Bücher mit dem Tag "zeitgenössische literatur"
71 Bücher
- Benedict Wells
Hard Land
(676)Aktuelle Rezension von: phantastische_fluchtenSommer 1985. Sam ist fünfzehn. Kein Kind mehr aber auch noch nicht erwachsen. Er ist ein Außenseiter, ist unsicher, gehemmt und hat Angstzustände. Er ist zu klein, zu schmächtig, das ideale Opfer für Hänseleien. Doch der Sommer 1985 ändert alles.
Um nicht nach Kansas geschickt zu werden, zu seiner Tante Eileen und ihren nervigen, mobbenden Söhnen, nimmt Sam einen Job im Kino an. Dort trifft er auf Kristie, Cameron und Hightower. Die drei sind älter als er, ein eingeschworenes Team. Aber auch sie haben alle ihre Macken und Geheimnisse, daher sehen sie in Sam keinen Freak oder Außenseiter, sondern nehmen ihn ihre Mitte auf.
Für Sam werden sie sein Halt, denn seine Mutter ist schwer krank und diese Krankheit hängt wie ein Damoklesschwert über der Familie. Sein Vater spricht kaum mit ihm und seine Schwester Jean geht schon seit langen ihre eigenen Wege und hat das Elternhaus verlassen. So bleibt Sam alleine mit seinen Ängsten und Gefühlen, bis er das Trio kennenlernt.
Natürlich klingt der Klappentext besser als meine unbeholfene Zusammenfassung. Und er gibt keineswegs wieder, welche Gefühle dieses Buch in mir geweckt hat. Es ist meine Zeit, es sind meine Filme und Songs, die in diesem Buch erwähnt werden. Zwar war ich 1985 schon etwas älter aber trotzdem habe ich vieles wiedererkannt. Dominik Wells beschreibt die 80er so, als wäre er dabei gewesen. Ich dachte: „ So etwas kann nur jemand schreiben, der diese unglaubliche Zeit selber erlebt hat.“
Aber Irrtum. Benedict Wells ist Baujahr 1984 somit er ist viel zu jung, um diese magische Zeit erlebt zu haben. Keine Handys, keine Computer, ein Sommer voller Faszination und Freiheiten.
Der erste Satz dieses Buch macht klar, was auf den Lesenden zukommt. Und Kristie liebt erste Sätze, so dass hier viele Verweise auf andere Romane zu finden sind. Sams Mutter betreibt einen Buchladen und als Kristie noch jünger war, hat sie dort oft in den Bücher gestöbert und sich diese Sätze gemerkt. Es ist eine Zeitreise durch die Musik, Literatur und durch die Filme der achtziger Jahre.
Marty McFly gibt Sam Hoffnung und Auftrieb. In „zurück in die Zukunft“ ist diese Figur ebenso klein und unscheinbar wie Sam, aber im Gegensatz zu ihm strotzt Marty McFly vor Selbstbewusstsein und wird zu Sams Idol. (Mein Film war damals allerdings „die Maske“ mit Sam Elliott und Cher)
Es ist abzusehen, dass dieser Sommer ein Ende haben wird. Da Cameron, Kristie und Hightower alle älter sind als Sam, werden sie nach dem Sommer Grady verlassen und an ein College gehen. Aber diese sieben Wochen sind gefüllt mit allem, wovon Sam geträumt hat. Er hat seinen ersten Alkoholrausch, er verliebt sich, er bewältigt verrückte Mutproben und er führt intensive Gespräche mit seinen neuen Freunden, öffnet sich ihnen und erfährt, dass auch ihr Leben nicht perfekt ist. Dass auch sie Ängste haben und unsicher sind, was die Zukunft betrifft.
Das Kino gehört Kristies Vater. Es soll nach dem Sommer geschlossen werden. Die Stadt steht vor dem Untergang, seit die Fabrik geschlossen hat und viele Menschen arbeitslos geworden sind. Sie wandern ab. Dieser Sommer scheint ein letztes Aufbäumen vor dem endgültigen Untergang.
Warum das Buch als Jugendbuch deklariert wurde ist mir nicht klar. Die Menschen, die diese Zeit erlebt haben, waren bei Veröffentlichung des Buches schon weit über 40 Jahre alt. Und die heutige Jugend wird dieses Gefühl der damaligen Zeit nicht nachvollziehen können. Wie oft werden wir „Alten“ belächelt, wenn wir von der Zeit ohne social media oder ohne Handy erzählen und davon, was wir alles erlebt haben. Daher spricht es sicherlich eher Menschen meines Alters an, die nochmals in die Vergangenheit geführt werden, alte Songs herauskramen und sich an alte Filme erinnern.
Ich gebe zu, ich habe diese coming -of- age Filme wie breakfast club oder american grafitti nicht gesehen aber viele der damaligen Schauspieler kennt man heute noch.
Insgesamt hat mich dieses Buch etwas an stand by me von Stephen King erinnert. Und wie dort, geht letztendlich jeder seiner/ihrer Wege. Aber die Erinnerung an diesen Sommer, an das Vertrauen zueinander und an die Gefühle bleibt. Etwas, was einem niemand mehr nehmen kann.
Fazit:
Eine schöne Reise in die Vergangenheit, in wunderbaren Worten erzählt. Teils melancholisch, teils amüsant, teils leicht aber auch oft traurig.
- Daniel Kehlmann
Ruhm
(652)Aktuelle Rezension von: Renate1964Im Gegensatz zu "Die Vermessung der Welt " und "Lichtspiel" hat mich dieser Roman in neun Geschichten, deren Zusammenhang ich erst allmählich durchschaut, nicht wirklich begeistert. Die Beweggründe und Charaktere sind ganz interessant, auch die Frage, was Phantasie und was Wirklichkeit ist. Emotional bewegt hat mich keine der Figuren
- Celeste Ng
Kleine Feuer überall
(334)Aktuelle Rezension von: GwhynwhyfarDer Anfang: «In jenem Sommer redeten alle in Shaker Heights darüber, wie Isabelle, das jüngste Kind der Richardsons, endgültig durchdrehte und das Haus abfackelte. Während das ganze Frühjahr über die kleine Mirabelle McCullough Gesprächsthema gewesen war – beziehungsweise, je nachdem, auf welcher Seite man stand, May Ling Chow –, gab es endlich neuen aufregenden Gesprächsstoff.»
Es brennt! Fassungslos steht Elena Richardson im Bademantel und den Tennisschuhen ihres Sohnes draußen auf dem Rasen und starrt in die Flammen. Ihre jüngste Tochter hat in jedem Schlafzimmer Feuer gelegt. Shaker Heights, der wohlhabende Vorort von Cleveland, Ohio, hier ist es sauber, ruhig und völlig ungefährlich, Golf-, Reit-, Tennis-, Segelclub. Ein strukturiertes Straßennetz, beste Schulen; vom Außenanstrich der Häuser bis zur Höhe des Rasens ist alles vorgeschrieben, eine Scheinidylle. Rasen! Gemüse im Garten ist nicht erlaubt. Ordnungsfanatismus, Ordnung ist das ganze Leben! Wie konnte es zu diesem Unglück kommen? Gehen wir zurück zu dem Tag als das unkonventionelle Mutter-Tochter-Paar Mia und Pearl Warren zur Miete in eine der Wohnungen der Richardsons einzieht …
«‹Izzy nimmt alles ernst. Zu ernst. Das ist ihr Problem.›
‹Der Witz daran ist›, sagte Lexi eines Nachmittags, ‹dass Izzy in zehn Jahren bei Springer auftreten wird.»
‹In sieben›, widersprch Trip. ‹Höchstens acht. Jerry hol mich aus dem Knast.›
‹oder Hilfe meine Familie will mich einweisen›, sagte Lexi.
Elena ist Journalistin, die für das heimische Provinzblatt zu schreibt, was eigentlich nicht ihr Lebensziel gewesen ist. Aber das wundervolle Shaker Heights ist ihre Geburtsstadt und ihr Mann ist ihr gefolgt, ein gut verdienender Anwalt im Ort geworden. Sie haben vier Kinder zur Welt gebracht, Lexie (17), Trip (16), Moody (15) und Isabelle (Izzy, 14), ein ansehnliches Haus gebaut – der amerikanische Traum ist perfekt. Natürlich haben alle Kinder völlig verschiedene Charaktere, doch Izzy, die Jüngste bereitet Sorgen. Rebellisch, gesellschaftskritisch, sie lässt Äußerungen fallen, die ihre Umgebung zu Schnappatmung bringt; sie lässt sich zu Aktionen hinreißen, die ihr mächtigen Ärger einbringen. Moody ist von der gleichaltrigen Pearl fasziniert, von ihrem Lebensstil, dem Vagabundenleben. Denn Pearls Mutter Mia ist Künstlerin. Sie fotografiert, zerlegt die Fotos, bearbeitet sie und gestaltet etwas Neues daraus. Sie leben von der Hand in den Mund; besorgen sich Möbel vom Sperrmüll, Bekleidung aus Secondhandläden, und wenn ihnen eine Stadt nicht mehr gefällt, ziehen sie weiter. Pearl wiederum, die sich nun täglich bei den Richardsons aufhält, beneidet Moody um diese Familie, die ein gemütliches Leben ohne Sorgen führt. Ein festes Heim, eine Heimat. Das hatte ihre Mutter ihr versprochen: Wir suchen einen Ort, an dem wir bleiben! Pearl soll in Ruhe ihre Schule abschließen können. Und Shaker Heights ist der perfekte Ort, um für immer zu bleiben.
