Autorenkolumne (2) von Ellen Berg: "Für immer Kind" - Diskussionsthema

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TinaLiest

vor 3 Jahren



Nachdem Bestsellerautorin Ellen Berg bereits mit ihrer ersten Autorenkolumne bei LovelyBooks die Diskussion zum Thema "Alt - na und?" angefacht hat, legt sie nun mit einer neuen Kolumne - wieder passend zu ihren Büchern - nach!

"Für immer Kind"

Als ich klein war, sagte meine Mutter: „Sitz gerade, iss anständig und mach dich nicht schmutzig.“ Ich beschloss, so schnell wie möglich größer zu werden, um den mütterlichen Ermahnungen zu entgehen. Als ich ein Teenager war, sagte meine Mutter: „Der Rock ist zu kurz, der Lidschatten ist unmöglich, und halte dich fern von den bösen Jungs.“ Ich beschloss, so schnell wie möglich erwachsen zu werden, um endlich mein eigenes Ding zu machen.

Jetzt bin ich erwachsen. Yippie. Ich mache mein eigenes Ding. Toll. Nur das Problem mit den Ermahnungen, das ist leider immer noch nicht gelöst. Wenn meine Mutter anruft, muss ich stark sein. „Schläfst du auch genug? Isst du auch was Anständiges?“ Dann schnippe ich ein paar Chipskrümel von meinem viel zu kurzen Rock, gähne verstohlen, weil die Nacht nicht nur zum Schlafen da ist, und sage: „Ja, Mama.“

Aber es wird noch mehr erörtert. Ob ich den richtigen Mann habe, den passenden Job, das goldene Händchen für Topfpflanzen, Kochrezepte und einen gediegenen Freundeskreis. Ich schätze mal, solche Telefongespräche führen Millionen von erwachsenen Menschen. Sie heiraten, richten ihre Wohnungen ein, erledigen ihre Arbeit, ziehen Kinder groß. Aber wenn Mama anruft, sind sie wieder fünfeinhalb. Denn Mütter wissen ganz genau, was richtig ist. Außerdem meinen sie es gut: Ist ja nur zu unserem Besten! Ist es das?

Ich liebe meine Mutter. An ihre besorgten telefonischen Ratschläge habe ich mich gewöhnt. Doch es gibt den Ernstfall: dann, wenn sie zu Besuch kommt. Mama-Alarm! Plötzlich sehe ich meine Wohnung mit ganz anderen Augen. Die verkramte Ecke im Schlafzimmer zum Beispiel. Da, wo sich T-Shirts, Handtaschen und Alltagskrempel gute Nacht sagen. Oder das Fach im Küchenschrank, in dem sich Kabel, Kerzen und angebrochene Kekspackungen übereinander türmen.

Nein, ich bin kein Messie. Aber mit den Augen meiner Mutter betrachtet, verwandelt sich meine Wohnung in eine einzige Baustelle. Sie sieht alles. Wirklich alles. Das millimeterkleine Staubflöckchen ganz oben auf dem Bücherregal. Die McDonald’s-Tüte im Müll. Die dunkle Stelle im Teppichboden, wo meine kleine Tochter mit Brombeermarmelade experimentiert hat. Womit wir wieder bei ihrem Lieblingsthema wären: Erziehung!

Das ging schon los, als meine Tochter noch in den Windeln lag. „Findest du nicht, sie müsste längst trocken sein?“ Weiter ging’s: „Spätestens mit vier Jahren sollte ein Kind stillsitzen können.“ Kein Ende in Sicht: „Also, zu meiner Zeit ...“

Ja, Mama. Ich weiß, Mama. Dummerweise kann ich es dir nicht recht machen. Nie. Denn du willst, dass mein Leben perfekt ist. Aber ich habe festgestellt, dass das perfekte Leben eine Illusion ist. Dass verkramte Ecken und Männer mit Macken und marmeladenfingrige Kinderhände zum Leben dazugehören. Ich habe mich dran gewöhnt. Eigentlich finde ich es sogar ganz prima. Ich versuche, es leicht zu nehmen. So wie Mütter mit Kontrollblick, bei denen man immer fünfeinhalb bleibt.


Was ist eure Meinung zum Thema? Fühlt ihr euch auch wieder in eure Kindheit zurückversetzt, sobald die Mutter zu Besuch kommt, und könnt es ihr nie recht machen? Und wie geht ihr mit den Ansprüchen der Mütter um? Seht ihr es - wie Ellen Berg - eher locker und versucht gar nicht erst, die Erwartungen zu erfüllen, oder nehmt ihr euch die gut gemeinten Ratschläge zu Herzen und versucht sie umzusetzen - auch, wenn sie nicht immer eurer eigenen Meinung entsprechen?

