Bücher mit dem Tag "wiener moderne"

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24 Bücher

  1. Cover des Buches Jugend ohne Gott (ISBN: 9783744830072)
    Ödön von Horváth

    Jugend ohne Gott

     (538)
    Aktuelle Rezension von: Jamii
    ...Sie vergessen den Henker, Herr Lehrer- den Henker, der den Mörder um Verzeihung bittet. In jener geheimnisvollen Stunde, da eine Schuld getilgt wird, verschmilzt der Henker mit dem Mörder zu einem Wesen, der Mörder geht gewissermaßen im Henker auf. "      -T


    Inhalt  

    Ein junger Lehrer, der von den Idealen der Nazis, die gerade die Macht ergreifen, nichts hält, ist mit dem angepassten Weltbild seiner Schüler konfrontiert. 

    Als dann auf einem Zeltlager einer seiner Schüler ermordet wird, fängt eine lange Suche nach dem Mördern und anderen Schuldigen an, während dieser sich der Lehrer eingestehen muss, dass auch er nicht ohne Schuld ist. 


    Meine Meinung

    Ich war überrascht, wie gut mir das Buch gefallen hat. Am Anfang war es etwas langwierig und hat ziemlich lange gebraucht, bis ich mich in der Geschichte eingefunden habe, aber dann war die Handlung sehr interessant und die inneren Konflikte des Lehrers boten einen guten Einblick. 

    Auch der Blick des Lehrers auf Gott, wie er von dem nicht gläubigen Menschen sich immer mehr zu einem verwandelt, der nicht unbedingt an die klassische Gottdarstellung glaubt, aber ihn trotzdem in vielen Menschen und hinter jeder Ecke sieht.

    Das ist natürlich abhängig von der Ausgabe, aber ich fand auch die Fußnoten spannend, die immer wieder Faktenchecks und zusätzliche Informationen gegeben haben. 


    Fazit

    Ziemlich interessantes Buch, das durchaus lesenswert ist.

  2. Cover des Buches Radetzkymarsch (ISBN: 9783866478664)
    Joseph Roth

    Radetzkymarsch

     (124)
    Aktuelle Rezension von: happyoldendays

    Joseph Roths Roman „Radetzkymarsch“  ist eine langsam voranschreitende Erzählung, die voll ist von evokativen Bildern und Szenen, ihre wirkliche Stärke aber in der tragischen Verknüpfung dreier Generationen einer Familie offenbart.

    Die Tatsache, dass der Roman den Aufstieg und Niedergang der Familie Trotta vor dem Hintergrund des kollabierenden Habsburger Staatenverbandes behandelt, könnte den Eindruck erwecken, dass es sich um eine ereignisreiche, auf Handlung basierende Geschichte handelt, aber dem ist nicht so. Viel eher steht die innere Gefühlswelt der Protagonisten im Vordergrund, vom Autor durch feine Allegorien evoziert.

    Einige Passagen empfand ich beim Lesen als etwas langatmig. Ebenso erschloss sich mir der Zusammenhang  zwischen mancher detailreich ausgestalteten  Episode und der Gesamthandlung nicht, aber vieles offenbarte seinen tieferen Sinn schließlich gegen Ende des Buches.

    Zeitlich gesehen umfasst der Plot das Leben von Großvater-Vater-Enkel, es werden aber nicht alle Lebensstationen auserzählt. Der Fokus des Autors liegt vielmehr auf Einzelereignissen und wie sie von den Protagonisten erlebt werden, bzw. wie sie sich auf die nachfolgende Generation auswirken. So steht zu Anfang etwa die Heldentat des Großvaters Joseph Trotta, der dem Kaiser auf dem Schlachtfeld das Leben rettet. Durch diese impulsive Handlung werden die Trottas in eine höhere soziale Ebene gehoben und auf immer mit dem Kaiser und der Monarchie verbunden: Die ehemals slowenischen Bauern werden nun Berufsoffiziere und Beamte im Dienste der Habsburger. Damit einher geht die (teilweise unreflektierte) Identifikation mit dem militärischen Ehren- und Verhaltenskodex des ausgehenden 19. Jahrhunderts, welche dem Enkel schließlich zum Verhängnis werden wird.

    Das Leben des jüngsten von Trotta – Carl Joseph – nimmt den meisten Raum in der Erzählung ein. Er gerät mit dem schweren Familienerbe in Konflikt. Den „Helden von Solferino“, seinen Großvater, kennt er nur durch Erzählungen. Gleichzeitig aber hängt sein Ruhm über ihm wie ein Damoklesschwert, denn nur durch seinen guten Ruf, konnte der Enkel im Militär reüssieren. Frustriert über das eigene Versagen bei gleichzeitigem allerhöchsten Anspruch an sich selbst, verfällt Carl Joseph dem Alkohol und der Spielsucht.

    Was mir am „Radetzkymarsch“ besonders gut gefallen hat, sind die bildhaften Symbole, die Joseph Roth schafft, um einerseits Kontinuität, gleichzeitig aber auch die Veränderlichkeit der Dinge zu illustrieren. So etwa die mangelnde Fähigkeit der von Trottas miteinander zu kommunizieren und ihre Gefühle zu artikulieren. Dieses Handicap wird durch die Generationen weitergegeben und steht als großes Hindernis zwischen den Männern. Beinahe schmerzerfüllt folgt der Leser den Gesprächen zwischen Vater und Sohn, bei denen das Wesentliche aber stets unausgesprochen bleibt. Auf ähnliche Weise tritt Kaiser Franz Joseph immer wieder ins Leben der Familie. Einerseits verhilft er ihnen zu Status, andererseits führt die Pflichterfüllung in seinem Namen auch zu deren Untergang. Als alten, gebrechlichen  Mann lernt der letzte von Trotta den Kaiser kennen.  („Ein Greis dem Tode geweiht, von jedem Schnupfen gefährdet, hält den alten Thron, einfach durch das Wunder, dass er auf ihm noch sitzen kann.“) Historisch bahnt sich der Niedergang des Habsburgischen Reiches und politische Reform an; sinnbildhaft steht somit der überalterte, vergessliche Kaiser für die Degeneration der k.u.k. Monarchie. Es sind eben diese eleganten, bildhaften Verquickungen, die mich absolut begeistert haben. Noch Tage nach der Lektüre fallen mir Roths brillante Allegorien auf.

