Bücher mit dem Tag "ur- und frühgeschichte"
10 Bücher
- Harald Meller
Das Rätsel der Schamanin
(9)Aktuelle Rezension von: dracomaEigentlich sind die Landesgartenschau in Bad Dürrenberg, geplant für 2024, und die Umgestaltung des Kurparks schuld. Im Bereich dieses Kurparks liegt nämlich ein 9000 Jahre altes, steinzeitliches Grab, das bereits 1934 ausgegraben wurde und schon damals wegen seiner überreichen Grabbeigaben für Aufsehen sorgte. Wegen der geplanten Neugestaltung des Kurparks fand nun eine Nachgrabung statt, und deren Ergebnisse legt das Autorenduo Meller und Michel vor. Dazu nutzen sie die Elemente des Kriminalromans: sie sprechen von einem „cold case“ gehen investigativ vor, stellen Hypothesen auf und verwerfen sie wieder, und der Leser verfolgt gespannt den Gang der Entdeckungen.
Es ist tatsächlich eine außerordentliche Geschichte, die der Leser erfährt. Die Archäologen von 1934 hielten aufgrund der damals üblichen patriarchalischen Sichtweise ein reich ausgestattetes Grab stets für das eines Mannes. Und dieser Fund wurde nun eingepasst in das völkische Geschichtskonstrukt: dieser Mann war ihrer Meinung nach weiß und blond und diente daher als Beweis für eine Art Ur-Arier, der nicht durch Migration nach Mitteldeutschland fand, sondern der sich hier bodenständig entwickelt habe. Ein Beweis für die völkische Ideologie der Nationalsozialisten. Sehr umfassend wird der Leser informiert, wie diese ideologisch verblendeten (und zudem unwissenschaftlich arbeitenden) Prähistoriker ihre üble Rolle als „Vordenker der Vernichtung“, wie Götz Aly sie nennt, spielen.
Was hätten diese Archäologen zu der Tatsache gesagt, dass ihr „Mann“ nicht nur eine Frau war, sondern zudem dunkelhäutig? Eine Person of Colour? So wie auch der noch ältere Fund, der sog. Neuessinger Mann aus dem Altmühltal?
Die Ergebnisse der Nachgrabung und ihre umfangreichen Auswertungen werden dem Leser umfassend und auch für archäologische Laien immer verständlich vorgestellt. Die beiden Autoren nehmen ihren Leser mit an die Schnittstelle zwischen Mesolithikum und Neolithikum. Nachdem unsere Ahnen jahrtausendelang als Jäger und Sammler gelebt hatten- immerhin die längste Zeit der Menschheitsgeschichte! - wandelt sich allmählich ihre Lebensweise: sie werden sesshafte Ackerbauern und Viehzüchter. Und sie spezialisieren sich, und dafür sprechen die reichen Grabfunde: hier wurde eine Heilerin bestattet, eine spirituelle Expertin, eine charismatische, reiche und äußerst angesehene Frau, deren Grab noch Jahrhunderte nach ihrem Tod Besucher an sich zog, quasi ein „Lourdes der Steinzeit“.
Da drängt sich der Begriff „Schamane“ auf. Auch hier holen die Autoren weit und differenziert aus. Sie informieren nicht nur über die Geschichte des Schamanentums, das vom Christentum verteufelt wurde und Opfer ideologischer Anschauungen wurde, sondern stellen auch die angewendeten bewusstseinserweiternde Praktiken vor. Ebenso umfassend und reflektiert sind die Darstellungen der animistischen, d. h. allbeseelten Sichtweise der Welt.
Sehr spannend fand ich die Darstellung der sozialen Konsequenzen, die die veränderte Lebensweise nach sich zog. Die Sesshaftwerdung führte zu kleinräumigeren sozialen Netzen und es entstehen neue soziale Hierarchien. Aber immer noch betrachtet sich der einzelne Mensch als Knotenpunkt eines Netzes unterschiedlicher Lebewesen – und der Verlust dieser Netzwerke quält den modernen Menschen.
Aber: Muss ich eine Grabbeigabe „fancy“ nennen und eine Persönlichkeit „sparkling“? Ab und zu eine Streichung einiger Redundanzen hätte dem Buch auch gutgetan.
Das Hörbuch wird eingelesen von Helge Heynold: eine angenehme Stimme, sauber artikuliert, sinngerecht betont, perfekt!
Fazit: Ein kluges, faktenreiches, informationsreiches, immer reflektierendes Buch, das die ferne Steinzeit heranrückt und zudem Auskunft gibt über die vielen wissenschaftliche Methoden des Erkenntnisgewinns.
Absolute Lese- und Hörempfehlung.
- Karen Radner
Mesopotamien
(1)Aktuelle Rezension von: Bellis-PerennisIn 14 Kapiteln geht die Autorin der Kultur des Zweistrom- oder Zwischenstromlandes, das sich - geografisch - vom Persischen Golf bis zum Taurusgebirge erstreckt, nach. Politisch liegt das Gebiet in einer damals wie heute umkämpften Zone: u.a. Syrien, Iran und dem Irak.