«Während der Nachmittage mit Pearl begriff er allmählich, wie ihr unstetes Leben ausgesehen hatte. Sie reisten mit leichtem Gepäck: zwei Teller, zwei Tassen, eine Handvoll bunt zusammengewürfeltes Besteck, jeder einen Seesack mit Kleidern und natürlich Mias Kameras. Im Sommer fuhren sie mit offenen Fenstern, weil der Golf keine Klimaanlage hatte; im Winter fuhren sie nachts bei aufgedrehter Heizung. … Um die Privatsphäre zu wahren, hängten sie ein Laken von der Hecktür über die Kopfstützen der Vordersitze wie ein Zelt. Zum Essen hielten sie am Straßenrand und aßen, was sie hatten, aus der Papiertüte: Brot und Erdnussbutter, Obst, manchmal Salami oder ein Peperoniwürstchen, wenn es gerade im Angebot war. Manchmal waren sie nur ein paar Tage unterwegs, dann wieder eine Woche, bis Mia einen passenden Ort fand, an dem sie eine Weile blieben.»
Pearl, die mit allen Kindern der Richardsons befreundet ist, mit jedem auf eine andere Weise, gehört bald zur Familie. Und dann macht Elena Mia das Angebot, bei ihr im Haushalt stundenweise zu arbeiten. Izzy ist fasziniert von Mia und sie will fotografieren lernen, Kunst schaffen; und Mia zeigt ihr, worauf es ankommt. Die beiden Familien sind eng miteinander verfochten. Wie es so ist im Leben, es passieren Dinge, die nicht geplant sind – Geheimnisse, Missverstandenes, schwelende Eifersucht … Bereits im zweiten Satz in diesem Roman begegnen wir Mirabelle McCullough – die am Ende das Fass zum überlaufen bringt …
«eine Utopie zu schaffen. Ordnen – und Verordnen, für Ordnung unerlässlich – galt den Shakern als Schlüssel zu Harmonie. Sie hatten alles verordnet: die angemessene Zeit, um morgens aufzustehen, die angemessene Farbe der Vorhänge, die angemessene Haarlänge für Männer, die angemessene Art, wie man die Hände zum Gebet faltet (den rechten Daumen über den linken). Die Shaker waren fest überzeugt, wenn sie jede Kleinigkeit planten, könnten sie ein Stück Himmel auf Erden schaffen, einen kleinen Zufluchtsort, und die Gründer von Shaker Heights hatten genauso gedacht. In Werbeannoncen zeigten sie Shaker Heights hoch oben auf einem Berggipfel am Ende eines Regenbogens, mit Blick auf das schmutzige Cleveland. Perfektion war das Ziel.»
Ein vielschichtiges Familien-Psychogramm von zwei Familien, dazu ein Kleinstadt-Psychogramm. Eine erstickende Kleinstadtidylle, in der der ein freundlicher, freiheitsliebender Paradiesvogel auftaucht. Eine alleinerziehende Mutter, die dem Bürgertum ganz ohne Absicht ihr Spießertum offenbart, aufdeckt, dass dieser ganze Luxus nur verdeckt, was darunter brodelt, dass er letztendlich nichts wert ist. Diese Stadt hat viele Pläne, Regeln, Gesetze. Mia zu ihrer Kunst gefragt, antwortet: «Ich fürchte, ich habe keinen Plan. Aber den hat eigentlich niemand, auch wenn alle das Gegenteil behaupten.» Der Stich ins Wespennest. Izzy sprengt ihre Ketten: «Sie sann nach Möglichkeiten, um sich zu rächen. Und sie suchte sich die Beste aus.» Zu viel Neugier, Kontrollsucht, Geheimnisse, Intrigen, Rache und ein paralleles Drama in der Stadt machen die Geschichte zu einem spannenden Roman, den man nicht aus der Hand legen mag. Ein Drama, das ist auf der ersten Seite klar. Aber was brachte Izzy dazu? «und Izzy ließ das Streichholz auf das Bett ihrer Schwester fallen und rannte zur Tür hinaus.» Mit feiner Beobachtungsgabe nähert sich Celeste Ng empathisch ihren Protagonist:innen, den Müttern und den Kindern. Die auktoriale Perspektive erlaubt dem Leser den Einblick. Wir kennen die Geheimnisse aller Beteiligten. Und das macht es spannend. Wann fliegt wer auf und was mag das auslösen? Bitterböse und gesellschaftskritisch. Es gibt hier keine fiesen Charaktere – im Gegenteil, letztendlich hat man Verständnis für jeden Einzelnen – und was sich hier entblättert ist großes Kino! Empfehlung!
«Seit ihrer Jugend hatte sie einen Plan gehabt und ihn minutiös eingehalten … Sie hatte, kurz gefasst, alles richtig gemacht und sich ein gutes Leben aufgebaut, ein Leben wie sie es sich wünschte, wie alle es sich wünschten. Und jetzt kam diese Mia, eine vollkommen andere Frau mit einem vollkommen anderen Lebensstil, die sich ohne Entschuldigungen ihre eigenen Regeln setzte.»
Celeste Ng, geboren 1980, wuchs in Pittsburgh, Pennsylvania, und in Shaker Heights, Ohio, auf. Sie studierte Englisch in Harvard und Kreatives Schreiben an der University of Michigan. ›Was ich euch nicht erzählte‹ stand genauso auf der Bestsellerliste wie ›Kleine Feuer überall‹, das auch als Miniserie verfilmt wurde. Celeste Ng lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Cambridge, Massachusetts.
- Cho Nam-Joo
Kim Jiyoung, geboren 1982
(496)Aktuelle Rezension von: erdbeerliebe.Dieses Buch ist die Erzählung der fiktiven Kim Jiyoung, an deren Beispiel das Leben einer Frau in Korea (die 1982 geboren wurde) erzählt wird. Was sachlich beginnt und interessante Zeitsprünge hat (man beginnt mittendrin, nur um dann das Leben von Kim chronologisch abzugehen und wieder am Anfang anzukommen) entwickelt sich zu einer dynamischen Biografie einer jungen Frau die durch Erziehung und Erfahrungswerte lernt - und dabei mit dem Bild, dass von der koreanischen Gesellschaft an sie gerichtet wird, kämpft. Einerseits soll sie studieren, Karriere machen und auf eigenen Beinen stehen - doch gleichzeitig auch Kinder kriegen und eine gute Mutter sein.
Unterfüttert mit Quellenangaben und sachlichen wissenschaftlichen Untersuchungen ist der Roman mehr als nur ein Roman, sondern gleichzeitig auch irgendwo Sachbuch.
Um dem Buch 5 Sterne zu geben riss er mich emotional nicht genug mit, doch das ist mein persönlicher Geschmack und Bewertungsfaktor. Wer sich für Korea und feministische Ansichten, das Frauenbild in Korea und traditionelle Werte dort interessiert ist mit dem Buch sehr gut beraten. - Petra Hülsmann
Wenn's einfach wär, würd's jeder machen
(428)Aktuelle Rezension von: jeanne1302Musiklehrerin Annika wird zwangsversetzt von einer High Society Schule zu einer Brennpunktschule. Dort muss sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben konfrontiert sehen mit: Mobbing unter Schülern, häuslicher Gewalt an ihren Schülern, den unterschiedlichsten Nationalitäten und einer allgemein an Schule desinteressierten und für ihre persönliche Zukunft desillusionierten Klasse.
"Mit uns Honks will eh keiner was zu tun haben" "Wir kommen hier eh nicht raus" "Wir sind vom Gettho/Gosse - da kann man nix machen"
Privat lebt sie in einer 2er/4er - WG mit ihrer Freundin Nele und den zwei Nachbars"jungs" Kai und Sebastian. Letzterer bringt Annikas Herz durcheinander, aber da ist auch noch Tristan - der Ex-Klassenkamerad von Annika, in den sie schon ewig verknallt ist und jetzt ihr helfen soll bei einem Schulprojekt "Musical AG", um für die Schüler einen Preis zu gewinnen.
Was eigentlich als Idee startete, damit Annika schnell wieder zurückkehren kann an ihre alte Schule, entpuppt sich als DAS Projekt, das ihr hilft zu erkennen, dass sie ihren Job als Lehrerin wirklich sehr liebt, auch wenn er täglich Herausforderungen bereit hält. Und sie erkennt, dass sie privates Glück benötigt, um diesen Schulalltag zu überstehen.
