Namen. Auf über 450 Seiten und 128 Kapiteln, die hier als Strophen bezeichnet werden, verfolgt man ihren Kampf um Selbstermächtigung und Auflehnung gegen patriarchale Systeme. Dass die Kapitel hier Strophen sind, ist kein Wunder. Denn der nichtssagende Titel „Miroloi“ ist ein Klage- oder Totenlied aus dem griechisch-orthodoxen Glauben. Da die Namenlose nicht zur Gemeinschaft gehört, keinen Besitz haben darf und sie als Unglücksbringerin gilt, wird sie nach ihrem Tod jedoch niemand besingen: „Mein Miroloi muss ich mir selber singen, damit kann ich nicht warten, bis ich gestorben bin, sonst wird es mich nie gegeben haben“ (S. 10).
Die namenlose Ich-Erzählerin arbeitet als Haushälterin für den Bethaus-Vater, der sie gefunden und aufgezogen hat. Er ist die höchste religiöse Figur des Dorfes und damit eine Respektsperson. Er hält seine schützende Hand über sie. In seiner Nähe traut sich niemand, sie zu beleidigen oder anzuspucken. Insgesamt ist er für sie wie ein Vater. Und auch, wenn es kleinere Konflikte zwischen ihnen gibt, ist das Verhältnis dennoch gut. Außerdem ist sie die Glöcknerin des Dorfes, was ironisch ist, weil sie ein Bein nachzieht. Anfangs ist die Protagonistin naiv, dümmlich und ungebildet, denn Frauen in ihrem Dorf ist es nicht gestattet, lesen und schreiben zu lernen. Jedoch bringt der Bethaus-Vater es ihr heimlich bei. Es ist etwas, das sie teilen und miteinander verbindet. Damit offenbaren sich ihr Geheimnisse, die ihr sonst verborgen geblieben wären. Und schrittweise beginnt sie zu begreifen, in was für einem unterdrückerischen und ungerechtem System sie lebt. Ich fand sie nicht immer sympathisch und auch nicht immer nachvollziehbar, z.B. als sie aus reiner Wut heraus ihre Katze treten wollte. Aber ich bewundere doch ihren Mut, sich gegen die zahllosen Ungerechtigkeiten zur Wehr zu setzen.
Köhlers Schreibstil ist stark an die Ich-Perspektive angepasst und anfangs schlicht und wiederholend. Die Namenlose hat zu Beginn eine sehr kindliche Perspektive auf die Welt und mit ihrem limitierten Vokabular sowie den schrägen Neologismen wird ihre eingeschränkte Wahrnehmung gut unterstrichen. Später lernt sie aber bspw. den Konjunktiv zu nutzen und sich sprachlich zu entfalten. Hinzu kommen viele Begriffe, die von der fiktiven Religion der Insel geprägt sind, wie Pujachatt (Gottesdienst), Kanah oder Satvastan. Auch die Atmosphäre der kleinen griechischen Insel mit ihrer Natur, Architektur und Esskultur wird wunderbar eingefangen. Wenn von Schafskäse mit Oliven und summenden Bienen im sonnigen Gemüsegarten geschrieben wird, entsteht das Bild eines trügerischen Paradieses, das für Frauen aber zur Hölle auf Erden wird. Das Tempo ist überwiegend langsam, denn die alltäglichen Rituale werden ausführlich geschildert. Trotzdem ist es nicht langweilig und ab der zweiten Hälfte spitzen sich die Konflikte deutlich zu. Köhlers experimenteller Stil funktioniert aber leider nicht immer gut. Als die zwölfte Strophe bspw. aus einer Auflistung aus Substantiven besteht, die die Namenlose kennt, und sie sich stellenweise wiederholt, habe ich mich unironisch gefragt: Was ist das für ein Scheiß? Ein anderes Kapitel besteht nur aus der Wiederholung des Namens ihres Angebeteten mit alternierenden Satzzeichen. Kostprobe gefällig? „Yael Yael Yael Yael Yael Yael. Yael Yael Yael Yael, Yael Yael Yael Yael Yael Yael Yael Yael.“ (S. 213) Und das Veröffentlichen leerer Seiten als Kapitel, um die innere Leere der Protagonistin wiederzugeben, das gab’s schon bei Stephenie Meyers „Bis(s) zur Mittagsstunde“. Und das ist gewiss auch kein literarischer Geniestreich. Nicht zu vergessen: Die Dialoge sind wie Stichpunkte aufgelistet, sodass stellenweise nicht klar ist, wer gerade redet. Anführungszeichen gibt es im gesamten Buch nicht. Stilistisch finde ich den Roman also gleichermaßen außergewöhnlich wie abgedreht.
Religiosität spielt auf der schönen Insel eine besonders große Rolle. Der Glaube ist zwar fiktiv, hat aber starke Parallelen zur griechisch-orthodoxen Kirche. Das Glaubensbuch, die Khorabel, ist ein Wortspiel mit Koran, Thora und Bibel. Allerdings ist der Glaube auf der Insel nicht monotheistisch, sondern polytheistisch. Sie glauben an drei männliche Götter: den Schöpfer, den Bewahrer und den Zerstörer. Der Ältestenrat, der aus 13 Männern besteht, bestimmt die Gesetze auf der Insel, die von der Außenwelt völlig abgeschnitten ist. Sobald Mädchen menstruieren, werden sie verheiratet, wobei der Rat jedes Jahr die Bräutigame auswählt. Die Mädchen haben kein Mitspracherecht. Fluchtversuche von der Insel stehen unter Strafe, sie ist also ein Gefängnis für die Bewohner. Mit dem Glaubensbuch wird die Unterdrückung von Frauen legitimiert. Die Religion ist hier also ein missbräuchliches Mittel zum Zweck. Grundsätzlich ist dieser Roman inhaltlich harter Tobak. Es geht um häusliche und sexuelle Gewalt inklusive Vergewaltigung, Folter, Tierquälerei, Mobbing und Hinrichtungen. Solltet ihr für einen dieser Trigger anfällig sein, seid bei der Lektüre bitte vorsichtig! „Miroloi“ ist also nicht nur feministisch, sondern auch religionskritisch.
