Bücher mit dem Tag "utopie"
192 Bücher
- Lauren Oliver
Delirium - Amor Deliria Nervosa
(2.172)Aktuelle Rezension von: Thess12345Inhalt:
In Delirium begleiten wir die siebzehnjährige Lena kurz vor ihrem 18. Geburtstag. Ein Datum, das in ihrer Welt alles verändert, denn dann soll sie gegen die Amor Deliria Nervosa geheilt werden. Liebe gilt in dieser Gesellschaft als gefährliche Krankheit, die Leid, Chaos und Tod verursacht und deshalb vollständig ausgelöscht werden muss.
Schon früh im Leben werden Jugendliche getestet und erhalten eine Punktzahl, die ihren gesellschaftlichen Wert bestimmt. Diese entscheidet darüber, welchen Lebensstandard sie später haben und welcher Partner ihnen zugewiesen wird. Das System verspricht Sicherheit und Ordnung, lässt jedoch keinen Raum für Individualität oder echte Gefühle. Je näher der Tag ihrer Heilung rückt, desto mehr beginnt Lena, an allem zu zweifeln, was sie ihr Leben lang für richtig gehalten hat.
Eigene Meinung:
Die Grundidee des Romans hat mich von Anfang an begeistert. Eine Welt, in der Liebe als Krankheit angesehen wird, ist gleichermaßen erschreckend wie faszinierend. Besonders das Punktesystem fand ich beklemmend, da es zeigt, wie sehr Menschen nach Zahlen bewertet und in vorgegebene Lebensbahnen gedrängt werden können. Diese Vorstellung hat mich beim Lesen immer wieder nachdenklich gemacht.
Der Einstieg in die Geschichte ist ruhig und sehr atmosphärisch. Lauren Oliver nimmt sich viel Zeit, um die Regeln dieser Welt und Lenas Gedanken greifbar zu machen. Das hat mir grundsätzlich gut gefallen, allerdings empfand ich den Mittelteil stellenweise als etwas langatmig. In diesen Passagen hatte ich das Gefühl, dass die Handlung kaum voranschreitet und meine Lesemotivation zeitweise nachgelassen hat.
Lena war für mich eine glaubwürdige Protagonistin. Gerade weil sie anfangs nicht rebellisch ist, sondern das System akzeptiert und ihm vertraut, konnte ich ihre Ängste und inneren Konflikte gut nachvollziehen. Ihre Entwicklung vollzieht sich leise und schrittweise, was sie sehr menschlich wirken lässt.
Zum Ende hin nimmt die Geschichte deutlich an Fahrt auf. Die Spannung steigt, emotionale Momente treffen ins Herz und der Cliffhanger hat mich völlig überrascht. Das Finale hat vieles wettgemacht und mich mit einem starken Bedürfnis zurückgelassen, sofort weiterlesen zu wollen.
Fazit:
Delirium überzeugt mit einer außergewöhnlichen dystopischen Idee, einem eindrucksvollen World-Building und einer Protagonistin, deren Entwicklung glaubwürdig erzählt wird. Auch wenn das Buch im Mittelteil Längen hat, macht das intensive und emotionale Ende diesen Eindruck größtenteils wieder wett.
Das Buch hat mich darüber nachdenken lassen, wie selbstverständlich wir Gefühle wie Liebe betrachten und wie grausam eine Welt wäre, in der sie kontrolliert oder verboten sind. Empfehlen würde ich Delirium vor allem Leserinnen und Lesern, die Dystopien mit emotionalem Schwerpunkt mögen und kein Problem mit ruhigeren Passagen haben.
- Margaret Atwood
Der Report der Magd
(880)Aktuelle Rezension von: TintenpfadEhrlich gesagt ist die Vorstellung eines kompletten Identitätsverlusts absolut beängstigend. Diese Welt namens Gilead funktioniert wie ein präzises, kaltes Uhrwerk. Die Erzählung kommt ohne großes Spektakel aus. Die wahre Gänsehaut entsteht im Kopf.
Früher gab es Freiheit und eigene Entscheidungen. Jetzt bestimmen Uniformen und starre Gebete den Tag. Offred klammert sich an winzige Fetzen ihrer Vergangenheit. Diese kleinen Rebellionen im Stillen sind der eigentliche Kern der Handlung.
Die Sprache wirkt fast wie ein Protokoll der Unterdrückung. Jedes Wort sitzt an der richtigen Stelle. Die Atmosphäre ist durchgehend schwer und beklemmend. Oft reicht ein einziger Satz aus, um das ganze Ausmaß der Hoffnungslosigkeit zu verdeutlichen.
Nach dem Ende bleibt ein flaues Gefühl im Magen zurück. Die Realität wirkt plötzlich viel zerbrechlicher als zuvor. Diese Geschichte brennt sich einfach ein.
- Kiera Cass
Selection – Der Erwählte
(3.851)Aktuelle Rezension von: Buechervorhersage3,5 Sterne
Im Casting um den Platz als Frau an der Seite des Prinzen sind noch fünf Kandidatinnen übrig geblieben. America ist sich weiterhin nicht sicher, wem ihr Herz mehr gehört, Maxon oder ihrer Jugendliebe Aspen. Sie muss sich nun endlich entscheiden und dann für denjenigen kämpfen, bevor es zu spät ist.
Meine Beziehung zu dieser Reihe wird leider mit jedem Teil schwieriger. Die Storyline hat weiterhin eine große Sogwirkung auf mich, aber das Verhalten einiger Personen ist für mich nicht entschuldbar und total überzogen. Was Maxon teilweise für Sprüche America gegenüber fallen lässt (und sie sich dann auch gefallen lässt, zum Beispiel "Ich bitte dich, America, du hast schon so viele dumme Dinge gesagt und getan, da überrascht es mich schon ein wenig, dass du überhaupt noch so etwas wie Scham empfinden kannst" S. 35), hat mich richtig wütend gemacht und das Drama zum Ende des Buches hin war absolut inszeniert und unglaubwürdig überzogen. Der Prinz ist mir im Laufe der Geschichte immer unsympathischer geworden und dass America das nicht nur hingenommen hat, sondern auch noch die Schuld bei sich selbst gesucht hat, geht einfach gar nicht. Er hat mehr von seinem Vater in sich, als er denkt. Da stand Aspen dieses Mal tatsächlich wesentlich besser da als treuer Freund und selbst die Beziehungen zwischen den Frauen haben sich zum Positiven verändert. Zum Schluss kam das Ende etwas zu abrupt und die Ereignisse überschlugen sich, so dass ich erstmal Zeit brauchte, um alle Geschehnisse nochmal Revue passieren zu lassen.
Gerade für junge Frauen finde ich das vermittelte Bild von Liebe und Zuneigung in dieser Reihe sehr schwierig. Wenn man das ausblenden und kritisch einstufen kann, wird man jedoch sehr gut unterhalten.