Das Buch liest sich flüssig und ich habe es genossen, manchmal fand ich allerdings den "Konsum" von Essen und Tätigkeiten doch sehr überzogen und auch tatsächlich passend für die "high society", die sich halt keine Gedanken über Geld machen muss (Der Erdbeerkuchen! Der Dom) - aber vielleicht diente das auch wirklich um diesen krassen Unterschied zwischen dem reichen Lehrerkind und den armen Schülern zu zeigen.
Botschaft:
Manchmal schickt uns das Leben Herausforderungen, damit wir wachsen und erkennen, wo unsere wirkliche Aufgabe und unsere Talente liegen und was uns wirklich stolz macht. Wir erkennen, dass wir etwas in der Welt bewegen können, statt es uns mit einem guten Gehalt bequem zu machen.
Es ist wichtig, den privaten Ausgleich zu haben - gerade WEIL man einen verantwortungsvollen und schwierigen Job hat.
***Denk niemals, dass deine Herkunft bestimmt, was du aus deinem Leben machen kannst. Niemals. Vielleicht schaffst du es nicht in die high society, aber du musst auch nicht im Sumpf bleiben.***
Und manchmal braucht man für diese Erkenntnis einfach Menschen, die einem zutrauen, das Leben in die eigene Hand zu nehmen, statt Opfer der eigenen Familienherkunft zu sein.
- Julian Barnes
Die einzige Geschichte
(151)Aktuelle Rezension von: Trishen77Julian Barnes hat die Gabe Romane zu schreiben, nach deren Lektüre man das Gefühl hat, man könne nicht so weitermachen wie bisher. Vielleicht ist dies das ultimative und letztendliche Potenzial des Romans, ein Versprechen, das die besten Werke dieser Gattung stets einlösen müssen.
Barnes Bücher sind aber dennoch etwas Besonderes, denn seine Prosa ist zusätzlich, vor allem in „Die einzige Geschichte“, ein kleines anatomisches Wunder: in ihr fallen Empfindung und Verstand in vielerlei Hinsicht zusammen, zumindest liegen sie oft sehr nah beieinander. Dass diese Nähe nicht in Klischees kulminiert oder sich in eine Flucht vor jedem Anschein von Klischee hüllt, macht sie noch beeindruckender. Eine direkte Folge dieser Vermengung von Geist und Gefühl ist einerseits die Zugänglichkeit von Barnes Romanen (für alle Leser*innengruppen) und andererseits eine Komplexität, die sich aus dem unerschöpflichen Konfliktpotenzial der beiden Regungen ergibt.
In „Die einzige Geschichte“ spielt außerdem (wie schon in dem großartigen Roman „Vom Ende einer Geschichte“), die Erinnerung, ihre Beschaffenheit, Verlässlichkeit und Konditionierung, eine wichtige Rolle. Der Ich-Erzähler Paul erinnert sich, mit einem Abstand von 50 Jahren, an den Beginn seiner ersten großen Liebe zu der Mitte 40jährigen Susan (er ist zu diesem Zeitpunkt gerade 19) und versucht ihre Beziehung und deren Verlauf zu rekonstruieren. Dabei durchlebt er die Ereignisse teilweise erneut und befragt seine Entscheidungen, gelangt von elementaren Fragen zu kleinen, individuellen Details, von winzigen Eindrücken zu größeren Zusammenhängen, während sich den Leser*innen langsam die Hintergründe offenbaren …
Kann man Gefühle verstehen? Oder muss man schlicht an sie glauben? Sind wir wirklich der Protagonist unserer Erinnerungen oder mehr der Erzähler, ja, der Schöpfer? Was bedeutet es eigentlich zu lieben und sind wir als Liebende auch Erinnernde oder müssen wir das trennen? Ist Liebe ein Heil oder nur ein Wünschen?
Es ist unmöglich, hier alle Fragenkomplexe aufzugreifen, die Barnes seinen Ich-Erzähler streifen und durchdringen lässt. Feststeht: als Leser*in wird man fast auf jeder Seite mit kleinen, unspektakulären, aber dennoch in vielerlei Hinsicht tiefgreifenden Offenbarungen konfrontiert, oder sollte ich eher sagen: beschenkt?
Nur drei kleine Beispiele, aus dem Zusammenhang gerissen, aber vielleicht vermögen sie einen Hauch von den Auseinandersetzungen, Weisheiten und Gedanken wiederzugeben, die dieses Buch enthält:
„An einer Korrelation zwischen der Stärke des Gefühls und dem Ausmaß des Glücks ließen ihn seine eigenen Erfahrungen inzwischen zweifeln.“
„In der Liebe ist alles wahr und falsch zugleich; sie ist das einzige Thema, über das man unmöglich etwas Absurdes sagen kann.“
„Es ging um mehr: um das Ich und wo man es aufbewahrte und wer, wenn überhaupt jemand, es voll und ganz sehen durfte.“
„Die einzige Geschichte“ legt ein ruhiges, in dieser Ruhe aber letztlich trügerisches Erzählen an den Tag, in dem sich samt und sonders das Dilemma der Liebe, ihrer Geschichten, Vorgeschichten und Umfelder, in vielen Facetten spiegelt. Barnes vermag es, ohne Rührseligkeit oder Sentimentalität, von den Schmerzen und Freuden des Erinnerns, von der Angst, dem Leiden und letztlich auch dem Verschwinden zu erzählen, die zwar nicht den Kern des Liebens ausmachen, aber ihn stets umkreisen, auf instabilen Bahnen.
- Iris Wolff
Die Unschärfe der Welt
(175)Aktuelle Rezension von: querbeetgelesen"Die Unschärfe der Welt" beschreibt die Geschichte einer Familie. Angefangen bei Hannes, seiner Frau Florentine und der Mutter Florentine, beginnt der Leser in eine ganz andere Welt einzutauchen. Diese Welt liegt viele Jahre zuvor, um Ende 1960, in einem Dorf in Rumänien. Wir lernen die Familie kennen, die Probleme mit denen die Menschen früher umzugehen hatten. Im Verlauf der Geschichte kommen weitere Personen dazu, wie Samuel, dem Sohn von Hannes und Florentine und seine Liebe Stana. Die Geschichte verändert sich, bewegt sich. Das Ende Bildet Liv, die das Leben der Urgroßmutter reflektiert.
Dieses Buch ist in einer wunderschönen Sprache niedergeschrieben und beinhaltet eine unglaubliche Tiefe, ganz ohne aufregende Handlungen, wörtliche Rede oder viele Wendungen. Die einzelnen Personen werden beschrieben, ohne ein zu genaues Bild von ihnen zu zeichnen. Auch die Umgebung ist ganr klar und trotzdem "unscharf". Insgesamt ist dieses Buch, trotz der "kürze" sehr anspruchsvoll zu lesen.
Eine wundervolle Geschichte, wenn man sich darauf einlässt und nicht nach den ersten Kapiteln aufhört. - Shida Bazyar
Drei Kameradinnen
(179)Aktuelle Rezension von: venenorojoDieser großartige Roman handelt von Kasih, Hani und Saya, drei Freundinnen mit Migrationshintergrund, die in dem selben Stadtteil groß werden, die seit ihrer Kindheit viel Zeit miteinander verbringen, engste Vertraute werden, sich in- und auswendig kennen. Drei Freundinnen mit unterschiedlichen Charakteren, mit verschiedenen Ansichten und Wünschen, die zusammen lachen und weinen. Eines verbindet die drei mittlerweile jungen Frauen mehr als alles andere: der Alltagsrassismus, dem sie ausgesetzt sind und ihre differenzierte Art, damit umzugehen.
Shida Bazyar zeigt die unterschiedlichen, oft subtilen oder auch gar nicht böse gemeinten, Facetten des Alltagsrassismus und die diversen Möglichkeiten, mit diesen umzugehen. Sie verleiht ihrer Erzählerin Kasih eine Stimme voller Inbrunst und Wut, warum Menschen aufgrund ihrer Herkunft ständig hinterfragt werden, ja selbst von Antifaschisten, denn wozu betont man eigentlich, dass man Antifaschist ist?! Müsste das nicht normal sein? Und immer wieder hebt sie eines hervor: Dass der wichtigste Halt in unserer heutigen Zeit bedingungslose Freundschaft ist.
Dieses Buch ist das Beste, was ich seit langem gelesen habe, und offenbart zum Ende neben einem alles in Frage stellenden Plot Twist auch einige weitere Überraschungen.
Für mich ist Shida Bazyars Roman das Buch des Jahres 2021! - Alina Bronsky
Der Zopf meiner Großmutter
(190)Aktuelle Rezension von: frischelandluftIch finde es immer wieder toll, wie Alina Bronsky es schafft, dass man im Laufe einer Geschichte Sympathie für unsympathische und kauzige Menschen empfindet. Ihre Romane sind für mich Plädoyers gegen Vorurteile und Verurteilung, sie lehrt genauer hinzusehen und die Geschichte hinter den Menschen wahrzunehmen. Ich mag ihre Romane sehr, die Plots sind eher ruhig und voller Alltag, aber fulminant ausgefüllt mit ungewöhnlichen Charakteren, die einem im Laufe der Geschichte ans Herz wachsen. Hier sind es ein 10jähriger Junge, der völlig unterschätzt wird, seine Großmutter, deren übermäßige Fürsorge teilweise in Kindesmisshandlung übergeht, ein loyaler Großvater, der seinen eigenen Weg geht und eine weitere Frau, die an der Menage-a-Trois fast zerbricht. Mit viel Komik, Feingefühl und Respekt wird die in Teilen traurige und tragische Geschichte aus der Perspektive des Enkels erzählt. Unbedingt lesenswert.