Der Plot ist stellenweise wirklich harter Tobak, umso weniger verwunderlich ist es, dass auch das Finale brutal und grausam ist. Das Ende bleibt leider enttäuschend offen. Viele Fragen bleiben unbeantwortet, bspw. wer die Eltern der Protagonistin sind. Und auch ein weiterer Aspekt hat mich gestört: Die Namenlose verliebt sich in den Betschüler Yael. Eigentlich nur, weil er ein hübsches Gesicht und Locken hat. Dann trifft sie ihn in einem unbeobachteten Moment wieder, und sie fallen übereinander her wie Tiere. Es gibt keinen starken Dialog, keine Chemie zwischen den beiden. Beim zweiten Treffen schlafen sie sofort miteinander, dabei ist Yael rücksichtslos, tut ihr weh und scheint nur auf seine eigene Befriedigung zu achten. Und trotzdem himmelt sie ihn weiter an? Ich erwarte keine starke Romantik von diesem Roman, aber ein bisschen mehr Tiefe hätte ich von der Beziehung zwischen den beiden doch erwartet. Das ist für mich der größte Schwachpunkt an „Miroloi“.
Es fällt mir schwer, ein faires Urteil über „Miroloi“ zu fällen, wo meine Eindrücke doch so ambivalent sind.
Einerseits bewundere ich Karen Köhlers Mut, formal und sprachlich neue Wege zu gehen, und schätze die eindringliche Auseinandersetzung mit patriarchaler Unterdrückung, religiösem Machtmissbrauch und weiblicher Selbstermächtigung. Andererseits schießt der experimentelle Stil immer wieder übers Ziel hinaus, einige formale Spielereien wirken eher prätentiös als gewinnbringend, und vor allem die Liebesgeschichte konnte mich überhaupt nicht überzeugen. Auch das offene Ende hinterlässt mehr Frust als Nachhall. Dennoch hat Karen Köhlers Debütroman diese literaturkritische Zerfleischung absolut nicht verdient. Der Rezensent von Deutschlandfunk geht so weit zu behaupten, der Roman sei in Wahrheit ein Jugendbuch und er würde nur deshalb wohlwollend kritisiert werden, weil er Feminismus behandle. Es ist spannend, wie substanzlos die Verrisse männlicher Rezensenten sind. Vielleicht, weil die Welt eines ungebildeten, religiös indoktrinierten und hinterwäldlerisch lebenden Mädchens zu weit weg von ihrer eigenen Biografie ist. „Miroloi“ aus dem Jahr 2019 ist zweifellos ein außergewöhnlicher und diskussionswürdiger Roman, der viel wagt und ebenso viel polarisiert. Mich hat er nicht restlos überzeugt, aber ich kann ihn vor allem jenen empfehlen, die offen für experimentelle Literatur mit feministischen und religionskritischen Themen sind. Deswegen erhält diese ungewöhnliche Lektüre von mir gute drei von fünf Federn. - Marc-Uwe Kling
QualityLand (QualityLand 1)
(216)Aktuelle Rezension von: MinijaneOh je, die Zukunft, die Marc Uwe Kling in Qualityland beschreibt ist abschreckend und doch nur die Welt von heute ein Stückchen weitergedacht.
In dieser schönen, neuen Welt, werden den Menschen die Entscheidungen abgenommen, denn der Algorithmus weiß sowieso was jeder will.
Geschichte:
Peter ( Arbeitsloser) ist sauer, weil ihm „The Shop“ einen rosafarbene Delfin-Vibrator geschickt hat, den er sich wohl unbewusst gewünscht hat. Er versucht das Teil erfolglos wieder loszuwerden und scheitert immer wieder.
Doch Peter gibt nicht auf und fixiert sich immer mehr auf die Idee, den Gründer von „ The Shop“ persönlich zu behelligen.
Ein zweiter Handlungsstrang erzählt von dem Androiden - Präsidentschaftskandidaten John of us , der im Wahlkampf gegen den rechtsradikalen Kandidaten zu bestehen versucht.
Und auf einer 3. Erzählebene geht es um das Ehepaar Martyn ( Politiker) und Denise( Ehefrau und Mutter) . Martyn ist eifersüchtig auf den digitalen Freund seiner Frau.
Die Geschichten werden nebeneinander erzählt und ergeben nicht wirklich einen Zusammenhang. Trotzdem ist jede Situation, in die die Figuren geworfen werden sehr unterhaltsam und witzig.
.
Ich würde sagen, alle die die Känguru Geschichten mochten, werden auch an Qualityland ihre Freude haben. Denn auch hier sprüht der Autor wieder vor Ideen und es macht einfach Spaß ihm zuzuhören.
- Margaret Atwood
Die Zeuginnen
(236)Aktuelle Rezension von: einbisschenbuechereiDie Fortsetzung von „Der Report der Magd“ bietet eine fesselnde Erzählung aus drei Perspektiven: Tante Lydia, Agnes und Daisy. Obwohl sich das Buch vom ersten Band unterscheidet, ist es dennoch außergewöhnlich gut geschrieben.