- Kiera Cass
Selection
(5.399)Aktuelle Rezension von: cozyeveningreads35 Mädchen kämpfen um das Herz von Prinz Maxon und die Krone. America, ein Mädchen aus der Unterschicht hat eigentlich nur vor das gute Essen zu genießen und will den Prinzen zunächst ignorieren. Zwischen Konkurrenzkampf, luxuriösem Palastleben und gefährlichen Rebellenangriffen, die tödlich enden können gerät sie jedoch zunehmend in ein Gefühlschaos, denn was wenn Maxon gar nicht so langweilig ist wie gedacht und wäre da nicht auch noch ihre Jugendliebe Aspen, den sie immernoch nicht vergessen kann…
Ehrlich ich hab geweint, hatte Herzklopfen, hab mitgezittert und ganz viel gelacht und vor Freude gequietscht.
Ich hab die Bücher schon mehrmals gelesen und die Geschichte um America, Maxon und Aspen hat mich jedes mal wieder komplett mitgenommen.
Für immer eine meiner liebsten Reihen und absolut empfehlenswert!
- Cecelia Ahern
Flawed – Wie perfekt willst du sein?
(1.198)Aktuelle Rezension von: BuchspinatZum Inhalt:
Celestine führt ein gutes Leben. Ihre Familie gilt als perfekt. Sie gilt als perfekt. Niemand hat etwas auszustehen. Nicht wie die Menschen, die von der Gilde als „fehlerhaft“ beurteilt und ebenso gebrandmarkt und aus der Gesellschaft ausgestoßen werden. Celestine hat eine große Zukunft vor sich und ist glücklich verliebt in Art – den Sohn des obersten Richters der Gilde. Doch dann passiert eines Morgens im Bus etwas, dass Celestines Leben vollkommen aus der Bahn wirft und plötzlich gilt sie selbst als „fehlerhaft“.
Meine Meinung:
Eine Dystopie, die so absurd erscheinen mag beim Lesen und dennoch – wenn man die täglichen Nachrichten liest und hört – in vielen Dingen eine erschreckende Parallele zur gesellschaftlichen und politischen Entwicklung – nicht nur in unserem Land – geworden ist.
Menschen, die nicht den Grundsätzen der Gilde entsprechen und moralisch einwandfreie Menschen sind – wobei die moralischen und ethischen Grundsätze praktischerweise direkt von der Gilde definiert werden – werden als fehlerhafte Menschen gebrandmarkt. An der Schläfe, der rechten Hand, am Brustkorb oder auf der Zunge. Je nach ihrem Vergehen.
Da ist z.B. die junge Frau, die ihre schwerkranke Mutter zum geplanten Suizid ins Ausland begleitet hat und dadurch „fehlerhaft“ wurde.
Das Leben als „fehlerhafter Mensch“ ist schlimm. Nur Grundnahrungsmittel, Ausgangssperre, schlechte Arbeitsbedingungen, ständige Überwachung und viele Repressalien mehr bestimmen den Alltag einer fehlerhaften Person.
Das Celestine eine fehlerhafte Person werden könnte, erscheint ihr vollkommen absurd, doch dann – eines morgens auf dem Weg zu Schule – droht ein fehlerhafter älterer Herr im Bus zu kollabieren. Niemand hilft ihm. Nicht fehlerhaften Menschen ist nämlich das Helfen von fehlerhaften Menschen untersagt. Sonst werden sie selbst zu fehlerhaften Menschen verurteilt.
Celestine kann nicht einfach zusehen, wie der Mann vor ihren Augen stirbt. Egal, ob das erlaubt ist oder nicht. Also greift sie ein. Als Einzige. Alle schauen zu und nehmen in Kauf, dass der Mann vor ihren Augen sterben könnte.
Sie wird verhaftet. Richter Crevan bietet ihr einen Ausweg an. Das Einzige, was sie dafür tun muss, ist zu behaupten, dass sie nicht geholfen hat, sondern nur ihre Mitmenschen vor dem fehlerhaften Mann beschützen wollte und der fehlerhafte Mann selbst an der Situation schuld ist. Dann würde alles wieder gut werden.
Doch das wäre gelogen. Das wird ihr sehr schnell klar. Und Celestine – trotz großer Angst vor dem Leben als Fehlerhafte – stellt plötzlich das gesamte Regime in Frage und kann es nicht mit ihren eigenen ethischen Grundsätzen vereinbaren, zu lügen.
Was dann geschieht? Das verrate ich Euch nicht. Nur so viel: Celestine wird zum Aushängeschild einer Revolution, die längst überfällig ist. Eine Revolution, in der die Menschen, die unterdrückt werden, die nicht dem gesellschaftlichen Standard entsprechen, aufbegehren. Einer Revolution gegen eine Gesellschaft, in der die Menschen mit Angst und Drohungen stillgehalten werden, damit die Machthaber ihre Macht behalten und ausbauen können.
Menschen, die Sachverhalte und Situationen hinterfragen, sind für Diktatoren und ähnliche Konstrukte sehr gefährlich. Also müssen sie klein gehalten werden. Das geschieht am besten, in dem man Angst schürt. Immer wieder. In dem man Exempel statuiert.
Doch Celestine ist nicht allein. Das wird ihr allmählich bewusst – als sie sich auf die Suche nach Informationen begibt. Ihr Tun ist gefährlich, doch sie kann nicht mehr zurück. Fehlerhaft ist sie sowieso. Dann kann sie auch dafür kämpfen, dass sich etwas ändert. Denn viel schlimmer kann es nicht mehr werden…
Die Geschichte geht unter die Haut und oftmals bin ich beim Lesen unfassbar wütend geworden. Auf Menschen, die ein System ungefragt kaufen. Die sich einreden lassen, dass ethische Grundsätze „fehlerhaft“ sind. Die Menschen vorverurteilen und sie auf unaussprechliche Art und Weise aus der Gesellschaft ausschließen. Weil sie nicht ins Bild passen. Weil sie anders sind. Sich anders entschieden haben.
Schon immer werden Menschen, die nicht „perfekt“ in unsere Gesellschaft passen, diskriminiert und ausgegrenzt. Ob damals zu Zeiten der Sklaverei, der Apartheit, des zweiten Weltkriegs. Sei es bei Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit LGBTQ-Hintergrund. Menschen, die Bürgergeld beziehen oder aus anderen Gründen nicht in die Gesellschaft passen. Die Liste ist noch lange nicht am Ende.
Das bringt mich zu folgender Frage: wer definiert denn, wer in einer Gesellschaft überhaupt perfekt ist und dazugehören darf? Und wer nicht? Wer entscheidet das?
Das muss aufhören. Jeder Mensch ist wertvoll. Einzigartig. Und auf seine Weise perfekt.