    Fazit: „Radetzkymarsch“ ist mehr als nur ein Historischer Roman, sondern ein gefühlvolles Porträt einer im Niedergang befindlichen Familie, die der eigenen Vergangenheit und den politischen Umständen erliegt.  

  3. Cover des Buches Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (ISBN: 9783596906512)
    Robert Musil

    Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

     (284)
    Aktuelle Rezension von: Monika_Brigitte

    "Er konnte nicht viel davon erklären. Aber diese Wortlosigkeit fühlte sich köstlich an, wie die Gewissheit des befruchteten Leibes, der das leise Ziehen der Zukunft schon in seinem Blute fühlt. Und Zuversicht und Müdigkeit mischten sich in Törleß…" (letzte Seite)


    In einem Militärinternet kommt es zwischen 4 jungen Schülern zu einem sadistisch Spiel. Der kleine Basini wird nach aller Kunst des Mobbings schikaniert. Die Strippenzieher hinter dieser unwürdevollen Behandlung eines ihrer Kammeraden sind die zwei jungen, selbstbewussten Eliteschüler Beineberg und Reiting. (Die Figuren werden hier durchweg nur mit ihren Nachnamen benannt - ganz entsprechend der militärischen Erziehung)

    Der vierte im Bunde ist der Protagonist und Romanüberschriftsgeber dieses Werks: Törleß. Dieser einfühlsame Junge wandelt zwischen Individualismus und der militärischen Doktrin.  Er macht die einschneidende Erfahrung der Jugend - die Pubertät - zu einem  intelligenten, hinterfragenden Gedankenspiel. Er beteiligt sich an den Misshandlungen des Basini auf eigene Weise - er beobachtet und genießt die Macht, die er über schwächere ausüben kann. Gleichzeitig ist er in einem Gefühls- und Emfpindungschaos, in dem er seine körperliche und geistige Erregung gegenüber Basini hinterfragt. 


    Musil verarbeitet in diesem seinem ersten Roman seine eigenen Erfahrungen in Militärakademien und kritisiert die militärisch orientierte Erziehung. Viele Literaturkritiker sehen "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" als einen Vorreiter von Musils internationalen Klassikers: "Der Mann ohne Eigenschaften". Und somit Törleß als Vorentwurf zum Ulrich.

    Besonders finde ich diese Thematik eines einfühlsamen jungen Menschen im Vordergrund unter historischen Ereignissen. Wenn ich nicht wüsste, dass dieser Roman schon 1906 veröffentlicht wurde, hätte ich ihn unter thematischen Gesichtspunkten locker in die 50er/60er Jahre des 19. Jahrhunderts verortet. Musils aber schrieb den Roman in der militärisch geprägten Kaisermonachie kurz vor dem 1. Weltkrieg und während der nationalsozialistischen Grundstimmung des Landes. Wirklich bemerkenswert.

    Fazit: 

    Der erste Roman von Musil, 1906 veröffentlicht, handelt von der Ichfindung eines empfindsamen Jungens in einer autoritären Gesellschaft. Musil verarbeitet und kritisiert hier seine militärisch-orientierte Erziehung.

    Ich finde die Botschaft des Romans sehr wichtig und ich habe lange über das Gelesene nachgedacht, viele Stellen muss man mehrfach lesen, um den gesellschaftlich- psychologischen Wert ganz zu verstehen. Daher kann ich mir gut vorstellen, das diese Art der Lektüre nichts für jeden ist. Ich möchte jedoch jeden Lehrer dieses Werk ans Herz legen, denn ich sehe einen großen pädagogischen Wert. Lest den Roman selber, denkt nach und seid einfühlsam. Zur Unterrichtsveranschaulichung der Literaturepoche Moderne würde ich allerdings eher zu anderen Romanen greifen.

  4. Cover des Buches Traumnovelle (ISBN: 9783746767505)
    Arthur Schnitzler

    Traumnovelle

     (368)
    Aktuelle Rezension von: Harry_Robson

    Ich mag die alten Geschichten von Schnitzler. Er schreibt gefühlvoll aus einer Zeit, in der es weder Homeoffice noch Internet gab. Zu seiner Zeit wurde das Telefon erfunden und auch nur benutzt, wenn es wirklich nötig war.

  5. Cover des Buches Der Brief des Lord Chandos (ISBN: 9783596155248)
    Hugo von Hofmannsthal

    Der Brief des Lord Chandos

     (11)
    Noch keine Rezension vorhanden
  6. Cover des Buches Jedermann (ISBN: 9783596906833)
    Hugo von Hofmannsthal

    Jedermann

     (63)
    Aktuelle Rezension von: Nespavanje
    Bei den Salzburger Festspielen, die weltweit als das bedeutendste Festival der klassischen Musik  und darstellender Kunst gelten und die seit 1920 jeden Sommer stattfinden, ist der - Jedermann - ein fester Bestandteil. Vor der Kulisse des Doms wird das - Spiel vom Sterben des reichen Mannes - aufgeführt und das nicht immer gänzlich frei von Kritik. Die Inszenierungen sind nicht immer im Geschmack des Publikums gehalten, die Geschichte bleibt aber dennoch dieselbe: Der Hauptcharakter in diesem Drama ist der Jedermann, der ein ausschweifendes Leben führt und kurz vor seinem Tod bereut. Das Stück beruht wahrscheinlich auf einem englischen Mysterienspiel aus dem Mittelalter, dem Everyman. Fast zeitgleich erschien allerdings auch der holländische "Elckerlyc". Welcher der beiden Texte, die beide sehr überein stimmen, der ursprüngliche war, bleibt fraglich. Wenn man bedenkt, dass im Mittelalter religiöse und biblische Themen fast immer eine Rolle in Theaterstücken gespielt haben, dann ist es wohl nicht verwunderliche, dass eben dieses hier, das christliche Glaubenssystem wiederspiegelt. Und zwar in der Annahme, dass wenn man wahrhaft bereut, dir deine Sünden vergeben werden. Selbst wenn man sein Leben lang ein moralisch verwerfliches Leben geführt hat. Die Auseinandersetzung mit dem Tod - war für Hugo von Hofmannsthal ein wichtiges Thema - in mindestens 3 weiteren Stücken wird das Ende des Lebens behandelt. Manch einer findest es ein wenig altbacken - allerdings kann man diese Kritik nicht so stehen lassen - man muss den Text wohl auch im Kontext der Zeit lesen.