Es liefert reichlich Hintergrundinformationen zu Gilead, seinen Machtstrukturen und den dortigen Gräueltaten. Einige offene Fragen aus dem ersten Band werden beantwortet.
Die Geschichte wird durch die Akten der Zeuginnen und vorhandene Zeugenberichte erzählt. Der Schreibstil ist klar und verständlich und zieht den Leser in die Geschichte hinein.
Margaret Atwood hat mit ihrer Reihe eine erschreckende und widerwärtige Welt geschaffen, die nichts für schwache Nerven ist. Auch der zweite Teil ist ein unglaublich spannendes Buch, das den Leser glauben lässt, dass es nicht noch schlimmer werden kann.
Wer den ersten Teil mochte, sollte unbedingt auch Teil Zwei lesen.
- Rebecca Solnit
Orwells Rosen
(4)Aktuelle Rezension von: Trishen77
Mittlerweile dürften alle, die hier ab und an mal mitlesen, wissen, dass ich ein großer Fan der amerikanischen Essayistin Rebecca Solnit bin. Auch ihr neustes Buch ist eine wunderbare Lektüre, eine einzige große, dennoch wohlstrukturierte Abschweifung über den Humanisten, Anarchisten, Essayisten, Naturliebhaber und Propheten der Moderne George Orwell, in deren Verlauf die vielfältige Persönlichkeit dieses Autors vor allem im Spiegel seiner persönlichen Leidenschaft fürs Gärtnern und die Natur im Allgemeinen betrachtet wird. Doch ist dies nur der Ausgangspunkt, denn die (Ab)Wege von Solnits Prosa führen uns auch tiefer in das Werk Orwells, die Politikgeschichte des 20 Jhd., in die Natur- und Kukturgeschichte von Rosengewächsen (und anderen Dingen) und kreisen immer wieder um die Frage der Disparität von Politik und Privatem, also wie Engagement und persönliche Vorlieben voneinander abhängen, sich unterscheiden und dennoch bedingen. Es ist eine großartige Spurensuche, eine feine Analyse, eine frohgemute Wanderung (alles zugleich) und lässt einen mit vielen kleinen Erinnerungen an Orte zurück (Orte in Landschaften, in Formulierungen, in fernen, anderen Lebenswelten), die man noch eine Weile nach der Lektüre immer wieder aufsucht.
- Celeste Ng
Unsre verschwundenen Herzen
(191)Aktuelle Rezension von: GruenenteBird ist 12 Jahre alt uns lebt ein einsames, trauriges Leben gemeinsam mit seinem Vater Ethan. Birds Mutter Margaret ist verschwunden. Denn sie wird wegen „Aufwiegelung“ polizeilich gesucht.
Das Buch spielt in den USA, in einer nicht näher spezifizierten Zukunft, oder einer parallelen Gegenwart. Wir befinden uns in einem dystopischen Roman, in einer amerikanischen Gesellschaft, die von PACT (Preserving American Culture and Traditions) reguliert wurde, einem Gesetzespaket, das unamerikanische Einflüsse stoppen soll. Ode genauer gesagt, das asiatische Einflüsse unterbinden soll. Denn Das Land hat eine sehr schwere Wirtschaftskrise durchgemacht. Die Gründe wurden nicht im eigenen Land gesucht, sondern China wurde als Verursacher angeprangert. So entstand ein unglaublicher Rassismus gegen alle asiatisch-stämmigen Mitbürger.
Alle Menschen, die gegen PACT protestierten, wurden direkt eingesperrt oder, sie wurden unter Druck gesetzt, indem man ihnen die Kinder nahm. Diese Kinder wurden dann weit entfernt in Pflegefamilien oder Heime gesteckt und ganz der eigenen Identität beraubt.
Nachdem eine Zeile aus einem Gedicht, das Birds Mutter veröffentlicht hat, als Leitspruch für eine Anti-PACT-Bewegung, hergenommen wurde galt Margaret automatisch auch als Aufständische. So verschwand sie. So konnte Ethan zumindest seinen Vater behalten.
Unzählige Kinder wurden unter dem Deckmantel von PACT aus ihrem Zuhause gerissen. Eine wahre Hexenjagd zog sich durchs Land. Passte der Nachbar nicht, wurde er anonym angezeigt, das Kind wurde mitgenommen. Entsetzlich.
Das Buch handelt größtenteils von Bird, seinem Leben mit seinem Vater. Da auch Bird asiatisches Blut in den Adern hat, wurde er in der Schule gemobbt, hatte keine Freunde, war total vereinsamt.
Als Bird eine Nachricht seiner Mutter findet macht er sich auf die Suche nach ihr. Dabei erfährt er ihre Geschichte. So werden die Beweggründe für ihre Flucht und die Motivation für ihre Gedichte und Taten erst richtig klar.
Das Buch gefällt mir sehr gut, poetisch, spannend, bestürzend, lehrreich. Einfach klasse!