Denn – um Margot Friedländer zu zitieren: „Es gibt kein jüdisches, kein muslemisches und kein christliches Blut. Es gibt nur menschliches Blut. Drum sei Mensch!“
Meine Rezension findet Ijr auch auf www.buchspinat.de - Aldous Huxley
Schöne neue Welt
(1.213)Aktuelle Rezension von: HenriLMatosBrave New World ist erschreckender als 1984, weil niemand zwingt. Die Menschen wählen ihre eigene Konditionierung, weil sie sich dabei gut fühlen. Huxley beschreibt eine Gesellschaft, in der Identität von Geburt an zugewiesen wird und niemand protestiert, weil der Protest selbst weggezüchtet wurde. Die Frage, die das Buch stellt und nie beantwortet: Was ist Freiheit wert, wenn man gelernt hat, sie nicht zu vermissen?
- Neal Shusterman
Scythe – Die Hüter des Todes
(1.235)Aktuelle Rezension von: WauwuschelIn einer Zukunft, in der der Tod besiegt wurde, Krankheiten geheilt sind und sogar Unfälle kaum noch endgültig sind, übernimmt eine besondere Elite die Kontrolle über Leben und Sterben: die Scythe. Sie sind dafür verantwortlich, die Bevölkerung zu regulieren – gezielte Tötungen nach eigenen Methoden. Die Jugendlichen Citra und Rowan werden als Lehrlinge eines Scythe ausgewählt. Während ihrer Ausbildung lernen sie nicht nur die Regeln und Moral dieses Systems kennen, sondern stoßen auch auf Machtmissbrauch, politische Intrigen und die dunklen Seiten einer scheinbar perfekten Welt.
Dieser Roman war und ist ein Klassiker in der Dystopie-Welt und Geschichten von Neal Shusterman lese ich immer gerne. Sie dringen bis in die kleinste Ecke des Gehirns vor und machen auf bestimmte Probleme unserer Gesellschaft bzw. der Welt aufmerksam. Die Idee war faszinierend und es ist super umgesetzt worden. Zu keinem Zeitpunkt wurde es langweilig, selbst wenn mal keiner sterben muss. Ganz behutsam werden wir in die unglaubliche Welt gezogen und der Spannungsbogen baut sich immer weiter auf bis er in einem beeindruckenden Finale endet. Dieser kleine Cliffhanger führte dazu, dass man direkt weiterlesen möchte und zum Glück hatte ich die Folgebände schon bei mir.
Was dieses Buch so intensiv macht, ist die erschreckend konkrete Umsetzung seiner Idee. Der Tod wird hier nicht romantisiert oder als abstraktes Konzept behandelt, sondern als strukturierter, bürokratischer Prozess mit Quoten, Auswahlkriterien und individuellen Stilen. Besonders eindringlich sind die Szenen, in denen Scythe ihre Opfer auswählen und töten – oft ruhig, fast sachlich, was die Grausamkeit nur verstärkt. Man merkt schnell, dass nicht alle Scythe die gleiche Auffassung von Verantwortung haben: Während einige versuchen, würdevoll und gerecht zu handeln, genießen andere ihre Macht auf verstörende Weise.
Citra und Rowan entwickeln sich dabei glaubwürdig weiter. Ihre Zweifel, Ängste und moralischen Konflikte wirken echt, vor allem wenn sie gezwungen sind, Entscheidungen zu treffen, die kein Mensch treffen sollte. Die Welt wirkt durchdacht bis ins Detail – besonders die Rolle der künstlichen Intelligenz, die alles überwacht, aber bewusst nicht in die Arbeit der Scythe eingreift, sorgt für ein unangenehmes Gefühl von Kontrollverlust.
Die Thematik ist dabei nicht nur spannend, sondern auch beunruhigend aktuell: Was passiert, wenn der Tod kein natürlicher Bestandteil mehr ist? Wer entscheidet dann über Leben und Sterben? Genau diese Fragen bleiben hängen – und machen fast schon Angst im echten Leben, weil sie sich erschreckend logisch anfühlen. Denn ist es nicht schon heutzutage der Fall, dass einige wenige über das Leben der anderen bestimmen?
Insgesamt haben wir ein faszinierend-düsteres Gedankenspiel über Macht, Moral und den Wert des Lebens, das einen noch lange verfolgt!
- Marc-Uwe Kling
QualityLand (QualityLand 1)
(886)Aktuelle Rezension von: Trishen77Stanislaw Lem wird der Satz zugeschrieben: "Ein Zukunftsroman hat entweder absolut nichts mit den bestehenden Verhältnissen zu tun oder er kritisiert sie." Wilhelm Busch, der unverbesserliche Spaßmacher, schrieb einmal: "Was man ernst meint, sagt man am besten im Scherz." Diese beiden Sätze fielen mir immer wieder ein, während ich "Qualityland" las. Erster aus simplen, zweiter aus komplexeren Gründen, die weiter unten noch einmal aufgegriffen werden.
Ich habe, nach der erheiternden und teilweise inspirierenden Lektüre von Marc-Uwe Klings neustem Wurf, noch lange über diesen Roman nachgedacht. Irgendwie war ich trotz aller Freude, die ich beim Lesen empfunden hatte (hervorgerufen durch Gags, geniale Einfälle, wunderbare Spitzen und die hier und da eingestreuten Zitate und Verweise auf Popkultur, Geschichte und Wissenschaft, oft mit skurrilem Einschlag), nicht ganz sicher, wie ich das Buch verorten sollte. Sprachlich eher einfach und straight (wenn auch immer wieder mit gekonnten Stilwechseln und einer generellen Sicherheit im Ton, in der Darstellung), die Figurenzeichnung wunderbar komisch, aber nicht gerade tiefgründig und vielschichtig. Es wäre wohl auch unsinnig, solche Maßstäbe an ein Buch anzulegen, das seinen Fokus auf Themen und nicht auf Figuren legt.
"Peter muss sich nicht die Mühe machen, relevante Informationen zu finden. Die relevanten Informationen machen sich die Mühe, Peter zu finden."
"Qualityland" ist eine Zukunftsvision, doch ich zögere, es einen Sci-Fi Roman zu nennen, weil die darin beschrieben technischen Errungenschaften mit algorhytmischen Tendenzen im Prinzip nur die ausgewachsenen, (noch) totalsierteren Versionen der Einrichtungen und Systeme von heute darstellen. Natürlich hat Marc-Uwe Kling auch einige schöne Erfindungen erdacht – aber im Prinzip basiert die von ihm erschaffene Welt auf dem Weiterdenken und Zuspitzen derzeitiger Erscheinungen und Entwicklungen; knapp an der Übertreibung vorbei, aber eigentlich sehr realistisch, geradezu gegenwärtig, zeitgeistig; deswegen mein Zögern, „Qualityland“ einen Sci-Fi-Roman zu nennen. Aber auch Bezeichnungen wie „Satire“ würden zu kurz greifen.
