Autorenkolumne (1) von Ellen Berg: "Alt - na, und?" - Diskussionsthema

Neuer Beitrag

DieBuchkolumnistin

vor 3 Jahren



Ab jetzt haben wir neben unseren Bloggerkolumnen auf den jeweiligen Genreseiten auch eine Autorenkolumne! Bestsellerautorin Ellen Berg wird sich regelmässig zu Themen äußern, die auch in ihren Romanen eine Rolle spielen!

"Alt - na, und? Warum wir mit zunehmendem Alter mutiger werden dürfen."

Alt werden will jeder. Aber alt sein? Irgendwie dann doch nicht. Kein Wunder: Alt sein, das klingt nach Kaffeefahrten, Rheumadecken und kläglicher Niederlage im ewigen Kampf gegen Falten und Pfunde. Du bist alt, wenn wildfremde Leute für dich im Bus aufstehen. Wenn deine Kinder einen Demenztest empfehlen. Wenn dein Lover eine Familienpackung Knoblauchpillen zum Geburtstag überreicht statt Parfum und heißer Dessous. Es könnte aber auch alles ganz anders sein. Klar, wir fürchten uns vor den Schrecken des Alters. Aber warum freuen wir uns eigentlich nicht darauf, dass wir irgendwann auf alles pfeifen dürfen, was man uns vorschreiben will?

Es ist doch so: Ein Leben lang müssen wir uns mit Erwartungen auseinandersetzen. Erst sind die Eltern dran, dann Lehrer, Chefs, Kollegen, Nachbarn und so fort: Tu dies, lass das. Pass dich gefälligst an! Wir versuchen natürlich trotzdem, unser eigenes Ding zu machen. Aber so richtig frei fühlen wir uns selten. Neulich sah ich beim Einkaufen eine alte Dame, die keine sein wollte. Vergnügt stand sie an der Käsetheke, in einem giftgrünen Kleid, zu dem sie Sneakers und Basecap trug. Verwirrt? Oder einfach mutig? Nun ja, verwirrt war sie nicht, wie sich herausstellte. Das Handy lässig ans Ohr gepresst, erzählte sie mit gedämpfter Stimme von ihrem Urlaub an der Ostsee. Glasklar. Und bestens gelaunt. Die erstaunten Blicke ringsum ignorierte sie.

Plötzlich durchfuhr es mich wie ein Blitz: Aha, so ist das also, wenn man sich nicht mehr anpassen muss! Nicht, dass ich unbedingt scharf darauf bin, giftgrüne Kleider mit Sneakers und Basecap zu tragen. Aber das umwerfende Selbstbewusstsein dieser betagten Dame, das fand ich bemerkenswert. Offensichtlich wollte sie nicht mehr das sein, was andere von ihr erwarteten. Wozu auch? Irgendwann hat sich das Thema nämlich erledigt. Dann zerren weder Eltern, Lehrer, Kollegen, Nachbarn noch sonst wer an uns rum. Dann haben wir ein paar gute Freunde – hoffentlich! –, die uns so nehmen, wie wir wirklich sind. Vielleicht sogar so, wie wir in unseren kühnsten Träumen immer sein wollten.

Oder kommt mit der Rente der große Katzenjammer? Ist dann alles vorbei? Als ich ein Teenager war, hielt ich Leute über dreißig für uralt. Als ich dreißig wurde, wunderte ich mich, dass ich mich oft noch wie ein Teenager fühlte. Und als die vierzig näher rückten, kam ich aus dem Staunen nicht mehr raus: Ich hatte immer noch Herzklopfen vor dem ersten Date, wusste immer noch nicht, was ich zur nächsten Party anziehen sollte, und hatte das Gefühl, das Leben gehe gerade erst los. Gut möglich, dass das mit siebzig noch genauso so sein wird. Mit der angenehmen Nebenwirkung, dass ich dann meine Narrenfreiheit genießen kann. Alte Leute dürfen mit Nachsicht rechnen. Sie sind eben etwas anders als die anderen und dürfen ruhig ein bisschen schrullig drauf sein. Keine Erwartungen von außen mehr, dafür das Ticket in die Freiheit. Wer weiß, vielleicht marschiere ich dereinst doch noch im giftgrünen Kleid zum Supermarkt, inklusive Sneakers und Basecap. Warum? Weil ich dann vielleicht Lust drauf habe. Und den Mut, es auch zu tun.


Wir freuen uns hier auf Eure Meinungen zum Thema! Seid Ihr auch der Meinung von Ellen Berg, dass wir mit dem Alter mutiger werden sollten - unsere Erfahrungen nutzen und die Narrenfreiheit genießen, weil wir vielleicht eh nicht mehr so ernst genommen werden? Oder hat man eine Vorbildrolle und sollte sich ordentlich benehmen?

Autor: Ellen Berg

Solengelen

vor 3 Jahren

Als Kind (das ist mittlerweile 50 Jahre her) habe ich eine ältere Dame sehr bewundert. Sie hat immer gerne modische Kleidung getragen und sich geschminkt. Im Dorf hieß sie Teenager-Oma, ich fand sie klasse. Sie hat Mut-Freude aufs älter werden gemacht. Sich nicht verbiegen lassen, nicht nach den Vorstellungen Anderer leben, sich selbst treu bleiben, eigene Vorstellungen verwirklichen, Neues ausprobieren, oben am Fenster sitzen und den Vorbeigehenden Kirschkerne auf den Kopf spuken. Außerdem gibt es doch nur zwei Möglichkeiten. Entweder älter werden oder sterben. Ich bin fürs Erste.