  7. Cover des Buches Der einsame Weg (ISBN: 9783100735584)
    Arthur Schnitzler

    Der einsame Weg

     (12)
    Aktuelle Rezension von: Franzi
    Sammlung Fischer
  8. Cover des Buches Spiel im Morgengrauen (ISBN: 9783842414068)
    Arthur Schnitzler

    Spiel im Morgengrauen

     (11)
    Aktuelle Rezension von: slowcrime

    Die Geschichte um den jungen Leutnant Kasda beginnt zunächst heiter und unbeschwert. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände lässt er sich jedoch auf ein Hazardspiel mit einem gewissen Konsul Schnabel ein und gerät immer tiefer in den Sog des Spiels. Sein Versuch, sich zum Begleichen der sehr hohen Spielschulden Geld von seinem Onkel auszuborgen, scheitert. Dieser hat eine ehemalige Geliebte von Kasda geheiratet, die ihn mit seiner alten Schuld ihr gegenüber konfrontiert. Als schließlich doch der Onkel mit dem Geld eintrifft, hat sich Kasda bereits erschossen.
    Das Buch beeindruckt durch die zwei virtuos miteinander verflochtenen Erzählstränge (die Geschichte um das Hazardspiel und die Geschichte von Kasdas seinerzeitiger Liebschaft) und durch die Unausweichlichkeit, mit der Kasda auf sein fatales Ende zusteuert.
    Die Qualität der Sprache Schnitzlers ist beeindruckend. Sie erinnert mich an Meisterzeichnungen, bei denen nur wenige, perfekt gesetzte Linien ein Bild entstehen lassen. Eine klare Empfehlung für Leserinnen und Leser, die eine präzise, nuancenreiche Sprache lieben.

  9. Cover des Buches Wie ich es sehe (ISBN: 9783954557622)
    Peter Altenberg

    Wie ich es sehe

     (1)
    Noch keine Rezension vorhanden
  10. Cover des Buches Der Schwierige (ISBN: 9783946391289)
    Hugo von Hofmannsthal

    Der Schwierige

     (14)
    Aktuelle Rezension von: AiHua
    „Es gibt Menschen mit denen sich alles kompliziert, und dabei ist das so ein exzellenter Kerl!“ Der Satz, den der Schwierige Hans Karl ausspricht hat mich einige Zeit nachdenken lassen. „Mein Gott, ich bin eben nicht möglich [.]“ Er hätte auch sagen könne, dass er unmöglich sei, aber durch das viele Benutzen ist der Begriff schal geworden, drängt sich in der Bedeutung nicht unbedingt auf. Hans Karl ist der Schwierige, er ist als Schwierige nicht möglich, unmöglich. Und so ist es nur plausibel, dass seine Situation kein Zustand sein kann. Das Schöne an der Figur Hans Karl ist, dass er alles so meint, wie er es sagt. Sicherlich, man muss auch bei ihm zwischen den Zeilen lesen, denn einiges ist ihm nicht bewusst, was er da eigentlich ausdrücken will und aus ihm heraus drängt. Und so weiß man, dass er seine Beteuerungen zu einer Freundschaft ernst meint, die er mit seinem unendlich gefangenen Neffen bespricht. „HANS KARL Ich hab’ ihn gern. STANI Er nimmt alles wörtlich, auch deine Freundschaft für ihn. HANS KARL Aber er darf sie wörtlich nehmen.“ So ohne Handlungsfähigkeit, auch mit noch so viel Erkenntnis ist Hans Karl nicht möglich, er ist schwierig. Aber gerade deshalb ist er so sympathisch.
  11. Cover des Buches Das weite Land (ISBN: 9783596115082)
    Arthur Schnitzler

    Das weite Land

     (12)
    Aktuelle Rezension von: awogfli

    Eigentlich könnte man Schnitzlers Werk Das Weite Land als komplett irre Tramödie bezeichnen, in der ein paar läppische Petitessen, wie fehlende eheliche Treue, die selbst aus der Sicht der darstellenden Protagonisten nicht ernst genommen werden, recht unverständlich durch gekränkte männliche Eitelkeit zu einem absoluten Drama hochstilisiert werden. Auch das ist ein spannender Ansatz, wie das Werk zu lesen ist. In meiner Reclam Ausgabe des Werkes war im Anhang aber auch eine durchaus erhellende Analyse zur Auslegung der damals geltenden Duell-Regelungen, die mich zu einer spannenden alternativen Auslegung der Geschichte kommen lassen. Dazu aber später.

    Schnitzlers Oeuvre ist auch insofern spannend, denn ihm waren seit jeher nicht nur die Verwerfungen, Nadelstiche und Gemeinheiten, die sich Ehepartner so gegenseitig im Laufe ihres gemeinsamen Weges antun können (wie beispielsweise in der Traumnovelle) ein Anliegen. Er schrieb auch gegen die gesellschaftliche Moral der Ehre einer Frau an, damals sehr polarisierende Werke, die sich mit Schande und Selbstmord (wie bei Fräulein Else) beschäftigen. Noch dramatischer war sein Kampf gegen den falschen männlichen Ehrbegriff beim Militär und die Regeln des Duells bei solchen narzisstischen Kränkungen beim Leutnant Gustl, der ihm sogar seine Approbation als Militärarzt gekostet haben.

    In all diesen Werken wird eine Kleinigkeit, die auch zu damaliger Zeit durch andere Aktionen vernünftig hätte beigelegt werden können, durch gesellschaftliche Konventionen so aufgebauscht, dass die Angelegenheit im absoluten Drama und meist im sinnlosen Tod der Protagonisten enden soll. Dabei überspitzt Schnitzler die Petitessen und die inadäquaten gesellschaftlichen Reaktionen darauf derart, dass sogar einigen seiner Zeitgenossen mitunter diese Konventionen in Schnitzlers erfundenen Szenarien total bekloppt anmuten mussten.

    So könnte es auch im Weiten Land sein und das ist eine sehr schlüssige Interpretation. Es könnte aber sein, dass das Weite Land sogar als Weiterentwicklung und als Synthese von Leutnant Gustl und Fräulein Else zu sehen ist, indem sowohl die Wiederherstellung der gekränkten militärischen Ehre als auch jene, des gehörnten Ehemanns auf die Schippe genommen wird und eigentlich zwei tiefe innige Partnerschaften dem entgegenstehen und durch Intrigen in ein gesellschaftliches Dilemma gedrängt werden, das sich zwangsläufig nicht anders lösen lässt.