Wie einst George Orwell oder Aldous Huxley, gibt Kling seiner Welt zunächst den Anstrich einer utopischen Ausrichtung (wenn das Buch auch in zwei Versionen erhältlich ist, von denen eine mit utopischen Intermezzos, die andere mit dystopisch-zynisch-satirischen Intermezzos versehen ist; am Ende des Buches befinden sich ein QR-Code und ein Link, mit dem man sich die Inhalte des jeweils anderen Buches ansehen kann, sodass ein doppelter Kauf nicht nötig ist). In dieser Utopie ist personalisierte Digitalisierung in ihre Vervollkommnung eingetreten: jede/r findet den/die richtige/n Partner*in, die richtigen Freund*innen, bekommt die richtigen Gebrauchsgegenstände geliefert, ihm/ihr wird die passende Werbung angezeigt und es gibt eigentlich nichts, was der Mensch noch selbst machen muss, außer sich seiner Prägung entsprechend zu verhalten oder hier und da eine Aufstiegschance zu nutzen oder den potentiellen Abstieg zu verhindern, der ihn zur Nutzlosigkeit verdammen würde.
Für diese durch-personalisierte Welt, die trotzdem von monopolistischen und totalitären Firmen und Dienstleistern quasi kontrolliert wird und in der es endgültig zu einer klar hervortretenden Klassengesellschaft gekommen ist, hat der Autor viele schöne Beispiele arrangiert, angefangen bei den Nachnahmen der Menschen, die den Berufen ihrer Eltern entsprechen, über einen Date-/Liebesdienst, der die Profile seiner Kund*innen einfach zusammenbringt & die angesprochenen Intermezzi, die meist aus absurd anmutenden Produktwerbungen und Nachrichtenmeldungen bestehen, bis hin zu vielen personalisierten Produkten:
"In der Schule, sagt Peter, hatte ich mal eine Freundin, in deren Version von Game of Thrones keine einzige Figur gestorben ist. Die haben immer nur eine Sinnkrise bekommen und sind ausgewandert, oder so."
Diese ganze Charade wirkt immer wieder aberwitzig, ist aber bei genauer Betrachtung selten weit von der Wirklichkeit entfernt, sodass es einen schon ein bisschen gruseln könnte, würde man es nicht gerade so witzig finden, was dem Protagonisten von seiner Umwelt alles zugemutet wird. Allerdings sollte man sich dann auch mal fragen, was einem selbst so alles zugemutet wird – und noch zugemutet werden könnte. Denn Peter Arbeitsloser ist eben nicht nur die Fortsetzung des Kleinkünstlers mit anderen Mitteln – er ist auch der Nachfahre einer Gesellschaft, die sich vom System übervorteilen ließ.
"-Ich hab es einfach satt, dass immer keiner verantwortlich ist. Immer ist das System schuld. Aber es gibt eben doch auch Leute, die dafür verantwortlich sind, dass das System ist, wie es ist!-"
Die Herren der Welt, wie Noam Chomsky sie nannte. Bei Marc-Uwe Kling treten sie als Witzfiguren auf, als selbstzufriedene und blöde Fatzkes (wie schon im Känguru, an der Stelle hat sich nix verändert), die entweder nicht den Intellekt haben, die Situation zu durchschauen oder nicht die moralische Integrität, sie zu ändern (manchmal erstaunlicherweise auch beides). Dass es vor allem der Stumpfsinn ist, der in den Köpfen dieser Herr*innen der Welt regiert, der blinde und unreflektierte Systemglaube, ist gleichsam entlarvend, aber hier und da wirkt dieses brachial-plumpe Pochen auf dieser Dummheit auch etwas vereinfacht. Natürlich: wer sich umsieht, wird merken, dass wir in einer teilweise ziemlich pervertierten Welt leben und viele Schriftsteller*innen haben den Fehler gemacht, ihren Charakteren nicht das übliche Maß an Dummheit zuzumuten, das nun mal durchaus in der Welt draußen floriert. Trotzdem: manches, was haarsträubend genug ist, wird so allzu sehr zur Karikatur, hinter der die beunruhigenden Facetten der Machtpositionen nicht mehr ganz hervorlugen.
Wirklich beeindruckend an „Qualityland“ ist, wie Kling darin immer wieder Dialoge entspinnt, in denen ganz klar die Problematik und nicht nur die Komik des derzeitigen Systems und seiner Entwicklung hervorgehoben wird. Und nicht nur das: es werden konkrete philosophische und soziologische Dilemmata aufgeworfen und diskutiert, mit einer Leichtigkeit und Unwillkürlichkeit, die etwas leicht Gestelltes, aber auch etwas Geniales, Treffliches haben – vor allem wenn das Gespräch zwischen einem selbstfahrenden Auto und Peter Arbeitsloser stattfindet:
"-Weißt du, was der entscheidende Unterschied zwischen euch und uns ist?-
-Was denn?-
-Wenn ein selbstfahrendes Auto einen Fehler macht, lernen alle anderen Autos durch diesen Fehler und machen ihn nicht wieder. Unterschiedliche Menschen machen immer wieder den gleichen Fehler. Ihr lernt nicht voneinander.
- Ich verrate dir mal was-, sagt Peter. -Oft macht sogar derselbe Mensch den gleichen Fehler noch mal.-
Diese Zusammenführung von komischer und kritischer Perspektive, von Witz und Nachdenklichkeit, von Lachen und Entsetzen manchmal, ist der bewundernswerteste Zug dieses Buches. Und ebenso erstaunlich ist, dass ich mir immer wieder gewünscht habe, dass es an der einen Stelle mehr ins Kritische, an der anderen mehr ins Komische, Anspielungsreiche geht und am Ende doch sagen muss: die Mischung macht’s. Nicht nur im Hinblick auf die Unterhaltung, sondern auch im Hinblick auf das Kritische. Vielleicht hatte Wilhelm Busch Recht.
Wer in letzter Zeit wie ich Bücher wie „Was auf dem Spiel steht“ von Philipp Blom oder Noam Chomskys „Requiem auf den amerikanischen Traum“ gelesen hat, wird zweifellos ähnlich zweischneidig auf dieses Buch blicken, wo andere die entlarvende Komik einfach als eigenständige Erscheinung feiern werden – was ja auch wunderbar und vollkommen okay ist. Ich selbst komme, wie schon angedeutet, nicht umhin, eher die inspirierenden, kritischen Ansätze zu bemerken und mich zu fragen: wie ernst werden die Leute nehmen, was Kling hier präsentiert? Werden sie in der Komik das Entlarvende sehen oder doch eher das Überzeichnete? Werden sie in Passagen wie der folgenden (in denen der hyperintelligente Androide und Präsidentschaftskandidat John gerade von einer Wahlkampfveranstaltung fliehen musste) die Pointe genießen oder erkennen, dass sie die darin formulierte Problematik direkt und unausweichlich betrifft?
"-Ich muss zugeben, es ist schwieriger als ich berechnet hatte-, sagt John.
-Was genau?-, fragt Aisha.
-Eine Antwort auf Betrand Russells Frage zu finden.-
-Wer?-, fragt Tony.