Autor: Ellen Berg

Anchesenamun

vor 3 Jahren

Meine Mutter ist die Megaoberglucke! Ich bin jetzt 32, meine beiden Schwestern älter, aber sie ist der Meinung, ich bin nicht fähig, meine Bude sauber zu halten oder mich und meinen Freund ordentlich zu bekochen. Dabei bin ich - das klingt hart, aber ist so - der kluge Kopf der Familie, die Einzige, die sich mit Papierkram, Organisation, Verwaltung etc. auskennt und diese Dinge managt, wenn was ist. Meine Mutter ist eine typische Hausfrau, das Haus ist ihr Revier. Ich bin das Gegenteil. Ich lerne und arbeite gerne, ich bin sehr kulturinteressiert und hasse alles, was mit Hausarbeit zu tun hat.
Meine Mutter ist auch jemand, mit dem ich nicht wirklich reden kann, nur über die "Grundsachen". Ihr reicht es zu wissen, dass es mir gut geht und ich versorgt bin, aber es interessiert sie z. B. nicht, was ich eigentlich beruflich mache oder was ich so im Urlaub erlebt habe. (Hauptsache, ich habe ihn überlebt.) Das finde ich manchmal schade, aber dafür habe ich eben Freunde statt Familie.
Meine Mutter ist sehr anstrengend, aber sie ist auch immer für ihre Kinder einsatzbereit. :-) Und ich glaube, es gibt kaum eine Mutter, für die ihre Kinder irgendwann wirklich erwachsen sind, es bleiben immer noch die Kinder.

Cherry-Mae

vor 3 Jahren

Liebe Ellen,
ich habe wirklich eine ganz tolle und liebenswerte Mama. Aber mit der Sorge um ihre Enkelchen, kann sie mir manchmal ganz schön auf die Nerven gehen. Sie fragt mich z. B. jeden Tag, was ich denn zum Mittagessen koche und wenn ich ihr dann antworte, dass ich nur mal schnell Pfannkuchen mache, rät sie mir sofort, vorher den Kindern wenigstens noch eine Suppe zu kochen, denn Pfannkuchen, das ist ja nun wirklich kein richtiges Essen. Oder wenn es draußen regnet und stürmt, wird erst mal nachgefragt, ob denn die Kinder auch warm angezogen sind. Ich bin jetzt 37 und habe meine beiden Mädchen nicht erst seit gestern. Sie sind schon 8 und 11 Jahre alt und haben Pfannkuchen usw. bisher ganz gut überstanden. Das Schlimmste ist allerdings, wenn es einem meiner beiden Mädchen nicht gut geht. Inzwischen sind die Beiden ja größer, aber als sie kleiner waren, hat meine Mutter es des öffteren geschafft, mich so panisch zu machen, dass ich wegen kleinster "Kinderlitzchen" mit ihnen ins Krankenhaus gefahren bin. Naja, aber trotzdem ist es schön eine Mutter zu haben, die sich so um alle kümmert und uns liebt.
Ich wünsche Dir eine schöne Woche
liebe Grüße

piapan

vor 3 Jahren

Liebe Ellen,

ich bin 28 und kann es meiner Mum eigentlich auch nicht recht machen. Ich mache aber tatsächlich so ziemlich Alles falsch, deshalb kann ich ihr da keinen Vorwurf machen ;-) Habe zum Beispiel mein Studium abgebrochen, keinen Mann (dafür aber einen Freund) und auch keine Kinder.

Wenn meine Mutter gegen meine Pläne ist, habe ich immer ein schlechtes Gefühl im Magen, dann heißt es Obacht, da stimmt etwas nicht. Ihre Meinung ist mir unheimlich wichtig. Vielleicht reagiert man auch deshalb so empfindlich darauf, wenn sie einem etwas entgegen halten?

Jedenfalls hat meine Mutter ziemlich viel mit mir mitgemacht. Aber ich durfte auch immer alles und habe mich ins Leben gestürzt und dann ging alles schief. Sie wollte immer, dass ich meine eigenen Erfahrungen sammle. Deshalb hieß es zu Hause immer: Mach doch! Try and Error.

Und dann haben sie mich wieder aufgefangen, als es mir wirklich schlecht ging. Dafür bin ich meinen Eltern unendlich dankbar!