- Ken Krimstein
Die drei Leben der Hannah Arendt
(63)Aktuelle Rezension von: Trishen77Sie war ein unabhängiger Geist und daran hat sie immer festgehalten, sich festgehalten. Bis heute sind ihr Werk und ihre Person umstritten. Sie war eine Philosophin, die die Philosophie hinter sich lassen wollte, Essayistin mit einem Hang zur Epik und eine jüdische Intellektuelle, die es sich mit den meisten anderen jüdischen Intellektuellen ihrer Zeit verscherzte. "Am Leben zu sein und zu denken ist ein und dasselbe", so lautete ihre Überzeugung und sie hat viele Gedankengebäude in ihrem Leben ent- und verworfen, immer auf der Suche nach einer Wahrheit, aber letztlich mehr auf der Suche nach den Konsequenzen, die zu ziehen sind, aus dem, was geschieht - ohne falsche Scheu, ohne metaphysischen Über- oder Unterbau.
In seiner Graphic Novel "Die drei Leben der Hannah Arendt" zeichnet Ken Krimstein den Weg der großen Denkerin nach, von der Jugend bis zu ihrem Tod. Im Prinzip ist das Buch eine bebilderte Biographie, gespickt mit einigen komischen bis faszinierenden Eigenheiten. Aufgebaut ist es sogar wie eine Autobiographie, denn erzählt wird immer aus der Perspektive von Arendt.
Der Stil des Comics ist der einer schnellen und doch ausgefeilten Bleistiftskizze. Die einzige Farbe, die dann und wann vorkommt, ist Grün; meist als Farbe des Kleidungsstücks von Arendt. Krimstein arbeitet viel mit Zitaten und inszeniert Arendt gerne im Zwiegespräch. Er hat außerdem einen Faible für Namedropping und immer wieder wird Arendt als Teil einer Runde von großen Namen dargestellt.
Darüber hinaus gelingt es ihm, ein sehr anschauliches und einfühlsames Bild von Arendts Leben und Denken zu zeichnen, mit allen Zweifeln und Fragwürdigkeiten. Ihre Obsession für Heidegger ist natürlich bspw. ein nicht ganz unwichtiges Motiv.
Es wird aber vor allem deutlich, was für eine herausragende Gestalt Arendt tatsächlich war: eine der zentralen Wahrheitssuchenden ihres Zeitalters. Ein Zeitalter des Traditionsverfalls, in dem sich viele noch fester an Traditionen klammerten, während sie nach neuen Wegen suchte, nach neuen Ansätzen, neuem Umgang.
So lässt Krimstein sie am Tag des Kriegsendes, als alle anderen feiern, sagen: "In der Welt ist etwas im Gang, das die Menschen veranlasst, ihre eigene Freiheit zu kannibalisieren, und während sie dies tun, verwandeln sie andere Menschen in eine Deponie."
Sehr viel Raum gibt Krimstein der Darstellung ihrer Theorien zu Pluralität und Natalität, zu privatem und öffentlichem Raums. Eichmann und "Die Banalität des Bösen" lässt er, obgleich dieser Punkt natürlich behandelt wird, ein bisschen außen vor. Trotzdem hat man das Gefühl, zum Kern von Arendts Denken vorzustoßen.
Letztlich ist es ein bemerkenswertes Buch, weil Krimstein ein fesselndes und doch sehr auf Arendts Philosophie eingehendes Portrait gelingt. Wo mancher Biograph vielleicht der Versuchung erlegen wäre, Arendts Leben vor allem entlang der Skandale und vor dem Hintergrund der Shoa und der Liason mit Heidegger zu inszenieren, setzt Krimstein lieber auf eine ausbalancierte und vielseitige Darstellung, die dem Denken ebenso viel Platz einräumt wie dem Leben.
"Aus dem Jenseits spricht Hannah Arendt zu uns: Obgleich das Leben in der Welt der Pluralität und Natalität kein Spaziergang ist, haben wir, wenn wir Auschwitz oder den Gulag oder die Mauer oder Pol Pot oder Gefängnisrevolten wie die von Attica oder der Isis vermeiden wollen, als Gattung keine Wahl, dieses anzunehmen und auszuhalten.
Mit anderen Worten: es gibt keine einzige Wahrheit. Keinen Königsweg des Verstandes, nur einen gloriosen, nie enden wollenden Schlamassel. Der nie enden wollende Schlamassel echter menschlicher Freiheit." - Matthias Jügler
Maifliegenzeit
(28)Aktuelle Rezension von: Schmuck_GuggerinDen jungen Eltern Katrin und Hans passiert, was man niemanden wünscht: Sie verlieren kurz nach der Geburt ihr Kind. Der Junge sei angeblich auf dem Weg in ein Krankenhaus verstorben. Die Mutter will und kann nicht glauben, was passiert sein soll. In dieser schweren Zeit können auch die beiden Eltern einander nicht trösten oder zumindest versuchen einander zu verstehen. Die Beziehung ist am Ende und auch ein letztes Treffen kann lediglich den Wunsch der Mutter deutlich machen, wachsam zu bleiben.
Hans, der Icherzähler, macht uns zu Zeugen all seiner Gedanken, was dem Text eine emotional hochwertige Bedeutung verleiht.
Es ist die einfühlsame Sprache des Autoren und das immerwährende Auftauchen von Zweifeln der Protagonistinnen und Protagonisten, das mir das Buch so nahe gebracht hat.
Der Handlung liegen historische Begebenheiten zugrunde, die es in der DDR gegeben haben soll. Der Roman macht Hoffnung, auf eine weitere Aufdeckung dieser unglaublichen Fälle.
Zugleich ist Matthias Jügler ein Autor, von dem man sich wünscht, bald ein weiteres Buch in Händen zu halten.