-Ein toter englischer Philosoph-, sagt Aisha. -Er hat gesagt: Die Frage heute ist, wie man die Menschheit überreden kann, in ihr eigenes Überleben einzuwilligen-" - Yuval Noah Harari
Homo Deus
(165)Aktuelle Rezension von: KlausvanBingenWar das Vorgängermodell noch in weiten Teilen spannend und informativ hat dieses Buch leider ans Ende vom ersten im negativen Sinne angeknüpft. Es gibt eigentlich kaum etwas richtig Fesselndes, sondern nur noch Phrasen, die sich unendlich oft wiederholen.
Zudem erschienen mir einige Behauptungen wissenschaftlich kaum haltbar und ich musste das Buch irgendwann genervt abbrechen. Leider sein Geld nicht wert...
- Marie Graßhoff
Neon Birds
(477)Aktuelle Rezension von: Nick_ShadowheartDas Buch fängt sehr actiongeladen an. Man wird sofort reingeworfen, fiebert aber auch gleich mit. Die Überleitung von einem zum nächsten Charakter fand ich sehr gelungen. Wir haben im Prinzip 4 Hauptcharaktere, die sich in 2 Teams einteilen lassen.
Nach der Action kommt das Buch erstmal ein wenig zur Ruhe, sodass man die Welt ein wenig mehr kennenlernen kann. Auch die Militärakten geben Einblicke in bestimmte Sachverhalte. Jeder der Charaktere macht einiges durch, sodass ich verstehe, dass sie zum Teil sehr verschlossen sind, aber ich hätte mir da noch ein wenig mehr Austausch erhofft. Mehr über Andras Kultur, Flovers Hintergrund, Lukes Leben, Okijens Körper und Empfindungen. Vlt wird ja einiges in den nächsten Teilen noch aufgegriffen. Ich möchte auch irgendwie mehr Interaktionen zwischen den Charakteren. Ob es noch romantisch wird, mal sehen. Es kann muss aber nicht. Mal sehen was sich noch entwickelt. Trotzdem spürt man jetzt schon, dass sich manche von ihnen einfach viel bedeuten.
Das Buch endet dann auch nochmal mit spannungsgeladener Action und einem fiesen Cliffhänger.
- Hermann Hesse
Das Glasperlenspiel
(286)Aktuelle Rezension von: Christine_NeumeyerHerr Hesse hat am Ende seiner Schaffenszeit eine Utopie geschrieben. Ein Gelehrter, ein Mönch, ein Regenmacher, ein Yogi, erzählen uns über die Veredelung des Menschen durch Meditation, geistige Bildung, Vertiefung. Diese Figuren sind sehr beseelt, sehr detailliert beschrieben. Wir werden Zeugen ihrer Gedanken, ihrer Schlussfolgerungen, welche oft zeitlos sind und auf die Probleme unserer Zeit übertragbar. Lesen und tiefe Konzentration veredeln den Menschen. Friede und Versöhnung für alle Menschen. An dieser Sehnsucht hat sich nichts geändert. Nicht allein die Geburt oder das Talent sind entscheidend. Talente ohne geistige Reife verkommen zu hochmütigen und an materiellen Dingen hängenden Menschen. Rivalität, Konkurrenz und Hass sind die Folge. Alles wunderbar. Aber leider dürfte Herr Hesse ein sehr distanziertes Verhältnis zu Frauen gehabt haben. Sie kommen über lange Strecken gar nicht vor. Erst zum Schluss schmücken sie seine Erzählungen, und bleiben dabei allzu oberflächlich beschrieben. Im besten Fall sind es kluge Ehefrauen und Mütter. Die in seiner Zeit traditonellen Rollenverteilungen stellt er in seiner Utopie nicht in Frage. Die Frauen bleiben im Hintergrund, als Mütter und Hausfrauen. Im schlimmsten Fall sind sie sogar die Ursache von Verirrungen und Hass. Keinesfalls sind sie zu geistiger Vertiefung fähig.
Ich schätze den Tiefgang von Hermann Hesse, aber dieses Werk ist in seiner Überlänge leider nicht zeitgemäß und aufgrund der veralteten Rollenbilder wenig empfehlenswert.
- Lena Kiefer
Ophelia Scale - Die Welt wird brennen
(859)Aktuelle Rezension von: mxchellex678Der Einstieg in Die Welt wird brennen war für mich erstmal mit etwas Orientierung verbunden, aber ich war trotzdem ziemlich schnell in der Geschichte drin. Die Welt, die hier aufgebaut wird, ist definitiv nichts Leichtes – eher ungewohnt, aber gleichzeitig richtig gut durchdacht.
Besonders spannend fand ich, wie erschreckend realistisch diese dystopische Welt wirkt. Teilweise hatte ich wirklich das Gefühl, dass das alles gar nicht so weit weg von unserer eigenen Realität ist – und genau das hat für mich einen großen Reiz ausgemacht.
Ophelia als Protagonistin fand ich stark, aber auch noch schwer einzuschätzen. Ich hatte das Gefühl, dass da noch viel mehr hinter ihr steckt, was vielleicht erst in den nächsten Teilen richtig zum Vorschein kommt.
Die Atmosphäre war durchgehend spannend und das Tempo hatte für mich definitiv einen Sog – ich wollte schon wissen, wie es weitergeht. Trotzdem hat mich das Buch emotional nicht komplett abgeholt, weshalb es für mich eher „gut“ als ein echtes Highlight war.
Es gab einige überraschende Momente und Plots, die das Ganze interessant gemacht haben, ohne dabei komplett vorhersehbar zu sein.
Insgesamt ein solider Auftakt in eine Reihe mit viel Potenzial, der mich neugierig macht, aber noch nicht komplett überzeugt hat.
- José Saramago
Die Stadt der Blinden
(562)Aktuelle Rezension von: AnneSusanneIch kann den Hype um dieses Buch nicht verstehen, ich fand den Stil nervig (wörtliche Rede wird nicht gekennzeichnet, ständig rätselt man wer was sagt) und die Geschichte furchtbar erzählt. Die Idee ist ja gut (nach und nach erblindet eine ganze Stadt bis auf eine Frau, die Menschen werden wieder zu Tieren, jeder kämpft ums Überleben) aber die Szenen der Gewalt sind abstoßend (besonders die Vergewaltigung der Frauen) und ekelhaft. Langatmig und in komplizierten Schachtelsätzen wird der Niedergang der Menschheit und das Ende der Zivilisation beschrieben. Aber: Was war der Auslöser? Haben die Menschen etwas gelernt? Was will uns der Autor damit sagen? Das Buch endet ohne Ausblick oder Erklärung, mir hat sich der Sinn nicht erschlossen - keine Leseempfehlung.
- John Ironmonger
Der Wal und das Ende der Welt
(507)Aktuelle Rezension von: Ralph-KerpaEin wirklich schöner Roman, der Schreibstil des Autors gefällt mir sehr gut. Eine Geschichte aus einer Zeit, in der die Welt unterzugehen scheint.
