Anspruchsvolle Fantasy-Literatur - gibt es die?

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JP_Andres

vor 5 Monaten

Anspruchsvolle Fantasy - gibt es die? Und wo? Die Antwort auf die erste Frage ist eindeutig: Ja. Doch ist sie nicht leicht zu finden. Meist versteckt sie sich ziemlich gut hinter den gut platzierten Bücherstapeln der großen Publikumsverlage. Oder den aufwändig beworbenen Bestsellerlisten der Medien und Online-Kataloge. Und dass die Suche nach ihr nicht einfach ist, beweisen zahlreiche Nachfragen verzweifelter Fantasy-Fans zu diesem Thema in den einschlägigen Foren.

Doch was ist der Grund? Ist es tatsächlich so, dass die großen Publikumsverlage das Risiko anspruchsvoller, deutschsprachiger Phantastik scheuen? Dies scheint wohl so zu sein. Anders ist es kaum zu erklären, dass man auf den Büchertischen der großen Buchhandlungen in dieser Beziehung selten fündig wird. Ein großes Fantasy-Epos mit Tiefgang? Oder gar eine mehrbändige Quest eines deutschen Autors?  Und dann ist das Ganze am Ende trotz großem Produktions- und Marketingaufwand vielleicht nicht erfolgreich. Viel zu riskant und aufwändig für die großen Verlage! Da übersetzt man doch viel lieber bereits veröffentlichte Werke englischsprachiger Autoren. Das birgt kein großes finanzielles Risiko. Und wenn das Buch bereits im angelsächsischen Sprachraum einen guten Verbreitungsgrad gefunden hat, dann wird es auch bei uns meist zum Selbstläufer.

Aber es gibt Ausnahmen. Und es gibt gute Vorsätze. Fünf Jahre ist es mittlerweile her, dass auf der Leipziger Buchmesse der Seraph, der Preis für anspruchsvolle Phantastik, verliehen wurde. Und die ihn bekamen, haben ihn zweifelsohne verdient. Mittlerweile jedoch berichtet die allgemeine Presse kaum noch darüber. Zu sehr drängt sich der Eindruck auf, dass auch in diesem erlauchten Gremium, großteils aus Vertretern der großen Verlage und Agenturen zusammengesetzt, das Interesse an den eigenen Schützlingen eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen könnte. So zumindest die Vermutungen in einigen Online-Medien.

Was also ist zu tun? Da gibt es nur ein Rezept: weitersuchen und weiterlesen. Vielleicht findet sich ja doch in nächster Zeit der eine oder die andere Autor/in, bei deren Werken Fans anspruchsvoller Fantasy-Literatur wieder mehr Freude am  Lesen haben.

P.S.: Im Anhang zwei Karten aus einer Fantasy Quest, bei denen sich der Zeichner sichtlich Mühe gegeben hat.

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elane_eodain

vor 2 Monaten

@JP_Andres

Ich bin gerade zufällig über Deinen Beitrag, Deine Gedanken gestolpert. Ich lese gerne Fantasy und gerne Anspruchvolles. Doch hier stellt sich mir gleich die erste Frage: Wie lautet Deine Definition für "anspruchsvoll"? Was muss ein Fantasybuch haben, um Deiner Erwartung nach Anspruch gerecht zu werden? Und deckt sich das mit meiner?
Es gibt sie, die anspruchsvolle Fantasy (wie ich sie für mich sehe), selbst in der Auslage eines gut sortierten Fantasyregals einer Buchhandlung ist sie zu finden, ist nicht immer nur Nische. Und unabhängig von Merkmalen wie Geschlecht, Alter und Nationalität der Autorin bzw. des Autors.
Ja, mir sind die großen Verlage in Ihrer Masse häufig zu gleichförmig und ich würde mich über bessere Chancen für deutschsprachige Autorinnen und Autoren im Fantasygenre freuen. Aber ich wähle mir meinen Lesestoff ja selbst und wie sehr ich mich dabei von großen Werbekampagnen und dem x-ten Tolkienvergleich beeinflussen lasse oder meine eigenen Suchstrategien entwickle, habe ich selbst in der Hand als mündige Leserin.
Dein Rezept des Weitersuchens und Weiterlesens ist ganz richtig, so war es und so geht es fort. Und ich bin guter Dinge, dass sich dabei noch jede Menge großartige Fantasygeschichten von Autorinnen und Autoren, auch deutschsprachiger, finden werden!

Gruß!