- Margaret Atwood
Aus dem Wald hinausfinden
(6)Aktuelle Rezension von: PantoffeltierDie 1939 geborene Margaret Atwood hat ein umfangreiches literarisches Werk geschaffen. Ihr 1985 geschriebenes Buch „Der Report der Magd“ ist bereits ein Klassiker und hat gerade im Zuge der Proteste gegen rechte und fanatisch-religiöse Strömungen wieder große Bekanntheit erlangt. Atwood wird nachgesagt, in ihren Büchern eine düstere Zukunft zu prophezeien.
In diesem Interviewband spricht Margaret Atwood mit dem Journalisten Caspar Shaller. Die Interviews sind schon etwas älter, aber die Themen sind immer noch aktuell. Zum Beispiel ist es angesichts der zweiten Amtszeit von Donald Trump interessant zu lesen, wie seine erste Amtszeit wahrgenommen wurde.
Das Buch hangelt sich mehr oder weniger an den verschiedenen Stationen von Atwoods literarischem Schaffen entlang. Der Interviewer geht näher auf die mehr oder weniger subtilen gesellschaftskritischen Elemente in ihren Werken ein. Natürlich geht es viel um Totalitarismus, die Folgen von Umweltzerstörung und das Verhältnis von Männern und Frauen, aber auch darum, ob eine so naturverbundene Person wie Margaret Atwood dem Interviewer einen Weg aus dem Wald zeigen könnte.
Ich fand es sehr spannend, was Atwood über ihre Jugend und ihren Werdegang erzählt und wie sie trotz ihres hohen Alters den Kontakt zu jungen Menschen gehalten hat. Trotz ihrer düsteren Zukunftsprophezeiungen in verschiedenen Büchern, die sie „Speculative Fiction“ nennt, ist sie sehr positiv und humorvoll. Man merkt, dass sie die Interviewer gerne auf die Schippe nimmt, ihr Privatleben lieber aus der Öffentlichkeit heraushält und sich nicht gerne in Schubladen stecken lässt.
Etwas gestört hat mich die Formatierung. Immer wieder werden Sätze in der Mitte der Seite mit etwas Abstand groß hervorgehoben und kommen auf der gleichen Seite im Fließtext noch einmal vor. Dieses Stilmittel gehört für mich eher in Zeitschriften und bläht hier nur unnötig den Seitenumfang auf, ohne irgendeinen Nutzen für die Leser*innen zu haben.
Sehr lesenswerte Sammlung kluger Gedanken, die einen interessanten Blick auf die Autorin wirft, ohne sich in privaten Anekdoten zu erschöpfen. - Jan Assmann
Totale Religion
(2)Aktuelle Rezension von: JariDa ich in einer Buchhandlung mit katholischem Hintergrund arbeite, ist mir der Name Jan Assmann geläufig. Sein Werk "Exodus" gehört zum Inventar. Da dies aber ein ziemlich umfangreiches Werk ist, wagte ich mich erst einmal an das um einiges schmalere Werk "Totale Religion", das mich auch vom Thema her sehr fasziniert.
Doch zu Beginn hatte ich meine liebe Müh mit dem Buch, da sich Assmann immer wieder auf die zwei Arten des Monotheismus bezieht: den "Monotheismus der Treue" und der "Monotheismus der Wahrheit". Wobei ich stets Mühe hatte, die beiden auseinanderzuhalten. Auch kam es mir immer mal wieder vor, als hätte der Autor diesen Titel nur geschrieben, um sich gegenüber bestimmten Leuten zu rechtfertigen.
Zum Glück legte sich dies mit der Zeit und auch die beiden unterschiedlichen Monotheismen verlieren mit fortschreitendem Text an Wichtigkeit. Dennoch: Assmann ist keine leichte Lektüre, auch dieses eher kurze Werk fordert volle Aufmerksamkeit. Wer diese aufbringt, erfährt jedoch auch sehr viele interessante Dinge.
Assmann möchte hier keine Antwort darauf geben, wie wir mit dem Terrorismus umgehen können, sondern lotet die Bedeutung der Gewalt im sprachlichen Kontext aus. Sehr viele Bibelstellen sind äusserst gewalttätig, obwohl die Botschaft dieses Buches der Bücher eine ganz andere ist.
Woher kommt das? Was hat das zu bedeuten? Welchen Einfluss hat diese Sprache der Gewalt?
Dabei fördert der Autor einige höchst interessante Fakten zutage. Mich interessieren die anthropologischen Hintergründe zur Entstehung der biblischen Texte, auch die Frage, wie das Leben damals für die Menschen war. Hier lässt Assmann tief blicken und somit ist "Totale Religion" eine spezialisierte Vertiefung zu Carel van Schaiks "Das Tagebuch der Menschheit".
Mit jedem Satz merkt man, dass Assmann ein absoluter Fachmann ist (Ägyptologie, Klassische Archäologie und Gräzistik). Sein Wissen ist tief und fundiert, sein Text strotzt vor Selbstbewusstsein, aber nach den eingangs erwähnten Stolpersteinen sagte mir das alles sehr zu. Ich habe mir sehr viele Textstellen vermerkt, hatte einige Aha-Erlebnisse und mein grundsätzliches Wissen über die Hintergründe der Bibel wurden ein weiteres Mal erneuert.
Dass der Autor seine Theorien mit Carl Schmitt untermauert, hat zwar einen faden Beigeschmack, aber in dem Bezug, in dem er sie verwendet, passen sie. Ich denke auch, dass sich Assmann bewusst war, dass er damit dünnes Eis betritt. Aber ihm einen Strick daraus drehen, muss man meiner Meinung nach nicht, da Assmann wirklich sehr bedacht damit umgeht.