    In modern Sprech würde man sagen, im Theaterstück Das weite Land trifft sich regelmäßig eine Clique der Upperclass, in der die Ehepaare aber auch die Ledigen relativ ungezügelt durcheinanderschnacksln (poppen). Damals traf man die Gesellschaft außerhalb Wiens bei der Sommerfrische in Baden, in den Alpen oder am Semmering, dem Hausberg der Wiener Selbst in den Konventionen nach der Jahrhundertwende, war der Begriff und die Einhaltung der ehelichen Treue in den reichen bürgerlichen Schichten ganz stark mit der typischen österreichischen Mentalität verwoben, die man am besten mit einem Zitat von Bruno Kreisky beschreiben kann, die aber schon seit Jahrhunderten in Österreich gang und gäbe war und noch immer ist.



    „Okay, machts es, aber machts es unter der Tuchent.“ (Bettdecke)


    Was so viel bedeutet, dass alles, was gesellschaftlich-moralisch nicht akzeptiert ist, erst dann eine Bedeutung bekommt, wenn die Bettdecke weggezogen und das ganze öffentlich gemacht wird. So lange es jeder weiß, es aber nicht öffentlich verlautbart und angeprangert wird, wird zwar darüber geklatscht, aber keinen juckt es, niemand muss den Kontakt zu einer untreuen Ehefrau aufgeben, auch wenn man ganz gewiss ist, dass der Betrug stattgefunden hat.

    Erst durch das Duell, die öffentliche Verlautbarung, die Hinzunahme von Sekundanten, die Festlegung des Duellgrundes und die nachträgliche nach jedem Duell erforderliche sehr genaue gerichtliche Untersuchung, bei der das gewollte Ziel eines Duells – die Verletzung oder der Tod eines der Kontrahenten, aufgeklärt wird, sind die beteiligten Personen meist gesellschaftlich erledigt.

    Die untreue Ehefrau sowieso, an der bleibt der Vorwurf, egal ob er wahr oder falsch ist, ab dem Zeitpunkt des Duells und der Verlautbarung der Untreue kleben.

    Der gehörnte Ehemann, sofern er überlebt, ist ebenso gesellschaftlich erledigt, wenn er seine Frau anschließend nicht verstößt. Ehebruch kann der Frau also durchaus verziehen werden, so lange kein Duell stattgefunden hat und der Mann nicht als Gehörnter gebrandmarkt ist.

    Ein lediger oder verheirateter Mann, der in eine Ehe einbricht, ist nach einem Duell, sofern er überlebt, meist auch erledigt (zumindest wenn er nicht den Ort des Geschehens verlässt).

    Ähnlich verhält es sich bei einem Mitglied des k&K Militärs, das von einem anderen mehrmals (ich glaube es bedarf einer Wiederholung der Kränkung) in seiner Ehre gekränkt wurde. Beim Militär muss das aber jetzt nicht eheliche Untreue sein, die narzisstische Militärseele ist schon bei sehr geringfügigen Kleinigkeiten so schnell gekränkt, dass auch eine minimale Beleidigung einer Satisfaktion auf Leben und Tod bedarf.

    Zu den Duell-Regeln zählt auch noch der Umstand, dass derjenige, der zum Duell aufgefordert wird, auch das Privileg der Waffenwahl besitzt. Dabei muss es nicht um richtige Waffen gehen, auch Kartenspiele und Billardpartien zählen zum ehrvollen Wettkampf der Kontrahenten. Natürlich muss das eigentliche Ziel zur Wiederherstellung der Ehre oder dem Tod trotzdem erfüllt sein und der Verlierer in solchen Spielen muss sich anschließend selbst entleiben.

    In der vorliegenden Gesellschaft haben wir den umtriebigen Glühlampenfabrikanten Friedrich Hofreiter, der sich noch nie durch eheliche Treue ausgezeichnet hat. Seine Frau Genia hat in früheren Jahren darunter gelitten, mittlerweile hat sie sich aber damit abgefunden. Man könnte vermuten, dass Hofreiter sich selbst in der Beziehung etwas herausnimmt, was er seiner Frau zwar theoretisch prinzipiell zugesteht aber dann, wenn sie ihm tatsächlich untreu wird, aus männlicher Kränkung doch ahnden will. Einige Belege, Friedrichs Einstellungen und private Erklärungen an seine Frau und Meinungen, die er zwar durchaus ändern könnte, lassen aber auch noch eine alternative Interpretation der Beziehung zu. Friedrich liebt seine Frau tatsächlich innig, vielmehr als gleichberechtigte Partnerin denn im geschlechtlichen Sinne und er will diese Ehe auf keinen Fall beenden.

    Zusätzlich braucht der alternde Stenz Hofreiter aber eben noch immer ein bisschen seine Abenteuer und die sind zahlreich. Zuerst ist da einmal Adele Natter, die in seinem Freundeskreis verkehrt und mit der seine Affäre schon beendet ist. Wie sagt man „Guat is gangan nix is passiert“. Sogar Friedrichs Frau grollt der ehemaligen Geliebten nicht und lädt sie sogar zu sich ins Haus ein. Der Mann von Adele, der Bankier Natter, weiß auch um die Affäre, er liebt seine Frau so verzweifelt, dass er ihre Verfehlung und die zwangsläufige Verstoßung nie durch ein Duell herausfordern würde. Er verzeiht seiner Frau, aber er grollt Friedrich nachhaltig und sinnt auf Rache, um ihn irgendwie an seiner Schwachstelle zu erwischen. Mittlerweile dreht sich das Liebeskarussell der Clique wie wild weiter, denn der sensible Künstler Alexei Korsakov hat sich nach einem Billardspiel mit Friedrich plötzlich erschossen. Friedrich vermutet, weil er eine Affäre mit seiner Frau hatte und ist fast erleichtert, dass nun so etwas wie ein Gleichgewicht im Betrügen wiederhergestellt ist. Doch Genia ist ihm treu geblieben, sie hat Korsakov abgewiesen und kann das auch durch den Abschiedsbrief des Künstlers beweisen, was Friedrich fast ein bisschen ärgerlich macht, da er seine moralische Reinwaschung durch Heimzahlung des Ehebruchs sehr herbeigewünscht hat. Irgendwie strebt er so etwas wie eine offene Ehe auf Basis von Liebe und Partnerschaft an.