Liebe Grüße!

blue-bumblebee

vor 3 Jahren

Das Buch klingt sehr interessant, auch lustig und natürlich zum schmunzeln, denn das ist mal ein Thema das jeder kennt und trotzdem witzig erzählt ist, wirklich gut!

esposa1969

vor 3 Jahren

Ich hatte mir das Buch ja auch gekauft, weil nicht gewonnen, und bei uns lief es ähnlich ab wie im Buch, nur eben dass meine Mutter WIRKLICH völlig dement ist und das von mir ausgewählte Altersheim (ähm, sorry: Seniorenresidenz) WIRKLICH wie ein Luxushotel ist, das ihr jeden Wunsch von den Lippen abliest. Nun ist meine Mutter mit ihren 85 Jahren nicht nur dement, sondern auch schikanös und ich nicht nur ihre Tochter, sondern ein Kind von Dreien, das sich als einzigs um sie kümmert und noch krebskrank dazu ist. Ich kann nicht jeden Tag nur an die Wünsche und Bedürfnisse meiner Mutter denken, da ich mich auch um mich und meine Gegenwartsfamilie kümmern muss (Mann, 2 Kinder). Ein Mann, der arbeiten muss, um IHREN Lebensstandard mitzufinanzieren.

Meine Mutter scheut in ihrer Demenz auch nicht davor zurück mich morgens um 6 Uhr anzurufen. Auf Gespräch mit der Seniorenresidenz hin, dass mein Mann eine 90 - 100 Std.-Woche arbeitet und er ab und an gerne ausschlafen würde, ob man ihr nicht das Telefon wegnehmen kann, da ich ihre Telefonitis nicht nur finanziell, sondern auch emotional finanzieren muss, wurde nicht genehmigt, da man sie nicht isolieren kann. Nun kann sie mich nicht mehr anrufen, da ich ihre eingehende Nummer bei mir auf der Fritzbox hab sperren lassen. Mag herzlos klingen, aber heute hat sie zwischen 8 und 10 Uhr sage und schreibe schon 4 x geklingelt (ich habe den Fehler gemacht und sie 2 Hausnummern neben mir einquartierne lassen, um sie nah bei mir zu haben, was ich zutiefst bereue) und mir nur wieder Vorwürfe gemacht, dass sie ja schon 40 Jahre alt war, als sie mich bekam und alle ihr sagten, sie solle mich abtreiben (komisch, das weiß sie noch) und sie hätte es nicht getan, also solle ich gefälligst dankbarer sein!

Wäre sie einigermaßen erträglich, wäre ich die dankbarste Tochter der Welt, aber sie ist es nicht und ich muss mich schon sehr zwingen, überhaupt sie jeden Tag zu besuchen. Was ich aber tue! Als einzige von 3 Kindern, die sie überhaupt besucht! Mein Bruder, den sie ins Kinderheim gesteckt hatte mit 7 Jahren, weil sie einen anderen Mann (meinen Vater) kennen gelernt hatte, sagt, sie habe ihn den Lebensbeginn schon verdorben, er lasse sich nicht auch noch seinen Lebensabende (er ist nun 64 Jahre alt) verderben.

lord-byron

vor 3 Jahren

Tja, auch mit 48 Jahren, 2 erwachsenen Kindern und einem lieben Ehemann meinen meine Eltern alles besser zu wissen. Das traurige dabei ist, dass sie sich sonst kaum für uns interessieren. Sie verbringen ihre Zeit lieber mit ihren Freunden. Aber wenn wir etwas tun das ihnen nicht passt, stehen sie plötzlich auf der Schwelle und machen Terror.

Leider wohnen wir auch nur eine Straße auseinander. Da wird dann schon mal Sonntags morgens um 8:00 Uhr an der Tür geklopft und gemeckert, weil der Vorgarten nicht top ist. Was sollen denn die Nachbarn denken. Und sie haben genau gesehen, dass gestern erst um 10:00 Uhr bei uns der Rolladen hoch ging.

Mich lässt das mittlerweile vollkommen kalt. Wir leben unser Leben wie wir es für richtig halten. Auch wenn sie nicht verstehen können, warum wir unbedingt noch eine Katze haben müssen und warum wir nicht lieber in Urlaub fahren. Wenigstens habe ich dadurch gelernt mich bei meinen Kindern nicht einzumischen. Wenn sie einen Rat möchten helfe ich ihnen wo ich kann. Aber ich werde niemals ungefragt meine Meinung sagen. Vielleicht kommen auch deshalb meine Kinder so gerne zu uns und so ungerne zu den Großeltern.

Ich werde mich jedenfalls von niemanden verbiegen lassen und wir leben genau so wie es uns gefällt. Wem es nicht passt, darf gerne draußen bleiben. Das klingt vielleicht hart, ist aber besser für die Nerven. Und ab und an kommt dann doch mal meine Mama zum Kaffee und kann richtig nett sein. Denn lieben werde ich meine Eltern immer. Auch wenn es nicht immer einfach ist.