- Anna Nigra
Cecilia - Wenn die Sterne Schleier tragen
(191)Aktuelle Rezension von: paevalill"Cecilia - Wenn die Sterne Schleier tragen" hat mich völlig überrascht. Vielleicht lag es auch daran, dass ich keinerlei Erwartungen an das Buch hatte, sondern lediglich auf der Suche nach einem angenehm zu lesenden, romantischen Band war. Aber mich konnte Cecilias Ankommen auf dem (imaginären) Hof von Vienna absolut mitreißen.
Um nicht ausversehen zu spoilern, übernehme ich hier die offizielle Inhaltsangabe:
"Einen Fremden heiraten? Cecilia kann nicht glauben, was ihr Vater da von ihr verlangt! Sie ist erst 18, und ihr zukünftiger Ehemann der Kronprinz von Europa!
Doch der König will unbedingt Cecilia als Frau seines Sohnes. Ein Nein würde er nicht dulden.
Nur widerwillig reist Cecilia mit ihrer Familie in den Königspalast, um ihren Zukünftigen kennenzulernen. Zu ihrer großen Erleichterung ist der 21-jährige Prinz Noran aber nicht nur gutaussehend, sondern auch charmant und liebevoll. Doch auch sein temperamentvoller Bruder Elias reizt Cecilia mit seiner provokanten Art. Und als wären zwei attraktive Männer, eine eifersüchtige Schwester und ein ungeduldiger König nicht schon genug, scheint im Palast eine unglaubliche Intrige gesponnen zu werden …"
Der Fokus liegt in diesem Band tatsächlich darauf, dass Cecilia auf dem Hof ankommen muss, den (oder eigentlich die) Prinzen kennen- und vielleicht lieben zu lernen, ebenso wie die Eigenheiten der Königsfamilie und das Hofleben. Doch spätestens ab der Hälfte des Bands fließen ganz gezielt völlig andere Untertöne ein, die auf ganz unplakative Weise andeuten, dass hier viel mehr hinter der Geschichte steckt als es auf den ersten Blick scheint.
Ich mag es, wenn sich in Romanen nach und nach erst Hintergründe entfalten und Geheimnisse offen bleiben. Der Band nimmt ab der Mitte immer mehr Fahrt auf, was das Lesetempo betrifft und die Verkettung an Ereignissen. Es endet dann mit einem fiesen Cliffhanger, der aber Lust auf mehr macht und sehr deutlich aufzeigt, dass es hier wirklich noch viel zu erzählen gibt.
Natürlich lässt sich das Buch viel Zeit für die Romantik. Wer damit nichts anfangen kann, sollte hier besser die Finger davon lassen. Die beiden Love Interests konnte ich beide ins Herz schließen.
- Ian McEwan
Maschinen wie ich
(128)Aktuelle Rezension von: petitpapillonWenn wir unser eigenes Innerstes nicht begreifen, wie sollten wir da ihres gestalten und erwarten, dass sie mit uns glücklich werden?
Kann eine lebensechte Maschine den Menschen ersetzen? Nicht nur das, sondern vielmehr eine verbesserte Version des Menschen bilden?
Bei McEwans Roman "Maschinen wie ich" handelt es sich nicht nur um eine verhängnisvolle Dreiecksdynamik zwischen den Figuren Charlie, Miranda und dem Androiden Adam. Wir Leser:innen stehen inmitten von grundsätzlichsten Fragestellungen rund ums "Menschsein". Was ist Gerechtigkeit? Und kann ein Mensch wirklich gerecht und selbstbestimmt agieren? Oder ist er das bloße Resultat eigener Emotionen und Gesellschaftsstrukturen?
Mit "Maschinen wie ich" ermöglicht McEwan uns nicht nur einen faszinierenden Einblick in eine mögliche Realität mit menschenähnlichen Maschinen an unserer Seite. Er konfrontiert uns mit unseren inneresten Grundsätzen und appeliert in diesem Zuge an die unvollkommene Menschlichkeit in allen von uns.
Ich kann McEwans Roman all denjenigen empfehlen, die gerne Geschichten rund um Künstliche Intelligenz lesen und sich mit ihrer moralischen Verantwortung befassen möchten.
- Bernhard Schlink
Olga
(224)Aktuelle Rezension von: AleksandraDas Buch Olga handelt - wie der Titel schon vermuten lässt - vom Leben der Protagonistin Olga. Sie ist eine Frau, die zwischen Liebe und Einsamkeit, zwischen Warten und Erfüllung gefangen ist, Sie kämpft in ihrer Zeit ums Überleben und muss ihren Weg größtenteils allein gehen. Im Kern erzählt der Roman die Geschichte einer beeindruckend starken Frau.
Vom Cover her hat mich das Buch zunächst gar nicht angesprochen. Es ist sehr schlicht gestaltet. In Nachhinein muss ich aber sagen, dass es perfekt zum Roman passt, denn auch dieser ist auf eine angenehme Weise schlicht erzählt. Oft sind gerade die einfachen Dinge die schönsten. Auf dem Cover sieht man eine Frau, die auf einer Klippe steht und aufs Meer blickt. Ich nehme an, dass sie Olga darstellen soll, die darauf wartet, dass Herbert von seinen Expeditionen zurückkehrt.
Besonders gefallen haben mir die Sprache und der Ausdruck. Der Roman in einer ruhigen, angenehmen und eher literarischen Sprache geschrieben - nicht modern oder umgangssprachlich, sondern zeitlos und stilvoll.
Der Aufbau besteht aus relativ kurzen Kapiteln, die Olga von ihrer Kindheit bis an das Ende ihres Lebens begleiten. Danach wird die Geschichte aus der Perspektive einer Person weitererzählt, die Olga sehr nahesteht. Dadurch erhält der Roman am Ende noch einmal eine ganz besondere Tiefe.
Das Buch lebt nicht von großer Spannung oder überraschenden Wendungen. Es ist ein ruhiger Roman, den man langsam lesen und genießen sollte. Genau wie Olga wartet, wartet auch der Leser darauf, wohin die Geschichte führt und was am Ende deutlich wird,
Mit der Hauptfigur Olga konnte ich mich sehr gut identifizieren. Ich finde sie eine fantastische und bemerkenswert starke Frau. Nach außen hin zeigt sie ihre Gefühle kaum. Erst gegen Ende des Buches erkennt man ihre wahren Emotionen, ihre Ängste, Wünsche und Träume., Dadurch wirkt sie sehr menschlich und berührend.
Die Handlung spielt vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg sowie während des Zweiten Weltkriegs und in der Zeit danach. Die politischen Ereignisse werden allerdings nur am Rande behandelt. Im Mittelpunkt steht immer Olgas persönlicher Kampf um ihr Leben.
Dieses Buch sollten man unbedingt bis zur letzten Seite lese. Erst ganz am Ende erschließt sich seine eigentliche Schönheit und Bedeutung. Wer auf Spannung und ein schnelles Erzähltempo hofft, wird vermutlich enttäuscht sein. Wer jedoch ruhige, tiefgründige Literatur schätzt, wird mir diesem Roman viel Freude haben.
- Sasha Filipenko
Rote Kreuze
(185)Aktuelle Rezension von: petraellenAutor
Sasha Filipenko
Inhalt
Der junge Alexander ist gerade nach Minsk gezogen. Vor kurzem hat er seine Frau verloren und muss sein Leben mit seiner kleinen Tochter neu ordnen.
Auf dem Stockwerk seiner Wohnung lebt noch eine neunzig Jahre alte Frau, alleinstehend und an Alzheimer erkrankt. Nach einer kleinen Stadterkundung kommt er zu seiner Wohnung zurück und stellt mit Erstaunen fest, dass jemand ein rotes Kreuz auf seine Wohnungstür gemalt hat. Es stellt sich heraus, dass seine Nachbarin Tatjana Alexejewna es war. Alexander hält es zunächst für einen Scherz, doch Tatjana Alexejewna erklärt ihm, dass sie das Rote Kreuz braucht, um den Weg nach Hause zu finden. Sie erklärt Alexander, dass bei ihr kürzlich Alzheimer diagnostiziert wurde. Sie weiß, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis die Krankheit ihr Gedächtnis zerstört und ihre Erinnerungen ausgelöscht hat. Tatjana bittet Alexander in ihre Wohnung und will ihm ihre Geschichte erzählen. Eigentlich möchte er nicht auf einen Plausch zu ihr kommen, doch dann fesselt ihn die Lebensgeschichte.