    Der alternde Gigolo kann aber das Mausen beziehungsweise seine Jagd auf Frauen nicht lassen und hat sich auch gleich wieder ein junges, wahrscheinlich noch jungfräuliches Ding angelacht, das er seinem besten Freund dem Doktor Maurer auch noch ausspannen muss, denn dieser ist sehr an Erna interessiert. Bei einer Bergtour entscheidet sich Erna für Hofreiter, in den sie schon seit sie ein kleines Mädchen war, verliebt ist. Friedrich kommt aber nach einem einfachen Kuss zur Besinnung, denn er will seine Ehe auf keinen Fall beenden und hat sein Glück schon zu viel zu oft herausgefordert. Bei Bekanntwerdung der Verführung einer Jungfrau aus bestem Hause wäre auch sein Renommee dahin und seine Freunde Geschichte. Zudem hat ihm die Jagd auf die Frau und die Bestätigung, dass sie ihn dem Freund Maurer vorgezogen hat, ohnehin fürs Selbstvertrauen gereicht. Mittlerweile ist er ja in die Jahre gekommen und will fortan auch mit den Affären zurückstecken.

    Als er von der Bergtour zurückkommt überschlagen sich die Ereignisse. Zuerst entdeckt er, dass seine Frau nun endlich in ausgleichender Gerechtigkeit ein schlampertes Verhältnis mit dem Marine-Fähnrich Otto eingegangen ist. Das macht ihn eigentlich froh, denn selbst in dieser Situation gleicht Genia nicht nur das Betrugskonto der Ehe aus, damit sich Friedrich endlich moralisch gleichwertig fühlen kann, sie ist auch noch so liebe- und rücksichtsvoll, dass sie die Affäre erst ein paar Tage vor der Abreise von Otto in einen dreijährigen Militärdienst weit weg in Istrien beginnt und somit der Konkurrent eigentlich gar keiner ist, weil er Friedrich nicht mehr in die Quere kommen kann.

    Somit wären doch jetzt alle froh und die Eheleute könnten bis an ihr Lebensende in einer glücklichen Partnerschaft leben, die im Alter sogar irgendwann auf ehelicher Treue beider Partner basieren könnte.

    ABER:

    Jetzt kommt der bisher im Schatten gebliebene Antagonist, der gekränkte Bankier Natter, aufs Tapet. Er grollt Friedrich schon lange und hat seine Achillesferse endlich gefunden. Er setzt in einer beispiellosen Intrige das Gerücht in die Welt, dass der Tod Korsakovs gar kein normaler Selbstmord war sondern eigentlich ein Duell in Billardform zwischen Friedrich und Korsakov gewesen ist. Wenn die Behörden davon Wind bekommen, muss dies von offizieller Seite untersucht werden. Obwohl Friedrich zur Unschuld seiner Gattin sogar Beweise hat, ist sie dennoch gesellschaftlich erledigt, denn sobald durch behördliche Untersuchungen die Tuchent aufgehoben wird, verliert entweder sie oder beide, wenn er mit ihr zusammenbleibt, jeglichen gesellschaftlichen Status und alle Freunde. Das kann er Ihr und beiden als Partner nicht antun. Was hier in einem sehr freundlichen Dialog von Natter angedeutet wird, ist eine gemeine Erpressung und fiese Intrige des Bankiers, um Friedrich, doch noch ohne seine Frau Adele zu verlieren, für die Affäre mit ihr büßen zu lassen.

    Friedrich versucht einen Befreiungsschlag, um die Ehre seiner Frau und ihre Beziehung zu retten, der nun auch durch den Umstand gewahr wird, dass er den Militär Otto zwei Mal einen Feigling nennt, ihn bei der militärischen Ehre packt und somit Otto in ein Duell zur Satisfaktion hineindrängt. Es ist also offiziell überhaupt keine Rede davon, dass das Duell wegen einer Affäre stattfindet (von der ja nur Friedrich und Maurer wissen, weil Genia so diskret war), sondern Friedrich nutzt die militärische Kränkung, um seine Frau offiziell gesellschaftlich reinzuwaschen, inoffiziell aber natürlich ein anderes Gerücht einer Beziehung zu nähren, das das alte Gerücht von Natter aufhebt. Hier braucht es auch keine weitere behördliche Ermittlung zur Treue der Frau denn die Kränkung (Feigling) eines Angehörigen des Militärs und der Modus der Satisfaktion sind ja mit allen Sekundanten offiziell und gesetzeskonform festgelegt. Im Duell will der mit allen Wassern gewaschene Friedrich, der sicher auch vorab schon wegen seines Lebenswandels ordentlich geübt hat, natürlich viel verzweifelter, intensiver und brutaler gewinnen. In seiner Abgebrühtheit ist er sich sogar sicher, dass er seine Frau letztendlich nach Amerika mitnehmen kann und alles gut wird.

    Die Tragik ist aber, dass Friedrich, der sich bisher aus jeder Situation herauslaviert, sich ausgerechnet in der Zielgeraden seiner Pläne diesmal verschätzt hat, denn Genia ist erschüttert, dass der junge Leutnant quasi als Kollateralschaden nur Stunden vor seiner Abreise sein Leben lassen musste, sie kennt ja die Erpressung von Natter nicht und glaubt, ihr Mann hätte das Duell aus Bosheit und Kränkung initiiert. Sie ist außerdem angewidert, wie unverschämt Friedrich die Mutter von Otto angelogen hat. So hat Natter letztendlich gewonnen: Er hat Friedrich bei seiner Achillesferse getroffen und ihn chirurgisch von seiner geliebten Frau getrennt – am Wegesrand liegt selbstverständlich ungewollt und als Kollateralschaden, die Leiche von Fähnrich Otto.

    Fazit: In dieser verzwickten Interpretation lag dann für mich die eigentliche Größe des Werkes. Denn Schnitzler prangt mit den Mustern seiner bisherigen Novellen und Dramen diesmal in einem Rundumschlag nicht nur den moralischen Umgang mit Ehe und Treue an, er demaskiert durch Lächerlichmachung in einem doppelten Hieb die österreichische Gesellschaft mit den sinnlosen Duellen, egal um der militärischen Ehre oder der ehelichen Treue wegen. Er entwickelt wie immer mit seinem bösen anarchischen Humor aus einer Mücke durch sinnlose gesellschaftlichen Konventionen und diese zu umschiffen, ein veritables Drama, das einem dann auch noch diese nutzlosen Tode vor Augen führt, indem er sie der Lächerlichkeit preisgibt.