Mich hat Assmann tief beeindruckt und vielleicht wage ich mich irgendwann auch an sein Monumentalwerk "Exodus". - Nora Burgard-Arp
Wir doch nicht
(14)Aktuelle Rezension von: rockchickdeluxeWir doch nicht zeigt beängstigend, verstörend, realistisch und beklemmend nachvollziehbar, wie aus einer Demokratie durch bestimmte Sätze, tolerierte Meinungsäußerungen und fast unmerkliche Werteverschiebungen ein totalitäres, patriarchales Regime wird. Schleichend, so dass niemand aufbegehrt.
Ach, wir werden doch nicht alles mit uns machen lassen, was die SfDD vorhat. Wir doch nicht!
Aber nicht aufzufallen statt nicht-konforme Meinungen kundzutun ist einfacher, und einer ganzen Generation anerzogen.
Mathilda ist 37, Corona hat sie als Kind erlebt. Ihre Welt ist also gar nicht weit von unserer entfernt. Die rechtsnationale Parteil ist an der Regierung.
Frauen dürfen nicht mehr arbeiten, viele Fächer sind aus den Universitäten verschwunden. Verhütung ist illegal, auf Abtreibung steht lebenslange Haft. Schulbücher für Biologie und Geschichte wurden ausgetauscht, Smartphones dürfen von Frauen nur für private Nachrichten benutzt werden. Das Internet ist stark limitiert, Frauen sind zu Müttern, Gebärmaschinen und Dienerinnen der Männer degradiert. Lgbtq+, people of colour, non-binär? Stigmatisiert. Die Grenzen sind jetzt zu, auswandern geht nicht mehr.
Nora Burgard-Arp entwirft mitten in Hamburg eine entsetzliche Dystopie, und das Schlimme daran ist, dass das gar nicht so unrealistisch ist.
Das Szenario scheint nur ein paar dramatische Stellschrauben entfernt zu sein, und genau das macht diesen Roman nervenaufreibend relevant. Der Körper der Frau wurde enteignet, und so wird der Körper Mathildas sinnbildlich zum Spiegel ihrer Seele, der Unterdrückung und der Machtansprüche.
Wir doch nicht stellt sehr unbequeme Fragen: Wie hoch ist der Preis, den wir für eine sogenannte unpolitische Haltung zahlen? Dafür, uns nicht einzumischen? Ist Solidariät möglich, wenn das eigene Leben in Gefahr ist? Können wir es uns erlauben, keine Meinung zu haben? Zu schweigen? Gibt es einen Weg zurück in die Freiheit?
Dieser Roman ist ein Warnruf, ein Weckruf, eine feministische aber vor allem humanistische Kampfschrift. Schwer zu ertragen aber ungeheuer wirkungsvoll. Wo auch immer ich davon erzähltem wurden meine Zuhörer*innen sehr wütend.
Lest dieses Buch!
- Arkadi und Boris Strugatzki
Es ist schwer, ein Gott zu sein
(5)Aktuelle Rezension von: Ein LovelyBooks-NutzerArkadi und Boris Strugatzki gehören zweifelsohne zu den wichtigsten Phantastik und Science Fiction Autoren aller Zeiten. Umso grandioser ist es, dass Heyne nach und nach die wichtigsten Werke aus der Werkausgabe herauslöst und als Romane neu veröffentlicht. Und bei Es ist schwer, ein Gott zu sein handelt es sich zudem auch noch um die unzensierte und anhand der Manuskripte rekonstruierte Fassung. Ein Meisterwerk der Science Fiction neu aufgelegt.
Die Strugatzki Brüder beschreiben einen fernen Planeten auf dem Menschen in einer spätmittelalterlichen feudalen Gesellschaft leben. Es ist kein romantisiertes Mittelalter, sondern ein schmutziges, brutales und somit realistischeres Mittelalter, als es in unzähligen Werken gezeichnet wird. Auf diesen Planten schickt die kommunistische Erdgesellschaft bzw. das Institut für Experimentalgeschichte Beobachter. Diese sollen die Entwicklung des Planeten lediglich filmend und forschend begleiten aber nicht eingreifen.
Die Beobachter sind dabei, ob ihres technischen wie zivilisatorischen Fortschritts, für die Bewohner des Planten gottgleich. Obgleich unendlich reich und mächtig, ist es den Beobachtern untersagt, selbst bei grausamsten Entwicklungen einzugreifen. In dieses Dilemma gerät Anton alias Don Rumata als sich die Gesellschaft anschickt in einen theokratischen Faschismus umzukippen. Mord und Totschlag, schrecklichste Folter, Lügen, Intrigen, Denunziation und Willkür herrschen, wo sich eigentlich nach der „Basistheorie des Feudalismus“ eine Zivilisation entwickeln sollte.
Während die faschistischen Schläger- und Mordtrupps marodieren und Künstler, Buchgelehrte und Intellektuelle auszurotten versuchen, beginnt Anton einige wenige Menschen zu retten und in benachbarte Königreiche zu bringen. Dies kann natürlich nicht lange unentdeckt bleiben, was zum Konflikt sowohl mit den faschistischen Despoten, als auch dem eigenen moralischen Anspruch führen muss.