Eine Geschichte, die den meisten bekannt vorkommen dürfte. Eine Geschichte, in der der Zusammenhalt und die Zuversicht den Menschen die Hoffnung gibt, dass eben dies nicht passiert. Der Roman ist kurz vor der Corona Pandemie geschrieben worden, sehr schön geschrieben.
Ein lesenswertes Buch, das zum nachdenken anregt.
- Alan Weisman
Die Welt ohne uns
(189)Aktuelle Rezension von: chipie2909Was wäre die Welt ohne uns? Eine spannende Frage, die sich der Autor Alan Weisman annimmt. Bereits 2007 wurde dieses Werk veröffentlicht und ich muss gestehen, wäre mir dies vor dem Kauf aufgefallen, hätte ich das Werk wahrscheinlich nicht in meinen Besitz gebracht. Zeiten und Forschung ändern sich schnell und mit Sicherheit ist nicht alles brandaktuell, was der Autor zu Papier gebracht hat. Dennoch ist es spannend zu sehen, welche Folgen es hätte, wäre die Spezies Mensch plötzlich weg. Das Buch umfasst einige Bereiche und es wird erörtert, wie denn z. B. die Wälder und das Meer auf den „Wegfall“ der Menschheit reagieren würden. Aber auch die Anorganik wird beleuchtet, wie auch die Auswirkungen auf Atomkraftwerke und noch vieles vieles vieles mehr! Alan Weisman hat einen unterhaltsamen Schreibstil und es macht Spaß, ihm zu folgen. Ebenso beindruckt hat mich, mit welch Leidenschaft er sich dem Thema gewidmet hat. Erkennbar wird dies durch die Vielzahl an Menschen, mit deren Hilfe er dieses Werk schrieb. Dennoch waren mir auch ein paar Dinge zu wissenschaftlich erläutert, weswegen ich ein Sternchen abziehe.
- T. C. Boyle
Die Terranauten
(348)Aktuelle Rezension von: wortknaeuelEine kleine Gruppe junger Wissenschaftler wetteifert Mitte der 90er Jahre um einen von acht begehrten Plätzen in einem ökologischen Experiment. Für zwei Jahre sollen sie unter einer riesigen Glaskuppel leben und sich völlig autark in den verschiedenen künstlich geschaffenen Biotopen – vom kleinen Regenwald bis zum Mini-Ozean – selbst versorgen. Nichts geht rein, nichts darf raus! Die Geschichte beginnt mit der Bekanntgabe der Auserwählten, vier Männer und vier Frauen, die sich jeweils auf einem Spezialgebiet gegen ihre Mitbewerber durchgesetzt haben und nun in die "Ecosphere 2" einziehen dürfen. Zurück bleiben die Verlierer mit der Hoffnung, in zwei Jahren zum Nachfolger-Team aufrücken zu können. Draußen bleiben natürlich auch Freunde, Liebhaber und die Planer, Manager und Sponsoren des Experiments. In den zwei Jahren erleben wir aus Sicht von Dawn und Ramsay innerhalb, sowie Linda außerhalb der Kuppel, wie sich aus dem ökologischen Experiment ein Beziehungskuddelmuddel entwickelt.
T.C. Boyle kann gut erzählen, da ist dieser Roman keine Ausnahme. Er beruht übrigens auf einer wahren Begebenheit, denn so ein Experiment hat es ungefähr zu jender Zeit tatsächlich gegeben. Allerdings habe ich mich von Klappentext und Buchcover täuschen lassen. Zu dem Zeitpunkt, als ich mir das Ebook kaufte, hatte ich noch nie etwas von Boyle gelesen und einen spannenden dystopischen (oder utopischen) SciFi-Romans erwartet. Stattdessen dreht sich alles um Neid, Eitelkeit und Eifersüchteleien zwischen den Wissenschaftlern, um Wer-mit-wem sowie am Rande auch um den Einfluss von Geld und Medien. Wenn man Boyle kennt, hätte man sich denken können, dass es vorwiegend um die sozialen, zwischenmenschlichen Aspekte in diesem Szenario gehen wird.
Die Handlung ist zwar durchaus unterhaltsam und auf satirische Weise komisch, aber insgesamt wenig spannend. Auch die Charaktere empfand ich als flach und uninteressant. Eher ein schwacher Boyle.
- Juli Zeh
Corpus Delicti: erweiterte Ausgabe
(591)Aktuelle Rezension von: Hubertus_FeldmannWenn ein Buch in den Canon „zu lesender Bücher“ an Schulen Eingang gefunden hat, so ist davon auszugehen, dass es nicht nur um ein diskursiv zu bewältigendes Thema geht, sondern zugleich den Anspruch eines pädagogischen Mehrwertes (man könnte es im klassischen Sinne auch als Literatur bezeichnen) beinhaltet. Insofern gäbe es an dieser Stelle wenig oder aber, im Sinne einer Textanalyse, sehr viel zu sagen. Im ersten Fall scheint alles gesagt bzw. geschrieben zu sein, im zweiten Fall wurden und werden vermutlich bereits Doktorarbeiten über diesen Themenkreis vergeben. Insofern bleibt eigentlich nur noch der Hinweis eines beeindruckten Lesers: lesen – denken – sich Notizen machen.
Denn ohne Notizen, ohne An- und Unterstreichungen wird man diesem Buch nicht gerecht, oder, anders ausgedrückt, wird einem die Vielfalt möglicher Implikationen verborgen bleiben. Aber auch ohne diesen Anspruch kann man dieses Buch lesen, dann bleibt es allerdings blutleer auf der Strecke und spätestens am Ende wird man sich fragen: Was soll das denn jetzt? Wer also nur prickelnde Unterhaltung sucht, wird hier möglicherweise enttäuscht. Das heißt im Umkehrschluss allerdings nicht, dass es den nicht gäbe.
Wie auch immer, es ist ein Buch, das viele Themen berührt, das Fragen provoziert und bei den Antworten eine beeindruckende Vorstellungswelt entstehen lässt. Es geht um das Menschsein in (vielleicht gar nicht so) ferner Zukunft, in denen dieses einem einzigen Thema untergeordnet ist: der Gesunderhaltung – und zwar um jeden Preis. Die sich daraus ergebenden politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen werden hier in Aufbau und Thematik mit eindrucksvollen Bildern wiedergegeben. Kurz gesprungen geht es sowohl um die Dialektik eines solchen Lebens, der Unterscheidung zwischen: passt oder passt nicht, gut oder schlecht/böse, als auch um ein Dazwischen, einem Schwanken, das solcherart mit der Metapher der auf einem Zaun sitzenden Hexe herausragend symbolisiert wird:
„‘Weißt du, was eine Hexe ist, Mia [ihr wird der „Prozess“ gewacht]?‘
Überrascht hebt die Angesprochene den Kopf und muss sich anstrengen, um ihre Konzentration auf den neuen Begriff zu richten.