Huschdegutzel

vor 3 Jahren

Alles - aber bitte kein Vorbild, höchstens ein schlechtes!!
Das mit dem Kirschkern spucken wäre schonmal prima!!
Dazu noch Rockmusik und mit dem Enkel ganz gechillt nen Joint rauchen - so wär ich gern!

In Wahrheit will ich aber gar nicht alt werden - erwachsen werden hab ich ja auch aufgegeben!
Ich möchte bitte spätestens an meinem 70sten Geburtstag vom Blitz getroffen werden ( oder so ).
In meiner Familie gibt es keine "glücklichen und agilen" Alten, nur krank, dement, dahinsiechend - egal ob von mütter- oder väterlicher Seite... und wenn das bei mir auch in den Genen steckt - nein danke!!

Beiträge danach
21 weitere Beiträge (Klassische Ansicht)
Beiträge davor

EllenBerg

vor 3 Jahren

@dani_eb

Eine schöne Szene, da bei McDonald's. Es ist ja nicht so, dass mit 60 oder 70 plötzlich ein Tusch gespielt wird: Tädäää, McDonald's ist gestrichen, die Jeans müssen in die Altkleidersammlung, die Lippenstifte in den Mülleimer und die Träume gleich mit.
Ich persönlich orientiere mich an älteren Menschen, die genau das tun, was ihnen passt. Und nicht mit Blick auf das Geburtsdatum leben. Was sagt das schon aus? Im Herzen verändern wir uns gar nicht, auch wenn wir älter werden. Auch mit 80 kann man sich unsterblich verlieben. Und dann zittern die Hände genauso wie mit 18. Auch mit 80 will man vielleicht in einen Big Mäc beißen und nicht einen schlappen Seniorenteller auslöffeln. Nur zu!

Solengelen

vor 3 Jahren

Solengelen

vor 3 Jahren

@gst

Ohne Worte. Wunderbar.

gst

vor 3 Jahren

EllenBerg schreibt:
Übrigens geht es mir so wie Ihnen: Die Tageszeitung hat für mich stark an Reiz verloren. Natürlich muss man auf dem Laufenden bleiben, aber vieles, was da verhandelt wird, ist so flüchtig und für das eigene Leben unbedeutend. Deshalb mache ich es wie Sie: Ich lese eigentlich nur Bücher. Und ich habe den Eindruck, dass man selbst bei Romanen etwas lernt - zum Beispiel Empathie. Man versetzt sich in Figuren hinein, erlebt das Geschehen aus ihrer Perspektive. Man reist innerlich an andere Orte, taucht in einen anderen Kosmos ein.

Ja, die Bücher! Jedes hat sein eigenes Leben. Da kann man eintauchen, sich fort träumen, tief empfinden oder auch mal meckern. Sie bereichern unwahrscheinlich. Ohne Bücher wären wir ärmer. Sie machen die tristen Tage bunter, verscheuchen die Langeweile, wenn man mal nur faul rumsitzen will und lassen die Denkmuskeln nicht verkümmern. Man lernt durch sie viele unterschiedliche Menschen kennen und das Leben an sich besser verstehen ...

nicole_houwer

vor 3 Jahren

Im sechsten Lebensjahrzehnt fängt für viele Menschen der Spaß, vor allem auch der berufliche Spaß so richtig an. Ich habe einige FreundInnen, die über fünfzig noch einmal etwas komplett Neues beginnen. Die Kinder sind groß, oder fast groß... Die Ehe besteht noch, oder aber nicht. Aber vor allem herrscht eine wundervolle Aufbruchsstimmung rund um mich herum (Großstadt). Ich weiß nicht, ob das in der Generation unserer Eltern auch schon so war (bei meinen Eltern nicht). Aber unsere Kinder sind schwer beeindruckt von dem Elan... Und wenn es dann heißt: Rente erst mit Ende sechzig oder sogar siebzig, so ist das vielleicht für viele Menschen, die früher als »alt« gegolten hätten, auch goldrichtig. Und wie man dabei aussieht? Ob geliftet, gefärbt oder von Dauerdiät verbittert? Das kann man ja in Euro als Frau zum Glück ganz locker angehen...

buecherwurm1310

vor 3 Jahren

dani_eb schreibt:
Neulich habe ich meine Mittagspause bei McDonalds verbracht... Am Nachbartisch ein Paar (beide zwischen 65 u. 75) - die Dame mit ihrem Tablet und der Mann mit seinem MacBook. Wie cool ist das denn?! Ich finde das toll! Ich hoffe selbst als Seniorin so aufgeschlossen zu bleiben!

Warum sollte man in dem Alter nicht mit Tablet unterwegs sein? Obwohl ich über 60 bin, werde ich oft um Rat gefragt, wenn es Compi-Probleme gibt und das von Leuten, die fast meine Kinder sein könnten. Und alles wurde selbst erarbeitet, nicht in Kursen, sondern learning by doing. Es macht einfach Spaß und fordert das Denken.

Solengelen

vor 3 Jahren

buecherwurm1310 schreibt:
Warum sollte man in dem Alter nicht mit Tablet unterwegs sein? Obwohl ich über 60 bin, werde ich oft um Rat gefragt, wenn es Compi-Probleme gibt und das von Leuten, die fast meine Kinder sein könnten. Und alles wurde selbst erarbeitet, nicht in Kursen, sondern learning by doing. Es macht einfach Spaß und fordert das Denken.

Einige meiner Freundinnen sind weit über 60 und so was von unternehmungslustig. Viel unterwegs, Neues sehen, neue Länder kennen lernen, neue Sprachen lernen. Ich habe das Glück die nie endenwohlende Quelle von Tipps und Trticks anzapfen zu dürfen. So wie du lernen auch sie beim Ausprobieren. Ich bin immer wieder beeindruckt und erfreut.

Neuer Beitrag