Wider dem Faschismus
Ursprünglich wollten Arkadi und Boris Strugatzki einen Abenteuerroman wie die drei Musketiere von Alexandre Dumas schreiben. Viel ist davon nicht mehr übrig geblieben und dennoch blitzen sowohl der Humor als auch Anleihen an Abenteuerromane auf. Aber aus der „unschuldigen“ Idee entwickelte sich ein Allegeoriegewordener Roman. Die Strugatzki Brüder zeigen was alles mit Science Fiction möglich ist. Es ist nicht lediglich banaler Eskapismus, sondern beste Gesellschaftskritik versteckt in einer packenden Erzählung. Die Kritik am Faschismus ist dabei explizit. Etwas was in der Sowjetunion des Jahres 1964 (Erstveröffentlichungsdatum des Romans) zur Pflichtübung gehörte. Die marodierenden Horden sind schnell als nationalsozialistische SA zu identifizieren. Die Heiligen Horden, pardon, der Heilige Orden ist dann natürlich die SS. Eine quasi-religiöse Vernichtungsmaschinerie.
Das Denunziantentum des totalitären Staates kommt eben so vor wie Geheimdienste, Spitzel und inquisitorische Sicherheitsdienstler. Die Grenzen zwischen Kritik am Faschismus ebenso wie am Stalinismus sind fließend und dennoch deutlich herauszulesen. Der Antagonist heißt Don Reba, was eine notwendige Veränderung des ursprünglichen Don Rebija war. Da war allerdings die Anspielung auf Stalins Geheimdienstchef Berija zu deutlich und (wieder einmal) eine Zensur durch die sowjetischen Behörden zu befürchten gewesen.
Es ist eine präzise Beschreibung der verschiedenen Persönlichkeitstypen und Verhaltensweisen im Faschismus. Untertanen, Opportunisten, Speichellecker, autoritäre Charaktere, die nach oben buckeln und nach unten treten, alle Phänotypen finden sich wieder. Und immer wieder ist es Anton, der für das moralische Handeln spricht, dem zugleich aber nichts menschliches fremd ist.
Die Zukunft ist jetzt
Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein lässt sich auf mehrere Arten lesen. Es ist, ob der Sprache und des Inhalts, ein Meisterwerk der Science Fiction. Es ist grandiose Gesellschaftskritik. Es ist ein Phantastik Crossover von Zukunft und Vergangenheit. Es ist eine Aufforderung an die Leser*innen sich der Verantwortung im Angesicht der Menschenfeinde zu stellen. Und damit ist es wieder hochaktuell. Denn die Brüder Strugatzki zeigen auf, wie schnell eine Gesellschaft in den Totalitarismus kippen kann, wenn man nicht rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkennt. Es ist eine Aufforderung ein politisches Bewusstsein zu entwickeln, denn auch wenn man nichts davon wissen will und nur in Ruhe und Frieden Leben möchte, ereilen einen spätestens mit dem Umsturz die Ereignisse, wenn alle Menschen zu potentiellen Feinden erklärt werden und die Willkür der Gewaltherrschaft dominiert.
Mehr mustread geht nicht bei einem Buch.
„Während man die auf offener Straße mordete, saßen die anderen zu Hause und warteten schicksalsergeben, bis sie selbst an der Reihe waren. Nur ein Gedanke beherrschte sie: Mag es den anderen treffen, wenn nur ich verschont bleibe. Gleichgültige Grausamkeit bei den Mördern, gelichgültige Ergebenheit bei den Opfern.“
- Ismail Kadare
Der Nachfolger
(10)Aktuelle Rezension von: HallogenOhne echtes Hintergrundwissen zur albanischen Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kann man dieses Buch wohl nicht ganz verstehen. Ich fand es überflüssig den Figuren kodierte Namen wie "Der Führer" oder "Der Nachfolger" zu geben, dann aber doch so klare Rollen zuzuteilen, dass jeder der sich da auskennt weiß, wer gemeint ist. Es wird eindeutig gesagt, dass es um das sozialistische Albanien geht, wozu ist es dann nötig, solche Substitute zu benutzen? Es gab nur einen Führer im sozialistischen Albanien... Kadare kann zwar die Innenwelt der Figuren durchaus glaubhaft darstellen, aber irgendwie wirkt das ganze etwas konfus, so sind die Perspektivwechsel des Erzählers völlig unmotiviert, wirken eher so, als wäre dem Autor keine elegante Lösung eingefallen, um das Wissen der Figuren darzustellen. Ich empfand die Lektüre des Buches als unbefriedigend, mag aber dennoch den geschliffenen Stil und die Architektursymbolik sowie das Spiel mit den Zahlen zwei und drei, wobei auch dieses fast gänzlich unaufgelöst bleibt. Gut zu lesen, bleibt aber sicher nicht hängen. - Herta Müller
Mein Vaterland war ein Apfelkern
(7)Aktuelle Rezension von: FederfeeEs gibt Autoren, die man nur versteht oder die man besser versteht, wenn man etwas über ihr Leben weiß. Dazu gehört Herta Müller, Rumäniendeutsche, in einem kleinen Dorf in der Nähe von Temeswar geboren und nach dreißig Jahren endgültig nach Deutschland ausgereist.
Ich hatte mit ihrem ersten Werk 'Niederungen' begonnen, hatte mich über die simple Sprache gewundert und die Thematik und habe wenig begriffen. Nachdem ich dann dieses Buch gelesen habe, ein Gespräch mit der Publizistin Klammer, verstand ich mehr. Wir erfahren viel über ihr Leben, das Aufwachsen in einem kleinen Dorf, das so gar keine Idylle widerspiegelt, die Sprachlosigkeit, die Einsamkeit.