‚Eine Hexe, mit Buckel und Besen? Die im Backofen oder auf dem Scheiterhaufen endet?‘
‚Das Wort kommt von Hagazussa. Die Hexe ist ein Heckengeist. Ein Wesen, das auf Zäunen lebt. Der Besen war ursprünglich eine gegabelte Zaunstange.‘
‚Was hat das mit mir zu tun?‘
‚Zäune und Hecken sind Grenzen, Mia. Die Zaunreiterin befindet sich zwischen Zivilisation und Wildnis. Zwischen Diesseits und Jenseits, Leben und Tod, Körper und Geist. Zwischen Ja und Nein, Glaube und Atheismus. Sie weiß nicht, zu welcher Seite sie gehört. Ihr Reich ist das Dazwischen.‘“
Nach der Lektüre des Buches war ich froh wieder im Hier und Jetzt angekommen zu sein, in einem Leben, welches von Widersprüchen durchzogen ist, und es solcherart zu einer Entdeckungsreise macht – auch mit all dem immunologisch bedenklichen Schmutz, der einer umfassenden Gesundheit, wie sie hier dogmatisch gelebt wird, hin und wieder ein Bein stellt.
(2.5.2023)
- Markus Heitz
DOORS X - Dämmerung
(145)Aktuelle Rezension von: _jamii_Kann man in einem Haus verschwinden? Die Spuren von Anna-Lena van Dam führen zwar eindeutig hinein in die seit Jahrzehnten leer stehende Villa ihres Urgroßvaters – aber nicht wieder heraus. Ihr Vater vermutet sie in einem geheimen Höhlensystem unter dem Haus und schickt ein Geo-Expertenteam aus, um seine Tochter zu suchen. Eine mysteriöse, mit einem X gekennzeichnete Tür stößt das Team um den Ex-Soldaten Viktor von Troneg unerwartet in die eigenen Albträume. Wie besiegt man die eigenen Dämonen? Im unterirdischen Reich existiert zudem noch viel mehr, das nicht von dieser Welt ist. Und der einzige Fluchtweg führt in eine bedrohliche Zukunftsvision ...
Der Schreibstil ist einigermassen ok, zumindest viel besser als bei Doors ?. Im Vergleich zu dem Buch gibt es hier auch viel mehr Hintergrundinformationen und Erklärungen. Spannung wird einigermassen aufgebaut und gehalten. Teilweise sind die Sätze und Unterhaltungen aber recht platt.
Die Charaktere bleiben das ganze Buch über eher unnahbar, man erfährt zwar einiges über die Vergangenheit der Personen, aber ansonsten bleiben sie etwas blass.
Die Story ist recht krude, für mich doch etwas zu überdreht. Ein wirklicher roter Faden kann ich auch kaum erkennen. Im Vergleich zu «Kolonie» erfährt man hier aber viel mehr über die Türen, ihren Ursprung und die Gegner unseres Teams.
Spezielle, wirre Geschichte, ganz ok, aber nicht mehr.
- Margaret Atwood
Die Zeuginnen
(226)Aktuelle Rezension von: MelB2508Der Report der Magd ist ein Buch, das mich absolut beeindruckt hat. Ich habe es sowohl auf deutsch als auch auf englisch gelesen. Das Buch endet mit einer Art offenem Ende. Wir wissen nicht mit Sicherheit, was mit "Desfred" und ihren Kindern geschehen ist, wie Gilead gestürzt wurde und was davor geschehen ist.
Die Zeuginnen nun nimmt diese losen Fäden auf und gibt uns den Abschluss der Geschichte(n).
Es gibt 3 verschiedene "Berichte" - einen aus dem Haus Ardua von der mit Abstand mächtigsten Gründer Tante Lydia und je einen Zeugenbericht von 2 jungen Mädchen, eine davon in Gilead aufgewachsen, die andere im freien Kanada.
Die Berichte - und damit Erzählstränge - beginnen langsam und ich brauchte etwas, um richtig herein zu finden. Dann, mit zunehmend schnellerem Wechsel der Perspektiven und schließlich dem Zusammentreffen der 3 Personen und Stränge, war es aber ein echter Pageturner und ich habe atemlos verfolgt, wie die Geschichte weiterging.
Stilistisch hervorragend geschrieben - alle Personen haben eine sehr unterschiedliche und eigene Stimme - ist das Buch für mich tatsächlich etwas lesbarer als der Klassiker-Vorgänger. Das Grauenhafte im Report der Magd lag (auch) daran, dass "Desfred" so wenig wusste und so machtlos war. In "Die Zeuginnen" ist eine der 3 Zeuginnen eine absolut mächtige Figur, die alles weiß und hart und grausam handeln musste, um an den Punkt zu gelangen, an dem sie jetzt ist. Als eine der ersten Tanten und Gründerin so vieler furchtbarer Rituale, die Desfred als "normal" erleben soll, hatte sie vorher ein "normales" Leben und war gebildet und angesehen. Ihre Wandlung in eine übertrieben fromme Tante und das scheinbare Anpassen ihres Lebens an die neuen Rollenvorstellungen, die in Gilead herrschten, ist auf eine andere Art und Weise erschreckend als Desfreds Report.
Und die beiden jungen Mädchen sind ebenfalls Stimmen, die mich beim Lesen absolut gefangen genommen haben und mit denen ich sehr mit fühlen konnte.
Ein absolutes Meisterwerk und Must-Read für alle, die den ersten Band kennen und lieben!
- Caroline Brinkmann
Die Perfekten
(264)Aktuelle Rezension von: MayaBIch hatte keine Ahnung, worauf ich mich beim Lesen einlassen würde, weil ich das Buch einfach gefunden und nie vorher davon gehört habe, und war dann beim Lesen sowohl positiv als auch negativ überrascht. Es gibt eine Menge Klischees, bei denen ich das Gefühl hatte, dass Dinge eher typisch wären, und was auch immer da zwischen Rain und Lark abging kann ich so gar nicht nachvollziehen (also faktisch schon, aber auf der Beziehungsebene habe ich ehrlich gesagt keine Ahnung, wo die beiden stehen/standen/stehen werden, und kann nicht ganz einordnen, inwiefern das gewollt ist oder nicht), gleichzeitig überrascht das Buch aber auch an vielen Stellen in Richtungen, mit denen ich gar nicht gerechnet hätte. Die nebenbei erwähnten queeren Figuren(konstellationen) zum Beispiel fand ich total ansprechend, Rains Art generell und wie sie an Dinge herangeht fand ich großteils recht erfrischend und hatte das Gefühl, dass man da sehr stark gemerkt hat, wie sie aufgewachsen ist, ohne dass es sie zu besonders gemacht hätte, weil eben auch andere Leute so aufwachsen, und die ganzen platonischen Beziehungen waren in meinen Augen sehr lebendig und ansprechend geschrieben.