P.S.: Die Karten sind aus Deinem eigenen Buch, oder? Würdest Du dieses als anspruchsvolle Fantasy bezeichnen? Und wenn ja, woran machst Du das fest?

JP_Andres

vor 2 Monaten

@elane_eodain

mit deiner netten und zugleich tiefsinnigen Rückantwort hat sich schon ein wenig der Zweck meines etwas provokativ formulierten Beitrages erfüllt: nämlich zum Nachdenken und vielleicht auch zu einer kleinen Diskussion anzuregen.
Vor allem in deiner Kernaussage muss ich dir vollkommen Recht geben: Anspruch ist in erster Linie zunächst mal eine Sache der Definition. Was der oder dem einen super gut gefällt, muss anderen, oder auch einer größer Mehrheit noch lange nicht gefallen.
Der Anspruch eines Verlages kann beispielsweise auch darin bestehen, mit einer trendgetunten Veröffentlichung und dem entsprechenden Marketing-Mix eine möglichst breite Leserschaft zu erreichen, um für sich und seine Mitarbeiter möglichst gutes Geld zu machen. Das ist auch legitim. Denn eines ist unstrittig: Anspruch in Bezug auf Qualität und Inhalt (auf ein Buch bezogen: literarischen Tiefgang und Qualität der Sprache) ist nicht immer gleichzusetzen mit kommerziellem Erfolg.
Dazu ein Beispiel aus einer anderen Kunstsparte: Vor vielen Jahren war ich in München oft im Kleinkunstmilieu unterwegs. Da ist häufig ein Kabarettist namens Willi Astor aufgetreten. Der hat damals schon anspruchsvolles Programm gemacht. Aber es saßen immer so 5-7 Zuhörer drin. Das hat sich mittlerweile sehr geändert, weil sich Qualität anscheinend auf Dauer doch durchsetzt (vorausgesetzt, man ist hartnäckig genug). Auf der anderen Seite gibt es aber auch Veranstaltungen mit Mario Barth. Da lässt sich über Anspruch streiten. Trotzdem gehen 10-Tausende hin. Auf die Literatur bezogen: Nicht jeder will tiefgreifende Texte und hochtrabende Sprache. Viele wollen sich auch nur entspannt unterhalten lassen. Und dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden.
Was mich allerdings ein wenig ärgert ist, dass es sich gerade die großen Publikumsverlage oft ein wenig zu einfach machen. Hier haben deutschsprachige Autoren wirklich nur verschwindend geringe Chancen, unterzukommen. Weil der weitaus überwiegende Teil der Titel eingekauft und übersetzt wird (bisweilen auch ziemlich niedrigklassiges Niveau, denn es gibt halt auch in der internationalen Fantasy-Literatur nicht nur George R.R. Martins oder Tad Williamse, z.B.). Aber auch das ist legitim, weil die Verlage in dem härter werdenden Buchmarkt auch sehen müssen, wo sie bleiben.
Und in einem weiteren Punkt gebe ich dir Recht: Jede Leserin und jeder Leser ist auch ein selbstbestimmter Verbraucher. Man kann sich ja das aussuchen, was einem gefällt. Und einfach ein bisschen stöbern macht ja zusätzlich Spaß. Nur wird einem die Suche nicht immer leichtgemacht. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass es das Produkt eines Klein- oder Indi-Verlags nur sehr selten in die Auslagen der Buchhandlungen schafft. Also ist auch hier die Auswahl des stöbernden Buchkunden schon wieder auf das Angebot der großen Publikumsverlage reduziert. Vielleicht ganz gut so, denn bei 80.000 neuen Büchern im Jahr ist es vielleicht ganz hilfreich, wenn man seinen Lesestoff schon ein wenig vorselektiert bekommt :-)
Einen Grundsatz habe aber auch ich immer beherzigt. Oft ist es leicht, Kritik zu üben. Aber selbst etwas besser zu machen, ist nicht so einfach. Gerade in der Literatur ist Qualität nicht einfach nur eine Frage des guten Willens. Oft werden ihr durch die Beschränktheit der eigenen Fähigkeiten natürliche Grenzen gesetzt. Ein erster Schritt ist deshalb der Anspruch an sich selbst, etwas so gut wie individuell möglich zu machen. So gut, wie man eben selbst dazu in der Lage ist. Was Sprache, Inhalt und Kreativität eines literarischen Projekts angeht, ist das nicht immer erfolgreich umzusetzen. Ob z.B. bei meinem Roman etwas qualitativ Akzeptables herausgekommen ist, müssen andere beurteilen. Die meisten bisherigen Rezensionen sind zwar gut bis sehr gut. Einigen hat er aber auch nicht so gut gefallen. Somit schließt sich wieder der Kreis um die Definition des eigenen Anspruchs, der aber nicht jedermanns Geschmack entsprechen muss.
Mit einer Ausnahme: im (buch-)handwerklichen Bereich ist bei gutem Willen immer etwas qualitativ Besseres als der Durchschnitt möglich. Deshalb habe ich auch das Beispiel mit den Karten erwähnt. Ein gutes Fantasy-Buch braucht eben auch eine gute Karte. Und daran hapert's allzu oft. Die meisten Autoren liefern nur eine Skizze, der Rest ist dann eine vom Verlag vergebene Auftragsarbeit an einen Grafiker, der zu diesem Zweck seine Computergrafiksoftware bemüht.
Die Karten für meinen eigenen Roman sind dagegen während des langen Schreibprozesses gewachsen. Und dann habe ich sie selbst grafisch umgesetzt, sprich handgezeichnet und letztlich computergrafisch überarbeitet. Das hat noch mal einige Monate gedauert, weil ich kein professioneller Grafiker bin. Dabei habe ich auch erfahren, dass es oft nicht nur guten Willen, sondern auch Mut erfordert, den eigenen Ansprüchen zu genügen. Nämlich den Mut, wenn etwas im ersten Anlauf nicht so gut gelungen ist, dieses (auch nach monatelanger Arbeit) einfach über den Haufen zu werfen und nochmals neu zu beginnen. Das kann man bei den meisten Autoren und ihren Verlagen, die z.B. alle 6 Monate das Manuskript für einen neuen Band vorlegen/umsetzen müssen, nicht so ohne weiteres erwarten. Das sehe ich aber nicht als Kritik, sondern einfach realistisch.
Herzliche Grüße
Jan Peter
(sorry, dass diese Antwort fast ein kleiner Roman geworden ist :-)