    P.S.: Wie immer bin ich von der Reclam Ausgabe begeistert, in der nicht nur die Duellregeln und deren Analyse im Zusammenhang mit dem Stück standen, sondern auch Vorversionen des Werkes.

    Am entzückenden fand ich ein Register, in dem Schnitzlers konzipierte Figuren mit den Lebensläufen und Geschichten der real existierenden und von Schnitzler persönlich beobachteten Vorbildern abgeglichen wurden. Portier Rosenstock im Hotel Völser Weiher war beispielsweise der Portier Karl Roster des Südbahnhotels am Semmering, dem Schnitzler ein Exemplar von Das Weite Land mit Widmung gesendet hat. In den Memoiren Rosters berichtet dieser 1984 über Arthur Schnitzler.



    „All die Gestalten sind aus dem Leben genommen; wenn man von der Portierloge aus die Gäste näher betrachtet, so weiß man sofort, woher Arthur Schnitzler seine Figuren nahm. Er war jährlich öfter bei uns, lebte ziemlich zurückgezogen, machte nie Bekanntschaften, beobachtete aber stundenlang die Menschen. Beim Mittagessen blieb ER immer bis 3 Uhr im Speisesaal und hat jeden Gast genau beobachtet. Seine Taschen waren voll mit verschiedenartigsten Bleistiften und wenn er vom Speisesaal in die Halle kam, sah man ihn stundenlang in seinem Notizbuch Aufzeichnungen machen. Das Weite Land entstand eigentlich hier. Ich könnte ohne weiters die Namen aller seiner Gestalten aus unserem Fremdenbuch heraussuchen."
  12. Cover des Buches Gedichte (ISBN: 9783862673599)
    Hugo von Hofmannsthal

    Gedichte

     (6)
    Noch keine Rezension vorhanden
  13. Cover des Buches Egon Schiele und seine Zeit (ISBN: 9783791309170)
    Egon Schiele

    Egon Schiele und seine Zeit

     (1)
    Noch keine Rezension vorhanden
  14. Cover des Buches Lyrische Dramen (ISBN: 9783150180389)
    Hugo von Hofmannsthal

    Lyrische Dramen

     (3)
    Noch keine Rezension vorhanden
  15. Cover des Buches Felix Salten (1869-1945) - Ein Schriftsteller der Wiener Moderne (ISBN: 9783899135855)
  16. Cover des Buches Reigen (ISBN: 9783150191606)
    Arthur Schnitzler

    Reigen

     (11)
    Aktuelle Rezension von: AnNa1995

    Meine Meinung

    Das Buch ist alt. Das heißt, alte Sprache (auch noch auf Österreichisch -.-). Aber, das war noch das geringste Problem. Das Problem bei diesem DRAMA (es handelt sich hier nämlich nicht um ein Buch, wie ich gelernt habe) ist, dass es einfach keine Handlung gibt. Das Drama ist in 10 Dialoge (also quasi Kapitel) unterteilt. In jedem Dialog stehen zwei Personen im Mittelpunkt. Diese reden immer über irgendwelches unnützes Zeug, schlafen dann miteinander und gehen anschließend getrennte Wege. Im nächsten Dialog taucht dann immer einer der beiden vorherigen Personen wieder auf. So geht das dann mit insgesamt 10 Personen durch, bis man am Ende wieder bei der Dirne aus dem ersten Dialog angekommen ist. 

    Die "Charaktere" kann man nicht wirklich beurteilen, da man in dem Drama rein gar nichts über sie erfährt. Man weiß nur, dass die Reihenfolge der Figuren in ansteigender sozialer Rangfolge stattfindet. Wahnsinnig gut zum interpretieren, aber was anderes kann man damit auch nicht machen. 

    Spannung war nicht geboten, es gab nichts unterhaltsames und generell ist das Drama nicht sonderlich toll. Damals war es ja ein Skandal! Aber, es war halt eine andere Zeit..



  17. Cover des Buches Egon Schiele  (ISBN: 9783791335339)
    Egon Schiele

    Egon Schiele

     (1)
    Noch keine Rezension vorhanden
  18. Cover des Buches Kein Tag ohne Schreiben (ISBN: 9783851654967)
    Jacques LeRider

    Kein Tag ohne Schreiben

     (0)
    Noch keine Rezension vorhanden
  19. Cover des Buches Fräulein Else (ISBN: 9783746715186)
    Arthur Schnitzler

    Fräulein Else

     (112)
    Aktuelle Rezension von: awogfli

    Es ist schon eine Kunst, wenn ein Autor einer sehr verstaubten Novelle, die ja schließlich die Moralvorstellungen nicht vom letzten sondern vom vorletzten Jahrhundert vertritt, diese so zu konzipieren vermag, dass die Nöte der Protagonistin, die auf Grund dieser Moral entstehen, so konsistent und genial vermittelt werden, dass wir sie auch heute noch nachvollziehen zu vermögen.

    Zudem ist Fräulein Else wie schon der Leutnant Gustl stilistisch in Form eines ziemlich genialen inneren Monologs konzipiert. Man bedenke, dass diese Erzählform von Schnitzler VOR dem meiner nach total überschätzten James Joyce weitaus brillianter eingeführt wurde, da Schnitzlers Monologe erstens angenehmst kürzer, und viel tiefgängiger als jene des Ulysses verfassst wurden, die ja im Gegensatz zu Schnitzler keine substantiellen Probleme der Protagonisten sondern nur nichtiges Geschwätz beinhalten. Die Novellen von Leutnant Gustl und Fräulein Else stellen für mich ohnehin die Highlights aus Schnitzlers Werk dar, obwohl mir ein paar Theaterstücke und die Traumnovelle auch ganz gut gefallen haben.