Ein absolutes Highlight für mich war Rose, die ich einfach perfekt fand, Lark und Rain waren ganz nett, Hail fand ich ziemlich super, und die Beziehung zwischen Rain und Storm hat mir (wie so viele andere) auch gut gefallen. Ich muss aber auch zugeben, dass viele Figuren mir eher egal waren, und ich in vielen Momenten nicht wirklich interessiert daran war, wem was passiert ist.
Das Setting hat mich oft an Tribute von Panem erinnert, gerade auch was Propaganda und Rebellen/Gesegnete anging, und TV/Zuschauer spielen auch eine recht große Rolle, gleichzeitig war das Buch mir an vielen Stellen auch etwas zu deutlich, und ich muss zugeben, dass ich gerade zum Ende hin den dritten Abschnitt nicht mehr mit so viel Begeisterung gelesen habe wie die ersten beiden. Das Ende-Ende fand ich dann wieder recht zufriedenstellend, wenn auch nicht großartig, und alles bis dahin war durchaus spannend, durch zwischendurch gab es eben immer mal wieder ein paar Strecken, die mich nicht so richtig abgeholt haben.
Insgesamt handelte es sich für mich dennoch um ein sehr lesenswertes Buch, und ich bereue das Lesen auf keinen Fall und habe aktuell auch durchaus vor, die Fortsetzung noch zu lesen, es war nur in meinen Augen auch nicht komplett durchgehend solide und für mich hat doch noch ein bisschen was Gefehlt, damit das Buch wirklich fantastisch gewesen wäre. Spaß gemacht hat's trotzdem! - Richard Morgan
Altered Carbon - Das Unsterblichkeitsprogramm
(110)Aktuelle Rezension von: ChrisGrimmTakeshi Kovacs wird in einen fremden Körper geladen, um einen Mord aufzuklären, an den sich das Opfer nicht erinnern will. Schon diese Prämisse enthält alles, was Noir ausmacht: Niemand sagt die Wahrheit, Identität ist käuflich, und der Ermittler traut nicht mal sich selbst. Morgan fragt: Was passiert mit Noir, wenn man den Tod abschafft? Die Antwort ist brachial und traurig zugleich. Es ändert sich nichts. Die Mächtigen stapeln Körper wie Garderobe, die Armen leben und sterben in geliehenen Hüllen, und dazwischen ermittelt Kovacs mit der Wut eines Mannes, der schon zu oft gestorben ist, um Angst davor zu haben. Was mich an dem Buch nicht loslässt: Morgan hat begriffen, dass die Unsterblichkeit der Reichen die brutalste Noir-Prämisse überhaupt ist. Nicht weil sie sterben könnten, sondern weil sie es nicht müssen. Chandler hätte das geliebt. Hammett hätte genickt.
- John Marrs
The One – Finde dein perfektes Match
(433)Aktuelle Rezension von: Sarah_QuandtAchtung Spoiler!:)
"The One" spielt in einer Zukunft in der man sein passendes Match anhand einer DNA Probe ermitteln lassen kann. Denn jeder Mensch hat einen genetischen Gegenpart. Ob Single oder Vergeben viele Menschen nutzen die Chance ihren potentiellen Seelenverwandten zu finden.
Aber passt es dann wirklich zu 100%?
Ich bin sehr gut in "The One" reingekommen. Der Roman ist in einem tollen Schreibstil verfasst und es fällt schwer mit dem Lesen aufzuhören.
In The One geht es um 5 verschiedene Protagonisten die Mithilfe des Gentests versuchen ihren Seelenverwandten zu finden. Leider mit der ein oder anderen Schwierigkeit und unvorhersehbaren Wendungen. Ich glaube bei einem Match hab ich den Ausgang geahnt, bei den anderen wäre ich nicht drauf gekommen 😁
Es hat mir großen Spaß gemacht den Roman zu lesen und wenn ihr mal eine etwas andere Liebesgeschichte lesen möchtet, dann seit ihr hier richtig 🤩
Kann das Buch wirklich sehr empfehlen!🌟 - Aldous Huxley
Brave New World
(231)Aktuelle Rezension von: titanreads"Brave New World" ist ein lesenswerter Klassiker über eine Utopie Londons in ferner Zukunft. Es beschreibt ein absolutes, zivilisiertes System, das für damalige Verhältnisse fast schon gruselig wirkt. Die Menschen werden in Kasten aufgeteilt (Alpha, Betta, Gamma, Epsilon) und bereits bei der Früherziehung zum perfekten Bewohner erzogen. Skurill wirkende Szenen wie Sexspiele unter Kindern sind hier keine Ausnahme. Als einer der Zivilisierten (Bernard Fox) jedoch Zweifel an diesem System hat und im Reservat den Sohn (John) einer ehemaligen Zivilistin (Linda) kennenlernt, bringt er ihn nach London.
Spannung kommt leider eher wenig auf, die große Action in diesem Klassiker bleibt, wie erwartet, aus. Dafür schafft es der Autor, viel Persönlichkeit in die Rollen einzuleiben. Man kann sich nie mit einer Rolle voll identifizieren, aber man kann deren Handeln immer nachvollziehen. Leider wirken viele Textpassagen altersbedingt langweilig, veraltet und auch teilweise unangenehm.
Eine Empfehlung für Fremdsprachen- und Klassikerliebhaber (auf jeder Seite werden schwierige Vokabeln übersetzt), die ein Buch zum entspannen und nicht zum spannungserzeugen möchten.
- George R. R. Martin
Wild Cards - Das Spiel der Spiele
(241)Aktuelle Rezension von: Booknerd232In Das Spiel der Spiele entführt uns George R. R. Martin in die Welt der Wild Cards, in der ein mysteriöses Virus die Menschheit verändert hat. Menschen, die das Virus überlebt haben, werden entweder zu Jokern mit deformierten Körpern oder zu Asse mit außergewöhnlichen Fähigkeiten. Die Geschichte folgt mehreren Charakteren, die sich in der Reality-Show „American Hero“ beweisen wollen – ein Wettbewerb, der Ruhm und Reichtum verspricht, aber auch Gefahren birgt.
Das Besondere an diesem Buch ist die Zusammenarbeit mehrerer Autoren, die jeweils einen Charakter aus ihrer Perspektive erzählen. Diese Struktur verleiht der Erzählung Vielfalt und Tiefe, auch wenn der Wechsel zwischen den Perspektiven manchmal abrupt wirken kann. Die Charaktere sind facettenreich und die Welt, die sie bevölkern, ist komplex und gut durchdacht.
Die Themen Macht, Ruhm und die Frage, was einen wahren Helden ausmacht, werden geschickt in die Handlung integriert. Die Mischung aus Superhelden-Elementen und gesellschaftlicher Satire macht das Buch zu einem unterhaltsamen und nachdenklich stimmenden Leseerlebnis.























