Bücher über das Älterwerden / Demenz / Krebs - wie geht ihr damit um?

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Diamant

vor 6 Jahren

Mir ist online ein Artikel im Stern aufgefallen: http://www.stern.de/kultur/buecher/buecher-ueber-demenzkranke-vaeter-die-pornos-der-hochkultur-1704057.html Darin beschwert sich der Autor darüber, dass manche Schriftsteller anscheinend die Krankheit ihrer Eltern ausnutzen, um darüber ein Buch zu schreiben - im Prinzip geht das ja niemanden was an.

Mich macht das Thema ziemlich traurig. Meine Mutter ist selber Demenz krank und deswegen kann ich solche Bücher sowieso nicht lesen, es geht mir einfach zu nah. Aber auch ich würde nicht wollen, dass jemand ohne ihr Einverständnis - und das kann sie ja nicht mehr sinnvoll geben - etwas über sie schreibt und damit Geld verdient.

Wenn jemand sein eigenes Schicksal beschreibt - da gibt es ja inzwischen auch eine Menge Literatur zu verschiedenen Krankheiten, wie z.B. Krebs, dann sehe ich das noch ein und geht auch keinen was an, aber über fremde Menschen? Und ist das dann wirklich immer ein Sachbuch oder kaufen sich sowas auch viele Menschen, die dann sagen: hach, eigentlich bin ich ja froh, dass mich das nicht betrifft!

Wisst ihr was ich meine? Ist ein sehr schwieriges Thema, aber vielleicht könenn wir hier ja trotzdem offen darüber diskutieren....

Autor: Arno Geiger
Buch: Der alte König in seinem Exil

Lynie

vor 6 Jahren

@Diamant

Uhhh ganz schön schwierig. Naja im Grunde beschreibt jeder Roman und jedes Sachbuch irgendwie die Erlebnisse oder Eindrücke von "fremden" Menschen. Die meisten Eindrücke die die Autoren in ihren Büchern verarbeiten sind selten selbst erlebt sondern das was sie in ihrer "Umgebung" wahrgenommen haben.

Ich finde es allerdings nicht richtig dass der Autor aus den Leiden und Geschichten seines Vaters Profit schlägt. Es gibt immernoch so etwas wie Menschwürde! Und ich bin mir ziemilch sicher dass der Vater nicht mehr in der Lage war eine Entscheidung/Einwilligung über dieses Buch zu treffen. Ich bin mir sicher dass er nicht gewollt hätte dass seine Nachbarn, Freunde und Familie solche Dinge über ihn erfahren.

Mein Opa ist letztes Jahr gestorben nach Jahrelanger Demenz und es gibt da wirklich NICHTS was ich davon an die Außenwelt weitererzählen wollen würde.

liebling

vor 6 Jahren

Ich habe das Buch nicht gelesen und weiß daher nicht, wie respektvoll alles beschrieben wird. Vielleicht war es ja sogar so, dass der Vater vorher schon die Einwilligung gegeben hat?

An sich bin ich bei sowas geteilter Meinung. Einerseits geht so etwas niemanden etwas an, andererseits kann es für viele Betroffene bzw. Angehörige auch hilfreich sein, wenn sie solche Bücher lesen und sehen, dass sie mit ihren Erlebnissen nicht alleine sind. Es ist ja ein Unterschied, ob man einfach nur hört "Ja, mein Vater hat auch Demenz", oder ob man sich in den Erzählungen selbst wiederfindet. Ich glaube, wenn ich so etwas schreiben würde, würde ich allerdings fiktive Personen nehmen und offen lassen, wie und ob alles wirklich genau so passiert ist.

Spatzi79

vor 6 Jahren

Ich habe das Buch gelesen und fand es großartig. Der Autor verharmlost die Krankheit nicht, aber er verliert auch nie den Respekt vor seinem Vater.
Und am Ende schreibt er sogar, dass es ihm wichtig war, dieses Buch zu schreiben, solange sein Vater noch lebt.
Ich habe (aus Interesse, nicht aus persönlicher Betroffenheit) mehrere Bücher über dieses Thema in Form von Romanen oder Biographien gelesen und dieses hier war wirklich ein Highlight! Und er schreibt auch nicht "nur" über die letzten Monate, sondern erzählt die Lebensgeschichte seines Vaters und anhand dieser die Geschichte seiner Familie.

Viel weniger gefallen hatte mir das Buch von Tilman Jens über seinen Vater.

Und wenn es den betroffenen Angehörigen hilft, warum sollen sie dann kein Buch darüber schreiben? Es wird ja niemand gezwungen, das zu lesen...

Buch: Demenz

squirrel03

vor 6 Jahren

Ich habe dieses Buch gelesen, weil ich diesen Autor sehr schätze. Ich finde den Vorwurf einfach abscheulich, dass Arno Geiger aus der Krankheit seines Vaters Profit schlägt. Dieses Buch ist einfach klasse, weil es weder verschönt noch verharmlost. Es ist ein sehr schwieriges Thema. Der Autor ist durch seinen Vater persönlich betroffen und hat geschafft, was manchem Autor verwehrt bleibt: Aufmerksamkeit. Dass er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, spricht für sich.
Dieses Buch macht Mut. Bitte lest es, bevor Ihr so schlecht über Arno Geiger schreibt.

Elke

vor 6 Jahren

Ich habe dieses wunderbare Buch gelesen. Es ist geprägt von der Liebe und dem Respekt des Autors seinem Vater gegenüber. Arno Geiger zeichnet ein berührendes Bild von einem Menschen mit all seinen Stärken und Schwächen, der trotz seiner Krankheit genau dies bleibt: Ein Mensch! Dieses Buch erzählt eine Lebensgeschichte, gibt sehr persönliche Einblicke in die Welt eines Demenzkranken und seiner Familie, ist aber meilenweit entfernt von Yoyeurismus. Arno Geiger fällt kein Urteile, weder über seinen Vater, noch darüber wie seine Mitmenschen mit ihm umgehen. Er überlässt es dem Leser, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Und er nimmt seinen Vater so an wie er ist!

Ich glaube Arno Geigers Vater wäre Stolz auf seinen Sohn und auf dieses beeindruckende Buch.

Ich schließe mich meiner Vorrednerin an: Erst das Buch lesen, dann erst eine Meinung bilden!

Diamant

vor 6 Jahren

Vielen Dank, dass ihr so offen über das Thema redet. Ich habe hier nur den Artikel des Journalisten vom Stern aufgegriffen und die Frage in den Raum gestellt - ganz sicherlich nicht dem Autor selbst einen Vorwurf gemacht.
Es ist für mich selbst ein schwieriges Thema und es ist doch sicherlich trotzdem fraglich, ob man möchte, dass über einen - ohne dass man es noch sinnvoll mitbekommt - ein Buch geschrieben wird.
Ich möchte nicht, dass über mich und mein Leben oder mein Leiden geschrieben wird, ohne dass ich einwillige - das stört mich auch immer bei diesen ganzen Prominentenbiografien wie jetzt z.B. über Hannelore Kohl.
Das ist ein sehr senibles Thema, dessen bin ich mir sehr wohl bewusst - aber gerade weil ich die im Stern erwähnten Bücher nicht gelesen habe (und aus oben erwähnten Gründen auch nicht lesen werde), wollte ich mich danach erkundigen.

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