Städte wie Uruk, Raqqa, Ur, Aleppo oder Babylon sind durch die Ausgrabungen bekannt. Uruk ist lange vor Babylon eine Weltstadt gewesen, in der nicht nur die Keilschrift erfunden worden ist.
Die Autorin informiert über die wesentlichen sozialen und politischen Entwicklungen, die in einem Zeitraum von knapp dreitausend Jahren geschehen sind.
Der Schreibstil der Autorin ist schnörkellos und angenehm. Neben zahlreichem Detailwissen finden sich noch Abbildungen der wesentlichsten archäologischen Funde. Was fehlt, ist ein Namens- und Ortsverzeichnis, was aber der begrenzten Seitenanzahl der Beck’schen Reihe geschuldet ist. Ergänzend zu diesem Band, empfehle ich aus der Beck’schen Reihe „Mesopotamien. Die antiken Hochkulturen zwischen Euphrat und Tigris“ von Barthel Hrouda. Er widmet sich den Völkern.
Fazit:
Für Anfänger stellt dieses Büchlein einen guten Einstieg in das Altertum Mesopotamiens dar. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.
- Josef H. Reichholf
Warum die Menschen sesshaft wurden
(4)Aktuelle Rezension von: sturluDer Anbau der Wildformen unserer heutigen Getreidesorten ist so unergiebig, dass sich dieser Aufwand für unsere Vorfahren nicht gelohnt hätte: Sie hätten dafür mehr Energie investieren müssen, als die Ernte enthalten hätte. Aber die Züchtung von ergiebigeren, leichter verwertbaren Sorten benötigt viele Generationen. Es stellt sich also die Frage: Wie konnte sich der Ackerbau durchsetzen gegenüber dem bis dahin erfolgreich praktizierten Hirtennomadentum? Dieser Frage geht der Evolutionsbiologe und Zoologe Reichholf in seinem jüngsten Buch nach. Die Antwort darauf hätte eigentlich kein Buch benötigt, man könnte sie wahrscheinlich auch auf zehn Seiten skizzieren. Es würde einem dann aber ein höchst interessanter und spannender Streifzug durch unsere Vor- Früh- und Geschichte entgehen, den der Autor nutzt, um historische und prähistorische (Entwicklung des aufrechten Ganges und des Gehirns) Parallelen zu seiner These zu ziehen. Diese Ausflüge sind stellenweise fast schon weitschweifig (nach der Lektüre des Buches weiß man beispielsweise, woher die Legende der Einhörner wahrscheinlich stammt), aber nie langweilig. Wenn man nörgeln will, hätte dem Buch stilistisch ein beherzteres Lektorat gutgetan. Wissenschaftler stehen im Ruf, oft unnötig verschachtelte Bandwurmsätze zu bauen. Reichholf schlägt, wahrscheinlich im Versuch dies zu vermeiden, mancherorts ins andere Extrem um und füllt Seiten nur mit kurzen Hauptsätzen. Das Einfügen von Absätzen zur Strukturierung des Textes ist ihm dagegen offenbar fremd oder zuwider, er kommt seitenweise ohne aus. Aber diese Oberflächlichkeiten vermochten meinen Lesegenuss und Erkenntnisgewinn nicht zu mindern. - Robert L. Kelly
Warum es normal ist, dass die Welt untergeht
(8)Aktuelle Rezension von: heinokoMit den Büchern aus dem Verlag wbg Theiss habe ich mir offensichtlich zu viel zugemutet. Aufgrund gewisser Einschränkungen altersbedingt musste ich meine Lesezeit deutlich reduzieren, außerdem sind für mich intellektuell herausfordernde Themen inzwischen nicht mehr so gut zu bewältigen wie früher, was mich psychisch sehr belastet. Dennoch muss ich einsehen, dass ich manchen Büchern einfach nicht gerecht werden kann.
So erging es mir auch mit dem vorliegenden Buch, dessen umfassendes Thema mit einem grundsätzlich positiven Fazit mich sehr ansprach. Mit dem Autor durch 6 Millionen Jahre Evolution zu wandern, stellte sich für mich als eine zu große Aufgabe heraus, so gut bin ich geistig nicht mehr zu Fuß. Obwohl es der Autor mit seiner ansprechenden, erfrischenden Erzählweise, die sehr persönlich wirkt, dem Leser durchaus leicht machen möchte. Viele Pausen legte ich beim Lesen ein, dennoch nahm ich das Buch von Mal zu Mal widerstrebender in die Hand. Zu viele, zu große, zu gewaltige, zu weitreichende Themen – ich fühlte mich fast wie Atlas, der die Weltkugel trägt. Übrig bleibt eine große Bewunderung für Robert Kelly und die Erkenntnis, dass es Sachbücher gibt, denen ich nicht (mehr) gewachsen bin.
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