„»… Ich würde Ihnen gern eine unglaubliche Geschichte erzählen. Eigentlich keine Geschichte, sondern eine Biographie der Angst. Ich möchte Ihnen erzählen, wie das Grauen den Menschen unvermittelt packt und sein ganzes Leben verändert.«“ (S. 15)
Sie erzählt von ihrer Vergangenheit, an die sie sich noch gut erinnern kann. Sie erzählt von dem Zweiten Weltkrieg, ihrer Arbeit im Außenministerium. Ihr Mann Ljoscha wurde vermisst und ihre Tochter Assja entriss man ihr, als sie wegen Volksverrat ins Lager kam.
Sie erzählt ein schockierendes Kapitel der russischen Geschichte, wie die Sowjetunion die russischen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg im Stich ließ, wie ihre Familien als Verräter verfolgt wurden.
Sprache und Stil
Tatjana Alexejewna wird in London geboren. Anfang 1920 zieht sie mit ihrer Familie nach Moskau. Ihr Vater Alexej Alexejewitsch Bely sieht in dem Regierungswechsel „eine Revolution des Geistes! Petersburg und Moskau sind jetzt Städte des kleinen Mannes!“ (S. 23)
Tatjana begeistert sich für den Kommunismus. Sie dient ihrem Land und wird doch verhaftet.
Sie arbeitet als Fremdsprachensekretärin im Außenministerium, als sie einen Brief bekommt, den sie übersetzen soll. Es ist eine Liste mit Namen russischer Kriegsgefangener in Rumänien, auf der sie den Namen ihres Mannes entdeckt. Sie weiß, dass Kriegsgefangene und ihre Familien als Verräter verfolgt und in den Gulag geschickt werden. Sie nimmt den Namen aus der Liste und setzt einen anderen Namen, der bereits schon auf der Liste steht, dazu.
Die gefährliche Einmischung zum Schutz ihres Mannes hat nicht die Wirkung, die sie sich vorstellt. Sie wird als Verräterin bestraft und verbringt fast zehn Jahre voller psychischer und körperlicher Misshandlungen in einem weit entfernten, entsetzlichen Lager, ohne zu wissen, was mit ihrem Mann und Kind geieht. Erst nach der Haftentlassung erfährt sie, dass beide nicht mehr leben. Zudem plagt sie das schlechte Gewissen, einen Betrug vorgenommen zu haben, von dem sie sich eine Rettung erhoffte.
Sie ist am Ende ihres Lebens angekommen. Sechzig Jahre später erzählt sie ihre Lebensgeschichte ihrem jungen Nachbarn. Ihre Geschichte beginnt in Moskau 1941, als Russland schon im Krieg gegen das Nazideutschland steht. Sie erzählt von dem Wahnsinn der wütenden, stalinistischen Säuberungen.
Trotz alledem hat sie ihren Kampfgeist bewahrt und kämpft dafür, dass nichts vergessen wird.
Das Band zwischen Tatjana und Alexander
Tatjana hat Mann und Tochter verloren.
Alexander musste eine schwierige Entscheidung treffen. Er konnte wenigstens seine Tochter retten.
Beide sind verlassenen und beide werden mit dem Vergessen, Erinnern konfrontiert. Alexander hat kein Alzheimer und muss trotzdem gegen das Vergessen kämpfen.
Die Metapher „Alzheimer“ ist im Roman „Rote Kreuze“ allgegenwärtig.
Die Alzheimer-Krankheit als Schlüsselrolle
Tatjana hat Alzheimerkrankheit. Alzheimer beginnt mit leichten Gedächtnisstörungen und dem Betroffenen fällt es zunehmend schwer, sich in fremder Umgebung zu orientieren.
Es folgen deutliche Ausfälle bis zum Kontrollverlust. Das weiß Tatjana und kokettiert damit. „Ihr fällt der Vatername nicht mehr ein“ (S. 12).
Der Autor setzt die Alzheimerkrankheit als Metapher ein. Als Mahnung der Erinnerung und gegen das Vergessen. Es ist ein Aufschrei gegen das Vergessen. Hier insbesondere gegen das kollektive gesellschaftliche Vergessen, der Repressionen in den sowjetischen Republiken.
Die „Roten Kreuze“ stehen ebenfalls für „Alzheimer.“ Sie zeigen den Weg, dieses Vergessen zu verhindern. Die zahlreichen Dokumente geben Aufschluss darüber, was geschehen ist. Menschen, die davon betroffen waren, bekommen Namen, sie werden namentlich genannt. Die Schicksale werden sichtbar.
Denn nicht nur die Alzheimerkrankheit lässt vergessen, sondern auch eine Generation, die dies miterlebt hat, wird eines Tages nicht mehr da sein und darüber reden können. Und daher ist es wichtig, dass nichts in Vergessenheit gerät.
„Aber jetzt, wo in meinem Leben alles vorbei ist…jetzt denkt sich Gott, dieser von mir erdachte Gott, für mich Alzheimer aus, weil er Angst hat! Er hat Angst, mir in die Augen zu schauen! Er will, dass ich alles vergesse.“ (S. 197)
Historische Fakten, die überprüfbar sind
Sasha Flilipenko verwendet in seinem Roman „Rote Kreuze“ Dokumente, die er in Genf recherchiert hat, denn in Moskau werden diese Dokumente unter Verschluss gehalten. Das alleine ist schon sehr wertvoll, die Dokumente zu lesen. Sie bilden letztendlich auch die historische Grundlage für seinen Roman. Oftmals kann man aus den Dokumenten entnehmen, dass auf Briefe oder Telegramme keine Antwort kam „unbeantwortet geblieben“.
Jedes Dokument und jedes Telegramm stellt einen „Stolperstein" dar. Die Aussagen sind gewaltig. Wie wenig war man an Menschen interessiert, diese zurückzuholen. „Wir sind immer davon ausgegangen, dass sich in jeder Regierung und in jeder Organisation ein Mensch finden lässt, der sich zurückmeldet. Neun werden nicht antworten, aber der Zehnte wird das lesen und was unternehmen." (S. 266)
Jedes Dokument hat eine eigene Aussagekraft, ein anderes Schicksal. Es geht um Reden des Volkskommissars, Erklärungen des deutschen Botschafters von Schulenburg, Amnestie-Erlass aus der Prada, Einlieferungsschein in die Krankenstation des Gulag, vieles mehr. Eindrucksvoller kann man diese Zeit 1941/42 in diesem Zusammenhang nicht wiedergeben.
Erzählstrategie
Sasha Filipenko baut seinen Roman auf zwei Erzählsträngen auf. Einmal erzählt Tatjana und dann wieder Alexander. Bei beiden wechselt er zwischendurch die Perspektive mit dem Effekt, dass der Leser direkt das Geschehen verfolgen kann. Diese Strategie erzeugt einen Sog in das Geschehen, dem man sich nicht entziehen kann.
Der Text wird zudem durch Gedichte und Liedtexte aufgelockert.
Fazit
Sasha Filipenko ist ein außerordentlicher Roman gegen das Vergessen der geschichtlichen Verbrechen gelungen.
Tatjanas Schicksal wird in einem erschütternden, mitreißenden Lebensverlauf erzählt.
Dieser Lebenslauf steht stellvertretend für Millionen anderer Menschen, ist aber nicht fiktiv, sondern real. Genau das macht diesen Roman aus.
- Anne Reinecke
Leinsee
(111)Aktuelle Rezension von: MaseliKarl ist auf der Zugfahrt nach Leinsee. Sein Vater hat sich das Leben genommen und seine Mutter liegt mit einem Hirntumor in der Klinik. Zuhause angekommen, muss er sich mit der neuen Situation zurechtfinden und lässt dabei seine Kindheit und das Leben seiner Eltern Ada und August Stiegenhauer, dem Glamourpaar der deutschen Kunstszene, in Zeitfenstern Revue passieren Und während er sich wieder einlebt und seine Mutter betreut, taucht Tanja im Kirschbaum auf.
Es ist beileibe kein Liebesroman und doch sind es zwei besondere Liebesgeschichten, die Anne Reinecke mit frischem, flüssigem, modernen und zeitgemäßen Schreibstil erzählt. Die Geschichte bedeutet mir etwas, seit ich sie gelesen habe und ich habe deshalb das Buch gekauft, für meine persönliche Bibliothek.