Und dann das Leben in der Stadt (Temeswar), nach dem Studium Arbeit als Übersetzerin in einer Fabrik und die ständigen Quälereien, die Psychofolter und Repressionen des Geheimdienstes Securitate, weil sie nicht als Spitzel arbeiten wollte. Das alles hat sie dann später in ihren Werken verarbeitet, über deren Entstehung man auch einiges erfährt. So hat z.B. die 'Atemschaukel' eine interessante Entstehungsgeschichte. Zum Schluss öffnet Herta Müller für uns noch ihre Schubladen mit den Wörtern, die sie zu Collagen verarbeitet und von denen es inzwischen drei Bücher gibt (die allerdings nicht mein Geschmack sind).
Was für eine starke Frau, die 30 Jahre unter der Ceaucescu-Diktatur gelebt und gelitten hat, die nicht wahnsinnig geworden ist, nicht aus dem Fenster gesprungen oder 'gesprungen worden ist'! Allerdings lässt sie das Erlebte nicht mehr los. Sie verarbeitet Privates und prangert mutig die Diktatur an sich und totalitäre Strukturen an, die ja leider aktueller denn je sind. Auch in diesem Sinne ist dieses Buch ein wichtiger Beitrag zum Thema Totalitarismus.
- Sheldon S. Wolin
Umgekehrter Totalitarismus
(1)Aktuelle Rezension von: WedmaEinige Tage ist es her, als die letzte Seite ausgelesen war, das Buch beschäftigt mich im Geiste immer noch.
Es lohnt sich. Wirklich. Auch für diejenigen, die nicht so ganz unbeleckt sind und sich mit dem Thema Machteliten und ihr Treiben bereits befasst haben.
Auch für diejenigen, die „Warum schweigen die Lämmer“ von Reiner Mausfeld (bleibt nach wie vor ein must read) gelesen haben. Mausfelds Vorwort zu diesem Werk, S. 8-54, gar nicht mal so kurz also, ist aussagestark und ebenso unbedingt lesenswert wie das vorliegende Buch von Sheldon Wolin. Beide möchte ich nicht missen.
Die Zitate am Buchrücken beschreiben den Inhalt sehr treffend, z.B.: „Wolins Buch ragt aus der Literatur der politischen Philosophie weit heraus, weil er kompromisslos die faktischen Machtverhältnisse und ihre zerstörerischen Auswirkungen benennt.“ Rainer Mausfeld.
Diese Sicht der Dinge muss man einfach kennen. Dann wird vieles klarer, was heute in der Welt passiert. Man kann das Ganze adäquater einschätzen.
Jedes Kapitel hat seine Highlights. Angefangen mit den Mythen, die in die Welt gesetzt werden, der Verschmelzung der Religion und elitärer Macht, um die Herrschaftsverhältnisse zu sichern und weiter auszubauen, zur Entstehung der Demokratie, i.e. von wem und für wen sie gedacht war und geschaffen wurde, bis zu der analysestarken Beschreibung der elitären Machtverhältnisse in der Busch-Ära und noch vieles mehr. George W. Busch wurde dabei oft George der Zweite genannt. Man sieht, guten Humorsinn und gewisses Unterhaltungstalent, wie auch das erzählerische Können, kann man dem Autor wohl kaum absprechen.
Der Text ist sehr verständlich geschrieben. Klar und für alle zugänglich zu bleiben, war Wolin ein extra Anliegen, was ihm auch gut gelungen ist. Spätestens ab dem 8.ten Kapitel wird es echt aufschlussreich. Und bis dahin informativ und spannend, was natürlich bis zum Schluss bleibt.
Wolins Darlegungen und Erklärungen sind prima nachvollziehbar. Vergleiche der Gesellschaftsverhältnisse beim umgekehrten Totalitarismus der Gegenwart mit den totalitären Regimen der Vergangenheit erscheinen nicht nur plausibel und überzeugend.
Sie regen zum Nachdenken und Diskutieren an. Insofern ist es schade, dass das Buch erst in diesem Jahr zum ersten Mal in deutscher Übersetzung erscheint.
Gehe weiter nicht ins Detail. Original ist immer besser als eine kurze Nacherzählung. Nehmen Sie sich lieber Zeit fürs Original und lesen Sie selbst. Es lohnt sich.
Fazit: Diese Inhalte sollte man kennen. Schon allein, um nicht dumm und veräppelt nach Strich und Faden sterben zu müssen, salopp gesagt.
Wer noch nicht im Klaren ist, wie Propaganda aufgebaut wird, damit sie sicher funktioniert, dem sei das Buch „Propaganda“ von Jacques Ellul ans Herz gelegt.
Wolins Buch „Umgekehrter Totalitarismus“ sollte man kennen. Unbedingt.
- Lydia Tschukowskaja
Untertauchen
(9)Aktuelle Rezension von: Christian_FisIn nüchterner und unpathetischer Sprache beschreibt die Ich-Erzählerin ihren Aufenthalt in einem Sanatorium für Schriftsteller im Winter 1949. Sie verbringt die Zeit, indem sie in ihren Erinnerungen untertaucht - ihr Mann wurde während des grossen Terrors 1937 deportiert. Während ihres Aufenthalt beginnt eine neue Verhaftungswelle gegen die «Kosmopoliten» in der Sowjetunion. Die Opportunisten des Sanatoriums passen sich an, tauchen in einer angepasste Sprache und Verhaltensweise unter. Ein beindruckendes Buch über Selbstbehauptung in einem totalitären System. Scharf beobachtet mit teilweise sehr komische Passagen eines Sanatoriumromans. Weniger begeistert haben mich die lyrischen Einschübe.
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