CarolineJHunt

vor 1 Monat

Hallo spannendes Thema!

Ich schreibe selber Fantasy und lese gerne Fantasy und ich würde meinen ich bin auch ein Fan von Anspruchsvollem. Was bedeutet das für mich? Ich möchte eine gut durchdachte Story, deren Ausgang ich nicht vorhersehen kann, mit vielschichtigen Charakteren, eine Welt mit der ich mich identifizieren kann und in der ich mich wohl fühle unabhängig davon, ob diese Story der Masse gefällt. Anspruchsvoll heißt aber für mich nicht unbedingt, dass die Welt so komplex ist, dass ich nichts mehr verstehe. Wenn jedes zweite Wort (übertrieben natürlich) ein komplexes erfundenes Wort / Wesen / Brauch etc des Autors ist, hebt das für mich nicht den Anspruch. Es macht das Buch dann für mich nur mühsam und ich als Leser möchte abgeholt und sanft eingeführt werden. Mag sein, dass andere ein Buch als anspruchsvoll bewerten, wenn die Fantasywelt so sehr von unserer Welt abweicht, dass man ein neues Denkkonzept erstellen muss, um mitzukommen. Mir persönlich gefällt das nicht.

Das sind Maßstäbe die ich auch an die eigenen Geschichten stelle, ob ich mein eigenes Buch als anspruchsvoll bewerten würde, kann ich nicht sagen, das müssen anderen entscheiden (wenn sich denn Leute finden, die es lesen ;) ).

Zu Jans Statement kann ich sagen: Es ist schwierig bis unmöglich als deutschsprachiger Autor bei einem Verlag unterzukommen. Heißt das die Geschichte ist anspruchslos? Vermutlich nicht. Es gibt auch wahnsinnig tolle Sänger, die nie ein Label finden werden. Singen sie deswegen schlechter? Nein.
Umgekehrt heißt das aber auch nicht, dass alle Bücher die man bei Verlagen findet anspruchsvoll sind.

Auch können sich Ansprüche verändern. Als Beispiel: Als ich in jungen Jahren angefangen habe Fantasy zu lesen, war ich großer Wolfgang Hohlbein Fan. Mittlerweile sind seine Werke nichts mehr für mich, mein Anspruch hat sich verändert.

LG Caro

PS: Die Karte meines Fantasybuches ist auch handgezeichnet und wurde vom Grafiker mit viel Liebe umgesetzt.

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