- Yeoh Jo-Ann
Zweckfreie Kuchenanwendungen
(31)Aktuelle Rezension von: HornitaDer 35jährige Lehrer Sukhin trifft eines Tages zufällig seine Jugendfreundin X wieder, die sich aus ihrem alten Leben gelöst hat und auf der Straße lebt. Er taucht nach und nach in ihr Leben und Denken ein und mir hat die Geschichte sehr gut gefallen. Sein Alltag, der extrem strukturiert ist, wird hervorragend beschrieben, ebenso wie die Beziehung zu seinen Eltern und seinem Freund bzw. Kollegen. Der Kontrast zu Xs Leben ist riesig und es ist eine Freude zu lesen, wie sich durch diesen Kontakt sein Leben auflockert und seine klaren Grenzen verliert. Beide Charaktere haben mir sehr gut gefallen. Die Handlung ist glaubwürdig, regt zum Denken an und ich fand es besonders gelungen, dass die Geschichte trotz ihrer Tiefgründigkeit sehr humorvoll ist und einige witzige Passagen hat. Man könnte das Buch auch philosophisch nennen. Am Ende gibt es ein Glossar mit Erklärungen zu typischen Gerichten, Personen, Festen, historischen Dingen, durch die man Singapur besser kennen lernen kann. Ein tolles Buch, das ich uneingeschränkt empfehlen kann.
- Gabriel García Márquez
Von der Liebe und anderen Dämonen
(108)Aktuelle Rezension von: Igelmanu66»Fürchten Sie nicht, sich zu verdammen?«
»Ich glaube, ich bin es schon, aber nicht vom Heiligen Geist. … Ich habe schon immer geglaubt, daß der mehr auf die Liebe als auf den Glauben gibt.«Cartagena im ausgehenden 18. Jahrhundert. Sierva María de Todos los Angeles ist die einzige Tochter des Marqués de Casalduero. Von ihren nur um sich selbst kreisenden Eltern vernachlässigt, wächst sie unter den schwarzen Sklaven des Hauses auf, lernt ihre Sprache und Bräuche. Als sie mit 12 Jahren von einem tollwütigen Hund gebissen wird, besinnt sich der Vater erstmalig auf seine Tochter und beschließt, sie zu retten. Obwohl sie keine Anzeichen der Krankheit zeigt, wird sie einer Reihe von Ärzten und Heilern ausgesetzt. Als es ihr nach den Behandlungen richtig schlecht geht, kann es dafür nur eine Ursache geben: Besessenheit! Sierva wird in ein Kloster gebracht, in dem ihr die Dämonen ausgetrieben werden sollen. Mitten in all dem Wahnsinn zweifelt einzig ein Pater, dass in dem zarten Mädchen mit den wunderschönen Haaren tatsächlich der Teufel steckt. Und er zweifelt nicht nur, sondern verliebt sich auch noch.
Gerade einmal 224 Seiten umfasst dieses Buch und präsentiert dem Leser doch eine richtig große Geschichte. Dem Autor gelingt das Kunststück, mit wenigen, aber auf den Punkt gewählten Worten, seine Charaktere und die Schauplätze so bildhaft und präzise zu beschreiben, dass man sie von der ersten Seite an vor Augen hat.
Er spart nicht mit Kritik. Das Bild der adligen Gesellschaft, das er zeigt, zeugt von Dekadenz und Selbstsucht. Siervas Eltern baden sich in selbstgeschaffenen Problemen, jeder bemitleidet sich selbst am meisten und ist blind für die Sorgen der Mitmenschen. Die Existenz der Sklaven ist eine Selbstverständlichkeit und niemand kommt auf die Idee, die praktizierten Unmenschlichkeiten zu erkennen oder gar in Frage zu stellen. Und über allem schwebt der angeblich streng gelebte Katholizismus und die Inquisition. Grausam. Tragisch.
Ich gestehe, dass mich die Geschichte sehr berührt hat. Und wütend gemacht hat sie mich - auch jetzt noch wühlt in mir der Zorn auf so manchen Charakter! Ein kurzes Buch und doch so intensiv geschrieben, dass es nachwirkt und die Gedanken immer wieder zur Handlung zurückkehren lässt.
Fazit: Eine tragische Geschichte mit wunderschönen Worten erzählt. Sehr lesenswert!
- Zelda Fitzgerald
Himbeeren mit Sahne im Ritz
(32)Aktuelle Rezension von: bouquinInhalt:
Kaum jemand verkörpert den Zeitgeist der Roaring Twenties so wie Zelda Fitzgerald. Sie war der Prototyp des »Flappers«: frech, abenteuerlustig, extravagant. Ihre Erzählungen entführen uns in das glamouröse, schillernde Bühnenuniversum der Tänzerinnen, Schauspielerinnen und Sängerinnen und erwecken das Gefühl dieser Ära zum Leben. Die Lichter des Broadways, Schrankkoffer voll Tüllkleider, Orchideen in onduliertem Haar: Diese hinreißend sinnlichen Erzählungen handeln von der hohen Kunst, sich selbst zu inszenieren – und von dem Preis, den man dafür zahlt.
Quelle: https://blogger.randomhouse.de/bloggerportal/site/title/542085.html
Bewertung:
Die kurzen einzelnen Geschichten haben mir sehr gut gefallen. Die Protagonistinnen waren sich alle ähnlich: Sie waren alle hochnäsig, erfolgsgierig und aufmerksamkeitssuchende junge Frauen. Die Erzählinstanz fand ich auch sehr interessant: Über das „Ich“ weiß man gar nichts und er/sie beschreibt die jungen Frauen aus seiner/ihrer Perspektive.
Die einzelnen Geschichten waren auch sehr schnell zu lesen, da sie relativ kurz sind. Sie handeln um Liebe, Verlobungen, Schauspiel- und Tanzkarrieren, Freundschaften und Verrat. Weiters hat mir auch die Sprache sehr gut gefallen: Sehr detailreich und beschreibend.
Zitate:
„Im Stillen erwartet sie Großes vom Leben, und zweifellos war das einer der Gründe, warum das Leben ihr Großes gewährte.“ S. 7
„Sie konnte sich nicht mehr vorstellen, im Leben überhaupt etwas zu erreichen.“ S. 128
„Für viele Menschen ist die Liebe trügerisch wie die Marmelade in „Alice in Wunderland“ – gestern Marmelade, morgen Marmelade, nur heute gibt es keine.“ S. 136
Fazit:
Kurze und einprägsame Geschichten, die die „roaring twenties“ und deren Frauen sehr gut widerspiegelt.
- Alex Christofi
Mr. Glas
(16)Aktuelle Rezension von: pardenDIE MISSION EINES FENSTERPUTZERS...
Günter Glas weiß, dass er kein Superhirn ist. Aber er versucht inständig, ein guter Mensch zu sein und möglichst getreu den Ratschlägen seiner verstorbenen Mutter zu leben. Er will sie stolz machen, und deswegen ist seine Vision, der beste Fensterputzer der Welt zu werden. Der Weg dahin führt über die erste Liebe, die letzte Liebe, einen Todesfall in der Familie, einen verkappten Terroristen und einen unterirdischen Intellektuellen. Am Ende weiß er: Das Glück gehört denen, die sich nicht verbiegen lassen.
Honigwaffeln zum Frühstück. Jeden Tag. So beginnt jeder einzelne Morgen von Günter Glas, und auch sonst ernährt er sich nicht gerade gesund. Er weiß, wozu er besser greifen sollte, denn das hat ihm seine Mutter beigebracht. Doch die ist vor Kurzem gestorben, und so ist Günter sich selbst überlassen. Übergewichtig ist der 22-Jährige inzwischen schon, läuft etwas naiv durch die Welt, ist aber im Grunde mit wenig zufrieden. Allerdings fühlt sich Günter seit dem Tod seiner Mutter einsam - er lebt zwar noch bei seinem Vater, doch seit der in Frührente geschickt wurde und er seine Frau zu Grabe tragen musste, ist dieser in einer Depression verfangen, die Günter keine Hilfe ist.
Günter erkennt ganz richtig, dass er eine Aufgabe im Leben braucht, auch wenn er nichts gelernt hat. Und so wird er Milchmann. Er kommt heim, wenn die anderen aufstehen, doch erfüllt es ihn mit Zufriedenheit, den Leuten in der Stille der Nacht ihre Milch vor die Tür zu stellen. Als Günter plötzlich entlassen wird, stürzt er in eine Krise. Was soll er stattdessen tun? Der Zufall kommt ihm zu Hilfe, und so wird Günter sozusagen über Nacht zum Fensterputzer. Günter, der seit seinerr Kindheit von Glas fasziniert ist (Nomen est Omen), hat sogar das Gefühl, endlich sein Lebensziel zu kennen. Er besorgt sich sein eigenes Equipment, verteilt handgeschriebene Werbezettel und bekommt tatsächlich erste Aufträge. Als er sich nach einem Zwischenfall unverschuldet in der Zeitung wiederfindet, hat der junge Mann keine Mühe mehr, an Aufträge zu kommen. Doch sein Ziel ist höher - Günter hat eine Mission: er will der beste Fensterputzer der Welt werden.