Ein LovelyBooks-Nutzer

vor 3 Jahren

Eine Super tolle Frage,
Meine Mama ist ohne Zweifel eine Super Mama, aber es gibt Dinge die wird sie nie mehr lernen, ob mir gegenüber oder meiner Schwester, oder aber einfach für sich selbst. Meine Mama würde alles tun, aber sie versucht auch immer sich einzumischen wie man wie und was zu erledigen hat, es gibt da die unterschiedlichsten Sachen wo sie der Meinung ist man dies so tun, oder so...klar Siemens es nur gut aber es gibt eben Sachen die muss man doch selber heraus finden, und deswegen bin ich auch schrecklich froh das Eltern und Kinder und Kindeskinder etwas weiter weg wohnen...sonst würde ich mich öfter über meine Mum ärgern, Nicht mit böser Absicht sondern weil es meine Mum ist und ich ihr doch ungern Sage das ich es selber Versuch, das verträgt sie so schlecht und wird dann zornig.
Meine Eltern sind Super lieb, tun und machen alles, aber nun bin ich groß und entscheide selber und hoffe inständig das ich Nie so schlimm werde wie meine Mum, was leider schwer ist da sie mir sehr viel vererbt hat...

Lunamonique

vor 3 Jahren

Mir fällt immer auf, wie unterschiedlich wir sind. Man muss einen Menschen so akzeptieren wie er ist. Zu gerne würde ich aber manchmal einige ihrer Lebensgeister wecken.

Bella_S

vor 3 Jahren

Meine Mutter ist scheinbar völlig anders als alle anderen. Sie lebt ihr eigenes Leben und lässt mich meins leben. Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht nahe stünden. Ganz im Gegenteil.
Sie ist mein wichtigster Anlaufpunkt, wenn ich Sorgen habe. Das ärgert meinen Mann ganz schön, aber manchmal hilft eben nur ein Gespräch mit Mutti. Es hilft, sich alles von der Seele zu reden. Sie gibt mir meistens selbst dann keine Handlungsempfehlung (es sei denn ich bitte sie darum), sondern lässt mich reden bis ich mir darüber klar werde, was ich selber will. Meist weiß man es im Grunde eh schon, ist sich aber zu unsicher, um es zu formulieren. Letzten Endes ist es immer meine eigene Entscheidung, die ich ohne Ihre Hilfe ohne Ihr Zuhören und ohne Ihre Nachfragen aber vielleicht nie gefunden/getroffen hätte.

Wir sind uns ziemlich ähnlich, daher kann ich sicher sein, dass meine "Makel" (Unordnung, unregelmäßige Mahlzeiten, etc.) wertfrei akzeptiert werden. Ich bin mir sicher, dass meine Mutter stolz auf mich ist und darauf vertraut, dass ich mein Leben meistern kann. Dieser bedingungslose Rückhalt ist etwas, das mich schon mein ganzes Leben begleitet und was mir immer die Sicherheit vermittelt hat, dass ich alles schaffen kann, was ich mir vornehme. Meine Mutter glaubt daran, dass ich es schaffe also schaffe ich es auch.

Erst jetzt wo ich selber Kinder habe, merke ich wie schwer das ist. Die ständige Unsicherheit, die einem auch von anderen eingeredet wird, ist schwer zu bekämpfen. Kann mein Kind das schon? Allein raus zum Spielen? unbeaufsichtigt? sie sind doch erst fünf bzw. sieben? sie müssen, wenn sie zum Spielplatz wollen sogar über die Straße (30er Zone). ist es nicht fahrlässig sie allein gehen zu lassen? morgens allein zur Schule? eine Woche Ferienlager ohne Mama und Papa? geht denn das?

Klar geht das (natürlich nur, wenn sie es selber wollen). Manchmal ist mir etwas mulmig zumute, aber ich glaube meine Kinder können das und wenn ich das glaube, dann glauben sie das auch und dann schaffen sie das auch.
Allerdings muss ich zugeben, dass ich mir immer wieder vor Augen halten muss, wie viel mir meine Mutter schon früh zugetraut hat und muss mich bewusst dafür entscheiden, meinen Kindern auch so viel zuzutrauen, denn auch ich habe das Bedürfnis meine Kinder zu beschützen, an die Hand zu nehmen und sie vor allem Kummer zu bewahren. Auch ich wünsche mir nur das Beste für sie. Jede Mutter muss für sich selbst beantworten wie viel "in Watte packen" richtig ist für ihre Kinder und es nicht einfach tun, sondern sich bewusst dafür entscheiden.

Puh, ist das jetzt lang geworden. Das muss ich mal meiner Mutter schicken, denn das habe ich ihr noch nie so gesagt. Danke Mutti ;-)

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