    Aber nun zum Inhalt:
    Schnitzler wirft die Leserschaft in die Welt einer glorreichen Fassade hinter der alles verrottet ist. Das junge schöne Fräulein Else ist mit der guten Gesellschaft in der Sommerfrische im Ausland und bekommt einen unangehmen Expressbrief von Mama. Der Herr Papa hat Gelder von Mündeln veruntreut und gestohlen. Wenn sie nicht bis morgen 30.000 Gulden vom unsympathischen Herrn Dorsday bekommt, muss Papa ins Gefängnis. Bald stellt sich heraus, was der schmierige Herr Dorsday von dem 19-jährigen Mädl, das außer Schwärmereien noch gar keine sexuellen Erfahrungen hatte, verlangt. Sie soll sich um Mitternacht mit ihm im Wald treffen und sich ihm splitternackt präsentieren. Zwar schwört der alte Wüstling Stein und Bein, von ihr sonst nichts weiter zu verlangen, aber so einer Situation alleine mitten in der Nacht im Wald würde ich mich nicht einmal heutzutage aussetzen, aus Sorge, vergewaltigt zu werden.

    In ihrem inneren Monolog wälzt die junge unerfahrene Else ihre Probleme und denkt sogar daran, sich das Leben zu nehmen. Ist auch glaubwürdig, dass sie mit dem Tod kokettiert, wenn sie sich für die Ehre des Herrn Papa ihren Körper an den Herrn Dorsday verschachern muss und sich eben im Gegenzug zur Rettung des Vaters der lebenslangen Schande aussetzen muss und sich opfern sollte. Schlussendlich fordert der Vater in einer zweiten Depesche fast doppelt so viel Geld, also wird sie auch mehr geben müssen. Zudem ist sie ja mit 19 Jahren noch Jungfrau, da würde ich in der Situation und unter diesem enormen Druck auch mal an Schlaftabletten denken

    Was für ein Arschloch von Papa, so etwas außerdem nicht einmal selbst zu erbitten, sondern dies indirekt über die sehr naive Mutter, die die Schuldkeule schwingt, zu verlangen. Anstatt dass der Vater für sein Versagen und für seine Taten geradesteht und die Schande des Diebstahls und des Gefängnisses annimmt, soll sich Else einer ganz anderen Schande opfern. So zahlen die Kinder die Schulden der Eltern. Else fragt sich zu Recht, warum eigentlich sie die Fehler des Vaters ausbaden soll und dem geilen Bock von Geldgeber zu Willen sein muss. Das Mädchen wäre lebenslang ruiniert, gesellschaftlich wie finanziell, denn Arbeit geht nicht, sie hat ja nix Gscheites gelernt und Ehe ist danach auch nicht mehr möglich, wenn sich der Dorsday im Wald am Mädl vergreift, denn er hat ja für die Nutte ordentlich bezahlt. Sie wird ohne eigentlich ursprünglich involviert zu sein, zwischen den beiden fordernden Männern und den gesellschaftlichen Konventionen zermalmt. Immer wieder konzipiert sie im Kopf Fluchtwege und Notausgänge aus dieser Situation.

    Sehenden Auges wird auch eine andere Dramatik offenbar, denn der Vater ist ja nicht einzigartig und zufällig in einer derartigen Notlage, sondern die hoffnungslose Spielsucht des Papas und deren jahrelange und stetige Vertuschung mit den Auswirkungen wie Unterschlagung und Diebstahl hat auf die öffentliche Offenbarung der Schande der Familie ja nur eine kurze, aufschiebende Wirkung. Der Kater lässt trotz aller Beteuerungen das Mausen (das Spielen und das Prassen) nicht.

    Letztendlich scheitert jeder Notausgang und Else opfert sich völlig unnotwendig einem verantwortungslosen Vater, einem geilen Bock und den gesellschaftlichen Konventionen, indem sie sich umbringt. Sie hat im Fieberwahn der Ausweglosigkeit das Versprechen eingelöst, sich nicht nur Herrn Dorsday, sondern der gesamten Gesellschaft nackt gezeigt und sich dann ob der Schande mit Veronal vergiftet. Na hoffentlich hat der Herr Papa wenigstens das Scheiß-Blutgeld bekommen und einen Aufschub seiner Schande erhalten, denn Else hat ihr Wort gehalten und die 50.000 Gulden redlich für die Familie verdient. Wenn sie auch diese Peinlichkeit nicht ertragen konnte und sich entleibt hat. Was für ein tragisches Opfer, das Else in den letzten Sekunden ihres Lebens auch noch bereut!

    Fazit: Ein zeitloser Klassiker, der auch heute noch gut zu lesen und zu verstehen ist. Nicht deshalb, weil wir so etwas ohnehin heute auch noch verstehen können, sondern weil uns Schnitzler die Nöte und Ängste des Mädches derart nahezubringen vermag, dass das Mitfühlen und Verstehen ganz einfach gelingt.

  20. Cover des Buches Margaret Stonborough-Wittgenstein (ISBN: 9783442718757)
    Margret Greiner

    Margaret Stonborough-Wittgenstein

     (1)
    Aktuelle Rezension von: Die-Glimmerfeen

    Inhalt: Die Biografie einer starken Frau, die immer wieder energisch die Zügel in die Hand nahm, um ihre Familie sicher durch Weltkrieg und Naziverfolgung zu bringen.

    Art des Buches: Biografie

    Wie fand ich das Buch? Ich hatte mich vorher noch nie mit Margaret Stonborough-Wittgenstein beschäftigt und kann daher nichts über die korrekte Darstellung ihres Lebens sagen. Die Biografie fasst in 294 Seiten das Leben einer sehr interessanten Frau und deren Familie zusammen, das ist ausreichend um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Eine Frau, die sich für ihre Zeit unüblich für Naturwissenschaften interessierte und über ein großes Kunstverständnis verfügte. Margaret Stonborough wurde in eine reiche Familie geboren, die viele Schicksalsschläge auszuhalten hatte. Zwei Brüder nahmen sich das Leben, einer verlor einen Arm und einer wurde ein unglücklicher Philosoph. Die Autorin hat einen gehobenen trotzdem angenehmen Schreibstil. Mir hat das Buch viele Einblicke in das damalige Leben gegeben und in die Rolle der Frauen, die sie zu erfüllen hatten.

    3 passende Wörter zum Buch? Starke Frauen - Kunst - Familie

    Wem empfehlen? Jedem, der sich für Kunst, starke Frauen und Biografien interessiert.

  21. Cover des Buches Liebelei (ISBN: 9783150181577)
    Arthur Schnitzler

    Liebelei

     (26)
    Aktuelle Rezension von: Birdy_

    Liebelei ist ein typisches Werk für Schnitzler, in dem die Handlung zwischen den Zeilen passiert. Die Konzeption der Figuren lässt sich schnell erfassen und ist einfach gehalten. In nur 3 Akten findet sich Freytags typischer Aufbau in seinen Grundzügen wieder, wobei für den Leser offen bleibt, ob das Werk in einer Lösung oder einer Katastrophe mündet.