"Also, ich geh dann mal lieber rein", sagte ich. "Ja, und ich muss zum Gericht", sagte sie und richtete sich ein bisschen gerader auf. "O Gott, was haben Sie denn angestellt?", fragte ich. Sie lachte und berührte mich lässig am Arm, als hätte ich einen Witz gemacht. "Ich muss wirklich los. Bis bald, Günter." Als ich vor der zweiten Eingangstür stand, fiel mir wieder ein, dass sie Anwältin war. In Gesprächen schien ich nie in der Lage zu sein, mich an solche Dinge zu erinnern, erst hinterher. Gelegentlich machte es mir Sorgen, dass ich es nicht schaffte, Ereignisse zu verstehen, bevor sie vorbei waren. Nur wenn ich mich ganz hoch oben befand, fühlte die Welt sich unmittelbar an, so als würde mir all das wirklich passieren, hier und jetzt (...) Hoch oben in der Luft erging es mir wie einem Nilpferd im Wasser. Dort oben konnte ich wirklich atmen. (S. 214 f.)
Skurrile Begegnungen pflastern Günters Weg, ihm begegnet aber auch die große Liebe, und immer wieder befällt ihn das Gefühl, nur hoch oben in der Luft er selbst zu sein. Dabei ist der Charakter des jungen Fensterputzers kein wirklich greifbarer. Neben seiner Naivität und Schwerfälligkeit denkt Günter auch viel über das Leben und seine Tücken nach, was sich in oftmals tiefsinnigen lebensphilosophischen Überlegungen äußert, und kommt dabei teilweise zu recht scharfsinnigen Schlussfolgerungen. Außerdem verfügt er über ein großes Allgemeinwissen, das daher rührt, dass Günter ein großer Fan von Wikipedia ist und sich täglich mit einigen der Artikel dieser Online-Enzyklopädie beschäftigt. Und Günter, der immer nach der Prämisse lebte: 'Es ist, wie es ist', beginnt seine eigene Meinung zu entwickeln und für das zu kämpfen, was ihm wichtig ist.
Irgendwie mochte ich den merkwürdigen Kauz und konnte über manche Szenen auch herzhaft lachen. Aber richtig ans Herz gewachsen ist mir Günter nicht, und das Ende lässt mich eher verblüfft zurück. Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive Günters erzählt, und dank des flüssigen Schreibstils ist der Roman auch rasch gelesen. Aber dieses Buch gehört für mich zu denjenigen, die man lesen kann, aber nicht muss. Nicht unangnehm zu lesen aber ganz sicher auch kein Highlight...
© Parden - Sasha Filipenko
Der ehemalige Sohn
(92)Aktuelle Rezension von: Jin_nyEin junger Erwachsener, der nach Jahren aus dem Koma erwacht, findet sich nicht mehr zurecht in seiner Welt, die gleich und doch anders geworden ist. Die Geschichte spielt in Belarus und erzählt nicht nur vom grauen Leben von Franzisk, sondern auch von der Entwicklung von Belarus unter dem autoritären Regime. Es war als würde er nach seinem körperlichen Koma nun nach dem Erwachen zu einem seelischen Koma gezwungen werden.
"Der olympische Grundgedanke betrifft doch generell das Leben, Franzisk: Es geht nicht um den Sieg, sondern ums Dabeisein, permanent..."
Die Erzählweise ist voller Temperament, Gleichgültigkeit und Biss. Unverhohlen macht sich die Jugend über die Autoritären lustig, sei es die Schule oder die Regierung, aber trotz aller Versuche gibt es keinen Ausweg aus dem Leben außer dem Auswandern oder dem Tod.
Die Dialoge haben mir besonders Spaß gemacht, weil diese voller Ausrufezeichen und Fragezeichen sind. Man wird zur Stille verdonnert und gleichzeitig mit Fragen bombardiert. Dabei kommen dann Szenen, wo man schmunzelt, weil die Situation so komisch ist, obwohl es eigentlich keine schöne Szene ist. Besonders hilfreich fand ich auch die Anmerkungen der Übersetzerin, die halfen um die Geschichte besser nachvollziehen zu können. Für meinen Geschmack war der Anfangsteil, wo Franzisk noch nicht im Koma war, etwas lang, aber im großen und ganzen war es ein unterhaltsames, nachdenkliches Leseerlebnis.
** Dieses Buch wurde mir über NetGalley als E-Book zur Verfügung gestellt ** - Michael Chabon
Moonglow
(30)Aktuelle Rezension von: dunkelbuch"Moonglow" erzählt eine relativ simple, überschaubare Lebensgeschichte, und zwar diejenige von Michael Chabons Grandpa, von diesem mehr oder weniger selbst berichtet am Sterbebett, in der Woche vor dem eigenen Tod. Zuvor war dieser Großvater ein eher wortkarger Mensch, nachdenklich, pragmatisch, sehr moralisch, eigenbrötlerisch, originell, unerwartet empathisch - und fraglos liebenswert. Um die Episoden aus diesem langen, aber überhaupt nicht übermäßig ereignisreichen Leben etwas attraktiver zu gestalten, verflechtet Chabon sie mit etwas Jetztzeitgeschehen, einigem an Reflexion über die eigene Kindheit, und außerdem verschiebt er ständig die Zeitebenen. Das ist geschickt gemacht und erfüllt seinen Zweck, aber dennoch bleibt am Ende eine gewisse Unzufriedenheit.
Dabei stimmen alle Komponenten. Der Großvater war während des Zweiten Weltkriegs in einer Art Spezialeinheit, die lohnendes Material und lohnende Menschen hinter den Frontlinien ausmachen und den Geheimdiensten überantworten sollte. Er war rund um das Kriegsende auf der Jagd nach Wernher von Braun, der tatsächlich von den Amerikanern gefasst, rehabilitiert und an prominenter Position im späteren Raumfahrtprogramm eingesetzt wurde, wo er für die Saturn V-Rakete verantwortlich zeichnete, die die ersten Menschen zum Mond gebracht hat. Von Braun verkörpert den moralischen Antagonisten in diesem Roman - und begegnet Chabons Großvater auch physisch.
Nach dem Krieg verfiel der Großvater einer mysteriösen, bezaubernden Frau, die er ehelichte und die Chabons Großmutter wurde - eine Frau, die zeitlebens von ihrer Schizophrenie geplagt wurde, die sie vermutlich auch den Geschehnissen im Krieg zu verdanken hatte. Für sie gab der Großvater seine Karriere im Raketenbau auf, aber die Leidenschaft für Raketen blieb ihm bis zum Lebensende.
Man erfährt viel in diesem wunderbar erzählten Roman, der ganz energisch einen moralischen Standpunkt vertritt, weitgehend ohne Kernkonflikt auskommt und insgesamt eine Liebeserklärung an jenen Großvater ist - eine, die diesem Mann vermutlich gerecht wird, zumal so kunstvoll geschrieben und von einem so großartigen Autor verfasst. Aber das Problem bei halbbiografischen Erzählungen ist immer das gleiche: Die Figuren sind eben echt, man dichtet ihnen keine Eigenschaften an, die es einfach nicht gab und das Bild verzerren würden, die aber der Geschichte etwas Würze verleihen würde. Man verzichtet auf allzu Negatives, was nicht heißt, dass man beschönigt oder verklärt. Aber die besten Geschichten erzählt eben nicht das Leben, wie ständig behauptet wird, sondern die besten Geschichten werden von tollen Autoren ausgedacht (und erzählt). Von Leuten wie Michael Chabon, der mit "Moonglow" einen soliden Roman vorgelegt hat - Yann Martel
Ein Hemd des 20. Jahrhunderts
(20)Aktuelle Rezension von: rallusEs gibt viele Bücher über den Holocaust, doch keines was annähernd so heimtückisch daher kommt, wie das hier vorliegende Buch von Yann Martel. Heimtückisch ist es, weil es den Leser erst auf die falsche Fährte führt, ihn irreleitet und plötzlich brutal auf das Naheliegende stösst. Das Buch ist voller Symbolik und Andeutungen, so wie das Grauen auch voller Schatten und indirekten Bedrohungen ist.
Jeder mag sich an den Symbolen versuchen, ein Esel und ein Affe, die in einem Theaterstück vorkommen, aber auch in der Taxidermie Okapie ausgestelt sind, ein Autor der an dem Holocaust Thema scheitert, aber letztendlich doch findet, der Besitzer der Taxidermie, der wie der Auto heißt und noch vieles mehr. Erst die letzten 13 'Spiele' offenbaren das subtile Gräuel zu dem Menschen nicht nur im Holocaust imstande waren.
Die falschen Fährten werden früh gelegt. Henry ist ein frustrierter Autor dessen Buch über den Holocaust von den Verlegern abgelehnt wird. Er zieht mit seiner Frau in eine neue Stadt und lebt ganz gut von den Tantiemen des letzten erfolgreichen Buches. Er fängt an Musikunterricht zu nehmen und Theater zu spielen. Immer noch erreichen ihn Leserbriefe zu seinem letzten Roman. Einer ist dabei der seine Aufmerksamkeit fesselt und ihn zu der besagten Taxidermie (Tierpräparation von Wirbeltieren) führt. Als er den Urheber in seinem Geschäft besucht, liest dieser ihm, immer wieder auf seinen darauffolgenden Besuchen, ein Theaterstück vor, welches stark an 'Warten auf Godot' erinnert.
Das Hemd des 20.Jahrhunderts ist ein sehr stark symbolbehaftetes Buch, welches ich mir gut und gerne im Deutschunterricht vorstellen kann. Auf die verschiedenen Deutungsmöglichkeiten möchte ich gar nicht näher eingehen, derer sind zu viele.
Ein teils verstörendes, dann wieder irritierendes Buch welches in einem nachhallt, zumal die eindeutigen Elemente, die 13 Spiele ganz am Ende den Leser komplett einschüchtern und die menschlichen Variationen der Grausamkeit darstellen.
Ein Buch welches mich anfangs auf den falschen Weg gebracht und mich letztendlich kalt erwischt hat. Ein subtiles Buch über das alltägliche Grauen, nicht nur auf den Holocaust beschränkend.
- Hanya Yanagihara
Ein wenig Leben
(45)Aktuelle Rezension von: AQuaSowie dem gedruckten Buch als auch der Hörbuchversion fehlen die Triggerwarnungen, was bei so einem Text heutzutage eigentlich obligatorisch sein sollte. Vor der Lektüre wusste ich recht wenig davon, was mich erwartet, kriegte dann aber schnell mit, dass explizit dieser Titel vielfach in der Diskussion um den Begriff "Traumaporn" genannt wird. Im Laufe der Rezeption erschloss sich mir dann auch, warum. Dessen sollte man sich vor der Lektüre bewusst sein, finde ich, dass es tatsächlich um ein tiefsitzendes Trauma geht (starker sexueller Missbrauch und Gewalt), welches die gesamte Geschichte durchzieht und zu neuen traumatisierenden Handlungen führt wie Selbstverletzung und Suizid(versuch).
Bewundernswert finde ich aber die Leistung, so tief in dieses Leben einzutauchen und es so differenziert aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen. Als Lesende habe ich mich nicht an der Darstellung des Leids ergötzt, daher finde ich den Begriff Traumaporn nicht treffend, aber es fällt schon auf, wie überdimensional schwer es die Autorin ihrer Hauptfigur und somit auch den Lesenden macht. Mir vermittelt sie dadurch ein umfassendes Bild des beschädigten und missbrauchten Kindes, sie erzeugt Mitgefühl und Verständnis für selbstregulierende Mechanismen wie z.B. Selbstverletzung, die auf den ersten Blick schwer zu verstehen sind. Ich finde es okay, den Blick darauf zu lenken, wo es weh tut. Für mich appelliert dieses Buch an alle Erwachsenen, verantwortungsvoll mit ihrer sexuellen Begierde umzugehen. Es ist ein Apell dafür, immer wieder Konsens sicher zu stellen, auch und gerade mit dem Menschen, den man liebt. Es zeigt auf, wie wenig Bisexualität und Asexualität im Verständnis der Gesellschaft existieren und wie sehr Menschen darunter leiden wenn sie meinen, Erwartungshaltungen erfüllen zu müssen. Erhellend fand ich vor allem den Part, wenn Willem erkennt, dass eine Beziehung nicht alle Bedürfnisse eines Menschen abdecken kann und es eine Entscheidung für bestimmte Aspekte ist, die in der jeweiligen Partnerschaft Erfüllung finden können (S. 753 ff).
Im letzten Drittel passiert etwas, ohne es hier vorwegnehmen zu wollen, was für mich das Fass des Ertragbaren wirklich zum Überlaufen brachte und wo ich dachte, nun reichts mir aber... An dieser Stelle hat es die Autorin aus meiner Sicht tatsächlich zu weit getrieben.
Zudem finde ich das Cover unglücklich gewählt. Es ist allgemein bekannt, dass das Foto von Peter Hujar aus dem Jahr 1969 den Titel "Orgasmic Man" trägt. Da man es schnell mit der Hauptfigur, dem vielfach misshandelten (und vermutlich infolge dessen asexuellen) Jude assoziiert, ist es geradezu zynisch. Was soll das?
Der Sprecher Torben Kessler macht seine Sache bemerkenswert gut. Er findet genau den richtigen Ton und nimmt sich gleichzeitig so zurück, dass es genau die richtige Balance trifft zwischen Interpretation der einzelnen Figuren und neutralem Bericht. Alles andere wäre vermutlich unerträglich gewesen.
- Jenny Erpenbeck
Gehen, ging, gegangen
(129)Aktuelle Rezension von: JorokaEin emeritierter und verwitweter Professor schließt Bekanntschaft mit einer Gruppe junger, männlicher Flüchtlinge aus Afrika, die durch eine Protestaktion die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf sich gezogen hatten. Er zeigt keine Berühungsängste und interessiert sich für die Geschichten der Männer, die auf ihrem Weg nach Europa Traumatisches erleben mussten.
Richard öffnet auch seine Tür, gibt einem der Männer Unterricht am Klavier und besorgt Gelegenheitsjobs. Er nimmt Teil an ihren Schicksalen und dem quälenden Warten auf eine Zukunft....
Frau Erpendeck durchleuchtet verschiedene Aspekte der aktuellen 'Flüchtlings-Krise' an Einzelschicksalen. Die AfD wird dieses Buch sicherlich nicht als Lieblingslektüre empfehlen. Doch für mich war vor allem das Zwischenspiel mit dem alten Mann und den jungen Männern aus einem anderen Kulturkreis interessant. Man kann es so sehen, dass er in seinem Ruhestand eine neue Aufgabe gefunden hat und darin aufgeht.
Überraschenderweise wirken die meisten der Begegnungen zwar höflich, aber überraschend distanziert. Vielleicht kann das auch gar nicht anders sein. Diesbezüglich sicherlich nicht sonderlich förderlich ist, dass Richard einem Großteil der Männer Phantasie-Namen verpasst. Doch es von Richards Seite auch keine überstülpende Annäherungen. Einen wenig erschleicht er sich schon den Zugang, doch im weiteren Verlauf möchte er vor allem helfen.
Und die jungen Afrikaner? Sie bleiben trotz oder gerade wegen ihrer großen Zahl im Roman wenig greifbar. Vor allem ahnt man das verschwendete Potential ihrer Leben.
Fazit: Ihr Stil wirkt zum Teil ungewöhnlich, aber auf mich nicht schwerfällig oder gar mühsam. Ich habe das Buch mit zunehmendem Interesse gelesen. Sehr aktuelles Thema, anders als erwartet umgesetzt.
- Anne Enright
Die Schauspielerin
(28)Aktuelle Rezension von: KateRappDies ist ein wirklich erstaunlicher Mutter-Tochter-Roman. Nicht weil immer nur Friede, Freude, Eierkuchen herrschte in ihrem Leben, auch nicht, weil diese exotisch schillernde, schauspielernde Mutter eine sensible, bürgerliche, loyale Tochter erzog, sondern aufgrund der Liebe, die durch die Zeilen schimmert, wie ewiges Licht.
Norah,eine Schriftstellerin Mitte Fünfzig, erinnert sich aufgrund einer Anfrage einer Journalistin zunächst an ihre Kindheit und Jugend, die sie als einzige Tochter der alleinerziehenden, berühmten, irischen Schauspielerin Katherine O`Dell verbrachte. Sie springt dabei zwischen den Ereignissen hin und her, beginnt mit ihrem einundzwanzigsten Geburtstag, erzählt von dem Schuss (Mordanschlag?) ihrer Mutter auf ihren Agenten 1980, von ihrer psychischen Erkrankung, ihrem Tod. Sie sucht nach ihrer Mutter Tod verschiedene Orte und Menschen ihres ebens auf, um dem einzigen Geheimnis auf den Grund zu gehen, das diese niemals gelüftet hatte: den Namen von Norahs Vater.
Katherine O`Dells Leben war eine einzige Inszenierung, vom gefärbten Haar bis zur irischen Abstammung und ihrer Fake-Hochzeit. In diesem Wechselspiel der Rollen, öffentlichen und privaten Auftritten, den Menschen zu erkennen, das schien Norah mal besser, mal schlechter zu gelingen. Sie schlug einen vollkommen anderen Weg ein, als ihre Mutter, versuchte sich von ihr zu lösen und blieb ihr doch für immer eng verbunden.
„...eine Frau, die Apfelkuchen backt, kann nur eine Heuchlerin sein. Aber ich wollte lieber nett sein, statt schrecklich - vor allem wenn es doch ohnehin auf das Gleiche hinauslief. Außerdem hatte ich nichts gegen Kuchen.“
Ich mochte das Buch sehr. Es zeigt in seinen splitterhaften Episoden eine Diskrepanz zwischen distanziert-stoischem, teils lakonischem Text und verwirrendem, emotionalem Inhalt, die mir äußerst überzeugend das Ringen der Tochter um einen adäquaten Umgang mit der toten Übermutter widerspiegelt. Letztendlich hat sie sich dazu entschieden, die Scharade der Mutter weiterzuführen. „Die Leute mögen meine Bücher, auch wenn sie nicht die Wahrheit sind.“
Der Schreibstil von Anne Enright wieder einmal brillant, poetisch, berührend. Eine herzliche Empfehlung !