    Vor allem Leser, die sich langsam an Dramen rantasten möchten, kann man dieses Stück empfehlen. Die Sprache ist verständlich, Handlung und Anzahl der Personen sind überschaubar und qualifizieren Liebelei als Teil des Grundbestands zumindest meines Reclam-Regals.

  22. Cover des Buches Reigen (ISBN: 9783872912329)
    Arthur Schnitzler

    Reigen

     (75)
    Aktuelle Rezension von: awogfli

    Schnitzler selbst wollte den Reigen ursprünglich nicht veröffentlichen, weil er ihn literarisch für zu wenig anspruchsvoll hielt. Dieser ersten und ursprünglichen Einschätzung des Autors muss ich bedauerlicherweise vollends zustimmen. Ich glaube, ich habe nur einen schlechteren Schnitzler als den Reigen gelesen, und ich hab sehr viele gelesen.

    Wenn mal mal vom Skandal, den das Werk zu seiner Zeit verursacht hat, absieht und das Theaterstück im Lichte der heutigen Zeit betrachtet, dann bleiben nur noch extrem platte Dialoge übrig, die der Güte von Schnitzlers Fabuliertalent recht unwürdig sind.

    Lediglich eine Geschichte fand ich von der Konstruktion her ansprechender: Die junge Frau und der Ehemann. Als der betrügende Ehemann von der Tugend von Frauen faselt, seine Frau sogar dazu anhält, dass sie sich sogar nicht mit Freundinnen abgeben soll, die ihrerseit ihre Ehemänner betrügen, nichts ahnend dass seine Frau ihm schon längst die Hörner aufgesetzt hat. Einerseits treibt er es selbst mit verheirateten Frauen, kommt aber nie auf die Idee, dass ein anderer Mann so etwas auch tun könnte. Wo sollen denn all diese untreuen Frauen sonst herkommen. Das ist irgendwie naiv und auch köstlich, denn er nimmt sich in der Ehe etwas heraus, was er bei seiner Frau nicht einmal zu denken wagt und bekommt hinterrücks die Rechnung präsentiert.

    Ein zweiter innovativer Punkt des Dramas ist die Szenenanordnung. Wie ein Staffelholz der Liebelei oder wie eine Geschlechtskrankheit wird der sexuelle Akt von einem zum anderen weitergegeben - quer durch die Gesellschaftsschichten von Nutte auf Soldat auf Dienstmädchen auf feiner Herr auf feine verheiratete Dame auf Ehemann auf süßes Mädel ... bis wir am Ende wieder auf die Nutte der ersten Szene treffen. Das klingt nach einem seriellen Gang Bang in dem das Token (Ausdruck aus der IT) in einem Ring weitergegeben wird. Token-Ring war übrigens eine Form von Netzwerkstruktur, nicht mehr ganz aktuell aber so passend auf dieses Stück wie nur was.

    Diese zwei positiven, beziehungsweise innovativen Aspekte, die ich hervorgehoben habe, sind auch der Grund, warum sich das Werk bei mir das zweite Sternderl verdient hat, ansonsten ist nix dran am Reigen. Nun werde ich mir den Reigen reloaded zu gemüte führen, der das Werk in die heutige Zeit versetzen will - ich bin schon gespannt ob der Remix von heute besser wird als das Original.

    Fazit: Lest einen Schnitzler, aber einen anderen! Im Rahmen der Theaterstücke kann ich Das weite Land empfehlen bei Schnitzlers Novellen ist fast alles gut.

  23. Cover des Buches Reitergeschichte und andere Erzählungen (ISBN: 9783150180396)
    Hugo von Hofmannsthal

    Reitergeschichte und andere Erzählungen

     (4)
    Aktuelle Rezension von: thesmallnoble
    Die Erzählung Hofmannsthals ist gerade in der Kunst der Beschreibung grandios und fesselnd. Geführt wird man in eine Märchenwelt, deren Abgründe allmählich erst sich auftun: wenn sich der Anfang der Geschichte im Grunde genommen wie die Geschichte eines glücklichen Traums liest (aber in diesem Traum fehlt dem Helden der Geschichte doch immer etwas - obwohl von Personen umgeben, ist er immer einsam), entwickelt sich das hier geschilderte Leben langsam in einen Alptraum, der fast schon an Kafka denken lässt: es entsteht ein Labyrinth, aus dem der Held nicht mehr entkommen kann - all dies ist so fein und sensibel geschildert, in einer ästhetisch schwer zu übertreffenden Diktion und Sprache, dass Hofmannsthal Märchen zu den interessantesten Erzählungen gehört, die ich kenne.
  24. Cover des Buches Margaret Stonborough-Wittgenstein (ISBN: 9783218011105)
    Margret Greiner

    Margaret Stonborough-Wittgenstein

     (14)
    Aktuelle Rezension von: Buchgespenst

    Margaret wurde in eine Zeit geboren, die voller Umbrüche war. Aufgewachsen im Wohlstand bekam sie eine exzellente Ausbildung und ging ihren Weg durchs Leben äußerst erfolgreich. Sie wirkte als Bauherrin, Intellektuelle und Salonière. Ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit hilft ihr, zwei Weltkriege, Flucht und Inflationen zu überstehen.

    Die Biografie von Margaret Stonborough-Wittgenstein erzählt so viel mehr als nur das Leben einer beeindruckenden Frau der Wiener Moderne. Es ist ein Zeitgemälde das von 1882 bis 1958 reicht. Ihre Eltern und ihre Geschwister, einschließlich Ludwig Wittgenstein, werden genauso gezeichnet wie ihr späterer Ehemann und ihr Sohn. Das umfangreiche Fotomaterial führt dem Leser jede Persönlichkeit und die Zeit immer wieder vor Augen. Die Biografie ist so mitreißend wie ein Roman. Immer weiter taucht man in das Leben Margarets ein, durchlebt die Höhen und Tiefen und stößt immer wieder auf bekannte Gesichter – so zum Beispiel Gustav Klimt oder auch Siegmund Freud, bei dessen Flucht vor den Nationalsozialisten Margaret eine maßgeblich Rolle spielte.

    Ein großartiges Leseerlebnis!

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